Wächter der Nachruhe

Mai 2022

„Fuck“, entfährt es mir. Ich schaue hinauf. Das riesige, einfarbige Gebäude, ragt vor mir in den schwarzen Nachthimmel auf und scheint sich auf mich zu stürzen. So, als ob es mich gleich fressen würde. In den meisten Zimmern brennt noch Licht. Laute, krächzende Stimmen hallen aus ihnen entgegen. Es fühlt sich so an, als würde mich das Haus aus voller Kehle anschreien und auslachen. Ich komme mir klein und unbedeutend vor und eigentlich würde ich gerade sehr gern im Boden versinken und nicht mehr wiederkommen. 

Auf beiden ebenerdigen Terrassen des Hauses sitzen an langen Tischen Menschen, unterhalten sich laut und aus dröhnenden Musikboxen tönen rhythmische Klänge. Ich atme tief ein und aus. Wie zur Hölle kriege ich all das in Griff?!

Ich stehe im Hof des Hostels. Es ist 22:30 Uhr und meine Nachtschicht hat gerade begonnen. Doch schon jetzt habe ich grausige Vorstellungen wie die Nacht verlaufen könnte.

Das Hotel ist zu 100% ausgelastet. Mit lauten Schulgruppen. Ich wurde von meiner Chefin dringlichst dazu verdonnert, die Nachtruhe, die ab 22:00 Uhr gilt, durchzusetzen. Protokoll soll ich auch führen, damit sie am nächsten Morgen weiß, was alles vorgefallen ist. Ihr ist durchaus bewusst, dass ich der falsche Mann für strikte und klare Anweisungen bin. Denn dafür bin ich leider „viel zu lieb“, wie sie es ausdrückt. Ich empfinde das tatsächlich eher als Kompliment, aber verstehe, was sie damit meint. Wirklich durchsetzungsfähig bin ich nicht. In dem Sinne ist es Zeit, dementsprechende Erfahrungen zu machen! Auch wenn das hier für mich nur ein Nebenjob zum Studium ist. Anderes Personal ist nicht da. Also gilt es, den Laden alleine zu schmeißen. Im Notfall habe ich immer noch die Möglichkeit, LehrerInnen wachzuklingeln, damit sie mit ihren Schützlingen ordentlich meckern können, doch die Möglichkeit habe ich noch nie gezogen. Sie wäre eine Chance, damit ich die Nacht in Frieden verleben kann, doch … ich weiß nicht, was mich daran hindert. Zu sehr möchte ich nicht die Petze sein, obwohl ich natürlich klar im Recht damit wäre. Schließlich muss die Hausordnung umgesetzt werden. 

Ich geselle mich zu der lautesten Gruppe bei den Tischen:

„Hey Leute, ich bin’s, der Typ von der Rezeption. Ihr könnt gerne noch hier sitzen bleiben, aber bitte macht die Musik aus. Es ist Nachtruhe.“ Schon bei meinen ersten Sätzen merke ich, dass ich den Menschen gegenüber zu sehr entgegen komme. Meine Chefin hätte die Gruppe direkt reingeschickt. Ohne einen Kompromiss zu finden. Ich hingegen bin mit einem Lächeln und einer freundlichen Körpersprache auf sie zugegangen.

 „Hallo!“ Niemand hört mich. Fängt ja gut an. 

„Naaaa! Wollen Sie sich dazu setzen? Wir haben hier noch Bier!“ Einer der Jugendlichen, dreht sich zu mir um. 

Nichts lieber als das. Wenn ich nicht gerade hier arbeiten müsste.

„Danke nein. Wenn ihr bis sechs noch hierbleibt, dann gerne. Ich finds ja schön, dass ihr Spaß habt, aber bitte macht die Musik aus!“ Dieses Mal haben mich alle gehört. 

„So?“ Fragt mich der Inhaber der Musikbox und dreht sie auf halbe Lautstärke. 

„Nein. Ganz aus“, sage ich genervt.

„Aber uns hört doch niemand.“ 

„Doch! Alle, die über euch in den Zimmern wohnen“, ich deute zur Veranschaulichung nach oben. 

„Die sollen am besten alle rauskommen. Voll langweilig hier. Bestimmt wollen die jetzt noch nicht schlafen“, gibt derjenige zu verstehen, der mir das Bier angeboten hat. 

Kurz bin ich ein wenig konsterniert über diese Aussage. Ich habe nicht erwartet, dass mir jemand auf diese Art Kontra gibt. Dann jedoch fasse ich mich wieder.

„Wie gesagt, bleibt gerne leise hier und macht die Musik aus. Sonst muss ich eure Lehrer in Kenntnis setzen.“ 

„Alles klar, Boss!“

Ich gehe rein und sehe eine lange Schlange an Menschen an der Rezeption. „Ja? Alles gut bei Ihnen“, frage ich und weiß im Grunde bereits was sie wollen. 

„Bestens! Wir hätten gerne ein frischgezapftes Bier!“ 

„Das dachte ich mir schon. Sehr gerne!“, grinse ich und arbeite in den nächsten zwanzig Minuten die Reihe an Wartenden ab. Währenddessen höre ich, dass draußen immer noch Musik gespielt wird. Immerhin kann ich von der Lobby aus den LehrerInnen, die hier noch sitzen, auftragen ein Auge auf ihre Kinder zu werfen. 

„Unsere sind leise“, meinen sie im beleidigten Unterton. Vor einer halben Stunde tönte auf allen Etagen noch großer Lärm auf den Vorplatz des Hostels herab, aber klar, die eigenen Kinder sind „selbstverständlich“ leise. Und dann beschweren sie sich am nächsten Morgen über die Lautstärke der anderen Gruppen. 

„Die sind dazu gar nicht in der Lage, laut zu sein. Sonst kommen die ja auch nie in den Genuss mal zu feiern. Sie gehen auf eine private Ganztagsschule. Die sind gar nicht dran gewöhnt, frei zu haben“, verkündet mir eine aufgedrehte Lehrerin. 

„Hmmm“, hierbei fehlen mir die Worte. 

Ich kann mich nicht zweiteilen und an beiden Fronten arbeiten. Wenn ich jetzt durchs Gebäude laufen würde, um Ruhe einzufordern, würde ich im Sekundentakt Anrufe auf mein Diensthandy bekommen, weil niemand unten die Rezeption und die Bar bedient. Es gibt nämlich noch viele andere, kleinere Probleme, die nur ich lösen kann. Beispiele gefällig? 

„Vorhin hat es ja richtig doll geregnet und unsere Fenster waren offen. Jetzt sind unsere Matratzen klatschnass.“

„Oh, wie blöd! Ich gebe euch ein anderes trockenes Zimmer, okay!“ 

„Wow, dankeschön!“ 

„Unsere Fernbedienung für den Fernseher hat keine Batterien. Kannst du uns welche geben?“

„Klar!“

„Der Getränkeautomat in der Lobby nimmt nur Kleingeld. Kannst du uns diesen 50 Euro Schein in Münzen ausgeben?“ 

„Kannst du uns die Gästeküche aufschließen? Wir wollten was kochen!“

„Kannst du uns noch Handtücher geben?“ 

„Dürfen wir noch Billard spielen?“  

„Nein, es ist Nachruhe.“ 

„Was? Haben wir gar nicht bemerkt. Wie siehts mit Tischkicker aus?“

„Sorry, das geht auch nicht.“ 

„Wir haben in der zweiten Etage eine Frau entdeckt, die ganz schön mieft. Wahrscheinlich hat sie hier kein Zimmer.“

„Was?! Och nö“, stöhne ich. Ich weiß wer das ist. Seit Monaten versucht eine obdachlose Frau sich ins Gebäude zu schleichen, damit sie in den Gängen eine friedvolle, warme Nacht verbringen kann. Einmal hat sie dies während einer meiner Nachtschichten auch geschafft. Am nächsten Morgen hat sie den Gästen dann einen riesigen Schreck eingejagt. Das darf nicht noch einmal passieren. Ich muss handeln. Ich schließe alles ab und nehme in Kauf, dass an der Bar immer noch Leute stehen, die etwas zu Trinken haben wollen. Zusammen mit den aufgeregten SchülerInnen, die mir diese Information zugesteckt haben, laufe ich in die zweite Etage und tatsächlich sitzt dort eben jene Frau und wippt im seichten Drogenrausch vor sich hin. 

„Ich muss dich darum bitten zu gehen. Wenn du kein Zimmer bezahlen kannst, darfst du hier nicht bleiben. Sonst rufe ich die Polizei.“ 

„Okay“, summt sie verträumt, steht ganz langsam auf, zieht von dannen und zieht eine Wolke an üblen Straßengeruch hinter sich her. 

„Danke Leute, ich gebe euch gleich ne Cola dafür aus“, sage ich zu den Jugendlichen. „Wenn ihr sie nochmal seht, gebt mir Bescheid.“ 

„Wow, danke, Bro!“ 

Ich atme aus und merke wie sich ein paranoides Hintergrundrauschen in meinem Kopf bequem macht. Jetzt muss ich alles doppelt und dreifach überprüfen, in der Hoffnung, dass die Frau sich nicht doch nochmal einschleicht. 

Selbst vom Treppenhaus aus höre ich, dass draußen immer noch Musik gespielt wird. Ich flitze genervt und gestresst hinunter. Als die Gruppe sieht, dass ich komme, wird die Lautstärke direkt gedrosselt und es wird hastig geflüstert: „Da kommt der Typ wieder. Psst“

„Das hilft euch jetzt auch nicht. Man kann euch selbst aus der zweiten Etage hören. Zu welcher Gruppe gehört ihr eigentlich?“ Ich merke, wie ein ungewohntes Gefühl sich in mir regt. Wut. Leider nur innerlich.

„Hä? 

„Auf welcher Etage wohnt ihr gerade? 

„Achso! Dritte Etage! Wir fahren morgen. Da verstehst du sicherlich, dass wir noch hier sind.“ 

„Aus eurer Sicht verstehe ich das, aber es ist inzwischen…“, ich schaue auf die Uhr. „Halb zwölf!  Seit anderthalb Stunden ist Nachtruhe. Ihr geht jetzt, sonst hole ich eure Lehrer.“

„Gut, wir rauchen noch schnell auf“, sagt jemand, der sich gerade eben erst eine Kippe gedreht hat. 

Ich will etwas erwidern, doch werde davon abgelenkt, dass in der ersten Etage sich Leute über die geöffneten Fenster Dinge zuschreien. 

„Fünf Minuten“, rufe ich der Gruppe zu und verschwinde wieder im Gebäude. Zeit für einen Rundgang durch die Etagen! Wie schön waren doch die Zeiten als das Hostel fast leer war und ich mit einer vereinzelten, lieben Schulgruppe die Nächte durchleben konnte und weniger konsequent sein durfte.

Nach einer guten halben Stunde habe ich alle fünf Stockwerke durch, mindestens sechs Zimmer ermahnt, leiser zu sein und gut ein Dutzend SchülerInnen aufgefordert überhaupt erst einmal in ihre Räume zu gehen. 

„Aber die da draußen sind doch auch noch laut“, erwidert ein Schüler aus Zimmer 324. 

„Darum kümmere ich mich jetzt. Kein Grund deswegen auch noch genauso zu sein“, sage ich kurz angebunden und bin schon auf dem Weg ins Treppenhaus. Dann jedoch stutze ich und drehe mich wieder der geöffneten Zimmertür zu. „Sagt mal, wann fahrt ihr eigentlich wieder nach Hause?

„Übermorgen. Wieso fragen Sie?“

„Gilt das für die gesamte Etage?“ 

„Ähh, ja?! Wir sind alle ein Jahrgang.“ 

„Das erklärt einiges. Danke!“ Ich lasse den verdatterten Jungen im Türrahmen stehen und renne die Treppen herunter zur Rezeption. In den Schulgruppenordnern suche ich die Unterlagen für die dritte Etage und blättere darin herum. Ich finde genau das, was ich bereits vermutet habe. Bingo! Schnell sprinte ich nach draußen.

„Ihr seid also auf der dritten Etage, ja?“ Frage ich die Jungs auf der Terrasse, die sich nach wie vor keinen Millimeter von ihren Plätzen entfernt haben. 

„Genau?“

„Und ihr fahrt morgen?“ 

„Ja?“ 

„Und wie heißen eure Lehrer?“ 

„Ähh…hmm. Ist mir gerade entfallen.“ 

„Dachte ich mir. Ihr seid gar keine Gäste vom Hostel.“

„Hää? Doch!“

 „Alle aus der dritten Etage fahren erst übermorgen. Ihr geht jetzt. Alle.“

„Aber….“ 

„Nichts aber! Ihr habt keine Befugnis auf dem Gelände zu sein. Ihr habt mich gerade eiskalt angelogen. Die Gäste vom Hostel wollen schlafen.“

„Gut dann gehen wir eben auf den Parkplatz.“ 

„Ihr geht ganz! Der Parkplatz gehört noch zum Hostel.“ 

„Digga, chill doch! Die meisten Leute sind doch eh noch wach.“

„Ja, wegen euch! Geht! Und macht die Musik aus! Ich will euch hier nicht noch einmal sehen.“, fauche ich. Und tatsächlich erheben sich nach kurzem Protest alle aus der Gruppe und laufen dem Ausgang entgegen. Ich stehe da, sie mit bösen Blicken beobachtend und balle die Fäuste zusammen, als sie ihre Musik bei ihrem Abgang noch einmal extra laut aufdrehen und zu jauchzen beginnen, damit wirklich alle mitbekommen, dass sie gehen. Warum haben sich diese Menschen überhaupt hierhin begeben? Hätten sie sich nicht woanders betrinken können? 

Das halbe Hostel schaut dieser Situation aus den Fenstern heraus zu. Schnell ziehen sich die meisten zurück, als ich mich erzürnt zu ihnen umdrehe. 

Irgendwann verschwinden die ungewollten, grölenden Gäste hinter einer Wegbiegung. Geschafft trete ich wieder hinter die Rezeption und atme erleichtert aus. Ausgelaugt und vor allem unfassbar wütend stapfe ich hin und her und versuche mich zu sammeln. Das war gerade zu viel des Guten. Doch nach einer gewissen Zeit stellt sich noch ein weiteres Gefühl bei mir ein. 

Stolz.

Ich habe es geschafft, eine Gruppe von Störenfrieden vom Gelände zu vertreiben. Allein. Würde ich das meinem schüchternen Vergangenheits-Ich erzählen; es hätte mich für irre erklärt. 

Schön, dass ich mich immer wieder neu kennenlerne. 

Allerdings ist es eher eine Art peinlich berührter Stolz. Ich möchte das ungern nochmal machen.  Definitiv bin ich kein Typ, der sich durchsetzen möchte. Das war ich noch nie. Stets auf der Suche nach Kompromissen und der bestmöglichen Lösung für alle. Damit kann ich tatsächlich eher leben, als mich auf Biegen und Brechen durchzusetzen. Dass ich dann in so einem Job falsch bin, ist mir durchaus bewusst. Lange werde ich das hier sowieso nicht mehr machen. Heute aber habe ich mich durchgesetzt. Das muss belohnt werden. Ich nehme mir eine Cola aus dem Kühlschrank,  fülle sie in ein Glas und füge noch zwei Eiswürfel hinzu. Eisig und guttuend läuft das Getränk meinen Rachen hinunter.

Für den Moment genieße ich (wenn auch unangenehm berührt) die eigens erkämpfte Stille. Doch als ich wieder auf den Hof hinaustrete, höre ich aus der zweiten Etage noch einiges an Lärm. Mit dem Fahrstuhl lasse ich mich dorthin fahren, und höre knarrende Türen auf und zu gehen, sowie einiges an Gelächter aus mehreren Zimmern. 

„Nicht mein Bier,“ stelle ich nüchtern fest. Zeit, um die geruhsame Nacht eines Lehrers ein wenig zu vermiesen. Ich zücke die Unterlagen der Schulgruppe und wähle die Nummer des Lehrbeauftragten. 

„…. Ja? Hallo?“,  kommt es schlaftrunken von der anderen Seite. 

„Hallo, hier ist die Rezeption. Tut mir leid, Sie zu dieser Zeit anzurufen, aber auf Ihrer Etage ist es leider noch sehr laut und es wird hier sehr oft das Zimmer gewechselt. Ich war schon vor einer Stunde hier, aber es hat sich nichts getan. Vielleicht sind Sie eher die Person, die im Stande ist, die Gruppe zu beruhigen.“

„Oh. Alles klar. Ich werde mir die Sache mal anschauen. Das ist mir sehr peinlich, tut mir leid“, meint der nun genervte Lehrer. 

„Kein Ding, Sie können ja nichts dafür. Ihnen eine gute Nacht.“  Ich lege auf. Hoffentlich hat dies was gebracht. In einer halben Stunde werde ich mehr wissen. Genüsslich nippe ich an meiner kalten Cola. Heute ist ein guter Tag für meine persönliche Weiterentwicklung. Auch wenn es natürlich nicht ideal ist, dass es gegen zwei Uhr Nachts noch Leute umherstromern, aber hey: Alles step by step. 

Ich schaue mich um und bemerke, dass die eigentlichen Aufgaben noch anstehen. Überall ungewaschene Biergläser, ein leerer Getränkekühlschrank und eine schmutzige Kaffeemaschine verlangen meine ungeteilte Aufmerksamkeit. Ich seufze, doch mir bleibt nichts anderes übrig, als anzufangen. Jedes Mal, wenn ich eine Aufgabe beendet habe, wandere ich durch die immer leiser werdenden Flure. Bald ist niemand mehr in der Lobby. Gegen drei Uhr nachts höre ich nur noch vereinzelt flüsternde Stimmen aus den Zimmern wispern, bis nur noch meine eigenen Schritte auf den Boden in meinen Ohren widerklingen. 

Alles schläft. 

In diesen Stunden mag ich das Hostel am liebsten. 

Die Momente in denen ich in die Stille hinein lausche und nur noch das Rauschen des Windes zu hören ist. Die Momente in denen alles so friedvoll und unschuldig im Schlafen liegt. Die Momente in denen selbst draußen kein Auto mehr fährt und ich mir vorkomme, als sei ich die einzige wache Person meilenweit; diese Momente sind zum Zerbrechen wertvoll. 

Ich trete vor die Türen des großen Gebäudes und schaue hinauf. Alle Lichter vom ersten bis zum fünften Stock sind erloschen. In tiefer Dunkelheit liegt es vor mir. Mit Ausnahme der Lobby und der Rezeption. Sie ist in warmes Licht getaucht und strahlt zu mir heraus. Manchmal erlebe ich in diesen Momenten eine Art Rückblick der vergangenen Stunden. Ich sehe mich hastig und gestresst hin und her laufen und Gäste bedienen. Menschen kommen und gehen. Sie tragen große Rucksäcke oder ziehen Rollkoffer hinter sich her. Manche kommen alleine. Andere in großen Gruppen, lachend und scherzend. Manchmal unterhalte ich mich mit einigen Personen, manchmal ziehen sie schnell weiter auf ihre Zimmer. 

Und dann, von der einen auf die andere Sekunde bin ich wieder im Hier und Jetzt. Da bin nur ich und der schlafende Hostelriese. Vielleicht höre ich daraufhin schon die ersten Vögel ihre Lieder singen und weiß, dass der Morgen bald grauen wird. 

Nachteule

März 2022

Und plötzlich sind sie alle sind fort. Niemand ist mehr hier. Da bin nur noch ich in der hell erleuchteten Lobby. Es fühlt sich komisch an, dass plötzlich nichts mehr zu hören ist. Nur das Rauschen und Klicken unterschiedlichster Geräte bei der Bar ist zu vernehmen. Draußen ist es dunkel, kein Auto fährt mehr über die Hauptstraße. Der Wind heult laut in den Fluren des Hostels und generische Pop-Musik dudelt leise aus den zwei Lautsprechern im Eingangsbereich. 

Ich atme geschafft aus und ich merke, wie mir die Müdigkeit in die Augen steigt. Nicht jetzt! Noch nicht! Ein Zug aus der Club-Mate-Flasche und ein rasches Kopfschütteln machen mich wieder halbwegs wach. Jetzt, da alle Gäste schlafen gegangen sind, ist noch viel zu tun. Der Rezeptionsbereich, die Bar und die Lobby müssen aufgeräumt werden! Wo fange ich an? Bei den dutzenden leeren Biergläsern neben der Spüle, die darauf warten, abgewaschen zu werden. Let´s go! Alles Schritt für Schritt. 

