Streetdogs 2.0

Je länger ich nun in Indien lebe, desto mehr hat sich mein Verhältnis zu Hunden verändert. In Deutschland noch, ging ich den meisten, außer meinen eigenen, aus dem Weg.

„Fremde Hunde streichelt man nicht“, wurde  mir oft gesagt und damals hatte man auch überhaupt keinen Grund dazu. Wozu auch, wenn man selbst seine beiden Halunken um sich herumhat, die wahrscheinlich eifersüchtig werden würden, zöge ich ihre wohlverdiente Streicheleinheit, nicht bei ihnen vor. In Indien jedoch, beobachte bei mir ich zunehmend ein verändertes Benehmen, kommt ein fremder Hund in meine Nähe. Ich würde am liebsten jeden Straßenhund streicheln, wenn sich mir die Gelegenheit dazu bieten würde. Die meisten sehen auch so aus, als hätten sie es bitter nötig, etwas Herzenswärme zu bekommen.

Ich habe bereits darüber geschrieben, aber diese Thematik liegt mir immer noch sehr am Herzen. Straßenhunde.

Da liegen sie, unter den parkenden Autos, mitten in der Gegend, oder vor den Hauseingängen und werden gründlich von den meisten Indern ignoriert, gerne auch verscheucht und geschlagen.

DSC_1405

Gehe ich vor einem dösenden Straßenhund in die Knie und tue nichts Anderes, als ich mich vorsichtig und leise zu verhalten, so kann folgenden Prozess beobachten.

  1. Aufwachen
  2. Mich anschauen
  3. Irritiert dreinblicken
  4. Den bösen Menschen erkennen
  5. Ängstlich die Ohren anziehen
  6. Schnell das Weite suchen

Die meisten mussten wohl bereits früh böse Erfahrungen mit den Menschen gemacht haben, sie wirken gebrochen, versuchen nicht erst zu knurren, um einem irgendwie Angst zu machen. Das scheinen die indischen Straßenhunde längst verlernt zu haben. Das Einzige, was sie normalerweise von den Menschen erwarten können, ist keine Freundlichkeit und Nächstenliebe. Sie scheinen zu wissen, dass sie ganz klar die Unterlegenden sind und definitiv den Kürzeren ziehen werden, würden sie Drohgebärden machen.

DSC_1407

Doch auch in diesem Fall ist es ganz klar, wie immer in Indien, von Gebiet zu Gebiet zu unterscheiden, wie ich seit dem letzten Eintrag über die Straßenhunde, gelernt habe. In den reichen Gegenden Hyderabads wird man mehr Hunde finden, die sich näher an den Menschen herantrauen, die durchaus freundlicher mit ihnen umgehen, als die Leute in den ärmeren Vierteln, wo wir leben.

Vor einigen Monaten saßen Merlin und Ich in einem dieser besagten Reichenviertel Hyderabads und warteten auf die Mädels, die gerade am Shoppen waren. Ein kleiner weißer Mischlingshund lief an uns vorbei, ich pfiff ihm hinterher, er blieb stehen, schaute irritiert in unsere Richtung und lief schwanzwedelnd auf uns zu, als wir ihm, mit fröhlicher Stimme geboten herzukommen. Glücklich schmiegte er sich an uns, schaute uns mit treuen Knopfaugen an und hätte mir am liebsten durchs Gesicht geleckt, so fröhlich war er, beachtet zu werden. Dann jedoch kamen andere Menschen, die er wahrscheinlich kannte, zog winselnd den Schwanz ein und rannte davon, ins indische Verkehrschaos. Wenig später sahen wir ihn auf einem Müllberg nach Essen suchen, er sah uns, wedelte mit dem Schwanz, aber blieb dort, wo er war und senkte seinen Blick. Manche Hunde wollen ernsthaft den Kontakt zu den Menschen suchen, aber die meisten verweigern ihnen diesen, auf sehr unschöne Art.

Drum ist es umso schöner, wenn man sieht, dass Hunde auch ein fröhliches Leben mit den Menschen führen können. In Hampi waren die Straßenhunde glücklich, wurden sie von allen versorgt, sie bekamen Essen und viele streichelten sie auch.

Damals in Hampi habe ich einen Hund gesehen, der unbedingt mit einer Kuh spielen wollte, das habe ich bereits in einem vorigen Eintrag erwähnt. Was ich damals jedoch ausgelassen habe, ist, dass nach dem genervten Abgang der Kuh, der Hund nicht sofort schlafen ging, sondern versuchte die indischen Kinder, die wenige Meter von ihm entfernt standen, zum Spielen zu motivieren. Und die Kinder lachten, als der Hund verspielt um sie herumsprang. Das fand ich wahnsinnig süß, gibt es doch eine ganz andere Sorte von Kindern, nämlich die in Dallapalli und Poolabanda, die schon von früh auf dazu erzogen werden Hunde mit Füßen zu treten. Dort sah ich einen vierjährigen Jungen mit einer Schüssel in der Hand, der diese, ohne zu zögern auf einen ahnungslosen Hund warf, weil er einfach nur in der Nähe war.

Vielleicht mag das nur ein Abriss von etwas viel Größerem sein, schließlich sehe ich nur ein Bruchteil des Lebens auf den Dörfern und ganz sicher weiß ich auch nicht 100%ig was auf den Straßen 24/7 passiert, denn schließlich gibt es immer Ausnahmen, wie die drei neugierigen Jungs in Katiki, die gespannt und wissbegierig auf die Hundemutter, die in der vergangenen Nacht Junge zur Welt gebracht hat, schauen…

 

Apropos: Wie geht es der Hundefamilie in unserer Straße? Damals im August lebten sie zu siebt ein süßes, behagliches Leben und wir hatten uns vorgenommen, ihnen die Angst vor den Menschen etwas zu nehmen. Nun, für ein Familienmitglied ist es bereits zu spät, denn heute sind es nur noch sechs. Das jüngste Mitglied der kleinen Rasselbande verschwand urplötzlich von einem auf den anderen Tag und kam seitdem auch nicht mehr wieder. Man kann sich in allerlei Illusionen stürzen, dass der kleine Racker vielleicht noch lebt, aber so schön diese Vorstellung auch ist, sie kann nur falsch sein. Die Straße, gerade für Hunde, ist ein hartes Pflaster, wo es meist nur ums Überleben geht. Survival of the fittest. Die Kleinen haben da das Nachsehen, besonders in der Nacht, wenn der Einflussbereich der Menschen schwindet und der der Hunde beginnt. Es hat sich gebessert, aber, wenn es dunkel wird, beginnt das Heulen, das Bellen und der stetige Kampf um Revier. Zu sechst ist unsere „La familia“ deutlich schwächer als vorher, man sieht jetzt schon deutlich mehr Hunde in unserer Straße, die dort ohne Zwischenfälle langlaufen und so ungefragt das Revier unserer Streuner betreten.

Hätte unsere Familie doch noch ihren siebten Teil, unseren kleinen Freund, dem ich schon fast das Kommando „Sitz“ beigebracht habe. Jetzt kann ich das wohl nicht mehr….

 

Dem Rest geht es aber ausgesprochen gut. Immer wenn ich vor die Tür trete, um beispielsweise Bananen zu kaufen, ist als allererstes der Papa an meiner Seite, der wohl der zutraulichste Hund in Indien ist, den ich bisher getroffen habe.

DSC_1338Nach einer ausgiebigen Streicheleinheit, gehe ich weiter und bald begleitet mich, im Gänsemarsch, mindestens die halbe Hundefamilie, die so wie es scheint, uns sehr lieb gewonnen hat.

Stets an Papas Seite: Die Mama. So ein inniges Hundeverhältnis habe ich selten bestaunen dürfen, sie klebt förmlich an ihrem Mann, leckt ihm schwanzwedelnd durchs Gesicht und freut sich des Lebens. Auch wenn ich komme, scheint sie sich vor Begeisterung nicht mehr einzukriegen, kommt ganz nah an mich heran, schreckt aber nach wie vor immer wieder zurück, möchte ich sie streicheln. Es wirkt so, als könne sie sich nicht entscheiden, als ob sie einerseits gerne würde, aber andererseits am liebsten total woanders wäre, was sie selbst „tierisch“ aufzuregen scheint.

DSC_1341

 

Die Kinder sind nach wie vor, sehr schreckhaft, besonders das eine das selbst schon zusammenschreckt, landet ein Leckerli vor seinen Füßen. Eins traut sich schon mir ein Stück Kauknochen aus den Händen zu stibitzen, was die anderen Kleinen wahnsinnig beeindruckend finden, schaut man in ihre erstaunten Gesichter. Wenn sie könnten, würden sie wohl Beifall klatschen.

DSC_1371

DSC_1329

DSC_1331

Interessiert sie alle an uns, alle wedeln vergnügt mit dem Schwanze, wenn sie uns sehen und das entlockt doch einem schon ein warmes Lächeln. Hunde sind auch ohne körperliche Nähe, wahnsinnig treu und man merkt an dieser Familie, dass man echt ein paar kleine süße Freunde gewonnen hat, auch wenn beide sich bisher kaum abgetastet haben. Man merkt auch vielleicht an den Fotos, wenn man sie mit dem letzten Mal vergleicht, dass sich ihre Blicke teilweise entspannter sind als noch vor wenigen Monaten, wo sie bereits das Weite gesucht haben, kamen wir nur in ihr Blickfeld.

DSC_1417

Auch wenn ihr Einflussbereich nicht gerade der Beste ist, nebenan ein ekelig stinkender Fluss fließt, aus dem sie des Öfteren trinken, teilweise sogar ganz eintauchen und ihre Hauptmahlzeit hauptsächlich aus Müll besteht, sieht man ihnen ihre Zufriedenheit an.

DSC_1412

Wir sehen sie öfters durch die Straße toben und spielen und das entlockt einem ein echtes Grinsen, wenn man sie genauso spielen sieht, wie meine Hunde aus Deutschland spielen würden. Hund bleibt Hund, Spieltrieb, Liebe und Freude ist überall, egal, ob Europa, oder Indien, bei ihnen ausgeprägt. Es kommt mittlerweile jedoch oft nur noch darauf an, was der Mensch aus ihnen macht…

 

 

Alltagsleben – Kleine Geschichten für zwischendurch – Teil 1

Nun, für den genauen Beobachter dieses Blogs mag es so vorkommen als sei ich nur unterwegs. Von Reise zu Reise. Von Dallapalli nach Hampi, von Poolabanda nach Katiki und so weiter. Klar, momentan scheinen die letzten Einträge nur davon zu leben, doch überschatten sie die kleinen Geschichten, die daheim, zwischen den Reisen passieren. Und da diese keineswegs zu kurz kommen sollen, hier nun ein paar kleine Snacks für zwischendurch. 🙂

 

Von Reports, Stillleben und Ratlosigkeit

Eine Arbeitswoche, wie sie unter normalen Umständen laufen sollte, beginnt montags um 10:00 Uhr morgens. Man arbeitet bis rund 13:00 Uhr, dann gibt es Mittag. Danach wird bis um fünf weitergearbeitet, so steht’s im Vertrag. Die normalen Mitarbeiter unserer Organisation arbeiten wesentlich länger. Bhanu, unsere Chefin, arbeitet gut und gerne bis nach Mitternacht, was zur Folge hat, dass sie  am nächsten Morgen nicht erscheint, da sie zu überarbeitet ist, um weiter zu machen. Als alleinige Koordinatorin einer ganzen NGO hat man eben viel zu tun und besonders für eine Frau in den 50ern, ist das manchmal zu viel.

Oft spiegelt sich das dann auch in ihrer Stimmung wieder. Wenn die anderen etwas nicht richtigmachen, kann es an einigen Tagen dazu kommen, dass Bhanu die gesamte Truppe, zusammenschimpft. Meist hat nur einer, selten jemand von den Freiwilligen, etwas falsch gemacht, dieser wird dann beschimpft und lässt es heroisch über sich ergehen, ohne Widerworte zu geben. Bhanu ist ganz klar in einer höheren Kaste, ihr wird das Mittagessen von den Haushälterinnen serviert, währenddessen wir anderen unser Essen selbst holen müssen. Kommt es dann, am Mittagstisch,  zu beschriebenen Wutausbrüchen, ist das ganze Haus mucksmäuschenstill. Niemand kann und will ihr in irgendeiner Weise widersprechen, da man ganz genau weiß, dass es dann für einen sehr übel werden kann.

Meist aber, ist Bhanu eine Frau mit der man viel lachen kann. Sie weiß genau, wie sie mit uns Freiwilligen umgehen sollte und was sie uns für Grenzen auflegen darf. Sie war auch mal jung und hat angeblich einige verbotene Sachen gemacht, deswegen weiß sie, was wir für Vorstellungen haben.

Bei der Arbeit ist es äußerst schwer sie zufrieden zu stimmen, besonders bei Reports. Dennoch meint sie äußerst gut und will uns in dem Sinne nur verbessern. Über Katiki und deren Wasserfall haben Merlin und ich vor nicht allzu langer Zeit einen Text verfasst und ihn ihr gezeigt. Prompt kam die Rückmeldung, dass ihr dieser Report zu journalistisch sei. Dies wäre im Anbetracht dessen, dass man den Text möglicherweise an die Regierung schicken sollte, fehl am Platz. Er informiere nur ein breites Publikum und wäre in der Hinsicht nicht tiefgreifend genug. Sie schickte uns eine Mail mit ihren Anforderungen, mehr herauszufinden.

Oft, geht so eine Mail über eine ganze Seite und danach sind wir meist ratloser als zuvor, weil wir überhaupt keinen Schimmer haben, was wir jetzt genau machen sollen.

Ich habe hier mal einen Report über die „Borra Caves“ verlinkt. Hierbei haben wir versucht, den Anforderungen Bhanus gerecht zu werden. Sind wir das? Keine Ahnung? Bisher kam noch keine seitenlange Mail zurück. Drum urteilt doch einfach selbst und vielleicht findet ja jemand sogar noch einen Fehler, den man ausbessern könnte. Also: Ran ans Werk!

Borra Report

Unter günstigen Bedingungen sitzen wir also den ganzen vorm PC, recherchieren, tippen und stöhnen. Das heizt natürlich die Gemüter ordentlich an, Merlin beispielweise, beklagte sich vor unserer Dallapalli-Reise über Eintönigkeit und dass man so nicht weitermachen könne, säße man ständig nur bis zum Abend. Die Reisen nach Dallapalli und Poolabanda sind in der Hinsicht ein wahres Geschenk und bisher haben wir dort auch den eigentlichen Zweck unseres Freiwilligendienstes gefunden. Zuhause werden dann die Trips ausgewertet und es wird überlegt, was als nächstes zu tun sei, um den Menschen vor Ort zu helfen…

Zuhause

Ich sitze nach Arbeitsschluss auf unserem Balkon, wie wir das des Häufigerem tun, es die Zeit vor meinen ersten Trip nach Dallapalli und höre Musik. Es wird langsam dunkel, die Dächer färben sich leicht orange, angestrahlt durch den leichten Sonnenuntergang über der Stadt und die Moskitos wittern ihre Chance menschlichen Geschöpfen Blut auszusaugen. Merlin telefoniert im Nachbarzimmer mit seinen Eltern und Skrollan, unser sportliches Vorbild, ist laufen gegangen. Da sitze ich nun und höre melancholische Musik, die mich an zuhause erinnert. Einaudi.

Wäre das nicht schon schön genug so den Tag ausklingen zu lassen, entsinne ich mich plötzlich einer ganz bestimmten Sache: Mein Vater hat mir daheim ein ominöses Päckchen mitgegeben, dass ich erst in Indiem aufmachen sollte. Gleich am ersten Tag, nach unserem Flug, tat ich das auch und fand eine Menge Karten mit Texten meiner Liebsten darauf, die mich in schweren Zeiten aufmuntern sollten. Mit dabei auch eine Lichterkette, die bisweilen ungenutzt blieb.

Doch nun, scheint mir der richtige Zeitpunkt zu sein sie aufzuhängen. Auf der Stelle krame ich sie hervor und hänge sie mit einigem Rumoren und Stöhnen den gesamten Balkon entlang auf. Als ich fertig bin, stecke ich den Stecker in die Steckdose und siehe da; es werde Licht!

Die ganze Terrasse ist in einem warmen Schimmer getaucht, der dem Ganzen für mich eine ganz große Bedeutung schenkt. Total inspirierend. Als Merlin und Skrollan nach einiger Zeit mein Werk begutachten sind auch sie hin und weg. Ab dem Zeitpunkt sollte der Balkon eine viel größere Anziehungskraft besitzen als jeder andere Ort des Hauses.

