Fundraising für Adivasi-community im Kampf gegen Covid-19

Long time, no see! Willkommen zurück auf diesem Blog. Ewig ist hier nichts mehr passiert! Aber nun möchte ich die Reichweite, die ich hier habe, nutzen, um meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien zu helfen. Dhaatri braucht Hilfe. Oder besser gesagt: Die Menschen, um die sich die NGO kümmert, brauchen sie. Ein kurzer Recap: Dhaatri Trust ist eine gemeinnützige NGO, die mit Adivasi-Ureinwohnern und mit Partnern in ganz Indien zusammenarbeitet. Man kooperiert mit Stammesgruppen wie den Gonds, Bhils, Patelia, Khonds, Koyas, Oraon, Munda, Barela, Kurukh und anderen Stämmen.

In den vergangenen Jahren habe ich insgesamt 13 Monate bei Dhaatri gearbeitet und viel über die Adivasi gelernt, mit ihnen gelebt und und viel Güte erfahren. Durch jene Menschen in den Dörfern habe ich begriffen, was Nächstenliebe und Barmherzigkeit bedeuten kann. Auch habe ich gesehen, dass die Menschen hier mit vielen Probleme konfrontiert sind. Wasserknappheit, Religionseinschränkung, zu viel Müll; das sind nur einige dieser, mit denen die Bewohner der Stämme leben müssen. 

Doch nun kommt auch noch Covid-19 dazu. Aus Indien kommen schockierende Meldungen von mehr als 400.000 Neuansteckungen pro Tag und Krankenhäuser können die tägliche Flut an neuen Kranken kaum noch aufnehmen. In Großstädten wie Delhi und Mumbai ist die Situation sehr schwierig zu kontrollieren und so ist es kein Wunder, dass die ländlichen Gebiete Indiens ebenfalls stark betroffen sind. Und hier versucht, Dhaatri zu helfen. 

Da die zweite Welle von Covid-19 sehr schnell in abgelegene ländliche und Stammesgebiete in Indien eindringt, wird die NGO mit immer mehr Aufforderungen zur dringenden medizinischen Hilfe von Adivasi-Gemeinden konfrontiert. Das Stammes-Indien ist einer ernsthaften Krise ausgesetzt, da oft Wanderarbeiter in die Dörfer zurückkehren und die medizinischen oder Infrastruktureinrichtungen schlecht gerüstet sind, um mit der großen Zahl an Menschen fertig zu werden, die krank werden und in die primären Gesundheitszentren eilen. Die Überbelegung dieser Krankenhäuser birgt ein großes Risiko der Übertragung durch die Gemeinschaft, während die medizinischen Einrichtungen schlecht und die medizinischen Teams überlastet sind. Da die heutigen Adivasi-Gemeinden unter schwerer Unterernährung, Tuberkulose, Armut und Landlosigkeit leiden, ist die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten besonders bei den besonders gefährdeten Stammesgruppen (PVTGs) sehr hoch.

Dhaatri Trust in Hyderabad als zivilgesellschaftliches Netzwerk, das mit Adivasi-Gemeinden in verschiedenen Bundesstaaten mit Partnern vor Ort zusammenarbeitet, hat in diesem Covid-Notfall ein Fundraising-Projekt initiiert. Es sollen die Adivasi-Gemeinden bei der Einrichtung eigener Community Covid Support Center unterstützt werden, in denen Isolations- und Quarantäneeinrichtungen auf Dorfebene, medizinische Grundversorgung, Vorsichtsmaßnahmen der Gemeinde und das öffentliche Bewusstsein für Covid-Protokolle und Impfungen von den örtlichen Dorfräten und Jugendlichen geleitet werden. Dhaatri appelliert an alle, dabei zu helfen, diese Zentren so schnell wie möglich einzurichten. Es wird dringend medizinische Grundausstattung für jedes Dorf benötigt, die eine Reihe von Vitaminpräparaten, Hygienematerial, Testkits und Infografiken in lokalen Adivasi-Sprachen enthält.

In diesem Sinne wäre es wunderbar, wenn ihr genau dafür einen kleinen Betrag spendet, damit die Vielfalt der Stammesbewohner, fernab der großen indischen Metropolen, erhalten bleibt. 🙂

Hier ist der Link, der zum Fundraising-Projekt führt. Vielen lieben Dank!

#stayathome

Anfang Februar 2020

Ich sitze zusammen mit Emily im Gemeinschaftsflur der WG. Es ist bereits abends, von der oberen Etage steigt, wie jeden Tag, ein verführerischer Bacon-Geruch nach unten. Lars kocht wohl seine Portion Nudeln mit angebratenem Gemüse und Schinken, wovon andere Leute hier drei Tage lang dran zehren würden. Er jedoch braucht die Kalorien, arbeitet und trainiert er jeden Tag im Fitnessstudio und isst seine, sich in einer großen Schüssel befindende, Mahlzeit jeden Abend komplett auf. Der Geruch erinnert mich an unser Ritual spätestens um 21:00 Uhr zusammen in mein Zimmer zu gehen und eine Serie zu schauen. Heute haben sich sieben Leute dazu bereit erklärt mitzumachen.

„Schon eine Idee, was wir schauen wollen?“, frage ich in Richtung Emily, die am Tisch sitzend leise die Tagesschau auf ihrem Handy schaut.

„Bloß nichts Gruseliges. Dann steige ich aus“, grummelt sie.

Ich muss lachen. Ihre Schreckhaftigkeit bei Filmen ist mittlerweile legendär, die Pose beider Hände, sie die ruckartig vor die Augen bewegt, um nichts mehr von der gruseligen Szene sehen zu müssen, ihr Markenzeichen.

„Nein, nichts Gruseliges. Versprochen“, kichere ich.

Durch das milchige Fenster in der Eingangstür sehen wir, wie das Licht im Treppenhaus angeht. Die untere Tür, die gerade jemand aufgeschlossen hat, um ins Haus zu kommen, fällt mit einem dumpfen Scheppern zu. Jemand steigt die Treppen hinauf. Es knarrt.

„Und, wer ist es?“, frage ich Emily. „Lass uns raten!“ Mittlerweile lässt sich anhand der unterschiedlichen Laufstile ganz gut erkennen, wer gerade die WG betritt.

„Ich tippe auf Jessi.“

„Nee, die läuft die Treppe nicht so schnell hoch“, kommentiert Emily.

„Lilli?

„Die ist weniger laut beim Hochlaufen.“

Die Eingangstür öffnet sich und vor uns steht weder Jessi noch Lilli.

„Holaaa!“, ruft Anneke und strahlt uns an. Sie wirft ihre gelbe Mütze auf das Sofa.

„Hola!“, erwidern wir. „Wir gehts dir.“

Just in diesem Moment tönt es aus Emilys Handy:

„Bundesgesundheitsminister Spahn sieht Deutschland im Kampf gegen das neuartige Corona-Virus gut gerüstet. Außerhalb Chinas sind nun in einigen Ländern bis zu 400 Fälle aufgetreten. So Spahn in einer Aktuellen Stunde im Bundestag.“

„Boah, komm mir nicht mit Corona! Ich hab da gerade so Angst vor. Das hat mich den ganzen Tag schon fertiggemacht. Was für Symptome bekommt man da eigentlich? Ich habe heute schon ein paar Mal genießt. Krieg ich das jetzt?“

Anneke lässt sich vollkommen geschafft neben mich auf das Sofa fallen. Ich schaue amüsiert zu ihr herüber. Unsere Blicke treffen sich und wir beide müssen grinsen.

„Waas? Warum lachst du? Bin ich gerade etwas zu Hypochonder?“

„Aber Hallo! Du musst dir gerade einfach nur die Statistiken anschauen. Wie viele sind in China gerade erkrankt? 1000? Das ist fast nichts im Vergleich zu den Milliarden, die dort leben. Und nur ganz wenige sind gestorben.“

„Vor allem braucht das sicherlich eine ganze Weile, ehe es bei uns ankommt.“, versucht Emily Anneke zu beruhigen.

„Meint ihr wirklich?“

„Ja“,kommt es von beiden Seiten. Ich war noch nie derjenige, der sich wegen irgendeiner Krankheit verrückt gemacht hat. Krank war ich selten. Zudem, so bin ich mir sicher, würde ein Virus nie so weit kommen, dass er Ausmaße einer Cholera,- oder Pest-Pandemie annehmen würde, dazu ist das heutige Gesundheitssystem viel zu gut. Ich glaube an das, was ich vor nicht all zu langer Zeit aus einem Buch von Yuval Noah Harari entnommen habe: Die Menschheit hat sich den Problemen entledigt, die sie 2000 Jahre lang hatte. Krieg, Krankheit, Hunger und Tod werden nie wieder in einer derartigen Intensität auftreten, wie zuvor. Technologie, Digitalisierung und Medizin hätten dazu beigetragen, dass jene Geiseln der Gesellschaft zwar immer noch vereinzelt aufträten, aber äußerst gering. Und vor allem nicht mehr in Ländern, wie Deutschland. So schildere ich es auch Anneke, die immer ruhiger wird, je mehr ich von den modernen Errungenschaften der Wissenschaft erzähle.

„Puh, das hat mich jetzt wirklich beruhigt! Danke Leute“, freut sich unser Nesthäkchen, das vor wenigen Wochen bei uns eingezogen ist, nachdem auch Emily weitere Maßnahmen zur Beruhigung eingeleitet hat.

Von oben kommt Lars mit seiner großen Schüssel voller Essen nach unten getappt und gesellt sich zu unserer kleinen Mitbewohner-Gemeinschaft. Die Mädchen starren gierig auf sein Essen, waren sie beide in der letzten Woche noch nicht einkaufen.

Und mit Lars kommen andere Gesprächsthemen, das Thema Corona wird unter der Diskussion über die heutige Filmauswahl unter den Teppich gekehrt und taucht in den nächsten Tagen kaum noch auf, widmen auch die Tagesnachrichten nur wenige Sekunden dem Virus ihre Aufmerksamkeit …


Sieben Wochen später

„Scheiße. Jetzt kanns nicht mehr schlimmer werden“, murmele ich. Soeben hat Jax, die momentane Freiwillige in meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien über WhatsApp bekannt gegeben, dass alle Deutschen, die dieses Jahr einen Freiwilligendienst im Ausland absolvieren, nach Hause beordert werden. Somit auch jene Personen aus Hyderabad, die ich im September noch kennen und schätzen lernte. Jetzt müssen sie zurück, obwohl eigentlich noch mehrere Monate Dienst vor ihnen liegen. Ich stelle mir vor, was ich alles verpasst hätte, wäre ich in meinem Jahr bereits früher abgereist. Eine ganze Menge, so stelle ich fest. Meine Reisen, in die großen indischen Metropolen, meine letzten Trips in die Ureinwohnerdörfer, Filmprojekte und vieles mehr. Es stimmt mich traurig, zu hören, dass Jax und ihr Mitfreiwilliger schon in den nächsten Tagen aufbrechen müssen, ohne sich richtig von der Stadt und dem Dorf verabschieden zu können, sind auch in Indien alle Bürgersteige hochgeklappt. Doch in einer indischen Quarantäne zu sein ist sicherlich weniger erstrebenswert. Hier ein Video, das mir aus Hyderabad zugesendet wurde. Man versteht kein Wort, aber es zählt hier eher die Tatsache, wie Informationen verbreitet werden.

Und alles wegen einer ausgearteten Epidemie, die sich in einer rasanten Geschwindigkeit über den Globus ausbreitete, zur Pandemie wurde und Millionen von Leben, meins eingeschlossen, auf den Kopf stellte …

Vor wenigen Wochen war ich aus Weimar zu meiner Familie nach Berlin aufgebrochen, es waren Semesterferien und der Plan sah vor, nicht ganz so lange zu bleiben. Mit meiner Reise in ein anderes Umfeld, änderten sich auch die Themen. Nun sprach man öfter über dieses Virus, das so langsam aber sicher seinen Weg nach Europa fand. Nach wie vor hielt ich es für anstrengend, dass meine Eltern und Großeltern so viel darüber redeten. Klar waren sie schon eher in der Zielgruppe, aber dennoch befand ich ihr Verhalten für etwas überzogen.

Anfang März ging ich noch mit einem guten Freund feiern, machte die ganze Nacht durch und kam erst früh am Morgen zurück. Ich verausgabte mich im Fitnessstudio, fuhr viel Bahn, doch tat ich das nicht mehr ganz so entspannt, wie vorher, merkte ich, wie meine damals dahingesagten Worte und Überzeugungen bröckelten.

Dann legte mich eine Weißheitszahn-OP lahm. Ich saß mit kalten Smoothies, Hamsterbacken und veganen Eis im Haus und unternahm vorerst keine Unternehmungen nach draußen. Und in dieser bettlägerigen Zeit, wo ich mit Kühlpads um den Kopf im Haus umherirrte, geriet die Welt aus den Fugen.

Die Schulen schlossen und so blieb auch meine kleine Schwester daheim und hielt meine Mutter mit konstant-anhaltenden „MAAMAA-Rufen“, während diese sich im Homeoffice probte, auf Trab.

Die Bundeskanzlerin hielt außerhalb ihrer Regel eine bewegende Ansprache. Drei Mal schaute ich sie mir an, verstand ihre Worte und konnte sie trotzdem nicht ganz greifen. Alles war plötzlich nicht mehr so, wie es war. Ich konnte nicht in meine WG zurück, gedanklich wünschte ich meiner Mutter viel Glück auf dem Weg in den Supermarkt, wo Leute wie verrück Klopapier kauften. Das Land war in den Energiesparmodus gefahren und ein Großteil der Bevölkerung verachtete plötzlich jene Leute, die raus gingen und sich mit Freunden trafen.


Nun herrscht Kontaktverbot, der Ruf nach mehr Beschränkungen des öffentlichen Lebens ist laut und auf einmal ist jeder Fan von Virologen, die komplett sachlich erklären, was Tacheles ist. Ein Jahr oder länger könnte Corona wüten. In Italien holen Armee-Trucks die vielen Toten ab, die schwarze Null ist Geschichte, Krankenhäuser rüsten sich für einen gewaltigen Sturm und Supermarkt-Verkäufer sind plötzlich die Helden einer Krise. Verrückte Zeiten. Hätte mir das mal jemand vor zwei Monaten erzählt …

Ich höre mit meiner Mutter Musik. Green Day spielt „Wake me up when September ends“.

„Welch passendes Lied“, sagt sie. „Wie schön es wäre, sich jetzt schlafen zu legen und einfach wieder im September aufzuwachen… wenn vielleicht alles wieder besser ist.“

Noch nie habe ich meine Mutter so reden hören. Sie kämpft sich immer überall durch. Nun hat sie ihr 45-Tage-Süßigkeiten-und Alkohol-Fasten, das bis Ostern gehen sollte, gebrochen. Zu viel Frust. Kann ich verstehen. Obwohl es sehr schön ist, wieder Wein mit ihr zu trinken.

Die nächste Zeit wird hart, „ es ist ernst“ und ich erwache jeden Morgen mit dem Gefühl des Unglaubens und der Verwirrung nicht genau zu realisieren, was gerade abgeht. Rausgehen bedeutet jetzt sein Leben und vor allem das der anderen, ein Stück mehr zu gefährden, Freunde treffen ist verboten, sozialer Kontakt eingeschränkt, mehrere Länder sind wie ausgestorben …; all das hat nicht gleichzeitig in meinem Bewusstsein Platz, ist jede einzelne Regelung so konfus und doch so logisch. Nie war irgendetwas so klar!

Die Regeln sind eindeutig und zu auf jeden Fall zu befolgen, egal wie schwierig es ist, sie einzuhalten.

Dabei bin ich, als Student in den Semesterferien noch relativ privilegiert in jener Krise, hat meine Familie einen eigenen Garten und Hunde, die es hin und wieder, nach draußen zu treiben gilt. Ich bin seit mehr als einem Monat nicht mehr in meiner WG gewesen, vermisse meine Mitbewohner und mein beinahe selbstbestimmtes Leben, was nicht heißt, dass mir die Zeit mit der Familie nicht gefällt, nein, es. beruhigt mich zu wissen, dass es allen gut geht. Die Uni hat noch nicht wieder angefangen, ich lese Bücher, höre Podcasts, meditiere, habe mir Geografie-, und Allgemeinwissens-Quizz-Apps heruntergeladen, um im Kopf noch fit zu bleiben, und erledige Gartenarbeiten, die ein guter Fitnessstudio-Ersatz sind.

Wir leben in einer Zeit, über die man in 30 Jahren in Geschichtsbüchern lesen wird und wir haben es nun in der Hand, wie jene Zeit in Erinnerung bleibt. Übt euch im Daheimbleiben, kauft nicht so viel Klopapier (Die Franzosen sind mit den Hamsterkäufen von Kondomenund Wein übrigens deutlich stilvoller) und haltet durch. Wenn ich eines aus den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Veränderung die einzige Konstante in dieser Welt des Wandels ist. Alles wird vorbei gehen, wenn sich jeder anstrengt. Nichts ist mehr unmöglich, alles kann passieren und jene Zeit lehrt uns, stärker denn je, nicht auf festgefahrenen Meinungen zu beharren. Die meisten von uns haben den Virus auf die leichte Schulter genommen, ich auch und dafür muss ich mich insbesondere bei Anneke entschuldigen, der ich vor zwei Monaten noch erzählt habe, alles sei nur halb so schlimm.

Es wird schwer werden sich ständig neu zu orientieren und zu erfinden, doch kann uns die Quarantäne einen Weg, wie wir in Zukunft handeln und denken werden, vorgeben.