Nur nicht stehenbleiben. 

Glas für Glas tunke ich ins eingelassene Wasser, ehe ich sie alle zum Trocknen wegstelle. Während ich zum fünften Mal in dieser Nacht den selben nervigen Pop-Song höre, erstelle ich mir einen Schlachtplan für mein weiteres Vorgehen. Wenn ich hiermit fertig bin, werde ich die Stühle und Sessel in der Lobby wieder in ihre Ausgangsposition stellen und alles desinfizieren. Danach werde ich die Kaffeemaschine sauber machen und sie mit ausreichend Bohnen befüllen. Dann ist der Getränkekühlschrank dran. Er muss wieder mit Softgetränken und Bier aufgefüllt werden. Um ein Uhr nachts wird sich kein Gast mehr zeigen, der irgendetwas bestellen möchte. Hoffentlich. 

Mein Plan funktioniert ganz gut. Doch als ich die Kaffeemaschine sauber gemacht habe, höre ich tatsächlich wieder Schritte. Mehrere Menschen kommen aus dem Treppenhaus auf die Lobby zu. Oh nein. Ich hoffe, dass sie einfach nur vorüber gehen und sich sich nicht in die frisch desinfizierten Sofas fallen lassen. Dann muss ich später alles nochmal machen. Noch schlimmer: Wenn sie jetzt frisch gezapftes Bier bestellen, dann darf ich gleich nochmal alles abspülen. 

Eine junge Frau stellt sich an die Lobby, fünf gleichaltrige Männer folgen ihr. Ich setze ein Lächeln auf und geselle mich zu Ihnen: „Hey! Kann ich euch irgendwie weiterhelfen?“ 

„Ja, ich wollte fragen, ob es möglich ist, noch ein Getränk zu bestellen. Ich habe heute Geburtstag und wollte das irgendwie feiern. In Weimar ist ja sonst nicht viel los“, sagt das Mädchen auf Englisch. 

Kurz bin ich am Überlegen, ob ich ihr sagen soll, dass die Bar bereits geschlossen ist. Alles, was ich jetzt zusätzlich für diese Gäste mache, muss ich nachher wieder aufräumen. Und darauf habe ich erstaunlich wenig Lust. 

Aber worauf habe ich überhaupt Lust? Tja, gute Frage.

Definitiv auf Gesellschaft! Noch fünf Stunden alleine hier auszuhalten ist zäh und öde. Und diese Gruppe sieht tatsächlich sehr nett aus. Auch wenn dies am Ende einen Mehraufwand für mich bedeuten soll; egal!

„Klar“, sage ich. „Was kann ich dir und deinen Freunden bringen? Ich gebe dir einen aus!“

„Wirklich?“ Ihre Augen erhellen sich. Auch sie scheint nicht damit gerechnet zu haben, dass der müde aussehende Typ an der Rezeption ihr so entgegen kommt. 

„Natürlich. Du hast Geburtstag. Kann ich dir einen Mojito machen? Den kann ich mittlerweile wirklich gut.“ 

„Au ja, gerne! Für die Jungs bitte ein Desperados.“

„Kommt sofort“, rufe ich und drehe mich mit plötzlich wachen Schwung um. Mir kommt es vor wie eine Fügung des Schicksals, dass ich heute doch nochmal auf Menschen treffe. Und das beflügelt mich. Die Gruppe setzt sich an einen Tisch, währenddessen ich die Bierflaschen aus dem Kühlschrank nehme. Danach schneide ich eine Limette und beginne mit der Zubereitung des Mojitos.

Fünf Minuten später bringe ich den fertigen Cocktail und die Biere an den Tisch der jungen Leute. 

„Happy Birthday! Wie alt bist du geworden? 

„Oh dankeschön! Wie lieb“, freut sich das Mädchen. „Zweiundzwanzig.“ 

„Willst du dich zu uns setzen, Bro? Du siehst so aus, als könntest du etwas Gesellschaft gebrauchen“,  fragt einer der Männer. Er trägt einen breiten Schnurrbart und lächelt mich fröhlich an. 

Nichts lieber als das! Die restlichen Aufgaben schaffe ich später irgendwie noch. 

„Wo kommt ihr her, wenn ich fragen darf?“

„Belgien. Wir machen gerade eine Studienfahrt mit unserem Uni-Jahrgang. Morgen fahren wir nach Berlin weiter!“ 

„Oh, da komme ich her! Wie schön“, meine ich. 

„Okay, und wie kommt es, dass du dann hier in Weimar in einem Hostel arbeitest?“ Fragt mich das Mädchen. 

Gute Frage. 

Wie bin ich in diese Situation gekommen, mitten in der Nacht in einem Weimarer Hostel an der Rezeption zu stehen? 

Seit dreieinhalb Jahren bin ich jetzt in Weimar am Studieren. Gerade schreibe ich meine Bachelorarbeit und plane bereits wohin es für mich als Nächstes gehen könnte. In Weimar zu bleiben ist keine Option. Zu lange bin ich bereits hier, zu viel verbrannte Erde liegt hinter mir. Ich wohne immer noch in der großen 16er WG. Viele Geschichten sind hier passiert, zu viele, um sie hier zu erwähnen. Indien liegt lange hinter mir und ich weiß nicht, wann ich in den nächsten Jahren die Möglichkeit haben werde, zurückzukommen. 

Und seit knapp 10 Monaten habe ich einen Nebenjob. Ich arbeite im A&O-Hostel Weimar in der Nachtschicht von 22:00 Uhr bis 06:00 Uhr morgens. Warum ausgerechnet die Nachtschicht? Nun ja: Weil die Tagschichten anstrengender sind. In meinen ersten Monaten erlebte ich für mich wirklich miese Tage, mit endlosen Schlangen vor dem CheckIn, unfreundliche Gäste und wenig Pausen zwischen dem Weiterarbeiten. Ich hätte kündigen können, keine Frage, doch das war für mich keine Option. Selbst an dem Tag nicht, als ein älteres Ehepaar den Preis für ihr Zimmer nicht zahlen wollte, da sie im Internet einen anderen Preis gelesen hatten. 

„Wir bleiben hier so lange stehen, bis wir UNSEREN Preis zahlen. Ruf doch gerne die Polizei“, schimpften sie. 

„Aber der Preis, den wir bei uns im System vor Ort stehen haben ist der Richtige. Da kommt noch die Kultursteuer der Stadt Weimar oben drauf und ihr habt einen zusätzlichen Tag gebucht. Insgesamt ist es also etwas teurer“, versuchte ich sie zu überzeugen. 

„So eine Ungeheuerlichkeit“, echauffierten sie sich und blieben direkt vor mir stehen, während die Schlage hinter ihnen immer länger wurde. Ich war allein. Gestresst. Gerade erst in meiner Anfangszeit. Und ich rief die Polizei. Das erste Mal in meinem Leben. Wegen so einer Kleinigkeit. Für mich war das in diesen Momenten schwer zu fassen. Vorher dachte ich immer: „ Wenn ich die Polizei rufe, dann weil irgendwas richtig richtig aus dem Ruder läuft.“ 

Aber nicht wegen so etwas. 

Das Ehepaar hätte nur 15 Euro mehr zahlen müssen. 

Und während wir auf die Polizei warteten, wichen die beiden älteren Herrschaften nicht von der Stelle. Obwohl hinter ihnen viele andere Gäste einchecken wollten. Diese bediente ich nun am Rand der Rezeption. Ziemlich aufgelöst. Ich war keine Widerworte gewohnt und sie hier in diesem Kontext zu erleben war …seltsam bis schwierig. 

Die Polizei kam und war die ganze Zeit auf meiner Seite. 

„Sie wissen schon, dass es NUR 15 Euro sind, die sie extra bezahlen müssen? Beschweren Sie sich ersthaft gerade wirklich darüber?! “ Fragte ein genervter Beamter. 

„Aber das mussten wir in Frankreich nicht“ warf die Frau ein. 

„Frankreich, Frankreich! Wir sind jetzt hier in Weimar. Da sind die Gesetzmäßigkeiten eben anders.“

„Daheim schreibe ich das in die Zeitung! So eine Frechheit!“ 

„Entweder zahlen Sie jetzt oder gehen. Der junge Mann hier hat schließlich nicht ewig Zeit.“ 

Und irgendwann zahlten sie. Mit erheblichem Protest. Aber sie ließen mich wieder in Frieden. Die Schlage an Wartenden war in dieser Zeit jedoch nicht kürzer geworden und so arbeitete ich an diesem Tag von 15:00 Uhr bis 23:00 Uhr durch, ohne Pause, nur mit einem Energy-Drink bewaffnet. 

Daheim fiel ich völlig fertig ins Bett und träumte von ewig währenden CheckIns. Ich konnte mir nicht vorstellen, am nächsten Tag wieder hinter der Rezeption stehen zu müssen. Lange brauchte ich, um mich dafür zu motivieren, doch zu gehen. Dieses Mal war alles wieder gut. Und ich blieb weiter im Hostel. 

Ab dem Punkt hatte ich schon zu viel Emotionen und Herzblut in die Arbeit dort gesteckt, dass es sich falsch anfühlte, jetzt zu kneifen. Ich war gekommen, um zu bleiben. Für eine gewisse Zeit. Es ging hier ums Prinzip. Um die Erfahrung. 

Nach diesen nervenaufregenden Tagen ging ich in die Nacht. Ähnlich unerfreuliche Erlebnisse konnten mir hier nicht passieren.

Und mein Plan ging erfreulicherweise auf! Hier erlebte ich – gerade im Winter – schöne Begegnungen mit vereinzelten Schulklassen. Sonst war das Hostel leer. 

Und genau dafür hatte ich überhaupt in einem Hostel angefangen zu arbeiten. Wegen der Erinnerungen an niedliche, indische Backpacker-Hostels und den vielen, lieben Menschen vor Ort. Wegen der Gespräche zwischen Reisenden. Wegen der Magie der Zwischenmenschlichkeit. 

Auch wenn der Tag danach durch matte, kraftlose Trägheit geprägt war und es viel Kraft benötigte, sich überhaupt aus dem Bett zu rollen, war ich zur Augenringe tragenden Nachteule geworden. Zu einer lieben Nachteule. Zu jemanden, der es im Gegenteil zu seinen anderen KollegInnen genoss, dass Gäste bis spät in die Nacht in der Lobby blieben. 

Ich ließ es zu, dass von Weimar gelangweilte SchülerInnen, die in dieser Stadt Goethe und Schiller besuchen mussten, länger außerhalb ihre Zimmer bleiben durften, solange sie nicht zu laut waren.

Damit waren viele anfangs total überfordert. Ich war kein genervter Spaßverderber, der Jugendliche nicht leiden konnte und den sie leicht aus der Fassung brachten wollten. Das konnte und wollte ich nicht. Solange sie die Nachtruhe einhielten, waren wir in diesen Nächten Gleichgesinnte auf der Suche nach Verbindung und Sinn. In diesen Nächten schielte ich immer wieder zu der Lobby-Überwachungskamera herüber, in der Hoffnung, dass meine Chefin den Inhalt nicht einsah und bemerkte, dass SchülerInnen gegen drei Uhr nachts noch auf den Fluren waren. Ich fühlte mich gleichzeitig schuldig und nicht. 

Aber wie sollte sie mir daraus einen Strick drehen? Das Gebäude war ja kaum gefüllt, nur wenige Zimmer von außen erleuchtet. Und so beflügelten mich die Begegnungen mit den unterschiedlichsten Gestalten in dieser Zeit. Sie verdeckten die recht eindimensionale unkreative Arbeit, die ich zu leisten hatte. 

Erst relativ spät verstand ich überhaupt, wie wenig der Job mich intellektuell und kreativ herausforderte. Dennoch verband er mich seelisch mit den Menschen, die mich teilweise bis vier Uhr nachts begleiteten. Auch, wenn alle Gäste früher oder später wieder verschwanden; in der Nacht waren wir alle gleich. 

„Ich studiere hier und wollte mich ausprobieren. Für meinen Master werde ich hoffentlich wieder nach Berlin kommen können“, antworte ich auf die Frage. Für den Moment halte ich es mit der Kurzfassung. 

„Und wie ist das so, in der Nacht zu arbeiten? Das ist doch bestimmt langweilig“, fragt mich einer der belgischen Jungs. 

„Ja und nein. Ihr seid ja jetzt hier“, grinse ich. Die Gruppe lacht. Wir verstehen und unterhalten uns gut. Noch mehrfach werde ich den Jungs ein Desperados holen und dem Geburtstagskind noch einen weiteren Mojito ausgeben. Verstohlen nippe ich an ihrem Glas, als sie es mir herüber schiebt, als ich erzähle, dass ich meine eigenen Cocktails noch nie probiert habe. Schmeckt tatsächlich ganz gut. 

Die Studierenden erzählen mir von Belgien und ihren Reisen und ich berichte ihnen von den meinen. Falls es mich irgendwann nach Brüssel verschlägt, bin ich herzlich eingeladen, mit ihnen die Stadt unsicher zu machen. Scherzend und lachend verbringen wir einen Teil der Nacht. Gemeinsam. Bis dem Ersten fast die Augen zufallen und sie beschließen schlafen zu gehen. 

„Danke für alles“, brabbeln sie und schwanken ein wenig betrunken dem Aufzug entgegen. 

Und plötzlich sind sie alle sind fort. Niemand ist mehr hier. Da bin nur noch ich in der hell erleuchteten Lobby. Es fühlt sich komisch an, dass plötzlich nichts mehr zu hören ist. Nur das Rauschen und Klicken unterschiedlichster Geräte bei der Bar ist zu vernehmen. Draußen ist es dunkel, kein Auto fährt mehr über die Hauptstraße. Der Wind heult laut durch die Flure des Hostels und generische Pop-Musik dudelt leise aus den zwei Lautsprechern im Eingangsbereich…..

Schritt für Schritt

Ich laufe. Und laufe. Und laufe. Immer weiter. Schritt für Schritt, so weit mich meine Beine noch tragen. Rechts neben mir liegt das Meer. Wellen branden an das schneebedeckte Ufer. Links erhebt sich ein steiler Abhang. Vereinzelte Bäume ragen gefährlich über die Böschung. Und dazwischen bin ich und der Strand. Seit Stunden laufe ich geradeaus. Vor mir nichts als Sand, Wasser und ein riesiger Felsen, der einfach nicht näher kommen will. Ich habe Hunger und meine Füße schmerzen. Kein Wunder. Erst gestern bin ich 40.000 Schritte gelaufen und heute habe ich vor, diesen Rekord zu brechen. Gar nicht so einfach. Gestern war es nicht geplant, so lange zu laufen. Es hatte sich einfach so ergeben, immer weiter zu gehen, ehe ich nach vier Stunden feststellte, dass es bereits dunkel sein würde, lief ich jetzt zurück. 

Mein Ziel ist die Seebrücke von Koserow. Ich bin in Heringsdorf losgelaufen und muss langsam feststellen, dass es sehr gewagt war, 17 Kilometer hin und zurück ohne Essen und nur mit kaltem Wasser durchzuhalten. Doch ich kämpfe. Ich kann nicht einfach abbrechen, ohne dass ich meine gesetzte Endstation gesehen habe. Gestern hat es doch auch funktioniert. Einfach auf andere Gedanken kommen, nicht zulassen, dass ich ständig an den Weg vor mir denke. 

Und so versuche ich mich darauf zu konzentrieren, wohin mich mein Leben seit geraumer Zeit führt. Das mache ich öfter. Seit Indien schreibe ich Briefe an mein ein Jahr älteres Ich, um die Gedanken und Gefühle zu speichern, die da kommen und gehen. Jedes Mal bin ich berührt von dem, was Vergangenheits-Leo geschrieben hat.

Und nun versuche ich mir eine große Übersicht zu zeichnen. Zeit habe ich schließlich. Wie verrückt doch das Leben seit diesem Jahr Indien gespielt hat. Ich bin in eine 16er WG in Weimar gezogen, anfangs noch unsicher, wohin ich überhaupt gehöre. Ich habe ein Jahr gebraucht, ehe ich für mich ansatzweise die Schnittstelle in dieser großen Gemeinschaft gefunden habe. Menschen sind ausgezogen, Menschen sind eingezogen. Und wieder verging ein Jahr, wieder gingen Personen, die zu Freunden geworden waren und Neue kamen. Plötzlich war dort diese Pandemie und ein erster Lockdown, den ich bei meinen Eltern verbrachte. Und dort stellte ich fest, dass ich immer mehr meine Kindheit und Jugend in Weimar aus den Sachen gewaschen hatte und träumte davon, in die WG zurückzukehren. Als ich wiederkam und sich ein verrückter, neuer Normalzustand etablierte, verstand ich erst, was es hieß, zu studieren. Es hatte drei Semester gebraucht, ehe ich anfing zu begreifen, dass Uni nicht wie Schule war und ich entwickelte mich für die nächsten anderthalb Jahre zum Workaholic. Corona machte es möglich, dass ich mir einen strukturierten Plan zu Hause machen konnte. Es es fühlte sich gut an. So unfassbar gut. Es war mir nie in den Sinn gekommen, dass ich jemand war, der in Flow-Momente reinstoßen konnte, währenddessen man Platon-Texte laß. Oft schüttelte ich den Kopf, verblüfft über mich selbst. Was tat ich hier? Zu der Zeit hätte ich in Indien sein können, hatte sogar für drei Monate eine weitere Reise gebucht, hätte meinen Flow während des Reisens haben können, aber … nein. Ich las und schrieb und tüftelte, hielt Zoom-Vorträge, kochte während Online-Seminaren mein Mittag, währenddessen ich nur mit halbem Ohr zuhörte und genoss meinen neuen Alltag, der selbst vor dem Wochenende nicht halt machte. Jeder Tag gehörte bis 18:00 Uhr vollständig der Uni. An manchen Tagen sogar länger. Danach ließ ich mich von der wunderschönen Gemeinschaft der WG treiben. Jedoch mussten dennoch 10.000 Schritte am Tag sein und so machte ich mittags und abends Spaziergänge durch den Park und diese waren wohl dafür zuständig, dass ich nicht komplett in der Wohnung unterging. 

Und dennoch erlebte ich Neues. Ich ließ mir das erste Mal in meinem Leben nicht von einem Friseur die Haare schneiden, sondern ließ Jessi und Anneke an meinem Kopf. Vorher unvorstellbar, ließ ich während der Schulzeit nur eine einzige Friseurin zu und auch in Indien gab es nur einen heruntergekommenen Laden, den ich dazu auserwählte. Plötzlich aber konnten sich alle ausprobieren. Ich legte Teile meiner seltsamen Eitelkeit ab und genoss es, das Versuchskaninchen zu sein. Nur einmal, während es Phillip versuchte, fühlte ich mich dezent unsicher. So ging es Phillip aber auch, hatte er vorher noch nie versucht, Haare zu schneiden. Dennoch ließ ich ihn, ehe er an jemand Geübteren abgab, weil … ich ihm vertraute. 

Auf einmal war da Überzeugung in meinem Leben, dass alles irgendwie gut gehen würde und ich ließ Dinge zu, die vor wenigen Jahren noch unvorstellbar gewesen wären. Und das schenkten mir auch die anderen. Phillip selbst fragte mich nach seiner Aktion, ob ich mich nicht einmal bei seiner Frisur versuchen könnte. 

„Hmm, ich weiß nicht. Ich hab das noch nie gemacht. Zwei linke Hände und so.“

„Leo, du schaffst das. Ich glaub an dich.“

„Damit bist du aber der Einzige.“ 

„Du machst das schon.“ 

Und so holte ich meinen Rasierer und machte und tat. Zum Glück waren es nur die Seiten, die ich schneiden musste. Und es funktionierte. Vollkommen baff, staunte ich über mich selbst. 

„Sag ich doch“, grinste Phillip und besah sich positiv gestimmt im Spiegel. „Kannst du beim nächsten Mal gerne nochmal machen.“ 

Und diese Aktion ist für mich beschreibend für den liebevollen Umgang in dieser WG. Klar, manchmal kompensiert dieses Gefühl, nicht die Unzufriedenheit über die teils sehr ramponierte, unordentliche Küche, aber dennoch habe ich fest vor, zusammen mit Jessi, Lilli und vielleicht einigen anderen in ein paar Monaten mir ein Tattoo einer Biene stechen zu lassen. Wir leben direkt neben einem Bienenmuseum. Deswegen. Die Biene für dann inzwischen dreieinhalb Jahre 16er WG.

