Von den Bergen ans Meer – Die Poolabanda Memoiren

So unglaublich es auch klingen mag, dieser Eintrag beginnt in den Bergen und wird am Strand enden und wie ich da hingekommen bin, das erfahrt ihr jetzt:

Der sechste Tag in den Dörfern beginnt mit strahlenden Sonnenschein und einer unverwechselbaren Geräuschkulisse. Hat man in Dallapalli beim Aufwachen noch Vögel zwitschern und Hühner gackern gehört, so kann man dies auch in Poolabanda wahrnehmen, jedoch mischt sich noch ein ganz bestimmtes Geräusch dazu. Das Spucken der Dörfler auf den Boden. Dies tun sie som indem sie wahrscheinlich erstmal ihren gesamten Naseninhalt mit einem schnarchenden „RRRRR“ durch die Nase in den Mund hochziehen und dann lauthals auf den Boden spucken.

Wahrlich ein wunderschöner Klang unter all diesen idyllischen Geräuschen am poolabandischen Sommermorgen.

Heute nehme ich mir vor nichts zu machen! Also, dies ist in dem Sinne zu verstehen, dass ich heute definitiv an keinem Marsch, geschweige denn an einem Meeting teilnehmen will. Ich will heute einfach nur im Dorf bleiben und die Umgebung auf mich wirken lassen. Das funktioniert ganz gut, wie ich nach einiger Zeit feststelle, beobachte ich sehr amüsante Alltagspannen und Geschichten. Ein freches Huhn stibitzt einer alten gebrechlichen Händlerin einen ganzen Knoblauch und rennt fröhlich quietschend damit davon. Wohl bekomm´s! So schnell wird kein Hahn mehr in die Nähe dieses „Stinkehuhns“ kommen.

Eine andere Henne versucht es mit einem anderen Leckerbissen. Eine tote Maus am Straßenrand nämlich, welche sie probiert mit einem Happs hinunterzuwürgen. Dabei verschluckt sich die Glucke aber fürchterlich und würgt die Hausmaus wieder aus und muss wehklagend mit ansehen, wie eine Krähe sich dem Nagetier annimmt und damit in weite Ferne fliegt. Dem sehnsüchtigen Blick des Huhns nach, würde es just in diesem Augenblick auch echt gerne fliegen können. Schade.

Eine Situation, die zur Belustigung aller beiträgt, wird durch eine neugierige Ziege ausgelöst, die sich von ihrer Herde entfernt hat und viel lieber in Reistöpfe schielt. Dabei steckt sie ihren ganzen Kopf in eine Schüssel und..huch! Sie steckt fest! Vollkommen irritiert springt die Ziege mit dem Topf auf den Kopf durch die Gegend und meckert wehklagend über diese Gemeinheit nichts sehen zu können! Diese ganze Szenerie erinnert mich doch sehr an den kleinen Michel von Astrit Lindgren, der auch mal den Kopf nicht aus der Suppenschüssel bekam.

Irgendwann kann die Ziege sich befreien und ist sichtlich verstört. Etwas Reis klebt ihr im Gesicht, was sie anscheinend gar nicht so toll findet und gesellt sich lieber zur restlichen Herde. Die hat wahrscheinlich jetzt gelernt sich nie wieder alleine auf spannende Exkursionen zu machen

Heute bin ich der Spielkamerad einiger Kinder, die es auf mich abgesehen haben. So besitzen einige Spielzeugpistolen, mit denen sie mich erschießen wollen. Ich habe dann die Aufgabe theatralisch auf den Boden zu sinken, oder Grimassen zu ziehen, wenn ich von einer Kugel getroffen werde. Alles nicht in echt, natürlich. 😀

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Den Gefallen tue ich ihnen sehr gerne, was eine Jungs total zu freuen scheint. Ihnen kann ich jetzt sogar schon High Fives geben!

Des Weiteren versuchen wir uns noch an meiner Ukulele und machen ganz viele Quatschbilder, wo sich die Kinder immer verrücktere Bilder ausdenken. Ab und zu versuche ich mit meiner Kamera einfach so durchs Dorf zu ziehen, um nicht nur Kinderbilder zu machen, aber sobald mich ein Mitglied der poolabandischen Rasselbande mit der Kamera durchs Dorf laufen sieht, kann es nicht mehr an sich halten und ruft von Weiten schon:

„Foto! Foto!“

Nun ja, es schön, wenn man seine Arbeit, die man zu erledigen hat, mit Freude erledigen kann.

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Zwischenzeitlich finde einige ruhige Minuten, die ich tatsächlich mit Lesen fülle, was ich bisher, in den anderthalb Monaten, nicht geschafft habe. Etwas kitschig finde ich es schon mitten in den Bergen, abgeschieden von der städtischen Zivilisation „Sophies Welt“ zu lesen, und mich mit den philosophischen Ideen von Sokrates und Platon zu beschäftigen, die sich mit dem gesamten menschlichen Sein auseinandersetzen, aber irgendwie gefällt mir auch dieser Gedanke.

So vergeht dieser letzte Tag und mir wird klar, dass ich gerne länger hierbleiben würde. Auch habe ich in dieser Woche, die Arbeiten erledigt, die ich mir tatsächlich von meinem Freiwilligendienst vorgestellt habe. Dicht bei den Menschen vor Ort sein, um sie bei ihren Problemen unterstützen, sei es durch Bilder, oder gemeinsame Stunden miteinander. Klar, habe ich am Anfang nicht recht verstanden, warum ich jetzt einen Haufen Pflanzen fotografieren soll, aber auch das verstehe ich jetzt im Zusammenhang mit der Umweltverschmutzung der Party-Touristen vor Ort und sehe es als sehr wichtig an, dass ich das machen durfte. So konnte ich feststelle, dass mehr als 60 Pflanzenarten auf diesem Hügel wachsen und das finde ich wahnsinnig bemerkenswert. Dazu lohnt es sich für diese Dörfer zu kämpfen und am liebsten würde ich das weiterhin tun!

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Wenn es jemanden interessiert; hier mal eine Tabelle aller Pflanzen, die ich fotografiert habe, mit jeweiligen Namen auf Telugu:

 

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Wie sagt man: Wenn es am schönsten ist, muss man gehen und das tue ich dann auch am nächsten Tag. Wir verabschieden uns herzlich bei Sathibabu, Padma und den Kindern und steigen in den Bus nach Visakhapatnam. Ich darf ganz vorne beim Fahrer sitzen und auf einmal erinnere ich mich an einige Worte aus Deutschland, die mir mein Großvater immer sagte, fuhr ich auf große Reise. Der ungefähre Wortlaut war immer: „… und gehe ganz nach vorne zum Schaffner, grüß ihn und sage ihm, dass er schön vorsichtig fahren soll.“

Gemacht habe ich es damals nie, doch jetzt sehe ich mich irgendwie verpflichtet dazu, wo ich schon die Gelegenheit habe. Ich richte dem Schaffner liebe Grüße aus und sage ihm, dass er vorsichtig fahren soll. Verstehen tut er mich nicht, aber er lächelt mich an und wackelt mich den Kopf. Wir verstehen uns!

Wir fahren durch die selben kleinen Gebiete, wie auf der Hinreise. Sie sind genauso bergig und bewaldet, aber was dieses Mal auffällt, ist der Müll, der überall herumliegt, weil er fast nicht existent war, kam ich doch aus einer Großstadt, die voll mit Müll ist. Jetzt komme ich aus einem nahezu sauberen Gebiet und die Verschmutzung und die schlechte Luft sticht mir in die Augen, ja es brennt sogar. Je mehr wir in Richtung Stadt kommen, desto mehr dreckiges Wasser und laute Geräusche wirken auf mich ein und machen mich total fertig. Der Kulturschock von Berlin nach Hyderabad war wohlmerkt weniger schlimm, als der, den ich von Poolabanda nach Visakhapatnam erleben musste, obwohl dieses sich, als wir es erreichen, Mühe gibt schön auszusehen. Das tut es auch, es ist bunt und grün, aber eben auch laut und das ist nach einer Woche Stille schon echt hart zu erdulden.

Da wir noch vier Stunden Zeit haben, will mich Gayathri zu einem geheimen Ort bringen. Gespannt, wie ein Flitzebogen, hocke ich mit meinem Rucksack in einem Stadtbus und warte, bis wir diesen geheimnisvollen Platz erreichen.

Dann höre ich Möwen kreischen und im nächsten Augenblick kann ich es sehen. Das Meer. Den Ozean. Den Golf von Bengalen. Wir laufen zu einem Strand hinunter und Meeresluft schlägt mir entgegen.

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Ich spüre den feinen Sand unter meinen Füßen und bin völlig fassungslos, wie es sein kann, dass ich heute Morgen noch tief in den Bergen war und jetzt am großen Wasser. Riesige Wellen schlagen gewaltig gegen einige Felsen in der Brandung und lassen das Wasser schäumen. Ich, schon immer ein Kind, dass insbesondere die Ostsee daheim, total spannend fand, muss einfach mit den Füßen ins Wasser gehen. Klar, es ist kein sauberer Strand überall liegt Müll, an manchen Stellen riecht es streng nach Fäkalien und hunderte Menschen lassen sich vor der Brandung fotografieren, aber für diese wenigen Momente nehme ich all dies nicht wahr. Nur das Meer und ich.

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Als ich später im Sand sitze, Gayathri kleine Sandburgen baut und ich einfach nur auf´s Meer hinausschaue, stelle ich fest, wie gelungen, diese Woche doch war. Bereits jetzt setzt ein leichtes Fernweh ein und später, im aufwühlenden Hyderabad, wird dieses verstärkt, durch die Unruhe und Unsicherheit der Menschen und mir selbst.

Doch just in diesem Moment bin ich einfach nur zufrieden…

Später steigen wir in den Zug und ein letzter Rest Sand klebt an meinen Füßen.

So schnell, werde all dies nicht mehr wiedersehen können.

Bis dahin, bleibt abzuwarten in welches Abenteuer ich als nächstes gerate…

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„Wow, ich bin in Indien!“ – Die Poolabanda Memoiren

Tag 5

Poolabanda ist nicht Dallapalli. So viel steht schon einmal fest. Dieses Dorf liegt in einem Tal, eingeschlossen von einer gewaltigen Bergkette, deren Gipfel in Wolken gehüllt sind. Heute Morgen war ich noch genau da. In dem Sinne bin ich eine Etage tiefer gestiegen. Poolabanda ist fortschrittlicher als Dallapalli, so gibt es breitere Sandstraßen und einen Kanalisations-Graben an den ganz theoretisch gedachten Bürgersteigen. Kokospalmen zieren den Weg, aus den kleinen Hobbithäusern spielt leise Bollywood-Musik aus den röhrenden Röhrenfernsehern, die den halben Raum einnehmen und es gibt kleine süße Läden, wo die Leute tatsächlich einkaufen können.

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Nichtsdestominder laufen auch hier Hennen gackernd, Kühe muhend und Ziehen mähend durch die Gegend. Straßenhunde liegen schlafend mitten auf den Wegen und werden umrundet von spielenden Kindern, die deutlich neugieriger sind, als die Dallapalli-Kids.

So erscheinen nach wenigen Minuten unserer Ankunft zwei Mädchen auf unserer Türschwelle, sie scheinen Gayathri zu kennen und stürzen sich voller Freude auf sie. Mir wünschen sie einen guten Morgen und stellen sich auf Englisch vor. Wow! Das hätte ich nicht erwartet. Ich sage ihnen meinen Namen und sie beginnen zu kichern. Kurz darauf treten noch mehr Kinder in unseren Raum, plappern alle wild durcheinander und finden mich einerseits sehr mysteriös und andererseits auch irgendwie komisch, laut ihren Blicken zufolge. Aber sie sind sehr begeistert von meiner Kamera und fordern mich beinahe auf Bilder zu machen. Und im Nu werfen sie sich in Schale, machen die verrücktesten Grimassen und jubeln auf, wenn ich ihnen ihre Bilder zeige.

 

Auch versuchen einige mich nach Mira und Ann-Kristin, meinen beiden Vorgängern zu fragen, die wohl einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Vielleicht kann ich das auch schaffen, denke ich und antworte ihnen, dass die beiden leider wieder in Deutschland sind.

Dann entdeckt ein Kind meine Ukulele und prompt wird diese herumgereicht und interessiert begutachtet, als sei sie eine neuartige Entdeckung. Ich zeige ihnen, wie man darauf spielt, sie, sowohl Gayatrhi und Sathibabu probieren sich aus, doch bisher scheine nach wie vor ich derjenige zu sein, der halbwegs passabel darauf spielen kann. Es herrscht eine sehr ausgelassene, ja gar zufriedene Stimmung, gepaart mit einem idyllischen Ambiente. Insgesamt eine ausgezeichnet, erfrischende Kombination, wenn man den gestrigen Tag doch beinahe an Langeweile gestorben ist. So grinse ich wie die Grinsekatze aus Alice im Wunderland und bin total glücklich über die Gesamtsituation und es soll noch besser werden.

Nach einer halben Stunde verschwindet die poolabandische Rasselbande nach und nach und daraufhin machen sich Gayatrhi, Rajama (eine neu dazugekommene Dhaatri-Mitarbeiterin) und ich auf zu einer geheimen Quelle, so wird mir vermittelt. Wir verlassen das kleine Dorf und streifen auf einem Trampelpfad mitten durch die Natur, vorbei an weiteren kleinen Orten, Reisfeldern und dichten Wäldern.

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Auf diesem Weg sehen wir viele Früchte an Bäumen wachsen, die ich bisher nie gesehen habe. Wir pflücken einige längliche bananenformähnliche Früchte und ich beiße geherzt hinein. Diese Frucht, wie auch immer sie heißen mag, ähnelt vom Geschmack her, an eine abgeschwächte Zitrone, aber irgendwie auch nicht. Fest steht, dass sie lecker ist und so nehmen wir uns einen kleinen Vorrat mit und finden weitere spannende Früchte. Bananen, Kokosnüsse, Granatäpfel, Chilis und viele andere Sorten begegnen uns auf unserem Weg und tatsächlich finden wir auch eine rote Ananas, die wohl noch ihre eigentliche Farbe annimmt, wenn sie reif ist.

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Schließlich offenbart sich unsere Quelle. Grüne Lianen hängen von knorrigen alten Bäumen herab, aus dem Quell fließt ein kleines Rinnsal den Berg hinab, wird zu einem plätschernden Fluss und stürzt schließlich als rauschender Wasserfall über eine Klippe. Ein Regenbogen in tausenden Farben bildet sich über den Abgrund und schillernde Libellen schwirren hindurch.

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Kaltes, klares Gebirgswasser schwappt über meine Füße und befreit sie vom Dreck der letzten Tage. Ich schließe die Augen, atme genüsslich die saubere Luft ein und muss erneut anfangen zu grinsen, so unglaublich schön finde ich diesen Moment. In Hyderabad ist es unbedingt angebracht die stinkenden Kloaken, die sich Flüsse nennen, zu meiden, was für mich als leidenschaftliche Wasserratte echt schwer ist und drum ist dieser Moment für mich irgendwie total bedeutsam. Ich lasse mich nieder und halte meine Füße ins Wasser und in dem Fall ist es mir herzlich egal, dass meine lange Hose nass wird.