Die nächsten Wochen bauen wir, zusammen mit Ravi und einigen anderen Teilzeitarbeitern, an einer Überdachung, die sowohl vor Sonne, als auch Regen schützen soll. Es wird, ganz nach indischer Manier, einfach drauf los gebaut, alles ist irgendwie schief und komisch, Netze werden mit Planen und einer Art Strohhutstoff verbunden, wirklich gut zusammen passt das alles nicht, doch als wir schließlich fertig sind und die Lichterkette meines Vaters und eine weitere von unseren Vorgängern mit der Überdachung vernetzen, fühlen wir uns doch irgendwie ein Stück weit mehr heimisch. Nun muss die Markise nur noch den Regen-Test überstehen, der alsbald auch kommt. Wir sind schließlich in der Monsunzeit, wo es gefühlt jeden Tag durchzuregnen scheint.

Es wird Nacht, wir gehen schlafen und hören, wie dicke fette Tropfen auf unsere improvisierte Überdachung prasseln. Alle drei liegen wir wach, voller Besorgnis, in unseren Betten. Ist es noch ganz, unser Sonnendach? Wie lange wird es den Fluten wohl standhalten?

Am Morgen gilt unser erster Gedanke dem Balkon, wir stürzen voller Angst heraus, doch die ist gar nicht angebracht. Unser Dach steht! Zwar mit einigen Löchern, die es auszubessern gilt, aber es steht!

Was man vom Baum in unserem Vorgarten nicht behaupten kann. In der Nacht ist ein riesiger Ast abgebrochen und liegt nur vor unserem Tor. Zum Glück ist der genau in die richtige Richtung gefallen! Zu etwaiger anderer Seite hätte das übel ausgehen können. Nach rechts und der Ast wäre direkt auf´s Grundstück unseres miesepetrigen Nachbarn geflogen, der uns nicht so wirklich leiden kann, da er glaubt, wir würden bald sein Hab und Gut beschlagnahmen. Immer, wenn wir an ihm vorbeilaufen und ihn nett grüßen blickt er uns so finster an, als töteten wir gerade sein Haustier. Ein Baum auf seinem Dach würde sicherlich die ganze Sachlage um einiges verschlechtern.

Ein Glück muss ich nicht bei den Aufräumarbeiten mitmachen, haha, ich würde nämlich Stunden später meine Sachen packen und die erste Reise nach Dallapalli antreten…

 

Pakete aus der Heimat

Nach meinem Trip nach Dallapalli und Poolabanda komme ich völlig gerädert nach Hause, kann mir aber ein Lächeln nicht verkneifen, als ich oben auf dem Balkon Merlin sehe, der mir schon voller Begeisterung zu winkt. Es ist wunderbar wieder daheim zu sein, der abgebrochene Ast ist weg und endlich kann ich wieder mit meinen beiden Mitfreiwilligen lachen. Sie zeigen mir, nach einiger Eingewöhnungszeit, ein ominöses Paket, an mich adressiert. Von wem mag das wohl stammen? Wie sich schnell herausstellt, kommt das Paket von meinem Vater, der sich vorgenommen hat, mir jeden Monat eins zukommen zu lassen. Rasch packen wir es aus und finden ein Plastikeinhorn, das Bälle verschießen kann vor. Natürlich sind noch andere Dinge, wie Gummibärchen dort drinnen, doch dieses Einhorn sollte für einige Zeit für uns nahezu existenziell werden. Eigentlich war es, laut Beschreibung, für die indischen Kinder gedacht, aber hey, wir sind doch auch irgendwie noch Kinder, oder würden es zumindest gerne noch ein bisschen sein. So bombardierten wir uns eine halbe Stunde lang mit den Geschossen des Einhorns und quietschten total vergnügt, bis uns die Puste ausging.

Insbesondere mir, der einen ganzen Tag gereist war. Gegen Abend würden die beiden zum Chor gehen, ich daheim bleiben und auf der Stelle, mit allen Klamotten am Leib, einschlafen. Ich sah, wie Merlin es später beschreiben würde, ziemlich „tot“ aus.

Am nächsten Tag sollte auch noch ein Paket von meiner Mutter ankommen, es beinhaltete zwei T-shirts meines Kleiderschranks, wovon ich eins Wochen später an Vickie, den Trommelverkäufer aus Hampi, verschenken würde. Nicht, weil es hässlich war, nein, es bot sich in diesem Moment einfach an.

Auch war ein kleines Büchlein dabei, das Bilder meiner Familie zeigte. Bevor ich zu den anderen Dingen kam, konnte ich nicht anders, als mir eben dieses Buch anzuschauen. Ein Stück Heimat, würde von nun an, mich immer begleiten. 🙂

Es ist wahnsinnig schön, wenn daheim noch jemand an dich denkt und ich freue mich jedes Mal, wie ein Honigkuchenpferd, wenn der Postbote mir ein Päckchen überreicht.

 

 

Die Vierte im Bunde

Es konnte natürlich nicht Ewigkeiten so weitergehen, dass wir zu dritt das Office belegten, nein, da war ja noch jemand. Toni.

Erst Anfang Oktober 18 Jahre alt geworden (einen „weltwärts-Freiwilligendienst kann man nur dann absolvieren, wenn man volljährig ist), begann wenig später auch ihre Reise Richtung Indien.

So hieß es für uns drei einen Schlussstrich durch unsere Dreieinigkeit zu ziehen. Währenddessen wir die letzte Nacht zu dritt damit verbrachten „Game of Thrones“ zu schauen, ging uns durch den Kopf, dass die Zeit bis hierhin wahnsinnig schnell verflogen ist. Von nun an würden wir zu viert Hyderabad unsicher machen. Nun hätte auch Skrollan, die vorher in der Unterzahl war, einen weiblichen Part mehr an ihrer Seite. Nur mit uns beiden Rabauken war es sicherlich auch schön, aber mit einer gleichgeschlechtlichen Ansprechperson, lebt es sich doch erheblich leichter.

Als Toni schließlich, um die Mittagszeit herum, total fertig von der langen Reise, ein Schläfchen in unserem Zimmer macht, versuche mich daran zu erinnern, wie es damals in den ersten Tagen für mich war. Dies ist wahnsinnig schwer, scheint der August doch schon weit, weit hinter uns zu liegen.

Einem komischen Gedanken folgend, entscheiden wir Jungs uns etwas aus unseren kleinen süßen Vorgarten zu machen. Die ganze Zeit lag dieser brach, doch jetzt auf einmal hat er unsere Aufmerksamkeit erregt. Wir wollen Kartoffeln anpflanzen und dazu muss die lehmige Erde umgegraben werden. Auf der Stelle machen sich die beiden Bauersgehilfen Merlin und Leo auf und versuchen mit einer ziemlich maroden, indischen Schippe, die Erde aufzulockern. Dies gelingt ihnen recht gut, es hat die letzte Zeit viel geregnet, sodass die Erde feucht und leicht umzugraben ist. Was beide jedoch in dieser Schlamm-ähnlichen Suppe nicht bedacht haben: Die auffliegenden Schlammspritzer, schlägt die Schippe auf den Boden. Nach weniger Zeit sehen wir sehr, sehr dreckig aus, unsere Füße versinken im Matsch und wir jauchzen ungelenk, wenn wir beinahe davor sind auszurutschen. Das lockt auch die beiden Mädels an, eins fit, das andere müde, aber auch sie sind von der Matschepampe begeistert und so rutschen wir gemeinsam durch den nassen Garten. Einmal mit der Schippe auf die Erde gehackt und alle bekommen Spritzer ab. Sehr sehr lustig. Ich, in meiner ungebändigten Schadenfreude, versuche dies mehrmals, schlage aber irgendwie im falschen Winkel, sodass ich fast alles abbekomme. So war das nicht geplant. 😀

Toni findet sich überraschend sehr schnell bei uns ein und wagt es am dritten Tag sogar alleine loszuziehen, um Bananen zu kaufen. Meines Erachtens habe ich mich das damals noch nicht getraut. Chapeau, Toni. Auf dem Vorbereitungsseminar hatte sie einstmals die Gedanken, nicht wirklich damit zurechtzukommen, als Neuling in ein sich bereits eingearbeitetes Getriebe zu einzusteigen, doch schon damals bestätigte ich ihr, dass dies definitiv nicht der Fall sein wird. Ist er auch nach wie vor nicht, sie begann bereits wenige Tage nach ihrem Flug mit der Arbeit und war kurz danach genauso Teil des Getriebes wie wir.

Das alles hinderte sie jedoch nicht davor ihren Reisepass, auf dem Weg ins Konsulat zu vergessen. Zusammen mit Skrollan zog sie los, um sich registrieren zu lassen. Ich wäre unheimlich gerne mitgekommen, war doch im letzten Paket meines Vaters eine englische Ausgabe von „Nathan den Weisen“, die ich total gerne an meinen Freund aus dem  Konsulat weitergegeben hätte. Damals, als ich mit dem Chef der Abteilung über Religion unterhielt, habe ich ihm schließlich vorgeschlagen eben dieses Buch unbedingt mal zu lesen.

Doch nun, muss ich zuhause bleiben, um mit Merlin den Report über Katiki fertig zu schreiben.

Doch dann scheint es wie eine Fügung des Schicksals zu sein, dass wenig später der Anruf kommt, dass Toni ihr wichtigstes Dokument zur Registrierung vergessen hat. Im Nu kralle ich mir ihren Reisepass, sowie Nathan den Weisen und brause Richtung Konsulat. Dort angekommen übergebe ich Toni feierlich ihren Pass und erspähe auch wenig später meinen bebrillten Freund in der Chefetage, dessen Augen zu leuchten beginnen, als er mich erkennt. Er ruft mich zu sich, umarmt mich und zieht mich in seinen Raum. Wir unterhalten uns gut, trinken Chai und währenddessen reiche ich ihm das Buch. Begeistert blättert er es durch, ist richtig gerührt davon, dass ich ihm etwas geschenkt habe und verspricht mir hoch und heilig, dass ich von ihm auch ein Buch über den Hinduismus bekommen würde. Ich gebe ihm meine Nummer, damit er, wenn etwas gefunden hat, mich anrufen kann. Zufrieden über diese glückliche Fügung mächtige Freunde im Konsulat zu haben, verabschiede ich mich von ihm, mache mich auf den Rückweg und nach anderthalb Stunden kommen auch die Mädels, Toni ist nun auch registriert, zurück.

In dem Sinne kann das Jahr zu viert und  registriert beginnen!

 

Happy Diwali

Mitte Oktober verändert sich auf einmal das Stadtbild Hyderabads. Überall werden große Stände mit Feuerwerkskörpern aufgebaut. Der Inder kauft und kauft und kauft allerlei Böller und Raketen und die ganze Stadt scheint sich in ein riesiges Schlachtfeld zu verwandeln, so oft es kracht und bumst.

„Ja ist denn schon Silvester?“ fragen wir uns. Nein, es ist Diwali! Das Lichterfest der Hindus. Diese Feierlichkeit kann gut und gerne, aufgrund seiner spirituellen und sozialen Bedeutung, mit dem westlichen Weihnachten vergleichen.

Einst soll der Gott Rama, der vierzehn Jahre im Exil gelebt hatte, zusammen mit seiner Frau und seinem Bruder, zurück in seine alte Heimat gekommen sein. Es war mitten in der Nacht und dunkel und so entzündeten die Menschen Öllampen, um den Gott den Weg zu weisen.

So glauben die Nordinder. In Südindien gibt es eine andere Geschichte.

Hier soll der Gott Krishna den Dämonen Naraka besiegt haben, der mehr als 16.000 Frauen gefangen hielt. Die Kernaussage dieses Festes ist deswegen der Sieg des Guten über das Böse, der Wahrheit über die Lüge und des Lichts über den Schatten.

Existenziell bei diesem Fest, sind die Lichter. Ursprünglich zündete man nur kleine Öl-Lampen an, die man vor das Haus stellte. Angeblich würden diese Lichter den Geistern der Toten den Weg in das Land der Seligkeit zeigen, als Symbol für die Überwindung des Todes. Heutzutage entzündet man nebenbei ein riesiges Feuerwerk.

 

Wir sind zwar nicht hinduistisch, wollen uns dieses Fest aber auf keinen Fall entgehen lassen und da wir seit Neusten zwei neue Haushälterinnen haben, die total Diwali-begeistert sind (Raji, unsere lustige kleine Köchin hat sich dazu entschieden zu heiraten und kommt deswegen nicht mehr zurück), beginnen wir einen Tag vor den Festlichkeiten mit den Vorbereitungen. Dafür werden mit speziellen Farben besondere Symbole, wie das Swastika auf den Boden gemalt.

DSC_1149

DSC_1146

DSC_1160

Wir dürfen dabei auch dabei sein und entzünden bereits jetzt einige Raketen, da Skrollan heute Geburtstag hat und sie morgen, zusammen mit Toni nach Dallapalli aufbricht.

Am Tag darauf kauft Merlin einen beachtlichen Vorrat an Feuerwerk, gemeinsam mit den beiden indischen Mädels, die weder Englisch noch Telugu sprechen, entzünden wir die kleinen Lichter vor dem Haus und lassen es krachen.

Hierbei sei zu erwähnen, dass indisches Feuerwerkszeug, nicht mit dem aus Deutschland zu vergleichen ist. Zuhause sind Polen-Böller schon hartes Zeug, doch das ist nichts gegen indische Schwarzpulverkunst. Nie habe ich so laute und so stark explodierende Böller gesehen, wie heute. Sie sind beinahe schon zu vergleichen mit Granaten, oder Bomben, sodass wir uns die ganze Nacht vorkommen, wie in einem riesigen rauchenden Kriegsgebiet.

 

DSC_1312

Um ehrlich zu sein, ist uns da der altertümliche Brauch, lediglich Öllampen zu entzünden, weitaus lieber.

In dem Sinne: „Happy Diwali!“

 

DSC_1238

 

 

Müll ist nur eine Frage der Perspektive

Zum Schluss möchte ich kurz nochmal was feststellen:

Oft habe ich über ihn geschimpft und oft habe ich mich über die Menschen beklagt, die so dreist sein können ihre Natur zu zerstören, durch Abwerfen ihres Abfalls, doch nie habe ich wirklich hinterfragt was Gründe dafür sein können.

DSC_1140

In erster Linie, fehlt natürlich ein System. Indien hat keine Recyclinganlagen für Plastik, oder andere Stoffe. Dadurch, dass man keine Stoffe extra in einem anderen Müll schmeißen muss, gibt es keine Mülltrennung, alles kommt in einen Eimer, der bald irgendwo entsorgt wird. Dadurch, dass nichts recycelt wird und alles irgendwo in der Pampa liegt, muss mehr produziert werden. Dadurch kommen noch mehr schädliche Stoffe in die Umwelt. Es ist ein riesiger Kreislauf, der erst dann durchbrochen werden kann, wenn die Regierung Geld in die Hand nimmt und damit anfängt Recyclinganlagen zu bauen.

Auch, so muss ich mittlerweile leider feststellen, habe ich, als Deutscher, in dem Sinne dazu beigetragen, dass es erst so schlimm ist. Ich, wie alle anderen Menschen in den Industriestaaten vermitteln doch erst den Wert von Dingen, die in erster Linie Müll sind. Eine Riesige Marke in Indien, die nahezu fast alle Getränke besitzt und privatisiert hat, ist „CocaCola.“ Der Westen bietet es billig an und produziert es dazu noch da, wo es am billigsten ist. In Schwellenländern, wie Indien.

Der einzelne Inder kann nichts dafür, wenn ihm das nötige Wissen einfach fehlt und zudem ist es einem wahrscheinlich auch egal, wenn man geradezu am Existenzminimum lebt. Dann hat man wesentlich dringendere Dinge zu tun, als sich um die Mülltrennung zu scheren. Müll ist eine Frage der Perspektive. In ärmeren Gebieten Hyderabads ist es weitaus dreckiger, als in den reicheren. Oft sind wir schon an einigen Militärstandorten vorbeigefahren und das Militär hat in Indien einen ganz hohen Stellenwert. Mit über 1,3 Millionen aktiven Soldaten hat Indien die drittgrößte Streitmacht der Welt. Im Vergleich: Deutschland hat nur knapp 170.000 Bundeswehrsoldaten.

Die indischen Kasernen sind mit denen aus Deutschland kaum zu vergleichen. Überall ist es grün, hübsche, bunte Blumenbeete sind überall angelegt, riesige alte Bäume stehen an den sauberen Straßen und die Kasernen sind stets frisch gestrichen. Hier findet man keinen Abfall, ebenso wenig wie in den Reichenvierteln Hyderabads, beispielsweise in „Jubilee Hills“, dort wo das HyLife, der Club, in dem wir bereits zwei Mal waren, steht. Hier sind die Leute gebildeter, es mangelt ihnen an relativ wenig, sodass sie sich Gedanken über den Müll machen können.