Ab Mitte 2021 verlor ich mein Workaholic-Dasein. Mein Studium war fast vorbei. Es gab weniger zu tun und das setzte mir tatsächlich sehr zu. Ich hatte meinen Flow gefunden und wieder verloren. Zwar fand ich einen Job im Hostel und erlebte dort einige Auf und Abs, blieb jedoch, weil … ja warum eigentlich? Ich arbeitete in der Nachtschicht. 22:00 Uhr – 06:00 Uhr morgens. Der Tag danach war stets voller Müdigkeit, aber dennoch habe ich mich jetzt ein halbes Jahr dort durchgebissen, Schweiß und Tränen investiert und glaube auch hier angekommen zu sein. Und wenn ich das bin, dann holt mich dort nichts so schnell weg. Auch wenn ich es für mich nicht ganz eingestehen will und lieber der Typ wäre, der schnell ankommt und schnell wieder loslassen kann, brauche ich meine gewissen Komfortzonen und Menschen, die mich inspirieren und motivieren. Eine Erkenntnis aus diesem Jahr ist für mich, dass ich es nicht schaffe, Menschen nicht zu mögen. Das zerstört mich eher selbst, anstatt dass mich die Abneigung ereifert. 

In dieser Zeit, in der ich weniger Zeit für die Uni aufbrachte, wusste ich nicht recht, wohin mit mir. Und während einer eher zwangvollen Meditation, die eher aus dem Wunsch des Zeitvertreibs und nicht dem Ziel der Gedankenleere passierte, sprach die Meditationsleiterin davon, sich einen Strand vorzustellen und diesen mitsamt Meeresrauschen in sein Herz zu lassen. Danach war ich tatsächlich … beseelt und zufrieden. Das Meer habe ich schon immer sehr gemocht und als Kind war ich jedes Jahr fast immer zwei Mal dort gewesen. Und dann begriff ich, was ich brauchte. Ich hatte mehrere Jahre keine „wirkliche“ Auszeit mehr genommen und besaß nun tatsächlich auch das Geld dazu. Spontan geschah es also, dass ich mir ein Wochenende auf Usedom der mecklenburgischen Ostseeinsel buchte. Allein der Prozess des Buchens entfachte ein Flackern in meinen Augen. Ich würde die Ostsee wieder sehen. Nach fünf Jahren. Meine Reise musste alleine passieren. Jemand anderes sollte nicht mitkommen. Diesen Schritt brauchte ich. Außerdem war mein Leben ja sonst so voll mit Menschen. Da war es vollkommen okay, für einige Tage alleine zu sein. 

Zusätzlich befreite ich mich damit aus einem Tief, auf der Stelle zu tappen. Ich begriff, dass meine Spontanität mich zu neuen Orten und Menschen bringen konnte und so wurde es mein Vorsatz, noch in den letzten zwei Monaten 2021 viel mehr auf meine Intuition zu hören und „meine Reise“ selbst zu gestalten. Hier ging es vor allem darum, dass diese eine bestimme Stimme, die eines Handlesers namens Uday aus Varanasi noch in meinem Kopf spukte. 2018 hatte er mir vorhergesagt, dass mein Leben mit 24 erst wirklich beginnen würde. Und irgendwie hatte ich – gerade nach meinem Sinn bringenden Workaholiker-Leben – die Prophezeiung so verquer verstanden, dass ich bis August 2022 – dann werde ich 24 –  auf die Veränderung warten müsse. 

Nun begriff ich, dass die Veränderung jetzt schon passieren sollte und ich ruhig schon auf die 24 hin arbeiten könne. 

Ich stolpere über eine Sanderhöhung, kann mich aber noch fangen, ehe ich stürze. Soeben habe ich mich gewaltig erschreckt, denn mit lautem Knattern und qualmenden Auspuffen sind drei Motorräder im Affenzahn an mir vorbeigesaust. Sie verschwinden bereits jetzt am Horizont, so schnell rasen sie den Strand entlang. Sie haben mich aus meinen Gedanken gerissen. Könnte ich nur so rasch wie sie sein, dann wäre ich innerhalb von fünf Minuten an der Seebrücke. So muss sich Freiheit anfühlen. Ich schaue auf mein Handy. Drei Kilometer und 4000 Schritte mehr, seitdem ich beschlossen habe, nachzudenken. Nicht übel. Dennoch kann ich es mir nicht verkneifen, auf Google Maps zu schauen. Die Seebrücke liegt noch sieben Kilometer vor mir. Dabei bin ich schon 10 Kilometer gelaufen. Ich stapfe schneller durch den Sand, mein Gang erinnert eher an ein Humpeln. Meine Füße schmerzen, die Blasen an ihnen will ich mir gar nicht vorstellen. Den Gedanken, all das auch wieder zurückzulaufen, lasse ich nicht zu. Vorerst zumindest nicht. Ich vertiefe mich in ein Harry-Potter-Hörspiel, in der Hoffnung, dass die Zeit dadurch schneller vergeht. Noch einmal rasen die drei Motorräder an mir vorbei. Dieses Mal in die andere Richtung. Wahrscheinlich sind sie bis zum Ende der Insel gefahren und jetzt wieder zurück.

Es beginnt zu dämmern. Noch immer kann ich diese blöde Seebrücke nicht sehen. Das bringt mich tatsächlich an den Rand der Verzweiflung. Würde ich sie wenigstens irgendwo am Horizont erspähen, dann wüsste ich, worauf ich zulaufen würde. Das war gestern noch meine Taktik; zu bestimmten gesetzten Zielen in unmittelbarer Entfernung laufen und dann weiter. Doch sich einen Punkt auf der Karte zu suchen, den ich nicht sehe, ist Gift für meine ermattende Ausdauer. 

Nur noch ein bisschen. Und noch ein bisschen. Ein kleines Stückchen. Doch dann ziehen mich meine Beine gegen Boden und ich lasse mich am Rande der Dünen fallen. Es geht nicht mehr. Da sitze ich, die Beine ausgestreckt. Fix und fertig. Ich werde umkehren und wieder zurückgehen. Doch statt über diese Erkenntnis traurig zu sein, fühlt es sich unfassbar gut an, diese Entscheidung zu treffen. Warum? Ich denke kurz darüber nach, doch da ist nichts übrig zum Denken. Zurückzugehen ist alternativlos. Ich habe alles gegeben und mich verausgabt. Ich habe meine Flow-Momente aufgebraucht. Und es wird schon dunkel. Zusätzliches Argument von außen. 

Dass mir meine Entscheidung von meinem Körper abgenommen wird, macht mich glücklich. Diese Art der Möglichkeit hatte ich bisher noch nicht und diese Neuheit bringt mich zum Lächeln. Alles für die Erfahrung. Irgendwann kann auch der Körper schlappmachen, auch wenn die Gedanken weiter wollen. Der Heimweg wird anstrengend genug. So sitze ich da, bis mir kalt wird, raffe mich auf, atme tief durch und setze die ersten Schritte zurück. 

„Step by Step. Weiter. Nicht stehen bleiben“, sage ich mir immer wieder. Die Zeit vergeht zäh. Von Außen muss es lustig aussehen, wie im Halbdunklen eine humpelnde, murmelnde Gestalt mit Mütze und Kapuze über dem Kopf, um sich vor dem Wind zu schützen, vor sich hinläuft. Die Wellen des Meeres rauschen in meinen Ohren und treiben mich weiter. Inzwischen bin ich der Einzige, der noch auf den Beinen ist. Da bin nur ich, das Meer und die Möwen, die sich auf dem Wasser treiben lassen.

Jetzt sehe ich meine Zwischenziele wieder vor mir oder weiß zumindest, wo sie sich auf meinem Abschnitt befinden. Das mindert die Tatsache jedoch nicht, dass 14 Kilometer zwischen mir und meiner Unterkunft liegen. Knapp 20.000 Schritte. Und ich habe nicht vor, sie mit anderen Verkehrsmitteln zurückzulegen. Eine Pause werde ich einlegen, wenn ich zu diesem kleinen Tisch am Rand der Dünen komme, bei dem ich vor einigen Stunden noch Fotos gemacht habe. Doch dieser liegt noch mehrere Stunden weit entfernt. Ich beiße die Zähne aufeinander und laufe und laufe. Minute für Minute vergeht in dem nichts anderes passiert, als den Einen vor den Anderen zu setzen. Manchmal komme ich aus dem Tritt und dann kommt es mir so vor, als hätte ich das Laufen verlernt. Macht man das so richtig? Vielleicht? Keine Ahnung. Funktioniert aber. Immer wieder halte ich an, um den halben Ostseestrand aus meinen Schuhen zu befreien. Bitterkalter Wind weht mir ins Gesicht. Ich vergrabe es noch tiefer in meiner Mütze und ziehe meine Kapuze an den Schnüren zusammen. Mantraartig säusele ich mein „Step by Step“-Singsang hernieder und vertiefe mich in weitere Abenteuer von Harry Potter, Ron Weasley und Hermine Granger. Bis diese auch irgendwann langweilig werden. Ich mache mir eine Pro-Contra-Liste, ob ich noch einen Tag beim Hotel verlängern sollte und beschließe meinen Aufenthalt tatsächlich um einen Tag zu verlängern, um morgen einen entspannten Tag in der Ferienwohnung zu haben. Auch, um mich von dieser Wanderung auszukurieren. 

Meine Füße sind schwer, mein Rücken schmerzt. Warum habe ich nochmal meine schwere Kamera mitgenommen, deren Akku nach vier Fotos leer gegangen ist? Ich schimpfe laut über meine eigene Dummheit, sie nicht aufgeladen zu haben. 

Stunden vergehen. Und dann kommt der kleine Tisch mit der süßen Bank endlich in Sicht. Mit einem lauten Ausatmen lasse ich mich auf sie fallen und strecke die Beine aus. Oh mein Gott, tut das gut zu sitzen! Ich ruhe mich aus, blicke schwer atmend auf das dunkle Wasser vor mir und kurz kann ich mich entspannen. In diesen Momenten sehne ich mich nach Musik. „The Road – Parra for Cuva Remix“ von Thylacine wird über den Strand getragen. Ein für mich sehr intensiver, instrumentaler Song, den ich mir oft in meinem Zimmer anhöre, wenn es dunkel ist und mein Sternhimmelprojektor die Wände beleuchtet.

Dieses Lied hat die passende Stimmung für Sternhimmel-Abende. Und während die ersten Sekunden laufen, überzieht sich mein Körper mit einer Gänsehaut. Es tut so gut, ihn gerade jetzt zu hören. Ich vertiefe mich in das Lied und stelle fest, dass mich gerade absolut keine Gedanken umtreiben. Da ist sozusagen eine angenehme Leere, nur die Gegenwart, das Lied und die Wellen, die ans Ufer schlagen. Das fühlt sich gut an. Nach Zufriedenheit und … Glück? Ja, das ist tatsächlich Glück. Ich habe noch mehr als anderthalb Stunden Weg vor mir und ich bin derbe kaputt, aber mein „Bis-an-die-Grenzen-gehen“ macht mich glücklich. Dieser Zustand an nichts zu denken, fühlt sich ziemlich meditativ an. Vielleicht ist das die Art von Meditation, die mich erfüllt? Wenn ja, dann ist sie äußerst schwer zu erreichen und offensichtlich mit einiges an Schmerzen verbunden. So sitze ich auf der Bank – in meiner Song-Schmerz-Meditation – und bin einfach nur da. Bis das Lied endet und ein anderes beginnt, das mich nicht so sehr erfüllt. 

Ich beschließe weiterzugehen, auch wenn es mir schwerfällt. Doch ich motiviere mich, in dem ich mir ein Glas Rum-Cola verspreche, wenn ich später in der Lobby sitze.

Das gibt mir neuen Ansporn und so kämpfe ich mich den immer-graden Weg entlang. Doch es ist eine andere Art von Kampf, die ich jetzt führe. Es ist ein …zufriedener (??) Kampf. Ein Akzeptieren des Schmerzes in den Füßen. Ich weiß, dass mich dieser Weg bis jetzt erfüllt hat und dass ich nun was zum Erzählen habe. Eine Geschichte, die es sich lohnt, festzuhalten. Und plötzlich erwacht in mir wieder dieses Gefühl, dass ich so oft in Indien hatte. Ich nenne es mal das „Dringend-das-gerade-Erlebte-zu-einem-Blogbeitrag-umzuschreiben-Gefühl“. Ist noch etwas sperrig, die Beschreibung, ich weiß.

Es kitzelt mir bereits in den Fingern, einfach drauf loszuschreiben. Selten in den vergangenen Jahren hatte ich dieses Bedürfnis. Das es jetzt wieder da ist, erinnert mich daran, definitiv mehr spontanen Eingebungen zu folgen. Und ich laufe und laufe und laufe. Immer weiter und weiter. Schritt für Schritt, so weit mich meine Beine noch tragen. Links neben mir liegt das Meer. Wellen branden an das schneebedeckte Ufer. Rechts erhebt sich ein steiler Abhang. Vereinzelte Bäume ragen gefährlich über die Böschung. Und dazwischen bin ich und der Strand …

Fundraising für Adivasi-community im Kampf gegen Covid-19

Long time, no see! Willkommen zurück auf diesem Blog. Ewig ist hier nichts mehr passiert! Aber nun möchte ich die Reichweite, die ich hier habe, nutzen, um meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien zu helfen. Dhaatri braucht Hilfe. Oder besser gesagt: Die Menschen, um die sich die NGO kümmert, brauchen sie. Ein kurzer Recap: Dhaatri Trust ist eine gemeinnützige NGO, die mit Adivasi-Ureinwohnern und mit Partnern in ganz Indien zusammenarbeitet. Man kooperiert mit Stammesgruppen wie den Gonds, Bhils, Patelia, Khonds, Koyas, Oraon, Munda, Barela, Kurukh und anderen Stämmen.

In den vergangenen Jahren habe ich insgesamt 13 Monate bei Dhaatri gearbeitet und viel über die Adivasi gelernt, mit ihnen gelebt und und viel Güte erfahren. Durch jene Menschen in den Dörfern habe ich begriffen, was Nächstenliebe und Barmherzigkeit bedeuten kann. Auch habe ich gesehen, dass die Menschen hier mit vielen Probleme konfrontiert sind. Wasserknappheit, Religionseinschränkung, zu viel Müll; das sind nur einige dieser, mit denen die Bewohner der Stämme leben müssen. 

Doch nun kommt auch noch Covid-19 dazu. Aus Indien kommen schockierende Meldungen von mehr als 400.000 Neuansteckungen pro Tag und Krankenhäuser können die tägliche Flut an neuen Kranken kaum noch aufnehmen. In Großstädten wie Delhi und Mumbai ist die Situation sehr schwierig zu kontrollieren und so ist es kein Wunder, dass die ländlichen Gebiete Indiens ebenfalls stark betroffen sind. Und hier versucht, Dhaatri zu helfen. 

Da die zweite Welle von Covid-19 sehr schnell in abgelegene ländliche und Stammesgebiete in Indien eindringt, wird die NGO mit immer mehr Aufforderungen zur dringenden medizinischen Hilfe von Adivasi-Gemeinden konfrontiert. Das Stammes-Indien ist einer ernsthaften Krise ausgesetzt, da oft Wanderarbeiter in die Dörfer zurückkehren und die medizinischen oder Infrastruktureinrichtungen schlecht gerüstet sind, um mit der großen Zahl an Menschen fertig zu werden, die krank werden und in die primären Gesundheitszentren eilen. Die Überbelegung dieser Krankenhäuser birgt ein großes Risiko der Übertragung durch die Gemeinschaft, während die medizinischen Einrichtungen schlecht und die medizinischen Teams überlastet sind. Da die heutigen Adivasi-Gemeinden unter schwerer Unterernährung, Tuberkulose, Armut und Landlosigkeit leiden, ist die Anfälligkeit für Infektionskrankheiten besonders bei den besonders gefährdeten Stammesgruppen (PVTGs) sehr hoch.

Dhaatri Trust in Hyderabad als zivilgesellschaftliches Netzwerk, das mit Adivasi-Gemeinden in verschiedenen Bundesstaaten mit Partnern vor Ort zusammenarbeitet, hat in diesem Covid-Notfall ein Fundraising-Projekt initiiert. Es sollen die Adivasi-Gemeinden bei der Einrichtung eigener Community Covid Support Center unterstützt werden, in denen Isolations- und Quarantäneeinrichtungen auf Dorfebene, medizinische Grundversorgung, Vorsichtsmaßnahmen der Gemeinde und das öffentliche Bewusstsein für Covid-Protokolle und Impfungen von den örtlichen Dorfräten und Jugendlichen geleitet werden. Dhaatri appelliert an alle, dabei zu helfen, diese Zentren so schnell wie möglich einzurichten. Es wird dringend medizinische Grundausstattung für jedes Dorf benötigt, die eine Reihe von Vitaminpräparaten, Hygienematerial, Testkits und Infografiken in lokalen Adivasi-Sprachen enthält.

In diesem Sinne wäre es wunderbar, wenn ihr genau dafür einen kleinen Betrag spendet, damit die Vielfalt der Stammesbewohner, fernab der großen indischen Metropolen, erhalten bleibt. 🙂

Hier ist der Link, der zum Fundraising-Projekt führt. Vielen lieben Dank!

#stayathome

Anfang Februar 2020

Ich sitze zusammen mit Emily im Gemeinschaftsflur der WG. Es ist bereits abends, von der oberen Etage steigt, wie jeden Tag, ein verführerischer Bacon-Geruch nach unten. Lars kocht wohl seine Portion Nudeln mit angebratenem Gemüse und Schinken, wovon andere Leute hier drei Tage lang dran zehren würden. Er jedoch braucht die Kalorien, arbeitet und trainiert er jeden Tag im Fitnessstudio und isst seine, sich in einer großen Schüssel befindende, Mahlzeit jeden Abend komplett auf. Der Geruch erinnert mich an unser Ritual spätestens um 21:00 Uhr zusammen in mein Zimmer zu gehen und eine Serie zu schauen. Heute haben sich sieben Leute dazu bereit erklärt mitzumachen.

„Schon eine Idee, was wir schauen wollen?“, frage ich in Richtung Emily, die am Tisch sitzend leise die Tagesschau auf ihrem Handy schaut.

„Bloß nichts Gruseliges. Dann steige ich aus“, grummelt sie.

Ich muss lachen. Ihre Schreckhaftigkeit bei Filmen ist mittlerweile legendär, die Pose beider Hände, sie die ruckartig vor die Augen bewegt, um nichts mehr von der gruseligen Szene sehen zu müssen, ihr Markenzeichen.

„Nein, nichts Gruseliges. Versprochen“, kichere ich.

Durch das milchige Fenster in der Eingangstür sehen wir, wie das Licht im Treppenhaus angeht. Die untere Tür, die gerade jemand aufgeschlossen hat, um ins Haus zu kommen, fällt mit einem dumpfen Scheppern zu. Jemand steigt die Treppen hinauf. Es knarrt.

„Und, wer ist es?“, frage ich Emily. „Lass uns raten!“ Mittlerweile lässt sich anhand der unterschiedlichen Laufstile ganz gut erkennen, wer gerade die WG betritt.

„Ich tippe auf Jessi.“

„Nee, die läuft die Treppe nicht so schnell hoch“, kommentiert Emily.

„Lilli?

„Die ist weniger laut beim Hochlaufen.“

Die Eingangstür öffnet sich und vor uns steht weder Jessi noch Lilli.

„Holaaa!“, ruft Anneke und strahlt uns an. Sie wirft ihre gelbe Mütze auf das Sofa.

„Hola!“, erwidern wir. „Wir gehts dir.“

Just in diesem Moment tönt es aus Emilys Handy:

„Bundesgesundheitsminister Spahn sieht Deutschland im Kampf gegen das neuartige Corona-Virus gut gerüstet. Außerhalb Chinas sind nun in einigen Ländern bis zu 400 Fälle aufgetreten. So Spahn in einer Aktuellen Stunde im Bundestag.“

„Boah, komm mir nicht mit Corona! Ich hab da gerade so Angst vor. Das hat mich den ganzen Tag schon fertiggemacht. Was für Symptome bekommt man da eigentlich? Ich habe heute schon ein paar Mal genießt. Krieg ich das jetzt?“

Anneke lässt sich vollkommen geschafft neben mich auf das Sofa fallen. Ich schaue amüsiert zu ihr herüber. Unsere Blicke treffen sich und wir beide müssen grinsen.