Ich beobachte eine grün leuchtende Libelle, die direkt über der Wasseroberfläche fliegt und schließlich auf einen benachbarten Stein verharrt und ich nutze die Chance, um sie zu fotografieren.

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Während ich da so in völliger Zufriedenheit sitze, kommt mir plötzlich ein Gedanke:

„Wow, ich bin in Indien!“

Das war bisher immer Merlins Spruch gewesen, da er oft total baff war über diese Tatsache, schien sie doch so absurd für ihn zu sein, so weit, fern der Heimat, sich aufzuhalten.

Ich habe das vorher schon wahrgenommen und stets drüber gelächelt, so dachte ich schon längst begriffen zu haben hier zu leben. Doch, wie da so sitze, wird mir klar, dass ich es bis jetzt nicht begreifen konnte. Jetzt, im Angesicht der Vielfalt und der inneren Einkehr, realisiere ich tatsächlich vollständig in Indien zu sein.

Ich bin angekommen, habe ein Zuhause und das ist da, so spüre ich, wo Merlin und Skrollan mit mir sind. Ja, wir mögen nicht wirklich gleich ticken, sie sind Realisten und ich, nun ja, ein kleiner Träumer, der die beiden aber brauch, um in der Realität zu bleiben. Mit den Beiden kann ich lachen, aber auch ernst sein und dafür habe ich die beiden echt liebgewonnen!

Schade, dass sie just in diesem Moment nicht da sind.

Wir ziehen weiter, in ein kleines Dorf, wo Rajama ihr Zuhause hat. Wir sitzen vor ihrem Haus, trinken den altbekannten Chai und schauen den Dörflern beim Arbeiten zu. Alles was sie da tun, scheint für mich Sinn zu machen. Wasserholen, Essen machen, Feldarbeit, ja das mögen alles mittelalterliche Arbeiten sein, aber dennoch wirken sie ehrlich, jeder hat seinen Platz und jeder hat etwas zu tun. Auf irgendeine Weise wirkt dies, was die Leute da so wurschteln idyllisch und auf einmal kann ich mir hier gut vorstellen alt zu werden in diesen Dörfern..

Dann müssen wir jedoch schnurstracks in ein anderes Dorf laufen, indem nochmals ein Meeting abgehalten wird. Dieses Mal zum Thema „Mapping“. Verstehe ich was? Nope. Kann ich schnell wieder gehen? Nope. In der Tat dauert dieses Meeting anderthalb Stunden, ich rekle mich auf meinem ungemütlichen Platz hin und her, kann überhaupt nichts zum positiven Gesprächsthema beitragen und komme nicht weg. Den Weg nach Poolabanda würde ich nicht finden. Von hier bis dorthin, sind wir mehr als eine halbe Stunde gelaufen.

Ehrlich: Ich kann es nicht mehr ewigen Telugu zuzuhören. Klar, es liegt irgendwie auch an mir, hätte ich einfach mal die Sprache gelernt, aber ohne Bezugspunkt könnte ich sowieso nichts beitragen. Jetzt wünsche ich mir tatsächlich meine beiden Freunde hierher.

Zu allem Überfluss sind auch meine FlipFlops nach bereits anderthalb Monaten kaputt, sind sie doch nicht für´s Wandern gedacht. Am Ende des Meetings wollen mir gleich 10 Leute freiwillig ihre Flipflops geben, ich bin gerührt von dieser Hilfsbereitschaft, aber andererseits will ich ihnen auch nicht ihre Schuhe entführen. Drum versuche ich es barfuß. Aber nach zwanzig Metern stelle ich doch fest, dass der Weg sehr steinig ist und meine deutschen verwöhnten Füße das keineswegs bewältigen können. Ich versuche es weiter, aber ehe ich mich es versehe, habe ich schon Sathibabu´s Flipflops an den Füßen. Er springt auch barfuß leichtfüßig durch die Gegend. Indische Qualitätsfüße eben. 🙂

Trotzdem wird der Gang nach Poolabanda zum Gewaltmarsch für mich, meine Füße tun weh, meine Glieder schmerzen vom anderthalbstündigen Sitzen, Müdigkeit macht sich breit und ich latsche ständig ins Wasser der Reisfelder, was das Laufen noch mehr erschwert.

Mir dröhnt der Kopf und so wandle ich wie ein Untoter durch die Heide und falle, als wir zuhause sind, auf meine Matte und könnte sofort einschlafen.

Doch stattdessen haben wir ungebetene Gäste. Sechs Halbstarke umringen meine Schlafstätte und quatschen angeregt mit Gayathi. Mittlerweile habe ich mich ja schon an Sathibabu gewöhnt, der auch nach wie vor neben mir schläft, aber das ist jetzt wahrlich etwas viel.

Poolabanda ist, so scheint es mir, ein Punkt, wo stets Tag der offenen Tür ist. Heute Abend mag mir das, aufgrund meiner Verfassung, nicht so gefallen, doch bald, werde ich das als sehr schön empfinden….Ich schlafe ein und meine letzten Gedanken, lassen den Tag an mir vorbeiziehen. Wie viel ich doch, angefangen mit dem Auszug aus Dallapalli, erlebt habe und wie unterschiedlich meine Emotionen heute waren. Alles war dabei. So einen Tag kann man öfter haben..

Ein jähes Ende und ein poltriger Anfang – Die Poolabanda-Memoiren

Tag 4

Gewaltige Windböen peitschen um unser Heim, es heult gar zu, wie in jenen kalten Wintermärchen, die man aus Geschichten kennt. Die Nacht ist heute ausgesprochen laut, der Schlaf unruhig und der Morgen unangenehm. Heute gleicht das Wetter einem regnerischen Spätherbsttag an der Ostsee und tatsächlich muss ich mir seit anderthalb Monaten Socken anziehen, damit meine Füße nicht frieren. Schon ein seltsames Gefühl. Wie schnell sich der Körper doch von Dingen entwöhnen kann.

Unsere Gemeinschaft schart sich frierend um ein kleines rauchendes Feuerchen, das bei der Nässe nicht vorhat warm zu werden. Viele haben sich ihre dünnen Decken umgeworfen, da sie keine andere warme Kleidung besitzen. Das Bergleben ist manchmal doch harsch und kaum zu ertragen.

Ich frage in die Runde hinein, was zu tun heute alles so anstehe und in welches Abenteuer wir uns heute schmeißen.  Schweigen. Schüchterne Blicke. Müdes Gähnen. Haben sie mich nicht verstanden? Soll ich noch einmal fragen?

Doch dann kommt eine kurze Antwort von Gayathri: „Nichts.“

 

Wie, nichts?  Irgendetwas muss doch heute passieren.

In der Tat, etwas geschieht heute tatsächlich, nämlich ein Meeting von ungefähr zwanzig Dörflern zu brandheißen Themen. Aber erst am Abend. Und sonst so? Nöö, gar nichts…

Mapping können wir nicht machen. Die meisten Arbeiter sind zu sehr auf den Farmen beschäftigt, Bonji hat einen kaputten Fuß und Sathi kennt die Gegend nicht. Keine gute Ausgangslage.

So gammeln wir müde herum, ich versuche zu lesen…zu schlafen…Fotos zu bearbeiten…aber nichts will Spaß machen. Wirklich unterhalten kann mich auch nicht, da die anderen dösen, oder nicht da sind. Hier fällt mir mal wieder auf, dass Inder eigentlich überall schlafen können, selbst auf der dünnsten Matte.

Ich schlendere unsicher und gelangweilt durch die Gegend, mache Fotos, die mich nicht wirklich befriedigen, bis die Dallapalli-Kids kommen und sich teilweise ziemlich schüchtern ablichten lassen, aber dennoch stets zu mir rennen, um sich anzuschauen.

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Aber dann werden sie von ihren Eltern ins Haus geholt und ich stehe wieder da und habe keinen Plan.

Sathi und Bonji führen mich zu einem neuen Plateau, das wirklich atemberaubend schön ist. Hier geht es noch weiter in die Tiefe und der Ausblick ist einfach phänomenal.

Einziges Problem, was uns daran hindert, länger als zehn Minuten hierzubleiben? Der Wind und der Regen, der uns volle Kanne ins Gesicht peitscht.

So vergeht der Tag ohne ein einziges Highlight und auch, der Abend ist geprägt von viel Unzufriedenheit! Besonders bei mir.

Zwar findet tatsächlich ein Treffen der Dörfler statt, ich bin dabei, aber das nützt mir nichts, da alle Telugu sprechen. Und das mehr als zwei Stunden! Währenddessen verstehe ich nichts, hangle mich lediglich an englischen Begriffen entlang, die ab und zu fallen und kann so entnehmen, dass es um Verschmutzung und Müll geht.

Das Endresultat, des langen, zähen Treffens: Man plant irgendwann einen Plan zu planen, den man heute eigentlich austüfteln wollte, aber irgendwie auch nicht. Wow! Und wir ziehen morgen in ein anderes Dorf, da wir hier leider nicht gebraucht werden.

So lange ich nicht länger schweigend herumsitzen muss, um nichts zu verstehen, ist mir alles recht. Jetzt merkt man schon, dass man gerne seine Freunde dabeihätte, um mit ihnen zu plaudern. Stattdessen habe ich seit drei Tagen kein Deutsch mehr geredet, spreche ab und zu Englisch, oder schweige. So viel geschwiegen habe ich schon lange nicht mehr.  Der heutige Tag vergeht, ich schlafe entrüstet und unausgelastet ein und hoffe darauf, dass der Morgen ein Abenteuer bereit hält….

 

Tag 5

Wir fahren mit einer Riksha aus Dallapalli und ein letzter Blick zurück verspricht nicht das, was ich am Anfang gespürt habe. Damals bin ich in ein strahlend idyllisches Dorf gekommen, jetzt verlasse ich einen grauen, matschigen, verregneten Ort.

Dennoch bin ich schon etwas deprimiert, da ich mich gerade wirklich eingelebt habe und Dallapalli unter indischen Verhältnissen ein wirklich atemberaubender Platz ist, so abgeschottet und ruhig von der städtischen Zivilisation.

Auch werde ich Bonjibabu vermissen, mit dem ich ab und zu tatsächlich kleine Gespräche führen konnte. Er ist mir in der Tat ans Herz gewachsen und vielleicht kann man ihn sogar als Freund bezeichnen.

Aber keine Bange! Die anderen, also Sathibabu, Padma und Gayathri sind wieder mit von der Partie und besonders eine, Padma, freut sich riesig auf Poolabanda, das Dorf, wo wir die nächsten zwei Tage hausen werden, da sie dort zuhause ist.

Sechs Kilometer entfernt von Dallapalli warten wir auf einen Bus, der uns ins nicht weit entfernte Poolabanda bringen wird und derweil hält ein Motorrad mit einem lustig aussehenden Mann vor mir und ist von diesem weißen Jungen aus Deutschland wahnsinnig fasziniert! Wir starten ein Gespräch und unterhalten uns über Götter und Kulturen. Dabei ist er völlig überwältigt, als ich im erzähle, dass ich so gesehen an keinen Gott glaube.

Übrigens: In der Stadt habe ich bisher keine einzige Kirche gesehen, doch in den Bergen, beispielsweise in Dallapalli und, wie sich später herausstellen sollte, auch in Poolabanda habe ich schon einige gesehen. Wie weit, bis in die entlegensten Bergdörfer Südostindiens, es doch das Christentum geschafft hat.

Desweiten quatschen der nette Herr und ich über die Unterschiede zwischen Deutschland (das mal wieder mit Hitler in Verbindung gebracht wird) und Indien. Ich erkläre ihm, dass wir in einer Demokratie leben und eine starke Präsidentin haben, ehe ich hastig in den vorgefahrenen Bus einsteige.

Der ist rappelvoll, kein Sitzplatz ist mehr frei, vor mir sind Leute, hinten rücken mehr nach und ich kann weder vor, noch zurück, habe ich doch einen riesigen Rucksack auf der Schulter, der jetzt schon Leuten im Gesicht hängt.

Die ganze Last des Backpacks, wie ich nach einiger Zeit feststellen werde, liegt auf meinen Schultern, da ich meinen Hüftgurt nicht geschlossen habe, der das Gewicht mehr auf die Hüfte konzentrieren würde, als auf meine armen Schultern. Ich versuche diesen Gurt zu schließen, doch das ist völlig unmöglich. Jede zehn Meter kommt eine scharfe Kurve, wo mich das Gewicht nach hinten zieht und ich beide Hände brauche, um mich am Geländer festzukrallen. Ablegen kann ich meine schwere Gerätschaft nicht, dazu ist auch zu wenig Platz! Ich werde nach jeder Kurve, mal hier hin und mal dahin geworfen und in just dieser gefährlichen Situation muss ich auf einmal an die nächste Bundestagswahl (wie, passend das gerade heute, am Tag der Veröffentlichung dieses Beitrags, tatsächlich gewählt wird) denken. Wann war die nochmal? Habe ich sie schon verschlafen? Wahrscheinlich hat mich das Gespräch mit dem Typen darauf gebracht, da bin ich mir sicher!

Mir wird bewusst, wie absurd dieser Gedanke gerade hier ist, lächle dämlich und bemerke so die starke Rechtskurve nicht, die mich von den Beinen haut, ich falle und begrabe einen unschuldigen Inder unter mir! Ein allgemeiner Aufschrei geht durch den Bus, doch im Nu stehe ich wieder und halte mich stärker denn je am Geländer fest! Dem Mann, den mein Rucksack begraben hat, scheint es auch einigermaßen gut zu gehen. Immerhin wackelt er fröhlich mit dem Kopf, als ich ihm nach seinem Wohlbefinden frage. Wenn er das noch  kann, scheint also alles in bester Ordnung!:D

Da hat mich doch tatsächlich die Bundestagswahl 2017 komplett umgehauen… 😀

 

An einer Wegschneise steigen wir aus, ich atme erleichtert ein und lasse meinen Rucksack von meinen Schultern fallen. Nie war die Befriedigung größer frei zu sein!
Die letzte Strecke, die für einen Bus schwer zu fahren ist, bringt und ein Truck, in dem wir zu acht sitzen, nach Poolabanda. Ich darf im Kofferraum sitzen und stelle fest, dass die Umgebung hier noch grüner ist, als in Dallapalli, was schon fast unmöglich scheint. Mit indischer Musik in den Ohren geht es durch roten Matsch, an Reisfeldern und an Kokospalmen vorbei und mir bleibt nichts Anderes übrig, als diese wunderschöne Natur zu bestaunen.

Dann passieren wir Poolabandas Grenzen und ein wirklich erstes Bild von diesem Ort kann ich mir gar nicht machen, da mich, als ich aus dem Truck steige, tropische Wärme empfängt, die mich für einige Zeit komplett lahmlegt. Wie ist das möglich? Wir sind maximal nur eine Stunde gefahren und in Dallapalli, war es gerade herbstlich frisch?

So brauche ich einige Zeit, bis ich das neue Dorf komplett realisieren kann, doch dann entfaltet Poolabanda sein Äußeres….

