Es geht zurück!

Nach nun mehr einen Monat ist es wieder soweit. Es geht zurück in die Natur. Dallapalli wartet auf uns. Nachdem die beiden Mädels bereits zwei Mal in kurzer Zeit dort waren, heißt es auch für uns wieder die Koffer packen. Und das für ganze zehn Tage. Heute fahren wir los und werden wohl oder übel Nikolaus verpassen. Das ist jedoch alles andere als schlimm, denn in Dallapalli, dem kleinen beschaulichen Bergdorf, fernab jeglicher städtischen Zivilisation, geht momentan einiges von statten. Regierungsvertreter sollen sich dort niedergelassen haben, um die Bewohner zu überzeugen Platz für ein großes Hotel zu machen. Das wollen weder die Ureinwohner, noch unsere Organisation, weshalb sich „Dhaatri“ schon seit langer Zeit mit einem Anwalt auseinandersetzt, der rechtliche Schritte gegen dieses Unterfangen einleiten könnte.

Zudem würden touristische Attraktionen mehr Touristen nach Dallapalli locken, was wiederum mehr Müll in der Natur nach sich tragen würde. Mehr Fremde würden kommen, mehr Partys auf den Bergen würden gefeiert werden, wie jene, wo ich mich einst eingeschlichen habe, um Fotos zu machen.

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Diese Fotos haben mittlerweile einen beachtlichen Weg hinter sich. Sie wurden etlichen NGO´s geschickt, die dieselben Interessen vertreten wie die unsere, erregten einiges an Wut und Entrüstung und haben es jetzt auch in drei Zeitungen geschafft, unter anderem in die „Times of India.

Timesofindia-HC order Dallappalli tourism

Hans news-HC order on Dallapalli tourism

In den Beiträgen, wird das Müllproblem, das durch widerspenstige Pilger und Touristen, die nach Dallapalli kommen, ausgelöst wird, beschrieben und betont, dass der oberste Gerichtshof von Hyderabad Schritte gegen die „Verbrecher“ einleiten will.

Zudem ist dort zu lesen, dass die Menschen in Dallapalli bereits eine schriftliche Petition aufgenommen haben, die touristische Attraktionen im Dorf verbieten will, da diese ohne ihre Zustimmung geplant worden seien.

Im Endeffekt berichten die Beträge über Entrüstung, sowohl bei den Bewohnern, als auch beim obersten Gerichtshof, der dagegen vorgehen will.

Zur Untermalung der Texte wurden meine Bilder verwendet und irgendwie bin ich schon etwas stolz bei diesen wachrüttelnden Artikeln, die eventuell von tausenden gelesen werden, einen kleinen Teil beigetragen zu haben. Unsere Arbeit scheint Früchte zu tragen. Jetzt geht´s erst richtig los!

Wir werden in Dallapalli einerseits wieder mehr Pflanzen und Tiere dokumentieren, versuchen die Regierungsbeamten auszuspionieren, den einheimischen Kindern Englischunterricht ermöglichen, das Land ausmessen und nach möglichen Wanderwegen Ausschau zu halten.

Denn falls es tatsächlich zum Bau eines Hotels und zur Zwangsumsiedlung der Bewohner kommen sollte, ist es wichtig ökologische touristische Pläne zu haben, die eben nicht darauf abzielen Müll zu produzieren. Die Gegend könnte sich schließlich dazu anbieten viel zu wandern und auch Fahrrad zu fahren, was kaum Abfall produzieren würde.

Ich freue mich bereits auf die Stille und den Frieden dort. Für mich ist es immer wieder schön morgens aufzustehen, rauszugehen, die Sonne zu genießen und hinaus in die ewig weite Landschaft zu blicken. Ich freue mich auf die liebevollen Menschen, den nichtvorhandenen Empfang zur Außenwelt und auf viele schöne Bilder. Vielleicht werde ich dieses Mal auch filmen, um einen kleinen, netten Film zu produzieren. Wer weiß.

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Wir lesen uns in zehn Tagen, mit hoffentlich vielen neuen spannenden Geschichten… 🙂

Das indische Kastensystem

„Ten bananas, please“, sage ich zum Bananenverkäufer.

„Hm, fourty“, meint dieser, wackelt mit diesem Kopf, zeigt mir den Ansatz eines zahnlosen Lächelns.

Ich gebe ihm seine vierzig Rupien, nehme meine Bananen und wünsche dem Mann, mit dem krausen abstehenden Haar einen guten Tag. Er nickt mir ernst zu. Verstehen tut er mich vermutlich nicht, aber das ist ihm wohlmöglich auch egal. Er hat zerfressene graue Hosen, sowie immer das gleiche Hemd an und sprechen scheint nicht unbedingt seine Lieblingsbeschäftigung zu sein. Er steht immer hier, zwischen streunenden Straßenhunden, neben dem stinkenden Kanal, der nach zehn Metern in unseren Fluss mündet und verkauft Bananen und Äpfel. Bei ihm ist es billiger als bei der Konkurrenz, die nicht weit entfernt steht.

Während ich mich entferne und vom Papa-Hund unserer Straßenhundfamilie nach Hause geleitet werde, geht mir dieser Mann einfach nicht aus dem Kopf. Seit wann verkauft er schon Bananen? Gedenkt er jemals den Job zu wechseln? Werden seine Kinder das auch noch tun?

Ich weiß es nicht, ich habe keine Ahnung von seinem Leben, doch habe ich die starke Vermutung, dass er dieser Beschäftigung schon immer nachging, in Zukunft auch nachgehen wird und auch nachgehen muss, sobald er nicht stirbt. Er kann nicht einfach die Bananen auf dem Boden werfen, den Job kündigen und sagen: „So, jetzt starte ich ein Autounternehmen mit zehn Mitarbeitern “, weil es einfach dem indischen System widerspricht auszubrechen. Klar, wird es auch der nicht studierte Bananenverkäufer in Deutschland schwer haben, ein Autounternehmen ins Leben zu rufen, warum sollte er sich 1. dafür interessieren und 2. das Geld dafür herhaben. Trotzdem hätte er zu mindestens die Chance dazu, die in Indien nahezu gering ist.

Und warum? „Aufgrund des Kastensystems“, vermute ich, während ich mich von den Hunden verabschiede und durch die Tore des Offices laufe, bereits eine Banane schälend. Ich weiß bisher viel zu wenig über die Kasten und das möchte ich jetzt ändern. Auf der Stelle setze ich mich von meinen PC und beginne zu recherchieren….

Das indische Kastensystem beschreibt im Grunde nichts anderes als die Abgrenzung von gesellschaftlichen, sozialen Gruppen. Von Geburt an wird jeder Mensch einer Kaste, oder einer „Varna“, wie der Inder sie bezeichnet, zugeordnet. „Varna“ heißt in Sanskrit so viel wie „Farbe“, denn einst, vor mehr als viertausend Jahren unterschied man gar nicht nach sozialer, oder wirtschaftlicher Herkunft, sondern vielmehr nach heller, oder dunkler Hautfarbe. Später wurde die hellere Gruppe in drei Gruppierungen, die Brahma (Priester), die Kshatra (Krieger) und die Vis (gemeine Volk) unterteilt.

Die dunklen Hauttypen, bezeichnete man als Unberührbare. Das kann ich auch noch heute auf den Straßen sehen. Arme Leute in Indien, die einer „niederen“ Aufgabe nachgehen, sind häufig etwas dunkler als die über ihnen.

Jede Varna wird zudem nochmals in ganz spezielle Gruppen, die „Jati“ unterteilt. Diese beschreiben im Endeffekt deinen Beruf, den du nachgehen musst. Wenn du ins gemeine Volk hineingeboren wirst, könntest du beispielsweise in die Jati-Gruppe der „Dhobi“, das bedeutet Wäscher, oder der „Ghandi“; Perfümverkäufer, geraten, wo du auf ewig bleiben musst. Du bleibst für immer jemand, der die Wäsche wäscht, auch wenn du vielleicht gerne etwas Anderes machen möchtest. Unter anderem wäre das auch sehr unvorteilhaft als Hindu sich seiner Bestimmung zu widersetzen. Das Kastensystem ist nämlich eng verwurzelt mit den Glaubensvorstellungen des Hinduismus, über den ich bereits einen Beitrag verfasst habe.

Wir damals bereits erwähnt, ist man an seinen ewigen Kodex, den Dharma, gebunden. Hältst du dich an deine ganz eigene individuelle Weltordnung des Dharmas, hat das positive Auswirkungen auf dein Karma, das durch vorbildliches Benehmen steigt und deine Chance erhöht im nächsten Leben etwas Besseres zu sein, oder gar ins Nirwana einzutreten.

Wiedersetzt du dich deiner Bestimmung, bekommst du schlechtes Karma und die Möglichkeit besteht, dass du als niedrige Lebensform wiedergeboren wirst und davor, im Übergang zwischen Tod und Leben, durch grausame Höllen geschickt wirst.

Dementsprechend sind der Dharma und die verschiedenen Jati-Gruppen kaum voneinander zu trennen. Deine Weltordnung sieht es vor, dass du in der Kaste des gemeinen Volkes, in Gruppierung der Friseure hineingeboren wirst. Schneidest du allen brav die Haare, bekommst du gutes Karma, was für Hindus sehr erstrebenswert ist. Den Job hinzuschmeißen würde folglich bedeuten, dass dich die göttliche Fügung straft…

An erster Stelle des Kastensystems stehen traditionell gesehen die Brahmanen. Sie sind die intellektuelle Elite, sowie die Ausleger der heiligen hinduistischen Schriften. Ihnen haben alle zu huldigen. Ob das heute, in Zeiten der Globalisierung immer noch der Fall ist, lässt sich schwer sagen, doch dazu später mehr.

Danach kommen die Kshatriyas. Traditionell gehören hier Krieger, Politiker und höhere Beamte dazu. Darunter stehen die Vaishyas, die Händler und Kaufleute. Noch weiter unten befinden sich die Shudras, einfache Handwerker und Tagelöhner.

Und das Schlusslicht, nun ja, bilden die Unberührbaren.

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Übrigens hat keine indische Institution und keine Schrift jemals die Kastenordung geschaffen, oder verordnet. Erst als britische Kolonialherren mit den asketischen Brahmanen in Kontakt kamen und diese, aufgrund ihrer Ausbildung, die englische Sprache beherrschten, hielten die Briten das von den Priestern dargestellte System, in dem diese selbst die höchste und damit elitärste Kaste darstellten, als soziale Realität und projizierten es auf die gesamte Bevölkerung, die von dem Konstrukt im Zweifelsfall noch nie gehört hatte.

Ab dem Zeitpunkt setze sich das System durch und viele glauben, dass es so schon immer gewesen sein mochte. Wären die Engländer also nicht dagewesen, hätte das Kastenwesen vielleicht nie diese festgesetzten Maße von heute erreicht.

Oft begründet man die Entstehung der Kasten mit dem Mythos des Purusha, dem göttlichen Urmenschen, aus dessen Körperteilen die ersten Kasten entstanden sein sollen.

„Sein Mund wurde zum Brahmanen, seine beiden Arme zum Krieger, seine beiden Schenkel zum Vaishya, aus seinen Füßen entstand der Shudra.“

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Purusha, der Urmensch

Insgesamt kann man dieses System sehr gut mit der Ständegesellschaft aus dem französischem Absolutismus vergleichen. Ganz oben steht der König, gefolgt von Priestern, Soldaten, Kaufleuten und dem einfachen Volk. Dazu bilden die ersten beiden Varnas nur 10% der Bevölkerung, was zu Zeiten von Ludwig dem 14. auch der Fall war, wenn nicht sogar noch deutlich weniger Leute den Adel ausmachten. Der Adel gab sich nicht mit dem gemeinen Pöbel ab und Brahmanen auch nicht mit den ganz untersten Kasten, weil die seit jeher als unrein gelten. Brahmanen sind besonders rein und sauber, wohingegen jene Jatis, die mit schmutzigen Berufen, wie Wäscher und Friseure, zu tun haben, wie, als unrein gelten.

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Damit wird auch durchaus die körperliche Reinheit in Verbindung gebracht, weshalb es den Unberührbaren beispielsweise noch heute verwehrt bleibt einen Zugang zu den Tempeln zu bekommen.

Unberührbare leben meist nämlich auf der Straße, sind jedoch ein wichtiges Kriterium dafür, dass Indiens Straßen nicht voll von Müll sind. Allein 9000 Tonnen Müll entstünden täglich in Neu Delhi, der Hauptstadt und diese Massen an Abfall kann man ja nicht einfach liegen lassen. Recycling-Anlagen gibt es nach wie vor nicht, weshalb der ganze Müll auf der Straße landet und liegen bleiben würde, gäbe es nicht die Müllsammler, die traditionell aus der Varna der Unberührbaren kommen. Seit Jahrhunderten sammeln diese Leute schon Abfall. Im 17. Jahrhundert waren es noch Knochen, Lumpen und Papier, nun Plastik, Metall und Elektroschrott. Sie trennen die Stoffe voneinander und verkaufen diese dann weiter.