„Waas? Warum lachst du? Bin ich gerade etwas zu Hypochonder?“

„Aber Hallo! Du musst dir gerade einfach nur die Statistiken anschauen. Wie viele sind in China gerade erkrankt? 1000? Das ist fast nichts im Vergleich zu den Milliarden, die dort leben. Und nur ganz wenige sind gestorben.“

„Vor allem braucht das sicherlich eine ganze Weile, ehe es bei uns ankommt.“, versucht Emily Anneke zu beruhigen.

„Meint ihr wirklich?“

„Ja“,kommt es von beiden Seiten. Ich war noch nie derjenige, der sich wegen irgendeiner Krankheit verrückt gemacht hat. Krank war ich selten. Zudem, so bin ich mir sicher, würde ein Virus nie so weit kommen, dass er Ausmaße einer Cholera,- oder Pest-Pandemie annehmen würde, dazu ist das heutige Gesundheitssystem viel zu gut. Ich glaube an das, was ich vor nicht all zu langer Zeit aus einem Buch von Yuval Noah Harari entnommen habe: Die Menschheit hat sich den Problemen entledigt, die sie 2000 Jahre lang hatte. Krieg, Krankheit, Hunger und Tod werden nie wieder in einer derartigen Intensität auftreten, wie zuvor. Technologie, Digitalisierung und Medizin hätten dazu beigetragen, dass jene Geiseln der Gesellschaft zwar immer noch vereinzelt aufträten, aber äußerst gering. Und vor allem nicht mehr in Ländern, wie Deutschland. So schildere ich es auch Anneke, die immer ruhiger wird, je mehr ich von den modernen Errungenschaften der Wissenschaft erzähle.

„Puh, das hat mich jetzt wirklich beruhigt! Danke Leute“, freut sich unser Nesthäkchen, das vor wenigen Wochen bei uns eingezogen ist, nachdem auch Emily weitere Maßnahmen zur Beruhigung eingeleitet hat.

Von oben kommt Lars mit seiner großen Schüssel voller Essen nach unten getappt und gesellt sich zu unserer kleinen Mitbewohner-Gemeinschaft. Die Mädchen starren gierig auf sein Essen, waren sie beide in der letzten Woche noch nicht einkaufen.

Und mit Lars kommen andere Gesprächsthemen, das Thema Corona wird unter der Diskussion über die heutige Filmauswahl unter den Teppich gekehrt und taucht in den nächsten Tagen kaum noch auf, widmen auch die Tagesnachrichten nur wenige Sekunden dem Virus ihre Aufmerksamkeit …


Sieben Wochen später

„Scheiße. Jetzt kanns nicht mehr schlimmer werden“, murmele ich. Soeben hat Jax, die momentane Freiwillige in meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien über WhatsApp bekannt gegeben, dass alle Deutschen, die dieses Jahr einen Freiwilligendienst im Ausland absolvieren, nach Hause beordert werden. Somit auch jene Personen aus Hyderabad, die ich im September noch kennen und schätzen lernte. Jetzt müssen sie zurück, obwohl eigentlich noch mehrere Monate Dienst vor ihnen liegen. Ich stelle mir vor, was ich alles verpasst hätte, wäre ich in meinem Jahr bereits früher abgereist. Eine ganze Menge, so stelle ich fest. Meine Reisen, in die großen indischen Metropolen, meine letzten Trips in die Ureinwohnerdörfer, Filmprojekte und vieles mehr. Es stimmt mich traurig, zu hören, dass Jax und ihr Mitfreiwilliger schon in den nächsten Tagen aufbrechen müssen, ohne sich richtig von der Stadt und dem Dorf verabschieden zu können, sind auch in Indien alle Bürgersteige hochgeklappt. Doch in einer indischen Quarantäne zu sein ist sicherlich weniger erstrebenswert. Hier ein Video, das mir aus Hyderabad zugesendet wurde. Man versteht kein Wort, aber es zählt hier eher die Tatsache, wie Informationen verbreitet werden.

Und alles wegen einer ausgearteten Epidemie, die sich in einer rasanten Geschwindigkeit über den Globus ausbreitete, zur Pandemie wurde und Millionen von Leben, meins eingeschlossen, auf den Kopf stellte …

Vor wenigen Wochen war ich aus Weimar zu meiner Familie nach Berlin aufgebrochen, es waren Semesterferien und der Plan sah vor, nicht ganz so lange zu bleiben. Mit meiner Reise in ein anderes Umfeld, änderten sich auch die Themen. Nun sprach man öfter über dieses Virus, das so langsam aber sicher seinen Weg nach Europa fand. Nach wie vor hielt ich es für anstrengend, dass meine Eltern und Großeltern so viel darüber redeten. Klar waren sie schon eher in der Zielgruppe, aber dennoch befand ich ihr Verhalten für etwas überzogen.

Anfang März ging ich noch mit einem guten Freund feiern, machte die ganze Nacht durch und kam erst früh am Morgen zurück. Ich verausgabte mich im Fitnessstudio, fuhr viel Bahn, doch tat ich das nicht mehr ganz so entspannt, wie vorher, merkte ich, wie meine damals dahingesagten Worte und Überzeugungen bröckelten.

Dann legte mich eine Weißheitszahn-OP lahm. Ich saß mit kalten Smoothies, Hamsterbacken und veganen Eis im Haus und unternahm vorerst keine Unternehmungen nach draußen. Und in dieser bettlägerigen Zeit, wo ich mit Kühlpads um den Kopf im Haus umherirrte, geriet die Welt aus den Fugen.

Die Schulen schlossen und so blieb auch meine kleine Schwester daheim und hielt meine Mutter mit konstant-anhaltenden „MAAMAA-Rufen“, während diese sich im Homeoffice probte, auf Trab.

Die Bundeskanzlerin hielt außerhalb ihrer Regel eine bewegende Ansprache. Drei Mal schaute ich sie mir an, verstand ihre Worte und konnte sie trotzdem nicht ganz greifen. Alles war plötzlich nicht mehr so, wie es war. Ich konnte nicht in meine WG zurück, gedanklich wünschte ich meiner Mutter viel Glück auf dem Weg in den Supermarkt, wo Leute wie verrück Klopapier kauften. Das Land war in den Energiesparmodus gefahren und ein Großteil der Bevölkerung verachtete plötzlich jene Leute, die raus gingen und sich mit Freunden trafen.


Nun herrscht Kontaktverbot, der Ruf nach mehr Beschränkungen des öffentlichen Lebens ist laut und auf einmal ist jeder Fan von Virologen, die komplett sachlich erklären, was Tacheles ist. Ein Jahr oder länger könnte Corona wüten. In Italien holen Armee-Trucks die vielen Toten ab, die schwarze Null ist Geschichte, Krankenhäuser rüsten sich für einen gewaltigen Sturm und Supermarkt-Verkäufer sind plötzlich die Helden einer Krise. Verrückte Zeiten. Hätte mir das mal jemand vor zwei Monaten erzählt …

Ich höre mit meiner Mutter Musik. Green Day spielt „Wake me up when September ends“.

„Welch passendes Lied“, sagt sie. „Wie schön es wäre, sich jetzt schlafen zu legen und einfach wieder im September aufzuwachen… wenn vielleicht alles wieder besser ist.“

Noch nie habe ich meine Mutter so reden hören. Sie kämpft sich immer überall durch. Nun hat sie ihr 45-Tage-Süßigkeiten-und Alkohol-Fasten, das bis Ostern gehen sollte, gebrochen. Zu viel Frust. Kann ich verstehen. Obwohl es sehr schön ist, wieder Wein mit ihr zu trinken.

Die nächste Zeit wird hart, „ es ist ernst“ und ich erwache jeden Morgen mit dem Gefühl des Unglaubens und der Verwirrung nicht genau zu realisieren, was gerade abgeht. Rausgehen bedeutet jetzt sein Leben und vor allem das der anderen, ein Stück mehr zu gefährden, Freunde treffen ist verboten, sozialer Kontakt eingeschränkt, mehrere Länder sind wie ausgestorben …; all das hat nicht gleichzeitig in meinem Bewusstsein Platz, ist jede einzelne Regelung so konfus und doch so logisch. Nie war irgendetwas so klar!

Die Regeln sind eindeutig und zu auf jeden Fall zu befolgen, egal wie schwierig es ist, sie einzuhalten.

Dabei bin ich, als Student in den Semesterferien noch relativ privilegiert in jener Krise, hat meine Familie einen eigenen Garten und Hunde, die es hin und wieder, nach draußen zu treiben gilt. Ich bin seit mehr als einem Monat nicht mehr in meiner WG gewesen, vermisse meine Mitbewohner und mein beinahe selbstbestimmtes Leben, was nicht heißt, dass mir die Zeit mit der Familie nicht gefällt, nein, es. beruhigt mich zu wissen, dass es allen gut geht. Die Uni hat noch nicht wieder angefangen, ich lese Bücher, höre Podcasts, meditiere, habe mir Geografie-, und Allgemeinwissens-Quizz-Apps heruntergeladen, um im Kopf noch fit zu bleiben, und erledige Gartenarbeiten, die ein guter Fitnessstudio-Ersatz sind.

Wir leben in einer Zeit, über die man in 30 Jahren in Geschichtsbüchern lesen wird und wir haben es nun in der Hand, wie jene Zeit in Erinnerung bleibt. Übt euch im Daheimbleiben, kauft nicht so viel Klopapier (Die Franzosen sind mit den Hamsterkäufen von Kondomenund Wein übrigens deutlich stilvoller) und haltet durch. Wenn ich eines aus den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Veränderung die einzige Konstante in dieser Welt des Wandels ist. Alles wird vorbei gehen, wenn sich jeder anstrengt. Nichts ist mehr unmöglich, alles kann passieren und jene Zeit lehrt uns, stärker denn je, nicht auf festgefahrenen Meinungen zu beharren. Die meisten von uns haben den Virus auf die leichte Schulter genommen, ich auch und dafür muss ich mich insbesondere bei Anneke entschuldigen, der ich vor zwei Monaten noch erzählt habe, alles sei nur halb so schlimm.

Es wird schwer werden sich ständig neu zu orientieren und zu erfinden, doch kann uns die Quarantäne einen Weg, wie wir in Zukunft handeln und denken werden, vorgeben.

Populisten wie Trump und Boris Johnson versinken in ihrer Unsachlichkeit, die ihnen nun um den Kopf fliegt. Vielleicht endet gerade jetzt die Zeit der großen Demagogen und es wird Platz geschafft für mehr Wissenschaftlichkeit und Toleranz. Aus jedem Schlechten kann Gutes erwachen …

Und zum Schluss noch ein sehr schönes Zitat von Jan Böhmermann aus seinem Podcast „Fest und Flauschig (übrigens sehr hörenswert)“:

Jede nicht geschüttelte Hand, ist eine Oma, die überlebt.“

#stayathome

Do-It-Yourself-Tonstudios und alte Geschichten

„Okay, wir machen es wie geplant!“, sage ich. „Du liegst im Bett, hörst plötzlich was, schreckst auf, wirfst die Decke zurück und gehst aus dem Raum, okay?“

Ich richte die Tonangel Richtung Bett aus und setze die Kopfhörer auf. 

„1…2…3!“ Der rote Punkt auf dem Aufnahmegerät leuchtet. Anneke hört mein Signal und tut wie geheißen, stößt aber beim Aufschrecken mit irgendeinem Körperteil gegen das Bett, in dem sie liegt. 

„Aua, scheiße! Noch mal!“, ruft sie und beginnt zu lachen. „Lol, ich hab mich gerade vor mir selber erschrocken! Egal, nächster Take!  3…2…1..“

Dieses Mal muss ich kichern. Annekes Lachen ist ansteckend. Professionalität at it´s best! 

Ich stelle mich richtig hin und senke mein Mikrofon auf die Höhe von Anneke. Ich will schon wieder loslegen, doch so einfach ist dies nicht, denn von unserem Lärm angelockt, steht nun Jessi im Türrahmen, auf die ihr hier dargebotene Situation hinunterschauend. 

„Ihr seht echt lustig aus“, kommentiert sie unser Treiben. „Das passiert so echt nur in einer 16er-WG“.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine WG wird jedes Mal ungläubig bestaunt, erzähle ich neuen Bekanntschaften von meinem Wohnort. Aufgrund der geringen Zimmergröße sind im Sommer neun Leute ausgezogen, um kleinere WGs zu finden. Neun neue Leute kamen, darunter Anneke und es lässt sich absehen, dass im nächsten Sommer wieder Leute ausziehen werden, obwohl sich jene Gemeinschaft aus diesen Mitbewohnern wie eine größere, zweite Familie anfühlt. Abends kann man davon ausgehen, dass sich nach und nach bis zu neun Leute am Essenstisch versammeln, das gekochte Abendessen der anderen bestaunen, davon kosten und sich den lockeren Gesprächsthemen der anderen anschließen. Sprachbesonderheiten verschiedenster Mitbewohner werden zu den eignen, da man dicht an dicht wohnt, sich aber jederzeit zurückziehen darf. Alles kann, nichts muss. So das System hier. Und auch wenn reger Betrieb herrscht und niemand sich so sicher ist, wie lange er bleibt, wird die WG immer schöner und gemütlicher. Zu meinem Einzug noch komplett weiß und leer, reiht sich nun Postkarte an Postkarte an teilweise bestrichenen Wänden, an denen kleine, mit Pflanzen verzierte Regale hängen. Anderthalb Jahre gemeinsame Geschichte ist hier bereits verewigt und es schmerzt bereits jetzt zu wissen, dass in noch mal so langer Zeit mein Bachelor-Studium, wenn alles gut wird, ein Ende findet und damit auch mein Verbleib in jener ersten WG meines Studentenlebens in Weimar. 

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Weimar als Stadt ist mir hierbei gar nicht so wichtig. Mein Studium mitsamt der WG wäre wohl in einer x-beliebiger Großstadt gleich oder besser aufgehoben und ich würde wenig vom vermeintlichen Charme der Goethe-Stadt vermissen, nimmt diese ihren Ruf für mich etwas zu Ernst. So lebe ich weniger für Weimar, als für mein Studium und zweitrangig für meine WG, deren Priorität ich ab und zu tatsächlich etwas zu hoch ansetze. So hatten mich meine Mitbewohner jüngst als Seele der 16er-WG bezeichnet. Nichtsdestotrotz genieße ich ebenso mein Studium, mit seinen ganz unterschiedlichen Facetten. Am Ende meiner drei Jahre werde ich wahrscheinlich keine genaue Spezialisierung darüber haben, was ich danach machen will, weil hier alles von allem unterrichtet wird. Ich erfahre etwas über die Konzeption von Start-ups, lerne alte Filmklassiker kennen, steigere mein Wissen über die heutige Anordnung der Wirtschaft, philosophiere aber ebenso viel über Aura von alten und neuen Medien und Archiven. Nichts bleibt konstant, die Themen wechseln mit jedem neuen Semester und es wird nicht auf ein vorangegangenes Thema aufgebaut. So war es wunderschön im ersten Semester sich in die genaue Analyse von Filmen zu stürzen, wie die Kamera wann wo platziert werden könnte oder wie Farben die Emotion der Handlung untermalen, doch eben jenes Wissen würde bis zum jetzigen Zeitpunkt nie wieder angewendet werden. Stattdessen: Tabula Rasa. Neuanfang. Nach dem Studium weiß ich alles und nichts und muss mich wohl danach, diesmal wirklich, auf eine Sache spezialisieren, die mich in der Zukunft näher begleiten wird. 

Was mich am Ende schließlich doch über ein Dreiviertel des letzten Jahres begleitet hat, ist eine ganz bestimmte Geschichte. Selbst erfahren, in diesem Blog bereits niedergeschrieben und im Juni letzten Jahres wiederbelebt worden. Mittels eines Hörspielkurses im zweiten Semester, kam jenes Abenteuer wieder mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit und bliebt dort eine Zeit lang. Der Sinn jenes Projekts lag in der Konzeption eines Skripts, das zu einem Hörspiel verarbeitet werden sollte. Wir erfuhren die Basics zur Tonstudio-Arbeit, sowie die Verwendung von Stereo,- und Mono-Mikrofonen, die ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen konnten. Viele aus meinem Kurs hatten bereits Erfahrung mit der Arbeit im Tonstudio und so fühlte ich mich in jenen Stunden des Lernens wie ein absoluter Anfänger, traute mir wenig zu und überlies den anderen das Üben mit der Technik und versuchte mir stattdessen so alles Mögliche übers Schauen einzuprägen, was selbstverständlich nicht wirklich funktionierte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich eine Geschichte hatte.

Mein Skript war bereits früh fertig, doch ich kam einfach nicht zum Aufnehmen. Monate lang machte ich mir des Nachts Gedanken darüber, wie ich mit einem Mikrofon bewaffnet, losziehen würde, um mein Projekt abzuarbeiten.

Roadtrip zu einem Toten V4

Doch es blieb bei meinen Gedanken und so verstrich das zweite Semester, ohne, dass ich einen einzigen Sound aufgenommen hatte. Eine gute Ausrede hatte ich als studierter Meister der Prokrastination selbstverständlich parat. Die Vorgaben waren so bestimmt, dass, wenn man schon ein vollkommen funktionierendes Tonstudio auf dem Campus, sowie sehr gute Mikrofone und Aufnahmegeräte gestellt bekam, so sollte man bitte auch richtige Schauspieler für sein Stück suchen,  um die Qualität auf einer Ebene zu halten. Tat ich das? Nein. Viel zu anstrengend. Währenddessen andere aus dem Kurs an Schauspielschulen anfragten, blieb ich also, schüchtern, wie ich war in meiner WG und ließ hier meinen Frust darüber aus, dass ich niemanden für mein Hörspiel fand. Die Semesterferien zogen ins Land, ich fuhr für einen Monat nach Indien und hatte zu Beginn des dritten Semesters nach wie vor nichts in der Hand. Doch ich wusste, dass ich spätestens jetzt liefern musste. Meine Dozentin gab mir augenrollend Aufschub, da sie meine Ausrede für halbwegs gut befand. Erst jetzt kümmerte ich mich um mein Zeugs und ließ die Idee, richtige Schauspieler zu suchen, verkümmern. Ich würde Freunde und Mitbewohner finden, die mich und mein Stück mehr verstehen würden, als unbekannte Darsteller. Und so wurde das dritte Semester, mein persönliches Hörspiel-Quartal, obwohl es eigentlich ganz andere Aufgaben gab, die es nebenbei auch noch zu bewältigen galt. Ich lieh mir Equipment aus, weil ich das Tonstudio, wofür wir vor Monaten zwar eine Einführung bekamen, ich diese aber längst vergessen hatte, nicht verstand. Es war mir zu groß und viel zu viel Geräte , die ich eventuell gefährden hätte können, machten mich scheu. 

Ich fuhr mit teurer Ausrüstung nach Berlin zu meiner Familie, wo mein Großvater mich besonders dazu aufforderte endlich meinen Scheiß geregelt zu bekommen. So versuchte ich, eben diesen zu regeln, und gab zuerst meinem Großvater, meiner Mutter und meinem Vater Sprechrollen, die sie dankbar annahmen. Zurück in der WG fragte ich auch hier nach, wer mitspielen könnte und Jessi, eine studierende Produktdesignerin, die ebenfalls zur gleichen Zeit wie ich eingezogen war und mit mir schon einen Großteil der unteren WG umgestaltet hatte, erbarmte sich die Erzählerin zu übernehmen. Und damit kam die Atmosphäre in mein Stück. Ich versuchte, so gut es ging, aus meinem Zimmer ein kleines Tonstudio zu basteln, holte ein Dutzend große Kissen aus den Gemeinschaftsgängen der WG und türmte sie um das ausgeliehene Mikro auf, um einen möglichst schalldichten Raum zu kreieren. Über die Kissentürme warf ich eine dünne Decke und erschuf somit eine kleine Höhle. Meine ganz eigene Do-it-yourself-Ton-Höhle. Vollkommen schalldicht war diese nicht, immerhin besaß mein Zimmer drei Fenster, die allesamt raus zur befahrenen Straße zeigten. Zudem lag neben mir, der Waschmaschinenraum, die Eingangstür und der Flur, wo sich abends meist die halbe WG versammelte, um zu reden. Leise war anders. Oft verdrehte ich die Augen, bei einem vermeintlich sehr guten Take, der jedoch vom Grollen eines Lastwagens wortwörtlich überrollt wurde.