Populisten wie Trump und Boris Johnson versinken in ihrer Unsachlichkeit, die ihnen nun um den Kopf fliegt. Vielleicht endet gerade jetzt die Zeit der großen Demagogen und es wird Platz geschafft für mehr Wissenschaftlichkeit und Toleranz. Aus jedem Schlechten kann Gutes erwachen …

Und zum Schluss noch ein sehr schönes Zitat von Jan Böhmermann aus seinem Podcast „Fest und Flauschig (übrigens sehr hörenswert)“:

Jede nicht geschüttelte Hand, ist eine Oma, die überlebt.“

#stayathome

Do-It-Yourself-Tonstudios und alte Geschichten

„Okay, wir machen es wie geplant!“, sage ich. „Du liegst im Bett, hörst plötzlich was, schreckst auf, wirfst die Decke zurück und gehst aus dem Raum, okay?“

Ich richte die Tonangel Richtung Bett aus und setze die Kopfhörer auf. 

„1…2…3!“ Der rote Punkt auf dem Aufnahmegerät leuchtet. Anneke hört mein Signal und tut wie geheißen, stößt aber beim Aufschrecken mit irgendeinem Körperteil gegen das Bett, in dem sie liegt. 

„Aua, scheiße! Noch mal!“, ruft sie und beginnt zu lachen. „Lol, ich hab mich gerade vor mir selber erschrocken! Egal, nächster Take!  3…2…1..“

Dieses Mal muss ich kichern. Annekes Lachen ist ansteckend. Professionalität at it´s best! 

Ich stelle mich richtig hin und senke mein Mikrofon auf die Höhe von Anneke. Ich will schon wieder loslegen, doch so einfach ist dies nicht, denn von unserem Lärm angelockt, steht nun Jessi im Türrahmen, auf die ihr hier dargebotene Situation hinunterschauend. 

„Ihr seht echt lustig aus“, kommentiert sie unser Treiben. „Das passiert so echt nur in einer 16er-WG“.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine WG wird jedes Mal ungläubig bestaunt, erzähle ich neuen Bekanntschaften von meinem Wohnort. Aufgrund der geringen Zimmergröße sind im Sommer neun Leute ausgezogen, um kleinere WGs zu finden. Neun neue Leute kamen, darunter Anneke und es lässt sich absehen, dass im nächsten Sommer wieder Leute ausziehen werden, obwohl sich jene Gemeinschaft aus diesen Mitbewohnern wie eine größere, zweite Familie anfühlt. Abends kann man davon ausgehen, dass sich nach und nach bis zu neun Leute am Essenstisch versammeln, das gekochte Abendessen der anderen bestaunen, davon kosten und sich den lockeren Gesprächsthemen der anderen anschließen. Sprachbesonderheiten verschiedenster Mitbewohner werden zu den eignen, da man dicht an dicht wohnt, sich aber jederzeit zurückziehen darf. Alles kann, nichts muss. So das System hier. Und auch wenn reger Betrieb herrscht und niemand sich so sicher ist, wie lange er bleibt, wird die WG immer schöner und gemütlicher. Zu meinem Einzug noch komplett weiß und leer, reiht sich nun Postkarte an Postkarte an teilweise bestrichenen Wänden, an denen kleine, mit Pflanzen verzierte Regale hängen. Anderthalb Jahre gemeinsame Geschichte ist hier bereits verewigt und es schmerzt bereits jetzt zu wissen, dass in noch mal so langer Zeit mein Bachelor-Studium, wenn alles gut wird, ein Ende findet und damit auch mein Verbleib in jener ersten WG meines Studentenlebens in Weimar. 

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Weimar als Stadt ist mir hierbei gar nicht so wichtig. Mein Studium mitsamt der WG wäre wohl in einer x-beliebiger Großstadt gleich oder besser aufgehoben und ich würde wenig vom vermeintlichen Charme der Goethe-Stadt vermissen, nimmt diese ihren Ruf für mich etwas zu Ernst. So lebe ich weniger für Weimar, als für mein Studium und zweitrangig für meine WG, deren Priorität ich ab und zu tatsächlich etwas zu hoch ansetze. So hatten mich meine Mitbewohner jüngst als Seele der 16er-WG bezeichnet. Nichtsdestotrotz genieße ich ebenso mein Studium, mit seinen ganz unterschiedlichen Facetten. Am Ende meiner drei Jahre werde ich wahrscheinlich keine genaue Spezialisierung darüber haben, was ich danach machen will, weil hier alles von allem unterrichtet wird. Ich erfahre etwas über die Konzeption von Start-ups, lerne alte Filmklassiker kennen, steigere mein Wissen über die heutige Anordnung der Wirtschaft, philosophiere aber ebenso viel über Aura von alten und neuen Medien und Archiven. Nichts bleibt konstant, die Themen wechseln mit jedem neuen Semester und es wird nicht auf ein vorangegangenes Thema aufgebaut. So war es wunderschön im ersten Semester sich in die genaue Analyse von Filmen zu stürzen, wie die Kamera wann wo platziert werden könnte oder wie Farben die Emotion der Handlung untermalen, doch eben jenes Wissen würde bis zum jetzigen Zeitpunkt nie wieder angewendet werden. Stattdessen: Tabula Rasa. Neuanfang. Nach dem Studium weiß ich alles und nichts und muss mich wohl danach, diesmal wirklich, auf eine Sache spezialisieren, die mich in der Zukunft näher begleiten wird. 

Was mich am Ende schließlich doch über ein Dreiviertel des letzten Jahres begleitet hat, ist eine ganz bestimmte Geschichte. Selbst erfahren, in diesem Blog bereits niedergeschrieben und im Juni letzten Jahres wiederbelebt worden. Mittels eines Hörspielkurses im zweiten Semester, kam jenes Abenteuer wieder mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit und bliebt dort eine Zeit lang. Der Sinn jenes Projekts lag in der Konzeption eines Skripts, das zu einem Hörspiel verarbeitet werden sollte. Wir erfuhren die Basics zur Tonstudio-Arbeit, sowie die Verwendung von Stereo,- und Mono-Mikrofonen, die ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen konnten. Viele aus meinem Kurs hatten bereits Erfahrung mit der Arbeit im Tonstudio und so fühlte ich mich in jenen Stunden des Lernens wie ein absoluter Anfänger, traute mir wenig zu und überlies den anderen das Üben mit der Technik und versuchte mir stattdessen so alles Mögliche übers Schauen einzuprägen, was selbstverständlich nicht wirklich funktionierte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich eine Geschichte hatte.

Mein Skript war bereits früh fertig, doch ich kam einfach nicht zum Aufnehmen. Monate lang machte ich mir des Nachts Gedanken darüber, wie ich mit einem Mikrofon bewaffnet, losziehen würde, um mein Projekt abzuarbeiten.

Roadtrip zu einem Toten V4

Doch es blieb bei meinen Gedanken und so verstrich das zweite Semester, ohne, dass ich einen einzigen Sound aufgenommen hatte. Eine gute Ausrede hatte ich als studierter Meister der Prokrastination selbstverständlich parat. Die Vorgaben waren so bestimmt, dass, wenn man schon ein vollkommen funktionierendes Tonstudio auf dem Campus, sowie sehr gute Mikrofone und Aufnahmegeräte gestellt bekam, so sollte man bitte auch richtige Schauspieler für sein Stück suchen,  um die Qualität auf einer Ebene zu halten. Tat ich das? Nein. Viel zu anstrengend. Währenddessen andere aus dem Kurs an Schauspielschulen anfragten, blieb ich also, schüchtern, wie ich war in meiner WG und ließ hier meinen Frust darüber aus, dass ich niemanden für mein Hörspiel fand. Die Semesterferien zogen ins Land, ich fuhr für einen Monat nach Indien und hatte zu Beginn des dritten Semesters nach wie vor nichts in der Hand. Doch ich wusste, dass ich spätestens jetzt liefern musste. Meine Dozentin gab mir augenrollend Aufschub, da sie meine Ausrede für halbwegs gut befand. Erst jetzt kümmerte ich mich um mein Zeugs und ließ die Idee, richtige Schauspieler zu suchen, verkümmern. Ich würde Freunde und Mitbewohner finden, die mich und mein Stück mehr verstehen würden, als unbekannte Darsteller. Und so wurde das dritte Semester, mein persönliches Hörspiel-Quartal, obwohl es eigentlich ganz andere Aufgaben gab, die es nebenbei auch noch zu bewältigen galt. Ich lieh mir Equipment aus, weil ich das Tonstudio, wofür wir vor Monaten zwar eine Einführung bekamen, ich diese aber längst vergessen hatte, nicht verstand. Es war mir zu groß und viel zu viel Geräte , die ich eventuell gefährden hätte können, machten mich scheu. 

Ich fuhr mit teurer Ausrüstung nach Berlin zu meiner Familie, wo mein Großvater mich besonders dazu aufforderte endlich meinen Scheiß geregelt zu bekommen. So versuchte ich, eben diesen zu regeln, und gab zuerst meinem Großvater, meiner Mutter und meinem Vater Sprechrollen, die sie dankbar annahmen. Zurück in der WG fragte ich auch hier nach, wer mitspielen könnte und Jessi, eine studierende Produktdesignerin, die ebenfalls zur gleichen Zeit wie ich eingezogen war und mit mir schon einen Großteil der unteren WG umgestaltet hatte, erbarmte sich die Erzählerin zu übernehmen. Und damit kam die Atmosphäre in mein Stück. Ich versuchte, so gut es ging, aus meinem Zimmer ein kleines Tonstudio zu basteln, holte ein Dutzend große Kissen aus den Gemeinschaftsgängen der WG und türmte sie um das ausgeliehene Mikro auf, um einen möglichst schalldichten Raum zu kreieren. Über die Kissentürme warf ich eine dünne Decke und erschuf somit eine kleine Höhle. Meine ganz eigene Do-it-yourself-Ton-Höhle. Vollkommen schalldicht war diese nicht, immerhin besaß mein Zimmer drei Fenster, die allesamt raus zur befahrenen Straße zeigten. Zudem lag neben mir, der Waschmaschinenraum, die Eingangstür und der Flur, wo sich abends meist die halbe WG versammelte, um zu reden. Leise war anders. Oft verdrehte ich die Augen, bei einem vermeintlich sehr guten Take, der jedoch vom Grollen eines Lastwagens wortwörtlich überrollt wurde.

Doch bald wussten die meisten im windschiefen Haus von meinem Vorhaben, ich holte einige andere Mitbewohner ebenfalls mit ins Boot und ließ Anneke, die erst vor wenigen Wochen eingezogen war, aber schnell mit mir warm wurde, sodass ich sie ins Herz schloss, Treppen hoch und runter laufen, Türen zuwerfen, jubeln und knistern.

Bei der Geburtstagsparty von Joachim, einem Architekten im ersten Semester, den ich nach wie vor dafür sehr mag, dass er sich motiviert Ziele aufschreibt und beispielsweise versucht einen Monat lang jeden Tag, zu meditieren oder Sport zu machen, nahm ich die Atmosphäre der Party auf. Hier war ich wohl ein komisch aussehender Zeitgenosse. Alle tranken und lachten ausgelassen, während ich mit einer Tonangel, einem Aufnahmegerät um den Hals, großen Kopfhörern auf den Ohren und etlichen Kabeln im Gepäck, reglos dastand und das Mikrofon über die Menschen hielt, die so tun mussten, als sei alles ganz normal. Dass mich meine Mitbewohner mittlerweile noch nicht für vollends verrückt hielten, freute mich sehr! In der Mitte des Semesters stellte ich dann schmunzelnd fest, wie sehr meine Idee zu einem Mitbewohner-Familien-Projekt geworden war und schimpfte über meine Unfähigkeit das Potential meiner WG, so lange nicht erkannt zu haben. Ich ging raus, hielt das Mikrofon an der Tonangel vor meine Füße und nahm so Schritte auf, ließ meinen Großvater mehrere Male ins Auto steigen und losfahren, währenddessen ich von verwirrten Nachbarn, die sich fragten, was da vor ihrem Grundstück passierte, beobachtet wurde. Und es machte mir Spaß etwas zu haben, wofür ich brannte und was konstant einfach da war. Anfang Februar, am Ende des Monats sollte ich abgeben, hatte ich alle Sounds zusammen, nahm mich noch selbst und einen guten Studienfreund als Hauptrolle auf und kam schlussendlich zur Schneidearbeit, was mich etliche Nerven kostete, war es eins einen Film zu schneiden, was ich in Indien und zuvor in der Schule bereits oft gemacht hatte, aber was völlig anderes ein Hörspiel zu erschaffen. Eine ganze Welt musste aus den Sounds entstehen, die ich aufgenommen hatte. Und hier merkte ich meine ersten Anfängerfehler. Stimmen, die in einem Auto oder auf der Straße sein sollen, hören sich nicht wie Stimmen im Auto oder auf der Straße an, wenn sie im kleinen Raum einer Studenten-WG aufgenommen wurden und eben nicht vor Ort oder im Tonstudio.

Zudem merkte ich, dass es in mehreren Gruppenszenen, wo einige Leute Hintergrundgemurmel für die Atmosphäre machen sollten, auf meine Fähigkeiten als Regisseur ankam. In einer Szene,  die eigentlich im Auto spielte und mehrere Personen dicht gedrängt und euphorisch zusammensaßen, stellte ich mein Mikro einfach in die Küche, wo gerade fünf Mitbewohner anwesend waren und forderte sie auf zu improvisieren.

„Leute, stellt euch vor,  ihr sitzt alle in einen kleinen Auto, seit leicht angetrunken und stößt euch ständig an der Decke des Wagens. Okay? Und los!“

Dass ich hierbei viel zu wenig Infos rausgegeben hatte und mich darauf verließ,  dass meine Mitbewohner vielleicht nicht unbedingt außergewöhnliches Improvisationstalent hatten, kam mir erst später in den Sinn. Die Aufnahmen waren zwar lustig, aber im Schnitt bemerkte ich schnell, dass eine Küche,  wo Leute weit auseinander standen, kein Auto war und ich den Darstellern einen Vorgabetext hätte geben müssen.

Doch das zwang mich nicht in die Knie, es gäbe sicherlich nächste Male, wo ich meine Fehler ausbessern würde. Stunden verstrichen an wenigen Sekunden, Tage vergingen, an denen ich lediglich zwei Minuten Skript verwirklichte, aber je weiter ich kam, desto mehr hörte ich, wie meine Erinnerungen am Laptop auferstanden. Und am Ende des Monats war sie fertig, jene Geschichte aus meinem Freiwilligendienst in Indien, der nun zwar schon über anderthalb Jahre her ist, in meinem momentanen Leben noch längst nicht in Vergessenheit geraten ist.

Damals war ich von einer Party heimgekommen, wollte mich schon schlafen legen, als plötzlich der Anruf meiner Chefin kam, die mir mitteilte, dass der Vater einer Haushälterin,  die für uns kochte und den Haushalt schmiss, gestorben sei. Savitri müsse in das Dorf ihres Vaters, welches zehn Autostunden von unserer Stadt entfernt war. Einer von uns Freiwilligen müsse zur Unterstützung mitfahren, wobei die Wahl auf mich fiel. Mitten in der Nacht brach ich auf zu einer Reise zu einem Toten, mit einem trauernden Mädchen, das ich nicht trösten konnte, weil es eine andere Sprache sprach und ich nicht wusste, wie und ob ich sie aufheitern sollte. Stunden später, im Dorf angekommen, sah ich den ersten Toten meines Lebens. Gleichzeitig bereitete mir die Tatsache Sorgen, dass Merlin, mein Mitfreiwilliger, der in jenen letzten Monaten sich zu meinem besten Freund entwickelt hatte, am nächsten Tag, aufgrund einer Krankheit zurück nach Deutschland aufbrechen sollte. Neben meinem Mitleid, um Savitri und meinen Erfahrungen rund um den Tod, plagte mich der Gedanken meinen Freund in der nächsten Zeit nicht mehr sehen zu können …

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Savitri

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Merlin und Ich

Dieses Abenteuer prägte das nächste halbe Jahr meines Frewilligendienstes. Ich wurde erwachsener und lernte in Indien auch ohne Merlin auf eigenen Füßen zu stehen. Und auch danach war mein Roadtrip zu einem Toten eine Geschichte, die ich oft als Erstes erzählte, sprach ich über Indien, symbolisierte sie für mich mein Jahr und meine Erfahrungen über Indien. Die Spontanität von Entscheidungen, der Umgang mit dem Tod, das Verhältnis zwischen Indern und weißen Menschen; als Einstieg eignete sie sich hervorragend. 

Somit war es mir ein innerliches Anliegen, die Story in irgendeiner Form noch weiterzuverarbeiten und dank meiner WG, Freunden und meiner Familie hab ich das nun geschafft, auch wenn es sich etwas länger hingezogen hat. Doch nun hat die Arbeit ein Ende. 🙂

Hier das vollständige Ergebnis. 🙂 

Nehmt euch auf jeden Fall eine halbe Stunde Zeit, falls ihr das Stück ganz hören wollt. In Zeiten von Corona aber, müssten sich bestimmt ein paar ruhige Minuten finden. Ich freue mich gerne über Kritik und Kommentare. 🙂

 

Aus dem Sommer in den Herbst

„Sag mal, bist du verrückt! Das kannst du doch nicht machen!“, ruft Anat ungläubig.

„Und wie ich das machen kann“, schmunzele ich und fühle mich in diesem Moment unfassbar gut. Ich blicke über den gedeckten Tisch hinweg und schaue in geschockte Gesichter. Die Einzige, die entspannt wirkt, ist Jax, die ruhig ihre Nudeln auf ihre Gabel lädt. Sie weiß bereits,  was ich vor habe, sind wir gemeinsam hierher gekommen. Doch Anat sind die Gesichtszüge entglitten, Anna ist ihr Löffel beinahe aus der Hand gerutscht und Rufus´ Mund steht sperrangelweit offen.

Wir befinden uns in der zweiten Etage der Prerana Waldorf School in Hyderabad. Einst hatte hier Lion gelebt, einer meiner besten Freunde während meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes. Zusammen waren wir in Nepal gewesen, hatten des Öfteren das nächtliche Hyderabad unsicher gemacht, waren in Bars oder Clubs gegangen, hatten daheim Karten gespielt oder Fußball geschaut. 