Wasteland – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 3

Gegen frühen Morgen höre ich etwas gegen die Tür klopfen. Immer und immer wieder. Ich versuche erneut einzuschlafen, doch das Geräusch will einfach nicht verschwinden.

Poch, Poch, Poch! Poch, Poch, Poch! Wer mag das zu so früher Stunde wohl sein? Ein einsamer Einsiedler auf der Suche nach Obdach? Jemand auf der Suche nach neuen Freunden? Das kann er gerne zu einer anderen Zeit machen, aber nicht um vier Uhr morgens! Ich versuche zurück in meine Träume zu finden, doch anderthalb Stunden später klopft es immer noch! So langsam fühle ich mich echt schlecht nicht aufzumachen, bin ich doch in die Berge gekommen, um zu helfen. Irgendwann siegt meine soziale Kompetenz über mein Bedürfnis weiter zu schlafen, ich öffne die Tür und….Nichts.

Hm…

Ich gehe wieder hinein, doch da beginnt es vom Neuen! Dann begreife ich schließlich! Der Wind, mein Gott, der Wind, der heute stärker ist als sonst, schlägt gegen die Türen. Dass der natürlich nicht hereinkommen will, verstehe ich vollkommen.

Heute ist es frisch draußen, beinahe wie an einem seichten deutschen Frühlingstag, ich brauche einen Pullover, um mich warm zu halten. Meine indischen Freunde trifft es deutlich härter, sie kennen schließlich den mitteleuropäischen Frühling nicht und befinden das Wetter für außerordentlichen kalt. Als ich ihnen vom eisigen Winter und Minustemperaturen erzähle, sieht man echtes Erstaunen aufblitzen. Als ich ihnen aber erklären versuche was Schnee ist, blicken sie nicht mehr durch.

Drum beginnen wir lieber schnell mit der Arbeitsverteilung, des heutigen Tages.

Ich soll an der Pforte Dallapallis auf Eindringlinge warten, die auf den Gipfeln Party machen wollen.

Wie war das bitte? Habe ich das gerade richtig verstanden, oder steigt der Druck auf meinen Ohren? Eindringlinge? Hier? Dass ich nicht lache! So ganz kaufe ich das meinen Arbeitgebern nicht ab, aber na gut! Dann warte ich eben auf potentielle Friedensbrecher auf heißer Mission ein Fest zu feiern. Ich stelle mich also in die Nähe des Ortstores und warte. Nichts passiert. Warum sollte es auch? Von Fremdlingen fehlt jegliche Spur!

Doch dann, taucht am Horizont ein weißer Truck auf, zuvor habe ich ihn noch nie gesehen und rollt geradewegs auf mich zu, fährt durch das Tor und geradewegs zum Plateau, wo ich gestern Abend noch die Seele habe baumeln lassen.

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Ich soll die Leute in diesem Vehikel beschatten, ja gar als Geheimagent für die Menschen aus Dallapalli arbeiten, also schleiche ich mich auf leisen Sohlen, verdeckt von einigen Pflanzen an die aussteigenden Personen heran, die ganz viel Zeugs aus dem Auto tragen. Sie laden es am Abgrund ab und plappern ausgelassen. Ich hole meine Kamera hervor, richte sie auf die Menschengruppe und drücke ab. VERDAMMT, war das Klicken des Auslösers laut! Hat das jemand gehört? Nein! Puh, ein Glück! Ich schleiche mich näher an die ausschließlich aus Männern bestehende Gruppe heran und beobachte, wie sie teuren Whiskey, Cola, Plastikgeschirr und Essensdosen, in einem Kreis aufstellen.

In der Tat, diese Menschen wollen ein Party-Picknick veranstalten mit ganz viel Alkohol. Nicht gut. Auch wenn man bedenkt, dass es erst zwölf Uhr mittags ist. Um die Zeit trinkt es sich einfach doof.

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Momentan schaffe ich es nicht gute Fotos von den Leuten zu schießen, dazu bin ich in viel zu abschüssiger Position! Ich müsste aufstehen, doch dann, würden mich die Leute sehen und meine Tarnung wäre vorbei. Aber ich könnte ja so tun, als wäre ich nur ein Tourist, der über die Köpfe der Leute hinweg Bilder macht. Ein Versuch wäre es wert! Ich stehe behutsam auf, versuche unschuldig drein zu blicken und lasse meine Kamera schweifen.

„Hello friend! Where are you from!“

 

Jap. Der Plan hat ja super funktioniert…

 

„Germany!“ rufe ich gezwungen lächelnd und komme aus meiner Deckung hervor. Ich mache mich schon auf eine ordentliche Standpauke gefasst, wer ich denn bitte sein würde einfach Leute zu fotografieren, aber nichts dergleichen passiert, habe ich doch ein besonderes Ass im Ärmel. Ich bin weiß, darüber freut sich die kleine Gemeinschaft sichtlich, macht vorerst ein Selfie mit mir und bittet mich dann ihrem Festschmaus beizuwohnen.

Ich wittere meine Chance, so bessere Bilder machen zu können und nehme das Angebot dankend an! Mir wird Biriyani (ein sehr leckeres Reisgericht) und ein Whiskey-Cola-Mix gereicht, der mehr aus Whiskey besteht, als aus Cola und bekomme die typischen Fragen eines neugierigen Inders an einen Weißen gestellt, lächle und versuche unauffällig meine Kamera zu positionieren. Doch das ist gar nicht nötig, denn die Männer sind begeistert von meiner Kamera und fordern mich geradezu auf Bilder zu machen.

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Währenddessen wird mir der Sinn meines Auftrags immer klarer, sehe ich jetzt schon unzählige Plastikverpackungen überall herumliegen und stelle mir deshalb folgende Frage:

Ob die Truppe nachher ihren Müll wohl wieder einsammelt?

Ich werde sehr lieb unterhalten, das Reisgericht schmeckt außerordentlich delikat und auch der Whiskey mundet einigermaßen gut, obwohl ich mir gerade deswegen Sorgen mache. Ist es nicht verboten während der Arbeit zu trinken?

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Teilweise komme ich mir vor als sei ich ein Geheimagent, der sich nun zum Feind eingeschleust hat, um ihn zu studieren und seine Schwächen auszukundschaften. Und das tut man wohl am besten, wenn man mit ihnen isst, sie kennenlernt und mit ihnen feiert.

Wenn die wüssten, dass ich eigentlich gegen sie arbeite, auch wenn sich mir der Sinn noch nicht komplett offenbart hat. Uiuiui, ich würde kurzerhand über den Abgrund geschmissen werden.

Als guter „Freund“ muss ich genau diesen Schein aufrechterhalten, denke ich mir und das schaffe ich in dem ich genau das mache, wie diese Leute. Whiskey trinken, Reis mampfen und als Beilage leckeres Chicken essen. Doch halt. Ich bin Vegetarier! Und das aus starker Überzeugung. Da passt was nicht zusammen. Doch als mich die Inder schon komisch, als sei ich nicht von dieser Welt beäugen, als ich ihr Fleisch ablehne, mache ich einen folgenschweren Schritt, für den ich mich später unendlich schämen sollte:

„Okay, but just a small piece. Actually that is against my conviction, but for my friends I do it!”

Ob mir das eine gewisse Glaubwürdigkeit einräumen würde, könnte ich später nicht sagen. Letztendlich war es wahrscheinlich Jacke wie Hose.

Entscheidend ist, dass ich tatsächlich ein kleines Stück Chicken annehme und auch esse. Bereits jetzt fühle ich mich nicht besonders toll deswegen, aber was tut man nicht alles als Geheimagent, was opfert man nicht alles, um seine Ziele zu erreichen? Spion Leo bei der Arbeit!

Und dann sehe ich, wie einer der Männer eine leere Cola-Flasche ins Gebüsch würft, direkt auf die Pflanzen, die wir gestern noch mühsam ausfindig gemacht haben. Es folgen mehrere Plastikbecher und später auch eine der Glasflaschen. Ist das tatsächlich deren Ernst? Gerade mir noch erzählen wie unglaublich schön die Natur sei und sie dann beschmutzen? Wirklich?

Mir vergeht der Appetit, ich habe meine Fotos beisammen und will weg von diesen Leuten, die sich mittags schon vollsaufen und die Natur verschmutzen. Ich bedanke mich heuchlerisch herzlich bei den Leuten und laufe, wohlbemerkt tatsächlich etwas angetrunken, um eine Ecke. Dort erwarten mich Gayathri und der Redensführer. Ich zeige ihnen die Bilder und sie freuen sich darüber, wie als wenn Ganesha höchstpersönlich zu ihnen herabgestiegen sei. Warum, weiß ich nicht, doch das würde sich im Laufe des Tages noch ändern.

Vorerst heißt es für zwei Stunden Pflanzen an einem anderen Berg zu kategorisieren. Gar nicht so einfach, mit einem halben Glas Whiskey in den Knochen, anständige Fotos zu machen, doch irgendwie gelingt es mir und mehr sei dazu nicht mehr gesagt, der Fokus liegt bei diesem Eintrag nämlich total woanders.

Als wir nämlich gegen Abend wieder zum Plateau kommen, ist die Partygemeinschaft verschwunden. Was geblieben ist, ist ihr Müll. Überall verteilt. Halb aufgegessene Plastikteller, leere Plastikflaschen, Plastikverpackungen, Glasflaschen….

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Der ehemals grüne Hügel hat sich in einen Müllberg verwandelt. Ich bin entsetzt, ja schockiert.

Und da, kaum zehn Meter weiter, sind neue Leute gekommen, auch sie haben Alkohol dabei und schmausen genüsslich ihren Reis. Natürlich falle ich sofort auf, sie scharen sich um mich und erzählen mir wie schön doch die Landschaft hier sei. Ja genau. Das glaubt man euch sofort! Ihr behandelt sie ja auch so, als sei sie ein wahrer Schatz! Ich mache Fotos von der ganzen Verschmutzung, tue das möglichst auffällig, damit die Menschen vielleicht ihre Fehler sehen, aber nein. Sie beobachten mich zwar alle, aber niemand, absolut niemand (!!) hat ein Auge für das was vor ihnen liegt. Ein ehemals unbeflecktes, unschuldiges Stückchen Land, das soeben von ihnen höchstpersönlich zerstört wurde.

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Sie wollen ein Selfie mit mir machen, ich lasse sie, doch ich lächele nicht. Dann will ich auch, dass sie mit meinem Handy ein Bild machen, damit ich all diese Menschen, diese „Verbrecher“, wie sie später Gayathri nennen wird, gespeichert habe.

Wir fahren zurück zum Dorf, dabei registriere ich kaum, dass ich mit noch zwei anderen Leuten auf dem Motorrad sitze. Es ist mir in diesem Fall einfach herzlich egal.

Rücksichtslose Idioten! Was sind das für Menschen, die ohne jegliche Rücksicht auf ihre Umwelt alles zerstören, wo sie stehen?! Ich kann, als wir am kleinen Feuer sitzen und Chai trinken kaum an etwas Anderes denken, als an diese…Arschlöcher. Die anderen, Sathibabu, Bonjibabu und auch Gayathri sind auch allesamt aufgebracht, wütend und schockiert, immerhin ist es ihr Zuhause, dass von diesen Eindringlingen teilweise auseinandergenommen wird.

Gayathri sieht, dass in mir etwas brodelt und gemeinsam machen wir einen Spaziergang durch die Landschaft. Sie erzählt mir, dass jede Woche solche Leute kommen, um die schöne Landschaft zu genießen und zu feiern. Durch den starken Wind, der manchmal durch die Berge rauscht, fliegt der Müll durch die ganze Natur, bis zu den Reisfeldern und Ackern, wo die Männer aus Dallapalli arbeiten. Die Partygänger, so Gayatrhi, weiter legen zudem auch überhaupt keinen Wert auf die Kultur der Dörfler, lachen sie aus und beleidigen sie. Dazu kommt, dass die Leute vom Dorf Dinge von ihnen übernehmen. Vor zwei Jahren noch hat man noch Wasserflaschen aus der Schale von Kürbissen gemacht, doch jetzt gibt es einen enormen Zuwachs von Plastikflaschen, die einfach handlicher und schneller herzustellen sind, als ihre biologisch abbaubaren Konkurrenten. Die, die noch eine Kürbis-Wasserflasche haben, werden dafür ausgelacht eine solche zu besitzen. Das Bewusstsein für Nachhaltigkeit bekommt immer mehr Risse, gerade wegen diesen idiotischen Fremdlingen.

Tut mir leid, für meine Ausdrucksweise. Ja, ich habe bisher immer versucht respektvoll über die Menschen hier zu schreiben und das habe ich meines Erachtens auch immer geschafft, aber bei diesen ist es was Anderes. Ich fühle mich wirklich traurig und verspüre eine regelrechte Wut auf diese Menschen, die extra nach Dallapalli fahren, um es zu verschmutzen. Hier kann und will ich einfach nicht versuchen alles möglichst neutral zu betrachten. Das mag mir in Hyderabad gelingen, wo überall Müll herumliegt und man sich mittlerweile schon daran gewöhnt hat, was auch irgendwie falsch ist. Doch gerade hier, wo ich geglaubt habe, dass alles besser ist, nimmt es mich doch sehr mit und ich schäme mich mittlerweile wirklich mit diesen Leuten gegessen und getrunken zu haben und für sie ausnahmsweise meine Überzeugung Vegetarier zu sein über Bord geworfen habe.

Deswegen ist es gut, dass ich Fotos von ihnen gemacht habe. Wenn ich sie den Dhaatri-Mitarbeitern gebe, mein Gayathri, könne man Untersuchungen anstellen, oder dafür kämpfen, dass solche Verschmutzung harte Konsequenzen nach sich zieht.

Wir laufen an saftigen grünen Wiesen vorbei, sehen Kuhherden mit ihren Schäfern, Einheimische, die glücklich und zufrieden ihre Wäsche in einer klaren Quelle waschen und irgendwie besänftigt mich dieser Anblick dieser unschuldigen, friedlichen Natur.

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Genau dafür lohnt es sich hier zu sein und genau dafür lohnt es sich zu kämpfen. Dass der Berg, den Leuten bleibt, die ihn kennen und gut behandeln. Zum Wohle der Nachhaltigkeit und der Natur…

 

Entschleunigt – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 2

Als ich das dritte Mal einen Hahn schreien höre, fahre ich von meiner Isomatte auf. Ich bin wach und fühle mich quicklebendig! Wie spät es ist, vermag ich nicht zu sagen, ich habe keine Uhr, doch genau das ist mir auch ganz recht. Wohlmöglich würde ich dann vielleicht erfahren, dass ich normalerweise noch drei Stunden zu schlafen habe und diese schlechten Gedanken will ich mir nicht geben.

Ich trete vor die Tür und warme Sonnenstrahlen, sowie eine atemberaubende Landschaft empfangen mich. Ich höre den Hahn nochmals krähen, sehe ein gackerndes Huhn auf der Suche nach Futter an mir vorbeigehen, höre zaghaftes Gezwitscher und gestehe mir ein, dass kaum ein Morgen, an jedwedem Ort, noch so idyllisch und schön sein kann, wie eben jener in Dallapalli.