Klar, es ist oft, besonders in den ländlichen Gebieten, sehr dreckig und man kann sich nicht genügend darüber aufregen, aber dennoch sollte einem klar sein, dass die einzelnen ärmeren Leute nicht viel dafürkönnen.

Drum sollte man wirklich damit anfangen, statt nur Fotos zu machen, den ärmeren Menschen zu zeigen, was man anders machen könnte. In einem großaufgelegten Projekt, könnte man allen Müll, den man in näherer Umgebung findet, auf einem Haufen zusammentragen, um einen möglichen Aufschrei der Bevölkerung zu verursachen.

Oder man fängt damit an in Katiki Englischunterricht zu geben, um schon den Kindern etwas an Wissen zu vermitteln. Das hätte auch zweierlei Effekt. Wir müssten mehr Telugu sprechen, was wir in letzter Zeit sehr verpasst haben. Statt sich immer nur auf Englisch zu berufen, könnten wir wenigstens die Grundlagen für Telugu lernen..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wasteland 2.0

Tag 3-4

Ich war noch nie so froh darüber ein so kleines abgeschiedenes Dorf zu erreichen. Nach Ewigkeiten des bergab Laufens über geheime Schleichpfade durch den indischen Dschungel, erscheint plötzlich Rauch über den Baumkronen und bald, nehme ich, verschwitzt und müde wie ich bin, Kinderlachen wahr. Dann sehe ich rote Dachziegel, grinse wie verrückt, laufe schneller und kann mein Glück kaum fassen, als sich mir ein kleines, vom Nebel eingehülltes Ureinwohnerdorf offenbart. Katiki. Es kommt mir vor wie das Paradies, nach den letzten Strapazen unserer Reise. Nach diesen ganzen überlaufenden touristischen Plätzen, wie Matyagundam, tut diese idyllische Ruhe dieses kleinen Dorfes, dass nicht einmal bei Google Maps eingezeichnet ist, unheimlich gut! Ich lasse meinen Rucksack entnervt fallen und setze mich auf die Schwelle eines kleinen Hauses. Die Leute hier waren bereits vorbereitet, dass wir kommen und lassen uns unsere Sachen in genau diesem Haus abstellen. Ich blicke mich um.

DSC_0979

DSC_0938

Wir sind in einem Tal, eingeschlossen von Bergen, bunte, gut riechende Blumen wachsen, zusammen mit einigem Maispflanzen hier, zwei Dorfhunde, laufen durch die traditionell gekleideten Frauen hindurch, die ihrem Tagwerk nachgehen, vereinzelte Hühner glucksen durch die Gegend und Kinder rennen spielend umher, halten an, als sie uns sehen und sind völlig eingeschüchtert, als wir ihnen zuwinken. Wer soll es ihnen verübeln, Weiße waren hier bestimmt noch nie, so unausgeschildert und weit entfernt dieses kleine Örtchen doch vom Rest der Welt ist. Dieses Unangetastete und Unschuldige lässt Katiki auf uns wie ein kleines Paradies wirken, dass der Zeit einfach entronnen zu sein scheint.

DSC_0987

DSC_0983

Wir machen eine Pause und erkunden, das kleine Örtchen, dass vielleicht gerade einmal 15 Häuser zählt. Trotz alledem hat auch dieses Dorf eine Schule. Oft sind wir in Dallapalli, oder Poolabanda an Schulen vorbeigekommen, haben sie aber nie näher betrachtet. Diese hier ist leer, beinahe verwahrlost. Wir treten in den einzigen Raum des Gebäudes, keine Tische, keine Stühle sind hier, nur eine kleine Tafel an der Wand. An den anderen Wänden finden wir das kleine 1×1, einfache Wörter auf Telugu, Englisch und vielleicht auch Hindi, die Präsidenten Indiens seit 1700 und einfache Geometrieformen. Wir wundern uns, warum niemand hier ist und das Gebäude so kaputt zu sein scheint. Die Antwort würden wir Stunden später bekommen. Es kommt kein Lehrer nach Katiki. Er würde zwar sehr viel Geld dafür bekommen, aber der Weg ist ihm zu weit. Die Kinder versuchen sich selbst etwas beizubringen, aber das können sie sich eigentlich auch sparen. Hier erlangen sie keine Bildung.

DSC_1001

Schmerzlichst kommt uns daraufhin der Gedanke, dass die Kinder hier, wohl niemals von hier fortkönnen. Wahrscheinlich werden sie nie etwas Anderes sehen, als Katiki und das umliegende Weideland. Wer raus will, braucht 1. Geld und 2. Bildung. Haben sie etwas davon? Nein. Jetzt wäre zwar die Frage, ob sie das überhaupt wollen. Fortziehen. Warum auch? Sie haben hier das was sie brauchen, Arbeit und Essen.  Eine andere Frage jedoch ist, ob sie damit zufrieden sind, wenn Tag für Tag der Fernseher, der als großes Heiligtum in ihren Häusern steht und ab und zu, wenn es keinen Stromausfall gibt, ihnen eine andere strahlende Welt aus Bollywood zeigt…

 

Wir setzen uns auf die Stufen des bröckelnden Baus und können nicht anders, als über Chancengleichheit zu reden. Aber ist es nicht überall so? Ist es nicht auch in Deutschland der Fall, dass man in die richtige Familie, in das richtige Umfeld hineingeboren werden muss, um sowohl Geld, als auch Bildung zu erlangen? Wäre ich hier, in diesem abgeschiedenen Ureinwohnerdorf, wenn ich nicht elterliche Unterstützung durch Bildung und auch Geld bekommen hätte, um mir dieses Leben, dass ich momentan führe, zu ermöglichen? Was wäre, wenn ich nicht aus der deutschen Mittelschicht, sondern aus der Unterschicht kommen würde?

Das indische Kastensystem erschwert es natürlich allen ärmeren Menschen aufzusteigen, was in Deutschland möglicherweise noch funktionieren könnte.

 

Wir schlendern zurück zum Haus unserer Sachen, so langsam wird es dunkel und nun stellt sich uns die Frage, wo wir denn übernachten sollen? Der Plan der Jungs ist irgendwie nicht so ganz durchdacht, denn sie wissen es auch nicht. Es ist dunkel, es wird kalt und immer, wenn wir die Jungs fragen, ob sie denn jetzt etwas gefunden hätten, verstehen sie unsere Dringlichkeit nicht, endlich einen Platz zu finden wo wir einkehren können. Sie lächeln nur.

 

„First, Dinner! Than sleeping.“

Das Problem ist jedoch, dass ein Abendessen gar nicht erst gemacht werden kann, da kein Strom da ist und die Frauen, ohne Licht nicht über dem Feuer kochen können. Dringlichkeit sehen die Beiden bei einem Meeting mit zwei Dorfältesten, wo sie in Telugu irgendetwas bereden. Wir verstehen nichts, wollen einfach nur Gewissheit. Wir haben nicht vor nochmals durch die Gegend zu rennen, um nach Stunden einen Schlafplatz gefunden zu haben. Wir sind mächtig angefressen, keiner versteht uns, Englisch spricht hier niemand, außer Sathi und Bonji, aber das auch sehr sehr dürftig.

Dann geht plötzlich der Strom wieder an und damit läuft´s wieder. Wenig später wird uns leckeres Chapati gereicht und mit diesem kommt ein Mann in den Raum. Er spricht perfektes Englisch, nie waren wir so froh darüber mit jemanden reden zu können! Er ist aus der NGO von Bhanus Mann, stammt aus Bangalore, hat studiert und arbeitet ebenfalls in der Umgebung von Katiki.

Auf die Frage hin, ob er herausfinden könne, wo wir schlafen können, antwortet er:

„Hier! Die Menschen von Katiki können euch nicht viel geben, sie verstehen euch nicht, ihr versteht sie nicht, aber alle gehören hier zu einer großen Community, die alles teilt was sie hat. Sie können zwei Dinge mit euch teilen. Das Essen und einen Schlafplatz. Sie wollen, dass ihr in ihrem Bett schlaft, das würden sie als große Ehre betrachten.“

DSC_1007

Zudem will Bashka, unser Freund, uns morgen mit unseren Fragen, die wir in Borra stellen sollen, helfen. Deswegen hatten wir ja die größten Bedenken, als Bhanu uns mit einen großen Haufen Fragen entließ und wir uns sicher waren niemanden zu finden, der uns weiterhelfen würde. Jetzt haben wir ein deutliches Ass im Ärmel, alles scheint wieder auf unserer Seite zu sein, nach diesem anstrengenden Tag, der uns wie mindestens drei vorkam. Glücklich über diese glückliche Fügung schlafen wir in einem Haus voller Schüssel und Tassen, die bis zur Decke gestapelt sind, ein und freuen uns darüber, den Tag endlich hinter uns zu lassen…

 

Es ist neun Uhr! Merlin und Leo sind schon viertausend Schritte gelaufen! Um halb elf sind es schon 10.000 Schritte und insgesamt acht Kilometer! Und das mit Flip-Flops, jo!Wie kommt es zu diesem spektakulären Laufrekord in der Frühe? Nun, ja. So:

Pünktlich zum Sonnenaufgang wachen wir auf, putzen uns die Zähne währenddessen das Leben im Dorf beginnt. Wir nehmen dankbar einen sehr leckeren Chai, von den Katiki-Frauen an und uns wird wieder einmal bewusst, was für ein Privileg wir haben hier sein zu dürfen. Wir sind uns sicher, dass wir diese Geschichte noch unseren Enkeln erzählen werden:

„Ja, damals, meine Kinder, habe ich in Indien im Haus von ein paar Ureinwohnern geschlafen! Das waren noch Zeiten!“

DSC_0439

DSC_0994

Wir beobachten drei Kinder, die um eine kleine Öffnung eines eingestürzten Hauses herumstehen, wir gesellen uns zu ihnen, um zu wissen, worauf sie da schauen. Eine Hündin liegt da. Mit sieben kleinen Welpen. Heute Nacht sollen sie geboren sein. Die Kinder stehen da und stauen, ja sind sogar neugierig. Irgendwie ist das ein schönes Bild, besonders, wenn man bedenkt, dass Hunde auch hier einen sehr geringen Status haben. Drum es ist überaus schön zu wissen, finden wir, dass man sich doch auf gewisse Weiße um sie kümmert. Das zeugt von sehr großer Liebe, sind wir uns sicher.

DSC_1014

 

 

Dann beginnt unser Trip dorthin, weshalb wir überhaupt hierhergekommen sind. Die Katiki-Wasserfälle. Jeden Tag kommen mehr als 150 Touristen über die wirklich gefährliche Straße von Borra herauf, um die wunderschönen Katiki-Wasserfälle zu sehen. Einige der Ureinwohner hatten vor langer Zeit schon einen Kontrollpunkt auf dem Weg zu den Wasserfällen errichtet, wo sie Geld sammelten, um viele davor abzuschrecken zu den Wasserfällen zu kommen. Doch das hielt die meisten nicht auf, sodass am Wasser Stände errichtet wurden, die Getränke und Essen verkauften. So wurden die Wasserfälle zu einem touristischen Anlegepunkt. Bis jetzt klingt es wie ein gutes Geschäft für die Bewohner, aber es ist nicht! Der meiste Gewinn geht an Fremde.

DSC_1069

 

Und was folgt schlussfolgernd auf touristische Plätze? Müll…

Eine Sache, die niemand am Wasserfall interessiert, ist die Abfallwirtschaft. Auf dem Weg zum Wasserfall ist überall Müll. Die kleinen Läden verkaufen abgepacktes Essen, der Kunde kauft es und wirft das Plastik direkt neben den Laden. Niemanden stört es.

DSC_1044

DSC_1025

Die anderen touristischen Orte waren hiergegen nur larifari. Das hier tut weh. Müll liegt auf dem Weg, in den Büschen, neben den Läden, IM WASSER! Der Weg, hoch zu den Wasserfällen ist beschwerlich, viele hohe Stufen trennen uns von unserem Ziel, das Wasser auf der Haut zu spüren. Dieser Ort, ist im Gegensatz zu den anderen wirklich schön, aber dennoch komme ich, für meinen Teil, nicht dazu es zu genießen hier zu sein…

DSC_1072

DSC_1046

Je höher wir kommen, desto verdreckter ist es. Keine Worte beschreiben das, was ich momentan fühle, wenn ich einerseits das schöne Dorf dort unten sehe und dann auf, im Gras liegende, zertrümmerte Glasflaschen schaue… Ich fühle gar nichts. Das soll sich nach einigen Stunden ändern. Ich fotografiere was ich kann und bin froh, als wir den Rückweg antreten.

In Katiki packen wir unser Zeugs zusammen, bedanken uns herzlich bei den Menschen, werfen einen letzten Blick zurück kehren dem Dorf den Rücken. Ob wir es je wiedersehen werden? Es war schließlich nur eine Übergangsstation, zu unserem eigentlichen Ziel. Borra. Es ist um einiges wahrscheinlicher, dass wir nach Dallapalli und Poolaband zurückkehren werden. Dieses Dorf aber, könnte sich jetzt für uns für immer verschließen. Schade, dass wir es mit einem miesen Beigeschmack verlassen..

DSC_1005

Wir nehmen einen anderen Weg, als auf der Hinreise und befinden uns wenig später auf einer richtigen Sandstraße. Auch hier kommt erneut kein Fahrzeug, weshalb wir ganze zwei Stunden, zusammen mit Bashka, zu Fuß laufen. Ich glaube, es muss kaum mehr erwähnt werden wie anstrengend das, mit seinem halben Heim auf den Schultern bei 35 Grad im Schatten ist. Nach 10 Kilometern holt uns dann doch ein Truck ab und bringt uns zu dem Ort, auf dem Tage später noch unser Hauptaugenmerk, in Form von mehreren schriftlichen Reports liegen wird.

In Borra gibt es nämlich riesige Tropfsteinhöhlen…

Die „Borra-Höhlen“ erstrecken sich bis zu einer Tiefe von 80 Metern und gelten als die tiefsten Höhlen Indiens. Es gibt eine Vielzahl von unregelmäßig geformten Stalaktiten und Stalagmiten, die natürlich gebildet und vermutlich über 150 Millionen Jahre alt sind. Seit November 1992 sind sie eine Touristenattraktion.

DSC_1111

DSC_1098

Touristen können hier Fledermäuse und goldene Geckos betrachten und die Innenräume sind mit dreiundsechzig Lampen aus Quecksilber, Natriumdampf und Halogenlampen ausgestattet. Ansonsten wären die Höhlen völlig dunkel und niemand konnte etwas sehen. Zudem wurde ein Soundsystem eingeführt, um Geschichte der Höhle in Englisch, Telugu und Hindi zu erklären, um Besucher anzuziehen.

DSC_1088

All dies zieht selbstverständlich zahlreiche Touristen an. Im laufenden Geschäftsjahr (bis Januar 2017) betrug der Gewinn, der allein aus Borra Caves auf dem Ticketverkauf entstand, 4,23 Mrd. Rupien.

Mit einem Blick ins Internet wird man eigentlich nur überwiegend positive Stimmen über diesen Ort finden.

„Es ist wunderbar!“, „Ein absolutes Muss in Indien“, sagen die Leute. Aber nicht alles ist in Ordnung. Nichts ist in Ordnung. Und nein, dieses Mal liegt es teilweise nicht nur am Müll, in den Höhlen gibt es sogar Mülleimer, alles ist sauber.

Ein riesiges Problem gilt den Fledermäusen. Sie leben hoch in den Höhlen und unter normalen Bedingungen ist dieser Ort ihr natürlicher Lebensraum. Aber jetzt sind die Menschen in der Stadt und diese machen es ihnen nicht leicht, dort zu leben. Die Lichtershows der Höhle gehen den ganzen Tag über und auch in der Nacht brennt Licht, um so viele Besucher wie möglich in die Höhle zu bringen.

Wenn die Höhlen in Europa wären, wären sie bereits vor langer Zeit geschlossen worden, um die Tiere zu schützen, aber in Borra ist es egal. Die Lichter brennen Tag und Nacht, die Touristen schreien durch die Gegend, um ein möglichst gutes Echo zu bekommen, viele sind betrunken und scheren sich dabei einen Dreck um die Umwelt. Einige Fledermausarten können unter günstigen Umständen ein Alter von 20 bis 30 Jahren erreichen. In Borra kann man jedoch davon ausgehen, dass die Lebenserwartung der Fledermäuse deutlich geringer ist.

Uns hält es nicht lange in den Höhlen, ja wir flüchten sogar durch einen riesigen Touristenpulk hinaus in die Freiheit.

Kurz darauf haben wir ein Meeting, mit Bashka und einigen anderen Aktivisten, die unsere Fragen rund um Borra beantworten können. Die meisten beziehen sich auf die Ureinwohner, die hier als Guides für die Touristen arbeiten und so gesehen ziemlich arm dran sind.