Doch bald wussten die meisten im windschiefen Haus von meinem Vorhaben, ich holte einige andere Mitbewohner ebenfalls mit ins Boot und ließ Anneke, die erst vor wenigen Wochen eingezogen war, aber schnell mit mir warm wurde, sodass ich sie ins Herz schloss, Treppen hoch und runter laufen, Türen zuwerfen, jubeln und knistern.

Bei der Geburtstagsparty von Joachim, einem Architekten im ersten Semester, den ich nach wie vor dafür sehr mag, dass er sich motiviert Ziele aufschreibt und beispielsweise versucht einen Monat lang jeden Tag, zu meditieren oder Sport zu machen, nahm ich die Atmosphäre der Party auf. Hier war ich wohl ein komisch aussehender Zeitgenosse. Alle tranken und lachten ausgelassen, während ich mit einer Tonangel, einem Aufnahmegerät um den Hals, großen Kopfhörern auf den Ohren und etlichen Kabeln im Gepäck, reglos dastand und das Mikrofon über die Menschen hielt, die so tun mussten, als sei alles ganz normal. Dass mich meine Mitbewohner mittlerweile noch nicht für vollends verrückt hielten, freute mich sehr! In der Mitte des Semesters stellte ich dann schmunzelnd fest, wie sehr meine Idee zu einem Mitbewohner-Familien-Projekt geworden war und schimpfte über meine Unfähigkeit das Potential meiner WG, so lange nicht erkannt zu haben. Ich ging raus, hielt das Mikrofon an der Tonangel vor meine Füße und nahm so Schritte auf, ließ meinen Großvater mehrere Male ins Auto steigen und losfahren, währenddessen ich von verwirrten Nachbarn, die sich fragten, was da vor ihrem Grundstück passierte, beobachtet wurde. Und es machte mir Spaß etwas zu haben, wofür ich brannte und was konstant einfach da war. Anfang Februar, am Ende des Monats sollte ich abgeben, hatte ich alle Sounds zusammen, nahm mich noch selbst und einen guten Studienfreund als Hauptrolle auf und kam schlussendlich zur Schneidearbeit, was mich etliche Nerven kostete, war es eins einen Film zu schneiden, was ich in Indien und zuvor in der Schule bereits oft gemacht hatte, aber was völlig anderes ein Hörspiel zu erschaffen. Eine ganze Welt musste aus den Sounds entstehen, die ich aufgenommen hatte. Und hier merkte ich meine ersten Anfängerfehler. Stimmen, die in einem Auto oder auf der Straße sein sollen, hören sich nicht wie Stimmen im Auto oder auf der Straße an, wenn sie im kleinen Raum einer Studenten-WG aufgenommen wurden und eben nicht vor Ort oder im Tonstudio.

Zudem merkte ich, dass es in mehreren Gruppenszenen, wo einige Leute Hintergrundgemurmel für die Atmosphäre machen sollten, auf meine Fähigkeiten als Regisseur ankam. In einer Szene,  die eigentlich im Auto spielte und mehrere Personen dicht gedrängt und euphorisch zusammensaßen, stellte ich mein Mikro einfach in die Küche, wo gerade fünf Mitbewohner anwesend waren und forderte sie auf zu improvisieren.

„Leute, stellt euch vor,  ihr sitzt alle in einen kleinen Auto, seit leicht angetrunken und stößt euch ständig an der Decke des Wagens. Okay? Und los!“

Dass ich hierbei viel zu wenig Infos rausgegeben hatte und mich darauf verließ,  dass meine Mitbewohner vielleicht nicht unbedingt außergewöhnliches Improvisationstalent hatten, kam mir erst später in den Sinn. Die Aufnahmen waren zwar lustig, aber im Schnitt bemerkte ich schnell, dass eine Küche,  wo Leute weit auseinander standen, kein Auto war und ich den Darstellern einen Vorgabetext hätte geben müssen.

Doch das zwang mich nicht in die Knie, es gäbe sicherlich nächste Male, wo ich meine Fehler ausbessern würde. Stunden verstrichen an wenigen Sekunden, Tage vergingen, an denen ich lediglich zwei Minuten Skript verwirklichte, aber je weiter ich kam, desto mehr hörte ich, wie meine Erinnerungen am Laptop auferstanden. Und am Ende des Monats war sie fertig, jene Geschichte aus meinem Freiwilligendienst in Indien, der nun zwar schon über anderthalb Jahre her ist, in meinem momentanen Leben noch längst nicht in Vergessenheit geraten ist.

Damals war ich von einer Party heimgekommen, wollte mich schon schlafen legen, als plötzlich der Anruf meiner Chefin kam, die mir mitteilte, dass der Vater einer Haushälterin,  die für uns kochte und den Haushalt schmiss, gestorben sei. Savitri müsse in das Dorf ihres Vaters, welches zehn Autostunden von unserer Stadt entfernt war. Einer von uns Freiwilligen müsse zur Unterstützung mitfahren, wobei die Wahl auf mich fiel. Mitten in der Nacht brach ich auf zu einer Reise zu einem Toten, mit einem trauernden Mädchen, das ich nicht trösten konnte, weil es eine andere Sprache sprach und ich nicht wusste, wie und ob ich sie aufheitern sollte. Stunden später, im Dorf angekommen, sah ich den ersten Toten meines Lebens. Gleichzeitig bereitete mir die Tatsache Sorgen, dass Merlin, mein Mitfreiwilliger, der in jenen letzten Monaten sich zu meinem besten Freund entwickelt hatte, am nächsten Tag, aufgrund einer Krankheit zurück nach Deutschland aufbrechen sollte. Neben meinem Mitleid, um Savitri und meinen Erfahrungen rund um den Tod, plagte mich der Gedanken meinen Freund in der nächsten Zeit nicht mehr sehen zu können …

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Savitri

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Merlin und Ich

Dieses Abenteuer prägte das nächste halbe Jahr meines Frewilligendienstes. Ich wurde erwachsener und lernte in Indien auch ohne Merlin auf eigenen Füßen zu stehen. Und auch danach war mein Roadtrip zu einem Toten eine Geschichte, die ich oft als Erstes erzählte, sprach ich über Indien, symbolisierte sie für mich mein Jahr und meine Erfahrungen über Indien. Die Spontanität von Entscheidungen, der Umgang mit dem Tod, das Verhältnis zwischen Indern und weißen Menschen; als Einstieg eignete sie sich hervorragend. 

Somit war es mir ein innerliches Anliegen, die Story in irgendeiner Form noch weiterzuverarbeiten und dank meiner WG, Freunden und meiner Familie hab ich das nun geschafft, auch wenn es sich etwas länger hingezogen hat. Doch nun hat die Arbeit ein Ende. 🙂

Hier das vollständige Ergebnis. 🙂 

Nehmt euch auf jeden Fall eine halbe Stunde Zeit, falls ihr das Stück ganz hören wollt. In Zeiten von Corona aber, müssten sich bestimmt ein paar ruhige Minuten finden. Ich freue mich gerne über Kritik und Kommentare. 🙂

 

Aus dem Sommer in den Herbst

„Sag mal, bist du verrückt! Das kannst du doch nicht machen!“, ruft Anat ungläubig.

„Und wie ich das machen kann“, schmunzele ich und fühle mich in diesem Moment unfassbar gut. Ich blicke über den gedeckten Tisch hinweg und schaue in geschockte Gesichter. Die Einzige, die entspannt wirkt, ist Jax, die ruhig ihre Nudeln auf ihre Gabel lädt. Sie weiß bereits,  was ich vor habe, sind wir gemeinsam hierher gekommen. Doch Anat sind die Gesichtszüge entglitten, Anna ist ihr Löffel beinahe aus der Hand gerutscht und Rufus´ Mund steht sperrangelweit offen.

Wir befinden uns in der zweiten Etage der Prerana Waldorf School in Hyderabad. Einst hatte hier Lion gelebt, einer meiner besten Freunde während meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes. Zusammen waren wir in Nepal gewesen, hatten des Öfteren das nächtliche Hyderabad unsicher gemacht, waren in Bars oder Clubs gegangen, hatten daheim Karten gespielt oder Fußball geschaut. 

Heute ist Lion verschwunden, nur eine an der Wand angeklebte Fußball-Bundesliga-Tabelle von 2018/19 erinnert an ihn und seine damalige Obsession auch aus der Ferne seinen Lieblingsverein,  den VfB Stuttgart, zu unterstützen. Jetzt wohnt Rufus, ein FC Bayern Fan, in seinem Zimmer. Er ist das Überbleibsel der letzten Freiwilligengeneration und ist hier schon seit vierzehn Monaten, gefiel ihm Indien so sehr, dass er seinen Freiwilligendienst auf ein weiteres Jahr verlängerte. Genauso wie ich beherrscht er bereits einwandfrei das indische Kopfwackeln, kennt Hyderabad, wie seine Westentasche und wirft mit vereinzelten Hindi-Wörtern um sich. 

Anna und Anat sind, ebenso wie Jax, seit gerade einmal zwei Monaten auf dem indischen Subkontinent gestrandet und teilen sich ein großes Zimmer, das sie im IKEA-Style eingerichtet haben, eröffnete vor nicht all zu langer Zeit eine erste Filiale jenes schwedischen Möbelherstellers in ihrer Nähe. 

Beide sind geschminkt und hübsch herausgeputzt, wollen wir heute auf eine Techno-Party gehen, die laut einigen indischen Freunden „legendär“ werden soll.

„Aber du weißt schon, dass du morgen unfassbar geschafft sein wirst?“, fragt mich Anna besorgt.

„Seit drei Tagen steht der Plan, mit euch feiern zu gehen und das lasse ich mir nicht entgehen“ ich genehmige mir einen Schluck Wasser und feixe in die Runde, die mir bereits so vertraut wirkt,  obwohl ich sie in dieser Konstellation, erst drei Tage zuvor kennengelernt hatte. 



 

Im Calangoat, einem hippen Restaurant in den Höhen des Reichenbezirks Jubelee Hills waren wir das erste Mal aufeinandergestoßen. 

Ein Jahr zuvor hatte ich hier, zusammen mit Lion, Skrollan Toni das Fußball-WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien im Rahmen einer Public-Viewing-Aktion geschaut. Dabei waren Lion und ich wohl die einzigsten Kroatien-Fans, war das ganze Restaurant in Blau-weiß-rot getaucht. Am Ende eines gebrauchten Abends für alle Kroaten, feierten und jauchzten alle Anhänger der Franzosen und riefen euphorisch und siegestrunken „Allez le bleu“ in den indischen Nachthimmel. 

Wochen später hatte ich hier Lion, bei einem letzten gemeinsamen Mahl verabschiedet, musste ich wenige Tage darauf in den Flieger nach Deutschland steigen. Wie hilflos ich mich nach jener Verabschiedung fühlte, weiß ich bis heute. Erneut wurde mir ein Freund aus dem Herzen gerissen. Erst ging Merlin, mein Mitfreiwilliger, der mir die ersten Monate in Indien enorm erleichtert hatte  und zum Schluss Lion, der mir das Feiern in Indien erst wirklich schmackhaft gemacht hatte. Er fuhr damals zuerst vom Calangoat ab und je weiter sich sein Uber entfernte, desto weniger gelang es mir, frei zu atmen. Es gab seltene Momente, wo mir das indische Verkehrschaos zusetzen konnte, doch in jenen Augenblicken ließ es mich die Fäuste wütend zusammenballen.



Umso schöner war es nun an jenem Ort einen kleinen Neuanfang mit Leuten zu feiern, die ebenso begeistert vom indischen Nachtleben waren, wie ich. Nach einem guten Essen und lustigen  Gesprächen kehrten wir dem Calangoat den Rücken und es verschlug uns ins Concu, einer luxuriösen Patisserie, voller süßer Küchlein und Schokoladen-Variationen. Ebenfalls ein alter bekannter Platz, nun jedoch mit neuen Gesichtern, die sich gierig über die Süßigkeiten hermachten und vor Genuss stöhnten, so gut schmeckte es hier. Währenddessen, im Hintergrund dudelte einer meiner Lieblingssongs auf Hindi, fühlte ich mich zurückversetzt zu jenen gemeinsamen Abenden mit liebgewonnen Freiwilligenfreunden und dem Gefühl zum Glück noch viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. 

Doch nun war mein Monat Indien beinahe abgelaufen, in vier Tagen würde ich nach Mumbai fliegen und 12 Stunden später nach Berlin. Das hielt ich jedoch für mich und genoss den restlichen Abend mit vor Erfüllung seufzenden deutschen Freiwilligen, die im Futterwahn entschlossen am Samstag feiern zu gehen …



„Du hast uns nicht gesagt, dass das deine letzte Nacht ist, Junge!  Schlaf dich lieber aus, bevor du morgen deinen Flieger verpasst. Wann fliegst du?“, fragt Anna entrüstet.

„Acht Uhr morgens. Heißt, ich muss um fünf aufstehen, damit ich rechtzeitig zum Flughafen komme. Im Grunde können wir also bis drei feiern, ich schlafe zwei Stunden, stehe wieder auf und fahre. Wie gesagt, das ist meine letzte Nacht und die möchte ich mit euch verbringen“.

Etliche Male habe ich bereits überlegt, ob es wirklich die beste Idee ist, die letzte Nacht im Club zu verbringen, doch irgendwas reizt mich daran und Jax, die mir innerhalb des letzten Monats ans Herz gewachsen und somit die einzige Bezugsperson ist, die mich davon hätte abbringen können, findet die Aktion cool. In diesem Sinne können Anat und Anna sagen was sie wollen, ich bin dabei. Ich kenne den DJ, der uns eingeladen hat gut und außerdem brauche ich heute Musik, um mich von schlechten Gedanken abzubringen. 

Wir steigen in ein Taxi, die beiden Prerana-Mädels versuchen das heimlich und unbemerkt zu tun, sind sie verhältnismäßig dünn bekleidet und schämen sich ein wenig dafür, so die die weiblich indische Kleidungskultur zu vernachlässigen.

Doch angekommen beim „TOT“-Nightclub fallen sie kaum mehr auf, sind die Kleidungssweisen der Reichen und Schönen westlich angepasst.

Wir stehen auf der Gästeliste, werden dementsprechend durchgewinkt und hören bereits die Bässe in der Vorhalle des Clubs. Wir werden eine Treppe hochgeleitet und befinden uns nun drei Meter über der Tanzfläche. Hier ist unser Bereich, wo kein anderer hinkommt. Wir sind die heutigen VIPs des Abends, so scheint uns und das wird noch deutlicher, als einer der Bediensteten meint, dass wir heute aufs Haus trinken. Nichts aus der tatsächlich sehr teuren Getränkekarte müssen wir bezahlen. Wir jubeln der Musik entgegen, bestellen Tequila für alle und bedanken uns überschwänglich beim vorbeischauenden Novlik, dem bekannten DJ, der schon unter mir und meiner Generation an Freiwilligen sehr beliebt war. 

„Are you ready for the Party afterwards?!“, fragt er uns über den Lärm hin schreiend. 

Da indische Clubs meist nur bis Mitternacht offen sind und dann von der Polizei geschlossen werden, gibt es oft selbstorganisierte Parties danach, die bis früh in den Morgen gehen und meistens sogar besser sind, als die des Clubs.

„We are out“, ruft Jax.

„Why?!“ 

„Leo has to go to Mumbai this morning!“

„Bro, are you insane! That’s madness!“ Novlik wirkt geschockt. 

„That´s the lifestyle, mate!“, rufe ich ihm entgegen und sehe, wie sich sein Gesicht erhellt. Wir boxen unsere Fäuste gegeneinander und er mischt sich, genauso wie wir, unter die feiernden Inder, die mir seit zwei Jahren, wie das beste Partyvolk der Welt vorkommen. Energetisch schreien sie ihre Euphorie in die Welt hinaus, sind entfesselt und beseelt.

Bald geht der Beat der Musik unter die Haut und der hämmernde Rhythmus aus den Boxen schließt sich gleich mit dem unserer Herzen. Wir trinken ohne zu bezahlen, alles blinkt und blitzt im Strobolicht, die Masse tobt und in dieser Menschenmenge erblicke ein indisches Mädchen, das mir bekannt vorkommt. Auch sie erkennt mich, wir lachen, umarmen uns lang und beginnen zusammen zu tanzen. Mona. Letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt, haben wir über die Zeit, wo ich in Deutschland war, Kontakt gehalten und nun scheint es so, als wäre keine Zeit zwischen uns vergangen. Sie steht für einige Momente still, währenddessen wir gemeinsam, über beide Wangen strahlend, über die Tanzfläche schweben, verfließt uns aber augenblicklich, als die Musik abrupt aufhört. Die Leute murren. Es ist schon nach Mitternacht.  

„Hey, kommst du noch mit? Wir wollen noch etwas essen.“ Mona ist komplett außer Atem.

„Sorry, in sechs Stunden geht mein Flieger nach Mumbai. Ich muss schon wieder gehen.“

„Nicht dein Ernst! Fuck, dabei haben wir uns gerade erst wiedergesehen.“

„Ich weiß. Werde dich vermissen.“

„Ich dich auch!“ Sie sieht traurig aus. Wir umarmen uns eine Zeitlang, während die meisten Gäste um uns herum aus dem Club strömen. Sie löst sich als erstes aus der Umarmung.

„Komm bald wieder“, ruft sie, winkt und verschwindet im Menschenstrom aus dem Gebäude. 

„Ich versuch´s“, flüstere ich.  



 

7 Stunden später

Mein Kopf brummt. Er übertönt beinahe die Maschinen des Flugzeugs. Ich hab zu viel getrunken,  zu wenig geschlafen und zu viel Abschiede hinter mir. Sich zum Schluss von Jax zu verabschieden, die sich nochmal aus dem Bett gekämpft hatte, um mich zum Taxi zu bringen, war hart.

Ich bin schlecht in Verabschiedungen, gerade wenn ich nicht weiß, wenn ich wiederkomme. Dieser letzte Monat mit ihr schießt in kurzen, pochenden Erinnerungsfetzen durch mein schmerzendes Haupt und entlockt mir ein dünnes Lächeln. Wir waren zusammen in kleinen Ureinwohnerdörfern, hörten haarsträubende Geschichten der dort lebenden Bauern, schwammen am Fuße von Wasserfällen, fuhren Porsche,  befreundeten uns mit reichen Indern, betrieben Yoga und Kraftsport, fanden einen großen Babyratten-Hort im Office und fuhren unangeschnallt mit fünfzehn Leuten in einer Rikscha. Was für eine tolle Zeit!

Eine Cola und ein durchgebratenes Spiegelei liegen vor mir. Ich sitze in der fast ersten Reihe in der Business-Class, wurde ich überraschend aufgestuft, worüber ich sehr glücklich bin, da ich hier alleine sitze. Ich brauche Ruhe. Menschen sind laut! Meine Augen sind lichtempfindlich. Alles flackert, als wäre die Party und das Strobolicht mit zum Flughafen gekommen. Aua. Dieser exzessive Lebensstil von der Party aus in die Luft zu steigen, mag nett klingen, ist in der Praxis aber nicht ratenwert.

Hyderabad wird immer kleiner, Autos werden zu Ameisen und Hochhäuser zu winzigen Hütten. Gewaltige Wolkenberge schieben sich vor die Stadt und selbst mit heftigem Kater ist jener Ausblick wunderschön. 

Jede Faser meines Körpers schreit nach Schlaf, doch ich kann nicht, möchte ich weiter aus dem Fenster schauen.

Eine Stunde später schälen sich pompöse Wolkenkratzer aus dem Meer. Mumbai liegt in all seiner Schönheit vor uns.

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Doch wenig später landen wir und ich erhasche einen Blick auf die vielen geduckten Slum-Hütten direkt neben der Rollbahn. In welch unterschiedlichen Realitäten jene Menschen leben müssen. Vor ihrer Haustür heben jeden Tag hunderte Flugkörper ab und bringen Menschen an komplett andere Orte und sie selbst sind dort gefangen, im Moloch einer stinkenden, lauten 12 Millionen Metropole voller gescheiterter Existenzen.

Der Tag verfliegt, ich schaffe es ins Hostel nach Colaba, dem reichen Touristenviertel.  Bombays, streife durch eine bunte Ladenstraße voller schreiender Händler und unzähligen Gerüchen. Ich lasse mir ein Shirt andrehen  und ein Händler ist so geschickt, dass er es schafft mir ein Hemd zu schneidern, obwohl ich das gar nicht wollte.