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Als die beiden Jungs aufwachen, der dritte im Bunde ist bereits zur Feldarbeit gegangen, frage ich sie nach einer kleinen Telugu-Lehrstunde und tatsächlich habe ich nach einiger Zeit einen kleinen Zettel voller nützlicher Wörter beisammen.  Ich kann schon „ja“ (aunu) und „nein“ (kadu) sagen und betonen wann „genug“ (chalu) beim Auftun von Reis ist.

Die Leute begrüßen sich hier, nicht mit Hallo, sondern mit „wie geht’s“ (ella unaru) und meist kommt dann ein „gut“ (bagunanu) zurück. Wie sollte es den Leuten hier auch nicht gut gehen? Im Endresultat haben sie ja alles. Bestimmt, so könnte ich mir vorstellen, reden alte Frauen aus den Dörfern nicht etwa über ihre Gebrechen, oder ihre allwöchentlichen Arztbesuche, nein, dazu sind sie viel zu gesund, ja gar athletisch sehen die meisten aus, sondern viel mehr wie viel Kilo Wasser sie noch auf dem Kopf tragen können.

Das ist mir ein wahrhaftiges Phänomen! Ich begleite Padma, ein 18-jähriges Mädchen und unsere kleine Haushälterin für die nächste Woche, zur Wasserpumpe, wo sie Unmengen an Wasser in einen riesigen Kübel pumpt, diesen dann elegant und beherzt auf ihren Kopf stellt und damit gut dreihundert Meter zu unserer Lagerhalle läuft. Ich hätte wohlbemerkt schon Probleme, diesen 15 Kilo Eimer anzuheben und sie scheint das lockerflockig einfach auf den Kopf zu tragen. Ich bin schwer beeindruckt!

Es ist zu erwähnen, dass kochen, Wasser holen und Kinder bespaßen ausschließlich den Frauen anzuvertrauen ist, die Männer sind schließlich auf dem Feld und arbeiten dort. Drum findet auch Padma es sehr seltsam, dass ich ihr helfen will, ist es doch allein ihre Aufgabe und nicht etwa die eines Mannes. Vielmehr wird mir eine Sitzgelegenheit angeboten und mir zu ausgiebiger Entspannung geraten. Wasser zu tragen sei doch sicherlich zu viel für mich.

Na gut! Dann muss ich mich eben an etwas Anderem erproben und das soll ich auch bekommen. Blumen und Pflanzen fotografieren! Um zu verdeutlichen, dass der Berg lebt!

So verlassen wir alle zusammen das Dorf….Nein, das stimmt nicht! Gayathri und Sathi verlassen zusammen das Dorf. Ich werde nahezu dazu verdonnert beim Redensführer der Adiviasi für Dhaatri mit auf dem Motorrad zu fahren. Da ich keinerlei Widerworte einwerfe schwinge ich mich, nicht so ganz sicher warum ich das jetzt mache, auf das rostige Gestell und glaube die ersten Minuten daran definitiv draufzugehen, da wir durch die schmalen, schlammigen Gassen Dallapallis voller Hindernisse und Tücken rasen. Ganz knapp weichen wir einem total süßen Küken aus und ich kann mich gerade noch zur Seite wenden, ohne dass mich eine Dachschindel zerkratzt. Währenddessen halte ich krampfhaft meine Kamera in den Händen, so als ob sie das Letze sei, was mich zwischen Leben und Tod noch hielte! Dann wird die Straße eben und….ja, tatsächlich fühle ich mich, als schwebe ich nicht mehr in akuter Lebensgefährdung. Der Wind braust um uns herum, das Motorrad wird schneller, ich atme tief ein und lasse die Schulter des Mannes los, an der ich mich hoffentlich nicht zu festgeklammert habe und genieße die vorbeiziehende Umgebung. Und das ohne Schutzkleidung und Helm! Ich Rebell! Muhahaha!

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Wir passieren das Dorftor und befinden uns nun auf einem kleinen Berg.

Hier bekomme ich meine Aufgabe. Zusammen mit einem der Jungs, namens Sathibabu, und einem älteren Mann, sollen wir nun den Hügel durchkämmen und nach Pflanzen suchen. Wenn wir diese gefunden haben, soll ich sie fotografieren, um zu beweisen, dass der Berg eine reiche biologische Vielfalt bietet. Nichts leichter als das! Sathi schnappt sich eine Liste mit sämtlichen Pflanzennamen auf Telugu, liest sie laut vor und der ältere Mann aus dem Dorf, grübelt ein wenig, schaut mal hier hin, mal dort hin und strolcht dann zielstrebig mit Sathi mitten durchs Gebüsch. Ich folge ihnen und tatsächlich finden die Beiden immer ihr Ziel! Derweil habe ich, da wir uns abseits der Wege befinden, schon etwas Angst auf ein gefährliches Tier zu stoßen, sieht das Gestrüpp nicht gerade vertrauenserweckend aus. Doch ich will jetzt niemanden nach gemeingefährlichen Killer-Schlangen fragen, alle scheinen so vertieft in ihre Arbeit zu sein, dass ich sowieso für fast ausgeschlossen halte, dass ich hier auf ein böses Tier treffe.

So geht das dann den ganzen Vormittag. Sathi verließt eine neue Pflanze, der ältere Typ, der ein echter Genie in seinem Fach zu sein scheint, grübelt, sucht, wir trotten hinterher, er findet und ich mache dann Fotos. Das ist jedoch gar nicht so einfach, wie es sich anhört! Ich muss den Fokus nur auf die eine Pflanze legen, die von ganz viel Unkraut umgeben ist. Nebenbei darf ich nicht zu nah an mein Opfer herantreten, denn dann fokussiert meine Kamera, die ich heute mit einem starken Zoom-Objektiv ausgestattet habe, nicht mehr. Ich muss mehr als zwei Meter weit weg von den Blättern stehen und das ist auf abschüssigem Geländer eine wahnsinnige Herausforderung!

So brauche ich einmal ganze zwei Minuten, um einen kleinen Halm zu fotografieren, der natürlich „total“ anders aussieht, als alles andere auf diesem Hügel. Peinlich berührte Stille kehrt ein, die beiden Männer beäugen mich besorgt, was denn mit mir und meiner Kamera los sei und ich mühe mich ab, diesen doofen Halm endlich scharf zu bekommen! Mein sonst so getreuer Autofokus versagt, ich muss auf den manuellen Betrieb umschalten, zehn Zentimeter weiter weggehen, den beiden irritierten Männern vor mir klarmachen, dass ich mich eigentlich gut mit Kameras auskenne und drücke dann gaaaaanz vorsichtig auf den Auflöser! Yes! Das Bild ist gut!

Später, als ich das Bild auf meinem PC sehen sollte, würde ich feststellen, dass es alles andere als gut war. Schade.

Schnell stelle ich fest, dass es gar keine giftigen Tiere bedarf, um diese Arbeit gefährlich zu machen. Unser Feind sind rollende Kieselsteine unter den Sohlen unserer FlipFlops, die einen, wenn nötig, ganz schnell ausrutschen und den Berg hinunterstützen lassen können. Das ebengleiche Problem geben große lose Steine beim Auf-oder Abstieg, auf denen man ausrutschen kann.

Besonders mir, als unerfahrenen Bergsteiger, wird nicht zugetraut, nicht auszurutschen, weshalb immer wieder „take care!“ in meine Richtung gerufen wird. Das verhindert nicht, dass ich einmal sehr theatralisch ausrutsche, einen kleinen Abhang hinunterfalle, einen allgemeinen Aufschrei aller Anwesenden höre und schließlich zum Erliegen komme. Mein erster Gedanke gilt meiner Kamera! Geht’s ihr gut?! Jap. Geht’s mir gut?! Hm, muss ja!

Kann mal passieren, mir geht’s super, meine Hose ist nicht einmal dreckig geworden, aber meine indischen Freunde betuddeln mich nun noch stärker und jetzt habe ich in der Mitte der Beiden zulaufen, damit mir ja nichts mehr geschehen kann. Etwas kindisch fühle ich mich jetzt schon.

So springen wir wie Bergziegen auf dem Berg herum und suchen wie verrückt Gräser, die für mich alle gleich aussehen, aber für die anderen total unterschiedlich sind und nebenbei auch vollkommen abgedrehte Namen haben.

Nebenbei hüllen uns die Wolken komplett ein, was uns die Sicht wahrlich erschwert und den Abgrund doppelt so gefährlich aussehen lässt.

Nach einem sehr erfolgreichen Vormittag voller Fotos, wird ein ausgiebiger Mittagsschlaf abgehalten. Danach muss eine behagliche Pause von diesem gemacht werden und danach gibt es einen leckeren Nachmittags-Chai. Dieser wird direkt über offenen Feuer gemacht, so etwas wie Herde gibt es hier nicht, weshalb Dallapalli oftmals nach Rauch riecht, was dem ganzen Ambiente aber noch ein Stückchen Leben einhaucht. Gayathri, Sathibabu, Bonjibabu (der leider verhindert ist, da er einen Motoradunfall erlitten und sich dabei stark den Fuß verletzt hat, trotzdem aber wild durch die Gegend pilgert), Padma, der Pflanzenkenner, der Redensführer und ich drängeln uns also um ein kleines Kesselfeuerchen, warten bis der Chai genießbar ist und bestaunen die unglaubliche Landschaft. In dieser Situation halte ich es für außerordentlich angemessen meine Ukulele auszupacken und zu spielen. In jenen schönen Momenten, die es noch häufig auf meiner Reise geben wird, wünscht man sich ein möglicherweise tiefsinniges Gespräch, da es zur Situation einfach passt. Doch da alle meiner fröhlichen Gesellen, ausgenommen von Gayathri, ein sehr leichtes und gebrochenes Englisch reden, bleibt mir das verwehrt. Meist kommt dann nur so etwas dabei heraus:

 

„Wow, this place is so beautiful!“

“Hää?”

“This Place. Beautiful.“

„True. So beautiful!“

„ I can´t believe, that I´m here!“

“Hää?”

 

Jetzt ein gutes Gespräch zu führen, wäre wunderbar, die anderen tun das auch, nur doof, dass ich nichts verstehe und blöd in der Gegend herumsitze. Jetzt kann ich das Gerede auf Telugu tatsächlich noch aushalten und merke, wie der Nachmittag langsam vergeht.

Die Zeit scheint in den Bergen langsamer zu vergehen, Hektik ist ein Wort, dass hier wohl sehr unbekannt ist, denn eben diesem gemächlichen Zerfließen der Zeit wird sich angepasst. Hier wird Siesta den ganzen Nachmittag gemacht.

Als es zum Sonnenuntergang bläst, mache ich mich alleine zu Fuß auf, zum Platz von heute Morgen, habe ich dort ein flaches Plateau am Abgrund gefunden. Dort will ich hin, klettere bergziegenmäßig auf den Berg und vor mir ragt sie auf, die wolkenlose Freiheit.

Kennt jemand das Bild von Casper David Friedrich vom „Wanderer über dem Nebelmeer“? So wie sich die Person, die uns auf dem Gemälde aus der Romantik ( Yeah, ich hab im Kunstunterricht was gelernt!) den Rücken zukehrt, fühlen mag, während sie auf eine geheimnisvoll, mystische Nebellandschaft blickt, so ähnlich kann man meine Emotionen und Gedanken nun beschreiben. Ich blicke dem Abenteuer entgegen. Hier kann ich meine Seele baumeln lassen und beginne Ukulele zu spielen, ohne die ich auf dieser Reise wirklich im Stich gelassen worden wäre.

Der Sonnenuntergang ist hinter mir, der Abgrund vor mir, ich spüre den Wind in den Haaren…Wow!

Dallapalli: Place to be!

Oh wie schön ist Dallapalli – Die Dallapalli-Chroniken

Tag 1

Die Sonne scheint warm auf uns herab, als wir, von Libellenschwärmen begleitetet, hinter einer Biegung rote Ziegel auftauchen sehen. Auf grünen Hügel liegt ein kleines mittelalterliches Dorf auf das wir geradewegs zufahren. Dallapalli.

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Es scheint, wie aus dem Berg entstanden, gar herausgewachsen zu sein.  Als wir näherkommen, sehe ich Hühner, mit ihren kleinen Küken im Schlepptau, gackernd durch die sandigen Lehnstraßen rennen. Kleine Kinder laufen glucksend rollenden Reifen hinterher, mit denen sie spielen und werden dabei gutmütig von sittlich bekleideten Frauen mit Ringen in den Nasen, von der Türschwelle ihrer Häuser aus, beäugt. Das Dorf erinnert mich wahnsinnig an einen Bauernhof, wandeln nämlich nicht nur Hühner durch die Gegend, sondern auch Kühe und Ziegen, die verträumt durch die Gegend schauen.

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Eine wunderbar idyllische Stille umgibt uns, kein Fahrzeug ist zu hören, kein Hupen, kein Tröten, kein Bellen, einfach nur beruhigendes Vogelzwitschern und fröhliches Kinderlachen. Hoch oben, auf dreitausend Meter Höhe, scheint das 300 Seelen Dorf Dallapalli sämtliche Geräusche zu schlucken und nicht mehr hergeben zu wollen.

Just in diesem Moment fällt mir kaum ein Wort ein, was diesen Ort am besten beschreiben kann, doch später wird einer der Jungs ihn als friedvoll bezeichnen. Und damit hat er vollkommen recht. Friedvoll. Unschuldig. Weit weg von jeglicher städtischen Zivilisation liegt, Dallapalli da und Tage später werde ich es als die einsame Insel beschreiben, die man sich vorstellt, will man seinen Alltagsproblemen daheim entfliehen.

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Von hier aus hat man eine atemberaubende Aussicht auf sämtliche Berge im Umfeld und ganz ganz weit weg, zwischen zwei Felsgiganten, so die Einheimischen, kann man noch die Umrisse einer Stadt erkennen. Visakhapatnam. 100 Kilometer entfernt und trotzdem kann es sich unserem scharfen Blick nicht entziehen, so klar und rein ist die Luft, die uns umgibt und mich fröhlich einatmen lässt.

Wir sehen die Jungs wieder, die ich bereits in Hyderabad kennenlernen durfte und merkwürdigerweise wirken sie hier erwachsener und erfahrener als damals. Hier sind sie in ihrem Element. Hier sind sie Zuhause.

Auch wenn ihr Heim, wohlbemerkt, relativ klein ist. Die Häuser, oder eher gesagt, die Hütten, in denen sie leben erinnern mich doch stark an die Hobbithöhlen im Auenland, so klein, niedlich und verraucht sehen sie aus. Ich werde mich im Laufe der Woche noch häufig am Dach der Hütten den Kopf stoßen, trotz meiner ohnehin schon geringen Größe.

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Plötzlich ziehen von den nordwestlichen Gipfeln der benachbarten Berge riesige Wolkenberge auf uns zu und ehe wie uns versehen werden wir von einer weißen Wand verschluckt. Kaum zehn Meter weit reicht nun unser Blick und ich bin überrascht wie schnell sich das Wetter gewandelt hat.

„Wir sind auf Höhe der Wolken“, meint jemand.