Es geht um die Anzahl der Hotels, Shops und Restaurants in der Nähe, wer diese betreibt und wer dort arbeitet. Meist ist der Besitzer ein Fremder, die Arbeiter jedoch Ureinwohner, die kaum Vergünstigungen für das bekommen, was sie tun. Wir setzen uns in ein Restaurant, das Essen ist recht lecker, doch der Beigeschmack der haften bleibt, als wir aus dem Gebäude treten, zur Seite schauen und eine Kuh auf einer riesigen Fläche voller Müll grasen sehen, ist bitter.

DSC_1138

Gibt es in den Höhlen kein Abfall, so ist dafür außerhalb dieser reichlich gesorgt.

Und dann finden wir Schilder, die die Verschmutzung verteufeln und meinen, dass es ganz ganz schlimm sei Müll auf den Boden zu werfen. Oh weh!

DSC_1142

Welch Doppelmoral, wenn genau neben diesen Schildern sich der Abfall türmt und es allen mal wieder scheiß egal ist! Haben denn die Menschen hier überhaupt gar keinen Sinn für Schönheit, für Ästhetik?!

Genau, wie damals in Dallapalli bin ich sauer über das was ich da sehe und finde einfach keine Erklärung dafür warum die Leute das einfach ignorieren.

Auch, weiß ich mittlerweile echt nicht mehr, ob es wirklich was bringt, diesen ganzen Müll zu fotografieren. Klar, vielleicht schicken unsere Organisatoren, das tatsächlich irgendwie der Regierung zu, aber inwieweit wird die das beherzigen? Bhanu arbeitet seit beinahe zwanzig Jahren hart für ihre Ziele und hat bisher kaum etwas verändert. Was kann ich erreichen? Wie kann man diese Leute dazu bewegen damit aufzuhören? Im Endeffekt bin ich nur ein Tropfen auf heißem Stein. Indien wird das Indien bleiben, wenn ich zurückkehre, darin besteht kein Zweifel.

Klar, man hat sich schon oft Gedanken drüber gemacht was einem für Möglichkeiten offenstehen, ich wurde in einem Kommentar auf meinem Blog gefragt, ob es nicht andere Möglichkeiten gäbe, als die Leute dafür zu bestrafen, dass sie ihren Müll überall ablagern. Damals viel uns nichts ein, doch vielleicht haben wir etwas gefunden…

Überall auf der Welt gibt es Touristenhotspots und manche davon sind dementsprechend super organisiert. Was wäre, wenn wir die verschiedenen Organisationen anschreiben, nach Tipps fragen, wie sie die Sache mit dem Müll handhaben, sie als Vorbilder nutzen und Workshops genau zu diesem Thema anbieten? Wäre damit ein Anfang geschaffen? Möglicherweise. Wir, werden es vielleicht in diesem Jahr, das uns bleibt, nicht mehr erleben, aber wenn unsere nächsten Freiwilligengenerationen hart daran arbeiten, können wir zusammen erreichen, dass sich möglicherweise etwas ändert.

Fakt ist, dass es so nicht weitergehen kann, es darf einfach nicht so weitergehen. Besonders nicht in der Nähe von Plätzen, die einem lieb und teuer geworden sind. Katiki und Dallapalli als Beispiel…

 

 

Du hast es nicht leicht, aber das hast du dir auch verdient. :D – Rough trip never ends

Tag 3

 

In ihren riesigen Netzen lauern sie. Lauern auf Beute, wie kleine Schweine und süße Babyhunde. Spinnen. Größer als normal und fähig ihre Hauer in den Beinen unschuldiger Freiwilliger zu versenken…

DSC_0800

DSC_0801

Nein, natürlich alles Quatsch. Klar, die Spinnen sind riesig, eine Handlänge groß und sehen schon irgendwie gefährlich aus, wie sie da so in ihren Netzen hängen. Die Netze, so fein gesponnen und beinahe meterlang, erinnern mich auch irgendwie an das Spinnengeflecht im Düsterwald im tiefsten Mittelerde, aber die Jungs versichern uns, dass diese Spinnen keinem etwas zu leide tun. So ganz überzeugt davon bin ich nicht und schrecke mehrfach zurück, als sich die achtbeinigen Viecher ruckartig bewegen.

 

Schnell gehen wir weiter. Schließlich wollen wir irgendwann die Hauptstraße erreichen, um schnellstmöglichst mit einem rollenden Gefährt zu unserem Ziel, das Dorf Katiki, zu kommen. Doch der Weg dahin, soll noch um einiges beschwerlicher und seltsamer werden, als anfangs noch vermutet.
Die letzte Nacht unter Flutlichteinfluss und das frühzeitige Aufstehen zur Sonnenaufgangszeit in Dallapalli machen uns träge und müde, aber dennoch wollen wir ruckzuck von Matyagundam, mit seinem Müll, verschwinden.
Knapp eine halbe Stunde laufen wir bergab, gern auch bergauf und beginnen nach einiger Zeit zu schnaufen uns zu schwitzen. Ein 15 Kilo Backback-Rucksack ist manchmal doch etwas hart zu tragen. Besonders bei 32 Grad im Schatten.

DSC_0805

DSC_0873

 

Mittlerweile zweifle ich in Tat an meiner heimlichen Idee, die ich im Vorbereitungsseminar bekam. Damals hielt ich es für aufregend nach dem Jahr nach Deutschland zurückzutrampen! Einige Freiwillige wären schnell gefunden, die das auch machen würden, aber voll beladen mit all seinen sieben Sachen, mit seinem ganzen Krams, der sich für ein Jahr so angesammelt hat, 6000 Kilometer zurück zu marschieren? Hm, die Idee scheint noch mir nicht ganz ausgereift. 😀
Wir kommen an kleinen Dörfern, mit vielen lachenden Kindern vorbei, die sich kurzerhand total beömmeln, als ich ihnen zuwinke.

DSC_0894
Dann erreichen wir endlich etwas ähnliches, wie eine Bushaltestelle, wo tatsächlich bald ein Bus kommt. Ich lasse mich auf einen Sitz fallen und werde auf der Stelle von einem neugierigen Inder im perfektem Englisch angesprochen. Ich vertiefe mich in ein Gespräch mit ihm. Er kommt aus Bangalore und spricht unglaubliche sieben Sprachen. Telugu, Kannada, Hindi, Tamil, Englisch und noch andere und das ohne sich zwischen den Sprachen zu verzetteln! Wow, diese Inder haben es echt drauf, mit Sprachen lernen.

Apropos! Generell sollen die Menschen hier schnell lernen. Ich erinnere mich an ein Gespräch mit Bhanu am Abendbrotstisch zurück, als wir über die verschiedenen Bildungssysteme redeten. In Indien wird unglaublich viel Theorie beigebracht, alles muss perfekt auswendig gelernt werden, sodass der Inder wahnsinnig viel an Wissen in seinem Kopf hat. Problem: Durch die fehlende Praxis, kann er das Gelernte fast nie wirklich anwenden.
Ausgenommen davon scheinen aber Sprachen zu sein, wo wirklich viele, denen ich bereits begegnet bin, mindestens dreisprachig sind.

Schlagartig, ich hätte mich wirklich gerne weiter unterhalten, steigen wir aus, erneut weiß ich nicht wo wir sind, was wir hier machen sollen und wann wir wieder gehen. Mehrfach frage ich die Jungs, doch irgendwie wirken sie so, als wollten sie mich nicht verstehen. Überall Menschen! Autos Hupen, Ladenhändler brüllen, totales Chaos! Nach zwei Tagen der Ruhe ist das echt überfordernd!
Wieder irgendein touristischer Platz, etwa? Und da! Ladyboys! Sie kommen direkt auf uns zumarschiert, eine/ einer bedrängt Merlin, will das er ihn…sie… umarmt. Merlin, leicht angewidert, versucht ihr/ihm auszuweichen, doch er/sie will sich nicht abbringen lassen und ruft Merlin, als er es doch schafft, ein hoch gekreischtes „I love youuuuuu!“ hinterher. Ich bin ihnen wahrscheinlich nicht ganz geheuer, mit meinem riesigen Backpack auf den Rücken, drum lassen sie mich in Ruhe. Find ich, ehrlich gesagt, ganz gut.
Die ganzen Leute schauen uns komisch an und lächeln schüchtern. Einen Deutschen, der von einem indischen Ladyboy angeflirtet wird, haben sie wohl noch nicht so oft gesehen.

Dann sehen wir den Grund weshalb wir hier sind. Erneut fließt, einige Treppen unter uns, ein kleiner Wasserfall vor sich hin, der in einer kleinen Quelle mündet, wo hunderte Inder ihre Füße reinhalten. Also die Inder scheinen Wasser, das nicht verdreckt ist, unendlich zu lieben, so scheint es mir. Blöd nur, dass sie aus jedem bisschen Klarheit gleich eine Attraktion machen. Und was darf dabei natürlich nicht fehlen? Genau! Der Müll. Deswegen sind wir hierhergekommen. Um ihn zu fotografieren.

DSC_0913

DSC_0903

Ich versuche mein Bestes, während wir von einigen Bettlern nach Geld gefragt werden, die nächsten Ladyboys verführerisch in unsere Richtung schauen und der Lärm der Touristen mein Trommelfell reizt. Warum habe ich in letzter Zeit keinen schönen touristischen Ort gefunden, der sowohl davor, als auch nach dem Touristenansturm schön war? Ich will hier weg und zwar sofort.

DSC_0910

 

Nach einigem Warten kommt der nächste Bus, wir steigen ein und stecken mal wieder in einem großen Schlamassel. Der Bus ist voll, ich remple mal wieder alle Insassen mit meinem Freund den Rucksack an und komme zu dem Entschluss, dass allem geholfen ist, wenn ich mich direkt an die offene Eingangstür setze und die Füße aus dem Bus hängen lasse. Somit muss ich jedes Mal schwerfällig aufstehen, wenn jemand rausmöchte, es sei denn dieser jemand will über mich drübersteigen, aber diese Wahl ist doch erheblich besser, als durch die vielen Serpentinen hin und her geworfen zu werden. Der Bus hupt und rast um sein Leben, wir werden bis auf die Knochen durchgeschüttelt, ständig wechselt sich die Umgebung zwischen Natur und Hexenkesseldorf ab, das bedeutet, dass man eigentlich nie zur Ruhe kommt. Man beginnt sich zu entspannen, sieht man nur noch grün und gigantische Bergriesen vor sich, wird aber sofort aus seiner Gelöstheit gerissen, als es beginnt von allen Seiten wie wild zu kreischen, Kokosnuss, Granatapfel und Bananenhändler lautstark ihre Waren preisbieten, der Verkehr das ein oder andere Mal zum Erliegen kommt, was ein Hupkonzert mit sich trägt und Kühe protestierend muhend im gemäßigtem Schritt über die Straßen schlendern.

Jäh, ziehen uns Sathi und Bonji erneut nach draußen, ich frage schon gar nicht mehr, wo wir sind, es macht eh keinen Sinn und lasse mich von beiden durch das Chaos treiben. Ich zücke meine Kamera, bereit den nächsten Müllhaufen zu fotografieren, als wir plötzlich vor einem mit goldenen Lettern verzierten Tor stehen. Ureinwohner Museum? Wie jetzt? Das stand jetzt aber nicht auf unserer ToDo-Liste.

DSC_0918

Wir betreten ein riesiges Areal voller Ureinwohnerstammrelikte und Ureinwohnerpuppen, mitten drin ist ein kleiner See, auf dem gelbe Tretboote durch die Gegend schippern und nirgendwo liegt Müll! Völlig absurd, diese Situation! Ich fühle mich wie im falschen Film. Was machen wir hier? Die Jungs führen uns durch dieses Gebiet, zeigen uns wahnsinnig tolle Alltagsgegenstände und Gebrauchsutensilien ihrer Vorfahren, sind dabei total begeistert, bemerken dabei aber gar nicht, wie verwirrt und müde wir dreinblicken.

„Wow, eine Sense…“

„Wow, Maiskörner… Das haben die früher gegessen? Nein, sag bloß…“

„Wow, eine lebensgetreue Puppe, die eine Ureinwohneroma darstellt. Total fetzig…“

Ja, unsere Begeisterung steht uns wahrlich ins Gesicht geschrieben. Ich sehe eine Gruppe von Omaureinwohnerpuppen in einer Reihe aufgestellt, in der Mitte ist ein Platz frei, wo sie die Leute hinstellen können, um sich gemeinsam mit den alten Gips-Großmütterchen abbilden zu lassen.

Huch! Obacht! Das habe ich schon einmal gesehen, schießt es mir durch den Kopf! Ja, als ich das erste Mal in Dallapalli saß, haben mir die Jungs Bilder auf ihren Handys gezeigt und eins zeigte sie, in genau ebendieser Herde aus versteinerten Omas. Damals fasste ich schnell den Entschluss hoffentlich nie zu diesem Ort kommen zu müssen und tadaa! Hier stehe ich nun. Super!

Wir sind müde, geschafft, verwirrt und brauchen dringend eine Pause. Doch die Jungs spurten weiter, bis wir sie schließlich überzeugen können Mittag zu essen. Auf dem Weg zu einem kleinen Restaurant sieht uns ein kleiner dicker Inderjunge. Völlig begeistert schaut er uns an, sein Mund steht weit offen und ihm widerfährt ein kleines „Ohh!“

Dann entsinnt er sich der Kamera, die sein Vater, einige Meter weiter in der Hosentasche hat, ruft uns zu, dass wir warten sollen, rennt total aufgeregt zu seinem Erzeuger und bettelt darum, mit diesen Weißen dahinten doch ein Selfie zu machen. Dieser stimmt zu und der Junge freut sich, als wäre gerade sein Geburtstag, Weihnachten und Neujahr auf einen Tag gefallen. Selten so große Freude gesehen. Ich glaube, wir sollten echt damit anfangen 100 Rupien für jedes Bild zu nehmen..

 

Wir essen zu Mittag. Es ist gerade einmal 12:00 Uhr, mehr als die Hälfte des Tages liegt noch vor uns, es will kein Ende nehmen und wir, nun ja, sind bereits jetzt völlig platt.

 

Dann geht die Fahrt weiter, wir steigen in eine Riksha, doch sie will nicht losfahren, nein stattdessen lädt sie immer mehr Leute auf. Bald quetschen wir uns ganz dicht nebeneinander, ja ganze 13 Leute, vorne drei, auf den normalen Sitzplätzen sieben und hinten im Kofferraum vier, sitzen nun in dem kleinen Gefährt, es brettert los und wenig später bin ich erneut völlig durchgeschwitzt und ich merke bereits, wie ich anfange zu stinken. Nicht gut, wenn man das schon selber merkt!

Eine halbe Stunde später steigen drei Personen aus und instant kann man sich, den Umständen entsprechend, ausdehnen und das ist schon echt ein tolles Gefühl! Unglaublich, wie man seine Ansprüche zurückschraubt, wenn man außerhalb seiner Konfortzone ist.

DSC_0900

Dann steigen wir erneut, wie aus heiterem Himmel aus, diesmal mitten auf der Landstraße, um uns herum ist Wald und kein Zeichen jedweden Lebens. Und Nu? Dort! Ein kleiner steiler Pfad nach unten, ist aus dem Gebüsch geschlagen worden. Wohin soll der führen? Die Antwort lautet: Katiki. Im Ernst? Dieses Dorf ist nur durch so einen Pfad verbunden? Wie klein kann denn ein Dorf sein, wenn man es nur darüber erreichen kann. Es geht über Stock und Stein abwärts, schaut man zur Seite sieht man nichts als Abhang und den will man definitiv nicht hinunterfallen. Mittlerweile schwant es mir, dass es echt ne bescheuerte Idee war meinen 17 Kilo Rucksack mit auf diese Reise zu nehmen. Und warum zu Hölle habe ich keine Wanderschuhe an?! Es geht durch den dichten Dschungel, es ist heiß, es ist nass, meine neuen, in Hyderabad gekauften, Flip-Flops rutschen gefährlich zur Seite weg und sorgen das ein oder andere Mal dafür, dass ich fast zur Seite hin abstürze. Ja, ihr verwöhnten deutschen Pfadfinder, macht mir das mal nach, ihr mit euren hochwertigen Wanderschuhen und immer ausgezeichneten Wegen!

Nach dreißig Minuten abwärts laufen, zittern meine Beine, ich bin nassgeschwitzt und meine Schultern tun weh. Zu allem Überfluss scheinen wir immer noch weit entfernt von unserem Ziel zu sein, denn immer, wenn wir die Jungs fragen, wann wir denn da sein werden, sagen sie „fünf Minuten“.