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Doch mein Kater und die unglaubliche Hitze des Staates Maharashtra tun ihr Bestes, um mich gefügiger gegenüber allem zu machen. Ich schwitze, alles dreht sich und alle Menschen sind viel zu laut. Gegen Abend falle ich müde ins Bett, weiß darum, dass ich bereits 03:00 Uhr morgens wieder aufstehen muss, um in die Heimat zu fliegen und döse murrend ein. 



 

16 Stunden später  

Brrr, ist das kalt! Soeben bin ich aus dem Flughafengebäude in Berlin-Tegel getreten und wurde auf der Stelle mit der windigen Wahrheit konfrontiert. Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Einen Monat zuvor war eben jener noch im vollen Gange, doch nun hat der Herbst Einzug gehalten. Der Kontrast zwischen 35 und 10 Grad lässt mich ordentlich frösteln. Darauf war ich nicht vorbereitet. Jeder Deutsche trägt eine dicke, dunkle Jacke. Außer ich, der nur einen dünnen Pullover anhat, der gestern noch viel zu warm war. Welch seltsamer Realitätenwandel. Und sofort werde ich am S-Bahnhof Beusselstraße der deutschen Kultur ausgesetzt. Die Bahn kommt nicht pünktlich. Verrückt. Da komme ich aus einem Land mit Milliarden von unpünktlichen Menschen, wo aber jeder Zug fast zu früh einfährt und in der Hauptstadt des Landes der Pünktlichkeit, will die Bahn nicht erscheinen. 

Doch eigentlich mag ich das. Genauso wie den Herbst. Klar, lässt er mich die ersten Momente, zurück in der Heimat, zittern, aber schnell begreife ich dessen Schönheit. Ich habe bunte Sarees gegen bunte Blätter getauscht und spätestens daheim, als mich ein großes Bett mit dicker Matratze erwartet und ich den Rausch der letzten zwei Tage ausschlafen kann, bin ich auch gar nicht so böse, wieder hier zu sein. In den vergangenen 48 Stunden habe ich insgesamt nur sechs Stunden geschlafen und bin sehr happy, statt einer dünnen Matratze, auf der ich in Indien Schlaf fand, nun eine richtige Schlafstätte vorzufinden.

Ich weiß, dass ich Freunde in Hyderabad zurückgelassen, jetzt aber meine Familie und alte Freunde wieder habe. Zudem wird mich ebenfalls ein Neuanfang in Weimar erwarten. Ich bin in ein anderes Zimmer meiner 16er WG gezogen, neun Menschen sind neu dazugekommen und hoffentlich werde ich mit ihnen das nächtliche Weimar, statt dem weit entfernten Hyderabad unsicher machen.  Und ich weiß auch, und das mehr als letztes Jahr, dass eine Rückkehr in die 8 Millionen Metropole gar nicht so unwahrscheinlich ist …

Das Leben der Khonds

“Namskaram, bro, sagt Faiz, faltet beide Hände und beugt leicht den Kopf in meine Richtung, als er sieht, dass ich aufgewacht bin. 

“Namaskaram, bhaiyya”, erwidere ich und gähne. Guten Morgen, Bruder. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb sieben Uhr morgens und es regnet. Schon wieder. Draußen verschwimmt das Ureinwohnerdorf Poolabanda im vernebelten Monsun und erneut muss ich feststellen, dass es unfassbar dämlich war, meine gewaschenen Klamotten draußen aufgehängt zu haben. Sie sind jetzt wieder genauso nass, wie gestern. 

Hinter mir mauzt es. Draußen versucht Ammu, eine kleine Katze, die Gefallen daran gefunden hat allen mit ihrem Geschrei auf die Nerven zu gehen, um ins Office zum Streicheln reingelassen zu werden, die Fliegengitterfenster hochzuklettern.

“Miiiaaaaau”, wettert sie und alle menschlichen Anwesenden, die noch schlafen, stöhnen und drehen sich auf die andere Seite. 

Seit 9 Tagen nervt uns diese dünne Dorfstraßenkatze mit ihrem lauten Meckern. Doch sie weiß, dass sie immer wieder Erfolg damit haben wird, hält keiner ihr anhaltend, stoisches Miauen lang aus. Ich richte mich auf, befreie mich aus meinem Schlafsack, strecke mich schlaftrunken und öffne die Officetür einen Spalt breit. Der Geruch von gekochten Reis zieht ins Zimmer, Ammu flitzt hinein, ich inhaliere die Dorfluft tief in meine Lungen und schließe die Tür wieder. Ächzend und stöhnend setze mich, da ich einmal wieder stocksteif und verkrampft bin, schlafen wir alle lediglich auf einer sehr dünnen Strohmatte, die der Härte des Bodens gehörig Konkurrenz bietet. Die junge, weiße Katze macht sich in meinem Schoß schnurrend gemütlich und beginnt wenige Augenblicke später zu träumen. Ich bekomme mein Notizbuch zu fassen und beginne meine gestrigen Erlebnisse und Gedanken, die ich in den Dörfern hatte aufzuschreiben. Das mache ich hier jeden Morgen so, bin ich am Abend zu müde und geschafft vom Tag.

“Was schreibst du, Bro? Fragt mich Faiz von oben bis unten musternd. Ursprünglich aus Delhi kommend und jetzt in Bangalore studierend, ist er der Spaßvogel der Studentengruppe, die mit uns zusammen die Dörfer bereist und observiert. Anfangs verstand ich seinen beinahe zynischen Humor nicht, war von ihm verunsichert und ging ihm aus den Weg, soweit es eben möglich war, in einem Raum voll mit 13 Leuten jemanden aus dem Weg zu gehen. Doch die Tage verstrichen, wir erlebten Abenteuer, schwammen im Quellen und Wasserfällen und mit der Zeit begann ich ihn zu mögen.

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“Meine Erlebnisse von gestern. Ich möchte, wenn ich aus den Fields komme, Blog schreiben und dazu notiere ich alles, was passiert ist.” 

“Komme ich auch darin vor?”, fragt er neugierig. Er beugt sich über mein Buch, doch kann nichts entziffern, da ich auf Deutsch schreibe. 

“Wer weiß”, ich tue so, als würde ich ernsthaft darüber nachgrübeln, ob ich ihn irgendwo erwähnt habe. 

“Du musst mich erwähnen, Bro! I´m your favourite harami!” 

Ich schmunzele. Harami ist eigentlich ein Schimpfwort auf Hindi, doch zwischen uns beiden ist es wie ein Kosename für den anderen geworden. 

“Arschloch”, sage ich im Gegenzug und sehe wie Faiz beginnt zu grinsen und dankbar eine kleine Verbeugung andeutet. 

Während ich schreibe und schreibe, erwachen auch die anderen. Jax schlägt die Augen auf, befreit sich von Layas Klammergriff und gähnt. Sie und die Inderin aus Telangana, die für die anderen als Übersetzerin zwischen Telugu und Englisch fungiert, schlafen seit einigen Tagen dicht beieinander, haben sie sich zu guten Freundinnen entwickelt.

Insha, ein ca. 1,50m großes Mädchen mit riesigem Herzen und einem Talent dafür sich Songtexte einzuprägen, blinzelt und schaut verängstigt zu mir und Ammu herüber, hat sie große Angst vor jeglichem Vierbeiner, der sich ihr auf 5 Meter nähert. 

Runal, der von seinen Eltern so genannt wurde, weil beide große Fans von Cristiano Ronaldo (Ronaldo = Ronal = Runal) waren, blickt verschlafen zu Vanshika hinüber, die in Gedanken versunken nach draußen starrt. 

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Neben mir sitzt Amit, der auch schon seit gut anderthalb Stunden, in sein kleines Büchlein schreibt. Er ist der in sich ruhende Philosoph der Gruppe, der das Dorf und das wilde Leben darum herum liebt und seine Freundin, die in der USA studiert, sehr vermisst. Wegen ihr hat er ein Tattoo am Handgelenk. Ein Unendlichkeitszeichen, was auf der einen Seite in den Fußabdruck einer Wildkatze mündet und auf der anderen Seite in eine Kamera. Er selbst symbolisiert den Fußabdruck, welcher für “wild life” und seine dahinterstehende Liebe für die Natur steht. Die Kamera steht für seine Nikita, die laut ihm begeisterte Filmliebhaberin ist. 

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Kalpesh, eine 23-jährige Frau, geboren in der Nähe von Mumbai, reicht allen Anwesenden Chai und grinst mich kopfwackelnd an, als ich meinen Tee entgegennehme. 

“Tum kaise ho? Wie geht es dir? 

“Main theek hoo.“ Mir geht es gut. 

Kalpesh hat eine sehr interessante Lebensgeschichte, will sie/er eigentlich gar keine Frau sein, sondern ein Mann. In Indien ist das teilweise noch sehr verpönt, so auch bei seiner Familie. Er hatte sich nie getraut, es dieser zu gestehen, wurde mit 20 Jahren an einen älteren Mann zwangsverheiratet und stellte währenddessen fest, dass er überhaupt gar keine Anziehung zu Männern hatte und sich nicht wohl innerhalb seines eigenen Körpers fühlte.

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“I just have a soul, without a body”, gestand er mir eines Abends, als wir zu zweit durch die Reisfelder marschierten.

Er hielt es nicht in dieser Ehe aus, konnte aber seinen Eltern, aus Angst verstoßen zu werden, jene Gefühle nicht mitteilen, brach das brüchige Bündnis aus etwaigen Gründen ab und fand, wie durch Zufall die kleine Ureinwohnerrechtsorganisation Dhaatri, die ihn und seine Wünsche verstand und direkt einstellte. Hier darf er nun frei seine Gedanken äußern und wird von allen dazu ermutigt die Operationen, die es braucht, um eine Geschlechtsumwandlung zu vollziehen, zu machen.

Es gibt Frühstück, ich lege mein Buch beiseite und schaufle mir Reis auf meinen Teller. 

“Was machen wir heute?”, erkundigt sich Jax und schaut in die Runde. 

“Wir besprechen unsere Ergebnisse, die wir in den letzten Tagen aus den Dörfern gesammelt haben”, meint Amit.

“Was anderes können wir heute sowieso nicht tun”, meint Insha und schaut lethargisch aus dem Fenster. Draußen versinkt die Welt in dunkle Grautöne. Ein nasser, räudiger Straßenhund flitzt vorbei, auf der Suche nach einem trockenen Plätzchen, gefolgt von einer aufgebracht gackernden Glucke, die ihren Kücken, die in einer langen Reihe verträumt hinter ihr her tippeln und durch Pfützen platschen, versucht schnellstmöglich den Weg zum Hühnerschlag zu erörtern. 

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“Wir tragen erst das zusammen, was wir aus den Dörfern Malkapulam und Kumarithum  observieren konnten und reden dann über Dallapalli”, meint Amit, der die miauende Ammu davon abhält seinen Reis zu fressen. 

„Dhaaaaallapalliii“, ruft Insha. Sie betont das Wort in einem derart italienisch passionierten Stil, dass alle kichern müssen. Da keiner irgendein Wort für die Schönheit und Einzigartigkeit jenes Dorfes finden konnte, wird nun allein der leidenschaftlich vorgetragene Dorfname verwendet, um jene Gefühle, die alle mit dem Ort verbinden, auszudrücken. 

“Dhhaallaapalliii”, stimmt Amit zu. 

“Malkapulam war doch dieses Dorf voller reicher Leute, oder?, frage ich in reger Erinnerung. 

45 Familien lebten dort und 43 davon besaßen richtige bestrichene Häuser aus Beton. Ein Haus besaß sogar Fenster! Glasfenster! Darüber staunte ich nicht schlecht, denn in vielen anderen Orten hatten die kleinen Ein-Raum-Lehmütten lediglich eine Lichtquelle und zwar den Ausgang. 

“Genau. Die meisten Leute waren aus höheren Kasten und gläubige Hindus. Lediglich zwei Familien kamen aus tieferen und wurden nie zum Gram Sabha eingeladen”, berichtet Vanshika. 

“Was war nochmal ein Gram Sabha?”

“Der Gram Sabha ist eine lokale, vierteljährliche Versammlung in jedem Dorf der Adivasi. Dort treffen sich die meisten Bewohner und reden über Themen, die sie unbedingt ansprechen müssen. Das Ganze wird vom Sarpanch geleitet. Dem für gewöhnlich Ältesten oder schlaustem Kopf im Dorf, der jene Treffen organisieren muss. In Malkapulam ist es so, das haben wir herausgefunden, dass immer eine Person aus einer höheren Kaste den Sarpanch stellt. Deswegen werden auch nie Leute aus tieferen Kasten ins Dorf ziehen können, weil das Oberhaupt des Dorfes dies verbieten würde. Neben dem Gram Sabha gibt es noch den Panchayat. Ein Zusammentreffen von Sarpanchs und anderen Vertretern verschiedenster Dörfer in unmittelbarer Umgebung. Dort wird dann über größere Probleme diskutiert und im Endeffekt bestimmt die Politik des Panchayats und nicht die der eigentlichen Regierung des Staates, das Leben der Dörfler ringsum. Kurzum: Die Dörfer organisieren sich selbst. Der Staat schafft es nicht sich mit den Problemen aller kleinen Dörfer in den Bergen auseinanderzusetzen”, berichtet Laya, die mehr verstanden hat, als die meisten anderen, da ihr keine Sprachbarriere im Weg steht.

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“Aber trotzdem hat der Staat doch irgendwie Einfluss in diesen Gebieten, no?, erkundigt sich Runal. 

“Ja, sogar mehr, als gedacht”, bringt sich Madhavi ins Gespräch ein. “Die Regierung stellt Rationskarten an die Bewohner aus. Da nicht alle Lebensmittel in den Agrargebieten angebaut werden können, wird jeweils fünf Kilogram Reis pro Person, Zucker und Dhal gratis jeden Monat zur Verfügung gestellt. Alles Weitere, wie Öl, Salz und Chai-Pulver, was auch ziemlich elementar für das Überleben der Menschen in den Bergen ist, muss bezahlt werden. Im Gegenzug müssen die Bauern Teile ihrer selbst angebauten Produkte wie Bohnen, Kaffeebohnen, Ragi, und Chilis an die Staatsbeamten abgeben. Zusätzlich bestimmt das Forest Department über die Landverträge der Farmer, kann diese vergeben oder auch entziehen, was es sehr gerne macht. Zusätzlich bekommen die Menschen auch nur durch die Regierung ihren Lohn.”

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“Und der ist sehr gering!”, unterbreche ich Madhavi. Ich habe selbst einen Blick in die wenigen Unterlagen der Dörfler werfen können und war ganz schockiert, als ich sah, was die meisten durchschnittlich pro Jahr verdienten. Es belief sich auf ca. 9000 Rupien. Monatlich entsprach das also 750 Rupien. Knapp 10 Euro!! Selbst für indische Verhältnisse ist das verdammt wenig. Pro Woche nur mit 2,50 Euro auszukommen ist kaum vorstellbar, wenn halbwegs akzeptable Klamotten in der nächst größeren Stadt schon jeweils 7 Euro und ein Wocheneinkauf, bestehend aus Gewürzen, Reis, Gemüse und Öl 2 Euro kosten. Ein neugekauftes T-Shirt bedeutet für die meisten Dörfler also knapp einen ganzen Monatslohn auszugeben. Klar, dass die meisten dann ihre Klamotten Jahre lang tragen und es in Kauf nehmen, dass diese immer mehr Löcher aufweisen. Essen ist dann doch wichtiger, als Aussehen.

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“Genau, richtig Leo!”, pflichtet mir Laya bei und wuschelt mir über den Kopf. Sie konnte sich vor dem Trip nach Poolabanda kaum vorstellen, jemals mit zwei weißen Europäern zusammenzuarbeiten, die sie auch noch dementsprechend mögen. Seit ungefähr Tag 3 ist sie oft an meiner Seite, hält meine Hand und ist mir sehr dankbar, dass ich ihr, damit sie mich nicht so schnell vergisst, ein Souvenir aus Berlin geschenkt habe. Ein Mini-Brandenburger-Tor. 

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“Der geringe Lohn führt vor allem zu Problemen bei Familien mit geistig oder körperlich eingeschränkten Kindern. Diese können später nicht auf dem Feld arbeiten und sind dementsprechend ein zusätzliches finanzielles Risiko für die Dörfler. Und hier hat die Regierung auch ihre Finger in Spiel. Bei ganz vielen Haushalten ist es nämlich so, dass überhaupt keine Zertifikate für die Behinderung der Kinder ausgestellt werden. Manche Bewerber werden sogar einfach ignoriert, obwohl die Familie sich mehrfach dafür meldet, um zusätzliches Geld zu erhalten.

“So eine Scheiße!”, schimpft Jax, die immer noch sauer und aufgebracht über den gestrigen Besuch in einem Dorf namens Kumarithum ist. Dort gibt es drei Personen, zwei davon Kinder, mit entweder geistigen oder physischen Behinderungen. Ein Kind hat von Geburt an verdrehte Hände und Füße, kann weder greifen noch laufen und ist auf die Hilfe seiner Eltern und Geschwister angewiesen. Der Staat schaut weg und sieht keine Einschränkung. Dementsprechend wird die Familie nicht zusätzlich gefördert. Mutter und Vater des Kindes kommen aus der selben Familie, sind Cousins und darin sehen die Ärzte aus dem nächstgelegenen Krankenhaus das Problem. Sie helfen erst gar nicht mit Lösungsversuchen, weil sie “Inzest” abscheulich finden. 

Selbes Problem mit einem Mädchen, das nach einer überstandenen Malaria-Erkrankung,  aufhörte zu sprechen, seitdem immer wieder Schwächeanfälle hat und einfach in sich zusammenbricht. Überall hat sie Schürfwunden und aufgerissene Verletzungen von den Stürzen, die sie in den Bergen erleidet. Niemals kann sie alleine gelassen werden, doch läuft sie oft einfach weg. Die Eltern haben es aufgegeben nach Ärzten und Mitteln zu suchen, die ihr Kind heilen könnten und beugten sich bereits vor Jahren ihrem Schicksal.

In einem anderem Dorf gibt es einen Jungen ohne Beine, der von den Ärzten Pillen verschrieben bekommen hat, die seine Beine wieder wachsen lassen sollen. Absurd. 

“Aber hier können wir nicht einfach nur observieren! Das ist nahezu pervers!”, werfe ich ein, der nach gestern ebenso wütend, wie Jax ist. Wir waren zu sechst in jenes Dorf gegangen und standen im Halbkreis um die beeinträchtigten Kinder. Die Eltern erzählten von ihren Problemen, Laya übersetzte und wir nickten stumm. Am Ende dankten wir den Leuten für ihre Offenheit und gingen.

“What the fuck!”, dachte ich immer wieder. Ich kam mir vor, wie im Zoo. Wir privilegierten Städter kamen in ein Ureinwohnerdorf, schauten uns behinderte Kinder an und gingen wieder, ohne irgendwas getan zu haben. Wir waren verdammt noch mal verpflichtet, zu helfen.

“Aber wie sollen wir helfen, Leo?! Das ist das Problem! Die Familien müssten in die größten Städte Indiens, wie Delhi oder Mumbai reisen, um in Krankenhäuser zu kommen, die tatsächlich professionell genug sind, um ihnen zu helfen. Klar könnten wir Crowdfunding Projekte starten, Geld sammeln, aber wie viel bräuchten wir überhaupt? Es ist nicht nur mit einem Delhi-Besuch getan, die Kinder bräuchten eine monatelange oder jahrelange Behandlung. Denkst du, die Familien hätten die Zeit, um 30 Stunden mit dem Zug nach Delhi zu fahren. Jeweils? Hin und zurück? Die müssen ihre Ernte bestellen, sich um ihre Felder kümmern, sonst droht ihnen das Aus. Wir können nichts tun. Nur Druck auf die Regierung machen, die uns wahrscheinlich ignorieren wird”, proklamiert Insha, die Jax und mich gestern bereits unsere Wut zügeln musste. 