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„Dann ist es wohl nicht mehr weit bis wir über den Wolken sind“, denke ich. „Und über den Wolken muss die Freiheit wohl grenzenlos sein..“ summe ich fröhlich vor mich hin, setze mich, packe meine Ukulele aus und beginne etwas zu spielen. Von den leisen, feinen Tönen angelockt schielt eine kleine Kinderhorde von einem Busch in einiger Entfernung zu mir herüber. Ich lasse sie in dem Glauben sie nicht entdeckt zu haben und warte bis sie sich näher an mich heranwagen, aber diese Gruppe, der Spezies „Dallapalli-Kind“ ist scheu und wagt sich nicht aus ihrem gut geschütztem Busch heraus. Ich winke ihnen zu, um ihnen zu zeigen, dass ich nichts Böses im Schilde führe. Jetzt haben sie meine Fährte aufgenommen, ja, sie scheinen zu erkennen, dass ich auch Teil ihrer Art bin und das lässt sie fröhlich auflachen. Schüchtern winkt die Horde mir zu, rennt dann aber ganz schnell weg, in den sicheren Teil ihrer kleinen behaglichen Höhlen. Doch Obacht! Eine Libelle fliegt vorbei!

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Angetrieben von kindlicher Neugier, versuchen die Kinder dem Flügelvieh hinterher zu jagen, kommen dabei immer mehr in mein Gebiet und stellen zu spät fest, dass sie fotografiert werden. Entsetzt, der Schockstarre nahe, lassen sie sich auf den Boden fallen und vermeiden so dem Feind in die Augen blicken zu müssen! Panisch rennen die Meisten davon. Alle außer zwei. Diese beiden ausgesprochen jungen Exemplare wagen sich so nahe an uns heran, dass man sie beinahe berühren kann. Brave Dallapalli-Kinder. Fröhlich kichernd stellen sie sich zur Schau, rennen nach jedem geschossenen Bild zu mir, schauen sich selbst an und glucksen dann vergnügt.

DSC_0111Übrigens übertreibe ich hier wohlgemerkt einige Szenen. Die meisten Kinder ließen sich gerade wegen der Kamera fallen, um möglichst spaßige Bilder zu kreieren. Bald darauf haben auch sie sich die Fotos angeschaut.

So geht der restliche Tag dahin, da auch eine lange Mittagspause gemacht wird, da wir beiden Weltenbummler doch etwas geschafft und müde sind von der langen Fahrt.

 

Gayathri und ich sind etwas abgeschieden vom restlichen Dorf untergebracht. In einer Art Lagerhalle werden wir nun des Nachts Einkehr finden. Betten, oder Matratzen gibt es nicht, nein, nur dünne Matten, aber damit werde ich mich im Laufe der Woche zufriedengeben, was ich jetzt allerdings noch nicht so recht glauben kann.

Da wir keinen Strom haben, wird prompt ein Stromkabel aus den Tiefen Dallapallis aufgetrieben und mit dem Strommast ganz in der Nähe verbunden. Elektrizität, wird es aber erst am nächsten Abend geben. Das ist mir jedoch herzlich egal, mein Handy hat zwar den Geist aufgegeben, aber hey, ich brauche es nicht mehr. Internet ist im mittelalterlichen Bergdorf für alle Neuland und deswegen auch nicht vorhanden.

 

Gegen Abend machen wir uns auf in ein nicht weit entferntes Nachbardorf, wo wir die Einladung erhalten doch mit den Leuten vor Ort Abend zu essen. Dies Angebot nehmen wir gerne an, ducken uns, um uns nicht am schräg abfallenden Dach zu stoßen, dass übrigens deshalb so schräg und tief ist, damit das Haus an sich noch mehr vor Regen geschützt ist und finden Platz in der Mitte eines kleinen Raums, in dem viele Leute ein und ausgehen.

Derweil erzählt mir Gayathri, dass die meisten Menschen hier zu einer großen glücklichen Familie gehören, aber separat leben, oder auch untereinander verheiratet sind. Viele sprechen hier Telugu, oder Kui, eine Sprache die nur die Menschen des einen Adivasi-Stamms sprechen und sind teilweise Hindus, aber irgendwie auch nicht, da sie ihre eigene Kultur haben, die übrigens eine sogenannte Kidnapping-Heirat legitimiert. Gefällt dir jemand aus einem anderen Dorf, so kannst du diesen einfach entführen, heiraten und niemand hat etwas dagegen, da es deren Kultur ja so genehmigt. Übrigens dürfen nicht nur Männer Frauen rauben, nein, auch der weibliche Teil, darf sich gut und gerne ein Opfer aussuchen und es entführen.

Also, scherzt Gayathri, muss ich aufpassen, dass ich nicht eines morgens in einem anderen Dorf aufwache. Darauf werde ich wohlgemut aufpassen, schwöre ich mir.

Als wir nach einem sehr leckeren Reisgericht in die Nacht heraustreten, verschlägt es mir fast den Atem, als ich gegen Himmel blicke. Ein unglaubliches Sternmeer breitet sich am Himmelszelt aus. So viele Sterne auf einmal habe ich noch nie in meinem Leben gesehen. Bis zum Horizont und darüber hinaus erstrecken sich Milliarden und Aber Milliarden von leuchtenden Punkten und liebend gern hätte ich mich einfach auf den Boden gelegt, um in den Nachhimmel zu starren, doch wir müssen zurück zu unserem Dorf. So schaue ich mehr gen Himmel als auf den Weg, doch so leid es mir um meinen Nacken tut; das muss sein!

 

Zurück in der Lagerhalle schlafe ich bereits fast, als drei Gestalten auf einmal vor meiner Schlafstätte stehen und mir dicke Decken andrehen wollen. Ich bin mit meiner dünnen Decke eigentlich total zufrieden, aber einer der drei breitet liebevoll mütterlich eine Decke über mich aus und meine Bedenken werden erstickt.

„Schlaf!“ meinen nun die drei, als ich sie irritiert, ja beinahe schockiert anstarre.

Ja, das sagt sich so leicht, wenn sich drei Männer um dich herum scharen. Dann lässt es sich doch am besten einschlafen. 😀

Doch irgendwann gelingt mir tatsächlich das Unmögliche und das Letze, was ich wahrnehme, ist, dass eine ungerade Anzahl an Schatten sich neben mich legen und gemächlich anfangen zu schnarchen. „Haben die kein eigenes Zuhause? Haben sie Streit mit ihren Frauen?  Ist in ihren Hütten nicht genügend Platz? “ all das frage ich mich, bevor ich zufrieden einschlummere und den ersten Tag im friedlichen Dallapalli, hoch oben, in den Wolken hinter mir lasse…

Der Beginn eines Abenteuers – Die Dallapalli-Chroniken

Nun wird es ernst. Alles ist vorbereitet, der Rucksack gepackt, der Zug gebucht und die Stimmung ausgelassen. Die Berge warten auf mich und schließlich will ich diese nicht enttäuschen! Die Wildnis ruft!

Ich verabschiede mich von Merlin und Skrollan, präge mir ihre Gesichter ein, falls wir uns doch nicht so schnell wiedersehen werden und steige mit Gayathri in einen Bus, der uns zum Bahnhof bringen wird. Bereits jetzt muss ich feststellen, dass wir so gesehen eigentlich zu dritt fahren. Mein großer Backpack-Rucksack benötigt seinen eigenen Sitz, anders ist er nicht zu verstauen, was mir noch einiges Kopfzerbrechen bereiten soll.

Ganz nach indischer Manier quatscht mich nach wenigen Minuten ein alter Herr an und wir reden ein bisschen. Mittlerweile gefallen mir diese Gespräche sehr, lernt man doch immer ziemlich spannende Menschen kennen. So auch in diesem Fall. Mein Gegenüber war schon einige Male in Frankfurt und greift herzhaft dazwischen, als ich davon schwärme wie schön Indien ist:

„Nein, du kennst Indien eigentlich gar nicht. Nicht mal ich, als Rentner habe den totalen Überblick. 100 Kilometer weiter ist alles anders und ich verstehe kein einziges Wort von dem, was meine „Landsleute“ sagen. Wenn dann, gefällt dir Hyderabad, aber Indien? Nein.“

Wo er Recht hat, hat er Recht, der Gute, muss ich eingestehen. Dabei bin ich doch gerade selbst auf dem Weg in eine komplett neue indische Umgebung.

Am Bahnhof angekommen überfluten mich die Reize. Überall rennen schnatternd Menschen durch die Gegend und Züge rollen lärmend an uns vorbei. Es blinkt von allen Seiten, aus Lautsprechern plappern Bahnhofssprecher unverständliches Zeugs und Reklametafeln predigen schlaue Weisheiten wie: „Benutzt keine Plastiktaschen, kauft Jutebeutel!“

Na, ob sich daran überhaupt jemand ein Beispiel nimmt? Ich wage es zu bezweifeln.

 

Unser Zug fährt ein, wir steigen ins Innere dieses Monsters, in die „sleeping class“, wo ich erneut feststellen muss, dass mein Rucksack nicht für indische Verhältnisse gemacht ist. Links und rechts findet man jeweils zweistöckige Abteile. Unten sitzen die Leute, oben liegen sie. Mittendurch geht ein schmaler Gang, der gerade mal so breit ist, dass eine Person gut durchlaufen kann. Ich stoße mit meinem Rucksack überall gegen und nuschle „sorry, sorry, sorry“ in alle Richtungen, in der Hoffnung niemanden ernsthaft verletzt zu haben.

Wir kommen zu unserem Abteil, setzen uns, aber just in diesem Atemzug, drängeln sich zwei Männer so hektisch neben mich, dass es mir vorkommt als spielten wir hier Stopptanz, wo gerade die Musik aufgehört hat und drei Leute sich darum bekämpfen möglichst schnell auf die letzten beiden Sitzplätze zu setzen, denn neben mir sitzt schon eine ältere Dame.

Resultat des Kuddelmuddels: Vier Menschen sitzen auf Plätzen, die für drei gedacht sind. „Hm, da stimmt doch was nicht“, denke ich mir. Ich bin tatsächlich eingequetscht zwischen der Frau und einem Mann und zu allem Überfluss sitzt die Dame auch noch im Schneidersitz auf ihrer Seite, was ihr natürlich deutlich mehr Platz einräumt als mir, dem maximal dreißig Zentimeter geblieben sind. Soll das die gesamte Zugfahrt so gehen? Nach fünf Minuten tut mir der Rücken bereits weh, versuche das irgendwie kenntlich zu machen, aber niemand versteht was ich meine.

Dann sehe ich meine Rettung! Das Obergeschoss! Dazu muss ich eine kleine Leiter hinaufsteigen und hätte eine ganze Sitzreihe für mich. Schwuppdiwupp bin ich oben, habe aber auch hier nur begrenzt Platz, da mein Rucksack beachtliche große Teile für sich auserkoren hat. Ihm kann ich nichtdestotrotz kein Vorwurf machen, habe ich ihn höchstpersönlich doch so vollgepackt.

Anderthalb Meter unter mir laufen Verkäufer durch die engen Gänge und bieten ihre Waren preis. Es gibt Samosas, Kekse, Erdnüsse, Buttermilch, Reis, oder auch Lassi. Damit jeder weiß, was sie anbieten, schreien sie ihre Produkte dem Zug entgegen, was mich sehr an typische Marktschreier erinnert. Besonders der Samosa-Verkäufer, der immer wieder im leichten Singsang „Samosa, Samosa, Samosa! Samosa, Samosa, Samosa“ ruft, hat es echt drauf! Vor allem scheint er nach der ganzen Zugfahrt immer noch bei guter Stimme zu sein und zeigt keinerlei Anzeichen von Heiserkeit. Wenn der sich mal für einen anderen Job entscheiden sollte; mit der Stimme könnte er Schauspieler werden.

Doch vorerst kaufen wir nichts, denn Raji, unsere Haushälterin, hat uns Chapati und Curry von zuhause aus mitgegeben, dass Gayathri und Ich nun genüsslich verspeisen. Kocht Raji normalerweise kaum scharf, ist hier doch eine deutliche Note an Schärfe herauszuschmecken. Wahrscheinlich ein zaghafter Annäherungsversuch an das, was mich im Dorf erwartet.

Währenddessen wir essen, werden wir von einem munteren Inder heimlich fotografiert und nach dem Essen darf ich auch noch ein Selfie mit ihm machen. Das ist tatsächlich der erste seit Stunden. Die Zuggemeinschaft scheint sonst ziemlich wenig von mir zu halten, was ich hier auch sehr begrüße.

Als ich ziellos durch den Zug schlendere fällt mir plötzlich eines auf. Alle Türen stehen zu jeder Zeit offen. Mir wird also die Möglichkeit geboten auszusteigen, wann immer ich will! So ganz freiwillig würde ich das jedoch nicht wagen, bei einer durchschnittlichen Geschwindigkeit von 50 Kilometern die Stunde, aber immerhin kann man so total gut hinausschauen und die Aussicht genießen. Leider kann ich nicht viel sehen, da die Nacht bereits angebrochen ist und ich verzweifelt versuche in der Schwärze etwas zu erkennen.

Gegen neun scheint der Zug mit meinen Menschen einzuschlafen, eine zweite Ebene, zwischen meiner und der unteren wird eröffnet, sodass nun sechs Menschen in einem Abteil gut schlafen können. Nach wie vor kommen die Marktschreier mit ihren Koffern durch den Gang geschlendert, man kann sie bereits aus weiter Ferne ausmachen, ihre Rufe, die immer mehr an Beschwörungsformeln einer alten Macht erinnern, scheinen wie ein Gewitter auf einen zuzurollen. Man hört sie erst kaum, doch dann werden sie immer lauter. Im Halbschlaf scheinen die fernen Rufe kaum von dieser Welt zu stammen, sondern scheinen jenseits davon zu liegen.

Gegen drei Uhr nachts überkommt mich das Gefühl doch mal auf´s Klo zu müssen. Davor habe ich es taktisch vermieden, aus Angst etwas vor zu finden, was ich gar nicht so toll finde. Und tatsächlich: Die Zugtoilette ist nur ein Loch im Boden. Indische Toiletten. Einen ganzen Monat bin ich ihnen erfolgreich aus dem Weg gegangen, doch jetzt scheinen sie mich heimzusuchen. Mir wird klar, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie das jetzt funktionieren soll, mache verängstigt Kehrt und lese mir zur ganzen Thematik ein Tutorial im Internet durch und komme letztendlich zu dem Schluss, dass eine indische Toilette gar nicht mein Ding ist und schlafe verstört ein.
Um fünf erwacht der Zug zum Leben. Ich jedoch nicht, will ich doch noch weiterschlafen. Das wird mir eine Stunde lang gewährt, doch dann zupft etwas an meinem Hemdsärmel, ich schrecke hoch und Gayathri gesteht mir, dass wir nun aussteigen müssen. Schnell packe ich mein Zeug zusammen, hieve meinen Rucksack von meiner Schlafstätte, quetsche mich damit durch die engen Abteile und stehe wieder auf einen Bahnhof voller Menschen.