Die höheren Kasten geben sich nicht mit Müll ab. Einerseits ist er unrein, und Unreinheit will man nicht um Haus haben und andererseits ist der Abfall ein gutes Geschäft für die Unberührbaren, die so gesehen ein vereinfachtes Recycling betreiben. Drum ist das Kastensystem vielleicht auch eine Erklärung warum Indien im Müll versinkt. Dieser wird auf die Armen geschoben, die sich damit abfinden sollen…Dies ist jetzt nur Theorie. Natürlich gibt es auch Menschen, die keine Unberührbaren sind und trotzdem Müll sammeln. Am Strand von Mumbai haben einige Leute freiwillig angefangen Abfall aus dem Sand zu fischen. Mittlerweile ist dadurch eine riesige Aktion entstanden wo sehr viele Freiwillige den Müll vom Strand schaffen…

Eine strikte Separation der Kasten ist heutzutage nur noch auf dem Land möglich, da in der Stadt zu viel Anonymität herrscht und du erst dann über die Kaste eines Menschen Bescheid weißt, kennt man ihren Beruf. Zudem ist eine stete räumliche Trennung fast sowieso unmöglich. Diese findet man heutzutage deutlich eher nach wirtschaftlichem Status. Wer reich ist, geht mit Reichen in die Schule; wer arm ist, lebt in Armenvierteln, besucht schlechtere Schulen und hat somit auch im Berufsleben eine schlechtere Position.

Der Wohlstand sagt jedoch wenig über deine Kaste, da diese sich rein theoretisch nicht nach „reicher Oberschicht“ und „armer Unterschicht“ richtet. In der Praxis ist es jedoch so, dass durch jahrhundertelange Ausbeutung der unteren Kasten, sich die Armut eher bei den Shudras und den Unberührbaren wiederfindet.

Heutzutage sind alle Benachteiligungen, die durch das Kastensystem entstehen, gesetzlich verboten und eigentlich könnte jeder jeden Beruf ausüben. Ein nahezu geringer Prozentsatz an Brahmanen ist überhaupt noch Priester. Viele von ihnen sind arbeiten mittlerweile als Köche in besseren Restaurants, da es immer noch sehr viele höhergestellte Leute gibt, die keine von „Niederkastigen“ zubereiteten Speisen essen würden. Auch sehr viele Menschen aus der Kriegerkaste sind gar keine Soldaten mehr und auch Mahatma Gandhi, der eigentlich aus der Vaishya-Kaste kam, führte Indien, als religiöse Führerfigur, in die Unabhängigkeit. So gesehen, das Kastensystem auf dem absteigenden Ast, aber trotzdem nicht völlig aus dem praktischen Leben verschwunden, besonders, da es noch heute wichtige soziale Aufgaben erfüllt. Die Unberührbaren, halten im Schluss ganze Grundgerüst Indiens zusammen. Wer würde ihre Aufgaben erledigen, wenn sie aus freien Stücken entscheiden könnten das Müllsammeln aufzugeben? Bestimmt niemand.

Und so lange die Leute an die Karmalehre glauben, bin ich für meinen Teil der Meinung, dass die Kasten nicht verschwinden werden. Auch zieht man es noch vor in derselben Kaste zu heiraten und auch zu flirten.

Fun Fact: Auf indischen Websites zur Partnersuche finden sich oft Suchfunktionen nach Kastenkriterien. Hab das persönlich noch nie ausprobiert, aber interessieren, wie das Ganze aussieht, würde es mich schon. 😀

Es ist schwierig auf der Straße etwas über das Kastensystem herauszufinden. Darüber wird geschwiegen und möglicherweise auch nicht gern geredet. Ich würde mich dabei auch irgendwie komisch vorkommen, früge ich meinen Bananen-Verkäufer-Freund nach seinem Status. Möglicherweise würde er mir dann kein Obst mehr verkaufen…

Das wars für´s Erste mit dem indischen Kastensystem. Vielleicht finde ich im Laufe des Jahres noch mehr dazu heraus. Ich hoffe, dass dieser etwas andere Eintrag einige Leute gut informiert hat und hoffe auch auf einige Anmerkungen seitens meiner indischen Freunde. Habe ich alles, von der Theorie her, gut beschrieben, oder habe ich mit einigen Dingen unrecht? Ich freue mich auf konstruktive Kommentare. J

Totenfeier

Ich warte auf ein Taxi, dass mich zu meinen Freunden bringt. Es kommt, ich steige ein, begrüße den Fahrer, bedanke mich, dass er mich aufgenommen hat und will schon meine Kopfhörer aufsetzen, als sich eine warme Hand von hinten auf meine Schulter legt.

„Hey“, sagt das Mädchen auf den Rücksitz.

„Hallo“, meine ich.

„Woher kommst du? Tut mir leid, ich war neugierig und musste einfach Hallo sagen.“

„Kein Problem. Ich komme aus Deutschland. Ich arbeite hier für ein Jahr für eine NGO.“

„Wie spannend, erzähle mir mehr“, meint sie rückt näher an den Vordersitz heran.

So vertiefen wir uns in ein angenehmes Gespräch, bis sie aussteigt, mir entschieden die Hand reicht und in der Nacht verschwindet…

So lernte ich vor zwei Monaten Liz kennen, ein indisches Mädchen, dass bei Amazon arbeitete und mir gestand hilfloser denn je zu sein, da sie vor nicht allzu langer Zeit ihre Mutter verlor, zu der sie eine sehr starke Bindung hatte.

Eine Zeit lang kommunizierten wir über Facebook miteinander, bis ich es schließlich schaffte ein indisches Whatsapp-Profil auf meinem Handy zu installieren, was das Unterhalten um einiges leichter machte. Zur Feier des Tages eröffnete sie mir daraufhin, dass in naher Zukunft der 1. Todestag ihrer Mutter gefeiert werden und es ihr viel bedeuten würde, käme ich zu dieser Totenfeier. Ich stimmte sofort zu, obwohl ich nie einer Beerdigung, noch einer solchen Jahrestagsfeier für die Toten, beigewohnt hatte. Skrollan, Toni und Merlin durften auch kommen, doch als der Tag der Feier immer näherkam, war klar, dass ich alleine gehen würde. Die Mädels wurden überraschend nach Dallapalli abgerufen und Merlin… nun, ja, war mit seinem operierten Fuß ein halber Invalide. Drum entschloss ich alleine zur Totenfeier zu gehen…

 

„Sage mal, bist du aufgeregt?“ fragt mich Merlin.

„Ich? Ach was….“, sage ich, während ich kreuz und quer durch die Wohnung laufe, überlege, was ich anziehen soll und panisch vor mich hin brumme.

 

„Ich muss dringend zum Friseur! Vielleicht lass ich mir den Bart noch schneiden. Hab ich dafür überhaupt genügend Zeit? Denkst du das ist nötig?“

 

„Nein, du bist „überhaupt“ nicht aufgeregt, oder so“, kichert Merlin. „Das sieht man dir auch „gar nicht“ an.“

Ich werfe ihm einen Todesblick zu, aber weiß genau, dass er Recht hat. Ich bin aufgeregt, schließlich gehe ich gleich auf ein….ja was eigentlich? Ist das ein Date? Nein. Dann würde ich ja alleine mit Liz sein und nicht zufällig ihre ganze Familie kennenlernen.

 

Ich entschließe mich zum Friseur zu gehen, der 500 Meter von uns entfernt, einen Laden betreibt, der für deutsche Verhältnisse sehr billig ist. 100 Rupien, also knapp 1,30 Euro bezahlt man fürs Haareschneiden und wenn man spendabel ist, lässt man sich auch den Bart für dreißig Rupien mehr, richten. Nach einer halben Stunde sehe ich ganz vernünftig aus, zahle meinen Anteil ziehe mich daheim um und mache mich auf den Weg. Ich werde zu früh bei Liz aufkreuzen, die sich darüber jedoch sehr freut, als ich ihr die Nachricht überbringe. Auf die Frage, warum ich so früh erscheinen würde, antworte ich kichernd mit „German spirit.“

Dann jedoch verschärft sich meine Nervosität. Warum das? Nun ja. Seht selbst..

 

Liz: „Ach übrigens: Was, wenn mein Vater fragt, wie wir uns kennengelernt haben? Was sagst du?

 

Ich: „Was sollte ich denn sagen? Zufällige Begegnung? Wir haben uns irgendwo getroffen und haben uns sofort verstanden?

 

Liz: „Das schaut so aus, als würden wir uns daten.“

 

Ich: „Wie wär´s mit der Wahrheit?“

 

Liz: „Er erlaubt mir nicht alleine Taxi zu fahren, Süßer, Das ist das Problem. Sagen wir, wir haben uns auf einer Charity-Aktion getroffen.“


Ich: „Einem Festival für Charity-Aktionen!

 

Liz: „Und worum ging es da? Kinder?“

 

Ich: „Genau! Ein Event um Kinder aus Ureinwohnergebieten zu schützen!“

 

Liz: „Super Geschichte! So machen wir das! Ich freu mich auf dich.“


Ich: „Bin gleich da!“

 

Das gibt meiner Aufregung den Rest. Was, wenn mich ihr Vater fragt, wie wir uns kennengelernt haben und ich unsere zusammengesponnene Geschichte vergesse? Wie unangenehm wäre das!

Ich trete vor Liz´Haus, sie erwartet mich bereits, begrüßt mich euphorisch und zieht mich in ein Zimmer voller Sofas.

„Du wirkst etwas aufgeregt. Alles gut?“

„Ich? Aufgeregt? Ach was, alles super!“ versuche ich den Schein zu wahren, aber ich sehe in ihren Augen, dass sie mir nicht glaubt. Ich bin ein schlechter Schauspieler.

Wir unterhalten uns gut zwanzig Minuten, ehe wir auf´s Dach des Hauses steigen, wo bereits mehrere Reihen Stühle stehen und zwei kleine Flutlichtanlagen die Nacht erleuchten, ganz zum Wohlergehen tausender Insekten, die magisch vom Licht angezogen werden und sich auf den Gästen niederlassen. Innerhalb einiger Stunden würden unzählige Stühle in den Schatten gerückt werden, sodass die einstige Stuhlposition, im Endeffekt sehr seltsam aussah.

 

Ganz vorne ist ein kleiner Schrein errichtet worden. Neben Kerzen und Blumen steht ein Bild von Grace, der Verstorbenen. Ich kann den Blick nicht von ihr lassen, ich weiß nicht warum. Ich kannte diese Frau nicht, weiß nur ihren Namen und trotzdem bin ich nun auf ihrer Todesfeier. Vielleicht erhoffe ich mir, durch genaueres Hinsehen, etwas von ihrer Seele aufzusaugen, oder so. Ich habe keine Ahnung. Die Reihen füllen sich, ich lerne Liz Freunde kennen und auch ihren Vater, einen etwas korpulenteren Inder mit Atze-Schröder-Brille, der zu meinem Glück nicht fragt, wo wir uns denn kennengelernt haben. Liz hatte nie guten Kontakt zu ihm. Erst als ihre Mutter vor einem Jahr starb, bauten sie ein einigermaßen freundschaftliches Verhältnis zu einander auf…

Uns wird ein Programmzettel in die Hand gedrückt und zu meiner Überraschung stelle ich fest, dass ich unter Christen bin.

Und ich habe mir schon den Kopf zermartert, wie ich mögliche hinduistische, oder muslimische Bräuche meistern könnte, doch das ist jetzt wohl nicht mehr nötig.

Vor die dreißig-köpfige Gemeinde tritt nun ein Priester, Rev. A. Bennet und hält eine fröhliche Rede.

„Das Leben ist eine Reise, liebe Menschen! Es beginnt mit dem Leben und endet mit dem Tod. Und Grace hat die Reise geschafft. Sie darf sich ausruhen und kommt vielleicht irgendwann in die Ewigkeit. Seht es einfach so. Sie macht eine verdiente Pause und das ist für alle guten Christen erstrebenswert!“

Priester A. Bennet erinnert mich sehr an einen dieser typischen afroamerikanischen Prediger, die die Massen an Gläubigen mit ihren Reden begeistern und daraufhin ein kräftiges „Halleluja!“ im Gospel-Stil anstimmen. So wirkt er zumindest, kann aber trotz sprießender Euphorie die indische Gemeinde nicht wirklich zum Lachen bringen.

Es werden Lieder gesungen und kleine Reden von Angehörigen gehalten. Man versucht glücklich zu sein, aber spätestens als die Schwester der Verstorbenen bei ihrer Rede anfängt zu weinen, ist es mit Liz vorbei, sie stürmt mit Tränen in den Augen vom Dach, wird aber danach unfreiwillig zurückgeholt, damit der Priester die restliche Familie segnen kann.

Liebend gern hätte ich sie in diesen Momenten ihrer Trauer umarmt, doch ob das so gut, bei ihrer Familie angekommen wäre? Ich weiß ja nicht.

 

Nach dem Gottesdienst, wird Essen gebracht, sehr leckeres Biriyani, bei dem ich mich tatsächlich zügeln muss, nicht zu viel zu essen.

Viele schauen mich dabei irritiert an und sind total geschockt, dass das Essen mir nicht zu scharf ist, aber ich versichere ihnen, dass ich absolut keine Probleme damit habe.

 

Es kommt zu kleinen Small-Talk-Runden, und da mir meist immer dieselben Fragen gestellt werden, bin ich es schon fast leid immer dasselbe zu sagen:

 

„Also, ich bin Leo, komme aus Deutschland, arbeitete für ein Jahr für eine NGO und ja ich mag Indien total. Die Leute sind total nett und hilfsbereit und nein, mir ist das Essen nicht zu scharf. Ob ich alleine hier bin? Nein, es sind noch drei andere in meinem Projekt und wir schlafen alle in einem Zimmer. Komme ich damit zurecht? Total.“

Ich werde zu einer alten, ganz herzzerreißend süßen Tante gesetzt, die mich auf der Stelle umarmt und mich so freundschaftlich empfängt, als sei ich längst Teil dieser Familie. Dieses tiefe Vertrauen in den Menschen, beeindruckt mich zutiefst, meine Nervosität sinkt gegen Null und ich unterhalte mich herzlich mit der alten Dame, die sich richtig freut, als ich ihr meine wenigen auswendiggelernten Telugu-Wörter aufsage. Jedem, der vorbeikommt, gibt sie erstmal Auskunft über mich, sodass mich in kürzester Zeit die gesamte Großfamilie kennt.