Heute ist Lion verschwunden, nur eine an der Wand angeklebte Fußball-Bundesliga-Tabelle von 2018/19 erinnert an ihn und seine damalige Obsession auch aus der Ferne seinen Lieblingsverein,  den VfB Stuttgart, zu unterstützen. Jetzt wohnt Rufus, ein FC Bayern Fan, in seinem Zimmer. Er ist das Überbleibsel der letzten Freiwilligengeneration und ist hier schon seit vierzehn Monaten, gefiel ihm Indien so sehr, dass er seinen Freiwilligendienst auf ein weiteres Jahr verlängerte. Genauso wie ich beherrscht er bereits einwandfrei das indische Kopfwackeln, kennt Hyderabad, wie seine Westentasche und wirft mit vereinzelten Hindi-Wörtern um sich. 

Anna und Anat sind, ebenso wie Jax, seit gerade einmal zwei Monaten auf dem indischen Subkontinent gestrandet und teilen sich ein großes Zimmer, das sie im IKEA-Style eingerichtet haben, eröffnete vor nicht all zu langer Zeit eine erste Filiale jenes schwedischen Möbelherstellers in ihrer Nähe. 

Beide sind geschminkt und hübsch herausgeputzt, wollen wir heute auf eine Techno-Party gehen, die laut einigen indischen Freunden „legendär“ werden soll.

„Aber du weißt schon, dass du morgen unfassbar geschafft sein wirst?“, fragt mich Anna besorgt.

„Seit drei Tagen steht der Plan, mit euch feiern zu gehen und das lasse ich mir nicht entgehen“ ich genehmige mir einen Schluck Wasser und feixe in die Runde, die mir bereits so vertraut wirkt,  obwohl ich sie in dieser Konstellation, erst drei Tage zuvor kennengelernt hatte. 



 

Im Calangoat, einem hippen Restaurant in den Höhen des Reichenbezirks Jubelee Hills waren wir das erste Mal aufeinandergestoßen. 

Ein Jahr zuvor hatte ich hier, zusammen mit Lion, Skrollan Toni das Fußball-WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien im Rahmen einer Public-Viewing-Aktion geschaut. Dabei waren Lion und ich wohl die einzigsten Kroatien-Fans, war das ganze Restaurant in Blau-weiß-rot getaucht. Am Ende eines gebrauchten Abends für alle Kroaten, feierten und jauchzten alle Anhänger der Franzosen und riefen euphorisch und siegestrunken „Allez le bleu“ in den indischen Nachthimmel. 

Wochen später hatte ich hier Lion, bei einem letzten gemeinsamen Mahl verabschiedet, musste ich wenige Tage darauf in den Flieger nach Deutschland steigen. Wie hilflos ich mich nach jener Verabschiedung fühlte, weiß ich bis heute. Erneut wurde mir ein Freund aus dem Herzen gerissen. Erst ging Merlin, mein Mitfreiwilliger, der mir die ersten Monate in Indien enorm erleichtert hatte  und zum Schluss Lion, der mir das Feiern in Indien erst wirklich schmackhaft gemacht hatte. Er fuhr damals zuerst vom Calangoat ab und je weiter sich sein Uber entfernte, desto weniger gelang es mir, frei zu atmen. Es gab seltene Momente, wo mir das indische Verkehrschaos zusetzen konnte, doch in jenen Augenblicken ließ es mich die Fäuste wütend zusammenballen.



Umso schöner war es nun an jenem Ort einen kleinen Neuanfang mit Leuten zu feiern, die ebenso begeistert vom indischen Nachtleben waren, wie ich. Nach einem guten Essen und lustigen  Gesprächen kehrten wir dem Calangoat den Rücken und es verschlug uns ins Concu, einer luxuriösen Patisserie, voller süßer Küchlein und Schokoladen-Variationen. Ebenfalls ein alter bekannter Platz, nun jedoch mit neuen Gesichtern, die sich gierig über die Süßigkeiten hermachten und vor Genuss stöhnten, so gut schmeckte es hier. Währenddessen, im Hintergrund dudelte einer meiner Lieblingssongs auf Hindi, fühlte ich mich zurückversetzt zu jenen gemeinsamen Abenden mit liebgewonnen Freiwilligenfreunden und dem Gefühl zum Glück noch viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. 

Doch nun war mein Monat Indien beinahe abgelaufen, in vier Tagen würde ich nach Mumbai fliegen und 12 Stunden später nach Berlin. Das hielt ich jedoch für mich und genoss den restlichen Abend mit vor Erfüllung seufzenden deutschen Freiwilligen, die im Futterwahn entschlossen am Samstag feiern zu gehen …



„Du hast uns nicht gesagt, dass das deine letzte Nacht ist, Junge!  Schlaf dich lieber aus, bevor du morgen deinen Flieger verpasst. Wann fliegst du?“, fragt Anna entrüstet.

„Acht Uhr morgens. Heißt, ich muss um fünf aufstehen, damit ich rechtzeitig zum Flughafen komme. Im Grunde können wir also bis drei feiern, ich schlafe zwei Stunden, stehe wieder auf und fahre. Wie gesagt, das ist meine letzte Nacht und die möchte ich mit euch verbringen“.

Etliche Male habe ich bereits überlegt, ob es wirklich die beste Idee ist, die letzte Nacht im Club zu verbringen, doch irgendwas reizt mich daran und Jax, die mir innerhalb des letzten Monats ans Herz gewachsen und somit die einzige Bezugsperson ist, die mich davon hätte abbringen können, findet die Aktion cool. In diesem Sinne können Anat und Anna sagen was sie wollen, ich bin dabei. Ich kenne den DJ, der uns eingeladen hat gut und außerdem brauche ich heute Musik, um mich von schlechten Gedanken abzubringen. 

Wir steigen in ein Taxi, die beiden Prerana-Mädels versuchen das heimlich und unbemerkt zu tun, sind sie verhältnismäßig dünn bekleidet und schämen sich ein wenig dafür, so die die weiblich indische Kleidungskultur zu vernachlässigen.

Doch angekommen beim „TOT“-Nightclub fallen sie kaum mehr auf, sind die Kleidungssweisen der Reichen und Schönen westlich angepasst.

Wir stehen auf der Gästeliste, werden dementsprechend durchgewinkt und hören bereits die Bässe in der Vorhalle des Clubs. Wir werden eine Treppe hochgeleitet und befinden uns nun drei Meter über der Tanzfläche. Hier ist unser Bereich, wo kein anderer hinkommt. Wir sind die heutigen VIPs des Abends, so scheint uns und das wird noch deutlicher, als einer der Bediensteten meint, dass wir heute aufs Haus trinken. Nichts aus der tatsächlich sehr teuren Getränkekarte müssen wir bezahlen. Wir jubeln der Musik entgegen, bestellen Tequila für alle und bedanken uns überschwänglich beim vorbeischauenden Novlik, dem bekannten DJ, der schon unter mir und meiner Generation an Freiwilligen sehr beliebt war. 

„Are you ready for the Party afterwards?!“, fragt er uns über den Lärm hin schreiend. 

Da indische Clubs meist nur bis Mitternacht offen sind und dann von der Polizei geschlossen werden, gibt es oft selbstorganisierte Parties danach, die bis früh in den Morgen gehen und meistens sogar besser sind, als die des Clubs.

„We are out“, ruft Jax.

„Why?!“ 

„Leo has to go to Mumbai this morning!“

„Bro, are you insane! That’s madness!“ Novlik wirkt geschockt. 

„That´s the lifestyle, mate!“, rufe ich ihm entgegen und sehe, wie sich sein Gesicht erhellt. Wir boxen unsere Fäuste gegeneinander und er mischt sich, genauso wie wir, unter die feiernden Inder, die mir seit zwei Jahren, wie das beste Partyvolk der Welt vorkommen. Energetisch schreien sie ihre Euphorie in die Welt hinaus, sind entfesselt und beseelt.

Bald geht der Beat der Musik unter die Haut und der hämmernde Rhythmus aus den Boxen schließt sich gleich mit dem unserer Herzen. Wir trinken ohne zu bezahlen, alles blinkt und blitzt im Strobolicht, die Masse tobt und in dieser Menschenmenge erblicke ein indisches Mädchen, das mir bekannt vorkommt. Auch sie erkennt mich, wir lachen, umarmen uns lang und beginnen zusammen zu tanzen. Mona. Letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt, haben wir über die Zeit, wo ich in Deutschland war, Kontakt gehalten und nun scheint es so, als wäre keine Zeit zwischen uns vergangen. Sie steht für einige Momente still, währenddessen wir gemeinsam, über beide Wangen strahlend, über die Tanzfläche schweben, verfließt uns aber augenblicklich, als die Musik abrupt aufhört. Die Leute murren. Es ist schon nach Mitternacht.  

„Hey, kommst du noch mit? Wir wollen noch etwas essen.“ Mona ist komplett außer Atem.

„Sorry, in sechs Stunden geht mein Flieger nach Mumbai. Ich muss schon wieder gehen.“

„Nicht dein Ernst! Fuck, dabei haben wir uns gerade erst wiedergesehen.“

„Ich weiß. Werde dich vermissen.“

„Ich dich auch!“ Sie sieht traurig aus. Wir umarmen uns eine Zeitlang, während die meisten Gäste um uns herum aus dem Club strömen. Sie löst sich als erstes aus der Umarmung.

„Komm bald wieder“, ruft sie, winkt und verschwindet im Menschenstrom aus dem Gebäude. 

„Ich versuch´s“, flüstere ich.  



 

7 Stunden später

Mein Kopf brummt. Er übertönt beinahe die Maschinen des Flugzeugs. Ich hab zu viel getrunken,  zu wenig geschlafen und zu viel Abschiede hinter mir. Sich zum Schluss von Jax zu verabschieden, die sich nochmal aus dem Bett gekämpft hatte, um mich zum Taxi zu bringen, war hart.

Ich bin schlecht in Verabschiedungen, gerade wenn ich nicht weiß, wenn ich wiederkomme. Dieser letzte Monat mit ihr schießt in kurzen, pochenden Erinnerungsfetzen durch mein schmerzendes Haupt und entlockt mir ein dünnes Lächeln. Wir waren zusammen in kleinen Ureinwohnerdörfern, hörten haarsträubende Geschichten der dort lebenden Bauern, schwammen am Fuße von Wasserfällen, fuhren Porsche,  befreundeten uns mit reichen Indern, betrieben Yoga und Kraftsport, fanden einen großen Babyratten-Hort im Office und fuhren unangeschnallt mit fünfzehn Leuten in einer Rikscha. Was für eine tolle Zeit!

Eine Cola und ein durchgebratenes Spiegelei liegen vor mir. Ich sitze in der fast ersten Reihe in der Business-Class, wurde ich überraschend aufgestuft, worüber ich sehr glücklich bin, da ich hier alleine sitze. Ich brauche Ruhe. Menschen sind laut! Meine Augen sind lichtempfindlich. Alles flackert, als wäre die Party und das Strobolicht mit zum Flughafen gekommen. Aua. Dieser exzessive Lebensstil von der Party aus in die Luft zu steigen, mag nett klingen, ist in der Praxis aber nicht ratenwert.

Hyderabad wird immer kleiner, Autos werden zu Ameisen und Hochhäuser zu winzigen Hütten. Gewaltige Wolkenberge schieben sich vor die Stadt und selbst mit heftigem Kater ist jener Ausblick wunderschön. 

Jede Faser meines Körpers schreit nach Schlaf, doch ich kann nicht, möchte ich weiter aus dem Fenster schauen.

Eine Stunde später schälen sich pompöse Wolkenkratzer aus dem Meer. Mumbai liegt in all seiner Schönheit vor uns.

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Doch wenig später landen wir und ich erhasche einen Blick auf die vielen geduckten Slum-Hütten direkt neben der Rollbahn. In welch unterschiedlichen Realitäten jene Menschen leben müssen. Vor ihrer Haustür heben jeden Tag hunderte Flugkörper ab und bringen Menschen an komplett andere Orte und sie selbst sind dort gefangen, im Moloch einer stinkenden, lauten 12 Millionen Metropole voller gescheiterter Existenzen.

Der Tag verfliegt, ich schaffe es ins Hostel nach Colaba, dem reichen Touristenviertel.  Bombays, streife durch eine bunte Ladenstraße voller schreiender Händler und unzähligen Gerüchen. Ich lasse mir ein Shirt andrehen  und ein Händler ist so geschickt, dass er es schafft mir ein Hemd zu schneidern, obwohl ich das gar nicht wollte.

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Doch mein Kater und die unglaubliche Hitze des Staates Maharashtra tun ihr Bestes, um mich gefügiger gegenüber allem zu machen. Ich schwitze, alles dreht sich und alle Menschen sind viel zu laut. Gegen Abend falle ich müde ins Bett, weiß darum, dass ich bereits 03:00 Uhr morgens wieder aufstehen muss, um in die Heimat zu fliegen und döse murrend ein. 



 

16 Stunden später  

Brrr, ist das kalt! Soeben bin ich aus dem Flughafengebäude in Berlin-Tegel getreten und wurde auf der Stelle mit der windigen Wahrheit konfrontiert. Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Einen Monat zuvor war eben jener noch im vollen Gange, doch nun hat der Herbst Einzug gehalten. Der Kontrast zwischen 35 und 10 Grad lässt mich ordentlich frösteln. Darauf war ich nicht vorbereitet. Jeder Deutsche trägt eine dicke, dunkle Jacke. Außer ich, der nur einen dünnen Pullover anhat, der gestern noch viel zu warm war. Welch seltsamer Realitätenwandel. Und sofort werde ich am S-Bahnhof Beusselstraße der deutschen Kultur ausgesetzt. Die Bahn kommt nicht pünktlich. Verrückt. Da komme ich aus einem Land mit Milliarden von unpünktlichen Menschen, wo aber jeder Zug fast zu früh einfährt und in der Hauptstadt des Landes der Pünktlichkeit, will die Bahn nicht erscheinen. 

Doch eigentlich mag ich das. Genauso wie den Herbst. Klar, lässt er mich die ersten Momente, zurück in der Heimat, zittern, aber schnell begreife ich dessen Schönheit. Ich habe bunte Sarees gegen bunte Blätter getauscht und spätestens daheim, als mich ein großes Bett mit dicker Matratze erwartet und ich den Rausch der letzten zwei Tage ausschlafen kann, bin ich auch gar nicht so böse, wieder hier zu sein. In den vergangenen 48 Stunden habe ich insgesamt nur sechs Stunden geschlafen und bin sehr happy, statt einer dünnen Matratze, auf der ich in Indien Schlaf fand, nun eine richtige Schlafstätte vorzufinden.

Ich weiß, dass ich Freunde in Hyderabad zurückgelassen, jetzt aber meine Familie und alte Freunde wieder habe. Zudem wird mich ebenfalls ein Neuanfang in Weimar erwarten. Ich bin in ein anderes Zimmer meiner 16er WG gezogen, neun Menschen sind neu dazugekommen und hoffentlich werde ich mit ihnen das nächtliche Weimar, statt dem weit entfernten Hyderabad unsicher machen.  Und ich weiß auch, und das mehr als letztes Jahr, dass eine Rückkehr in die 8 Millionen Metropole gar nicht so unwahrscheinlich ist …

Das Leben der Khonds

“Namskaram, bro, sagt Faiz, faltet beide Hände und beugt leicht den Kopf in meine Richtung, als er sieht, dass ich aufgewacht bin. 

“Namaskaram, bhaiyya”, erwidere ich und gähne. Guten Morgen, Bruder. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb sieben Uhr morgens und es regnet. Schon wieder. Draußen verschwimmt das Ureinwohnerdorf Poolabanda im vernebelten Monsun und erneut muss ich feststellen, dass es unfassbar dämlich war, meine gewaschenen Klamotten draußen aufgehängt zu haben. Sie sind jetzt wieder genauso nass, wie gestern. 

Hinter mir mauzt es. Draußen versucht Ammu, eine kleine Katze, die Gefallen daran gefunden hat allen mit ihrem Geschrei auf die Nerven zu gehen, um ins Office zum Streicheln reingelassen zu werden, die Fliegengitterfenster hochzuklettern.

“Miiiaaaaau”, wettert sie und alle menschlichen Anwesenden, die noch schlafen, stöhnen und drehen sich auf die andere Seite. 

Seit 9 Tagen nervt uns diese dünne Dorfstraßenkatze mit ihrem lauten Meckern. Doch sie weiß, dass sie immer wieder Erfolg damit haben wird, hält keiner ihr anhaltend, stoisches Miauen lang aus. Ich richte mich auf, befreie mich aus meinem Schlafsack, strecke mich schlaftrunken und öffne die Officetür einen Spalt breit. Der Geruch von gekochten Reis zieht ins Zimmer, Ammu flitzt hinein, ich inhaliere die Dorfluft tief in meine Lungen und schließe die Tür wieder. Ächzend und stöhnend setze mich, da ich einmal wieder stocksteif und verkrampft bin, schlafen wir alle lediglich auf einer sehr dünnen Strohmatte, die der Härte des Bodens gehörig Konkurrenz bietet. Die junge, weiße Katze macht sich in meinem Schoß schnurrend gemütlich und beginnt wenige Augenblicke später zu träumen. Ich bekomme mein Notizbuch zu fassen und beginne meine gestrigen Erlebnisse und Gedanken, die ich in den Dörfern hatte aufzuschreiben. Das mache ich hier jeden Morgen so, bin ich am Abend zu müde und geschafft vom Tag.

“Was schreibst du, Bro? Fragt mich Faiz von oben bis unten musternd. Ursprünglich aus Delhi kommend und jetzt in Bangalore studierend, ist er der Spaßvogel der Studentengruppe, die mit uns zusammen die Dörfer bereist und observiert. Anfangs verstand ich seinen beinahe zynischen Humor nicht, war von ihm verunsichert und ging ihm aus den Weg, soweit es eben möglich war, in einem Raum voll mit 13 Leuten jemanden aus dem Weg zu gehen. Doch die Tage verstrichen, wir erlebten Abenteuer, schwammen im Quellen und Wasserfällen und mit der Zeit begann ich ihn zu mögen.