Wir beide sitzen da und schmollen. Ich bin nach wie vor der Meinung das Schicksal der Menschen in der Presse zu veröffentlichen. Vielleicht finden sich Leute, die mehr spenden, doch auch die Idee wurde bereits damit abgeschmettert, dass sich in der Stadt niemand für die Dörfer interessiere. Vor allem wegen Religionsgründen. Ursprünglich hatten die Khonds ihre eigene Stammesreligion und glaubten überwiegend an weibliche Naturgötter. Dann kamen die Brahmanen und zwangskonvertierten die Menschen zum Hinduismus und dessen männliche Götter, wie Vishnu, Shiva und Ganesha. Später kamen die Christen dazu und ließen ihre Kirchen in den Bergen zurück. Man erkämpft sich bis heute den Status, unabhängig zu sein. Manche glauben immer noch an ihre alten Götter, einige an Shiva und Co und wieder andere gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Das ist der Regierung jedoch ein Dorn im Auge, will Präsident Narendra Modi aus Indien ein durchgängig hinduistisches Land machen. Hindustan sozusagen. 

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“Lasst uns zu positiven Dingen kommen”, meint Faiz, der die Stimmung aufhellen möchte und feixt in die Runde. 

“Dallapalli?”, fragt Insha neugierig. 

“Dhhaaallapalli”, ruft Faiz glückselig aus und alle stimmen euphorisch mit ein. “Komm Amit, bro, erzähl wie die Menschen dort verheiratet werden, jaaa! Und danach lass uns zum Wasserfall schwimmen gehen und Pause machen”

Alle schauen gespannt zu Amit, der nach wie vor Ammu auf den Schoß hat, sich streckt, an seinem Chai nippt und lächelt. Die Story erzählt er gern. 

“Also erst einmal vorweg; so war es einmal Tradition. Mittlerweile passiert jenes Prozedere nicht mehr ganz so häufig. Auf jeden Fall hat mir die nette Dame auf diesem Fels in den Agrargebieten – ihr erinnert euch ? – folgende Story erzählt …” 

Zurück in Dallapalli hatten wir eine Farmerin auf ihr Land begleitet, ließen uns auf einem gewaltigen Steinplateau nieder und stellten der Frau Fragen. Jax und ich saßen unbeteiligt daneben, da nur auf Hindi und Telugu geredet wurde, drum ist jene Erzählung von Amit mir auch neu. 

“Wenn sich zwei Personen aus unterschiedlichen Dörfern treffen und da ist dieses Funkeln, diese Leidenschaft zwischen beiden, so wird der Mann, mithilfe seiner Freunde, die Frau in sein Dorf entführen, sie in sein Haus bringen und sie verwöhnen. Sie soll sich wie daheim fühlen. Es wird den Sarpanchs der beiden Orte mitgeteilt, dass diese Liebenden heiraten wollen und alle möglichen Vorkehrungen werden getroffen. So beispielsweise werden die Hände des Mannes darauf überprüft, ob sie rau und schwielig genug sind, um die harte Arbeit auf dem Feld auch zu schaffen. Wir würden in dieser Prüfung übrigens alle durchfallen. Zu zarte Städterhände.”

Alle kichern und befühlen die Hand des Nachbarn. Jax und Ich sind für den Beruf des Bauern total ungeeignet und würden wohl nie eine gute Partie im Dorf finden. 

“Der Typ muss, wenn er tatsächlich Arbeiterhände vorweisen kann, ein Lied über seine Fähigkeiten singen. Darüber, ob er gut klettern, rennen, Büffel hüten oder sonst was gut kann. Danach wird die Frau gefragt, ob sie diesen Mann tatsächlich immer noch heiraten möchte. Sagt sie ja, ist alles super, sagt sie nein, darf sie wieder in ihr Dorf zurückkehren und dann gibts tatsächlich noch eine dritte Möglichkeit. Wenn sie sich nicht sicher ist, darf sie einem Testverheiratetsein zustimmen. Heißt, die beiden leben für drei Monate zusammen in einer Testehe und beide schauen, wie gut der andere im Alltag klarkommt.”

“Echt, wie lustig!” Ich muss lachen.

“Funktioniert die Testehe, wird nach diesen drei Monaten diese fortgeführt und wenn nicht, dann kehrt die Frau zurück. Im Fall einer Heirat gibt es ein großes Fest und die jungen Getrauten werden drei Tage in die Wildnis geschickt, um wilde Süßkartoffeln zu finden. Schaffen sie das, so sagt der Brauch, werden sie glückliche Jahre zusammen haben. Es gibt bei den Khonds nur Liebesheiraten und die Frauen werden doppelt und dreifach gefragt, ob sie wirklich damit einverstanden sind, den Mann zu ehelichen. It´s all about love, ladies and gentlemen!”

 “It´s all about love!”, tostet Faiz allen Anwesenden mittels seines erhobenen Stahlbechers zu. 

“By the way; I’m totally in love  with these waterfall, we wanted to go! Let’s go! Chaaloo, bhaayia! Auf geht´s, Bruder!” 

Er steht auf und streckt mir die Hand entgegen. Ich kriege zu fassen und er zieht mich schwungvoll auf die Füße. Alle anderen erheben sich ebenfalls.

“Chaaloo, Chaaloo!”, rufe ich auf Hindi. Lasst uns gehen!

Die Verabredung mit dem Wasserfall und uns, sollte für mich zum Wiedertreffen eines alten Bekannten werden. Erst scheint es so, als sei dieser neu für mich, als ob ich diesen Platz das allererste Mal sehen würde. Doch, als wir auf die Spitze klettern, bleibe ich eine ganze Weile wie angewurzelt stehen. Wir kennen uns. Da ist sie, die Quelle, die ich vor genau zwei Jahren, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, gefunden hatte. Dort hatte ich das erste Mal für mich realisiert,  dass ich ein zweites zu Hause gefunden hatte. Ich war da willkommen, wo meine Freunde waren. Welch ein schöner Zufall diesen Ort genau in diesen Momenten wiederzusehen, wo ich mir nichts sehnlicheres wünsche, als hier zu bleiben. Morgen heißt es Abschied nehmen von den Dörfern und auch von den lieben Menschen, die ich hier kennenlernen durfte. Faiz hatte mir bereits angeboten, als wir auf dem Weg zum Wasserfall waren, doch ihn in seiner Heimat zu besuchen und in diesen Momenten spürte ich, wie sehr er es ernst meinte. Er wollte mich wiedersehen, ihm war es wichtig. Wir waren Freunde geworden. Freunde, mit einer tiefen indischen Verbundenheit. 

„Wenn du in Delhi aus dem Flugzeug steigst, dann bist du von dort an unter meiner Obhut, Bro! Du wirst mit mir eine wunderschöne Zeit haben, Leo, Bro! My favourite harami!“ 

Wir sollten Spaß an diesem Vormittag haben und jene Freude trug uns den restlichen Tag über unser fortgesetztes Meeting, über die Probleme und Sorgen der Dörfler. Dieses siebte Abenteuer ging am nächsten Tag zu Ende und es war anders, als die Male davor. Plötzlich hatte ich mehr über die Menschen, die hier lebten, in Erfahrung bringen können. Ich war nicht abgeschottet gewesen, hatte Begleiter gehabt, die große Neugier und Energie an mich weitergeben konnten. War ich jedes Mal froh darüber, nach anderthalb Wochen Dallapalli zu verlassen, weil nichts mehr ging und alle Pläne den Bach hinunter strömten, so glaubte ich jetzt daran weiter hierbleiben zu können. Ich verstand immer mehr, was die Leute sagten und nicht selten schämte ich mich für mich selbst, letztes Jahr nicht die Sprache gelernt gehabt zu haben. Viel war mir dadurch entgangen, was ich jetzt dankbar in mich aufsaugte. Die Dörfer strukturierten sich während der zwei Wochen komplett neu, ich stand Menschen gegenüber, die nicht einfach nur Ureinwohner und gutes Fotomaterial waren, sondern Menschen, wie du und ich, mit täglichen Querelen. 

Ein Grund mehr irgendwann, in weiter Zukunft natürlich, diese Menschen verstehen zu lernen …

Dallapalli

“Ladies and Gentlemen, wir erreichen Dallapalli in ungefähr 600 Metern. Nur noch über diesen Berg und wir haben unser Ziel vor Augen” mime ich eine Navigationstimme und kann es kaum erwarten anzukommen. Seit anderthalb Stunden brettern wir mit 13 Leuten und zusätzlichem Gepäck in einer Rikscha durch Berge und Täler und sind des Sitzens müde, da es sich eingekeilt zwischen den anderen Körpern schlecht ausharren lässt. Doch nun jubelt die Fahrgemeinschaft aus Bangalore-Studenten, Jax und mir.

“Daaaallaaapalli! Daaaaallapalllii”grölt die Menge und beginnt glückselig einen Bollywoodsong anzustimmen. Eine Gänsehaut breitet sich über meinen ganzen Körper aus. Ich kann auf einmal besser atmen. Viel, viel besser! Diese Gegend kenne ich wie meine Westentasche. Auch wenn alles in tiefen Nebel getaucht ist, blicke ich geradezu auf die Ländereien und Felder der Bauern aus dem Dorf, dass ich in meinem einjährigen Freiwillligendienst mehrfach besucht habe. Ich kenne diesen Hügel, der vor uns aufragt. Hinter diesen befindet sich ein weiteres Tal und ein kleineres Plateau auf dem die Grundfesten eines ruhigen, harmonischen Dorfes, stehen. Der Geruch von Bauernhof zieht in meine Nase, dazu scheint es leicht minzig zu riechen. Jenes Aroma haut mich fast von Sitz der vor sich hinknatternden Rikscha. Ich will so schnell wie möglich diese verlassen und einfach nur loslaufen, scheint es mir, als könnte ich jetzt schneller sein, als unser rostiges Vehikel. 

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Wir erreichen die Spitze des Hügels und nun kann ich es sehen. Obwohl dichte Nebelschwaden vor meinen Augen tanzen, stechen die Farben der Khond-Gemeinde ganz klar heraus. Süß und verschlafen mit seinen rotbraunen Ziegeln liegt es dort, eingekeilt von uralten, gewaltigen Felsriesen und saftgrünen Palmen und Reisfeldern. 

“Ladies and Gentlemen, Sie haben nun die einmalige Chance, einen ersten Blick auf unseren nächsten Halt zu werfen” proklamiere ich. Eine Libelle fliegt vorbei. Dann noch eine. Und noch eine. Die Sonne bricht leicht durch die dichte, graue Wolkenwand und ihre Strahlen fallen genau auf die hellbraunen Lehmhütten des Ureinwohnerortes. Dallapalli zeigt sich im Rampenlicht und allen Anwesenden entweicht ein begeistertes “Ohhh”.

Wir rollen den Berg hinab, an lethargischen Wasserbüffeln und Ziegen vorbei und halten schließlich direkt am Dorfeingang. 

“Ziel erreicht”, rufe ich und springe aus der Rikscha, meinen Körper wieder spürend und voller Energie. Es ist kälter als im Nachbardorf Poolabanda. Herbstlich geradezu. Doch auch gerade dadurch fühlen sich meine Lungen wieder befreit. Die dicke, tropische Hitze ausatmend und die kalte, klare Luft einatmend, fühle ich mich von jeglichem Druck befreit und springe fröhlich zwischen Jax, Amit und Laya hin und her und würde ihnen am liebsten um den Hals fallen, so gut gelaunt bin ich gerade. Das merken auch meine Begleiter und starren mich entgeistert und müde an. Die Development-Stundenten, mit denen ich seit sieben Tagen in Poolabanda lebe, sind das erste Mal im Dorf und müssen sowohl Fahrt als auch ihren Ausblick erst einmal verdauen und auf den Steinen vor dem Dorf Platz nehmen. 

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Bis auf Madhavi, eine 21-jährige Studentin, die im Rhythmus von Bollywoodliedern aufgeht und wunderschön tanzen kann, die sich schickt mich durchs Dorf zu begleiten.

Es ist fast so, wie ich es verlassen habe, damals im Juni letzten Jahres. Ich sehe ein paar Kinder, die verwirrt stehen bleiben, als sie mich erblicken.

“Leo?” 

Ich winke ihnen zu. Tatsächlich. Ich bin’s wirklich.  

“Leeeo” rufen sie und gackern fröhlich, als sie meine Kamera erblicken und stellen sich sofort in Pose. 

“Dich kennen scheinbar immer noch alle”, meint Madhavi. 

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“Verrückt, nicht? Von Bahnu hab ich gehört, dass immer, wenn jetzt jemand mit einer Kamera durchs Dorf schlendert, er sofort als Leo klassifiziert wird.”

Das Mädchen lacht und ich führe sie weiter durch die kleinen Häuserschluchten des Ortes. Wir weichen einigen Hühnern und neugierig schauenden Ziegen aus und erklimmen eine der höchsten Stellen des Dorfes. Von hier aus blicken wir auf gewaltige Berge und Täler hinunter und nicht das erste Mal versuche ich Wörter für diese unglaublichen Bilder zu finden. Meine Gedanken wissen sie bereits, doch kann ich sie nicht aussprechen, sind sie viel zu … intensiv. Verbunden mit einem archaischen Instinkt, uralt, der weiß, was und wen diese Felsriesen möglicherweise schon erlebt und überlebt haben. 

Riesig, weit, unendlich, warm, gewaltig, für immer da, unverrückbar, beständig, pompös, Erinnerungen, Leben … Jene, doch viel zu einfachen Wörter schwirren mir durch den Kopf, als ich versuche ernsthaft über das, was ich sehe nachzudenken. 

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“Es ist wunderschön”, meint Madhavi. Das trifft es auch.  

“Deshalb hab ich hier wohl mein Herz verloren”, denke ich nach. 

“Schön gesagt, Leo.” Madhavi schaut in die Ferne.

Nach einer Weile stoßen die anderen dazu, setzen sich neben uns und wir warten darauf bis es Elektrizität in dem Haus gibt, wo wir für zwei Tage Obdach suchen werden. Im Gegensatz zu den anderen, bin ich sehr optimistisch, dass Strom kommen wird und irgendwie muss ich wohl, in den letzten vergangenen Stunden die Rolle des Anführers überreicht bekommen haben, fragt man mich nun aus, wann es denn Essen gäbe, ob uns Wasser zum Kochen und zum Waschen zur Verfügung gestellt wird und ob wir bald Licht hätten. Ich war hier schon sechs Mal. Deswegen glauben sie, ich wüsste, wie hier alles läuft, doch nichts kann ich ihnen sagen, außer, dass alles gut wird. Jedes Mal war es bei mir anders. Mal musste ich selbst kochen, mal wurde ich von der Person, mal von einer anderen bekocht. Selbes Prozedere mit dem Wasser..

Das nehmen die anderen schwer hin und quengeln, doch nach und nach trifft meine Vorhersage ein und ihr Murren wird weniger. Erst funktioniert das Licht in der Halle, es werden Spielkarten verteilt und ein munterer Spielkreis entsteht. Kurz darauf wird verkündet, dass in einer Stunde Essen für uns bereitsteht. Jemand aus dem Dorf hat sich bereit erklärt, für uns zu kochen. Dafür bin ich einerseits unendlich dankbar, doch gleichzeitig fällt es mir immer noch schwer diese unendliche Gastfreundlichkeit in all ihren Formen wertzuschätzen. Für jenen Dörfler ist es eine große Ehre seine Pflicht als Gastgeber wahrzunehmen, dafür bewundere ich ihn, aber ich kann nichts zurückgeben. Es scheint mir so, als nähme ich die ganze Zeit nur von den Menschen und würde nichts zurückgeben außer große Dankbarkeit. Wie sehr es mich doch interessieren würde, ob diese absolute Hingabe für einen Fremden eventuell einfach nur gesellschaftlich auferlegte Pflicht ist und inwieweit die eigenen Wünsche und Empfindungen gegenüber dem Nehmenden, zurückgestellt werden müssen. Für dieses Wissen müsste ich wohl länger hierbleiben …

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Es wird dunkel, die Nacht bricht über uns hinein, ebenso wie ein stummes Gewitter, hunderte Kilometer von uns entfernt. Wir sehen die hellen Lichtblitze, die unsere Gesichter in ein geisterhaftes Weiß tauchen, aber der Donner bleibt aus. Während die meisten drinnen Schutz suchen, sitze ich, zusammen mit Vanshika, einer weiteren 20-jährigen Studentin aus Bangalore, ursprünglich aus Bihar, auf der Türschwelle und schaue in die Schwärze. Blitze flackern vor unseren Augen auf, jeder großer und strahlender, als der davor und für kurze Zeit kann ich die bewaldeten Berge sehen. 

Wir unterhalten uns lange über unsere Hobbys und unsere Familien und ich höre, wie sehr sich die junge Generation von ihren traditionellen Eltern lösen möchte. 

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Vanshika

“So schnell gehe ich nicht zurück zu meinen Eltern. Jedes Mal, wenn ich dort bin, nehmen sie mich in Schutz vor allem, was auf der Straße unterwegs ist. Verdammt, ich muss sogar mit ihnen in einem Bett schlafen. Rechts meine Mutter, links mein Vater. Sie haben Angst um mich, weil ich kein Vertrauen in ihre Riten habe, die mich schützen könnten. Aber ich bin keine sieben Jahre mehr, hell yeah, ich bin 20, gottverdammt! Ich bin zwanzig, studiere im Master, habe Freunde und ein eigenes Leben. Wenn ich will, kann ich mit jedem schlafen, mit dem ich will und muss nicht darauf warten, bis meine Eltern, den Richtigen für eine Heirat gefunden haben. Aber das verstehen sie nicht.” 

“Welch Ironie, dass wir aus genau diesen Gründen in Dallapalli sind”, lache ich. 

In den Dörfern ist eine große Lücke zu erkennen. Kinder bis maximal 11 Jahre sind hier beheimatet, gehen in den Kindergarten oder in die Grundschule. Danach aber, werden die meisten  gesetzlich aus dem Dorf geholt und in Internate aus den nächstgrößten Städten gesteckt. Die Jugend entfernt sich also zunehmend aus den Dörfern, bietet die Stadt doch scheinbar bessere Job-Alternativen, als das Dorf und wird sogar von der Regierung dabei unterstützt. Die Altersstruktur in den Ureinwohnergebieten ist dementsprechend ungleich verteilt, gibt es viel zu viele alte, aber viel zu wenig arbeitswütige junge Menschen. Und die, die wegziehen, gehen ohne ihre Riten und Bräuche und entscheiden sich für eine westlich angepasste Lebensweise, mit Hindu-Religion. 

Dagegen kämpft die NGO, für die ich arbeite. Zwischen den Dörfern beispielsweise soll ein Community-Radio entstehen, welches Geschichten und Lieder aus der Kultur der Khonds spielt.

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Wie ich im Übrigen mitbekommen habe, scheint jede einzelne Religion eine Flutgeschichte zu haben. Das Christentum hat Noah, der mit seiner Arche aufbricht, die antiken Griechen haben Deucalion und Pyrrha, die in einer Holztruhe versteckt, die von Zeus geschickte Flut überleben und der Stamm der Khonds der Adivasi-Ureinwohner in Indien hat im Endeffekt denselben Mythos. Hier kommt Gottes Sohn auf die Erde und fühlt sich von den Menschen ungerecht behandelt, wird wütend und lässt die Welt überschwemmen. Doch ein Geschwisterpaar überlebt, weil es auf einen hohen Baum geklettert ist. Sie sind, als die Flut nachlässt, die einzigen menschlichen Überlebenden. “Die Mutter”, die wohl oberste Göttin, findet sie (wie durch Zufall ist es eine Krähe, die sie aussendet, um nach Überlebenden Ausschau zu halten), befielt ihnen sich zu vermählen, sie lehnen das jedoch ab, weil sie Bruder und Schwester sind. Sie gehen getrennte Wege, doch die Mutter hetzt ihnen Krankheiten auf den Hals, sodass sie bald kaum mehr aussehen wie sie selbst. Wie durch Schicksal treffen sich Schwester und Bruder wieder, erkennen sich nicht mehr und verlieben sich ineinander. Es wird geheiratet und aus dieser Heirat entstehen viele Kinder. Die “Mutter” befielt der Familie sich in den Bergen, nahe des Waldes anzusiedeln. Dort hätten sie die Möglichkeit Reis anzubauen und ihr Vieh gut zu ernähren. Und im Endeffekt ist das die Entstehungsgeschichte der Khonds. 