„Schaut mal, das ist Leo aus Deutschland! Ein Freund von Liz!“

Ich darf dann begeisterte Hände schütteln, wünsche Onkel, Tanten, Cousins, Cousinen und Großeltern einen guten Abend und grinse wie verrückt.

Den kleinen Kindern wird dann erstmal erklärt wo Deutschland liegt und diese schauen mich dann ungläubig, mit großen brauen Kinderaugen, an und staunen.

Liz erkundet sich die ganze Zeit nach meinem Wohlergehen und meint schließlich, dass ich gehen müsse. Sie sei sehr besorgt, dass kein Taxi mehr kommen und ich verloren gehen würde. Ich versuche ihr zwar zu erklären, dass um 9:00 abends jederzeit noch Taxis kommen würden, schließlich bekäme man noch um Mitternacht eine große Auswahl an Fahrzeugen zu Verfügung gestellt, ich hätte da Erfahrung, doch ihre Sorge um mich ist zu groß. So bestelle ich mir ein Uber-Fahrer und verabschiede mich vom gutmütigen Großmütterchen.

„Gott möge dich segnen“, meint sie zum Abschied.

„Dich auch!“ erwidere ich und muss zugeben, dass das nicht die beste Verabschiedung aller Zeiten war.

 

Gemeinsam stehe ich mit Liz am Eingang und warte. Als das Taxi nur noch zwei Minuten vom Zielort entfernt ist, heiß es Lebewohl zu sagen, sie gibt mir die Hand und gesteht mir, dass es ihr unendlich viel bedeutet hat, dass ich da war.

„Meine Familie mag dich“, stellt sie fest. „Siehst du, du hättest gar nicht so aufgeregt sein müssen. Ich hoffe, wir sehen uns wieder…“

„Auf jeden Fall. Es wäre mir eine Ehre“, lächele ich und hätte Liz gerne umarmt, doch stattdessen verharren wir peinlich lange in der Handschüttelgeste, lassen uns los und schütteln uns nochmal die Hände. Ich habe überhaupt keine Ahnung, was gerade angemessen wäre, grinse peinlich berührt, lasse ihre Hand los, hauche ein „Bye“ und gehe los, aber nicht ohne mich das ein oder andere Mal umzudrehen, bis ich hinter einer Ecke verschwinde und Liz aus den Augen verliere…

 

So endet meine erste Totenfeier überhaupt und ich muss mir eingestehen, dass ich diese relativ gut gemeistert habe, auch wenn meine Aufregung mir fast die Worte geraubt hätte. Doch gerade diese kleinen Erlebnisse sorgen, dafür, dass Indien nach wie vor nicht langweilig wird….

Im Krankenhaus – Die OP….

Die Uhr tickt. Und tickt. Und tickt. Der Sekundenzeiger wandert beharrlich weiter, aber die Zeit will einfach nicht vergehen. Quälend lang vergeht eine Minute. Es herrscht absolute Stille, nur das Piepen der Geräte, die den Herzschlag und den Puls der Kranken messen, ist zu hören. Ich sitze einfach nur da und warte. Es wird langsam dunkel. Der Abend wird zur Nacht. Ich schaue aus der riesigen Fensterfront hinaus, sehe wie sich tausende Lichter über der Stadt erheben und rasend über die Straßen fegen. Bei ihnen scheint die Zeit geradezu zu verfliegen.

Ich komme mir vor wie im Nachmittagsunterricht im Winter. Man sitzt gegen 17:10 immer noch in der Schule, es wird dunkel, du würdest am liebsten total woanders sein und doch musst du noch die letzten zwanzig Minuten im Seminarkurs „Literarische Welten“ aushalten und dir einen Vortrag über „Effi Briest“ anhören. Zäh streckt sich dabei die Zeit, am Morgen hast du in Deutsch ein mit der Note 3 bewertetes Diktat zurückbekommen und ärgerst dich jetzt immer noch darüber, da Deutsch eigentlich dein bestes Fach ist. Du bist total fertig, deine Essensbox, die du am Morgen mit beschmierten Broten bepackt hast, ist leer, du hast Hunger und bist total müde. So ungefähr die Gefühlslage just in diesem Augenblick.

Dann, nach lähmenden 50 Minuten hat das Warten ein Ende! Die Tür wird aufgeschoben und Merlin wird auf einem Krankenbett ins Zimmer gefahren. Wie, als wenn die Schulglocke zum Feierabend bimmeln würde, erwacht mein Körper zu neuer Stärke und rennt dem ermatteten Körper meines Freundes entgegen und…

 

 

Bevor es an dieser Stelle weitergeht, lasst uns ganz am Anfang der Geschichte beginnen. 😛

 

„Du, Leo, ich weiß, das geht jetzt wahnsinnig schnell, aber heute schon soll ich ins Krankenhaus. Würdest du mitkommen?“ fragt Merlin etwas leidend.

„Natürlich! Ich lass dich nicht allein. Ich komme auf jeden Fall mit!“ sage ich entschlossen und meine es auch genauso wie ich es sage.

Merlin hat in letzter Zeit etliche gesundheitliche Rückschläge erlitten, die ihn momentan mehr als nur verzweifeln lassen. Probleme mit dem Magen, Probleme mit dem Rücken und jetzt auch Probleme mit dem großen Zeh. Sein Nagel ist ins Nagelbett eingewachsen, tut weh und dieser Schmerz kann nicht einfach durch Antibiotika gelindert werden, wie es die Ärzte schon bei seinen anderen Problemen versucht haben. Die Betonung liegt hier eindeutig auf „versucht“, da die kleinen bunten Pillen bisher nichts bewirkt haben. Statt zu untersuchen und nach dem Quell des Schmerzes zu forschen, scheint es dem allgemeinen indischen Arzt die beste Methode zu sein den Körper mit Chemie vollzupumpen, wo man eigentlich auch gar nicht weiß, was man da jetzt genau nimmt. Der Arzt verschreibt dir was, dass du dann in der Apotheke abholen kannst. Dort überreicht man dir irgendwelche Pillen, ohne eine Art Beipackzettel, oder Gebrauchsanweisung.

„Nimm das einfach“, so das Motto des Allgemeinmediziners. So haben wir das bisher zumindest erlebt.

Für den Zeh wurden anfangs auch „Painkiller“ verschrieben, aber es war klar, dass das nicht ewig funktionieren würde.

Durch einen gewissen Doktor Adi, den wir mal wieder, wie das ein oder andere Mal auch, beim Chor kennengelernt haben, hatten wir nun Zugang zu allerlei Ärzten und Krankenhäusern und eben dieser Doktor Adi vermittelte uns über einen bekannten Arzt einen weiteren Arzt, der Merlins Problem anpacken würde. Hätten wir diesen Kontakt nicht gehabt, wären wir, entweder noch auf der Suche, oder würden ewig, bis Merlin wieder genesen wäre, warten. Ohne Kontakte, so stellen wir fest, läuft in Indien wenig.

So machen wir uns gegen fünf Uhr nachmittags auf, ich, so vorhersehend, wie ich nun mal bin, stecke ein Ladekabel in meinen Rucksack, in der Hoffnung, dass der Ola-Fahrer (Ola ist ein naher Konkurrent von Uber und weitaus organisierter) einen Anschluss hat, wo ich mein Handy aufladen kann. Das habe ich seit gestern nicht mehr aufgeladen nagt schon gefährlich an der 20% Marke. Wir steigen ins Auto ein und siehe da: Das Auto hat keinen Anschluss. Na super!

Wir brechen auf, den Sonnenuntergang im Rücken und die anbrechende Rush Hour vor uns, doch ein Glück sind wir der besonders anstrengenden Autostillstandsphase noch eine halbe Stunde voraus, sodass es nur eine halbe Stunde benötigt, bis wir schließlich vor den Toren des MaxCure-Krankenhauses stehen, ich auf beiden Beinen und Merlin, etwas Flamingo-artig, auf anderthalb. Wir treten ein. Die Rezeption, sowie der Wartebereich sind im normalen Weiß gehalten und erinnern an ein klassisch europäisches Krankenhaus, nur die Leute unterscheiden sich etwas. Wir nehmen neben einen Inder Platz, der mehr Haare in den Ohren hat, als auf den Kopf und warten auf den Kontakt, den uns Doktor Adi vermittelt hat.

„In Fünf Minuten“, hieß es in seiner Whatsapp-Nachricht, würde er da sein. Hmm. Das waren wohl indische Minuten. Nach einer halben Stunde sitzen wir immer noch da und starren die Wandtafel mit den Namen der Ärzte des Krankenhauses an. Uns fällt auf: Ein Haufen Leute heißt mit Nachnamen „Reddy“ und „Kumar“. Diese Namen haben wir schon häufig auf der Straße gelesen und sind wohl die Prototyp-Nachnamen Indiens. Heißen die Leute in Deutschland „Schmidt“ oder „Schneider“, so heißen sie in Indien „Reddy“, oder „Kumar“. Interessant. Zumindest für fünf Minuten. Danach umarmt uns die Langeweile mit beiden Armen. Wir rekeln uns müde auf den Wartestühlen, gähnen, sehen uns den sinkenden Akkustand unserer Handys an und, insbesondere ich, frage mich, warum ich nur ein LadeKABEL dabeihabe und keinen Adapter, um diesen in eine der vielen Steckdosen des Krankenhauses zu stecken. Manchmal, so sehe ich tragischerweise ein, bin ich doch etwas verpeilt.

Dann kommt er endlich! Doktor Kumar! Er schüttelt Merlin die Hand und zusammen fahren wir mit dem Aufzug einige Etagen höher, gehen einen schmalen Gang entlang, ich höre allerlei Geräte piepsen und plötzlich stehen wir in einem schmuddeligen Raum, der irgendwie schon nach Krankheit riecht. In einer Reihe stehen rostige Gitterbetten mit ausgeblichenen Bettbezügen, ein schummriges Licht strahlt auf uns herunter und überall stehen merkwürdige Geräte und Ampullen. Die Decke ist mit leichtem Schimmel befallen und irgendwie reizt es mich auf einmal meine Hände zu desinfizieren! Zum Glück hängen überall Desinfektionsflaschen an maroden Befestigungen. Auf einmal umringen vier Leute Merlins Fuß und fachsimpeln darüber, was nun zu tun sei. Ich werfe Merlin einen sehr irritierten, erschrockenen Blick zu, er erwidert diesen und wir können nicht anders, als leise verlegen zu lachen.  So etwas haben wir nicht erwartet.

Klar, hatten wir ähnliche Vorstellungen eines indischen Krankenhauses, aber wie es mit diesen Vorstellungen nun einmal ist, weiß man nie so richtig wie man sich etwas vorgestellt hat. Man erwartet es ungefähr so, hat aber keine Bilder davon im Kopf und ist im Endeffekt total geschockt von dem, was man sich eigentlich schon gedacht hat. Sehr seltsam. 😀

 

„Wir operieren heute“, beschließt Doktor Kumar, nach sorgfältiger Betrachtung des großen Zehs.

„Heute?!“ fragen, wir beide sehr geschockt.

„Ja. Mein Agent führt dich jetzt zu einem Doktor der Chirurgie. Der wird mit dir die Einzelheiten besprechen und auch die Operation durchführen.“

Ein lächelnder junger Mann tritt an unsere Seite und führt uns durch viele verschiedene Gänge, kranke Menschen, werden an uns vorbeigeschoben und währenddessen berichtet uns besagter Agent, dass, falls es zur Operation kommen sollte, wir mindestens zwei Stunden hierbleiben sollten.

„Oder ihr bleibt bis morgen. Kommt drauf an, wie heftig deine Schmerzen danach sind“, feixt er und geht freudigen Schrittes voran. Wir beiden schlucken. Es kommt drauf an, wie heftig die Schmerzen sein werden? Oje. Uns schwant Böses.

Wir betreten einen kleinen sterilen Raum, wo ein weiterer Arzt sitzt und erneut Merlins Fuß begutachtet. Wir lassen ihm mit unserer Chorbekanntschaft Doktor Adi telefonieren, der dem Arzt Merlins Krankengeschichte schildert. Zum Schluss will er nochmal mit mir sprechen und mir wird das Telefon gereicht.

„Pass gut auf Merlin auf und bringe ihn sicher nach Hause. Es könnte ihm sehr wehtun.“

„Natürlich…Ich pass auf ihn auf.“ Mittlerweile bin ich doch etwas ängstlich und angespannt, dabei bin ich nicht mal der Patient.

Bevor die Operation losgeht, müssen wir erst einmal zahlen. Mehr als wir erwartet haben. 20.000 Rupien. Das sind mehr als 260 Euro und leider haben wir nur knapp 12.000 Rupien dabei und müssen nun schleunigst einen Bankautomaten finden, der meine Giro-Karte annimmt, da ich bedauerlicherweise den Pin meiner Visa-Karte vergessen habe. Merlin hat kein Geld mehr und ist demensprechend auf meins angewiesen! Mehr als eine halbe Stunde irren wir planlos und verzweifelt durch die Gegend, auf der Suche nach einer guten Bank, doch wir finden einfach keine im Umfeld des Krankenhauses! Merlin versucht mehrere Male hartnäckig unsere Versicherung anzurufen, die nimmt zu allem Überfluss nicht ab, obwohl sie einen 24/7 Service verspricht! Unser Agent ist mit uns total am Ende seines Lateins, ich ärgere mich mal wieder über meine Vergesslichkeit und Merlin schimpf herzzerreißend über unsere Versicherung! Die einzige Möglichkeit ist der Geldautomat des Krankenhauses, der aber keine größeren Summen als 2000 Rupien auf einmal ausspucken will. Dazu erinnert er mich an ein müdes Faultier, so langsam schluckt er meine Karte, schaut sie sich lange prüfend an bis er sie erkennt und genauso lange brauch, um sie wieder auszuspucken, währenddessen ich schon am Hyperventilieren bin und energisch auf die Knöpfe haue. Zu allem Überfluss entscheidet er sich rülpsend nach 4000 Rupien alle zu sein, ich balle wütend die Faust aber sehe ein, dass ich mehr Schäden als der Faultier-Automat davontragen würde, schlüge ich jetzt zu.