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“Meine Erlebnisse von gestern. Ich möchte, wenn ich aus den Fields komme, Blog schreiben und dazu notiere ich alles, was passiert ist.” 

“Komme ich auch darin vor?”, fragt er neugierig. Er beugt sich über mein Buch, doch kann nichts entziffern, da ich auf Deutsch schreibe. 

“Wer weiß”, ich tue so, als würde ich ernsthaft darüber nachgrübeln, ob ich ihn irgendwo erwähnt habe. 

“Du musst mich erwähnen, Bro! I´m your favourite harami!” 

Ich schmunzele. Harami ist eigentlich ein Schimpfwort auf Hindi, doch zwischen uns beiden ist es wie ein Kosename für den anderen geworden. 

“Arschloch”, sage ich im Gegenzug und sehe wie Faiz beginnt zu grinsen und dankbar eine kleine Verbeugung andeutet. 

Während ich schreibe und schreibe, erwachen auch die anderen. Jax schlägt die Augen auf, befreit sich von Layas Klammergriff und gähnt. Sie und die Inderin aus Telangana, die für die anderen als Übersetzerin zwischen Telugu und Englisch fungiert, schlafen seit einigen Tagen dicht beieinander, haben sie sich zu guten Freundinnen entwickelt.

Insha, ein ca. 1,50m großes Mädchen mit riesigem Herzen und einem Talent dafür sich Songtexte einzuprägen, blinzelt und schaut verängstigt zu mir und Ammu herüber, hat sie große Angst vor jeglichem Vierbeiner, der sich ihr auf 5 Meter nähert. 

Runal, der von seinen Eltern so genannt wurde, weil beide große Fans von Cristiano Ronaldo (Ronaldo = Ronal = Runal) waren, blickt verschlafen zu Vanshika hinüber, die in Gedanken versunken nach draußen starrt. 

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Neben mir sitzt Amit, der auch schon seit gut anderthalb Stunden, in sein kleines Büchlein schreibt. Er ist der in sich ruhende Philosoph der Gruppe, der das Dorf und das wilde Leben darum herum liebt und seine Freundin, die in der USA studiert, sehr vermisst. Wegen ihr hat er ein Tattoo am Handgelenk. Ein Unendlichkeitszeichen, was auf der einen Seite in den Fußabdruck einer Wildkatze mündet und auf der anderen Seite in eine Kamera. Er selbst symbolisiert den Fußabdruck, welcher für “wild life” und seine dahinterstehende Liebe für die Natur steht. Die Kamera steht für seine Nikita, die laut ihm begeisterte Filmliebhaberin ist. 

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Kalpesh, eine 23-jährige Frau, geboren in der Nähe von Mumbai, reicht allen Anwesenden Chai und grinst mich kopfwackelnd an, als ich meinen Tee entgegennehme. 

“Tum kaise ho? Wie geht es dir? 

“Main theek hoo.“ Mir geht es gut. 

Kalpesh hat eine sehr interessante Lebensgeschichte, will sie/er eigentlich gar keine Frau sein, sondern ein Mann. In Indien ist das teilweise noch sehr verpönt, so auch bei seiner Familie. Er hatte sich nie getraut, es dieser zu gestehen, wurde mit 20 Jahren an einen älteren Mann zwangsverheiratet und stellte währenddessen fest, dass er überhaupt gar keine Anziehung zu Männern hatte und sich nicht wohl innerhalb seines eigenen Körpers fühlte.

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“I just have a soul, without a body”, gestand er mir eines Abends, als wir zu zweit durch die Reisfelder marschierten.

Er hielt es nicht in dieser Ehe aus, konnte aber seinen Eltern, aus Angst verstoßen zu werden, jene Gefühle nicht mitteilen, brach das brüchige Bündnis aus etwaigen Gründen ab und fand, wie durch Zufall die kleine Ureinwohnerrechtsorganisation Dhaatri, die ihn und seine Wünsche verstand und direkt einstellte. Hier darf er nun frei seine Gedanken äußern und wird von allen dazu ermutigt die Operationen, die es braucht, um eine Geschlechtsumwandlung zu vollziehen, zu machen.

Es gibt Frühstück, ich lege mein Buch beiseite und schaufle mir Reis auf meinen Teller. 

“Was machen wir heute?”, erkundigt sich Jax und schaut in die Runde. 

“Wir besprechen unsere Ergebnisse, die wir in den letzten Tagen aus den Dörfern gesammelt haben”, meint Amit.

“Was anderes können wir heute sowieso nicht tun”, meint Insha und schaut lethargisch aus dem Fenster. Draußen versinkt die Welt in dunkle Grautöne. Ein nasser, räudiger Straßenhund flitzt vorbei, auf der Suche nach einem trockenen Plätzchen, gefolgt von einer aufgebracht gackernden Glucke, die ihren Kücken, die in einer langen Reihe verträumt hinter ihr her tippeln und durch Pfützen platschen, versucht schnellstmöglich den Weg zum Hühnerschlag zu erörtern. 

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“Wir tragen erst das zusammen, was wir aus den Dörfern Malkapulam und Kumarithum  observieren konnten und reden dann über Dallapalli”, meint Amit, der die miauende Ammu davon abhält seinen Reis zu fressen. 

„Dhaaaaallapalliii“, ruft Insha. Sie betont das Wort in einem derart italienisch passionierten Stil, dass alle kichern müssen. Da keiner irgendein Wort für die Schönheit und Einzigartigkeit jenes Dorfes finden konnte, wird nun allein der leidenschaftlich vorgetragene Dorfname verwendet, um jene Gefühle, die alle mit dem Ort verbinden, auszudrücken. 

“Dhhaallaapalliii”, stimmt Amit zu. 

“Malkapulam war doch dieses Dorf voller reicher Leute, oder?, frage ich in reger Erinnerung. 

45 Familien lebten dort und 43 davon besaßen richtige bestrichene Häuser aus Beton. Ein Haus besaß sogar Fenster! Glasfenster! Darüber staunte ich nicht schlecht, denn in vielen anderen Orten hatten die kleinen Ein-Raum-Lehmütten lediglich eine Lichtquelle und zwar den Ausgang. 

“Genau. Die meisten Leute waren aus höheren Kasten und gläubige Hindus. Lediglich zwei Familien kamen aus tieferen und wurden nie zum Gram Sabha eingeladen”, berichtet Vanshika. 

“Was war nochmal ein Gram Sabha?”

“Der Gram Sabha ist eine lokale, vierteljährliche Versammlung in jedem Dorf der Adivasi. Dort treffen sich die meisten Bewohner und reden über Themen, die sie unbedingt ansprechen müssen. Das Ganze wird vom Sarpanch geleitet. Dem für gewöhnlich Ältesten oder schlaustem Kopf im Dorf, der jene Treffen organisieren muss. In Malkapulam ist es so, das haben wir herausgefunden, dass immer eine Person aus einer höheren Kaste den Sarpanch stellt. Deswegen werden auch nie Leute aus tieferen Kasten ins Dorf ziehen können, weil das Oberhaupt des Dorfes dies verbieten würde. Neben dem Gram Sabha gibt es noch den Panchayat. Ein Zusammentreffen von Sarpanchs und anderen Vertretern verschiedenster Dörfer in unmittelbarer Umgebung. Dort wird dann über größere Probleme diskutiert und im Endeffekt bestimmt die Politik des Panchayats und nicht die der eigentlichen Regierung des Staates, das Leben der Dörfler ringsum. Kurzum: Die Dörfer organisieren sich selbst. Der Staat schafft es nicht sich mit den Problemen aller kleinen Dörfer in den Bergen auseinanderzusetzen”, berichtet Laya, die mehr verstanden hat, als die meisten anderen, da ihr keine Sprachbarriere im Weg steht.

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“Aber trotzdem hat der Staat doch irgendwie Einfluss in diesen Gebieten, no?, erkundigt sich Runal. 

“Ja, sogar mehr, als gedacht”, bringt sich Madhavi ins Gespräch ein. “Die Regierung stellt Rationskarten an die Bewohner aus. Da nicht alle Lebensmittel in den Agrargebieten angebaut werden können, wird jeweils fünf Kilogram Reis pro Person, Zucker und Dhal gratis jeden Monat zur Verfügung gestellt. Alles Weitere, wie Öl, Salz und Chai-Pulver, was auch ziemlich elementar für das Überleben der Menschen in den Bergen ist, muss bezahlt werden. Im Gegenzug müssen die Bauern Teile ihrer selbst angebauten Produkte wie Bohnen, Kaffeebohnen, Ragi, und Chilis an die Staatsbeamten abgeben. Zusätzlich bestimmt das Forest Department über die Landverträge der Farmer, kann diese vergeben oder auch entziehen, was es sehr gerne macht. Zusätzlich bekommen die Menschen auch nur durch die Regierung ihren Lohn.”

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“Und der ist sehr gering!”, unterbreche ich Madhavi. Ich habe selbst einen Blick in die wenigen Unterlagen der Dörfler werfen können und war ganz schockiert, als ich sah, was die meisten durchschnittlich pro Jahr verdienten. Es belief sich auf ca. 9000 Rupien. Monatlich entsprach das also 750 Rupien. Knapp 10 Euro!! Selbst für indische Verhältnisse ist das verdammt wenig. Pro Woche nur mit 2,50 Euro auszukommen ist kaum vorstellbar, wenn halbwegs akzeptable Klamotten in der nächst größeren Stadt schon jeweils 7 Euro und ein Wocheneinkauf, bestehend aus Gewürzen, Reis, Gemüse und Öl 2 Euro kosten. Ein neugekauftes T-Shirt bedeutet für die meisten Dörfler also knapp einen ganzen Monatslohn auszugeben. Klar, dass die meisten dann ihre Klamotten Jahre lang tragen und es in Kauf nehmen, dass diese immer mehr Löcher aufweisen. Essen ist dann doch wichtiger, als Aussehen.

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“Genau, richtig Leo!”, pflichtet mir Laya bei und wuschelt mir über den Kopf. Sie konnte sich vor dem Trip nach Poolabanda kaum vorstellen, jemals mit zwei weißen Europäern zusammenzuarbeiten, die sie auch noch dementsprechend mögen. Seit ungefähr Tag 3 ist sie oft an meiner Seite, hält meine Hand und ist mir sehr dankbar, dass ich ihr, damit sie mich nicht so schnell vergisst, ein Souvenir aus Berlin geschenkt habe. Ein Mini-Brandenburger-Tor. 

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“Der geringe Lohn führt vor allem zu Problemen bei Familien mit geistig oder körperlich eingeschränkten Kindern. Diese können später nicht auf dem Feld arbeiten und sind dementsprechend ein zusätzliches finanzielles Risiko für die Dörfler. Und hier hat die Regierung auch ihre Finger in Spiel. Bei ganz vielen Haushalten ist es nämlich so, dass überhaupt keine Zertifikate für die Behinderung der Kinder ausgestellt werden. Manche Bewerber werden sogar einfach ignoriert, obwohl die Familie sich mehrfach dafür meldet, um zusätzliches Geld zu erhalten.

“So eine Scheiße!”, schimpft Jax, die immer noch sauer und aufgebracht über den gestrigen Besuch in einem Dorf namens Kumarithum ist. Dort gibt es drei Personen, zwei davon Kinder, mit entweder geistigen oder physischen Behinderungen. Ein Kind hat von Geburt an verdrehte Hände und Füße, kann weder greifen noch laufen und ist auf die Hilfe seiner Eltern und Geschwister angewiesen. Der Staat schaut weg und sieht keine Einschränkung. Dementsprechend wird die Familie nicht zusätzlich gefördert. Mutter und Vater des Kindes kommen aus der selben Familie, sind Cousins und darin sehen die Ärzte aus dem nächstgelegenen Krankenhaus das Problem. Sie helfen erst gar nicht mit Lösungsversuchen, weil sie “Inzest” abscheulich finden. 

Selbes Problem mit einem Mädchen, das nach einer überstandenen Malaria-Erkrankung,  aufhörte zu sprechen, seitdem immer wieder Schwächeanfälle hat und einfach in sich zusammenbricht. Überall hat sie Schürfwunden und aufgerissene Verletzungen von den Stürzen, die sie in den Bergen erleidet. Niemals kann sie alleine gelassen werden, doch läuft sie oft einfach weg. Die Eltern haben es aufgegeben nach Ärzten und Mitteln zu suchen, die ihr Kind heilen könnten und beugten sich bereits vor Jahren ihrem Schicksal.

In einem anderem Dorf gibt es einen Jungen ohne Beine, der von den Ärzten Pillen verschrieben bekommen hat, die seine Beine wieder wachsen lassen sollen. Absurd. 

“Aber hier können wir nicht einfach nur observieren! Das ist nahezu pervers!”, werfe ich ein, der nach gestern ebenso wütend, wie Jax ist. Wir waren zu sechst in jenes Dorf gegangen und standen im Halbkreis um die beeinträchtigten Kinder. Die Eltern erzählten von ihren Problemen, Laya übersetzte und wir nickten stumm. Am Ende dankten wir den Leuten für ihre Offenheit und gingen.

“What the fuck!”, dachte ich immer wieder. Ich kam mir vor, wie im Zoo. Wir privilegierten Städter kamen in ein Ureinwohnerdorf, schauten uns behinderte Kinder an und gingen wieder, ohne irgendwas getan zu haben. Wir waren verdammt noch mal verpflichtet, zu helfen.

“Aber wie sollen wir helfen, Leo?! Das ist das Problem! Die Familien müssten in die größten Städte Indiens, wie Delhi oder Mumbai reisen, um in Krankenhäuser zu kommen, die tatsächlich professionell genug sind, um ihnen zu helfen. Klar könnten wir Crowdfunding Projekte starten, Geld sammeln, aber wie viel bräuchten wir überhaupt? Es ist nicht nur mit einem Delhi-Besuch getan, die Kinder bräuchten eine monatelange oder jahrelange Behandlung. Denkst du, die Familien hätten die Zeit, um 30 Stunden mit dem Zug nach Delhi zu fahren. Jeweils? Hin und zurück? Die müssen ihre Ernte bestellen, sich um ihre Felder kümmern, sonst droht ihnen das Aus. Wir können nichts tun. Nur Druck auf die Regierung machen, die uns wahrscheinlich ignorieren wird”, proklamiert Insha, die Jax und mich gestern bereits unsere Wut zügeln musste. 

Wir beide sitzen da und schmollen. Ich bin nach wie vor der Meinung das Schicksal der Menschen in der Presse zu veröffentlichen. Vielleicht finden sich Leute, die mehr spenden, doch auch die Idee wurde bereits damit abgeschmettert, dass sich in der Stadt niemand für die Dörfer interessiere. Vor allem wegen Religionsgründen. Ursprünglich hatten die Khonds ihre eigene Stammesreligion und glaubten überwiegend an weibliche Naturgötter. Dann kamen die Brahmanen und zwangskonvertierten die Menschen zum Hinduismus und dessen männliche Götter, wie Vishnu, Shiva und Ganesha. Später kamen die Christen dazu und ließen ihre Kirchen in den Bergen zurück. Man erkämpft sich bis heute den Status, unabhängig zu sein. Manche glauben immer noch an ihre alten Götter, einige an Shiva und Co und wieder andere gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Das ist der Regierung jedoch ein Dorn im Auge, will Präsident Narendra Modi aus Indien ein durchgängig hinduistisches Land machen. Hindustan sozusagen. 

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“Lasst uns zu positiven Dingen kommen”, meint Faiz, der die Stimmung aufhellen möchte und feixt in die Runde. 

“Dallapalli?”, fragt Insha neugierig. 

“Dhhaaallapalli”, ruft Faiz glückselig aus und alle stimmen euphorisch mit ein. “Komm Amit, bro, erzähl wie die Menschen dort verheiratet werden, jaaa! Und danach lass uns zum Wasserfall schwimmen gehen und Pause machen”

Alle schauen gespannt zu Amit, der nach wie vor Ammu auf den Schoß hat, sich streckt, an seinem Chai nippt und lächelt. Die Story erzählt er gern. 

“Also erst einmal vorweg; so war es einmal Tradition. Mittlerweile passiert jenes Prozedere nicht mehr ganz so häufig. Auf jeden Fall hat mir die nette Dame auf diesem Fels in den Agrargebieten – ihr erinnert euch ? – folgende Story erzählt …” 

Zurück in Dallapalli hatten wir eine Farmerin auf ihr Land begleitet, ließen uns auf einem gewaltigen Steinplateau nieder und stellten der Frau Fragen. Jax und ich saßen unbeteiligt daneben, da nur auf Hindi und Telugu geredet wurde, drum ist jene Erzählung von Amit mir auch neu. 

“Wenn sich zwei Personen aus unterschiedlichen Dörfern treffen und da ist dieses Funkeln, diese Leidenschaft zwischen beiden, so wird der Mann, mithilfe seiner Freunde, die Frau in sein Dorf entführen, sie in sein Haus bringen und sie verwöhnen. Sie soll sich wie daheim fühlen. Es wird den Sarpanchs der beiden Orte mitgeteilt, dass diese Liebenden heiraten wollen und alle möglichen Vorkehrungen werden getroffen. So beispielsweise werden die Hände des Mannes darauf überprüft, ob sie rau und schwielig genug sind, um die harte Arbeit auf dem Feld auch zu schaffen. Wir würden in dieser Prüfung übrigens alle durchfallen. Zu zarte Städterhände.”

Alle kichern und befühlen die Hand des Nachbarn. Jax und Ich sind für den Beruf des Bauern total ungeeignet und würden wohl nie eine gute Partie im Dorf finden. 