Kui creationstory

Während ich mit Vanshika draußen sitze und es langsam beginnt zu regnen, wird mir bewusst, dass es wohl tatsächlich, vor tausenden von Jahren eine gewaltige Flut gegeben haben muss, die alle Menschen auf dieser Welt so in Panik versetzt hat, dass sie in vielen religiösen Schöpfungsgeschichten eine Rolle spielt. Alles scheint irgendwie verbunden zu sein. Ein Blitz flammt auf und ich erhasche einen kurzen Blick auf die Felsriesen in weiter Ferne. Erneut ist da dieses Gefühl von archaischer Unendlichkeit, Beständigkeit und großer Bedeutung, was ich nicht in Worte fassen kann. Die Berge in Dallapalli und Umgebung haben das Wissen von Generation von Generation in sich vereint, doch nun bröckelt das Gefüge. Menschen verlassen die Dörfer, die Regierung bastelt unaufhörlich an einen Plan Hotels und Spas in den Ureinwohnergebieten zu errichten. Farmer kämpfen für ihr Recht Land beackern zu dürfen, bekommen aber keinen rechtlichen Vertrag dafür, da das Forest-Department von Andhra Pradesh die Wälder gerne privatisieren würde. Dhaatri setzt sich dafür ein, dass jeder das Recht auf Land hat, in dem wir jene Ländereien ausmessen und die Daten der Ureinwohner sammeln und speichern. Diese können das nicht selbst tun, haben sie nicht die nötige Technik und auch nicht die Zeit, um mehrere Tage durch die Berge zu streifen, nur um Grenzen auszumessen. Das würde Ausfälle in der Ernte bedeuten. 

 

Und nach wie vor kommen unaufgefordert Touristen hierher, spotten über die Kultur der Bergbewohner, betrinken sich achtlos und lassen ihren Müll als Gastgeschenk da. Vieh verendet an den unverdaulichen Plastikresten und erschwert es den Bauern ihr Land zu bestellen. Gleichzeitig können die Scherben von Whiskeyflaschen, den Dörflern selbst erheblichen Schaden zufügen, laufen diese meist barfuß durch ihr Land, kennen sie jede einzelne Erhebung und Wurzel. Doch treten sie in eine Scherbe, könnten sie für mehrere Tage außer Gefecht gesetzt sein, was sie sich in ihrem Beruf, der mehr als nur ein 9 to 5 Job ist, nicht leisten können. 

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“Es ist eine Lebensaufgabe für jeden Einzelnen, der für Dhaatri arbeitet, die Probleme in den Dörfern anzupacken, jaaa. Veränderung passiert. Das ist unumstritten. Ich mochte einst meine Familie wirklich sehr, ja verammt, aber dann haben wir uns alle in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Was schlecht und was gut ist, kann keiner sagen. Das ist das Leben. Aber hier … ist es was anderes. Ich sehe es an dir, Leo. Du liebst dieses Dorf und seine Menschen. Und ich glaube, wenn ich länger hierbleiben würde, täte ich es auch. Wir müssen für die Leute hier einstehen, bhaai!” Vanshika schaut mir tief in die Augen, hebt einen Stahlbecher mit dampfenden Schwarztee an die Lippen und nippt daran. 

“Und wir werden für die Leute einstehen. Irgendwie. Promise, behen!” Entschlossen hebe ich die Hand zum High Five und das Mädchen schlägt schmunzelnd ein. 

Wir sitzen für einige Minuten einfach nur schweigend da, während der Monsun sich über die Berge ergießt. 

Das Dorf hat mir so sehr gefehlt. Und das begreife ich erst jetzt, wo ich zurückgekommen bin. Indien wird für mich immer mit diesem Ort in Verbindung stehen und gerade hier, hab ich einmal mehr mein Herz verloren. 

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange alles hier so bleibt, wie es ist … 

Chai, Wasserfälle und indische Gastfreundlichkeit

Ich schließe die Augen und für kurze Zeit bin da nur ich und dieser ganz spezielle Geruch. Ich hab ihn vermisst und sehne mich nach mehr. Ich sauge ihn bis in mein Innerstes auf und meine Mundwinkel bilden ein Lächeln. Es riecht gleichzeitig nach Rauch, Reis, Bauernhof, Wald, Anti-Moskito-Creme und … Chai. Dieser ganz bestimmte Tee, den es nur so in seiner Einzigartigkeit in den Dörfern von Andhra Pradesh gibt. In kleinen Edelstahl-Bechern, heiß, ohne Milch und ganz viel Zucker. Jener Duft drängt sich über alle anderen Gerüche, als ich meine Augen aufschlage und Lambana, einen 60-jährigen, drahtigen Adivasi-Ureinwohner mit einem Tablett voller Chai-Becher auf uns zu gehen sehe. Mit tiefster Ehrfurcht reicht er jedem von uns einen Becher und wiegt sachte den Kopf. 

„Sag ihm, dass es uns sehr viel bedeutet, dass er extra für uns Chai gemacht hat“, sagt Amit, an Krishnarao, einen Dhaatri-Mitarbeiter, dass gewandt. Dieser übersetzt nun das Gesagte auf Telugu, Lambana beginnt breit zu grinsen, er tut das mit dem ganzen Gesicht und redet begeistert auf uns ein. 

„Er sagt, dass ihr immer willkommen seid. Kommt für einen Monat, für ein Jahr, ihr werdet immer ein Dach über den Kopf haben, Essen und jede Menge Chai“, dolmetscht Krishnarao. 

Ich fühle, wie eine Gänsehaut durch meinen Körper fährt. Wir sind gerade einmal drei Stunden in Malpadu, so heißt dieses abgelegene, ruhige Ureinwohnerdorf und schon scheint uns die halbe Ortschaft aufgenommen zu haben. Ich wiege gutmütig den Kopf in Lambanas Richtung und sage „Dhan’yavād“. Danke. 

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Er verschwindet und lässt uns alleine in der indischen Abendsonne. Ich drehe mich meinem dampfenden Chai zu, atme tief ein und nippe daran. Mit geschlossenen Augen spüre ich erneut eine Woge Dorfluft in meine Nase eindringen und achte nun auf die Geräusche. Da sind Grillen ganz in der Nähe. Sie übertönen ganz deutlich alle anderen Töne mit ihrem penetranten Zirpen. Ein Feuer knistert ganz in der Nähe, unzählige Fliegen summen und brummen durch die Gegend, eine wiederkäuende Kuh schlägt mit dem Schwanz nach ihnen. Kinder lachen und Eltern ermahnen sie doch ruhiger zu sein. Aus den kleinen Lehmhütten ist das Dudeln von Telugu-Liedern und das Brodeln der Gerichte für das Abendbrot zu vernehmen. 

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Ich tätige einen Schluck Tee und atme genussvoll aus. „Ahh …“ 

Ein Lachen von der Seite. Ich fahre herum. Amit und Runal schauen mich belustigt an.

„Du scheinst deinen Tee zu genießen, no?!“ fragt Amit. 

„Oh ja, bhai! Ich genieße ihn. Dorftee ist immer etwas Besonderes! Er ist das Highlight des Tages, gerade für uns, die nicht im Dorf arbeiten! In einer Woche werdet ihr für jede Möglichkeit Tee zu bekommen dankbar sein,“ lächle ich die beiden indischen Studenten aus Bangalore an. 



Dieses siebte Mal in den Dörfern der Ureinwohnergruppe der Adivasis ist anders, als jene Besuche davor. Ein Jahr ist vergangen zwischen dem letzten Abenteuer und dem Jetzigen, ich hab angefangen, zu studieren und bin jetzt insgesamt nur einen Monat in Indien. Mein Plan war nur eine Woche in Hyderabad zu bleiben und dann Richtung Rajasthan weiterzureisen, doch wie all zu oft klappte dieser Reiseplan bei mir schon am ersten Tag in Hyderabad zusammen. Ich wusste einfach, dass ich gekommen war, um zu bleiben. Ich würde die NGO Dhaatri, die sich für die Rechte der Adivasis, insbesondere die des Stammes der Khonds, stark machte, vier Wochen unterstützen. So stimmte ich zu, als es hieß, für zwei Wochen in die Dörfer zurückzukehren. Sechs Mal hatte ich diese besucht. Meist war ich in Dallapalli gewesen. Einem 300 Seelen Dorf hoch in den Bergen, welches in der Jahreszeit des Monsuns von den Wolken verschluckt wird und im Sommer unfassbar grüne Ackerländer mit sich trägt. Hier hatte ich Freunde gefunden, ohne wirklich mit ihnen geredet zu haben. Hier unterhielt man sich nicht auf Englisch. Hindi, die zweite Landessprache Indiens konnte hier auch niemand. Es wurde die Staatssprache der Staaten Telangana und Andhra Pradesh – Telugu – gesprochen, sowie Kui, die eigene Sprache der Khonds. 

Ich hatte mich mit Hand, Fuß und Kamera verständigt und bald, nach einiger Eingewöhnung, konnten beinahe alle Kinder des Dorfes meinen Namen und ich begann dieses mit seinen Bewohnern zu lieben. Ich liebte die Einfachheit des Seins und die schier unendliche Gastfreundlichkeit Dallapallis, welches abgeschieden vom urbanen Treiben lag. Manchmal war mir jene Abgeschiedenheit zu viel und ich ächzte nach dem Chaos der indischen Städte, fühlte mich einsam, doch jedes Mal holte mich das Dorf mit seinen Tieren, seiner unglaublichen Landschaft und auch seinen Menschen wieder zurück. 

Ab und zu ging es nach Poolabanda, einem etwas weiter entwickelten Dorf, welches in einer Felsschüssel lag, nur eine Stunde von Dallapalli entfernt war, jedoch ein komplett anderes Klima aufwies. Hoch oben war es kalt und nebelig. Unten gar tropisch und heiß. Hier zog es mich weniger hin. Hier fand ich nicht das Abenteuer, was ich suchte und meine Aufgaben konzentrierten sich auch eher auf den anderen Ort. 

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Doch nun sollte es mich für knapp einen halben Monat dorthin ziehen. Jax, die neue Freiwillige Dhaatris, war an meiner Seite. Dazu gesellten sich noch acht indische Development-Studenten aus Bangalore, die zu Gunsten unserer Organisation, anliegende Dörfer observieren sollten. 

Alles begann mit einem Zug, der viel zu kalt war. Von Hyderabad brauchte es ca. 20 Stunden in die Dörfer. 13 davon gingen für die Nachtfahrt von unserer Heimatstadt nach Visakhapatnam, im Slang auch Vizag genannt, drauf. Normalerweise sind die Züge mit Ventilatoren ausgestattet, welche das Innere auf eine halbwegs akzeptable Schlaftemperatur bringen, doch jener Zug hatte die Absicht, uns in eine Eiszeit zu führen. Jax zitterte und bereute es, keine warmen Klamotten mitgenommen zu haben und auch ich hätte warme Socken gut vertragen können. Doch die Zug-Eiszeit war Strategie. So konnte das Zugpersonal warme Decken und Kissen für 30 Rupien an die verfrorenen Insassen verkaufen, die bald Schlange standen, um eine Wolldecke zu ergattern. 

Zwölf Stunden später sollte unser Kopf beim Abstieg beinahe explodieren, war der Temperaturunterschied von ca. 25 Grad sehr intensiv. 

Bahnu, die Dhaatri-Chefin höchstpersönlich wartete am Bahnsteig auf uns und sollte mir wohl die angenehmste Fahrt hoch in die Berge bescheren. War ich sonst immer mit einem lärmenden Bus voller Menschen in die Ureinwohnergebiete aufgebrochen, taten wir es nun mit einem anständig klimatisierten Taxi. Unsere Backpacks und wir hatten sehr viel Platz, worüber ich unglaublich dankbar war, war mein Rucksack mal wieder auf die Größe und Schwere eines dicken Kindes angewachsen. Im Bus hätte er anderthalb Plätze in Anspruch genommen. Hier lag er sicher und ungefährdet im Kofferraum. 

Wir erreichten Poolabanda, eine wunderbare Stille lag in der Luft. Die Palmen und die Reisfelder in unmittelbarer Umgebung waren grüner als grün und der Ort mit seinen brauen Lehmhütten und roten Ziegeln war verraucht und roch nach Sommerregen. Wir traten ins Office und wurden von acht Studenten aus Bangalore lachend begrüßt. Bahnu hielt einen langen Begrüßungsmonolog, es wurden die Tage und die Aktionen geplant und es schien mir gar „unindisch“ so viel im Voraus zu besprechen. Doch sollten die kommenden Tage wunderschön werden. 

Ich hatte Startschwierigkeiten. Diese jungen Stadtmenschen, die das erste Mal in einem Ureinwohnerdorf arbeiteten, konnte ich nicht wirklich akzeptieren. Sie waren laut, schrill und passten nicht ins Dorfleben. Fünf Tage brauchte ich, bis ich realisierte wie traurig es war, dass ich bis zu dem Punkt mir kaum Namen gemerkt hatte. Dann jedoch kam der Wendepunkt. Wir brachen auf zu einer geheimen Quelle, sprangen gemeinsam ins Wasser, spritzten uns nass und veranstalteten Wettkämpfe, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Mit nassen Klamotten traten wir den Rückweg an und jauchzten und jubelten. Zurück im Office holte ich meine Spielkarten hervor und Stunden vergingen, währenddessen wir lachten und scherzten. Jenes Ereignis band mich an sie. Fest. Besonders an die Jungs. Amit, Faiz und Runal.

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Ab jenem Zeitpunkt sollten wir häufiger zu Quellen und Wasserfällen gelangen. Oftmals war der Weg dorthin beschwerlich und rutschig, doch zahlte es sich jedes Mal aus, das Wagnis eingegangen zu sein. Wir stürzten uns in Wasser, rutschten kleine, glitzernde Kaskaden hinunter und wichen den gefährlichen Strömungen gerade so, die uns in unfreundlichere Gewässer geworfen hätten, aus.

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Es war wunderschön, alle meine Freunde ausgelassen lachen zu sehen. Auch Jax, schien immer mehr in den Dörfern anzukommen, strahlte sie übers ganze Gesicht. Wir kämpften uns durch Strömungen, rutschten über nasse Steine, standen unter den hinabstürzenden Wassermassen und jeden dieser Augenblicke hielt ich fest, meißelte sie in mein Gedächtnis, so schön waren jene Bilder, der planschenden Menschen in der Abendsonne. 

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Wir lebten, arbeiteten und schliefen alle im selben Raum und nicht selten musste ich kichern über den Gedanken, welch Abenteuer es doch war mit mehr als 10 Leuten in einem Haus eines Ureinwohnerdorfes mitten in Indien zu leben. Und im Endeffekt waren sie alle doch genauso fehl am Platz wie ich selbst. War ich nicht eindeutig derjenige, der aufgrund seiner ganz klaren Andersartigkeit noch weniger hierhin passte? 

Wir waren alle Outsider, kamen aus großen Städten, sprachen nicht die Sprachen der Dorfbewohner und kannten kaum ihre Riten und Bräuche. Ein Großteil der Studenten sprach Hindi, was ihnen hier aber nichts nützte. 

Hindi ist eher den nordindischen Sprachen zuzuordnen, Telugu aber den Südindischen. 

Unterhält man sich in Hindi, könnte man Gujarati beispielsweise verstehen, da der Staat Gujarat im Norden liegt. Hier ist es ungefähr so, wie mit Spanisch und Italienisch. Es gibt Parallelen, da sie denselben Ursprung haben. Jene gibt es auch zwischen südindischen Mundarten. Aber Telugu unterscheidet sich von Hindi, wie Tag und Nacht. 

Der Großteil von uns verstand also nichts, war auf Dolmetscher angewiesen. Lediglich zwei hatten südindische Wurzeln und begannen uns unterrichten. Ich war mit Leidenschaft dabei, fragte Laya, die aus Telangana kam, schon am frühen Morgen nach Wörtern und Sätzen aus und versuchte mich auch an Hindi. 

Teilweise gelang mir das zwar, war am Ende jedoch vorrangig mit Schimpfwörtern ausgestattet. Ich war also nun mit den richtigen Worten gerüstet, falls mich demnächst mal wieder jemand auf der Straße finanziell ausnehmen wollte. 

Jax und ich erwiderten jenen Gefallen und bald lief jeder mit einem gutgesinnten „ARSCHLOCH!“ auf den Lippen durch die saftigen Reisfelder der Ureinwohner.

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Wir hatten viel Zeit für Schimpfwörter. Das Dorf war dem Monsun hoffnungslos unterlegen und verwandelte sich stets in einen „Apocalypse-Now-Abenteuerpark“, brach er sich über den Dächern Bahn. Es prasselte und prasselte. Mal dicke Tropfen, mal dünne Tropfen. Ich schrieb Tagebuch und fast immer war der erste Satz des Tages mein subjektiv anschaulicher Wetterbericht. 


Tag 3: Regnerisch, das Dorf versinkt im Nebel und alle scharen sich um ihren Chai 

Tag 4: Es regnet und regnet und regnet

Tag 5: Der Regen wird stärker, ist so laut, dass ich in der Nacht vom Rauschen geweckt werde

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Tag 6: Der Regen hat aufgehört

Tag 7: Es ist überraschend sonnig

Tag 8: Es ist verdammt KALT

Tag 10: Die Welt geht unter. Es schüttet wie aus Eimern

Tag 11: Es regnet und regnet und regnet. Meine gewaschenen Sachen werden nicht trocken

Tag 12: Der Monsun kennt keine Gnade und prasselt unaufhörlich hernieder. Meine Klamotten sind immer noch nicht trocken 


In jener Zeit spielten wir Karten, hielten Meetings, wo wir die Observationsergebnisse über die benachbarten Dörfer besprachen, dösten, oder beleidigten uns liebevoll. 

Die Zeit verging langsam, jeder Tag zog sich in die Länge und alles brauchte seine Zeit. Ich war daran gewöhnt. Die anderen nicht. So verschwand eines Mittags Krishnarao, den wir für eine wichtige Übersetzungsarbeit brauchten, mit den Worten, dass er in einer Stunde wieder da sei. Ich kannte den alten Halunken und konnte mich gut daran erinnern, dass er mal Ähnliches vor einem Jahr gesagt hatte und dann erst nach drei Stunden aufkreuzte. So legte ich mich auf eine Pritsche und begann zwei Stunden in Frieden ein Nickerchen abzuhalten. Als ich aufwachte, fehlte von Krishnarao jede Spur und meine Begleiter Amit und Runal schienen gar akribisch und angespannt jede Sekunde seines Fehlens mit der Uhr aufgezeichnet zu haben.

„Keine Sorge, so spielt das Dorfleben eben“, gähnte ich. Unser Begleiter kam schließlich nach einer halben Stunde. 

Und in jener Zeit des Wartens wurde das Chai-Trinken tatsächlich zum Highlight jener zähen Tage.

Doch an jenem dritten Tag im Ureinwohnerdorf Malpadu ahnen das meine beiden Begleiter Amit und Runal noch nicht und blicken mich noch immer stirnrunzelnd an, als ich die letzten Tropfen des Tees, den ich vom gutmütigen Lambana bekommen habe, genüsslich ausschlürfe. Ein langer Tag liegt hinter uns. Wir sind durch die Ackerländer der Bauern gestreift und haben die genauen Ausmaße aller Besitztümer der 11 Familien des Dorfes, mittels GPS-Tracker ausgemessen. Wir sind hoch auf die Berge gestiegen, haben Heil- und Nutzpflanzen fotografiert und kategorisiert und über Stock und Stein gewandert. Die Aussicht hoch oben war phänomenal. 

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Wir haben uns unseren Chai verdient. Und Lambana, der alte, weise Khond beweist später am Abend noch einmal, wie gastfreundlich er ist. Er lässt extra für uns ein Huhn schlachten. Es gibt Fleisch zum Abendessen. Fleisch. Das ist ein äußerst seltenes Privileg in den Dörfern, ist jedes Nutztier essenziell wichtig für den Fortbestand des Dorfes. Erneut essen wir zuerst, er sitzt fröhlich summend daneben und als wir fertig sind, beginnt er die letzten Reste aus den Töpfen auszukratzen. Fleisch bekommt er kaum noch zu fassen, doch stört ihn das nicht, war es für ihn doch eine Ehre, dass wir es verspeist hatten. 

Und natürlich räumt er und seine Familie sein kleines Häuschen, damit wir dort schlafen können. Er wird im Stall Unterkunft finden. Gut gesättigt und fröhlich schlafe ich auf der Pritsche des alten Ureinwohners ein, noch nicht ahnend welche Abenteuer in den nächsten 9 Tagen auf mich zukommen würden …