Als wir dem Arzt bedauerlicherweise beichten müssen, dass wir nur 16.000 Rupien zur Verfügung stehen haben, blitzt erneut die unglaubliche Hilfs- und Aufopferungsbereitschaft der Inder durch, denn Doktor Kumar übernimmt die restlichen 4000 und bezahlt diese vorerst aus eigener Tasche. Die Operation, die gerade noch gefährdet war, kann losgehen!

Wir werden in ein anderes Krankenzimmer gebracht, wo bereits zwei ziemlich fertige Frauen in den 50ern liegen und vor sich hinvegetieren.  Merlin muss sich einen Hausfrauen-Kittel anziehen, muss Ketten und Uhr ablegen und plötzlich will sich eine Krankenschwester am Band um seinen Arm zu schaffen machen. Das Band, das für jeden für uns Freiwilligen eine ganz bestimmte Bedeutung hat. Es wurde uns mit den besten Wünschen für uns selbst umgebunden, jeder von uns trägt es mit Stolz und verbindet damit seine ganz eigne Symbolik. Und dieses Band soll ihm nun abgeschnitten werden.

„Aber es geht doch um meinen Fuß! Nicht um meine Hand!“ protestiert Merlin, der sowieso schon total irritiert dreinblickt. Dass so ein großes Hallo um seinen Zeh geben würde, hatten wir beide nicht vermutet.

Ich atme kaum merklich tief ein, als es zum Moment kommt, wo die Schere an seinem Handgelenk ansetzt und das Band durchtrennt. Wir sind beide untröstlich.

Dann wird er plötzlich von einem Typ dazu verdonnert sich zu waschen, er wird aus dem Raum geführt, komplett perplex und das Letzte, was ich von meinem Freund sehe, ist wie er im Hausfrauenkittel panisch durch die Gegend schaut und „Warum?!“ vor sich hin säuselt, was ihn irgendwie im Gesamtpaket wie einen geistig Verwirrten aussehen lässt.

Er ist verschwunden. Nicht mehr da? Ich will aus dem Raum gehen, um nach ihm zu schauen, doch die Krankenschwester hält mich auf.

„Er ist jetzt bei der Operation. Du darfst nicht in den Operationssaal.“

„Aber ich bin sein Freund! Es wäre besser, wenn ich bei ihm bleibe“, widerspreche ich ihr.

„Nein. Du bleibst hier.“

Ich werde zum Sitzen verdonnert. „Ich habe ihm nicht verabschiedet“, geht es mir durch den Kopf, währenddessen ich neben den stöhnenden, mittelalterlichen Frauen auf den Krankenbetten, sitze und warte. Ich schaue auf mein Handy. 8%. Damit kann ich mich wohl nicht beschäftigen. Also bleibt mir nichts Anderes übrig, als nichts zu tun. Ich warte und warte und warte….

Und nun, sind wir dort angelangt, wo wir am Anfang waren. Nach einer zehrenden Stunde des Wartens, wird Merlin in den Raum geschoben, er lächelt breit, winkt mir zu und lässt mich wissen, dass die Operation gut verlaufen sei und er kaum Schmerzen habe! Das lässt mich aufatmen! Er schildert mir detailliert von seinen Erlebnissen, mir steht der Mund offen und ich bin schon ein wenig stolz auf ihn, dass er seine allererste Operation so gut gemeistert hat. Bald darauf kann er aufstehen, noch tut sein Fuß nicht weh, dazu ist er viel zu voll mit Schmerzmitteln und gemeinsam humpeln wir heraus aus dem Gänge-Labyrinth des Krankenhauses. Zurück wollen wir auf keinen Fall, das schwören wir uns, während wir den äußerst unprofessionell verpackten Fuß in ein Taxi hieven und davonrollen….

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wir sind in der Zeitung!

Ein kurzer Nachtrag zum gestrigen Beitrag, ohne diesen, versteht man diese kleine Info hier nicht. 

Wie schon vermutet war dieser Lauf der Religionen reine Publicity für die NGO „Rubaroo“. Für sie war der dicke britische Klischee-Diplomat ziemlich hilfreich, denn, wie sich jetzt herausstellt hat die „Hindu“, eine der wichtigsten Zeitungen des Landes über diesen Lauf, im Zusammenhang mit dem Britanier, geschrieben. Angeblich soll der Beitrag auf der zweiten Seite sein, bisher hab ich nur den Internetartikel gelesen und war ganz erschaunt, als ich auf das einzige Bild der Zusammenfassung blickte und mich und Merlin zwischen dem Diplomaten sitzen sah. Dementsprechend sind wir also in der indischen Zeitung! Das muss man mal hinkriegen. 😀 😊

http://www.thehindu.com/news/cities/Hyderabad/a-walk-appreciating-heritage/article20464012.ece

Hyderabad – Ort der Toleranz 

Wir sitzen in Sid´s Auto und tuckern durch die Rush Hour Hyderabads. Ich habe auf dem Rücksitz, mit einem McFlurry-Eisbecher von McDonalds auf dem Schoß, Platz gefunden und sehe zu, wie die Stadt an uns vorbeizieht. Wir wollen zu einem „Lauf der Religionen“, der uns auf Facebook groß präsentiert wurde. Das wollen wir, in dem Fall Merlin und ich, uns nicht entgehen lassen. Unsere Vorstellung dieses Laufes ist es 1. sehr viel zu laufen und 2. sehr viel über Religion zu lernen. Sid, ein mittlerweile sehr guter Freund von uns, dem wir beim Chor kennengelernt haben, ist ebenfalls ganz gespannt was uns erwartet. Ihm könnte ich übrigens den ganzen Tag lang dabei zuhören, wie er Englisch redet. Man versteht jedes einzelne Wort, jeden einzelnen Satz, weil er nach Manier eines Sängers und wohlmöglich auch eines Schauspielers jedes Wort so betont, als sei es das schönste Wort der Welt.

„Hey Sid! Wie verstehen sich eigentlich Hindus und Moslems in Hyderabad“, frage ich auf einmal. Die Frage kommt nicht von irgendwo, nein, sondern hat ihren Grund. In letzter Zeit sind wir oft durch die riesigen Moslem-Viertel in Hyderabad gefahren, wo sich Burkas mit den traditionellen Hindu-Kleidern mischten und es überhaupt keinen Anschein gab, dass sich Hindus nicht mit Moslems verstehen würden. Zudem war es doch im Laufe der Geschichte immer wieder zu Ausschreitungen zwischen Hindus und Muslimen in Indien gekommen, das zeigt auch das Bild, was wir in Deutschland über Indien haben, wenn man über diese beiden Religionen redet.

„Sagen wir es mal so: Ursprünglich komme ich aus Ahmedabad, das ist eine Stadt im Bundesstaat Gujarat. Dort war es normal Moslems nicht zu mögen. Man gab sich einfach nicht mit ihnen ab. Punkt! So war es eben. Dann bin ich nach Hyderabad gekommen und war von gerührt der Harmonie und dem Frieden, der zwischen beiden Parteien herrschte und ich kann euch versichern, dass man so etwas nicht oft in Indien findet. Die Hindus lernen sogar Urdu, die national verbreitete Sprache der Moslems, um sich mit ihnen zu verständigen.“

Ungefähr so, habe ich mir das schon gedacht. Klar, man sieht es immer wieder mit eigenen Augen, dass sich die beiden Parteien anscheinend sehr gut hier verstehen, aber von diesen kleinen Einzelheiten der Toleranz zu hören, verschönert das innere Bild, dass man mittlerweile von Hyderabad aufgebaut hat.

Die Spannungen zwischen Hindus und Moslems waren unter anderem der maßgebliche Grund, warum die Briten nach dem zweiten Weltkrieg, eine Zwangsumsiedlung aller Moslems nach Pakistan und aller Hindus nach Indien durchführten. Genau deshalb gibt es nach wie vor sehr komplizierte Beziehungen zwischen den beiden Staaten. Bei der Beantragung des Visums wurde man sogar gefragt, ob man Beziehungen nach Pakistan hätte, oder ob man Verwandte besäße, die mal dort gewesen waren. Hätte ich die Fragen mit ja beantwortet, wäre die Beantragung des Visums wahrscheinlich um einiges schwieriger geworden, als sie ohnehin schon war.

Der Hinduismus übrigens, bezog für mehrere Jahrhunderte lang eine eher untergeordnete Rolle in Indien. Mehr als 600 Jahre beherrschten die muslimischen Mogul-Kaiser fast den gesamten Subkontinent, der letzte Kaiser wurde erst mit dem Beginn der britischen Kolonialherrschaft abgesetzt und heute leben rund 160 Millionen Gläubige des Islams im Land. Damit gehört Indien zu der Region wo die meisten Muslime der Welt leben, aber dennoch unterdrückt werden und oft Opfer von inter-religiöser Gewalt gehören. Manche radikale Hindu-Nationalisten bezeichnen sie sogar als „Feinde der Nation.“

Wir kommen zum vereinbarten Treffpunkt, steigen aus und finden auf der Stelle sehr agile und optimistische Leute, einer NGO, namens „Rubaroo“ vor, die sich als Aufgabe gesetzt hat sexuellen Missbrauch von Kindern und Frauen zu bekämpfen. Sie organisieren diesen Lauf und während wir auf mehr Leute warten, unterhalten wir uns lebhaft, darüber das Frauen definitiv mehr Macht in Führungspositionen haben sollten. Zudem sind ihnen genau zwei Personen aus Deutschland sehr geläufig. Angela Merkel und…Hitler. Die meisten Inder scheinen Hitler irgendwie zu mögen und diese hier können mir auch erklären wieso:

„Alles hat immer zwei Seiten. Eine gute und eine schlechte. Eine schlechte Seite hatte Ghandi zum Beispiel auch. Ghandi war nicht gut, nein, er hat auch Schlechtes für unser Land hervorgebracht! Und Hitler war eine große Führungsperson!“

Das schon, ja, aber ich kann beim besten Willen nichts finden, was Hitler irgendwie gut machen könnte, auch wenn er ein großer Anführer war. Millionen von Tote kommen nicht von irgendwo her….

Die Inder lieben ihr Land, das merkt man auch bei der Vorstellungsrunde, wo wir jeweils unseren Namen und unseren größten Traum nennen sollen. Einer meiner Gesprächspartner will Indien wieder großmachen, ein anderer lebt seinen Traum bereits, nur weil er gerade in Indien und nicht irgendwo anders lebt.

Dann kommt die Frage wie ich Angela Merkel finden würde, man höre ja ständig von ihr, da sie beim G20-Gipfel stets eine wichtige Rolle einnehme und mit Frankreich und allen anderen Ländern so eine gute Beziehung habe.

Der Moment, wenn man sich mit Indern über deutsche Politik unterhält und sie sich fast besser auskennen, als man selbst. 😀

 Dann geht der Lauf los. Mit mehr als dreißig Leuten geht es durch den indischen Verkehr und schnell bemerken wir, dass dieses Ereignis mehr Publicity für „Rubaroo“ ist, als irgendetwas anderes.

Mit von der Partie: Ein britischer Diplomat, ein dicker reicher Mittelstands-Brite, wie er im Buche steht! Fehlt nur noch die Tasse Tee in der Hand und das Klischee wäre perfekt. Ständig wird er, zusammen mit einem Plakat der NGO, fotografiert und ausnahmsweise sind es nicht wir, die Aufmerksamkeit erzeugen. Aus unserem Glauben, kilometerweit zu laufen wird nichts. Wir besuchen innerhalb von zweieinhalb Stunden drei Plätze, die alle ungefähr 500 Meter auseinanderliegen. Erst halten wir bei einem Heim für Straßenkinder an. Warum? Nun, dieses Heim ist dem italienischen Priester Giovanni Bosco, meist Don Bosco genannt, gewidmet, der bekannt war für seine Theorien von Erziehungszielen und Erziehungsmitteln. Um zu zeigen, wie verwurzelt das Christentum in Hyderabad ist, betreten wir also das kleine Heim und wirklich gut finden wir das nicht. Die Straßenkinder werden jetzt von mehr als dreißig fremden Leuten begafft, wie in einer Art Zoo und drum verlassen wir als erstes das kleine Gebäude.

Nächstes Ziel ist ein 100 Jahre alter hinduistischer Tempel, wo wir uns setzen und darüber reden, das der Hinduismus, nicht nimmt, sondern gibt und allen ihre Freiheiten gewährt. Dann wird genau das Thema aufgegriffen, dass wir vorhin auch im Auto besprochen haben. Das gute Verhältnis zwischen Hindus und Moslems. Kein Moslem würde in Hyderabad Kuhfleisch essen, einfach weil es die Religion nebenan für sich als obersten Kodex gesetzt hat, die heiligen Tiere nicht zu verspeisen. Im Gegenzug würde kein Hindu Schweinefleisch, dass für die Moslems unrein ist, essen. 

Ein junger Mitarbeiter von „Rubaroo“ gesteht, dass er daheim drei Altare stehen hat. Einen hinduistischen Gott, eine muslimische Statue und Jesus. Wenn er aufsteht betet er zu allen dreien.