“Der Typ muss, wenn er tatsächlich Arbeiterhände vorweisen kann, ein Lied über seine Fähigkeiten singen. Darüber, ob er gut klettern, rennen, Büffel hüten oder sonst was gut kann. Danach wird die Frau gefragt, ob sie diesen Mann tatsächlich immer noch heiraten möchte. Sagt sie ja, ist alles super, sagt sie nein, darf sie wieder in ihr Dorf zurückkehren und dann gibts tatsächlich noch eine dritte Möglichkeit. Wenn sie sich nicht sicher ist, darf sie einem Testverheiratetsein zustimmen. Heißt, die beiden leben für drei Monate zusammen in einer Testehe und beide schauen, wie gut der andere im Alltag klarkommt.”

“Echt, wie lustig!” Ich muss lachen.

“Funktioniert die Testehe, wird nach diesen drei Monaten diese fortgeführt und wenn nicht, dann kehrt die Frau zurück. Im Fall einer Heirat gibt es ein großes Fest und die jungen Getrauten werden drei Tage in die Wildnis geschickt, um wilde Süßkartoffeln zu finden. Schaffen sie das, so sagt der Brauch, werden sie glückliche Jahre zusammen haben. Es gibt bei den Khonds nur Liebesheiraten und die Frauen werden doppelt und dreifach gefragt, ob sie wirklich damit einverstanden sind, den Mann zu ehelichen. It´s all about love, ladies and gentlemen!”

 “It´s all about love!”, tostet Faiz allen Anwesenden mittels seines erhobenen Stahlbechers zu. 

“By the way; I’m totally in love  with these waterfall, we wanted to go! Let’s go! Chaaloo, bhaayia! Auf geht´s, Bruder!” 

Er steht auf und streckt mir die Hand entgegen. Ich kriege zu fassen und er zieht mich schwungvoll auf die Füße. Alle anderen erheben sich ebenfalls.

“Chaaloo, Chaaloo!”, rufe ich auf Hindi. Lasst uns gehen!

Die Verabredung mit dem Wasserfall und uns, sollte für mich zum Wiedertreffen eines alten Bekannten werden. Erst scheint es so, als sei dieser neu für mich, als ob ich diesen Platz das allererste Mal sehen würde. Doch, als wir auf die Spitze klettern, bleibe ich eine ganze Weile wie angewurzelt stehen. Wir kennen uns. Da ist sie, die Quelle, die ich vor genau zwei Jahren, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, gefunden hatte. Dort hatte ich das erste Mal für mich realisiert,  dass ich ein zweites zu Hause gefunden hatte. Ich war da willkommen, wo meine Freunde waren. Welch ein schöner Zufall diesen Ort genau in diesen Momenten wiederzusehen, wo ich mir nichts sehnlicheres wünsche, als hier zu bleiben. Morgen heißt es Abschied nehmen von den Dörfern und auch von den lieben Menschen, die ich hier kennenlernen durfte. Faiz hatte mir bereits angeboten, als wir auf dem Weg zum Wasserfall waren, doch ihn in seiner Heimat zu besuchen und in diesen Momenten spürte ich, wie sehr er es ernst meinte. Er wollte mich wiedersehen, ihm war es wichtig. Wir waren Freunde geworden. Freunde, mit einer tiefen indischen Verbundenheit. 

„Wenn du in Delhi aus dem Flugzeug steigst, dann bist du von dort an unter meiner Obhut, Bro! Du wirst mit mir eine wunderschöne Zeit haben, Leo, Bro! My favourite harami!“ 

Wir sollten Spaß an diesem Vormittag haben und jene Freude trug uns den restlichen Tag über unser fortgesetztes Meeting, über die Probleme und Sorgen der Dörfler. Dieses siebte Abenteuer ging am nächsten Tag zu Ende und es war anders, als die Male davor. Plötzlich hatte ich mehr über die Menschen, die hier lebten, in Erfahrung bringen können. Ich war nicht abgeschottet gewesen, hatte Begleiter gehabt, die große Neugier und Energie an mich weitergeben konnten. War ich jedes Mal froh darüber, nach anderthalb Wochen Dallapalli zu verlassen, weil nichts mehr ging und alle Pläne den Bach hinunter strömten, so glaubte ich jetzt daran weiter hierbleiben zu können. Ich verstand immer mehr, was die Leute sagten und nicht selten schämte ich mich für mich selbst, letztes Jahr nicht die Sprache gelernt gehabt zu haben. Viel war mir dadurch entgangen, was ich jetzt dankbar in mich aufsaugte. Die Dörfer strukturierten sich während der zwei Wochen komplett neu, ich stand Menschen gegenüber, die nicht einfach nur Ureinwohner und gutes Fotomaterial waren, sondern Menschen, wie du und ich, mit täglichen Querelen. 

Ein Grund mehr irgendwann, in weiter Zukunft natürlich, diese Menschen verstehen zu lernen …

Dallapalli

“Ladies and Gentlemen, wir erreichen Dallapalli in ungefähr 600 Metern. Nur noch über diesen Berg und wir haben unser Ziel vor Augen” mime ich eine Navigationstimme und kann es kaum erwarten anzukommen. Seit anderthalb Stunden brettern wir mit 13 Leuten und zusätzlichem Gepäck in einer Rikscha durch Berge und Täler und sind des Sitzens müde, da es sich eingekeilt zwischen den anderen Körpern schlecht ausharren lässt. Doch nun jubelt die Fahrgemeinschaft aus Bangalore-Studenten, Jax und mir.

“Daaaallaaapalli! Daaaaallapalllii”grölt die Menge und beginnt glückselig einen Bollywoodsong anzustimmen. Eine Gänsehaut breitet sich über meinen ganzen Körper aus. Ich kann auf einmal besser atmen. Viel, viel besser! Diese Gegend kenne ich wie meine Westentasche. Auch wenn alles in tiefen Nebel getaucht ist, blicke ich geradezu auf die Ländereien und Felder der Bauern aus dem Dorf, dass ich in meinem einjährigen Freiwillligendienst mehrfach besucht habe. Ich kenne diesen Hügel, der vor uns aufragt. Hinter diesen befindet sich ein weiteres Tal und ein kleineres Plateau auf dem die Grundfesten eines ruhigen, harmonischen Dorfes, stehen. Der Geruch von Bauernhof zieht in meine Nase, dazu scheint es leicht minzig zu riechen. Jenes Aroma haut mich fast von Sitz der vor sich hinknatternden Rikscha. Ich will so schnell wie möglich diese verlassen und einfach nur loslaufen, scheint es mir, als könnte ich jetzt schneller sein, als unser rostiges Vehikel. 

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Wir erreichen die Spitze des Hügels und nun kann ich es sehen. Obwohl dichte Nebelschwaden vor meinen Augen tanzen, stechen die Farben der Khond-Gemeinde ganz klar heraus. Süß und verschlafen mit seinen rotbraunen Ziegeln liegt es dort, eingekeilt von uralten, gewaltigen Felsriesen und saftgrünen Palmen und Reisfeldern. 

“Ladies and Gentlemen, Sie haben nun die einmalige Chance, einen ersten Blick auf unseren nächsten Halt zu werfen” proklamiere ich. Eine Libelle fliegt vorbei. Dann noch eine. Und noch eine. Die Sonne bricht leicht durch die dichte, graue Wolkenwand und ihre Strahlen fallen genau auf die hellbraunen Lehmhütten des Ureinwohnerortes. Dallapalli zeigt sich im Rampenlicht und allen Anwesenden entweicht ein begeistertes “Ohhh”.

Wir rollen den Berg hinab, an lethargischen Wasserbüffeln und Ziegen vorbei und halten schließlich direkt am Dorfeingang. 

“Ziel erreicht”, rufe ich und springe aus der Rikscha, meinen Körper wieder spürend und voller Energie. Es ist kälter als im Nachbardorf Poolabanda. Herbstlich geradezu. Doch auch gerade dadurch fühlen sich meine Lungen wieder befreit. Die dicke, tropische Hitze ausatmend und die kalte, klare Luft einatmend, fühle ich mich von jeglichem Druck befreit und springe fröhlich zwischen Jax, Amit und Laya hin und her und würde ihnen am liebsten um den Hals fallen, so gut gelaunt bin ich gerade. Das merken auch meine Begleiter und starren mich entgeistert und müde an. Die Development-Stundenten, mit denen ich seit sieben Tagen in Poolabanda lebe, sind das erste Mal im Dorf und müssen sowohl Fahrt als auch ihren Ausblick erst einmal verdauen und auf den Steinen vor dem Dorf Platz nehmen. 

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Bis auf Madhavi, eine 21-jährige Studentin, die im Rhythmus von Bollywoodliedern aufgeht und wunderschön tanzen kann, die sich schickt mich durchs Dorf zu begleiten.

Es ist fast so, wie ich es verlassen habe, damals im Juni letzten Jahres. Ich sehe ein paar Kinder, die verwirrt stehen bleiben, als sie mich erblicken.

“Leo?” 

Ich winke ihnen zu. Tatsächlich. Ich bin’s wirklich.  

“Leeeo” rufen sie und gackern fröhlich, als sie meine Kamera erblicken und stellen sich sofort in Pose. 

“Dich kennen scheinbar immer noch alle”, meint Madhavi. 

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“Verrückt, nicht? Von Bahnu hab ich gehört, dass immer, wenn jetzt jemand mit einer Kamera durchs Dorf schlendert, er sofort als Leo klassifiziert wird.”

Das Mädchen lacht und ich führe sie weiter durch die kleinen Häuserschluchten des Ortes. Wir weichen einigen Hühnern und neugierig schauenden Ziegen aus und erklimmen eine der höchsten Stellen des Dorfes. Von hier aus blicken wir auf gewaltige Berge und Täler hinunter und nicht das erste Mal versuche ich Wörter für diese unglaublichen Bilder zu finden. Meine Gedanken wissen sie bereits, doch kann ich sie nicht aussprechen, sind sie viel zu … intensiv. Verbunden mit einem archaischen Instinkt, uralt, der weiß, was und wen diese Felsriesen möglicherweise schon erlebt und überlebt haben. 

Riesig, weit, unendlich, warm, gewaltig, für immer da, unverrückbar, beständig, pompös, Erinnerungen, Leben … Jene, doch viel zu einfachen Wörter schwirren mir durch den Kopf, als ich versuche ernsthaft über das, was ich sehe nachzudenken. 

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“Es ist wunderschön”, meint Madhavi. Das trifft es auch.  

“Deshalb hab ich hier wohl mein Herz verloren”, denke ich nach. 

“Schön gesagt, Leo.” Madhavi schaut in die Ferne.

Nach einer Weile stoßen die anderen dazu, setzen sich neben uns und wir warten darauf bis es Elektrizität in dem Haus gibt, wo wir für zwei Tage Obdach suchen werden. Im Gegensatz zu den anderen, bin ich sehr optimistisch, dass Strom kommen wird und irgendwie muss ich wohl, in den letzten vergangenen Stunden die Rolle des Anführers überreicht bekommen haben, fragt man mich nun aus, wann es denn Essen gäbe, ob uns Wasser zum Kochen und zum Waschen zur Verfügung gestellt wird und ob wir bald Licht hätten. Ich war hier schon sechs Mal. Deswegen glauben sie, ich wüsste, wie hier alles läuft, doch nichts kann ich ihnen sagen, außer, dass alles gut wird. Jedes Mal war es bei mir anders. Mal musste ich selbst kochen, mal wurde ich von der Person, mal von einer anderen bekocht. Selbes Prozedere mit dem Wasser..

Das nehmen die anderen schwer hin und quengeln, doch nach und nach trifft meine Vorhersage ein und ihr Murren wird weniger. Erst funktioniert das Licht in der Halle, es werden Spielkarten verteilt und ein munterer Spielkreis entsteht. Kurz darauf wird verkündet, dass in einer Stunde Essen für uns bereitsteht. Jemand aus dem Dorf hat sich bereit erklärt, für uns zu kochen. Dafür bin ich einerseits unendlich dankbar, doch gleichzeitig fällt es mir immer noch schwer diese unendliche Gastfreundlichkeit in all ihren Formen wertzuschätzen. Für jenen Dörfler ist es eine große Ehre seine Pflicht als Gastgeber wahrzunehmen, dafür bewundere ich ihn, aber ich kann nichts zurückgeben. Es scheint mir so, als nähme ich die ganze Zeit nur von den Menschen und würde nichts zurückgeben außer große Dankbarkeit. Wie sehr es mich doch interessieren würde, ob diese absolute Hingabe für einen Fremden eventuell einfach nur gesellschaftlich auferlegte Pflicht ist und inwieweit die eigenen Wünsche und Empfindungen gegenüber dem Nehmenden, zurückgestellt werden müssen. Für dieses Wissen müsste ich wohl länger hierbleiben …

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Es wird dunkel, die Nacht bricht über uns hinein, ebenso wie ein stummes Gewitter, hunderte Kilometer von uns entfernt. Wir sehen die hellen Lichtblitze, die unsere Gesichter in ein geisterhaftes Weiß tauchen, aber der Donner bleibt aus. Während die meisten drinnen Schutz suchen, sitze ich, zusammen mit Vanshika, einer weiteren 20-jährigen Studentin aus Bangalore, ursprünglich aus Bihar, auf der Türschwelle und schaue in die Schwärze. Blitze flackern vor unseren Augen auf, jeder großer und strahlender, als der davor und für kurze Zeit kann ich die bewaldeten Berge sehen. 

Wir unterhalten uns lange über unsere Hobbys und unsere Familien und ich höre, wie sehr sich die junge Generation von ihren traditionellen Eltern lösen möchte. 

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Vanshika

“So schnell gehe ich nicht zurück zu meinen Eltern. Jedes Mal, wenn ich dort bin, nehmen sie mich in Schutz vor allem, was auf der Straße unterwegs ist. Verdammt, ich muss sogar mit ihnen in einem Bett schlafen. Rechts meine Mutter, links mein Vater. Sie haben Angst um mich, weil ich kein Vertrauen in ihre Riten habe, die mich schützen könnten. Aber ich bin keine sieben Jahre mehr, hell yeah, ich bin 20, gottverdammt! Ich bin zwanzig, studiere im Master, habe Freunde und ein eigenes Leben. Wenn ich will, kann ich mit jedem schlafen, mit dem ich will und muss nicht darauf warten, bis meine Eltern, den Richtigen für eine Heirat gefunden haben. Aber das verstehen sie nicht.” 

“Welch Ironie, dass wir aus genau diesen Gründen in Dallapalli sind”, lache ich. 

In den Dörfern ist eine große Lücke zu erkennen. Kinder bis maximal 11 Jahre sind hier beheimatet, gehen in den Kindergarten oder in die Grundschule. Danach aber, werden die meisten  gesetzlich aus dem Dorf geholt und in Internate aus den nächstgrößten Städten gesteckt. Die Jugend entfernt sich also zunehmend aus den Dörfern, bietet die Stadt doch scheinbar bessere Job-Alternativen, als das Dorf und wird sogar von der Regierung dabei unterstützt. Die Altersstruktur in den Ureinwohnergebieten ist dementsprechend ungleich verteilt, gibt es viel zu viele alte, aber viel zu wenig arbeitswütige junge Menschen. Und die, die wegziehen, gehen ohne ihre Riten und Bräuche und entscheiden sich für eine westlich angepasste Lebensweise, mit Hindu-Religion. 

Dagegen kämpft die NGO, für die ich arbeite. Zwischen den Dörfern beispielsweise soll ein Community-Radio entstehen, welches Geschichten und Lieder aus der Kultur der Khonds spielt.

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Wie ich im Übrigen mitbekommen habe, scheint jede einzelne Religion eine Flutgeschichte zu haben. Das Christentum hat Noah, der mit seiner Arche aufbricht, die antiken Griechen haben Deucalion und Pyrrha, die in einer Holztruhe versteckt, die von Zeus geschickte Flut überleben und der Stamm der Khonds der Adivasi-Ureinwohner in Indien hat im Endeffekt denselben Mythos. Hier kommt Gottes Sohn auf die Erde und fühlt sich von den Menschen ungerecht behandelt, wird wütend und lässt die Welt überschwemmen. Doch ein Geschwisterpaar überlebt, weil es auf einen hohen Baum geklettert ist. Sie sind, als die Flut nachlässt, die einzigen menschlichen Überlebenden. “Die Mutter”, die wohl oberste Göttin, findet sie (wie durch Zufall ist es eine Krähe, die sie aussendet, um nach Überlebenden Ausschau zu halten), befielt ihnen sich zu vermählen, sie lehnen das jedoch ab, weil sie Bruder und Schwester sind. Sie gehen getrennte Wege, doch die Mutter hetzt ihnen Krankheiten auf den Hals, sodass sie bald kaum mehr aussehen wie sie selbst. Wie durch Schicksal treffen sich Schwester und Bruder wieder, erkennen sich nicht mehr und verlieben sich ineinander. Es wird geheiratet und aus dieser Heirat entstehen viele Kinder. Die “Mutter” befielt der Familie sich in den Bergen, nahe des Waldes anzusiedeln. Dort hätten sie die Möglichkeit Reis anzubauen und ihr Vieh gut zu ernähren. Und im Endeffekt ist das die Entstehungsgeschichte der Khonds. 

Kui creationstory

Während ich mit Vanshika draußen sitze und es langsam beginnt zu regnen, wird mir bewusst, dass es wohl tatsächlich, vor tausenden von Jahren eine gewaltige Flut gegeben haben muss, die alle Menschen auf dieser Welt so in Panik versetzt hat, dass sie in vielen religiösen Schöpfungsgeschichten eine Rolle spielt. Alles scheint irgendwie verbunden zu sein. Ein Blitz flammt auf und ich erhasche einen kurzen Blick auf die Felsriesen in weiter Ferne. Erneut ist da dieses Gefühl von archaischer Unendlichkeit, Beständigkeit und großer Bedeutung, was ich nicht in Worte fassen kann. Die Berge in Dallapalli und Umgebung haben das Wissen von Generation von Generation in sich vereint, doch nun bröckelt das Gefüge. Menschen verlassen die Dörfer, die Regierung bastelt unaufhörlich an einen Plan Hotels und Spas in den Ureinwohnergebieten zu errichten. Farmer kämpfen für ihr Recht Land beackern zu dürfen, bekommen aber keinen rechtlichen Vertrag dafür, da das Forest-Department von Andhra Pradesh die Wälder gerne privatisieren würde. Dhaatri setzt sich dafür ein, dass jeder das Recht auf Land hat, in dem wir jene Ländereien ausmessen und die Daten der Ureinwohner sammeln und speichern. Diese können das nicht selbst tun, haben sie nicht die nötige Technik und auch nicht die Zeit, um mehrere Tage durch die Berge zu streifen, nur um Grenzen auszumessen. Das würde Ausfälle in der Ernte bedeuten. 