Das Problem: Nach weiteren zehn Minuten sind es erneut fünf Minuten. 😀

Wie ich so durch die Landschaft schaue, erinnert mich das Gesamtbild doch sehr an Abbildungen des Vietnamkrieges. Wir könnten ebenso auf dem Ho-Chi-Minh-Pfad unterwegs sein und in einem nervenaufreibenden Guerilla-Krieg gegen die Amerikaner kämpfen, so wie wir hier auf kleinen Schleichpfaden durch die Gegend schlurfen.

Plötzlich sehe ich einen halb aufgegessenen Maiskolben auf dem Boden liegen! Ein ganz klares Indiz, des menschlichen Daseins…

Das Wandern ist des Freiwilligen Lust – Rough trip rises

 

Tag 2-3

Gegen halb sechs wache ich auf! Mir ist verdammt kalt und ich muss dringend mal auf´s Klo. Schon die ganze Nacht kriecht die Kälte von Dallapalli durch meine dünne Decke und meine Klamotten, sodass ich, als ich aufstehe, ganz zittrig bin. Als ich aber aus der Lagerhalle heraustrete erschlägt es mich fast, als ich den rosaroten Sonnenaufgang über den grünen Hügeln sehe.

DSC_0414

Kleine Vögel fliegen darauf zu, werden immer kleiner, bis sie nur noch unklare Umrisse am Horizont sind und verschwinden irgendwann in weichen Rottönen der strahlend aufgehenden Sonne, die sich, wie ein gleißender Teppich, über die Dächer Dallapallis legt. Ein unglaubliches Bild. Am liebsten würde ich diesen Moment einfrieren, wenn ich könnte, um ihn niemals verschwinden zu lassen. Doch das Einzige, was momentan eingefroren ist, sind meine nackten, kalten Füße, also mache ich schweren Herzens Kehrt und grabe mich ganz tief ein, in meine Decke.

Zwei Stunden später kehrt das Leben in meinen auftauenden Körper zurück und so beschließen wir prompt, einer inneren Eingebung folgend, vor dem Essen bereits eine große Wanderung zu unternehmen. Wir kommen an dem Dorf vorbei, wo ich Wochen vorher mit Gayathri in ein Haus eingeladen wurde, um Reis zu essen. Damals, war es dunkel, jetzt strahlt die Sonne auf uns herab, wir bestaunen, die umliegenden Reisfelder und werden von ganz herzlichen Ureinwohnern, mit Zahnbürste im Mund, gegrüßt.

DSC_0442

DSC_0370

Wir grüßen sie, mit einem frischen „Good Morning“, zurück und entschließen uns eine große Runde zu drehen. Vorbei und mitten durch Reisfelder, sehen wir Feldarbeiter, die mit ihren Kühen, ganz altertümlich ihren Acker umgraben. Die würden Augen machen, wenn jetzt ein riesiger Mähdrescher sich durch ihr kleines Feld pflügen würde. Wir folgen einem Kuhhirten auf dem Weg zur Arbeit, sehen dabei zu, wie er seine Kühe genervt davon abbringt überall stehen zu bleiben, um zu weiden und sehen in weiter Ferne Bauern, die mit einer kleinen Minisense Gras säbeln.

DSC_0487

DSC_0446

DSC_0454

Wie stark die Menschen auf dem Feld einfach sind! Tag für Tag unternehmen sie kilometerweite Wanderungen, hacken Holz auf den Hügeln und tragen es den steilen Berg hinunter, laufen damit bis zurück ins Dorf, bestellen den Acker und sensen Gras. Diese Leute brauchen definitiv kein Fitnessstudio. Die meisten sind durchtrainiert, sehen ungeheuer stark aus, selbst die Frauen, die tagtäglich ihre kiloschweren Wassereimer auf dem Kopf tragen, könnten wahrscheinlich mehr stemmen, als wir beide. Alles getreu dem Motto: Mein Fitnessstudio ist Dallapalli! Jeden Abend trifft sich auch die Dorfjugend, um mit einem maroden Fußball Volleyball zu spielen und das so gut, dass sie locker kleinere Amateurvereine in Deutschland in die Tasche stecken würden.

DSC_0731

Mir wird angeboten mal mitzuspielen, doch als ich sehe, wie gut die Farmer spielen, da Volleyball wohl eines ihrer wenigen Hobbies ist, lehne ich dankbar ab. Ich kann zwar spielen, aber lange nicht so gut. Der Dallapalli SC braucht keine Amateure wie mich. 😀
Wir schlagen uns wortwörtlich durch die Reisfelder, nehmen die kleinen Pfade, die die Felder voneinander trennen und latschen das ein oder andere Mal ausversehen in eine, von Wasser bedeckte Reispflanze.

DSC_0474.JPG

DSC_0462

DSC_0500

Wir springen über kleine rauschende Rinnsale und Flüsschen und sind nach sechs Kilometern Laufen fix und fertig, als wir nach zwei Stunden wieder im Dorf ankommen. Jetzt haben wir unser Frühstück redlich verdient. Normalerweise würden wir im weit entfernten Hyderabad noch schlafen, doch hier, wird die Welt noch vor 10 Uhr verändert. Der ganze Tag steht uns noch weit offen! Zudem stelle ich fest, dass man zu zweit viel mehr Ansporn hat etwas zu tun. Damals, als ich alleine hier war, war es doch deutlich schwerer sich zu etwas motivieren zu lassen, da niemand anderes da war, mit dem man eine Wanderung hätte unternehmen können.

 

Nach einem nährstoffreichen Frühstück in Bonjibabus kleiner Bleibe, heißt nun mit den Jungs auf Fotojagd zu gehen. Wir versuchen Tiere, Pfanzen und Müll zu finden, um sie dann zu fotografieren, was ohne Autofokus wahnsinnig anstrengend ist. Entdecken wir beispielsweise einen Gecko, halte ich gespannt die Kamera vor die Augen, atme tief ein, suche die richtige Fokussierung, zittere vor Anspannung, drücke ab und…! Ich atme aus. Das Bild muss einfach scharf gewesen sein! Ich schaue auf´s Display. Nein, das war ein Satz mit X! Nochmal! Ein bisschen genervt scheinen die anderen von meinem ewigen Fokussieren schon zu sein, aber dagegen kann ich jetzt auch nichts machen. Wäre der Postbote mit den neuen Objektiven doch nur früher gekommen. 😀

DSC_0604

Was mich auch weiterhin sehr stört, sind die Wolken. Am Morgen, war es bis zum Horizont klar, doch als wir unseren Rückzug antraten sahen wir schon, wie eine gewaltige Wolkenfront auf uns zu kam und bald alles verschluckte. Damit einher verstummten die Vögel, die Sonne wurde verschluckt und die Sicht begrenzte sich auf maximal 20 Meter.

DSC_0372

Alles wird dadurch grau und Bilder werden nicht so, wie ich sie haben will. Ich mag warme Farben auf Bildern am liebsten, so fotografiere ich unheimlich gerne, wenn die Sonne so richtig schön auf uns hinter scheint, oder sie gerade ihren Zenit erreicht. Doch zu dieser Jahreszeit, spielt mir das Wetter in Dallapalli übel mit. Nur morgens und abends, verschwindet, dieser Nebel des Grauens und man kommt dazu schöne Bilder zu machen.

So macht es mir bald wenig Spaß alles Mögliche zu fotografieren, da ich weiß, dass dieses graue Bild definitiv nicht schön werden kann.

 

Desweilen sehen wir eine sehr rührende Szene. Nach einiger Zeit des Wanderns nimmt ein Inder, der mit Sathibabu befreundet ist, ihn bei der Hand und gemeinsam schlendern sie Händchen haltend durch die Pampa. Das tun indische Männer, um ihre verbundene Freundschaft zu symbolisieren und oft wurde das in allen möglichen Reiseführern über Indien beschrieben, aber nie halben wir es mit eigenen Augen gesehen. Drum finde ich das in diesem Moment einfach wahnsinnig süß, welch inniges Verhältnis die beiden doch haben.

DSC_0678

 

Dann wird es auf einmal spannend. Die Jungs haben sich dafür entschieden jetzt auf Krabbenjagd zu gehen! Wir nähern uns einem plätschernden Strom und Sathibabu, Bonjibabu und die anderen heben schwere Steine an, um Krabben zu finden. Mit tatsächlichem Erfolg. Im tiefen Schlamm der Dallapalli-Gewässer, kommen tatsächlich viele kleine Tierchen mit protestierenden Klappern ihrer Scheren zum Vorschein und da man so viele findet, beschließen die Inder abends eine Krabben-Partie zu feiern.

Diese kleinen Geschöpfe sollen nämlich echt lecker sein. So hopsen wir eine Stunde durchs Wasser, jauchzen ausgelassen, wenn sich eine Krabbe am großen Zeh von Sathibabu festgekrallt hat und sind am Ende mit einer Ausbeute von 10 Krabben recht zufrieden.

Und tatsächlich würden wir sie gegen Abend, nachdem wir sage und schreibe mehr als 18.000 Schritte gemacht haben, verspeisen. Also die anderen! Ich halte mich an mein Vegetarierdasein, dass vor Wochen hier ja schon einmal kräftig gelitten hat.

Die Nacht beginnt und wir müssen einsehen, dass wir morgen bereits die Zelte abbrechen müssen, um in dieses Katiki überzusiedeln. Gerade, wo wir uns hier zurechtgefunden haben. Erneut wird mir bewusst, wie sehr ich Dallapalli mit seinen Einwohnern, die dieses Mal schon deutlich aufgeschlossener sind, als damals, ins Herz geschlossen habe. Wir packen unser Hab und Gut zusammen und fallen auf der Stelle ins Bett. 18.000 Schritte machen einen sehr müde. Doch zum Schlafen kommen wir gar nicht, da Sathibabu, der wieder zusammen mit uns in einem Raum schläft, beschließt das Licht brennen zu lassen. Er vermittelt uns ausdrücklichst es die Nacht über anzulassen. Wirklich verstehen warum das jetzt so gemacht wird, verstehen wir nicht, aber akzeptieren es erst einmal. Mit schweren Folgen. Mitten in der Nacht ist es dermaßen hell im Raum, dass Merlin und Ich kein Auge zudrücken können, wir wälzen uns hin und her, kommen aber nicht zur Ruhe. Dann irgendwann reißt mir der Geduldsfaden, ich stehe entnervt auf und schalte das Licht, in der Hoffnung, das Sathibabu fest schläft, aus. So!

Für zwei weitere Stunden lässt es sich außerordentlich gut schlafen, bis unser guter Freund plötzlich aufwacht und bemerkt, dass es stockduster ist. Das kann er nicht auf sich sitzen lassen, warum auch immer, und schaltet die Flutlichtanlagen des Raums wieder ein. Es brennt in den Augen, wir stöhnen auf, aber uns fehlt einfach die Kraft, die Lichter erneut auszuschalten.

Um halb sechs müssen wir aufstehen, mehr oder weniger total fertig und miesepetrich. Das wird ein harter Tag, beschließen wir im Voraus. In der Tat, werden wir mehr als 13 Stunden auf den Beinen sein, doch davon ahnen wir bisweilen noch nichts.

Erneut sehen wir der Sonne beim Aufsteigen zu, dieses Mal ist sie sogar noch schöner, noch gleißender und strahlender, als gestern und da fast alle Einwohner schon auf den Beinen sind, beschließe ich durchs Dorf zu pilgern, währenddessen wohlriechender Chai, über einem Feuerchen brodelt.

DSC_0760

DSC_0435

DSC_0769

 

Die Menschen grüßen mich freundlich, einige versuchen sogar mit mir zu reden, was leider total in die Hose geht, da ich kein Telugu spreche und sie kein Englisch. Doch nur zu gern, würde ich ihre Geschichten kennen, wer sie sind und was ihr tägliches Handwerk ist.

DSC_0535

DSC_0765

Doch zu spät. Nach dem Chai, steigen wir in eine Riksha und entfernen und immer mehr von Dallapalli und seinen Menschen. Es verschwindet im goldenen Schein der Sonne, doch bereits jetzt, sehen wir, wie der Nebel des Grauens die Landstraße verschluckt. Wir können kaum mehr als fünf Meter weit schauen und trotzdem heizt unser Fahrer über die Straßen, so als sei der Teufel hinter ihm her.

Nach anderthalb Stunden halten wir abrupt. Sackgasse! Wir sollen aussteigen. Was sollen wir hier? Wo sind wir hier? Genau das werden wir uns heute noch öfters fragen.

Wir haben vor einem kleinen Tempel gehalten und tief unten hören wir Wasser rauschen.

„Matsyagundam!“ erklären die Jungs.

„Tourist place! Make pictures!“

 

Ah! Davon hat uns Bhanu erzählt. Dieser Ort, namens Matsyagundam, hat einen kleinen Wasserfall, weshalb dieser Platz sehr begehrt bei Touristen ist, was wir auch sofort daran sehen, wie dreckig dieser Platz ist. Überall liegt Müll. In den Büschen, auf den Straßen, auf der Treppe, die hinunter zum Wasserfall führt, überall. Der Wasserfall selbst, ist eher enttäuschend, ist nicht mehr als kleine rauschende Kaskaden, die in einem riesigen grün-grauen See münden. Doch auch hier, obwohl es erst früh am Morgen ist, finden sich schon einige indische Touristen, die davor Bilder machen. Klar, man kann diesem Ort nicht abschreiben, nicht fotogen zu sein, machen wir doch selbst, auf einer höhergelegenen Aussichtsposition einige schöne Bilder, aber ist es das wert, diesen Ort deswegen so zu verschmutzen? Nein..

DSC_0850

DSC_0820

Wir wollen schnell weiter, doch es kommt kein Fahrzeug, dass uns abholt. Also müssen wir laufen. Die ganze lange Strecke, zurück bis zur Hauptstraße, mit unseren Backpacks.

Und dann sehen wir sie. Riesige große Spinnen….

Rough Trip

Tag 1

„Nun ja, ihr werdet nicht nur nach Dallapalli gehen. Innerhalb von vier Tagen seid ihr auch in Katiki und Borra und ich versichere euch, dass das ein echt harter Trip wird“, meint Bhanu, als wir ihr drei Stunden vor Abfahrt nach Dallapalli bei einem Meeting gegenübersitzen.

„Eure Aufgabe wird es sein ein Profil von Borra anzufertigen und folgende Fragen zu beantworten.“  Es folgt ein riesiger Fragenschwall rund um das Thema wie dieser Ort, namens Borra, aufgebaut ist. Anscheinend ist dieser recht touristisch, da wir unter anderem Fragen bekommen, wie viele Guides es dort gibt, ob sie einheimische Ureinwohner, oder Fremde sind, oder auch wie viel Geld sie verdienen. Wie viele Hotels, Läden und Restaurants gibt es dort und funktioniert das Müllmanagement?!

 

„Erst zwei Tage Dallapalli. Da setzt du deine Arbeit fort, Leo, fotografierst Menschen, Pflanzen, Tiere und alles was dir in die Quere kommt. Dann zieht ihr weiter, nach Katiki, übernachtet dort und kommt dann nach Borra. Fragt die Leute diskret, nicht zu offensichtlich, sonst werden sie wahrscheinlich misstrauisch. Hier kannst du nochmal den Spion mimen, Leo. Das wird ein „rough trip“!

Also eigentlich muss ich ja zugeben, dass ich anderes erwartet habe. Vor zwei Stunden glaubte ich noch für vier Tage in Dallapalli Tiere zu fotografieren, nachdem mir anderthalb Tage zuvor ganz spontan eröffnet wurde die Koffer zu packen und eigentlich erwarte ich heute noch zwei Objektive für meine Kamera. Wegen diesen renne ich schon seit Stunden unruhig durchs Haus, in der Hoffnung, dass sie ankommen, bevor wir in einen Bus Richtung Bahnhof fahren. Mit denen würde es sich deutlich leichter fotografieren.

Als wir beide von Bhanu entlassen werden, sind wir völlig fertig. Wie sollen wir diese Reise schaffen, so ganz allein? Und spricht in diesem Borra überhaupt jemand Englisch, sodass wir ihnen unseren Fragenfragebogen unter die Nase halten können. Kommen wir heile in Dallapalli an? Habe ich noch ungefähr den Weg vom letzten Mal in Kopf? So viele Fragen geistern mir durch den Kopf, währenddessen ich nach wie vor, wie ein Löwe im Käfig hin und her laufe und auf mein blödes Amazonpaket mit den Objektiven warte.