 Und warum ich das tue? Es ist egal welchen Gott ich anbete, sie sind im Endeffekt alle gleich! Es spielt keine Rolle. It doesn´t matter!“ Zustimmender, euphorischer Applaus, auch vom hinduistischen Priester des Tempels, der einen Übersetzer brauch, weil er nur Telugu spricht.

It doesn´t matter! It doesn´t matter! It doesn´t matter!” ruft es in meinem Kopf. Diese Leute sind so was von cool! Denen hätte ich „Nathan den Weisen“ geben sollen und nicht meinen Freund aus dem Konsulat, der das Buch schon etwas komisch beäugte, als ich ihm erzählte, dass es auch um Moslems gehen würde. Gut, er ist in dem Sinne auch etwas dadurch vorbelastet, dass er ursprünglich aus dem Norden Indiens kommt, der durchaus rauer und intoleranter gegen über Fremden sein soll, aber das ist Sid beispielsweise auch und auch der grinst wie verrückt, bei den Worten des „Rubaroo“-Mitarbeiters.

Der Rest des Laufes ist total geschenkt. Die beiden Hauptorganisatoren reden und reden und reden. Zwischendurch laufen wir zu einem muslimischen Markt und dort reden und reden und reden sie ohne Punkt und Komma weiter. Es wäre interessant gewesen, hätten sie mehr Inhalt in ihre Worte gelegt, denn das was sie sagen, ist eine Mischung aus Kitsch und Poesie. Merlin und Ich haben bald keine Lust mehr und als das hundertste Foto von der Gruppe zusammen mit einem „Rubaroo“-Tranparent, zum Wohle ihrer Publicity mit dem Quoten-Briten, gemacht werden soll, schleichen wir uns mit Sid heimlich davon.

Es ist schon spät, kein Restaurant hat mehr offen, obwohl sich ein kleiner Hunger bei uns breitmacht. Wir suchen verzweifelt nach einem Leckerbissen, finden aber nur eine lauwarme Dosencola. Die tut es für den Moment auch.

So brausen wir Cola schlürfend durch die Nacht, der Verkehr hat sich aufgelöst, es geht schnell voran und während wir an einer wiederkäuenden Kuh mitten auf dem Mittelstreifen vorbeifahren, wird mir klar, dass Hyderabad gar nicht so schlecht ist, wie anfangs gedacht.

Die Menschen hier sind unglaublich tolerant und aufgeklärt, wie es in anderen Gebieten nicht der Fall ist. Hier können Hindus, Christen und Moslems zusammen, ohne Probleme leben, sie unterstützen sich gegenseitig und lernen sowohl die Eigenarten als auch die Sprachen der anderen und genau diese Harmonie verspürt man ungeheuer gerne.

Hyderabad, da wo es egal ist, welcher Religion du nachgehst. It doesn´t matter….

Hyderabad – Eine graue Stadt voller bunter Geschichten?

Viel zu oft habe ich im Negativen über sie gesprochen. Immer, wenn wir aus der Natur zurückkamen schimpfte ich über diese Stadt, weil sie so laut, so dreckig und überhaupt nicht grün genug sei. Und das ist einfach nicht gerecht, wie ich jetzt bemerke. Denn Hyderabad kann auch anders, bietet mehr als nur Grau und ist ein Ort an dem viele Geschichten hängen, auch wenn wir erst drei Monate hier sind. Drum hier nun, meine Damen und Herren, Hyderabad im Profil.:)

 

Alles eine Frage der Gewohnheit:

Irgendwann habe ich mal geschrieben, dass es mir schwerfiele die Trostlosigkeit der Stadt zu ertragen. Überall Müll, überall unverputzte Häuser, überall Gestank und, und, und. Das war, als ich gerademal einen Monat hinter mir hatte. Davor habe ich das alles gar nicht gesehen, sei es der aufregenden Eingewöhnung wegen. Plötzlich registrierte ich all das auf einmal und kam mir ganz schlecht dabei vor, Hyderabad so zu sehen, wie es nun einmal war. Jetzt, zwei Monate später, ist dem nicht mehr so, nein, vielmehr entdeckt man die Idylle in der Trostlosigkeit, die eigentlich gar keine mehr ist. Es ist normal geworden. Man nimmt es einfach hin, dass riesige graue Bauruinen einfach in der Landschaft stehen, ja man findet es sogar spannend in ein riesiges Loch voller Bauschutt zu starren, um die kleinen Arbeiterchen dort arbeiten zu sehen

Ja, zwei Monate Differenz klingen wahrlich nicht lang und es würde mir unvorstellbar vorkommen, dass sich ein ganzes Stadtbild vom Empfinden her, so schnell wandeln kann, wäre ich nicht hier. Ich bin es aber und kann bestätigen, dass es einfach wunderschön ist, mit Musik in den Ohren, durch Hyderabad zu fahren. Mit ganz viel Fantasie könnte es auch Berlin sein, durch das man braust, so viele Unterschiede findet man einfach nicht mehr.

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Die Leute, die mit ihrer Gitarre, oder ihren neugekauften Fernseher, auf ihrem Motorroller hupend durch die Gegend sausen, könnten genauso gut in der Berliner S-Bahn sitzen und dort würde man sich genauso darüber amüsieren, dass die Menschen ihren ganzen Krams mit auf Reisen nehmen. Man gewöhnt und entwöhnt sich an vieles. Neulich hat unsere Chefin von einer Geschäftsreise nach Amsterdam typisch deutsches Schwarzbrot und Käse mitgebracht. Merlin stürzte sich gierig darauf und für ihn schien es die größte Erfüllung zu sein, endlich wieder deutsches Brot zu essen. Mir jedoch mundete dieser Laib überhaupt nicht, ebenso wenig, wie der Käse. Ich war ganz entrüstet über mich selbst, dass mir deutsches Essen auf einmal nicht mehr schmeckte, ich aß lieber den Reis mit Samba und war mehr als zufrieden.

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Hyderabad schockt uns nicht mehr. Es ist ebenso zum Alltag geworden, wie das Essen und mittlerweile sind wir sowohl mit den Verkehrsmitteln, dem Verkehr, als auch den Vierteln vertraut und die Einheimischen mittlerweile mit uns. Neulich durfte ich von einer Familie, die einen kleinen Süßigkeitenladen betreibt, Fotos machen und seitdem werde ich immer sehr lieb angelächelt.

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Man lernt immer mehr Leute kennen und manche werden immer mehr zu Freunden. Wie der Konsulatschef, bei dem ich neulich noch einmal war. Er wird uns als mächtiger Kontakt erhalten bleiben und vielleicht backen wir ihm demnächst einmal einen Kuchen. 🙂

 

Uber, Riksha oder Bus?

„Nun, wie kommen wir denn jetzt am besten zu diesem großen Einkaufsmarkt?“ fragt Merlin.

„Mit dem Bus!“ sagen Skrollan und Toni.

„Mit Uber!“ erwidern wir Jungs.

„Quatsch, das ist viel zu teuer!“ entgegnen die Mädels.

„Uber ist aber viel entspannter!“ werfen wir ein.

Ja, in der Tat, unsere Gruppe ist in der Hinsicht recht gespalten, wenn es darum geht zu entscheiden mit welchem Verkehrsmittel wir wohin fahren, sind doch beide Parteien mittlerweile fest in ihrer Meinung.

Busfahren war anfangs noch aufregend, man musste damit klarkommen, dass Männer und Frauen getrennt sitzen und war erstaunt wie kräftig der Fahrer auf die Hupe drückte. Doch nun kennt man den Prozess des Hupens schon und für uns Jungs ist der gesamte Ablauf des Busfahrens nur noch nervig. Hier mal einige Kritikpunkte:

  1. Man steht mindestens 20 Minuten an der Bushaltestelle und wartet. Man weiß nie wann der Bus kommt, geschweige denn, dass der überhaupt kommt.
  2. Der Bus ist meistens proppenvoll, Menschen drängen sich zusammen, man hat ständig Hintern im Gesicht und muss sich immer durch die Massen kämpfen, um raus zu kommen. Wir haben schon Busse gesehen, wo die Menschen regelrecht raushangen, weil sie keinen Platz mehr hatten.
  3. Es ist warm. Durch die große Anzahl an Menschen und die fehlende Anzahl an Klimaanlagen, die Fenster sind die einigen Möglichkeiten Luft zu bekommen, erhitzt sich so ein Bus doch relativ schnell.
  4. Du kommst kaum voran. Die Vehikel sind riesig und wenn der Verkehr droht vollends zu erliegen, kommt man mit einem schnelleren Gefährt deutlich schneller durch die Stadt

Der einzige Pluspunkt ist, dass man kaum was für bezahlt. 12 Rupien sind nichts, weniger als 50 Cent gibt man für eine Fahrt aus und das ist nach wie vor, das Totschlagargument der Mädels, denn ein Uber-Fahrer ist meist nicht unter 150 Rupien zu bekommen. Klar, dass sind vielleicht auch nur 2 Euro, aber man rechnet mittlerweile nicht mehr in Euro, sondern so, wie es die Einheimischen tun würden und für 150 Rupien, kann man schon ordentlich viel bekommen. 10 Bananen, beispielsweise kosten an unserem Lieblingsstand 40 Rupien (Erstaunlich, in Deutschland kenne ich den Preis für Bananen nicht).  Drum könntest du dir mit 150 einen ganzen Haufen kaufen.

Längere Uber-Strecken kosten gut und gerne 300 Rupien und das wollen die Mädels nicht bezahlen.

Es ist jedoch ganz schön, wenn man ein Auto ganz für sich allein und keine Hintern im Gesicht hat. Ebenfalls gibt’s eine Klimaanlage, ein Radio, warme Sitze, alles was das Herz begehrt.

Wenn du beispielsweise um 14:50 los zum Haus deiner Freunde möchtest, bestellst du einfach ein Taxi vor deine Haustür und ganz sicher wird eins um 14:50 da sein und dich dorthin fahren, wo du hinwillst, dank Navigationsgerät. Zudem kann man da nette Leute kennenlernen, nimmt man Uber-Pool. Beispiel hierfür: Liz, die ich seit zwei Monaten bereits kenne und mich jetzt zum einjährigen Todestag ihrer Mutter eingeladen hat. Es gibt schönere Dates, zu schöneren Anlässen, aber so lernt man auch Leute kennen.:D

Zum Schluss gäbe es dann noch die gute, altbewährte Riksha, die ein Zwischending aus allem ist. Sie kostet um die 40 Rupien, nur maximal 10 Leute passen hinein und sie ist schnell und wendig. Problem: Wenn man mal am Straßenrand steht und wirklich eine benötigt, ist keine da. Läuft man aber einfach so die Straße runter, hält alle fünf Minuten ein Riksha-Fahrer an und fragt, ob du nicht ne Fahrgelegenheit brauchst. Meist sind Rikschas also immer zur falschen Zeit am falschen Ort.

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Übrigens versagen alle Fahrzeuge in der Rush Hour. Die beginnt gegen fünf Uhr nachmittags und endet gegen acht Uhr abends. Um die Zeit wollen alle 6 Millionen Einwohner Hyderabads nach Hause und wenn du in diesem Abschnitt ein Uber-Taxi bestellst, ist es sicher, dass es erst in einer halben Stunde ankommt und dann das Doppelte der Zeit brauchst. Das ist schon nervig, aber mit dem Bus, der noch voller ist als sonst, diese Strecke zu nehmen, ist tödlich. Hitze, Menschen, Gehupe, ständiges ruckartiges Anhalten, weil ein Motorrad sich entschieden hat den Bus zu überholen und direkt vor ihm zu fahren, macht Busfahren zur Rush-Hour zu einem Himmelfahrtskommando. Um die Zeit ist man lieber zuhause und schreibt Blog. 🙂

 

Freiwilligengemeinschaft

Doch trotz Rush Hour entscheiden wir manchmal gerne für das Risiko? Wofür? Für unsere Freunde. Insgesamt elf deutsche Freiwillige leben hier und mittlerweile hat man sie alle liebgewonnen und es macht Spaß mit ihnen ein neues Restaurant auszutesten, zu Wandern, Spiele zu spielen, oder auch ins Hylife, den Club, den wir bereits am dritten Tag nach unserer Ankunft besucht haben, zu gehen. Gemeinsam feiern wir Geburtstage und gehen zum Chor, des schweizerischen Einsiedlers Joe Koster. Man freut sich jede Woche auf´s Wochenende, wenn man endlich Stella, Lion, Moritz, Jurek, Toni, Fabian, Tine und den Nils wiedersehen kann, um mit ihnen irgendwas zu starten, da die meisten doch zu viel Arbeit haben, um sich unter der Woche zu treffen.

Auch ist es schön, dass man zusammen was erreichen kann. Der Chor unter der Führung des Schweizers Joe Koster, hatte zuletzt eine Aufführung, bei der „Lala-Land“-Lieder gesungen wurden und Merlin war mit Stella und Tine, als Sänger mit dabei. Tage davor übte Merlin jeden Morgen diese Lieder ein, die er zusammen mit den anderen singen würde und im Endeffekt machte sich das bezahlt. Zusammen mit den anderen, die nicht sangen, saß ich am Tag der Aufführung, mit gut 60 indischen Zuschauern im Saal einer großen Privatschule und hörte das, wofür der Chor und unsere drei Freiwilligen wochenlang geübt hatten. Und es klang gut! So gut, dass ich Gänsehaut bekam.

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Zusammen, wenn auch nicht unter der gleichen Leistung, hatten wir etwas erreicht und es war uns egal, dass nach unserer Gruppe ein sehr professioneller und bekannter Kinderchor an die Reihe kam, der viel besser singen konnte und mehr Applaus bekam. Der hatte das schon öfters gemacht, wahre Profis waren am Werk und die schienen gut darin zu sein, Mitleid zu erzeugen.