Wir sind in Vishakapatnam, einer Stadt, die anscheinend einen sehr schönen Strand haben soll, doch da wollen wir vorerst nicht hin. Wir stehen auf dem Bahnhofsvorplatz und…wow! Da sind sie endlich! Die Schlepper, von denen mein Fettnäpfchenführer so detailgetreu berichtet. Damals, vor einem Monat, habe ich am Flughafen einen guten Mitarbeiter als Schlepper verdächtigt, was sich als fataler Fehler herausgestellt hat. Doch jetzt kann ich mit Fug und Recht behaupten, dass dies astreine Schlepper sind, denn kaum trete ich aus dem Bahnhof, wollen sie mir ein gutes Hotel in der Nähe andrehen und mich mit ihren Vehikeln dort hinbringen. Nicht mit mir, Freunde! Ich brauch kein Hotel, nein, ich brauche einen Bus, der mich in hundert Kilometer weiter in die Berge bringen soll.

Ein Bus ist schnell gefunden und so geht’s durch Vishakapatnam. Eins fällt mir auf der Stelle auf: Diese Stadt ist viel grüner, bunter und waldiger als Hyderabad. Überall sind Mauern mit verzierten Fresken, zwischendurch findet man frisch gestrichene Häuser in allerlei Farben und teilweise erinnert mich die Stadt echt an typisch südeuropäische Küstenstädte, mit kleinen beschaulichen Gassen und hübschen Häusern.

Als wir aus der Stadt herausfahren und nun in immer ländlichere Gebiete stoßen, riecht es auf einmal sehr nach… wie soll man das beschreiben…Raubtierkäfig und Schlangenhaus. Immer, wenn man in den Zoo geht und man Raubtiere, oder Schlangen besichtigen will, dann haben die jeweiligen Areale immer einen speziellen Geruch und diesen nehme ich hier nun verstärkt wahr. Sollte ich mir Sorgen machen, dass wir gleich von einer Kobra und einem Tiger angegriffen werden?

Ab und zu fahren wir an kleinen Dörfern vorbei, deren Häuser an Indianerzelte aus Stroh und Bambus erinnern. Links und rechts erheben sich gigantische Bergriesen, Reisfelder ziehen an uns vorbei und die Bäume werden immer größer. Genauso wie die Kühe. Waren sie in Hyderabad beinahe unterernährt sind sie hier dick und rund, beinahe fett und grasen fröhlich vor sich hin.

Ich nehme einen tiefen Atemzug der klaren Luft, schaue ins Grüne hinein und fühle mich einfach herrlich. Das alles hier habe ich gebraucht, wird mir klar.

Bald geht es den Berg hoch. Serpentinenartig fräst sich eine enge Straße durch den Wald, der uns mittlerweile umgibt. Und dieser Wald hat seinen Namen redlich verdient, besitzt er alle Eigenschaften, alle Schichten (Ja, ich habe im Bio-Unterricht aufgepasst), die dieses Ökosystem haben sollte, im Gegensatz zu manchen öden Monokulturen in Deutschland.

Bei jeder Kurve hupt der Fahrer um sein Leben, falls jemand von der anderen Seite ihm entgegenkommen sollte. Die Absicht ist ja gut gemeint, aber da Busse in Indien eine regelrechte Orientexpress-Hupe haben, tun meine Ohren doch langsam etwas weh, nach jeder weiteren Kurve.

Dann, sechs Kilometer vor Dallapalli, nimmt die Busfahrt ein jähes Ende, denn noch höher in die Berge will der Bus nicht fahren. Also steigen wir aus und warten auf ein kleineres Vehikel, dass uns ins Dorf bringen kann.

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Und tatsächlich, eine Riksha will uns mitnehmen, wir und mein Rucksack steigen auf und brausen los. Auf unseren Weg werden wir des Öfteren von Kuhherden ausgebremst, die mitten auf der Straße laufen und uns beim besten Willen nicht durchlassen wollen. Selbst hupen scheint hier nichts zu bringen. Die Kühe schlendern gemächlich, ohne jegliche Eile, weiter, grasen mal hier, grasen mal dort und scheinen uns genüsslich zu ignorieren.

In der Tat sind indische Kühe wahre Ignoranten. Neulich, als ich auf ein Uber-Taxi wartete und nichts ahnend und unschuldig da so herumstand, rammt mich plötzlich etwas leicht in die Seite und schiebt mich weg. Total aufgebracht über diese Gemeinheit drehe ich mich um, will schon fragen, was in diesen Inder gefahren ist, mich einfach weg zu drängeln, stelle aber fest, dass der Übeltäter eine Kuh ist! Links und rechts ist zwar ganz viel Freiraum, aber warum sich die Mühe machen extra Energie aufzuwenden? Da schiebt man einfach den deutschen Jungen beiseite.

Tja, damit wäre auch das von meiner ToDo-Liste für mein Leben abgehakt. Von einer Kuh gerammt werden. Toll!

Nach einer halben Stunde Fahrt, ohne noch so ein winziges Dorf gesehen zu haben, kommt mir der Gedanke, dass Dallapalli, nicht irgendein Cuff in der Uckermark, nicht Buxtehude, oder die Wallachei, nein. Dallapalli, echt am Arsch der Welt liegt.

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Wir fahren Berge hoch, Berge runter, und das mit so einer Geschwindigkeit, dass mir angst und bange wird, aber damit bin ich vollkommen allein. Alle anderen wirken total entspannt, Gayathri liest sogar, währenddessen ich mich krampfhaft am Fahrgestell festhalte und große Augen mache, als wir erneut im Begriff sind eine Kuh-Herde zu rammen und der Fahrer erst unmittelbar kurz vor dem ersten Kuhhintern abbremst.

Dann jedoch verwandelt sich meine Angst in pures Erstaunen. Mein Mund steht voller Bewunderung sperrangelweit offen, als ich dieses atemberaubend schöne Dorf sehe. Wir sind da….

 

31 Tage

„Wow“, sage ich zu Merlin. „Jetzt bin ich so lange von Zuhause weg, wie ich es noch nie in meinem ganzen Leben war und das ist erst der Anfang.“

Ein ganzer Monat, volle 31 Tage und eine aufregende und intensive Zeit in Indien liegt nun hinter uns. Dabei haben wir nur gerade mal an der Oberfläche des gewaltigen Eisberges, der sich Indien nennt, gekratzt, so kommt es uns vor. Erlebt haben wir eine Menge doch zwischen all diesen Erfahrungen habe ich viele Dinge, so scheint es mir, einfach übersehen, sie komplett anders wahrgenommen, oder mich schlicht und einfach daran gewöhnt.

Die Ameisen beispielsweise, die überall ihr Unwesen zu treiben scheinen. Selbst in der Wohnung gibt es für sie keine Barrieren, weshalb sie die Küche ganz klar als ihr Hauptquartier auserkoren haben. Man kann nichts, keine Büchse, keine Flasche, offen stehenlassen, denn sonst riskiert man es, dass am nächsten Morgen die Ameisen ein neues Lieblingsgericht gefunden und sich dort häuslich niedergelassen haben. Wie bei meinen heiß geliebten Sonnenblumenkernen, die ich wirklich gerne auf eines unserer gebackenen Brote verteilt hätte, wären meine kleinen Freunde nicht schneller gewesen. Unkonzentriert schütte ich ein paar Kerne auf den Teig, gerate aber im Nu in Panik, als ich sehe, was mit den Kernen auf unserem potentiellen Körnerbrot landet. Ein Haufen kleiner Ameisen. Schnell kratze ich die Kerne, zusammen mit den kleinen Viechern, beiseite und schwöre mir ab jetzt meine Lebensmittel verschlossen zu halten.

Auch beim Yoga begleiten uns stets ein paar unserer kleinen Ameisenfreunde. Drum können wir uns eines sicher sein: Legt man sich während einer Übung auf den Bauch, so kann man einen ganzen Tross einer Ameisenkolonie beobachten, wie er sich durch die sporttreibende Frauengesellschaft schlängelt. Und die Menschen scheinen damit im Reinen zu sein, es als gegeben anzunehmen, dass man in der Küche dringend alles verschließen muss, falls man keine Ameiseninvasion erleben möchte. In Deutschland hätte man schon längst gehandelt und Insektengift, oder gar den Kammerjäger bestellt, denn nicht nur Ameisen kreuchen durch unsere Bleibe, nein, auch Eidechsen und ungebetene Hausmäuse sind mit von der Partie.

Gegen die Echsen hat niemand was, schließlich halten sie uns die Moskitos vom Hals, aber als wir vorgestern einen kleinen schwarzen Schatten durch die Küche flitzen sahen, geriet tatsächlich das ganze Haus aus den Fugen, als man das dunkle Etwas als Maus identifizierte. Es wurde zur Mäusejagd geblasen und es stellte sich fest, dass die Nagetiere sich zwei Plätze im Haus als Hort genommen hatten, die gefühlt seit 10 Jahren nicht mehr entmüllt wurden waren, sodass die kleinen Nager sich pudelwohl zu fühlen schienen. Dennoch rannten sie, als sei der Teufel hinter ihnen her, als wir sie enttarnten und versuchten sie nach draußen zu bewegen. Das gesamte Haus mit seinen ganzen Mitarbeitern war außer Rand und Band. Merlin quietsche ängstlich, wenn eine Maus durch seine Beine lief, Skrollan, Bhanu und Ich bewaffneten uns mit Besen, als Mittel, um unsere kleinen Gäste auf die Straße zu bewegen und Ravi, unser nuschelnder Zweitchef mit dem schönen Schnauzbart, verschanzte sich sicher hinter einer Balustrade, um nicht als Mäusefutter zu enden.

Im Endeffekt haben wir ganze sechs Mäuse nach draußen umgesiedelt, entdeckten jedoch ein paar Löcher in den Wänden, wo sich theoretisch noch mehr versteckt hielten, doch für die Inder war die Arbeit getan. Der oberflächliche Teil war vertrieben worden, weshalb sollte man jetzt in die Tiefe gehen?

Dieses Phänomen fällt uns jetzt häufiger auf, als vorher. So haben wir auch eine Putzfrau in unseren Diensten, die gerne jeden Tag unser Zimmer reinigen möchte. Dafür müssen wir alles was auf dem Boden liegt, unter anderem unsere Matratzen, auf eine höhere Ebene bringen, damit sie saubermachen kann. Ihre Vorstellung von Putzen ist jedoch deutlich anders, als die unsere. So geht sie grob mit einem zusammengeschusterten Besen aus Reisig über den Boden, beseitigt den auffälligen Dreck und verschwindet dann wieder. Folge dessen: Eigentlich überall sieht es genau gleich aus, in den Ecken sammelt sich Staub, wenn sogar schlimmeres und die Wände, die sowieso nur einmal in ihrem Leben Farbe abbekommen haben, werden blass und schmutzig. Wohlbemerkt ist das keine Kritik an unserer Putzfrau, sondern am grundsätzlichen Putzverhalten hier in manchen Gegenden Hyderabads.

Um mal kurz das Themengebiet „unsinnige Arbeiten“ aufzuschlagen: Eines sehr frühen Morgens waren wir das erste Mal am Bahnhof, um eine Freiwillige aus unserem Nachbarprojekt „Sakhi Trust“ abzuholen, die von Hospet (einer kleineren Stadt 200 Kilometer südwestlich von uns) nach Hyderabad mit dem Zug gefahren war. Abends würde sie dann mit dem Flugzeug gen Deutschland zurückfliegen, ihr Jahr war vorbei.

Merlin und Ich warteten also auf dem Bahnsteig auf das Kommen ihres Zuges und sahen dabei zu, wie einige Personen, mit genau derselben Art von Besen wie unsere Putzfrau, auf die Gleise sprangen, um diese mal ordentlich vom Dreck zu befreien. Hat das was gebracht? Nö. Alles sah genauso aus wie vorher. Dass sich diese Personen nicht total komisch vorkommen, bei dem was sie tun. Des Weiteren scheinen sämtliche Arbeiten daraus zu bestehen, nicht nur sinnlos zu sein, sondern auch oberflächlich.

Unsere Reports hier mal als Beispiel. Sinnvoll sind sie bestimmt, keine Frage. Aber dadurch, dass uns keinerlei Ansprüche vorausgesetzt werden und wir einfach drauf losschreiben sollen, ohne jeglichen Schwerpunkt zu setzen, fällt es schwer hier in die Tiefe zu gehen.

Der deutsche Perfektionismus, den wir in der Heimat hart erlernt haben, wird hier abgelöst, durch indische Oberflächlichkeit. Irgendwie wird es schon funktionieren. Kein Problem. Alles geht einfach seiner Wege. Welche der beiden Arten jetzt besser ist, darüber lässt sich streiten. Wir würden unseren Weg natürlich bevorzugen und finden es gar leichtsinnig, wenn ein Straßenarbeiter ohne jegliche Schutzausrüstung, oder Absicherung auf eine meterhohe Laterne steigt, um etwas zu reparieren. Aber nach indischem Lebensstil wird der Arbeiter hoffentlich nicht abstürzen und wenn doch, nun ja, besetzt man die Stelle einfach neu. 😀

Würde man all diese Arbeiter, die so gesehen nichts zu tun haben, in den Sektor einer gut organisierten Müllentsorgung stecken, so denken wir drei, wäre das Land im Nu eines der saubersten Länder der Welt. 😀

So lässig ich auch hierüber schreiben mag, so einfach hinzunehmen ist das für mich mittlerweile nicht mehr, wenn man ständig trostlos schmutzige Wände anschaut und den Gestank des Drecks auf den Straßen des Öfteren in der Nase hat. In der Hinsicht vergleiche ich die Verhältnisse doch sehr oft mit denen aus Deutschland und etwas unglücklich werde ich dann schon..

Glücklich machen uns dann Bekanntschaften, die wie aus dem Nichts entstehen. Siri, die Frau vom Chor, sei hier nur ein Beispiel, denn Inder, wie man vielleicht bereits aus den letzten Einträgen entnehmen konnte, sind generell sehr neugierig, was uns betrifft. So bin ich an einem Freitagabend mit einem Uber-Taxi unterwegs zu deutschen Freiwilligen, die zu einem kleinen Freiwilligen-Treffen geladen haben.

Hierbei muss man wissen, dass man bei Uber entweder ein Auto ganz für sich bestellen, oder auch eine Fahrgemeinschaft mit anderen Leuten bilden kann. Die eine Nachfrage heißt Uber-Go und die andere Uber-Pool, weil man ganz verschiedene Leute in Fahrzeug wirft.

Ich habe für den Abend ein Uber-Pool-Taxi bestellt, da dieses billiger ist, als die andere Variante und setze mich prompt neben einen anderen Fahrgast. Eine junge Frau. Nach deutscher Manier sage ich „Hello“ und will die Dame neben mir nicht weiter belästigen, doch halt, ich bin ja in Indien, da ist die Mentalität anders! Schon fragt mich das Mädchen wo ich denn herkomme, was ich hier machen würde und wir mir das Land so gefiele. Schwuppdiwupp haben wir uns in lockeres Gespräch vertieft und Liz, oder Elisabeth, wie sich die 25 jährige Frau nennt, ist begeistert von mir und von dem was ich für ihr Land tun würde. Sie arbeitet bei Amazon, war schon mal in den USA und hätte riesigen Spaß daran mir Hindi, sowie Telugu beizubringen. Überraschenderweise erzählt sie mir, dass sie vor einem Jahr ihre Mutter verloren hätte und es seitdem sehr schwer habe, alleine klar zu kommen. Doch das habe sie stärker als vorher gemacht. Ich bin überrascht welchen Lauf unser Gespräch genommen hat, da wir jetzt wahrlich in die Tiefe gehen. Irgendwann muss sie aussteigen, sie versichert mir, dass wir auf jeden Fall mal gemeinsam essen gehen sollten, gibt mir ihre Nummer, schickt mir eine Freundschaftsanfrage auf Facebook, verabschiedet sich mit festem Handschlag und schwindet in die Nacht.