Da! Oh mein Gott! Ein Postbote hält vor unserem Haus mit einem großen Paket. Ich stürze hinunter, verkünde allen das jetzt alles gut sei, renne auf die Straße und würde den Postboten am liebsten knuddeln! Tatsächlich das Paket ist für mich! Aber, huch…

Das ist ja gar nicht von Amazon, nein sondern ein Paket aus der Heimat. Mein Vater schickt mir monatlich Päckchen zu, worüber wir uns alle immer sehr freuen, doch just in diesem Augenblick kommt dieses Geschenk genau in der falschen Zeit an! Das wollte ich doch jetzt gar nicht!

Wir packen das Paket aus, finden leckere Gummibärchen, Pumpernickel, Magnesium, ein Plastikkürbis mit dazugehörigem Kürbisschneidemesser für Halloween, vier Pechkekse für jeden von uns (das Gegenteil von Glückskeksen) und eine ominöse Jugendzeitschrift. Die „BRAVO.“

Wir öffnen unsere Pechkekse und ich bin ganz gerührt von meinem Spruch, da der exakt die Lage widerspiegelt, in der ich mich befinde: „Du hast es nicht leicht, aber das hast du auch verdient!“ Sehe ich genauso!

Dann ist die Zeit gekommen, um „Adieu“ zu sagen, auch wenn meine Objektive nach wie vor nicht eingetrudelt sind. Wir schwingen uns in einen Bus, wenig später sitzen wir im Zug und sind total glücklich darüber das wir ganze zwei Liegen, sogar im Obergeschoss haben. Nach einer Stunde Fahrt erhalte ich von Skrollan die Nachricht, dass mein Amazonpaket angekommen ist. Anderthalb Stunden früher und…! Ach, egal. Um die Worte meiner Mutter zu zitieren: Das Leben hält sich nicht immer an Termine.

Wir schlafen, den Umständen entsprechend, ausgesprochen gut und nehmen uns am Morgen einen Chai von einem der Marktschreier des Zuges.

In Visakhapatnam finden wir auf Anhieb die Busstation, frühstücken in einem kleinen Stationsrestaurant, dass ich bereits kenne und ich finde es durchaus erschreckend, dass ich schon genau weiß, dass einer der beiden Wasserhähne, zum Abwaschen der Hände, am Eingang des Ladens nicht funktioniert. Einmal hier gewesen und schon man kennt seine Pappenheimer. 😀

Nach kurzem Nachfragen finden wir einen Bus nach Dallapalli, brausen los und als wir nach zwei Stunden in die Natur eintauchen, merke ich wie entspannt, wie glücklich ich werde. Alle Hektik der letzten Tage fällt von mir ab und ich frage mich in diesen Momenten, was es alles bedarf, um glücklich zu sein. Ist Natur etwa eine Sache davon?

Neben uns machen sich drei Männer breit. Warum ist das erwähnenswert? Nun ja. Irgendwie sind sie auch Frauen. Sie haben Schminke im Gesicht, tragen Blumen in den langen Haaren und besitzen fast schönere Saris als die richtigen Frauen. Die berühmt berüchtigten indischen „Ladyboys“. Dass sie gerade hier, in einer eher ländlichen Region unterwegs sind, überrascht mich doch etwas. Tage später sollten sich unsere Wege noch einmal kreuzen, dann jedoch in einer durchaus heikleren Situation, als im Bus.

Ich erinnere mich an die Stelle, wo ich mit Gayathri damals ausgestiegen bin, um mit dem Riksha zu fahren, wir verlassen den Bus und da steht er. Der Sathibabu, zusammen mit einer Riksha! Schön den alten Halunken wieder zu sehen, wir begrüßen uns herzlich, steigen ins Vehikel und da die bisherige Fahrt ohne jegliche spannenden Zwischenfälle verflossen ist, ja es nahezu langweilig, die letzten 15 Stunden, MUSS natürlich auf den letzten Metern etwas passieren!

Der Fahrer unseres Taxis hat nämlich keine Ahnung von Gangschaltung und benutzt meist nur einen Gang. Viel verstehe ich davon auch nicht, als ungeübter Nichtfahrer, doch spätestens nach dieser Fahrt, sollte ich mehr Ahnung haben als zuvor. Einen steilen Berg im falschen Gang hochzufahren ist beispielsweise eine sehr schlechte Idee, wie ich nun gelernt habe. Die Riksha knattert so weit es geht den Berg hoch, kämpft sich Millimeter weit voran, doch kommt einfach nicht weiter. Dann hebt die Vorderachse plötzlich vom Boden ab, wir stehen nur noch auf dem Hinterrad, ich glaube schon dran, dass wir allesamt umkippen, halte mich akribisch am Geländer fest, doch dann verstellt der Fahrer den Gang und das kleine Gefährt kommt wieder auf die Räder. So soll es noch ein weiteres Mal passieren und vor jedem weiteren Berg scheint mir die Angst tief ins Gesicht geschrieben zu sein, amüsiert sich Merlin doch köstlich über meine schockierten Gesichtsausdrücke.

Ich beruhige mich erst wieder als ich Dallapalli vor mir sehe, dass uns heute mit wehenden bunten Tüchern auf den Feldern begrüßt.

DSC_0246

Ich alle bekannten Gesichter sind wieder mit von der Partie, auch Padma, das 18-jährige Mädchen aus Poolabanda ist wieder da und freut sich riesig für uns ein leckeres Mittagessen zu kochen. Wir sind darüber auch sehr happy, doch nach einer halben Stunde, scheint das Essen auf Feuer immer noch nicht durch zu sein, sodass Merlin und ich beschließen eine erste Erkundungstour zu unternehmen. Dallapalli, wie es leibt und lebt, zeigt sich heute von der schönsten Seite, Hühner und Kinder rennen fröhlich gackernd durch die Straßen, die roten Dachziegel der kleinen Hobbithäuser leuchten im Schein der warmen Sonne und die Aussicht ist einmal wieder phänomenal.

DSC_0294

DSC_0289

Während wir also durch die Natur schlendern und diese wunderbare Stille genießen, kommen wir an einem Markt vorbei. Heute ist hier niemand, nur einmal in der Woche herrscht hier reges Treiben, zwischen den Bergdörfern und das sieht man auch. Müll liegt zwischen dem grünen Gras und erinnert uns daran, was unsere Mission hier ist. Es tut geradezu im Herzen weh, wenn man vom friedvollen Dorf aus schon wieder Autos am Eingangspass beobachten kann, die definitiv nicht von hier stammen. Touristen….

DSC_0377

DSC_0390

Als wir beide auf einem riesigen Stein sitzen und in weite Ferne schauen, eröffnet mir Merlin einen völlig neuen Blickwinkel auf Dallapalli: Ewig kann man hier nicht bleiben, dazu würde dieser Ort bald zu trostlos werden. Hat er damit recht?

Erst will ich es abstreiten, doch weiß ich es eigentlich besser. Beim letzten Mal gab es bereits einige Momente, die einfach unsäglich langweilig waren, weil einfach nicht passiert ist. Alle gehen hier ihrer normalen Arbeit nach, sind beschäftigt, aber danach? Was bleibt diesen Leuten? Wenig. Da mag das Dorf noch so schön sein, die Natur noch so grün und atemberaubend, irgendwann ist der Zenit erreicht, wo man nicht mehr kann, besonders nicht als weißer Europäer. Davon bin ich momentan noch weit von entfernt, aber ich verstehe Merlins Sicht….Als wir zurückkehren ist das Essen immer noch nicht fertig, weshalb wir beschließen erneut in die andere Richtung zu marschieren. Das Wandern ist des Freiwilligen Lust!

Das soll die nächsten Tage auch exzessiv ausgelebt werden, doch vorerst heißt es Reis essen und schlafen gehen. Alle anderen kommen selbstverständlich wieder mit und so, wie wir da zu siebt liegen, Merlin, Sathibabu, Bonjibabu, Padma, Rajama, Ich und noch irgendein anderer Dörfler, überkommt mich die Müdigkeit und ich schlafe ein, ohne an die nächsten Tage zu denken, die uns einiges an Energie abverlangen werden….

Hampi´s Abschied

Ich glaube, ich habe bisher nicht oft genug erwähnt, dass Reisen in Indien ein echtes Vergnügen ist, oder? Ja wirklich! Ein echtes Spektakel für die gesamte Familie, wenn man so will. War die Hinreise nach Hampi schon chaotisch, so wird die Fahrt zurück nach Hyderabad ein kleiner Albtraum, voll von Eskapaden und hektischen Ereignissen. Davon jedoch ahnen wir am Morgen des Abreisetags noch nichts. Nein, er beginnt ganz gelassen mit einem Kartenspiel auf dem Dach unseres Hostels. Von da an startet nun meine Erzählung, die geradezu niedlich beginnt, aber dann einiges an Fahrt aufnimmt.

Warme Sonnenstrahlen fallen des morgens auf zwei Jungs auf dem Dach eines kleinen Gebäudes herab. Am Morgen gibt es nichts Schöneres, als sich, noch immer etwas schläfrig, zu sonnen und „Shithead“, ein echt gutes Kartenspiel, zu spielen.

DSC_0981

 

Doch je länger die Beiden dort droben ihr Können auf die Probe stellen, desto mehr kommt es ihnen so vor, als beobachte sie jemand. Es raschelt, es knistert, es flüstert. Sie schauen nach rechts, nach links, nach unten….nichts! Doch da! Ein Blick auf die Felswand hinter ihnen enttarnt die Störenfriede! Eine Horde kleiner süßer Affen blickt zu ihnen hinunter und scheint ganz angetan vom Kartenspiel zu sein, ja sie blicken gar gierig auf auf Herzbube und Co herab.

DSC_0202

DSC_0214

DSC_0229

Ob sie wohl auch gerne spielen würden? Leider wird erst wenig später klar, was ihr eigentliches Ziel ist. Die Colaflasche des einen! Unbedacht steht sie da, einen Meter entfernt vom Kartenspielgeschehen. Der Junge, namens Leo, wägt sie in Sicherheit, denkt kaum dran, doch das soll ihm übel zum Verhängnis werden.

Papa-Affe betritt nämlich just in diesem Moment die Szene, schleicht sich mutig an die beiden heran, greift sich die Flasche und flitzt ganz schnell weg, ehe die beiden es bemerken.

„Übler Schuft“, schelten sie ihn, aber das bringt ihn auch nicht mehr zurück. Dort sitzt er, sicher in einer kleinen Höhle, wo die großen Jungs ihn nicht erreichen können und zum Erstaunen der Beiden, nimmt er die Flasche in beide Hände und dreht am Verschluss, so als er schon mehrfach Erfahrung damit hätte.

DSC_0217

Der Deckel fällt rollend zu Boden und nun beginnt das Unglaubliche. Er setzt die Flasche, wie ein Mensch am Mund an und nimmt einen genüsslichen Schluck Cola. Krass! Sachen gibt´s. Bestimmt beherrscht er auch das indische Trinken, gar nicht erst den Flaschenansatz mit dem Mund zu berühren. Zutrauen könnte man ihm das auf jeden Fall! Die Cola bekommt der Junge, namens Leo, auf jeden Fall nicht mehr zurück, da Papa-Affe anscheinend sehr ungern teilt.

DSC_0222

 

Nach diesem einmaligen Erlebnis mache ich mich nun ein letztes Mal auf zu meinen neu gewonnenen Verkäufer-Freunden. Es gilt heute „lebe wohl“ zu sagen und auch Abstriche zu ziehen. Ich muss Babu gestehen, dass ich definitiv keine Flöte bei ihm kaufen werde und das soll den ganzen Tag dauern, da ich ihm ungern direkt ins Gesicht sagen möchte, dass ich sie nicht will. So mache ich ihm am Vormittag Versprechungen bis zum Nachmittag darüber nachzudenken. Er legt mir sogar einer seiner Instrumente beiseite, kein anderer außer mir soll es bekommen. Gegen Nachmittag habe ich jedoch ein wunderbares Ass im Ärmel. Ich musste soeben 3000 Rupien für das Hostel bezahlen, Skrollan hat ihr Geld leider für Klamotten ausgegeben, sodass die Männer dafür zahlen müssen. Insgesamt bleiben mir noch 600 Rupien und die will ich sicherheitshalber für die Zugfahrt behalten, lebt es sich doch einfach besser, mehr Geld auf einer Reise dabei zu haben, als weniger. Das wird uns später noch retten….

Mit 600 Rupien lässt es sich dementsprechend schwer Flöten kaufen, das versteht auch der Babu, der kurz darauf aussieht, wie drei Tage Regenwetter. Ich verspreche ihn jedoch bald wiederzukommen und verabschiede mich von ihm.

Während ich Heim laufe verspreche ich noch Ravi, dem Stoffverkäufer, in einer Stunde bei ihm einen Abschiedschai zu trinken.

 

Im Hostel wir gemächlich zu packen als freuen uns auf eine gemütliche Zufahrt nach Hyderabad, als Skrollan mit dem Handy in der Hand plötzlich aufschreit!

 

„Verdammt! Unsere Tickets wurden nicht confirmed!“

„Und? Was heißt das jetzt?“

„Wir können den Zug nicht benutzen! Jemand anderes hat unsere Plätze!“

 

Völlig ungläubig schauen wir unser Mädchen an. Das geht? Nach wie vor haben wir das System wie hier Züge gebucht werden, nicht verstanden und es erschließt sich mir bis heute nicht, wie man für einen Platz bezahlen, aber dann trotzdem nicht dabei sein kann.

 

„Heißt das, dass wir nicht nach Hause kommen? Fuck! Fuck! Fuck!“ ruft Merlin aus purer Verzweiflung und schreckt dabei einige Vögel auf, die von draußen aus dem Fenster neugierig zu uns hineinschauen.

 

„Wir können nicht noch eine Nacht hierbleiben, dazu fehlt uns das Geld“, meint Skrollan.

„Und was machen wir jetzt?“ frage ich.

„Wir rufen die Sakhi Mädels an! Vielleicht können die aus ihrem Office in Hospet irgendwas erreichen!“

 

Gesagt getan. Als Merlin bei Alisa anruft tigert er wütend und unsicher durch die Gegend, seine Nervosität ist ihm klar anzusehen. Verständlich. Er ist krank und müde, genauso wie Skrollan und beide wollen so schnell wie möglich nach Hause, dort wo uns unsere Reiseapotheke und eine Matratze Sicherheit verschaffen…

Als er auflegt, scheint er etwas erleichtert zu sein, die Mädels versuchen just in diesem Moment nach neuen Möglichkeiten zu suchen und rufen bald nochmal an.

Angespannt, nervös und an Fingernägeln kauend warten wir zittrig auf den Rückruf. Es klingelt, Merlin hebt ab und beginnt kurz darauf zu strahlen.

 

„Jawoll! Um sieben kommt ein Sleeper Bus nach Hyderabad! Wir müssen sofort losfahren, kurz ins Office in Hospet und dann weiter!“

Geschwind packen wir unser Zeug zusammen und in dieser Hektik bemerke ich, dass es bald fünf Uhr schlagen wird. Ravi und sein Chai!

Und halt! Was ist mit den anderen? Mit Pradesh und Vickie! Ich habe mich noch nicht von ihnen verabschiedet!

Doch dazu scheint keine Zeit, eine Riksha ist bereits bestellt, in fünf Minuten ist sie da! Verdammt! Ich renne mit meinem Backpack auf dem Rücken, aus dem Zimmer auf die Verkaufsstraße. Ich muss Ravi finden, damit ich ihm sagen kann, dass wir jetzt losmüssen. Da ist er! Ich schildere ihm hastig mein Problem, er versteht meine missliche Lage und wir verabschieden uns rasch! Lange nicht angemessen, für so einen lieben Menschen, aber da kommt bereits das Vehikel, dass uns nach Hospet bringen wird, bereits beladen mit Skrollan und Merlin.

Ich steige ein und auf geht die wilde Fahrt! Was werden wohl die Leute denken?

„Leo hat sich nicht mal von uns verabschiedet! Das war ich ihm also nicht wert. Pff, diese Weißen!“

Ganz im Gegenteil! Liebend gern würde ich aussteigen und ganz Hampi verabschieden, aber das geht nun nicht mehr. Wir verlassen die Stadt, lassen die Tempelanlagen hinter uns und ich blicke schweren Herzens nach vorn und nicht zurück. Das heißt wohl, dass ich nochmal hierher zurückkehren muss, um mich am Ende richtig zu verabschieden.

 

Wir erreichen Hospet und das Sakhi Office, das jedoch keine guten Nachrichten für uns parat hat.

„Alle Sleeper-Busse sind bereits ausgebucht!“ eröffnet uns Sophie mit schwerem Blick.

„Aber gerade hieß es doch noch..“

„Das hat sich jetzt geändert.“

„Und jetzt?“

„Am besten fahren wir jetzt zur Busstation und schauen, ob wir euch nicht irgendwo hineinschleusen können“, meint Sarah.