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Die Lehrerin der Kinder sang nämlich auch ein Lied, jedoch mit der Vorgeschichte, dass dieses Lied immer bei ihrer Oma lief, die dieses Jahr jedoch leider verstorben war. In allen Ehren würde die Enkelin nun dieses Lied singen und es klang auch gut, war aber eben nicht emotional, wie es bei uns der Fall gewesen war.

Total glücklich fuhren wir danach in ein Restaurant und stießen zum Wohle aller an und spottete gemeinsam über den Kinderchor… 

Hyderabad – Eine graue Ödnis?

Wir schreiben das zweite Mal im Hylife, unseren Lieblings-Club in Jubelee Hills, einem der drei Reichenviertel, wo es uns öfters hin verschlägt. In guten Erinnerungen an das erste Mal, wo wir komplett perplex über diese „zweite Welt“ waren, die uns mit Alkohol und Hotpants, statt Sitte und traditionellen Gewändern, in ihren Bann zog (Beitrag Gegensätze), feiern wir Skrollans Geburtstag. Wir unterscheiden uns sehr vom Rest, da wir nicht die teuersten Markenklamotten tragen und nicht einen fetten BMW vor der Tür stehen haben, nein, einige von uns sind nach wie vor in Flipflops unterwegs und sind mit der Riksha gekommen. Das sind damals auch, aber heute ist irgendetwas im Busch. Damals fanden die indischen Jungs nicht nur unsere Mädels spannend, sondern uns auch, sodass wir zusammen tanzten, tranken, schwitzten und uns in pure Ektase stürzten bis wir nicht mehr konnten. Jetzt lassen die Jungs und Jungs links liegen und irgendwie macht das so kein Spaß mehr.

Der Abend vergeht irgendwie, wir fahren heim und gehen schlafen. Am Morgen bin ich heiser, mir dröhnt der Kopf und ich kann kaum was hören. Beste Voraussetzung um einen Ausflug zu machen! Das meint zumindest Hanumanth, unser…ja,….äh…Hausmeister? Irgendwie ist er immer im Haus, schraubt mal hier, mal dort, aber steht sonst die ganze Zeit in der Gegend rum und wenn man ihn fragt, was heute so seine Ziele sind, zuckt er mit den Schultern. Doch heute kommt er punkt 9:00 Uhr ins Zimmer und fragt uns Jungs, ob wir denn nicht Lust auf ne Spritztour hätten. Wohin, will er uns nicht sagen. Merlin ist gleich Feuer und Flamme. Ich jedoch weiß nicht mal, ob ich es schaffe aufzustehen.

Trotzdem sitze ich wenig später irgendwie auf Hanumanth´s Motorrad und auf geht die wilde Fahrt. Mal wieder hupt, kreischt, und dröhnt alles, ich dachte zwar, ich hätte mich dran gewöhnt, aber mit leichten Schwindelerscheinungen, starker Müdigkeit und sehr empfindlichen Ohren ist Hyderabad nochmal ein gaanz anderes Erlebnis.

Wie fahren an mehreren Militärkasernen vorbei, merken wie grüner und leiser die Gegend wird, bis wir irgendwann auf die Autobahn abbiegen. Ohne Witz, in meinem Zustand hätte ich auf dem Motorrad einschlafen können, so geschafft war ich.

Dann halten wir plötzlich und wir sehen, wo uns unser Freund hinführen wollte. Ein riesiger klarer See liegt vor uns, wir laufen ihm entgegen, Libellen summen durch die Luft, klares Wasser plätschert um meine Füße und just in diesem Augenblick hätte ich einfach in den Fluten versinken können. Wir setzen uns an Ufer, Hanumanth holt eine Kokosnuss hervor, schlägt sie auf und verteilt das Fruchtfleisch. Während, wir die Füße ins Wasser halten und an unserer Kokosnuss knabbern, wird mir bewusst, dass Hyderabad keineswegs nur grau ist, wie ich es sonst immer beschrieb. 

Ich war bisher immer nur an den falschen Orten. Es gibt sehr viele Parks in der Nähe, wir waren da lediglich noch nie, da sie zu weit von uns entfernt liegen.  Dort möchte ich unbedingt hin, doch vielleicht lieber dann, wenn keine Club-Nacht mir in den Knochen liegt.

Doch jetzt wissen wir, Hyderabad kann auch bunt.

Eines anderen Tages werden wir auch mehr über die verschiedenen Viertel lernen und wie sehr diese für die verschiedenen Kasten der Inder stehen. Über das Kastensystem wird nämlich noch einiges zu schreiben sein. 🙂

Bis dann!

 

 

 

 

 

Indien und der Hinduismus

Für mich sind Kulturen und Religionen wahnsinnig interessant, obwohl ich nicht vollständig daran glaube. Ich selbst bin zwar Christ, aber nicht unbedingt der treuste Anhänger. Jedoch ist es ab und zu schön etwas zu haben, woran man festhalten kann, etwas Überirdisches, was einem den Glauben in schlechten Tagen zurückgibt. Und da ich mich ja nun in Indien befinde, habe ich mich gefragt, woran die meisten Menschen hier glauben.

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Das ist gar nicht so leicht zu beantworten. Klar, 80% der Bevölkerung sind Hindus, aber der Hinduismus ist gar nicht so leicht zu kategorisieren, wie das Christentum, oder der Islam. Es ist ein riesiger Komplex aus religiösen Traditionen, wo man weder sagen kann, dass die Leute an mehrere Götter, oder einen Gott glauben. Entweder erscheinen ihre Götzenbilder als persönliche, oder unpersönliche Wesen und zu allem Überfluss gibt es auch kein gemeinsames Glaubensbekenntnis, oder eine große Organisation, die die Macht über alle Gläubigen hätte.

Drum, so musste ich bei meiner Recherche feststellen, kann man den Hinduismus nicht in drei Seiten zusammenfassen, was mein eigentliches Ziel war. Drum versuche ich ein ungefähres Bild, dieser Religion zu vermitteln. Viel Spaß! 🙂

 

Weltweit gibt es über eine Milliarde Hindus, davon leben rund 92% in Indien. Der Rest lebt in Nepal und den umliegenden Gebieten. Schaut man sich jedoch mal eine Weltkarte mit der ungefähren Hindu-Verteilung an, so fällt einem auf einmal ein kleiner Flecken Erde auf, von dem man überhaupt keine Ahnung hatte, dass er 1. existiert und 2. hinduistisch geprägt ist.

Die Rede ist von Guyana, einem kleinen Land in Südamerika, wo die ungefähre Hälfte der Bevölkerung aus Indern besteht. 30% Hindus leben dort und das hat mich echt aus den Socken gehauen, gerade in Südamerika, dass eher christlich geprägt ist. Sachen gibt´s!

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Für mich hat sich jedoch die Frage gestellt, wie die Inder denn auf die andere Seite der Welt kamen. Das war ungefähr so: Guyana war um 1830 herum eine britische Kolonie, ein Gebiet, noch Sklaven alle Arbeit verrichten mussten. Irgendwann dann wurde die Sklaverei abgeschafft und niemand wollte mehr den Arbeiten nachgehen, die die Sklaven einstmals taten. So holten die Briten einfach indische Kontraktarbeiter aus Britisch-Indien als Sklavenersatz und ließen diese Schuften. Drum leben bis heute fast genauso viele Inder in Guyana, wie Einheimische.

 

Weiter im Text:

Wie und wann gründeten sich die ersten Züge des Hinduismus? Wohl ungefähr ab Mitte des 2. Jahrtausends v. Christus. Davor ist nichts über das religiöse Leben in der Frühsteinzeit bekannt. Man nimmt an, dass vorher Muttergottheiten und Bäume verehrt wurden.

Später jedoch kamen Stammesgruppen indoiranischer Viernormaden ins nördliche Indien. Es ist unübersehbar, dass sich in diesem Zeitraum eine Kultur ausbreitete, die wegen ihrer Texte auch als vedische Kultur bezeichnet wird. Diese vedische Religion ist wohl eine der frühesten Ausläufer einer Religion, die bald zum Hinduismus werden sollte. Heutzutage haben die Veden, das ist so eine Sammlung von religiösen Texten, die wohl aus genau jener Vedenzeit stammen, kaum noch eine Bedeutung, aber gelten nach wie vor als Synonym für unantastbare, absolute Wahrheiten.  Die Vedischen nannten sich übrigens Arier, was in ihrer Sprache wohl „gastlich“, oder „die Gastfreien“ bedeutete. Damit wurden Werte wie Gastfreundschaft und Wahrhaftigkeit ausgedrückt.

Die Arier breiteten sich nur in Indien aus, nein, sondern auch in Richtung Iran, wo man heute noch in der Nähe der Stadt Schiraz eine Inschrift von Dareios dem Ersten, dem König von Persien, in einem Felsrelief findet: „Ich bin Darius, der große König […], ein Perser, Sohn eines Persers, ein Arier, welcher eine arische Abstammung hat.“

Erst später entwickelte sich aus dem eigentlich so freundlichen Bedeutung die, die wir heute kennen. An dieser Entwicklung waren ziemlich viele Leute in unterschiedlichen Zeitaltern beteiligt, aber einer brachte es auf den Punkt. Der Franzose Arthur de Gobineau, der im 19. Jahrhundert lebte. Er legte fest, dass Arier „die Ehrenhaften“ bedeutete und stellte einen etymologischen Zusammenhang zwischen Arier und dem deutschen Wort „Ehre“ her. Er kannte

Drei Rassen, wovon die arische Rasse allen anderen weitaus überlegen und in ihrer reinsten Form durch den französischen Adel repräsentiert sei.

So haben die frühen Ausläufer des Hinduismus unfreiwillig Beihilfe für einen deutschen Begriff beigetragen, der heute, nicht ohne eine nationalsozialistische Färbung in Verbindung gebracht werden kann, obwohl „Arier“ eigentlich genau das Gegenteil bedeutet. Gastfreundlichkeit und Ausgrenzung haben nichts mit einander zu tun.

Auf jeden Fall gab es dann ganz viele vedische Phasen, bis man zum eigentlichen modernen Hinduismus kam.

Das Wort „Hindu“ stammt aus dem Persischen und beschreibt den Fluss „Indus“, der in Sanskrit, einer sehr alten Sprache, wiederum Sindhu heißt.

Als das antike Griechenland unter Alexander dem Großen bis in den indischen Subkontinent eindrang, konnte Alexander dieses „Sinhu“ nicht aussprechen und schuf prompt das Wort Hindu. Das ließ sich deutlich leichter sagen. Zudem bezeichnete er den Indus als „Indos“ und die Menschen, die in der Nähe des Flusses wohnten als „Indoi.“ Leicht einfallslos, ein Völkerstamm fast genauso wie ein Fluss zu benennen, aber damals fand das wohl niemand seltsam. Aus Indoi wurde nach einiger Zeit, das Wort „Inder“.

In dem Sinne haben also ein Fluss und ein Grieche dazu beigetragen, dass die Menschen und ihre Religion den Namen haben, den sie heute besitzen. So viel zum Begriff, des Hinduismus.

Die meisten Hindus gehen davon aus, dass Leben und Tod ein sich ständig wiederholender Kreislauf ist. Dieser Kreislauf ist nahezu ewig und soll unter den indischen Religionen als ziemlich leidvoll beschrieben sein. Dieses ständige Wandern wird als Samsara beschrieben, einen immerwährenden Zyklus des Seins. Es ist eine Sache des Werdens und Vergehens.

Samsara
Samsara: Dargestellt als Lebensrad

 

Man kann erst dann daraus ausbrechen, wenn man sich von allen Bindungen, Begierden und Wunschvorstellungen lossagt. Dann erreicht man den Zustand der „Erlöstheit“, den die Hindus Moksha nennen, aber ich glaube, die meisten werden diese Beschaffenheit unter einem anderen Wort kennen. Nirvana. So nennen es die Buddhisten.

Nirvana-Wallpaper

Nach hinduistischer Ansicht ist der Mensch in seinem innersten Wesen eine unsterbliche Seele. Drum kann der Charakter nie vergehen. Er ist es, der den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens absolviert und nach jedem Tod sich einen neuen Körper sucht. Ob du dann Mensch, Tier, oder Gott bist, hängt von deinem Karma ab, dass du im Laufe des einen Lebens gesammelt hast.

Karma ist eine Art spezielles Konzept, nachdem jede einzelne Tat, die du vollbringst, eine Folge hat. Das kam man gut mit dem Schmetterlingseffekt vergleichen. Schlägt in Indien ein Schmetterling mit den Flügeln, löst das in Japan einen Hurrikan aus, oder so. Im Karma-Fall würde das beispielsweise bedeuten, dass, wenn du etwas Böses tust, wie Popel, oder Kaugummi unter deinen Tisch zu kleben, man gleich Karma-Punkte abgezogen bekommt und du maximal nur noch die Chance hast im nächsten Leben ne Ameise zu werden.

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Das Symbol für Karma

Also keine Kaugummis unter den Tisch kleben!

Demgemäß ist der Tod nicht das Ende des Lebens, sondern lediglich der Übergang zu einer neuen Daseinsform. Aber nochmal zurück zum Kaugummi-Beispiel. Jeder Mensch hat seinen eigenen Dharma. Das ist sozusagen sein eigner kosmischer Kodex, den man einhalten muss. Er beschreibt deinen Werdegang und was du dafür tun musst, damit du deine Erfüllung findest. Wenn du also in die indische Kriegerkaste hineingeboren wirst, sagt dein Dharma dir, dass deine Erfüllung der Krieg ist. So bist du dazu verpflichtet notfalls zu töten, wenn es von dir verlangt wird. So dein Karma-Punktekonto anstatt zu sinken. Wenn du jedoch unsinnig tötest und nicht den Befehlen deines Herren befolgst, haut dich das ordentlich nach unten. Dementsprechend kannst du sogar vom Karma belohnt werden, wenn dir dein Chef befiehlt, Kaugummis unter den Tisch zu schmieren.