 

Und nach wie vor kommen unaufgefordert Touristen hierher, spotten über die Kultur der Bergbewohner, betrinken sich achtlos und lassen ihren Müll als Gastgeschenk da. Vieh verendet an den unverdaulichen Plastikresten und erschwert es den Bauern ihr Land zu bestellen. Gleichzeitig können die Scherben von Whiskeyflaschen, den Dörflern selbst erheblichen Schaden zufügen, laufen diese meist barfuß durch ihr Land, kennen sie jede einzelne Erhebung und Wurzel. Doch treten sie in eine Scherbe, könnten sie für mehrere Tage außer Gefecht gesetzt sein, was sie sich in ihrem Beruf, der mehr als nur ein 9 to 5 Job ist, nicht leisten können. 

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“Es ist eine Lebensaufgabe für jeden Einzelnen, der für Dhaatri arbeitet, die Probleme in den Dörfern anzupacken, jaaa. Veränderung passiert. Das ist unumstritten. Ich mochte einst meine Familie wirklich sehr, ja verammt, aber dann haben wir uns alle in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Was schlecht und was gut ist, kann keiner sagen. Das ist das Leben. Aber hier … ist es was anderes. Ich sehe es an dir, Leo. Du liebst dieses Dorf und seine Menschen. Und ich glaube, wenn ich länger hierbleiben würde, täte ich es auch. Wir müssen für die Leute hier einstehen, bhaai!” Vanshika schaut mir tief in die Augen, hebt einen Stahlbecher mit dampfenden Schwarztee an die Lippen und nippt daran. 

“Und wir werden für die Leute einstehen. Irgendwie. Promise, behen!” Entschlossen hebe ich die Hand zum High Five und das Mädchen schlägt schmunzelnd ein. 

Wir sitzen für einige Minuten einfach nur schweigend da, während der Monsun sich über die Berge ergießt. 

Das Dorf hat mir so sehr gefehlt. Und das begreife ich erst jetzt, wo ich zurückgekommen bin. Indien wird für mich immer mit diesem Ort in Verbindung stehen und gerade hier, hab ich einmal mehr mein Herz verloren. 

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange alles hier so bleibt, wie es ist … 

Chai, Wasserfälle und indische Gastfreundlichkeit

Ich schließe die Augen und für kurze Zeit bin da nur ich und dieser ganz spezielle Geruch. Ich hab ihn vermisst und sehne mich nach mehr. Ich sauge ihn bis in mein Innerstes auf und meine Mundwinkel bilden ein Lächeln. Es riecht gleichzeitig nach Rauch, Reis, Bauernhof, Wald, Anti-Moskito-Creme und … Chai. Dieser ganz bestimmte Tee, den es nur so in seiner Einzigartigkeit in den Dörfern von Andhra Pradesh gibt. In kleinen Edelstahl-Bechern, heiß, ohne Milch und ganz viel Zucker. Jener Duft drängt sich über alle anderen Gerüche, als ich meine Augen aufschlage und Lambana, einen 60-jährigen, drahtigen Adivasi-Ureinwohner mit einem Tablett voller Chai-Becher auf uns zu gehen sehe. Mit tiefster Ehrfurcht reicht er jedem von uns einen Becher und wiegt sachte den Kopf. 

„Sag ihm, dass es uns sehr viel bedeutet, dass er extra für uns Chai gemacht hat“, sagt Amit, an Krishnarao, einen Dhaatri-Mitarbeiter, dass gewandt. Dieser übersetzt nun das Gesagte auf Telugu, Lambana beginnt breit zu grinsen, er tut das mit dem ganzen Gesicht und redet begeistert auf uns ein. 

„Er sagt, dass ihr immer willkommen seid. Kommt für einen Monat, für ein Jahr, ihr werdet immer ein Dach über den Kopf haben, Essen und jede Menge Chai“, dolmetscht Krishnarao. 

Ich fühle, wie eine Gänsehaut durch meinen Körper fährt. Wir sind gerade einmal drei Stunden in Malpadu, so heißt dieses abgelegene, ruhige Ureinwohnerdorf und schon scheint uns die halbe Ortschaft aufgenommen zu haben. Ich wiege gutmütig den Kopf in Lambanas Richtung und sage „Dhan’yavād“. Danke. 

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Er verschwindet und lässt uns alleine in der indischen Abendsonne. Ich drehe mich meinem dampfenden Chai zu, atme tief ein und nippe daran. Mit geschlossenen Augen spüre ich erneut eine Woge Dorfluft in meine Nase eindringen und achte nun auf die Geräusche. Da sind Grillen ganz in der Nähe. Sie übertönen ganz deutlich alle anderen Töne mit ihrem penetranten Zirpen. Ein Feuer knistert ganz in der Nähe, unzählige Fliegen summen und brummen durch die Gegend, eine wiederkäuende Kuh schlägt mit dem Schwanz nach ihnen. Kinder lachen und Eltern ermahnen sie doch ruhiger zu sein. Aus den kleinen Lehmhütten ist das Dudeln von Telugu-Liedern und das Brodeln der Gerichte für das Abendbrot zu vernehmen. 

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Ich tätige einen Schluck Tee und atme genussvoll aus. „Ahh …“ 

Ein Lachen von der Seite. Ich fahre herum. Amit und Runal schauen mich belustigt an.

„Du scheinst deinen Tee zu genießen, no?!“ fragt Amit. 

„Oh ja, bhai! Ich genieße ihn. Dorftee ist immer etwas Besonderes! Er ist das Highlight des Tages, gerade für uns, die nicht im Dorf arbeiten! In einer Woche werdet ihr für jede Möglichkeit Tee zu bekommen dankbar sein,“ lächle ich die beiden indischen Studenten aus Bangalore an. 



Dieses siebte Mal in den Dörfern der Ureinwohnergruppe der Adivasis ist anders, als jene Besuche davor. Ein Jahr ist vergangen zwischen dem letzten Abenteuer und dem Jetzigen, ich hab angefangen, zu studieren und bin jetzt insgesamt nur einen Monat in Indien. Mein Plan war nur eine Woche in Hyderabad zu bleiben und dann Richtung Rajasthan weiterzureisen, doch wie all zu oft klappte dieser Reiseplan bei mir schon am ersten Tag in Hyderabad zusammen. Ich wusste einfach, dass ich gekommen war, um zu bleiben. Ich würde die NGO Dhaatri, die sich für die Rechte der Adivasis, insbesondere die des Stammes der Khonds, stark machte, vier Wochen unterstützen. So stimmte ich zu, als es hieß, für zwei Wochen in die Dörfer zurückzukehren. Sechs Mal hatte ich diese besucht. Meist war ich in Dallapalli gewesen. Einem 300 Seelen Dorf hoch in den Bergen, welches in der Jahreszeit des Monsuns von den Wolken verschluckt wird und im Sommer unfassbar grüne Ackerländer mit sich trägt. Hier hatte ich Freunde gefunden, ohne wirklich mit ihnen geredet zu haben. Hier unterhielt man sich nicht auf Englisch. Hindi, die zweite Landessprache Indiens konnte hier auch niemand. Es wurde die Staatssprache der Staaten Telangana und Andhra Pradesh – Telugu – gesprochen, sowie Kui, die eigene Sprache der Khonds. 

Ich hatte mich mit Hand, Fuß und Kamera verständigt und bald, nach einiger Eingewöhnung, konnten beinahe alle Kinder des Dorfes meinen Namen und ich begann dieses mit seinen Bewohnern zu lieben. Ich liebte die Einfachheit des Seins und die schier unendliche Gastfreundlichkeit Dallapallis, welches abgeschieden vom urbanen Treiben lag. Manchmal war mir jene Abgeschiedenheit zu viel und ich ächzte nach dem Chaos der indischen Städte, fühlte mich einsam, doch jedes Mal holte mich das Dorf mit seinen Tieren, seiner unglaublichen Landschaft und auch seinen Menschen wieder zurück. 

Ab und zu ging es nach Poolabanda, einem etwas weiter entwickelten Dorf, welches in einer Felsschüssel lag, nur eine Stunde von Dallapalli entfernt war, jedoch ein komplett anderes Klima aufwies. Hoch oben war es kalt und nebelig. Unten gar tropisch und heiß. Hier zog es mich weniger hin. Hier fand ich nicht das Abenteuer, was ich suchte und meine Aufgaben konzentrierten sich auch eher auf den anderen Ort. 

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Doch nun sollte es mich für knapp einen halben Monat dorthin ziehen. Jax, die neue Freiwillige Dhaatris, war an meiner Seite. Dazu gesellten sich noch acht indische Development-Studenten aus Bangalore, die zu Gunsten unserer Organisation, anliegende Dörfer observieren sollten. 

Alles begann mit einem Zug, der viel zu kalt war. Von Hyderabad brauchte es ca. 20 Stunden in die Dörfer. 13 davon gingen für die Nachtfahrt von unserer Heimatstadt nach Visakhapatnam, im Slang auch Vizag genannt, drauf. Normalerweise sind die Züge mit Ventilatoren ausgestattet, welche das Innere auf eine halbwegs akzeptable Schlaftemperatur bringen, doch jener Zug hatte die Absicht, uns in eine Eiszeit zu führen. Jax zitterte und bereute es, keine warmen Klamotten mitgenommen zu haben und auch ich hätte warme Socken gut vertragen können. Doch die Zug-Eiszeit war Strategie. So konnte das Zugpersonal warme Decken und Kissen für 30 Rupien an die verfrorenen Insassen verkaufen, die bald Schlange standen, um eine Wolldecke zu ergattern. 

Zwölf Stunden später sollte unser Kopf beim Abstieg beinahe explodieren, war der Temperaturunterschied von ca. 25 Grad sehr intensiv. 

Bahnu, die Dhaatri-Chefin höchstpersönlich wartete am Bahnsteig auf uns und sollte mir wohl die angenehmste Fahrt hoch in die Berge bescheren. War ich sonst immer mit einem lärmenden Bus voller Menschen in die Ureinwohnergebiete aufgebrochen, taten wir es nun mit einem anständig klimatisierten Taxi. Unsere Backpacks und wir hatten sehr viel Platz, worüber ich unglaublich dankbar war, war mein Rucksack mal wieder auf die Größe und Schwere eines dicken Kindes angewachsen. Im Bus hätte er anderthalb Plätze in Anspruch genommen. Hier lag er sicher und ungefährdet im Kofferraum. 

Wir erreichten Poolabanda, eine wunderbare Stille lag in der Luft. Die Palmen und die Reisfelder in unmittelbarer Umgebung waren grüner als grün und der Ort mit seinen brauen Lehmhütten und roten Ziegeln war verraucht und roch nach Sommerregen. Wir traten ins Office und wurden von acht Studenten aus Bangalore lachend begrüßt. Bahnu hielt einen langen Begrüßungsmonolog, es wurden die Tage und die Aktionen geplant und es schien mir gar „unindisch“ so viel im Voraus zu besprechen. Doch sollten die kommenden Tage wunderschön werden. 

Ich hatte Startschwierigkeiten. Diese jungen Stadtmenschen, die das erste Mal in einem Ureinwohnerdorf arbeiteten, konnte ich nicht wirklich akzeptieren. Sie waren laut, schrill und passten nicht ins Dorfleben. Fünf Tage brauchte ich, bis ich realisierte wie traurig es war, dass ich bis zu dem Punkt mir kaum Namen gemerkt hatte. Dann jedoch kam der Wendepunkt. Wir brachen auf zu einer geheimen Quelle, sprangen gemeinsam ins Wasser, spritzten uns nass und veranstalteten Wettkämpfe, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Mit nassen Klamotten traten wir den Rückweg an und jauchzten und jubelten. Zurück im Office holte ich meine Spielkarten hervor und Stunden vergingen, währenddessen wir lachten und scherzten. Jenes Ereignis band mich an sie. Fest. Besonders an die Jungs. Amit, Faiz und Runal.

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Ab jenem Zeitpunkt sollten wir häufiger zu Quellen und Wasserfällen gelangen. Oftmals war der Weg dorthin beschwerlich und rutschig, doch zahlte es sich jedes Mal aus, das Wagnis eingegangen zu sein. Wir stürzten uns in Wasser, rutschten kleine, glitzernde Kaskaden hinunter und wichen den gefährlichen Strömungen gerade so, die uns in unfreundlichere Gewässer geworfen hätten, aus.

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Es war wunderschön, alle meine Freunde ausgelassen lachen zu sehen. Auch Jax, schien immer mehr in den Dörfern anzukommen, strahlte sie übers ganze Gesicht. Wir kämpften uns durch Strömungen, rutschten über nasse Steine, standen unter den hinabstürzenden Wassermassen und jeden dieser Augenblicke hielt ich fest, meißelte sie in mein Gedächtnis, so schön waren jene Bilder, der planschenden Menschen in der Abendsonne. 

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Wir lebten, arbeiteten und schliefen alle im selben Raum und nicht selten musste ich kichern über den Gedanken, welch Abenteuer es doch war mit mehr als 10 Leuten in einem Haus eines Ureinwohnerdorfes mitten in Indien zu leben. Und im Endeffekt waren sie alle doch genauso fehl am Platz wie ich selbst. War ich nicht eindeutig derjenige, der aufgrund seiner ganz klaren Andersartigkeit noch weniger hierhin passte? 

Wir waren alle Outsider, kamen aus großen Städten, sprachen nicht die Sprachen der Dorfbewohner und kannten kaum ihre Riten und Bräuche. Ein Großteil der Studenten sprach Hindi, was ihnen hier aber nichts nützte. 

Hindi ist eher den nordindischen Sprachen zuzuordnen, Telugu aber den Südindischen. 

Unterhält man sich in Hindi, könnte man Gujarati beispielsweise verstehen, da der Staat Gujarat im Norden liegt. Hier ist es ungefähr so, wie mit Spanisch und Italienisch. Es gibt Parallelen, da sie denselben Ursprung haben. Jene gibt es auch zwischen südindischen Mundarten. Aber Telugu unterscheidet sich von Hindi, wie Tag und Nacht. 

Der Großteil von uns verstand also nichts, war auf Dolmetscher angewiesen. Lediglich zwei hatten südindische Wurzeln und begannen uns unterrichten. Ich war mit Leidenschaft dabei, fragte Laya, die aus Telangana kam, schon am frühen Morgen nach Wörtern und Sätzen aus und versuchte mich auch an Hindi. 

Teilweise gelang mir das zwar, war am Ende jedoch vorrangig mit Schimpfwörtern ausgestattet. Ich war also nun mit den richtigen Worten gerüstet, falls mich demnächst mal wieder jemand auf der Straße finanziell ausnehmen wollte. 

Jax und ich erwiderten jenen Gefallen und bald lief jeder mit einem gutgesinnten „ARSCHLOCH!“ auf den Lippen durch die saftigen Reisfelder der Ureinwohner.

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Wir hatten viel Zeit für Schimpfwörter. Das Dorf war dem Monsun hoffnungslos unterlegen und verwandelte sich stets in einen „Apocalypse-Now-Abenteuerpark“, brach er sich über den Dächern Bahn. Es prasselte und prasselte. Mal dicke Tropfen, mal dünne Tropfen. Ich schrieb Tagebuch und fast immer war der erste Satz des Tages mein subjektiv anschaulicher Wetterbericht. 


Tag 3: Regnerisch, das Dorf versinkt im Nebel und alle scharen sich um ihren Chai 

Tag 4: Es regnet und regnet und regnet

Tag 5: Der Regen wird stärker, ist so laut, dass ich in der Nacht vom Rauschen geweckt werde

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Tag 6: Der Regen hat aufgehört

Tag 7: Es ist überraschend sonnig

Tag 8: Es ist verdammt KALT

Tag 10: Die Welt geht unter. Es schüttet wie aus Eimern

Tag 11: Es regnet und regnet und regnet. Meine gewaschenen Sachen werden nicht trocken

Tag 12: Der Monsun kennt keine Gnade und prasselt unaufhörlich hernieder. Meine Klamotten sind immer noch nicht trocken 


In jener Zeit spielten wir Karten, hielten Meetings, wo wir die Observationsergebnisse über die benachbarten Dörfer besprachen, dösten, oder beleidigten uns liebevoll. 

Die Zeit verging langsam, jeder Tag zog sich in die Länge und alles brauchte seine Zeit. Ich war daran gewöhnt. Die anderen nicht. So verschwand eines Mittags Krishnarao, den wir für eine wichtige Übersetzungsarbeit brauchten, mit den Worten, dass er in einer Stunde wieder da sei. Ich kannte den alten Halunken und konnte mich gut daran erinnern, dass er mal Ähnliches vor einem Jahr gesagt hatte und dann erst nach drei Stunden aufkreuzte. So legte ich mich auf eine Pritsche und begann zwei Stunden in Frieden ein Nickerchen abzuhalten. Als ich aufwachte, fehlte von Krishnarao jede Spur und meine Begleiter Amit und Runal schienen gar akribisch und angespannt jede Sekunde seines Fehlens mit der Uhr aufgezeichnet zu haben.

„Keine Sorge, so spielt das Dorfleben eben“, gähnte ich. Unser Begleiter kam schließlich nach einer halben Stunde. 