So schnell habe ich in Deutschland, besonders im Taxi, noch keine Nummer bekommen.

Und nun, eine Woche später, sind wir nach wie vor im Kontakt und tatsächlich habe ich das Gefühl eine Freundin gefunden zu haben, die uns zu den „hippen“ Plätzen in Hyderabad führen kann. Von dieser Offenheit der Inder, sollten wir Deutsche uns fürwahr eine Scheibe abschneiden.

Dennoch haben wir von befreundeten Freiwilligen in Hyderabad etwas ganz Anderes gehört. Diese dürfen nicht in die Öffentlichkeit und wurden, seitens ihres Chefs beschimpft, als sie es doch taten. Klar, dahinter steckt eine gut gemeinte Absicht, denn die letzte Generation der Freiwilligen, die in diesem Projekt gearbeitet hat, ist im letzten Jahr am Dengue-Fieber erkrankt. Dennoch sind Tine und Melli nicht gerade glücklich darüber eingepfercht in ihrer Wohnung zu sein, sind sie doch zum Austausch der Kulturen hierhergekommen.

 

Sie sind bereits einige Wochen länger da als wir und dennoch haben Merlin, Skrollan und Ich deutlich mehr erlebt, haben Freunde gefunden, einige Eigenarten der Inder kennengelernt, uns Kleider machen lassen, gefeiert, gegessen, Hunde gestreichelt, Yoga gemacht, gesungen, Reports geschrieben, Selfies geschossen, waren in Tempeln, haben Leute gefragt, wie man Hindu werden könne und vieles mehr… 🙂

 

Wir und die Yoga-Frauen

Vor anderthalb Monaten sind wir gerade erst vom Vorbereitungsseminar in Deutschland zurückgekommen. Sich das vorzustellen ist fast unmöglich, ist uns doch seit jeher unglaublich viel widerfahren. Ein Monat. 31 Tage. Für uns schier unbegreiflich, scheint unser Flug um halbe Welt schon ewig her zu sein.

Und das Abenteuer geht weiter. Im nächsten Monat stehen so einige Reisen an, die manche vielleicht sehr überfordern werden. Doch dazu mehr im nächsten Beitrag. Cheers!

Steinige Visum-Wege Teil 4

Von anderen Blickwinkeln, Übernehmen von Verantwortung und großer Freude handelt nun mein persönlicher, bürokratischer Showdown, dessen Verlauf sich nun mehr auf drei Beiträge streckt. Dies sei der Vierte und hoffentlich, wenn in diesem Eintrag nichts katastrophal Schlimmes passiert, der letzte Eintrag zum Thema Registrierung und Visum, denn mittlerweile bin ich es etwas leid, durch Städte zu fahren, nur um dann, ohne etwas in den Händen zu haben, die gleiche Strecke, total geknickt, nach Hause zurück zu kommen.

Das soll dieses Mal auf keinen Fall passieren, nehme ich mir vor! Denn jetzt wird keiner mir helfen, nein, nun muss ich mich alleine durch den Bürokratiewald der Inder kämpfen und habe keinen Übersetzer, der mir zur Seite steht, denn meine beiden Mitfreiwilligen sind ja bereits registriert. Aber irgendwie reizt es mich auch unheimlich für mich selbst Verantwortung zu übernehmen, unter anderem bin ich ja deswegen auch nach Indien gekommen.

Drum fühle ich mich auch unheimlich gut, als ich vom Office aus alleine aufbreche, um zum Konsulat zu fahren. Währenddessen ich auf mein Taxi warte, wird mir klar, dass ich bisher nie alleine unterwegs war, immer schien jemand an meiner Seite sein, der mir hätte helfen können, wäre ich in Schwierigkeiten geraten. Nun bin ich auf mich selbst gestellt und das, so stelle ich fest, ist ein richtig schönes Gefühl. Eigenständig zu sein. Aber man soll ja nie den Tag vor dem Abend loben, bisher habe ich ja schließlich noch nichts erreicht und stehe wartend in der Gegend herum.

Zumindest, das kann man schon mal sagen, bin ich gegen alle Härtefälle, die da kommen mögen, gewappnet. Sämtliche Unterlagen, sowie ein heiteres Unterhaltungsprogramm gegen die Langeweile sind in meinem Rucksack verstaut. Ich habe extra mein MacBook eingepackt, um vor Ort das Warten etwas erträglicher zu machen, da ich mir vorgenommen habe, währenddessen einer meiner Lieblingsserien „Game of Thrones“ zu schauen.

Guter Dinge steige ich also in mein Uber-Taxi und komme ohne jegliche Probleme zum FRRO, durchschreite die vergoldeten Pforten des riesigen Gebäudes, überwinde die erste Prüfung und stehe nun vor den Schaltern der Hauptkontrolle.


Jetzt heißt es warten. Ich habe einen Zettel mit einer Nummer bekommen, sie lautet N55 und momentan steht die Anzeige bei N45. So lange kann das ja dann nicht mehr dauern, denke ich mir, doch nichts da! Nach einer halben Stunde hat sich die Anzeige nicht verändert und mir wird ganz flau im Magen. Das kann ein langer Tag werden.

Also hole ich, mein MacBook hervor, in Gedanken mal was richtig Gutes gegen die Langeweile geplant zu haben, muss dann aber feststellen, dass mein Computer leer ist. Aufgeladen habe ich ihn zuletzt vor zwei Tagen. Wow! Toll gemacht! Das erinnert mich sehr ans Ganesha-Festival mit einer Kamera ohne SD-Karte. Irgendwas muss wohl immer bei mir schieflaufen. Leicht wütend auf mich selbst, stopfe ich den PC zurück in den Rucksack und komme nicht umhin, aus den Augenwinkeln zu beobachten, wie mich einige Wartende Afghanen belustigt begutachten. Tja, Sachen gibt’s, die glaubt man gar nicht. 😀

Plötzlich, nach einer weiteren halben Stunde ermüdenden Wartens, erspähe ich einen alten Bekannten. Der Chef der Abteilung, der Merlin beim letzten Mal noch mit Fragen gelöchert hat, schleicht, scheinbar auf Samtpfoten, durch die Gegend und überprüft seine Mitarbeiter, dass sie ja alles richtigmachen. Er blickt träge auf die Wartenden hernieder, doch dann hellt sich sein Blick schlagartig auf, als er mich entdeckt. Er ruft mich freudestrahlend zu sich und fragt, warum ich denn schon wieder hier sei und wo ich denn meine Freunde gelassen habe. Ich erläutere im mein Problem, woraufhin er mich schnurstracks in sein Büro entführt und mich bittet meine Unterlagen einem Arbeiter, der scheinbar total übermüdet, in einer Ecke sitzt, auszuhändigen. Er kann sich noch an meine Frage vom letzten Mal erinnern, als ich mich aus heiterem Himmel heraus erkundigte, ob ich nicht ein Hindu werden könne und fragt mich nun, ob ich mich sehr für Kulturen und Religionen interessieren würde.

Das kann ich nur bestätigen. In der Tat bin ich wirklich schnell dazu zu begeistern neue Kulturen kennenzulernen, was dem Chef sehr mundet und so beginnt er über den Ursprung des Hinduismus zu reden, was durchaus interessant ist. So erzählt er mir, dass Alexander der Große, dieser eine Grieche, einmal Indien angegriffen hat und damals ein bestimmtes Wort der Inder falsch aussprach und sich diese Wortneuschöpfung alsbald überall auf der Welt verbreitete. Die Rede ist von dem Wort „Hindu“. Die Inder hatten einen anderen Begriff dafür, den Alexander jedoch nicht aussprechen konnte.  Durch seinen Sprachfehler schuf er also den Namen für die indische Religion, der von jenem Zeitpunkt an, bis in die Gegenwart, gesetzt sein würde: Hinduismus.

Das wusste ich davor noch nicht und bin hingerissen vom Wissen des Beamten, der mir gegenübersitzt. Wir unterhalten uns weiter angeregt über die Gleichheit aller Religionen und nach einiger Zeit empfehle ich ihn dringend Lessings „Nathan den Weisen“ zu lesen. Nach einem kurzen Abriss, worum es in dieser Geschichte geht, nämlich auch um die Gleichartigkeit der Religionen, ist mein Freund, der Abteilungschef begeistert und versichert mir, dieses Buch mal lesen zu wollen.

Während des gesamten Gesprächs kann ich mir ein freudiges Grinsen nicht verkneifen, wenn mein Blick zwischendurch zu dem Arbeiter schweift, der meine Unterlagen gründlich gegencheckt. Jetzt habe ich wahrlich das Gefühl etwas Richtiges, mit der Frage vom letzten Mal, getan zu haben. Ohne meine Bekanntschaft hätte ich noch ewig warten müssen.

Doch auch jetzt heißt es sich noch ein wenig länger in Geduld zu üben, denn pünktlich um halb zwei wird zur Mittagspause geblasen, alle Mittarbeiter hören schlagartig auf mit ihrer Arbeit und strömen Richtung Cafeteria.

Darauf habe ich mich den ganzen Vormittag gefreut, verspricht die Mittagspause doch einen leckeren Chai, der bei den letzten beiden Malen wunderbar auf der Zunge zergangen ist. So geselle ich mich zu der munteren Mittagsgemeinschaft dazu, bestelle mir einen Chai und ein paar andere Leckereien und beobachte fröhlich schmausend die indischen Arbeiter.

Viele haben typisch deutsche Brotbüchsen von daheim mitgebracht, doch essen sie nicht etwa ihr Pausenbrot, nein, sondern vielmehr ihren Pausenreis, frisch von zuhause zubereitet.

Ich kann mir es nicht erklären, aber irgendwie finde ich das süß. Warum auch immer.
Nach der Mittagspause darf ich in den Warteraum umziehen, in dem wir das allererste Mal fünf Stunden gewartet haben. Das verspricht viel Gutes, denn letztens bedeutete dies für Skrollan und Merlin, dass sie alsbald ihre Registrierungsbescheide in den Händen halten durften. Ich warte also einige Minuten und tatsächlich! Ich werde aufgerufen, bekomme aber keineswegs meine Papiere von einem normalen Beamten, sondern werde wieder direkt ins Büro des Chefs geführt. Der Registrierungswisch liegt direkt vor ihm, er überreicht ihn mir feierlich und verkündet dann: „Welcome in India, Brother!“

In diesem Moment fällt alle Last der letzten Monate, der ganze Stress, den ich wegen dieses doofen Visums hatte, von mir ab und ich kann nicht anders als mich breit grinsend bei meinem Wohltäter zu bedanken.
Nun liegt es an mir, einen Inder nach einem Selfie zu fragen. So war es die letzten Wochen genau andersherum, aber jetzt sehe ich die Zeit gekommen, jetzt sehe ich einen wahrhaftigen Grund diesen Moment auf der Kamera festzuhalten. Leider werde ich hier enttäuscht.

„Das geht nicht“, meint der Chef. „Ich bin Beamter im Konsulat und Fotos von mir machen ist verboten.“

Schade, finde ich, dafür wird mir versprochen, dass ich gerne immer wieder zum Konsulat kommen könne, um ihn zu besuchen. Schließlich bin ich jetzt sein „brother“ und habe das Recht immer mit ihm zu reden, wenn es nötig wäre. Das hört man gerne. Vielleicht mache ich das tatsächlich einmal und bringe ihm dann „Nathan den Weisen“ vorbei, doch jetzt hält mich nichts mehr in diesem grauen Gebäude! Ich will raus, einfach herumspringen, den müden Gelenken wieder Energie verleihen und für´s Erste den Kontakt mit Bürokratie vermeiden!

Der Chef verabschiedet sich rührend von mir, wünscht mir alles Gute für meine Zukunft und ich hüpfe fröhlich aus dem Gebäude und freue mich wie ein Honigkuchenpferd! Endlich ist der Spuk vorbei und beiläufig habe ich sogar noch einen mächtigen Freund gewonnen! Was will man mehr?!

Alles hat einmal ein Ende und vielleicht endet es spätestens zu jener Zeit, wo man lernt Verantwortung zu übernehmen. Dann kann eine neue Tür aufgestoßen werden, die dir nun neue Möglichkeiten bietet. Jetzt musst du nur noch zugreifen…

Von Fernseh-Interviews, Menschenmassen und Tanzbattles – Das große Ganesha-Finale

Das Feuer in uns ist entfacht, der Wille ungebrochen, die Neugier unübertrefflich und nichts hält uns mehr auf den Sitzplätzen! Die Spannung, die Vorfreude, ja sogar der Blutdruck steigt! Das letzte Ereignis der Ganesha-Festlichkeiten steht an. Das letzte große Fest, das große, alles übertreffende Finale auf das von Tag zu Tag immer mehr Leute entgegenfieberten…

Genau da wollen wir hin! So haben uns die letzten Nächte immer wieder gewaltig laute Trommelzüge, die durch die Straßen zogen, um Ganesha zu ehren, einen entspannten Abend beraubt; jetzt wollen wir auch sehen wofür! Erneut wollen wir zum Hussain Sagar, dem größten Fluss Hyderabads, um zu beobachten, wie die ganz großen Ganesha-Figuren ins Wasser verfrachtet werden. Also Skrollan und ich. Merlin hat immer noch die Tröten vom letzten Mal im Ohr und befürchtet, dass es jetzt noch schlimmer wird. Diese Sorge habe ich auch, doch waren die letzten Tage so unspektakulär und die Arbeit am Report über den Bergbau in Myanmar so unbefriedigend, dass jetzt einfach was überdimensional Großartiges passieren MUSS, um einigermaßen Inspiration für die nächsten Tage zu schöpfen.

Am letzten Tag des Ganesha-Festivals wird immer ein besonders großer Brummer im Wasser versenkt. Dessen Name: „Khairatabad“. Dieses Jahr ist er 57 Fuß hoch und soll aus mehr als vier Tonnen Gips angefertigt sein. Jedes Jahr wird dieser Koloss neu angefertigt und verändert sein Aussehen. Wann er ins Wasser springt, wissen wir nicht, aber wir glauben fest daran, dass es gegen Abend passiert.

Khairatabad-Vinayaka-Nimajjanam

Drum machen wir uns, nach einem langweiligen Tag voller Bergbau-Stories, um halb sechs auf, steigen in eine Riksha und brausen los. Sofort fällt uns auf, wie leer die Straßen sind. Der Verkehr erinnert tatsächlich an die Leere auf den meisten Landstraßen im tiefsten Brandenburg. Für eine Strecke, für die wir unter normalen Umständen dreißig Minuten brauchen, brauchen wir jetzt gerade mal 10 erschreckende Minuten.„Oje“, denken wir uns. Der ganze Verkehr scheint sich genau an einer Stelle, dem See, zu stauen. Und genau dort wollen wir hin..