Es ist nicht überliefert wo sich die Seele nach dem Tod des Körpers bis zur nächsten Verkörperung aufhält, in einigen hinduistischen Richtungen existiert der Leitgedanke, dass es mehrere Himmel und mehrere Höllen geben soll. Die Seelen mit guten Karma kommen in den Himmel und dürfen sich mit überirdischen Freuden begnügen, währenddessen die Seele, die es verbockt hat Punkte zu sammeln, in die schrecklichen Höllen hinabfährt und dort ganz arg leiden muss, bis ihr schlechtes Karma verbraucht ist. Ein ewiger Aufenthalt in sowohl Himmel als auch Hölle ist nicht möglich, irgendwann musst du wiedergeboren werden, um dein Schicksal vollends zu erfüllen, das ist Gesetz.

Wie mir bereits mein mächtiger Freund aus dem Konsulat mitteilte, kann man nicht zum Hinduismus konvertieren, weil die Menschen grundsätzlich sehr offen sind, was andere Religionen betrifft, aber auch nicht wissen, woran man jetzt einen „guten“ Hindu festmacht.

Als vollständiger Christ beispielsweise, glaubt man an Gott, hält die zehn Gebote ein, liest die Bibel und geht in die Kirche. Klar, das ist in diesem Fall sehr verallgemeinernd. Natürlich gibt es allerlei Grauzonen, aber trotzdem erfüllt dieses Beispiel den Zweck, dass, wenn man all diese generellen Kriterien erfüllt, ein Christ ist.

Im Hinduismus lässt sich das schwer generalisieren. Auf der zweiten Welt-Hindu-Konferenz von 1979 konnten sich Vertreter verschiedener hinduistischer Gruppen und Kasten nicht auf eine gemeinsame Definition einigen, ab wann man denn ein Hindu sei. Man entwickelte damals ein Sechs-Punkte-Kodex für alle Hindus, der jedoch auch sehr oberflächlich blieb: Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Wunschgottheit verehrt, die heilige Silbe „Om“ verwendet und das heilige Tulsi-Kraut (indischer Basilikum) anbaut, darf sich Hindu nennen.

Das Tulsi-Kraut ist jedoch sehr bezeichnend für eine ganz bestimme hinduistische Gruppierung. Drum fanden die anderen Gruppen, das echt doof, weil sie nicht berücksichtigt wurden und waren gegen diesen Sechs-Punkte-Kodex.

Fest steht, dass es trotz vielen Unterschieden auch Gemeinsamkeiten gibt. Der Dharma ist für alle eine Art Weltgesetz und das Karma bietet die Grundlage hinduistischer Traditionen. Wesentliche Praktiken sind unter anderem Pujas. Dort verehrt man die verschiedenen Götter in einer ganz bestimmten Abfolge von Ritalen. Daran haben wir Freiwilligen übrigens auch schon teilgenommen, beispielsweile beim Ganesha-Festival. Meist werden diese im eigenen Haus abgehalten, oder in den unzähligen Tempeln, die auch als Zentrum der hinduistischen Religiosität gelten. Wie im Islam gibt es auch in dieser Religion besondere Pilgerzentren. Bei den Moslems ist es Mekka, bei den Hindus die heilige Stadt Varanasi am Ganges. Dort wollen wir auch unbedingt mal hin!

 

So, das war´s für heute. Es hat mir total Spaß gemacht mehr über den Hinduismus und deren Ursprung zu erfahren und hoffe, dass ich auch mit einigen unnützen Fakten, wie der Begriffsbildung des Wortes „Hindu“ Interesse wecken konnte. Es gibt noch so viel mehr zu erzählen, beispielsweise über die verschiedenen Götter und Lehren und ich würde es sehr feiern noch einen Eintrag darüber zu verfassen. Drum würde ich mich über positive Zustimmung freuen, damit ich weiß, dass auch ihr mehr darüber wollt.  Da ich mittlerweile auch einige Leser aus Indien habe, würde es mich total interessieren, was für sie der Hinduismus ausmacht und ob ich irgendetwas falsch vermittelt habe. 🙂

In dem Sinne: Achtet gut auf euer Karmapunkte-Konto! 😀

Ein Cochlea-Implantat für Jinuli. Wir brauchen DRINGEND eure Hilfe!

Hier mal eine andere Sache als sonst. Die liebe Caro, aus Sri Lanka, die auch dieses Jahr ihren „weltwärts“-Freiwilligendienst absolviert, brauch Hilfe. Das sechs jährige Mädchen Jinuli hat eine schwere Hörstörung und ein spezielles Implantat könnte ihr dabei helfen einer normalen Entwicklung nachzugehen. All das kostet jedoch enorm viel Geld für die Familie, das sie nicht haben. Drum hat Caro in diesem Post, den ich gerade reblogge, dazu aufgerufen für die kleine Jinuli zu spenden. Ich für meinen Teil werde das tun und da ich mit diesem Blog auch eine gewisse Reichweite habe, würde ich mich freuen, wenn ihr Caro’s Eintrag verbreitet und auch etwas spendet. Wenn wir uns, als große Freiwilligen-Familie, dafür einsetzen, dass es manchen Menschen besser geht, dann kann man zusammen viel bewegen! 🙂

Alltagsleben – Kleine Geschichten für zwischendurch – Teil 2

Nun, der Alltag ist im Dhaatri-Office einkehrt und damit auch Ruhe und Gelassenheit, so möchte man meinen. Aber, denkste! Einen sogenannten Alltag, so wie man ihn von daheim kennt, wo man einfach seiner Arbeit nachgeht und jeder Tag dem vorhergegangenen gleicht, gibt es für uns eigentlich nicht. Klar, wir haben unsere Vorschriften, sowie den Vertrag, wo uns ein geregelter Tagesablauf versprochen wird, aber ich glaube, es hat noch nie eine Woche gegeben, die durchgängig daraus bestand, den Vorschriften nachzugehen. Immer kam irgendetwas dazwischen, ständig gibt es Dinge, die uns aus dem Alltag herausreißen und von diesen Dingen möchte ich nun erzählen.

Zudem lernt man die Inder immer mehr kennen und zu schätzen und bekommt immer mehr Eigenarten dieses Volkes zu spüren, drum möchte ich auch davon gerne berichten.

Los geht´s!

 

Da, wo Fleischesser „Nicht-Vegetarier“ genannt werden

Auf der Rückfahrt unseres zweiten Dallapalli-Trips müssen Merlin und ich fünf Stunden in Visakhapatnam ausharren, bis unser Zug kommt. Was macht man, um am besten die Zeit totzuschlagen? Genau! Ab zu McDonalds! Mit einem Uber-Taxi fahren wir in ein großes Kaufhaus, wo wir anfangs von einer Sicherheitskontrolle aufgehalten werden, die unsere großen Backpacks kontrolliert. Vor jeder indischen Shoppingmall wird man grundsätzlich überprüft, meist wird man schnell durchgewunken, aber wir müssen erst unseren ganzen Tascheninhalt vorzeigen bevor wir hineindürfen. Wir fahren die Rolltreppe hinauf, werden dabei von verwirrten Indern beäugt, die sich gewiss fragen, was zwei Europäer mit riesigen Taschen in ihrer Shoppingmall machen und betreten die heiligen Hallen der amerikanischen Burgerkette. Für mich als Vegetarier hat sich bereits vor dem Eintreten die Frage gestellt, ob es überhaupt sinnvoll ist, da zu essen, wo man sowieso nur Fleisch bekommt.

Aber im Endeffekt habe ich nicht mit der indischen Mentalität gerechnet. Mehr als die Hälfte der McDonalds-Produkte sind vegetarisch und die, die es nicht sind, werden als „nicht vegetarisch“ bezeichnet.

So ist es überall in Indien. Mehr als 40 % der Bevölkerung lebt ohne Fleisch und beherrscht somit den Markt. Hier, werden Fleischesser in der Tat als „Nicht-Vegetarier“ bezeichnet, was in Deutschland undenkbar wäre.

Aber in Indien bietet es sich auch an so zu leben, schließlich darf man keine Kühe essen, das finden die Hindus ganz schlimm und auch keine Schweine, da die Moslems diese als unrein ansehen. So bleibt dem fleischessenden Inder nur Hühnchen, anderes Fleisch wird nicht gegessen. Dem beugen sich auch die großen westlichen Burgerketten, wie „Burgerking“, oder McDonalds, an manchen heiligen Plätzen, wird dort sogar gänzlich auf Fleisch verzichtet.  Laut Angaben der UN essen Inder pro Jahr nur fünf Kilogramm Fleisch pro Kopf. So wenig, wird fast nirgends auf der Welt gegessen. Zum Vergleich:  In Deutschland werden pro Kopf durchschnittlich 60 Kilogramm Fleisch pro Jahr verzehrt.

Indien ist dementsprechend ein echtes Paradies für Vegetarier, das heißt aber nicht, dass es automatisch mehr Salat und Gemüse gibt. Klar findet man unzählige Märkte und Stände, die Möhren,Tomaten,Gurken, Zwiebeln, Zitronen, Bananen, Kokosnüsse, Kürbisse, Äpfel, Granatäpfel, Melonen und vieles mehr für unter einen Euro  anbieten, aber man findet dafür nirgends Salat, da dieser nicht als vollständiges Nahrungsmittel angesehen wird. Kaltes Essen hat hier sowieso einen schlechten Ruf, von morgens bis abends gibt es heiße Speisen, gepaart mit vielen Gewürzen. Knoblauch beispielsweise steht ganz hoch im Kurs, besonders zum Frühstück, sodass es passieren kann, dass man, bevor der Tag beginnt, schon Mundgeruch hat. Lecker!

Frühstück übrigens scheint für die Inder unverzichtbar zu sein. Ohne ihr heißgeliebtes „Tiffin“, kann der Tag auf keinen Fall losgehen. Öfters, wenn wir am Morgen, zusammen mit einigen Indern, eine Verabredung haben und schnellstmöglich loswollen, wird erst auf ein Frühstück verwiesen, ohne das man auf keinen Fall aufbrechen kann. Andere Mahlzeiten sind zwar auch wichtig, aber niemals so existenziell wie das Frühstück, auch wenn man dafür wahrscheinlich nicht mehr pünktlich zu seiner Verabredung kommt.

Im Kontrast zu den Gemüsehändlern wird man auf den Straßen ebenso viele Stände, die unglaublich süße Süßigkeiten verkaufen, finden, die meistens wirklich nur aus Fett und Zucker bestehen. Ich hätte mir in der Tat nie erträumen können, dass etwas zu süß sein kann, doch oft habe ich schon in merkwürdige Dinge gebissen und sie danach wieder ausgespuckt, weil ich mir fast sicher war, nach dieser süßen Speise auf der Stelle Diabetes zu bekommen.

Ebenso ergeht einem bei öligen Nahrungsmitteln, Puri zum Beispiel, einem in Öl ausgebackenen Fladenbrot, dass zwar total lecker ist, aber eben auch ziemlich fettig.

Verhungern wird man hier auf jeden Fall nicht, so wie ich anfangs dachte. Indien, Land der Vegetarier und der Süßigkeitenliebhaber.

 

Eine Frage der Hand

Man isst ausschließlich mit der rechten Hand, die Linke wird dabei nicht gebraucht, entweder liegt sie unschlüssig auf dem Tisch herum, oder für besonders rebellische Hände, verschwindet sie darunter. Als Linkshänder, wie ich es einer bin, ist es in mancher Situation echt heikel, wenn man feststellt, dass man gerade schon wieder die linke Hand benutzt, sich umguckt und hofft, dass niemand es bemerkt hat.

Warum ist das so? Nun ja, die Linke gilt als unrein, da man sich beim Toilettengang mit ihr wortwörtlich den Hintern abwischt.

Oft ist es so, dass man sich mit der Linken, der unreinen Hand, sein Essen auftut und es mit der Guten verspeist, da die Rechte voll mit Essensresten ist und keiner den Topf, oder den Kochlöffel, mit dem man das Essen auf den Teller scheffelt, verschmutzen will.

Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt, mit der Hand mein Essen aufzunehmen und kann mir in manchen Momenten sogar gar nicht mehr vorstellen mit Besteck zu essen. Momentan finde ich die Sachlage, so wie sie gerade liegt, sogar durchaus sinnvoller, als sich mit Hilfe von komischen Gerätschaften seine Nahrung in den Mund zu schieben. Klar, es mag für Außenstehende eklig sein, da im Nachhinein die rechte Hand total fettig und verklebt ist, aber stets wird sie danach abgewaschen. Jedes Restaurant besteht vor und nach der Nahrungsaufnahme darauf, dass man seine Hände unter einem Wasserhahn, der am Eingang jedes Wirtshauses steht, wäscht. Drum ist das überhaupt kein Problem.

 

 

 

Auf´s Klo gehen in Indien

Ist man fertig mit dem Essen, so ist es unvermeidbar, dass es irgendwann auch wieder raus muss. Und wohin? Genau, in die Toilette. Und indische Toiletten sind keineswegs mit den europäischen zu vergleichen, nein, oft bestehen sie aus einem ovalförmigen Loch im Boden, über das man sich rüber hocken muss. Dazu macht man eine gewagte Kniebeuge und verharrt in der Position bis man fertig ist. Kniebeschwerden, oder Rückenprobleme darf man da auf jeden Fall nicht haben. Papier, um sich den Hintern abzuwischen gibt es nicht. Dafür hat man seine linke Hand und einen kleinen Eimer Wasser, den man überall finden wird.