 

Gerade erst den Rucksack abgesetzt, gilt es nun ihn wieder aufzusetzen, zu sechst ins Rikscha zu steigen, um durchs abendliche, stinkende und hupende Hospet zu rasen. Auf dem Weg zum Riksha trete ich der Sarah leider so ungünstig auf ihren einen Flip-Flop, dass er reißt. Nicht, dass es reichen würde, dass meine und auch Helens Schuhe ( ihre sind in Hampis Bergen in eine tiefe Felsspalte gefallen) hier den Geist aufgegeben haben, nein, jetzt gehört auch Sarah zur Fraktion der ungewollt Schulosen. Indien. Land der kaputten Schuhe.

Übrigens Sarah, falls du das hier lesen solltest: Tut mir sau leid! War nicht mit Absicht. 😀

 

An der Busstation rufen wir wild „Hyderabad!“ durch die Massen, um irgendeinen Bus zu finden, der noch frei ist. Nichts! Da stehen wir im Getümmel. Hupende Busse rauschen an uns vorbei, keiner ist der richtige und wir beginnen ganz arg zu schwitzen. Dort! Ein Bus nach Hyderabad! Unsere Herzen klopfen wie wild, wir fragen den Schaffner, ob er noch einen Platz frei hat. Nein, hat er nicht. Er will auch nicht, dass wir auf dem Boden sitzen, ganz unmöglich!

Wir lassen uns enttäuscht auf den Boden nieder, umringt von neugierigen Indern. Mir kommt schon die Idee einfach hier am Bahnhof bis zum nächsten Morgen zu schlafen, so schlimm kann das schon nicht sein, oder? Die Leute hier machen das doch auch. Aber womit ein Frühstück bezahlen? Mit diesen lächerlichen 600 Rupien? In Europa wäre das ungefähr so, als würde man mit gerade mal 6 Euro in der Tasche in Wien auf einen Bus warten, der einen ins 600 Kilometer entfernte Berlin bringt. Miese Ausgangslage, oder?

 

Doch einmal wieder haben wir nicht mit den indischen Menschen und ihrer enormen Hilfsbereitschaft gerechnet. Jemand kommt auf uns zumarschiert und eröffnet uns in leichtem Englisch, dass heute noch ein normaler Bus nach Hyderabad fährt. Einer von uns soll schnell mitkommen, damit er noch etwas buchen kann. Merlin springt auf, die beiden rennen los und verschwinden in einem Büro und als sie wieder auf die Straße treten, sieht man förmlich wie Merlins Anspannung sich löst.

„Wir kommen morgen ganz sicher in Hyderabad an! Für 1500 Rupien. Was haben wir noch an Geld?“

Jetzt macht es sich bezahlt, keine Flöte in Hampi gekauft zu haben. Ich steuere 500 Rupien bei, während Merlin mit seinen restlichen 1000 sich selbst und Skrollan bezahlt. Mit gerademal umgerechnet 1,30 Euro, die mir geblieben sind, steige ich also in den Bus ein und lasse mich völlig geschafft auf meinen Platz fallen. Nach fünf Minuten des einfach nur Dasitzens, muss ich mich anders positionieren. Daraufhin erneut. Hm…immer noch nicht perfekt. Ich schlage die Beine übereinander. Ne, das ist auch doof. Oh, ich kann den Liege nach hinten bewegen, dann lässt es sich bestimmt leichter sich ausbreiten. Verdammt! Hinter mir sitzt jemand. Das kann ich dem nicht zumuten! Vielleicht stemme ich meine Füße in den Sitz vor mir, dann ist es bestimmt bequemer. Och nö, der Mann vor mir guckt schon komisch. Das lass ich lieber.

 

Kurzum: Der Sitz ist total unbequem, ich kann mich weder nach vorne, noch nach hinten bewegen, ohne andere Leute zu verärgern. Der Bus holpert über schlechte Dorfstraßen, ich werde, wenn ich eine einigermaßen gute Position gefunden habe, sofort aus dieser herausgeschüttelt, was mich dazu veranlasst, den Busfahrer, der diese bescheuerte Landstraßenrute über 500 Kilometer genommen hat, arg im innersten meiner selbst zu beschimpfen. Dazu halten wir alle zwanzig Minuten irgendwo an, das Licht wird angeknipst, der Motor wird ausgeschaltet und mit ihm auch die Klimaanlage. Es wird heiß, schlafen wird so unmöglich. Dann fährt der Bus wieder an, holpert über Sandstraßen, es wird kalt, die Klimaanlage ist viel zu warm. Skrollan, die neben mir sitz, sieht auch schon ganz übel aus. Wenn wir mit diesem Tempo weiterfahren, kommen wir übermorgen an!

In dieser Nacht finden wir alle drei keine Ruhe, schlummern mehr, als das wir schlafen. Wir können nicht sitzen, wir können nicht liegen, wir machen irgendetwas dazwischen. Eine Art „litzen“. Skrollan uns ich finden zwischendurch eine gute Position, wo wir Rücken an Rücken ziemlich gut „litzen“ können. Ich kann es zumindest. Ob´s Skrollan so gut findet? Keine Ahnung. Aber „gut“ ist hier auch schon echt ein Luxus….

 

Als ich gegen sieben Uhr meine schläfrigen Augen öffne, kann ich es kaum glauben. Wir sind in daheim! Im regnerischen, vom Monsun gezeichneten Moloch, der sich Hyderabad nennt. Wie froh wir doch darüber sind den verdreckten Hussein Sagar und die Straßenhunde wiederzusehen! Unglaublich worüber man sich alles freut, wenn man nahezu ausgeschöpft ist.

Traurig bin ich insbesondere schon darüber, jetzt nicht mehr mit allen Leuten sprechen zu können. Als wir in ein Uber-Taxi einsteigen spricht der Fahrer nur sehr gebrochen Englisch. Unterhalten wird schwer. So deprimierend es auch ist daheim angekommen zu sein, so sehr freut man sich doch irgendwie auf ruhige Zeiten. Doch die werden in nächster Zeit rar gesät sein….

Hampianer Geschichten

Nun, meist habe ich von unseren eigenen Erlebnissen hier in Hampi erzählt, doch nun scheint es mir sehr angebracht, über die die hier ansässigen Menschen, deren Probleme und Gedanken zu reden. Mir sind diese mittlerweile sehr ans Herz gewachsen und in den letzten Tagen unseres Urlaubs bin ich ihnen sehr oft begegnet. Drum hier einige Geschichten, rund um Konkurrenzkampf, rührenden Eigenschaften und Existenznot….

Zu allem Überfluss erkrankt neben Merlin auch noch Skrollan, was im Endeffekt für mich bedeutet, dass ich alleine durch Hampis Straßen wandeln muss. Einmal unternehme ich mit Alisa, Sarah, Sophie und Helen einen wunderbaren Ausflug auf die andere Seite. Die Stadt in der Mitte durch einen breiten Fluss getrennt, den man nur mittels einer Fähre überqueren kann. Wir leben, so gesehen, in der Innenstadt und fahren dementsprechend in die Außengebiete, die weitestgehend von stattlichen Steinriesen bevölkert sind. Wir unternehmen eine atemberaubende Kletterpartie, in brütender Hitze, die sich am Ende sehr bezahlt machen soll. Nach zwei Stunden des Aufstiegs bietet sich uns ein wundervoller Blick über Hampi und dessen umliegende Natur.

2017-10-02-14-23-18

2017-10-04-16-26-10

Ganz oben auf dem Felsen lassen wir uns nieder, ich entsinne mich meiner Ukulele, die ich mitgenommen habe und beginne leise einige Akkorde vor mich hinzuspielen.

Im Einklang mit allem anderen, wirkt dies, wie das Ende einer epischen Geschichte. Die Helden sitzen siegessicher in hohen Lüften und ihr Blick schweift in weite Ferne, dem nächsten Feind bereits witternd, während das Bild, wäre dies ein Film, von seichten Tönen einer düsteren Melodie begleitet, langsam verschwindet. Wie ich da so mit der Ukulele im Schoß, sitze, kann ich mir echt vorstellen, wie jetzt plötzlich einfach alles abbricht und man erst in einem Jahr mit dem zweiten Teil dieser Erzählung beglückt wird….

DSC_1025

 

Die meiste Zeit jedoch, wenn ich nicht Berge besteige, erledige ich kleine Botengänge für die Front der Kranken und bringe ihnen Kekse, oder Kokosnusswasser. Und sonst, nun ja, bleibt mir nichts Anderes übrig, als durch Hampis Gassen zu schlendern. Hier habe ich mittlerweile gelernt mich nicht von jedem Verkäufer zu einem Gespräch überreden zu lassen und auch mal „nein“ zu sagen, wenn ich etwas wirklich nicht möchte. Trotzdem ist es äußerst wahrscheinlich, dass ich auf der belebten Verkaufsstraße mindestens von drei Leuten begrüßt werde. Dem kann ich leider nicht entgehen, weder mit gekonnter Verkleidung – einem Tropenhut- noch mit ständig wechselnden Klamotten, um alle möglichst zu verwirren. Die Augen der Verkäufer sind stets wachsam und enttarnen mich jedes einzelne Mal.

So lerne ich sie jedoch etwas näher kennen, was mir die Tage doch deutlich erträglicher macht. Ich kaufe Vickie, dem Trommelverkäufer, eine Trommel ab, sitze danach in seinem Geschäft und trommle mit ihm zusammen. Ich instrumentiere mit Babu, dem Flötenhändler, er auf einer seiner Flöten, ich mit meiner Ukulele und zugegeben, das klingt sogar ganz passabel. Ein Deutscher und ein Inder sitzen am Rand der Verkaufsstraße und musizieren. Erneut wird mir klar, dass Musik Menschen verbindet und dadurch sogar Freundschaften entstehen können.

Ich trinke mit Suresh, einem Klamottenverkäufer, mehrmals leckeren Chai, unterhalte mich lebhaft mit ihm und viele Male laufe ich einfach am Laden eines Stoffverkäufers, namens Ravi, vorbei, in der Hoffnung, dass er mich nicht sieht. Doch jedes Mal winkt er mir warm lächelnd zu und wenig später kann ich einfach nicht anders, als auch in seinem Laden vorbeizuschauen, mich mit ihm, einem sehr netten und warmherzigen Mann, zu unterhalten und Chai zu trinken.

Klar, all das hat seinen Preis. Sie allesamt wollen mit mir Geld verdienen. Ständig versuchen sie das Gespräch auf ihre Waren zu bringen, man sieht richtig, wie es sie dazu drängt es zu tun. Mit einigem Erfolg. Ich werde einiges an Geld in Hampi lassen und möglicherweise sind die Menschen auch deswegen so nett zu mir gewesen. Ganz glauben kann ich das aber bis heute nicht. Ihre Gastfreundlichkeit war sowohl vor dem Kauf, als auch nach dem Kauf genauso unübertroffen herzlich.

Bei meinen ganzen Gesprächen mit Vickie, Babu, Suresh, Ravi und einigen weiteren wird mir klar, wie schlecht sie es eigentlich haben.

Sie sind ausschließlich auf Touristen angewiesen, anderwärtig verdienen sie kein Geld, stammen sie doch aus einer Familie und einer Kaste, die nichts anderes kennt, als in Hampi zu stehen und Dinge zu verkaufen. Auch wird klar wie wenig sie besitzen. Suresh hat nur zwei Hosen, Vickie läuft in Shirts rum, die klaffende Löcher haben, drum fragen sie mich das ein oder andere Mal, ob ich nicht Sachen aus Deutschland hätte, die ich ihnen geben könnte.

Viele haben Kinder, bei denen sie versuchen ihnen ein besseres Leben zu schenken, ihnen das aber, aufgrund des mangelnden Geldes nicht gelingt. Suresh hat drei, sie alle gehen zur Schule, aber dennoch glaubt er im Geheimen nicht daran, dass er ihnen etwas Neues ermöglichen kann.

Als ich Ravi einem schwarzen Stoff abkaufe, wird außerdem klar, in welch starken Konkurrenzkampf die Händler verwickelt sind.
„Klar, du hast den Stoff für 1300 Rupien gekauft, aber wenn dich andere nach dem Preis dafür fragen, sage, dass Ravi ihn dir für 2800 verkauft hat!“ meint er herzlich. Anfangs durchschaue ich seine Taktik nicht, dann wird mir jedoch klar, was er damit bezwecken will.

Wenn ich anderen Stoffhändlern erzähle, dass ich für so einen Stoff 2800 Rupien bezahlt habe, dann wissen sie, dass diese Summe keineswegs zu hoch ist und mögliche Käufer aus dem Ausland, das mit Freuden bezahlen könnten.

Die Wahrheit ist aber das Gegenteil. Keiner würde so viel bezahlen und prompt würden jene Interessierte einen anderen Händler aufsuchen, in dem Fall möglicherweise Ravi, der natürlich deutlich billiger wäre und dadurch nun ordentlich Geschäft macht.

So spielen die Händler sich gegenseitig aus, wirkliche Freundschaft herrscht zwischen ihnen nicht.

Das erinnert mich an eine Geschichte, die ich auch im allerersten Beitrag ( Von isländischen Trampern und inspirierenden Abendessen – Der Anfang aller Dinge ) auf diesem Blog kundgetan habe. Damals hat mir ein befreundeter Syrer vom ehemaligen Syrien und einem Stoffmarkt erzählt, wo sich Händler an Händler reihte. Da schien es kaum Konkurrenz zu geben.

Ich zitiere: „Wenn ein Händler in einer Stunde drei Kunden betreut, einer davon aber einen Stoff verlangt, den er gar nicht auf Lager hat, so kann er ihn an einen anderen Verkäufer weiterempfehlen. So herrscht ein Gleichgewicht zwischen den Kaufmännern. Und dem nicht genug, leiten sie auch dann ihre Käufer weiter, wenn sie bereits das Maximum an Gewinn für einen Tag erzielt haben, ihr Gegenüber aber nicht. Sie helfen und unterstützen einander, sodass keiner wirklich leer ausgeht.“
Dies scheint im weit entfernten Hampi nicht der Fall zu sein. Jeder, sei es Suresh, Ravi, Babu, oder Vickie, alle reden, wenn ich sie darauf anspreche von brutal harter Konkurrenz. Das finde ich irgendwie schade. So scheint mir Hampis Leitspruch „Don´t worry, be Hampi“ irgendwie nur Fassade zu sein. Im Inneren herrscht Zerstrittenheit und das deprimiert mich irgendwie. Vielleicht ist das der Grund, warum ich am letzten Tag Vickie eines meiner Shirts überlasse, dass ihm ausgezeichnet passt. Darauf trommeln wir feierlich!

Vielleicht hätte das nicht jeder gemacht. Vielleicht hätten viele diesen mitleidserregenden Geschichten keinen Glauben geschenkt. Doch tatsächlich wähne ich mich bei diesen Menschen in Sicherheit und fühle, dass ich was Richtiges gemacht habe. T-Shirts habe ich genug. Warum davon nicht eines an jemanden abgeben, der sich sichtlich darüber freut?

 

Jemand, wo „Dont worry, be Hampi“ nicht nur Fassade zu sein scheint, ist nach wie vor der andere Ravi. Der, der überall gleichzeitig ist, mit seiner amerikanisch-jamaikanischen Stimmung stets einem ein Lächeln ins Gesicht zaubert, fröhlich deutsche Wörter vor sich hin summt und uns echt ein guter Freund geworden ist.

Einem Tag nach unserer Abreise sollte er uns sogar anrufen und nach dem Rechten fragen. Ein wahrer Alleskönner scheint er zu sein. Er kann gut tätowieren, verkaufen, reden, fotografieren, klettern und vieles mehr. Ihn kennt in Hampi jeder, jeder macht für ihn Platz, er scheint der unangefochtene Star hier zu sein, obwohl er erst 24 Jahre zählt.

Ein kleiner Macho steckt auch in ihm, freut er sich doch jedes Mal wenn er schöne Frauen sieht und sie am liebsten mit seinen französischen Liebesgemurmel verzaubern will.

So verbringe ich die Tage auf der Straße, trinke Chai, werde mit freundschaftlichem Handschlag begrüßt, trommle, spiele Ukulele, höre spannende Ravi-Stories und höre traurige Geschichten. Bald heißt es Abschied nehmen, was mir doch schwerer fallen wird, als gedacht..

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Es passiert schon wieder…. :D

„Ach du heiliger Ganesha!“ denke ich mir, mein Herz beginnt große Sprünge zu machen und ich grinse auf einmal wie verrückt. Merlin und ich klatschen uns ungläubig ab und auch er kann sich ein herzhaftes Lachen nicht verkneifen!

Was gerade passiert ist, nun ja, davon will ich jetzt erzählen.