Und in jener Zeit des Wartens wurde das Chai-Trinken tatsächlich zum Highlight jener zähen Tage.

Doch an jenem dritten Tag im Ureinwohnerdorf Malpadu ahnen das meine beiden Begleiter Amit und Runal noch nicht und blicken mich noch immer stirnrunzelnd an, als ich die letzten Tropfen des Tees, den ich vom gutmütigen Lambana bekommen habe, genüsslich ausschlürfe. Ein langer Tag liegt hinter uns. Wir sind durch die Ackerländer der Bauern gestreift und haben die genauen Ausmaße aller Besitztümer der 11 Familien des Dorfes, mittels GPS-Tracker ausgemessen. Wir sind hoch auf die Berge gestiegen, haben Heil- und Nutzpflanzen fotografiert und kategorisiert und über Stock und Stein gewandert. Die Aussicht hoch oben war phänomenal. 

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Wir haben uns unseren Chai verdient. Und Lambana, der alte, weise Khond beweist später am Abend noch einmal, wie gastfreundlich er ist. Er lässt extra für uns ein Huhn schlachten. Es gibt Fleisch zum Abendessen. Fleisch. Das ist ein äußerst seltenes Privileg in den Dörfern, ist jedes Nutztier essenziell wichtig für den Fortbestand des Dorfes. Erneut essen wir zuerst, er sitzt fröhlich summend daneben und als wir fertig sind, beginnt er die letzten Reste aus den Töpfen auszukratzen. Fleisch bekommt er kaum noch zu fassen, doch stört ihn das nicht, war es für ihn doch eine Ehre, dass wir es verspeist hatten. 

Und natürlich räumt er und seine Familie sein kleines Häuschen, damit wir dort schlafen können. Er wird im Stall Unterkunft finden. Gut gesättigt und fröhlich schlafe ich auf der Pritsche des alten Ureinwohners ein, noch nicht ahnend welche Abenteuer in den nächsten 9 Tagen auf mich zukommen würden …

Von glücklichen Friseuren, Babyratten und nächtlichen Porschefahrten

Ich atme tief ein und wieder aus. Ein und aus. Ein uns aus. Immer wieder, mit geschlossenen Augen und versinke tief in unzusammenhängenden Gedanken. Im Grunde weiß ich gar nicht was ich denke, aber das fühlt sich richtig an. Ich spüre meine Füße, die von Moskitos zerstochen sind, leicht auf der Yoga-Matte ruhen. Meine Hände zittern ein wenig beim Kontakt mit dem Boden unter mir. 

Da liege ich, inmitten der Yoga-Gruppe, bestehend aus mittelalterlichen Frauen aus dem Army-Viertel neben unserem Office und Jax, die neben mir versucht zu entspannen. Die letzte vergangene Stunde bestand aus harten, schweißtreibenden Dehnübungen, die alle stoisch über sich ergehen ließen. Wir beiden Nicht-Inder kamen müde und verschlafen zum Yoga-Treff, wohingegen die Frauen, die jeden einzelnen Morgen hier stehen, schon scherzten und lachten und sehr erfreut darüber waren mich wiederzusehen, hatte ich ihren kleinen Kreis letztes Jahr, wenn auch sehr unregelmäßig, besucht. Zweieinhalb Monate hatte ich es durchgezogen jeden Morgen zum Frühsport zu erscheinen, bis ich bemerkte, dass „ausschlafen“ doch die bessere Alternative war. 

Nun bin ich zurück. Und tatsächlich, so stelle ich fest, fühle ich die Spiritualität im Sport Yoga nun viel mehr, als vorher, bin ich scheinbar gereift. Früher war es schwer, über nichts nachzudenken. Das hat mich noch viel nervöser gemacht. Jetzt macht es mich entspannter. So strahle und lächle ich vergnügt nach unserer Sport-Session, grüße die Menschen auf der Straße mit einem freundlichen Kopfwackeln und bekomme ebenfalls eines zurück. 

Wie verrückt es ist, jetzt schon so im Dhaatri-Alltag zu sein. Der Morgen beginnt mit einem Gähnen, dem Aufstehen von der einfachen Matratze, dem Duschen in einem Bad, wo bereits Stalaktiten aus der Decke wachsen, Yoga und danach Frühstück auf der Türschwelle des Dhaatri-Offices, währenddessen auch Tuli, die kleine, schwarze Hündin ihr Essen in Form von Hundefutter bekommt. 

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Danach arbeiten bis zum Mittag und nie so ganz wissen, was man gerade überhaupt macht und ob es den Ansprüchen unserer Chefin Bahnu, genügt. 

Nach dem Mittag ist die Kreativität aber wieder da, spätestens nach dem Kauf eines Fuse-Schokoriegels, der die nötige Energie bringt, um weiterzuarbeiten. 

Am Ende verschlägt uns es uns beide ins Fitnessstudio, nur wenige Minuten entfernt. Der Leiter des Gyms kennt mich noch und begrüßt mich freudigem Handschlag.

Ebenso glücklich über mein Wiedererscheinen wirkt mein Friseur, als ich ihm einen Besuch abstatte. Damals hatte ich zwei Männer, die regelmäßig meine Haare und meinen Bart stutzten und insbesondere einer der beiden, hatte mich von Anfang an lieb gewonnen, auch ohne Worte, sprach ich kein Telugu und er kein Englisch. 

Als ich in die kleine Frisierhütte trete, ist vorerst nur einer der beiden da, der alsbald sich die Schere schnappt und loslegt. Dann jedoch kommt mein Lieblingsfriseur herein, er sieht mich und strahlt aus beiden Augen. Er entwendet Schere und Kamm dem Ersten, wiegt liebenswürdig das Haupt und lächelt mich an, sein beinahe väterlicher Blick geht tief und es scheint so, als hätte er endlich etwas Wichtiges wiedergefunden. Der kleine Fernseher, der schief an der Wand hängt, zeigt die typisch bunten und aufwendig produzierten Musikvideos der letzten Monate, ab und zu schaut der Friseur auf, hält mit der Schere inne und bestaunt die Tanzchoreografien, die bestimmt schon von Tausenden auf der Straße nachgetanzt werden. Dann macht er weiter, liebevoll und sorgfältig. Es ist so, als schnitte er ein Kunstwerk zurecht, jede kleine Ecke, wird nachgeschnitten und kontrolliert und nicht das erste Mal schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass indische Friseure wahre Künstler mit der Schere sind. Ihr Beruf ist ihr Leben. Oder ihr Leben ist ihr Beruf. 

Es ist wie ein Wiedersehen alter Freude, als ich, auf dem Weg zu meinem Eierverkäufer auf eine Straßenhündin treffe. Sie schaut mich durchdringend an, ich tue es ebenfalls und plötzlich fällt bei uns beiden der Groschen. Wir kennen uns. Mama Straßenhund, die mir letztes Jahr auf Schritt und Tritt gefolgt ist und das Wegsterben ihrer fünf Kinder überlebt hat, jault vergnügt und leckt mir über die Hand. Vor zwei Jahren war sie noch scheu, doch gewöhnte sich mit der Zeit an mich und ließ sich zum Ende des Jahres streicheln. Jetzt liegt sie mir zu Füßen und scheint gar zu Lächeln über jenes unerwartete Treffen. 

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Um mit tierischen Geschichten fortzuführen; eines Mittags beginnt Babu, unser Hausmeister, eine kleine Ecke im Office zu entrümpeln und legt dabei einen Rattenhort frei. Mutter Ratte flieht und lässt dabei ihre zehn Baby-Ratten zurück. In Deutschland hätte man längst den Kammerjäger bestellt, hier heißt es lediglich, um noch mehr Ratten zu vermeiden: „Schließt die Türen!“ 

Nun haben wir das Schlamassel. Zehn kleine Geschöpfe, einen indischen Haushalt und zwei Deutsche. Die Ratten wundern sich, der indische Teil ekelt sich und der deutsche Teil kann sich kaum zusammenreißen über die unfassbare Niedlichkeit dieser süßen Tiere und beschließt ihnen einen Karton zu bauen, in der Hoffnung sie aufziehen zu können.

„They will be this huge! We have to eliminate them“, meint Ravi, der Zweitchef und zeigt uns mit beiden Händen, wie groß und ekelig indische Straßenratten werden können. 

„Vielleicht können wir ihnen Tricks beibringen“, meine ich. 

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Nach einem Jahr im Ratten verseuchten Dhaatri-Office schockt mich nichts mehr und die Tatsache, plötzlich diesen Haufen an frisch geborenen Jungtieren zu entdecken, überrascht mich keineswegs, klopfe ich Abends immer gegen die Küchentür, um jeglichen Geschöpfen erst einmal Zeit zu lassen sich zu verstecken, ehe ich mir was zu Trinken hole. 

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Die Babyratten sollten trotz unserer Versuche ihnen zu helfen, in den nächsten Tagen sterben, hatten sie ihre Mutter nicht mehr, die sie hätte versorgen müssen.  

Abends dann zieht es uns in die Stadt und spätestens da geraten wir in eine Parallelwelt, die sich nicht unterschiedlicher von der unsrigen abheben könnte. 

So werden wir im „Concu“, einer delikaten Patisserie, die unfassbar leckere Süßigkeiten und herzhafte Speisen, abseits des indischen Essens, anbietet, von einem britisch-indischen Musikproduzenten angesprochen. Und auch in Indien ist die Welt unfassbar klein, denn als wir ihm erzählen, was wir machen, horcht er auf.

„Do you know Mira?! I met her three years ago. She brought me to the best places in Hyderabad, mate!“

„Oh my god, yeah! How funny“, gestehe ich, denn eben diese Mira kenne ich tatsächlich. Sie war es, mit ihren drei anderen Freiwilligen, die mich für Dhaatri ausgewählt hatte. Sie zeigte mir, in meinen ersten zwei Wochen die Stadt und das Partyleben der Reichen, ehe sie nach Deutschland zurückflog. 

Ich muss schmunzeln, als ich mir Cherrys Instagram-Profil anschaue. Tatsächlich haben wir drei gemeinsame Freunde. Alle aus Indien. Alle aus Hyderabad. Alle durch irgendwelche Partys kennengelernt. 

Seit knapp dreieinhalb Freiwilligen-Generationen ziehen sich fast die selben Freundschaften, meistens zwischen uns und entweder indischen DJ´s oder musikbegeisterten Leuten, die mit eben diesen DJ´s befreundet sind, durch die Jahre. 

Cherry, der zwischen London und Hyderabad pendelt, gesellt sich prompt für die nächsten zwei Stunden zu uns und erzählt spannende Geschichten aus seinem Leben. Er kann nicht glauben, dass ich nach einem Jahr Hyderabad noch mal zurückgekommen bin. 

„I don´t fuck with Hyderabad! You´re more an Indian than me, bro“, lacht er und gesteht uns seine Hassliebe zu dieser Stadt und dass es überall schöner sei als hier. Am Ende des Abends bezahlt er alles, was wir essen und bringt uns zudem auch noch nach Hause unter der Prämisse, dass wir in der kommenden Zeit, zusammen mit ihm, die Stadt unsicher machen sollen. Deal, Bro! 

„I will show you a different Hyderabad! Promise, mates“, schwört er uns am Abend darauf und fährt uns zu einer Bar der Reichen und Schönen. Kurz davor stoppt er uns. 

„You need shoes for this!“ Er blickt zu meinen Flip-Flops herunter. 

„But don’t worry! You never know what’s gonna happen. Thats why I always have three pairs of shoes in my car! Er wirft mir ein Paar neue Sneakers zu, gibt seinem Freund ebenfalls teuer aussehende Lackschuhe und geht lässig auf den Eingang der Bar zu.

„Habibi, you only have one life, niggah! Enjoy it!“

Während des ganzen Abends kauft er uns alkoholische Getränke, einzeln schon knapp zehn Euro teuer. Immer mehr Freunde von ihm gesellen sich zu ihm und jedem spendiert er einen Shot. Gut und gerne gibt er an diesem Abend 100 Euro aus, doch zuckt nicht einmal mit der Wimper, als der die Rechnung entgegennimmt. 

„Irgendwie hat er zu viel Geld“, flüstere ich Jax zu. 

Doch trotz seiner gehobenen Gesellschaftsstellung ist er sich nicht zu schade unter das gemeine Volk zu gehen. Als wir gegen Mitternacht wieder auf die Straße treten, hat sich eine Trommelgruppe am Vorplatz der Bar versammelt. Hinter dieser steht ein Wagen mit einer großen, bunten Ganesha-Figur. In den nächsten Tagen werden die Trommelzüge immer häufiger werden, bis zum großen Finale am großen See der Stadt, wo ein riesiger Umzug mit Tausenden und Abertausenden Menschen stattfinden wird. 

Jetzt sind nur ungefähr fünfzig gekommen, doch trommeln sie laut und wild und viele tanzen ungehemmt und ungebremst. Es sind nur Männer hier, alle aus den unteren Kasten. Einheimische Frauen scheinen unerwünscht, steigt die Gleichberechtigung erst mit dem Gesellschaftsstand. 

Die Männer sind alle nicht größer als 1.70, doch scheinen ein riesiges Herz für die Musik zu haben. Es ist ihnen egal, wie seltsam ihre Bewegungen aussehen, wie oft sie gegen die anderen stoßen, wirbeln sie wie Furien über den Platz. Ich kann mich nicht mehr halten, geselle mich dazu, werde auf der Stelle ins Chaos aufgesogen. Jax kommt dazu, erregt sämtliche Aufmerksamkeit der indischen Männerwelt, etliche Hände werden ihr entgegengestreckt und so versinkt sie ebenfalls im Tanzwahn. Trotz nigelnagelneuer, weißer Schuhe, die definitiv das Monatseinkommen vieler Anwesender sprengen, hüpft Cherry ebenfalls auf und ab. 

Alle strahlen und jubeln und auch wenn die Trommeln keinen wirklichen Rhythmus haben und einfach nur drauf losgeschlagen wird, haben alle unfassbar viel Spaß!

Dann plötzlich kommen bunte Pulverfarben, die normalerweise beim Holi-Festival benutzt werden, unters Volk und spätestens da, ziehen wir drei uns etwas zurück, habe ich keine Wechselklamotten dabei und will Cherry´s Schuhe, die ich noch immer trage, nicht gefährden. Doch ich kann nich verhindern, dass Leute aus Versehen drauf treten und die Sneaker rosa färben.

„Just one life, mate! Doesn’t matter!“ strahlt Cherry, als ich ihm den Fauxpas mit den Schuhen zeige. 

„You have fun, I’m happy!“ 

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Am nächsten Abend geht es mit anderen Hyderabad-Freunden und erneut mit Cherry, in die extravaganten Clubs der Stadt. Es ist seltsam zu sehen, wie vor dem Eingang eines solchen Edelgebäudes, aus dem die Reichen und Schönen in teueren Kleidern, zu sehen sind, Tagelöhner sitzen und um jede einzelne Rupie kämpfen, währenddessen drinnen teure Spirituosen einfach so konsumiert werden. Ich kämpfe gegen mein schlechtes Gewissen. Ich bewege mich in komplett anderen Sphären hin und her. Hin und her. Pendel zwischen reich und arm. 

Ich kann diesen einen älteren Mann, mit dem Wanderstock und dem verhärmten Gesicht, der neben einem riesigen Jeep sitzt und traurig ausschaut nicht einfach ignorieren. 10 Rupien gebe ich ihm. Vielleicht kann er sich dafür einen Chai kaufen. Seine Augen leuchten und legt beide Handflächen aneinander und hebt sie zum Kopf. Ich erwidere die Geste. 

Stände jene Lounge in Deutschland, würde ich mir nichts auf der Karte jemals leisten können und auch hier in Indien ist der Preis für Getränke schon unnormal teuer, doch haben wir Freunde mit dem nötigen Kleingeld. 

Nach der Party, wollen uns Rahamatt (ihn habe ich letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt) und Cherry nach Hause fahren. Und das passiert nicht mit einem normalen Auto, nein, es passiert mit einem Porsche. Da steht er einfach so, zwischen klapprigen Rikschas und eingedellten Heckklappen von rostigen Suzukis. 

„500 PS, Mate“, strahlt Cherry. 

Rahamatt beschleunigt und rast die indische Straße entlang. Ich werde nach hinten gedrückt, halte den Atem an, kann aber nicht umhin, zu staunen, mit welcher unfassbaren Leistung und Energie dieser Wagen fährt. 

„Das ist so abstrus! Das ist verrückt. Boah, Junge, Junge! Alter Schwede!“ Stottere ich vor mich hin. Ich bin noch nie mit einem Porsche gefahren und jetzt, hier in Indien, erlebe ich mein erstes Mal. Ich kann es, ebenso wie Jax, kaum fassen, mit welcher Geschmeidigkeit und Eleganz sich dieses Edelauto durch die Gegend bewegt und bin gleichzeitig angeekelt von jener gewaltig auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich. Gleichzeitig weiß ich, dass das Geld hart verdient wurde, erzählt Rahamatt, während wir fahren, seine Lebensgeschichte. Er wurde unter ärmlichen Verhältnissen in einem einfachen Dorf geboren und hatte sich hochgearbeitet, seinen Eltern ein besseres Leben ermöglicht. Typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, aber dadurch wirkt es für mich fassbarer jenen Luxus leben zu können, wenn man doch Jahre lang in Armut gelebt hat.

Und ich kann das Gefühl, ein teures Auto zu fahren spätestens dann nachvollziehen, als uns unsere Freunde zwanzig Minuten von unserem Haus entfernt absetzen und wir mittels Rikscha weiterfahren. Das Fahrgefühl ist ein ganz ganz anderes. 

Heute werde ich in die Bergdörfer fahren. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird. Ich kann sicher sagen, dass mich die Gastfreundlichkeit der Menschen in ihrer Einfachheit, rühren wird. Es wird ein größerer Kulturschock sein von da aus wieder zu unseren Hyderabad-Freunden zu kommen, als von Deutschland nach Indien zu reisen. 