Das Problem mit den indischen Toiletten, besonders im Zug, ist, dass sie keine Spülung haben. Klar, man hat immer diesen Eimer Wasser an seiner Seite, aber das beseitigt nicht alle Überreste, sodass es in den Zügen, in der Nähe der Toiletten immer sehr stark nach Fäkalien riecht. Vor Indien war mir dieser starke Gestank gänzlich unbekannt, wirklich. Und nun gehört dieser Geruch fast schon zu den Hintergrunddüften am Bahnhof und auch in der Nähe von Flüssen. Warum da? Dazu später mehr.

Als ich das erste Mal mit dem Zug nach Dallapalli fuhr, bin ich das erste Mal mit einer solchen Toilette in Kontakt gekommen, das habe ich geschrieben, doch was habe ich davor einen Monat lang gemacht, wenn man doch eigentlich die ganze Zeit in Indien ist und demzufolge auch mit indischen Klos in Kontakt kommen sollte?

Es gibt auch westliche Toiletten, zwei davon stehen in unserem Office und meist wird man diese auch in den besseren Restaurants finden. Komplett westlich sind diese aber auch nicht, da die Abflussrohre zu klein für Toilettenpapier sind. Drum ist auch streng verboten welches zu benutzen. Man macht es entweder mit der Hand, oder, man benutzt einen Wasserschlauch, der manchmal neben den Klos installiert ist, was natürlich die eindeutig angenehmere Variante ist, will man sich die Hand nicht schmutzig machen.

Nun, warum riecht es an Flüssen so stark nach Fäkalien? Das liegt an den Männern, denen es erlaubt ist überall hinzupinkeln, wo sie wollen. Ständig sieht man am Straßenrand männliche Geschöpfe, die in die Straßenkanäle pieseln und wohlmöglich auch ihr großes Geschäft verrichten. Die Kanäle fließen als graue Brühe in den Fluss und drum ist es in dessen Nähe sehr schwer auszuhalten.

Frauen dürfen das übrigens nicht, sich einfach an der frischen Luft zu erleichtern.

 

Eine Geschichte über Bärte                                                                                    Über Facebook und einen Hyderabad-Newsletter haben wir eine Möglichkeit gefunden immer up to date zu bleiben und nach netten Ausflugsmöglichkeiten zu suchen. So haben wir auch eine Wanderaktivität gefunden, wo man durchs Grüne laufen kann. Dies wollen wir wahrnehmen, fahren früh am Morgen durch die halbe Stadt und warten, mit ein paar anderen wanderlustigen Indern auf die Organisatoren, die, als sie da sind, uns leere DinA4-Blätter geben und uns eröffnen, dass dies ein Ausflug wird, wo man die Gesichter der anderen zeichnen soll. Also damit haben wir nicht gerechnet, keiner von uns kann so richtig malen, aber gut, man kann´s ja mal ausprobieren. Im Kreis stehend, sollen wir das Gesicht unseres Gegenüber malen, wir machen uns an die Arbeit und kurze Zeit später habe ich ein detailgetreues Abbild meines Partners gezeichnet, das ihn zu 100% nicht wiederspiegelt. Trotzdem bin ich begeistert, dass ich meine Kunstgrundkurs-Fähigkeiten auf ungefähren Level wie damals halten konnte.

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Wir schlendern einem Berg hinauf und unterhalten uns mit den anderen Künstlern. Besonders die eine Organisatorin scheint für die Kunst zu leben, versucht sie uns allen zu erklären, wie man im Comic-Stil malt.

Oben auf dem Berg, lassen wir uns auf einem höher gelegenen Plateau nieder, vor uns erstrecken sich die grauen Hochhäuser von Hyderabad und die tiefstehende Sonne verspricht uns einen warmen Tag.

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Wir bekommen die Aufgabe uns einen Partner zu suchen und mithilfe unserer gezeichneten Figuren versuchen eine nette Geschichte zu kreieren. Im Geschichtenerfinden war ich schon immer gut, glaube ich, schnappe mir meinen indischen Partner, setze mich mit ihm an den Abgrund und überlege. Er hat einen Mann mit gewaltigem Bart gezeichnet, ich einen, mit geringem Flaum. Da meinem Kollegen vorerst nichts einfällt, fange ich an:

„ Wie wär´s damit: Der Mann ohne Bart sieht den Mann mit Bart und ist total eifersüchtig auf seine kolossale Haarpracht und möchte unbedingt auch so einen Bartwuchs haben. Er weiß sich nicht anders zu helfen und kommt auf die Idee, dem Mann seine Kotletten abzuschneiden. Das findet der aber nicht so lustig und ein großer Streit bricht zwischen den beiden aus.“

Ziemlich verrückt, aber mein Begleiter findet es gut und lacht. Jetzt ist auch er inspiriert und gemeinsam spinnen wir eine epische Saga zusammen. Der Mann ohne Bart begibt sich auf eine gefährliche Reise zu einer Zauberin, die in einem düsteren Palast wohnt und die ultimative Ansprechpartnerin für Bärte ist. Auf dem Weg zu ihrer Behausung trifft unser Held auf dunkle, bärtige Bestien und muss sie bekämpfen, er besiegt sie alle, steht nun vor dem großen Palast, muss aber, bevor er einen ebenso gewaltigen Bart bekommt, wie sein Erzfeind, einige Prüfungen absolvieren. Er hat alten bärtigen Greisen ihre Bärte zu  stutzen, die kann man jedoch nicht mit einer normalen Schere bearbeiten, nein, man brauch dafür eine ganz Spezielle! Und ausgerechnet die, besitzt sein hasserfüllter Erzfeind! Fortsetzung folgt.

Weiter kamen wir in dieser einen Stunde nicht, da nun die nächste Aufgabe folgte. Aus unser bisherigen Geschichte einen Comic zeichnen. Weder ich, noch mein indischer Freund können zeichnen und so sieht unser Comic nach einer halben Stunde aus, als wäre eine Katze mit gewaltigen Magenbeschwerden über das Blatt gelaufen.

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Blickt man sich um, so schaut man in nachdenkliche Gesichter auf der Suche nach Kreativität und Inspiration.  Für den Moment ist es echt schön mitanzusehen, wie Deutsche und Inder gemeinsam auf der Suche nach guten Geschichten sind. Leider hält dieser schöne Moment nicht lange an, da die Zeit vorbei ist, wir müssen unsere Papiere abgeben und machen uns wenig später auf den Heimweg.

Wer weiß, ob unser bartloser Freund, bald das bekommt, was er unbedingt will. 😀

 

Volle Bude

Alle paar Monate lädt die Dhaatri-Administration zu einem Ureinwohnertreffen in unser Office ein, beim letzten Mal, kamen vielleicht 15 Dörfler aus Dallapalli, dort lernten wir erstmals Sathibabu und Bonjibabu kennen, doch dieses Mal sollten ganze Legionen von Menschen in unser Heim Einzug nehmen. Na gut, so viel waren es dann doch nicht. Vielleicht 25.

Doch das ist für unser kleines Haus auch eine ganze Menge, besonders dann, wenn wir Freiwillige eigentlich zu arbeiten haben. Doch schnell wurde uns klar, dass das nicht so einfach werden würde. Normalerweise sitzen wir im Erdgeschoss vor unseren PC´s und schreiben. Nun jedoch sind wir gezwungen diesen Platz, mit 25 neugierigen Adivasi zu teilen, die überhaupt keine Ahnung von Technik haben und, statt ihrer eigentlichen Beschäftigung nachzugehen, uns lieber über die Schulter schauen und fragen was wir denn da machen würden. Die Konzentration lässt dadurch natürlich sehr zu wünschen übrig, wenn dich ständig jemand fragt, ob er denn mal deine Kopfhörer ausprobieren könne.

Meine großen Sony-Kopfhörer sind nach wie vor ein riesiges Mysterium für die Leute, Sathi und Bonji fragten mich des Öfteren in Dallapalli, ob sie sich denn nicht mal kurz meine Kopfhörer ausleihen könnten, angeblich wegen des besseren Sounds. Damals war das kein Problem, ich hatte ja genügend Ablenkung.

Nun jedoch, ist es wahrlich zum Haare raufen, wenn immer wieder der gleiche Typ, nach den gleichen Kopfhörern fragt, gerade dann, wenn ich sie selbst nutze.

„No. No Headphones! I use!“ versuche ich ihm im ganz leichten Englisch zu verständigen.

„Pleaaase! Listen music!“ sagt dieser und legt seine Hände auf beide Ohren, um mir zu sagen, dass er meine Köpfhörer möchte.

„I use this now! Later, okay?!” sage ich genervt zu ihm.

„Music? Please? So superrrr!“

Mittlerweile zweifle ich echt an seinem generellen Verständnis.

„Noo! Later!“

Er macht wieder die Kopfhörer-Geste: „Music?“

Ich gebe genervt auf und überreiche ihm meine Kopfhörer. Er freut sich tierisch und schlendert davon.

Der eigentliche Grund, warum die Dörfler gekommen sind, ist eine Art Koch-Workshop. Wozu, wenn sie eigentlich fast besser kochen können, als die Städter? Keine Ahnung. Auf jeden Fall drängen sich nun 25 Leute in unserer 6 Quadratmeter Küche und schauen zu, wie man richtig kocht. Alle sind total fasziniert, obwohl ich mir sicher bin, dass jeder von ihnen schon mal Chapati und Puri gemacht hat.

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Dem nicht genug, kommen jetzt auch die Joga-Frauen vorbei, mit denen wir am Morgen noch Dehnübungen gemacht haben und schauen auch total begeistert drein. Nun ist die Bude wirklich voll und alle stehen in der kleinen Küche.

Wir versuchen bisweilen zu arbeiten, doch als sich einige Dörfler der Küche entsagen, sich lieber in einen Kreis setzen und beginnen zu singen und auch unsere stark aufrecht erhaltene Contenance am Ende, ich gebe meine Trommel und meine Ukulele aus und setze mich in den Kreis der singenden Ureinwohner.

Mitten im Getümmel sehe ich unsere ominöse deutsche Jungendzeitschrift – Die „BRAVO“ – die ich schon sehr lange suche und sehe, wie sie mitten Dr. Sommer-Teil aufgeschlagen ist und lasse sie ganz still und heimlich hinter meinem Rücken verschwinden. Nicht, dass unsere Dörfler noch ein falsches Bild von uns bekommen. Wie diese Zeitung zu ihnen kam? Keine Ahnung. Magie.

Nebenbei fotografiere ich ein paar Leute mit meiner Kamera und überspiele diese Bilder auf ihre Steinzeithandys, bis ihr Speicherplatz schließlich nicht mehr ausreicht. Doch erkläre mal auf Englisch, mit Hilfe von Zeichensprache, einem Telugu-Sprechenden, dass kein Platz mehr auf seinem Handy ist. Praktisch unmöglich.

„No space, anymore!

„Please, pictures on phone!“

„No!“

„Pictures, very super! Memory on phone, please!

“I can not! No space!”

“ Hä?!”

Ich nehme mir den Google Übersetzer zu Hilfe, tippe: “Ich kann die Bilder nicht auf dein Handy laden, kein Speicherplatz“, lasse es auf Telugu übersetzen und zeige es meinem Freund. Der scheint das aber zu ignorieren. Kann er überhaupt lesen?

 

„Pictures on phone, please!“

„Boah, du bist echt ein Phänomen!“ sage ich auf Deutsch, weil ich nicht mehr weiterweiß. Irgendwie scheint er das jedoch zu verstehen und belässt es bei der momentanen Ausgangslage, kommt aber prompt zu einer anderen Thematik: „Listen music?“ er macht die Kopfhörer-Geste.“ Ich schließe die Augen und atme entnervt ein, schaue ihm tief in die Augen, suche nach irgendeinem Anzeichen, dass er das gerade nicht ernst gemeint hat, finde aber nichts, seufze und überlasse ihm erneut meine Kopfhörer.

„Thank youu, Brother!“

Anfangs noch, dachte ich, dass dieses „Brother“ eine harmlose Anrede für mich sei und fast nichts zu bedeuten habe, doch das sollte sich am nächsten Tag als falsch herausstellen. Wir sind auf dem Weg zum Bus, um zu einer Sehenswürdigkeit Hyderabads zu fahren und währenddessen, stielt sich mein Kopfhörer-Freund an meine Seite, nimmt mich bei der Hand und schlendert mit ihr über die befahrene Straße. Verdutzt schaue ich ihn an und kann nicht verhindern, dass er sich fest an mich klammert.

„Brother! Very super!“

„Hmmm“ grummle ich etwas abgeneigt.

Er legt den Arm um meine Schulter, Merlin, Skrollan und Toni, die hinter mir laufen, kriegen sich nicht mehr ein vor Lachen, während ich, peinlich berührt, nach einem Fluchtweg suche. Ich weiß, der Inder meint es nur, freundschaftlich, doch trotzdem würde ich schon gerne selbst entscheiden, wen ich an die Hand nehme. Bald rettet mich Merlin, als er mich an die andere Hand nimmt (kurz komme ich mir vor, als sei ich wieder in den Kindergarten versetzt, und müsste sowohl die Hand der Erzieherin, als auch die eines anderen Kindes festhalten) und mich herzlich von meinem „Freund“ wegzieht.

Gegen Abend bin ich ziemlich erleichtert, als die Dörfler schließlich aufbrechen und Ruhe ins Office kommt. Drei Tage mit 25 Leuten in einem kleinen Haus, ist dann doch etwas viel. 😀

Inder sind, wie wir festgestellt haben, keine Einzelgänger, nein, sie treten in Rudeln auf. Oft lebt die ganze Familie zusammen, Privatsphäre ist für sie ein Fremdwort, was einen  Deutschen schon ziemlich aus dem Konzept bringen kann…

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