 

Gestern noch arbeitete Toni, die nun auch Teil unserer Crew ist, an einigen Plakaten, die mit meinen Bildern aus Dallapalli verschönert werden wollten. Ein Plakat sollte die Artenvielfalt der Tiere auf dem Berg anpreisen, Problem war hier jedoch, dass ich kaum Bilder von Tieren gemacht habe und Toni deswegen eine kümmerliche  Auswahl bereitstand. Bhanu sagte daraufhin etwas scherzhaft, dass ich wohl nochmal zurückmüsse, um ausschließlich Tiere zu fotografieren. Von der Idee war ich absolut begeistert, Dallapalli war für mich schließlich wunderschön und ein atemberaubender Platz, um die Seele baumeln zu lassen.

Ich rechnete damit, dass ich vielleicht in ein paar Wochen ein zweites Mal aufbrechen würde, immerhin würden in wenigen Tagen Skrollan und Toni erstmal dorthin fahren.

 

Heute nun sitzen wir müde an unseren Arbeitsplätzen, beschimpfen ausgelassen das lahme Internet und schlürfen an unserem Chai, als plötzlich Gayathri Merlin und mich zu sich ruft.

 

„Nun, es sieht so aus, dass ihr morgen nach Visakhapatnam aufbrecht.“

„Wie? Was? Wo?! Wir fahren nach Dallapalli?!!“ frage ich völlig entgeistert.

„Jawohl!“ feixt sie.

Und dann folgt eine Kaskade glücklicher Freudenausrufe unsererseits, Merlin hatte sich bereits über seine eintönige Computerarbeit geärgert und wollte sich heute schon bei Bhanu beschweren, doch das hat er jetzt wohl nicht mehr nötig.

Dann wird mir klar, dass morgen gar nicht so weit entfernt liegt. Ein Stapel Wäsche türmt sich in meinem Schrank, der unbedingt gewaschen werden möchte und am nächsten Tag soll eine Anmazon-Lieferung Objektive von mir eintreffen, da inzwischen meine eigenen nicht mehr automatisch fokussieren und wenn ich die verpasse, kann ich meinen Job an einem meiner absoluten Lieblingsplätze nicht mehr wirklich gut erfüllen.

Auch habe ich noch so viele Blogeinträge über Hampi und die Ankunft Tonis in Planung, die ich jetzt wohl verschieben muss und in einer Woche wohl schon halb vergessen sind.  Sieben weitere Tage Internetabstinenz tun in der Hinsicht schon deutlich weh, fehlen doch noch mindestens zwei Beiträge über Hampi und drei über das tägliche Leben in Hyderabad.

 

Nun, jetzt heißt es wohl erneut die Koffer packen und erneut eine abenteuerliche Reise antreten, die anscheinend daraus besteht Tiere zu fotografieren. Spannend ist auch, dass Merlin und Ich alleine dorthin finden müssen und uns keine Gayathri zur Hilfe steht, die den Weg besser kennt, als wir beide zusammen.

Auf in die Wildnis, zu neuen Abenteuern und Geschichten! Wie oft ich doch in den letzten Wochen unterwegs war und nun auch unterwegs sein werde. Leo on Tour! 🙂 😀

Von unfreundlichen hampianischen Affen, Matschepampe und geheimen Plätzen

Am frühen Morgen klopft plötzlich etwas gegen unsere Tür. Wer mag das wohl sein? Ich trotte müde zu Hauseingang, drücke die Klinke hinunter und…wow! Ich hatte mit vielem gerechnet, aber ein fauchender Affe stand nicht auf meiner Liste an Möglichkeiten. Ich schaue ihn komplett irritiert an, er tut das Gleiche, als ob er nicht geahnt hätte, dass auf sein Klopfen tatsächlich irgendetwas passieren würde, doch, tadaa, hier bin ich!

In der Tat ist Hampi ein kleines Affenparadies, ständig sieht man sie hoch oben auf den Kokospalmen, oder, wenn sie etwas Böses im Schilde führen, wie das Klauen einer Chipstüte aus einem Lebensmittelladen, auf den braunen, sandigen Straßen. Und in diesem Fall sitzt jetzt einer vor unserem Hostel und mustert mich ausgiebig. Ich überlege, was ich jetzt machen soll und komme auf die sehr stereotypische Idee, ihm eine Banane zu schenken. Ich schließe die Tür wieder, (nicht, dass der Affe noch ins Hostel eindringt) suche nach unserem Bananenvorrat, nehme mir eine und geselle mich wieder an die Seite des Affen. Dieser wittert bereits sein bevorstehendes Mahl und beäugt mich gierig. Ich werfe ihm ein kleines Stück vor die Füße, er nimmt es in beide Hände und schlingt es hinunter.

Ich gehe in die Knie und halte ihm die ganze Banane hin, im Glauben, er würde nun ganz langsam und etwas scheu, sich Teile davon nehmen. Denkste! Er reißt mir die Banane aus den Händen, knurrt böse, geht auf Abstand, mümmelt sich sein Essen hinein, lässt die Schale rücksichtslos liegen und springt, ohne einen Blick des Dankes, über das Geländer. Diese Begegnung hätte ich mir schöner vorgestellt. Welch unhöflicher Zeitgenosse! Diesem Exemplar, werde ich auf jeden Fall nichts mehr geben. 😀  

Gegen sieben Uhr machen Merlin und Ich uns auf zum nächsten Motoradvermieter. Wir haben beschlossen uns jeweils ein Motorrad zu mieten, um eine Stunde durch die Gegend zu fahren, bevor wir uns mit den Mädels treffen. Auf dem Weg bin ich noch optimistisch, dass ich das schaffe fahren zu können. Gemacht habe ich das noch nie, Merlin versichert mir jedoch, dass ein Motorroller kaum anders zu bedienen sei, als ein Fahrrad und hey, bereits 12-jährige fahren damit durch die Gegend. Das leuchtet mir ein. Wenn indische Kinder das können, kann ich das auch!

Doch als wir schließlich am Vermieterstand für Motoroller stehen, kriege ich schon etwas Muffensausen. Die Maschinen sehen mir nicht wirklich so aus wie Fahrräder.

Merlin startet seins problemlos, ich habe jedoch keine Ahnung, wie ich das machen soll. Ich setze mich unsicher drauf, schwanke aber gefährlich, unter dem Gewicht des Rollers nach rechts, mein Helm rutscht mir über die Augen und ich versuche dieses Teufelsding zu starten. Ohne Erfolg. Ich beginne hektisch zu werden, bediene ausversehen den Beschleunigungsgriff und schieße ruckartig nach vorn, ehe ich schnell die Hand vom Lenkrad nehme.

„Sage mal, kannst du überhaupt fahren?“ fragt mich der Vermieter.

„Ähh…nee…“ gestehe ich kleinlaut und bin insgeheim sehr froh, als mir der Roller weggenommen und uns gesagt wird, dass wir lieber nur auf einem Gerät fahren sollten.

Gesagt getan, ich setze mich bei Merlin hinten drauf und ab geht die Fahrt. Bin ich deprimiert? Nö. Von mir aus sind eben kleine indische Kinder besser als ich. In meinem Leben kann ich die Male auf dem ich auf einem Motorrad gesessen habe, mit einer Hand abzählen, drum ist es jetzt wirklich besser diese Möglichkeit gewählt zu haben.

Wir fahren durch verlassene Tempelanlagen, die teils noch im dichten Nebel liegen und fragen uns, ob wir überhaupt hier sein dürfen, so unberührt und schön wirken diese altertümlichen Gemäuer aus einer längst vergessenen Zeit. Der Fahrtwind tut wahnsinnig gut, ist es die letzten Tage doch sehr warm gewesen. Wir fühlen uns in diesen Momenten unglaublich frei. Wir alleine haben es in der Hand wohin und wie schnell wir fahren und dieses Wissen lässt uns innerlich laut aufjubeln.

So brausen wir eine Stunde durch Hampis alte Ruinenstadt und bewundern dessen Schönheit und Prunk, ehe wir den Rückweg antreten.

Gegen zwölf erscheinen die Mädels vor unserem Hostel, Ravi ist ebenfalls von der Partie und gemeinsam wollen auf Tempelbesichtigung gehen. Leider ohne Merlin, der überraschenderweise erkrankt ist und lieber sich auskurieren will! Dann mal gute Besserung, mein Freund!

Bereits nach einigen Metern fällt uns auf: Es ist sehr sehr warm. Schnell geraten wir alle ins Schwitzen, als wir hören, dass wir den ganzen Tag unterwegs sein werden. Ob da nicht einer mit Hitzschlag zurückkommen wird? Wir werden es sehen. Auf dem Weg zum Tempel schenke ich einer gutmütigen Kuh meinen halbaufgegessenen Granatapfel. Man merkt, wie sehr sie sich darüber freut, so würde sie mich am liebsten, mit ihrer rauen Zunge abschlecken. Das kann ich gerade noch so vermeiden. Tage später jedoch, wird eine Kuh genüsslich meinen Arm in Beschlag nehmen, da ich sie aus einer Riksha hinaus streicheln wollte, ihr das wohl sehr gefiel und ich ihr nicht entweichen konnte. So zeigt man Dankbarkeit, du doofer Affe. 😀

Mit uns wollen auch noch drei andere Mädchen eine Führung mit Ravi genießen. Davon ist eine tatsächlich auch Deutsche, kommt aus Freiburg, hatte vor Jahren auch schon einen Freiwilligendienst absolviert und macht jetzt in Bangalore eine Ausbildung zur Hochzeits-Planerin. Das ist auf jeden Fall ein sehr interessanter Lebensweg. Ihre Begleiterinnen sind beide sehr herausgeputzte Inderinnen mit viel Schminke im Gesicht. Eine trägt sogar High-Heels, was uns irgendwie nicht ganz einleuchtet. Die Beiden wirken so, als wollten sie mit ihrem ersten Date in ein sehr teures Restaurant gehen und keineswegs, wie begeisterte Touris, die einen ganzen Tag durch die Gegend laufen wollen.

Die High Heels dienen zumindest als sehr aufheiterndes Gesprächsthema unter uns Freiwilligen, tragen wir doch alle ziemlich marode Flip-Flops. In Skrollans und Alisas Fall geht man sogar barfuß. Das kann auf jeden Fall was werden.

Der frühe Vormittag ist geprägt durch intensives Tempel-Hopping. Unter ständigem „Auf geht´s“- Ausrufen seitens Ravi (ja, einige deutsche Wörter haben wir ihm bereits beigebracht) rennen wir von Tempel zu Tempel, hören uns deren Geschichten an und schwitzen.

Manche Heiligtümer haben sogar kleine Katakomben, die uns ebenfalls nicht verwehrt bleiben. Hier, wenn man ganz genau hinschaut, lassen sich viele schlafende Fledermäuse ausmachen, die jedoch panisch die Flucht ergreifen, fällt der Schein unserer Taschenlampen auf sie. Süß sind sie auf jeden Fall.

Plötzlich, auf dem Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit, passiert es! Nein, in dem Fall rennt kein wütend gewordener Bulle auf mich zu und nein, auch keine altes Großmütterchen will mich verfluchen. Viel schlimmer! Meine Flip Flops geben den Geist auf! 😨😨

Waren sie in Poolabanda schon kaputt, so sind sie jetzt völlig im Eimer. Traurig, stecke ich sie in meinen Rucksack und gehöre, wohl oder übel, nun auch zur Fraktion der Schuhlosen, was sich später jedoch außerordentlich bezahlt machen soll.

Und jetzt habe ich immerhin noch einen Grund mehr, um mich köstlich über die High Heels des Mädchens aus Bangalore zu amüsieren, mit denen sie des Öfteren umknickt. Ja, das ist böse, aber immer noch selbstverschuldetes Leid. 😀

Gegen späten Nachmittag haben wir alle Tempel abgelaufen, durften die verschiedensten Fresken bestaunen, sind bis auf die Unterhose verschwitzt und total am Ende.

Drum entscheiden wir uns für einen leckeren Banana-Cokonut-Juice im Chillout und beraten über den letzten Teil unseres Trips. Wir wollen zu einer versteckten Quelle, soweit ich das verstanden habe. Diese ist jedoch sehr weit entfernt und in einer Stunde geht bereits die Sonne unter. Wir sind uns zutiefst unsicher, ob wir dieses Wagnis, im Dunklen durch die Pampa zu laufen, wirklich eingehen wollen, doch Ravi vergewissert uns ausdrücklich, dass wir es definitiv bereuen würden, täten wir es nicht.

„Was kann uns schon großartig passieren?“ denken wir uns und stimmen alle den Plan, es wenigstens zu versuchen, zu. So streifen wir durch riesige Bananenplantagen, die Wege werden immer enger und der Boden immer matschiger. Hier lernt Ravi ein neues deutsches Wort. Matschepampe. Dies singt er nun fröhlich vor sich hin, während wir uns abmühen durch den Morast zu latschen. Ohne Schuhe geht das sogar ganz gut, ja es macht sogar Spaß, von warmer nasser Erde umschlossen zu werden. Das genaue Gegenteil erlebt unsere High-Heels-Spezialistin, deren einstmals weiße Treter, nun sehr braun aussehen.

Bald weicht der dichte Bananenplantagenwald einer riesigen kargen Mondlandschaft, voller riesiger, grauer Felsen. Tiefe, unergründliche Krater zieren dies absonderliche Niemalsland. In diese Abgründe einmal hineingefallen, kommt man definitiv nicht mehr heraus. Es gilt also über tiefe Abgründe zu klettern und zu springen, will man nicht etwa eingeklemmt werden. Manche Passagen sind wahnsinnig schmal, sodass man beinahe balancieren muss, um nicht abzustürzen. Im Gänsemarsch geht es vorsichtig über Stock und Stein und wer ist wahrscheinlich die Letzte? Genau! Das Mädchen mit den High Heels, dass sich mittlerweile wohl sehr über ihre Schuhwahl ärgern mag.

Irgendwann erreichen wir unser Ziel. Unwirklich aber war, liegt uns ein kleiner, klarer See, mitten in einer steilen Felsschüssel, zu Füßen. Ravi ist der Erste, der sich auszieht und mit einem fröhlichen Jauchzer hineinspringt.

„Come on, guys! Don´t worry, be Hampi!“ ruft er.

Das lass ich mir nicht zweimal sagen und springe ihm hinterher. Die Fluten umschließen mich einladend! Es ist wahnsinnig schön einmal wieder zu tauchen, zu schwimmen, zu planschen, mal richtig sauber zu werden. Ich, als Wasserratte, freue mich unglaublich über diese Wonne, schwimme bis zum anderen Ende des Sees und lasse mich danach einfach Treiben, höre dem Rauschen des Wassers zu und starre dem immer dunkler werdenden Himmel entgegen. Die Mädels versuchen währenddessen dem Mädchen mit den High Heels schwimmen beizubringen, natürlich hat sie davor ihre Schuhe ausgezogen, aber schwimmen kann sie danach auch weiterhin nicht.

Mir fällt plötzlich auf, dass ich von diesem Ort kein einziges Foto gemacht habe und wahrscheinlich auch keins mehr machen werde, aufgrund der zunehmenden Dunkelheit. Erst ärgere ich mich darüber, doch dann wird mir klar, dass es manchmal keines Fotos bedarf, um sich einen Ort einzuprägen. Die Erinnerung lebt nach wie vor in meinem Kopf und vielleicht ist es manchmal auch wichtig von besonderen Orten, die einem am Herzen liegen, keine Bilder zu machen. Das würde das große Ganze irgendwie zerstören. Der Zauber ginge verloren. Das findet auch Ravi, als ihn eines der indischen Mädchen fragt, ob sie andere Leute hierhin einladen können.

„Das ist unser ganz eigener Platz. Wir würden ihn nicht genügend würdigen können, kämen jetzt Fremdlinge hierher.“ Damit hat er vollkommen recht. So verlassen wir unseren gemeinen Ort schließlich in kompletter Dunkelheit, bahnen uns unseren Weg mittels unserer Taschenlampen, springen und balancieren über gähnende Abgründe und sehen stummen Blitzen dabei zu, wie sie über den Himmel flackern. Gewitter ohne Ton scheint es in Indien öfters zu geben, habe ich genau dieses Phänomen schon in Dallapalli beobachten dürfen. Blitze zucken über´s Himmelszelt, aber der Donner bleibt aus. Sehr seltsam, aber irgendwie auch ungeheuer schön..

Bald erreichen wir wieder die matschigen Bananenplantagen und als wir zwei Stunden später total entkräftet ins Bett, oder in meinem Fall auf den Boden, fallen sind meine Füße schwarz vor Dreck. Doch das kümmert mich jetzt mich nicht mehr. Meine Gedanken gelten dem vergangenen Tag und im leisen Bedenken an unfreundliche Affen und geheime Seen, schlafe ich ein…