Da alles rund um den See gesperrt ist, lässt uns unser Fahrer vorher raus. Wir passieren einige Straßensperren und im Nu sind wir unter hunderten, wenn nicht sogar tausenden von Leuten. Ströme von Menschen ziehen an uns vorbei und genauso viele fließen mit uns in die andere Richtung. Es erinnert mich an einen riesigen Völkerumzug, wo festlich geschmückte Lastwagen, voll mit Menschen und riesigen Statuen, mit, oder gegen den Strom entlang schwimmen. Gewaltige Hebekräne stehen am Wasser, Stände mit Elefantenmasken und Tröten findet man alle 10 Meter und Polizisten mit Schlagstöcken und blauer Feder am Hut ordnen die Massen. Oder sie versuchen es zumindest…Bei diesem Mengen ist das schier unmöglich.

Und siehe da, Merlins Befürchtungen haben sich bewahrheitet. Diese lästigen Tröten sind dieses Mal wieder mit von der Partie. Aber heute wird uns das nicht aus der Ruhe bringen, nein! Skrollan und ich haben nämlich jetzt auch diese nervigen kleinen Dinger erworben. Jetzt kann uns niemand mehr antröten und wenn doch, haha, dann, ja dann tröten wir zurück! Am selben Stand haben wir auch Seifenblasen erstanden, die uns später noch das Leben leichter machen werden, doch dazu zum gegebenen Zeitpunkt mehr.
Wir gehen also vergnügt trötend, in die Richtung, wo die meisten Leute auch hingehen, im Glauben der ganze Haufen würde zum Khairatabad strömen. Doch so ganz sicher sind wir uns da nicht, denn ein Großteil der riesigen Lastwagen, die teilweise mehr als 30 Leute, plus eine Ganesha-Figur, transportieren, fahren in die entgegengesetzte Richtung. Wir haben also nicht die geringste Ahnung wohin wir gehen müssen und so laufen wir ziellos durch die Gegend und versuchen uns durchzufragen. Doch niemand versteht uns, als wir nach dem „Big Ganesha“ fragen. Mal wird dorthin, mal dahin gezeigt und so sind wir komplett orientierungslos inmitten von zielstrebigen Indern, die wohl genau wissen, wo sie lang müssen. Also muss unser allseits bekannter Freund und Helfer Google helfen und tatsächlich bekommen wir dort unsere Antwort, die uns jedoch nur bedingt glücklich macht. Khairatabad wurde bereits am frühen Morgen versenkt, was für mich nicht besonders viel Sinn ergibt, liegt die Mehrzahl der indischen Bevölkerung, während der Morgendämmerung, noch selig schlafend im Bett. Aber egal, davon wollen wir uns nicht die Stimmung verderben lassen, es gibt ja schließlich noch den Seegang von einigen halbstarken Ganeshas zu bewundern, die von den Lastwagen aus, mit großer Begeisterung seitens der unzähligen Gläubigen, ins Wasser gehievt werden. Ein echt schönes Bild ergibt das, zusammen mit der langsam untergehenden Sonne. Da diese Bilder wirklich einmalig sind und sie ein wunderbares Motiv liefern, hole ich meine Kamera hervor und will schon einen schmächtigen Elefanten ablichten, als ich bemerke, dass ich gar keine SD-Karte dabeihabe!

Welch verflucht kopfloser Schussel ich doch bin! Genau das werde ich mir im Laufe des Abends noch häufiger an den Kopf werfen, denn jetzt muss wohl mein Handy an die Arbeit gehen, mit dem ich leider nicht im Stande bin gute Nahaufnahmen zu machen…

Während wir so von Kran zu Kran laufen fällt uns eins auf: Bisher konnten wir ungestört unserer Wege gehen und wurden lediglich freundlich belächelt. Das sieht den Indern gar nicht ähnlich keine Selfies von uns zu verlangen. Deckt uns die Masse etwas so gut, dass wir, einfach nicht gesehen werden? Kurze Zeit sind wir richtig berührt von dieser Anonymität, die uns hier gewährt wird, doch dann traut sich ein vereinzelter Inder uns nach einem Selfie zu fragen. Dadurch müssen wir stehen bleiben und unweigerlich entsteht dadurch eine Menschentraube, an der die anderen wohl oder übel vorbeimüssen. So geraten wir ins Rampenlicht der heutigen Vorstellung. Nun weiß jeder im Umkreis von 20 Metern, dass es „Selfiefutter“ gibt. Menschen drängeln sich hektisch zu uns durch und rufen: „ One Selfie, please!“, oder „Where are you from?!“ Hände werden uns gereicht, die es zu schütteln gibt, ganze Familien mit verdutzten Kleinkindern werden vor uns drapiert und fotografiert. Selbst Mädchen und Frauen trauen sich dieses Mal nach Selfies zu fragen. Menschen in den Lastwagen jubeln uns zu, ich werde hier und dorthin geschoben, nur um fotografiert, oder gefilmt zu werden.

Plötzlich steht ein Mann mit einem Mikrophon vor mir und fragt mich, ob ich ein Interview für´s Fernsehen geben könne. Der Kameramann steht gleich neben ihn. Ich verneine ausdrücklichst, aber er versteht mich nicht, oder will mich nicht verstehen. Die Kamera wird angeschaltet, das Mirko mir vor die Nase gehalten und die Fragen beginnen, die ich kaum verstehen kann, so laut ist es auf der Straße.Er fragt mich, wie ich es hier denn finden würde und ob ich das erste Mal hier wäre.

„Great! Amazing! I have never seen this before!“

Währenddessen schaue ich immer wieder hilfesuchend zu Skrollan, die sich eins ins Fäustchen lacht, da meine folgenden Antworten meist nur auf „great“, oder „amazing“ herauslaufen. Aber hey, ich stehe auch arg unter Druck, eine Kamera ist auf mich gerichtet, ich bin von allen Seiten von Indern umzingelt, die mich alle anfassen wollen und ich kann die Fragen nicht verstehen. Das merkt auch der Reporter, der Skrollan nun das Mirko hinhält. Sie kann die Qualität des Interviews noch ein Stückchen nach oben reißen, aber irgendwann ist auch sie mit ihrem Latein am Ende. Das reicht aber dem Fernsehteam und verabschiedet sich überschwänglich dankend von uns. Unterdessen versuchen wir aus dem Pulk, der sich um uns gebildet hat auszubrechen, was gar nicht so leicht ist, wenn alle dich zu einem so tollen Interview beglückwünschen wollen.

Das hat mir gerade noch gefehlt, möglicherweise gerade im indischen Fernsehen zu sein, wo Millionen Menschen mein schlechtes Englisch hören können. 😀 Doch alle scheinen ganz doll berührt von dem zu sein, was wir gesagt haben, so als hätten wir dem Volke gerade eine zweite indische Unabhängigkeit erklärt.

Wir gehen schnurstracks weiter. Nur nicht stehen bleiben. Dies würde mehr Selfies, mehr Fragen, mehr Händeschütteln bedeuten. Stehen wir erstmal, sind wir für mindestens drei Minuten an diesen Platz angetuckert und kommen nicht mehr weg. Es wird eng. Laster und Menschen drängen sich dicht nebeneinander, immer kunstvoller geschmückte Lastwagen ziehen an uns vorbei, weiße Blüten werden von den Menschen auf den Lastern in die Menge geworfen, eine erwischt mich an der Schulter und; was zur Hölle, sind diese Blüten versteinert, oder warum schmettern sie meinen Arm mit voller Wucht nach hinten?! Die Lage hat sich also um eine weitere Gefahr verschärft. Nun gilt es den gemeingefährlichen Blumenwerfern, den Lastwagen und den Menschen auszuweichen. Gar nicht so einfach, wenn du von allem umzingelt bist.

Jetzt wird es tatsächlich etwas zu viel für uns, es nervt den weltbekannten Popstar zu mimen! Ein riesiger LKW wird extra wegen uns angehalten, wir werden vor diesen gezerrt, zusammen mit einigen fröhlich glucksenden Kindern und nun werden von zehn Smartphones aus Bilder gemacht. Danach zerrt alles an uns, wir versuchen uns loszureißen und wollen einfach nur noch weiter. Viele bemerken das auch, doch es gibt einige, die uns zielstrebig verfolgen. Jetzt verstehen wir definitiv, was richtige Stars durchmachen müssen. Mein ausdrücklichstes Beileid hier mal an Justin Bieber, Leonardo DiCaprio und Co!

Zum Glück gibt es dann noch die Inder, die mehr als „where are you from“ rufen können und so gesellen sich zwei breitgebaute Männer zu uns, die für einige Minuten unsere Bodyguards sein wollen, da sie verstehen was wir durchmachen müssen. Ich lasse sie ihren Job gut fünf Minuten ausführen, bis wir zu einer weniger überfüllten Stelle kommen. Ab hier trennen sich unsere Wege und der eine verabschiedet sich von mir mit den Worten: „Take care of your girl, okay? A lot of crazy guys are on the streets!“

Wo du einen drauf lassen kannst, mein guter Freund!

Erst jetzt bemerken wir die Brücke, die uns schon seit Anbeginn unseres Weges folgt. Auch auf dieser sind überall Menschen, doch für uns scheint sie der perfekte Rückzugsort zu sein, da dort keine LKW´s zu fahren scheinen. Im Affenzahn spurten wir der Brücke entgegen und tatsächlich! Hier herrscht angenehme Ruhe. Der Mittelstreifen, auf dem sonst Autos fahren ist frei und nur an den Rändern stehen Menschen, um sich die Ganehsa-Prozessionen von oben anzuschauen. So können wir sehen, dass die Lastwagen eigentlich einen riesigen Kreis, um diese kilometerlange Brücke machen. Bereits jetzt sehen wir wieder einen Wagen am Horizont der anderen Brückenseite auftauchen, den wir vorher noch auf der anderen Seite gesehen haben. Wir lehnen uns ans Geländer und beobachten die unterschiedlichsten Abbilder Ganeshas auf den Anhängern, wo Menschen teilweise liegen, tanzen oder Blumen werfen. Lediglich ein einziges Mal in einer halben Stunde, wo wir den Wägen beim Vorbeirollen beobachten, werden wir nach Selfies gefragt und mit diesen beiden Männern kann man tatsächlich ein nettes Gespräch führen, was in diesem Wahnsinn schon irrsinnig viel Wert ist.

Nach einiger Zeit erinnert sich Skrollan ihrer Seifenblasen, die sie am Anfang unserer Reise gekauft und, aufgrund des ganzen Trubels, vergessen hat. Nun wirbelt sie den Seifenblasenstab im leichten Tanzschritt hin und her und ich schaue den bunt schillernden Blasen zu, wie sie vom Wind getragen ihren Weg zu den Prozessionswagen finden.

So, wie Skrollan sich nun auf dem leeren Mittelstreifen gibt, schafft sie ein wunderschönes Bild. Tanzend, angestrahlt von mehreren Flutlichtern…
Ich muss schmunzeln über diese so abstrakte Situation. Jetzt müsste sie nur noch auf einer duftenden Blumenwiese sein, wo ein klares Bächlein vorbeirauscht und die Sache wäre perfekt. Leider haben wir beides nicht hier, aber trotzdem reicht es, damit wir uns entspannen und neue Kraft schöpfen.

Jetzt wollen wir auf der anderen Seite der Brücke zurücklaufen und dort werden wir ordentlich ins Schwitzen kommen, denn hier geht die Party richtig ab. Skrollan bläst frohlockend Seifenblasen den uns entgegenkommenden Trucks zu, währenddessen ich, flötenspielergleich in meine Tröte puste. Von den Wägen hören wir begeistertes Gekreische. Den Leuten gefällt´s, wie wir da unsere eigene kleine Party veranstalten. Plötzlich geraten wir in eine Tanzgruppe, die komplett ausrastet, als wir dazu stoßen. Sie schieben uns in die Mitte und tanzen wie verrückt um uns herum, sodass uns nichts Anderes bleibt als wild mitzutanzen! Von überall wird uns zugejubelt, weiter zu machen, Musik dröhnt aus den Wägen, uns werden Huldigungsgeschenke in Form von Süßigkeiten zugeworfen und nach wenigen Minuten sind wir schweißüberströmt.
Es gleicht einem Hip-Hop-Tanzbattle, wo plötzlich die ganz großen Champions dazu stoßen und alle johlend und ausgelassen einem großartigen Zweikampf entgegenfiebern.

Da wäre nur ein Problem:

Ich kann nicht tanzen, besonders dann nicht, wenn ich einen Beutel mit einer Kamera auf dem Rücken trage und diesen nicht einfach irgendwo ablegen kann, dazu ist zu wenig Platz. Aber so, oder so bedanken sich die Leute voller Freunde bei uns, als wir weiterziehen, nur um zehn Meter weiter erneut in eine euphorische Tanzgemeinschaft zu geraten. Es wird getanzt, Selfies werden gemacht, Hände kräftig geschüttelt und Opfergaben verteilt. Mit der Zeit gerate ich immer weiter weg von Skrollan, die als tanzendes weißes Mädchen natürlich viel mehr Aufmerksamkeit bietet als ich und so habe ich tatsächlich einige Male Angst sie im Getümmel zu verlieren, da auch ich außerhalb des Tanzkreises immer wieder dazu aufgefordert werde freundlich in indische Frontkameras zu lächeln und so mein Blick immer wieder von ihr abschweifen muss. Aber stets, mit den Augen eines Adlers, kann ich Skrollan immer wieder ausmachen und mich zu ihr durchkämpfen, währenddessen ich von einigen Leuten umarmt werde.

Keine Sorge, alle meine Habseligkeiten waren im Endeffekt noch bei mir, die Leute waren wirklich nur begeistert von uns und keine Taschendiebe, was mir während sehr körperbetonten Umarmungen oft durch den Kopf ging..

Nach einer Stunde voll leidenschaftlichen Tanzens erreichen wir eine Nebengasse und nehmen uns nur zu gerne der Ruhe an, die hier herrscht. Uns wird bewusst, dass wir mehr als vier Stunden diesem indischen Irrsinn verfallen waren und sehen uns jetzt nach einem Sitzplatz und vor allem einen ordentlichen Schluck Wasser! Wir überwinden eine Straßensperre, kaufen uns einen Wassermelonensaft, nehmen auf der Schwelle des Saftladens Platz und warten auf unser bestelltes Uber-Fahrzeug.

Die Inder sind schon ein fröhliches Feiervölkchen, stellen wir fest. So kaputt und schweißverschmiert wir jetzt auch sein mögen, wir haben dieses Fest wahrlich genossen. Definitiv sind wir beide jetzt auf mindestens dreihundert Smartphones gespeichert und so mancher Inder wird uns nun als seine „western friends“ bezeichnen.

Dieses letzte große Fest, dieses große, alles übertreffende Finale auf das von Tag zu Tag immer mehr Leute entgegenfieberten, hat letztendlich unsere Erwartungen übertroffen, so gigantisch es im Gesamtüberblick war.

„Nochmal!“, denke ich mir, währenddessen wir mit unserem Taxi hinaus in die kühle Nacht fahren…