Doch gerade das ist es mir wert. Ich bin nicht hier, um an der Oberfläche zu kratzen. Ich will indisches Leben leben. Und wie könnte das besser funktionieren, als alles aufzusaugen. Die einfache, als auch die extravagante Seite …

Welcome back, mother India

Es ist so, als wäre ich nie weggewesen. Ich beginne genau mit der einen Sache, die ich im ganzen indischen Freiwilligendienst exzellent verfeinert habe. Dem Ausgeben von unnötig viel Geld. Ich lande in Mumbai, es ist sehr früh am Morgen und ich erfahre, dass ich, um zu meinem eigentlichen Ziel, Hyderabad, zu kommen den Flughafen wechseln muss. Momentan befinde ich mich auf dem „international Airport“ und muss zum „domestic Airport“. Der einzige Weg dorthin: die unvermeidliche Fahrt mit einer Rikscha. Ich freue mich tatsächlich drauf, endlich wieder in diesen klapprigen Vehikeln durch die Gegend zu rasen und dem Verkehrslärm an mir vorbei ziehen zu lassen.

„Hyderabad?!“ Frage ich gespannt in die Runde der Rikschafahrer außerhalb des Flughafengeländes. 

„Hyderabad!“ Ruft einer und winkt mich wild kopfwackelnd zu sich. 

„Domestic Airport?!“ 

„Domestic Airport!“ Meint er und bedeutet mir, mich in sein dreirädriges Gefährt zu setzen. 

Die ganze Situation kommt mir so vertraut vor, dass ich auf der Stelle in ein nostalgisches Träumen gerate und leider die viel wichtigere Frage, nämlich die des Geldes, nicht stelle. 

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Am Anfang jeder Fahrt gilt es den Preis dieser zu verhandeln, um festzulegen, ob sich für beide Parteien das Geschäft lohnt. Ich habe das Handeln vergessen und begebe mich somit auf die festgesetzte Preisidee meines Fahrers, der nach einigen Minuten des Rollens, mir genau jene mitteilt.

„3500 Rupees?! No! To much!“ Rufe ich, der sich für zu viele Augenblicke in der Vergangenheit aufgehalten hatte, versetzte mich der Geruch der Straße, eine Mischung aus Fäkalien und Räucherstäbchen, zurück in andere Zeiten. 

Ein fairer Preis für fünfzehn Minuten Rikschafahren wären vielleicht 80 Rupien.

„Airport Price! Okay? I need money. No money, no Auto! You, no money, go back to Airport!“ Gibt mir der kleingewachsene Inder mit breiten Schnurrbart klar zu verstehen und will mir kurz darauf ein günstiges Hotel anbieten. 

„No hotel!“ Protestiere ich! Diese Schlepper sind anstrengender als gedacht, doch muss ich einsehen, dass ich wohl nicht darüber hinweg komme, die geforderte Summe zu bezahlen, duldet mein Gegenüber keine Widerworte. 

„Thanks brother! Have a nice stay in Hyderabad, brother!“ Jetzt lächelt er breit, verabschiedet sich von mir, der gar nicht mehr gut drauf ist, mit freundschaftlichen Handschlag und braust davon. 

Murrend mache ich mich auf zum Flughafengelände der Inlandsflüge und muss eingestehen einen ganz miesen Deal gemacht zu haben. Statt den möglichen zwei Euro, habe ich gerade knapp 40 bezahlt. Dafür wollte ich eigentlich nicht mein Geld ausgeben. Doch es ist immer noch sechs Uhr morgens, ich habe im Flugzeug kaum geschlafen und das ist jetzt der Dank dafür. 

Doch so miesepetrig ich in Mumbai auch bin, spätestens als ich drei Stunden später in Hyderabad lande, geht alles wie am Schnürchen. Das Warten hat ein Ende. Ich besorge mir ein Taxi und als mein schweigsamer Fahrer und ich uns vom Flughafengelände entfernen, muss ich das erste Mal lächeln. Da sind sie, die kleinen indischen Macken! Weibliche Rasenmäher! Zehn Frauen in bunten Gewändern zupfen neben der Straße den kleinen Grünstreifen zurecht. Knapp ein Dutzend Arbeiterinnen kosten weniger, als ein einziger Rasenmäher und so rupfen sie fleißig das Gras aus. Bereits am Flughafen standen viel zu viele Arbeiter herum, die im Endeffekt selbst nicht so genau wussten, warum sie dort positioniert waren, aber immerhin hatten sie einen Job, im Gegensatz zu den viel zu vielen Menschen, die hungern müssen.

Nach einigen Minuten wird der große Moloch Hyderabad für uns sichtbar. Riesige Tollywood-Plakate, von denen perfekt frisierte Filmstars auf die graue Welt unter ihnen blicken, stehen am Rand der viel befahrenen, dreckigen Straßen. Es ist bewölkt, gar kühl und dieses moderate Wetter treibt noch mehr Menschen nach draußen, als sonst. Blumen-, Chai, und Obstverkäufer, Straßenhunde, Fahrradfahrer, riesige bemalte LKWs, tutende Rikschas, unbehelmte Motorradfahrer und rostige Autos bahnen sich ihren Weg entlang der grau-weißen Häuser. Die meisten Hütten sind dreckig und ewig nicht mehr gestrichen worden. Wieder andere sind modern, besitzen breite Glasfronten und locken mit teuren Luxusartikeln. 

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Gewaltige Busse hupen sich Orientexpress-artig durch den Verkehr, währenddessen mein Fahrer sich in waghalsige Überholmanöver wagt. Ich halte den Atem an, sehe ich die ganze Situation schon eskalieren, doch nichts passiert. Der Beinahe-Unfall ist überwunden. Mir schlottern trotzdem noch die Knie, aber genau das hab ich gebraucht! Der Nervenkitzel ist wieder da! Welcome back, Mother India!

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Vor uns breitet sich, ein gewaltiger Flickenteppich aus Gebäuden bis zum Horizont aus, dazwischen immer wieder monumentale Bauruinen, in denen kleine Arbeiter hin und her flitzen. Jene Häuser, aus denen Stahlsprossen sprießen, sehen aus, wie Relikte einer verheerenden Apokalypse. 

Dann: eine Bodenwelle. Und noch eine. Und noch eine. Holterdiepolter pfeift unsere Rostkarre über eine unebene Straße und ich weiß, dass wir gleich da sind. Dort ist der dreckige Fluss! Er stinkt bis ins Auto hinein und ich befehle dem Fahrer hinter diesem stehen zu bleiben. Ein kleines Stück will ich noch laufen. 

Ich biege in eine kleine Seitenstraße, der Lärm der Hauptstraße wird gedämpft und ich atme tief ein. Dort steht es, das Haus mit dem kleinen überdachten Balkon, dessen Wände grün und gelb bemalt sind. Das Office, der kleinen NGO „Dhaatri“ hat sich kaum verändert, seit ich vor einem Jahr dort aufgebrochen bin. 

Nur das weiße, deutsche Mädchen, das dort auf der Türschwelle sitzt und ließt, ist ein anderes. 

Jax, aus der Nähe von Köln, ist die neue Freiwillige dieses Jahr, ist seit zwei Wochen hier und langweilt sich, da die meisten Arbeiter auf unterschiedliche Missionen in ganz Indien geschickt wurden. 

Doch keine Bange, ich bin ja jetzt hier! Und eine ältere Straßenhundedame namens Tuli, die die Vorjahresfreiwilligen von der Straße auf den Vorhof unseres Hauses geholt haben. Sie ist zahm, im Gegensatz zu ihren Artgenossen draußen und freut sich ungemein, als ich beginne sie zu streicheln. 

Auch von innen hat sich das Office kaum verändert, nur hängt eine Collage der letzten Deutschen und deren Erlebnissen an der Wand. Es war unweigerlich jemand hier letztes Jahr, doch die Spuren jener Vier sind fast genauso verschwunden, wie die unsrigen. Ich gehe hoch in mein ehemaliges Zimmer. Zu viert hatten wir dort geschlafen, jeder nur mit einer Matratze und einem Schrank. Jetzt schläft niemand mehr hier. Das Zimmer wurde umfunktioniert zum Arbeitszimmer, da sich mehr Leute Dhaatri angeschlossen haben und die restlichen Kapazitäten nicht ausreichen, um alle mit genügend Platz arbeiten zu lassen. 

In meinem Schrank stapeln sich nun Aktenordner und Bücher. Irgendwie schräg. Ein merkwürdiges Gefühl läuft mir den Rücken hinab. Von mir ist in diesem Schrank nichts geblieben und auch unten, dort wo ich meist gearbeitet habe, fehlt mein Tisch, auf dem sich einst technische Geräte mit gestapelten Chai-Bechern stapelten. Zwei Tage später würde ich Ashwini wieder treffen, eine Dhaatri Mitarbeiterin, die sich meistens mit Zugbuchungen auseinandersetzt, und auch sie beteuerte, dass es seltsam war niemanden an diesen bestimmten Tisch zu sehen. 

„Es war irgendwie immer dein Tisch, wo nur du warst und Zeug gemacht hast“, gestand sie mir. 

Ein Schwall an Erinnerungen durchtränkt meine Gedanken, ich berichte Jax von meinen Erlebnissen und wir beide freuen uns schon drauf, die Stadt zu erkunden. 

Ich zeige ihr einen nicht weit entfernten Hügel, auf dem eine uralte Befestigungsanlage ihre Mauern im Stein vergraben hat. Der Blick von hoch oben über die nie schlafende Stadt ist phänomenal.

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Das nie enden wollende Häusermeer erstreckt sich über Kilometer, bis es in den dunklen Wolken eines herannahenden Monsungewitters versinkt. Wir setzen uns auf die Felsen, unter uns der Abhang und reden. Reden, über unsere Erlebnisse, das was kommen mag und wie uns Indien bisher prägt oder geprägt hat, bis das Unwetter uns beinahe erreicht hat und wir den Rückzug antreten. 

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Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig, dem Regen zu entwischen und so rennen wir, bald klatschnass, an ruhig grasenden Wasserbüffeln und Straßenschweinen vorbei, bis uns ein Rikschafahrer entdeckt und uns ins Trockene bringt. 

Zurück im Office treffen wir auf Ravi, der sich ebenfalls sehr über meine Anwesenheit freut und mir die kommenden Arbeitspläne verrät. Ich wäre schon für einige Arbeiten eingeplant, die sich ums Dokumentieren der Ureinwohnerdörfer in den Bergen von Andhra Pradesh, drehen. Das war letztes Jahr mein Aufgabengebiet und wird es wohl auch dieses Mal sein. 

Mich durchzuckt ein Gedanke. Gerade einmal wenige Stunden bin ich hier, doch schon fühle ich mich wieder heimisch. Zurück in einer indischen Komfort-Zone. Ich kenne die Gegend, weiß, was mich erwarten wird, wenn ich in Zukunft durch mein Viertel streifen werde, doch genau das ist es vielleicht, was ich will. Es war mein Plan nur anderthalb Wochen hierzubleiben und dann, für die letzten drei Wochen meines Aufenthaltes neue Orte zu entdecken. So ganz überzeugt bin ich davon jetzt nicht mehr. 

Es fühlt sich so an, als sei ich nie weggewesen. Im Endeffekt fange ich da an, wo ich aufgehört habe. Hyderabad und Ich haben bereits eine Vorgeschichte, die sich hier und jetzt fortsetzt.

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Und so hässlich und grau diese raue Arbeiterstadt auch sein mag und niemand sich gerne hierhin verschlägt, habe ich sie gern. Vielleicht genau deswegen. Weil es sonst niemand tut. 

 

 

Reiselust

Hin und her. Hierhin und dorthin. Von Ort zu Ort. Immer weiter und weiter. 

So hat sich das letzte Jahr angefühlt. Frisch aus Indien zurück und erneut von Zuhause aufbrechen. Ein neues Zuhause finden. Nach Weimar ziehen, sich innerhalb der Universität zurechtfinden und erst einmal gar nichts verstehen. Den Worten der Professoren lauschen, die versprechen, mich zu fördern, ich davon aber erst komplett überfordert sein würde. Doch ich sollte mich einfach neu erfinden lassen und das tat ich. Ich schleuderte mich neu in die Welt, startete ein Leben in einer 16er WG, begann bewusster einzukaufen, immer das dreckige Indien im Hinterkopf, ging auf Ersti-Partys, die mir zeigten, wie das Studentenleben in einer Kleinstadt laufen könnte. Und ich lief mit. Ich begann dieses Weimar als Wohnort zu akzeptieren, reiste aber immer wieder zurück in die Heimat, nach Berlin und jedes Mal wurde mir doch bewusst, dass die Großstadt mich doch mehr in ihren Bann zog. 

Ich fuhr nach Karlsruhe und nach Münster, blieb den „Freunden der Erziehungskunst“, die mich nach Indien entsandten, treu, ließ mich als Teamer schulen, sodass bald selbst zukünftige Freiwillige auf IHR Jahr vorbereiten konnte.

Ich absolvierte meinen ersten Studentenjob als Rettungsschwimmer in Jena, einer benachbarten Studentenstadt neben Weimar, übernahm Verantwortung und versorgte Wespenstiche mit Kühlpads. Schlimmeres blieb mir zum Glück erspart. Eigentlich war ich auch nicht ganz rechtmäßig hier, war mein Rettungschwimmerabzeichen vor drei Jahren bereits abgelaufen. Doch nahm man mich trotzdem auf und so saß ich im Juni am Beckenrand und verhinderte, dass Badegäste von eben jenem sprangen. Von Weimar brauchte ich eine Stunde dorthin und natürlich stets wieder zurück. Hin und her. Hin und her. Hin und her. 

Der Sommer war voll mit Reisen. Ich hatte einen Uni-Seminarkurs für Dokumentarfotografie belegt. Meine Aufgabe war es in ein kleines Provinzdorf in Thüringen zu fahren und eben jenes so zu fotografieren, dass, nach ein paar Mal, die Seele des Dorfes, anhand der Bilder, offengelegt werden sollte. Für mich ein Leichtes, dachte ich. In Indien hatte ich das doch gut geschafft. Doch Indien war nicht Thüringen, Deutsche waren keine Inder, Leichtigkeit wurde zu Schwerfälligkeit.

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Ein Jahr zuvor waren die Menschen zu mir gekommen, um fotografiert zu werden. Nun musste ich zu ihnen hingehen und daran scheiterte ich mit meiner Schüchternheit souverän. Es zeigte sich kaum jemand auf den Straßen und trotz insgesamt fünf Versuchen und jeweils einen Anfahrtsweg von vier Stunden, blieben die Menschen, dort wo sie waren. Unerreichbar. Thüringen war nicht Indien. Dokumentarfotografie war keine Reisefotografie. 

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Ich fuhr zur „Freunde-Kochschulung“ zum Bodensee, um mich zum nachhaltigen Kochteamer ausbilden zu lassen, um auf Freunde-Seminaren für alle anderen zu kochen. Ich lernte, Gruppen nachhaltig und ausgewogen zu ernähren. Am Bodensee war es idyllisch, wunderschön und ich glaubte, das ungeheure Heimweh verstanden zu haben, welches Merlin, mein Mitfreiwilliger und bester Freund, mit dem ich zusammen ein halbes Jahr in Indien gelebt hatte, die ganze Zeit verspürt haben musste, kam er doch von dort. 

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Dann kurz nach Berlin, um meinen Eltern zu helfen. Daraufhin ab ins tiefste Brandenburg aufs New Helling Festival. Am besten war dies als Hippie-Tantra-Yoga-Liebes-Festival zu beschreiben, von dem ich strahlend wiederkam, mit neuen Impulsen und viel Liebe im Herzen. Und wieder ging es für nur vier Tage zurück nach Weimar, um vom zweitgrößten Zimmer der WG ins Größte zu ziehen. Neun Leute würden zum neuen Semester ausziehen. Menschen, die mir im letzten Jahr unglaublich ans Herz gewachsen waren, doch neue Plätze gefunden hatten, die ihnen mehr zusagten. Ich begann Vermieteraufgaben zu übernehmen und Anzeigen auf die WG zu schalten, um neue neun Leute reinzuholen, was ich in diesen vier Tagen vervollständigte. Der Vermieter würde mir dafür später einen teuren Wein schenken, hatte ich ihm Arbeit abgenommen.

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Und während all dieser Zeit dachte ich an Indien und es war unmöglich, mit jemand Fremden nicht über dieses Jahr und meine Erlebnisse zu reden. Und während das Jahr verging, las ich mir immer wieder meine Blogeinträge durch und bald wurde mir schmerzhaft bewusst, wie lang es bereits her war, dass ich, zusammen mit Merlin und Skrollan ins Flugzeug gestiegen war, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. 

Im Juli las ich einen Blogeintrag meiner Nachfreiwilligen bei meiner ehemaligen Einsatzstelle, die beschrieb, dass sie nur noch 10 Tage in Indien hätte. Es war plötzlich ein Jahr vergangen, seit meiner Rückkehr. 

Und nun, wir schreiben den 1. September 2019, wiederholt sich die Geschichte. Ich fliege über Mumbai nach Hyderabad, dem Ganesha Festival, was mich vor zwei Jahren total begeistert hatte, entgegen. Nur für einen Monat. Aber das reicht mir, um wieder neue Kraft zu sammeln, die Sehnsucht und das Fernweh zu dämpfen. 

Ich bin kurz vor dem Check-In und erneut erwacht ein kleiner Funken Angst, den ich bereits vor zwei Jahren hatte. Die Komfort-Zone Deutschland zu verlassen ist gar nicht so einfach, trotz reichlicher Erfahrung im Rücken. Doch sie treibt mich vorwärts, durch den Flugzeug-Tunnel ins fliegende weiße Ungetüm. Immer weiter und weiter. Ich starte eine neue Reise. Und es beginnt, dort wo es schon einmal begonnen und geendet hat. Im Monsun-Regen zur Granatapfelzeit.