Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Wie seltsam doch die Weihnachtszeit dieses Jahr war. Erst verbringen wir die ersten 10 Tage des Dezembers am abgeschiedensten Ort dieser Welt, hocken in Dallapalli und verpassen den ersten und zweiten Advent. Weihnachtsstimmung kommt dort nie auf, fast scheint es so als würde man uns von dieser isolieren.

Dann, wird man zurück in sein wirkliches Leben geworfen, findet plötzlich Weihnachtsverziehrung, sowie einen Adventskalender aus von daheim geschickten Paketen und pult mit einem Messer nun jeden Morgen die klebrige Schokolade, die die Wärme Indiens nicht verkraftet hat, aus ihrem Türchen. In der Stadt ist kaum etwas vom Weihnachten zu erspähen, nur riesige Einkaufshallen haben sich das Ding mit dem Weihnachtsbaum in der Vorhalle von westlichen Malls abgeschaut und haben nun große geschmückte Plastikungeheuer aufgestellt. Davor können dann die reichen Inder Selfies schießen und froh ihrer Bekanntschaft mitteilen bei diesem „Weihnachten“ auch dabei zu sein.

Und jetzt sind wir am Kudle Beach in Gokarna. An einem endlosen, paradiesischen Strand, wo wir jeden Tag ins Wasser springen und die Sonne unsere weißen Körper braun brutzelt. Es gibt keine Plätzchen, keine Weihnachtslieder, keinen Weihnachtsbaum, keine zugeschneiten Straßen, nein, es gibt genau das Gegenteil. Melonen, relaxte Bob Marley Musik, Palmen und heißen Sand unter den Füßen.

Selten war die ganze Situation so verwirrend, wie diesem Augenblicken, wenn man sich versucht klar zu machen, dass gerade Dezember ist.

 

Sarah: „Ey, morgen ist Weihnachten.“

Ich (setze erstaunt die Sonnenbrille ab): „Bei bestem Willen, das kann ich nicht glauben.“

Merlin: „Daheim schneit es.“

Skrollan (im Bikini): „Sieht hier irgendwer einen Weihnachtsmarkt? Habe Bock auf Glühwein.“

Tine (auf ihr Handy zeigend): Ach, wie süß! Mein Hund daheim hat eine Weihnachtsmütze auf!“

Auch der Fakt, dass ich in meinem luxuriösem Hostel, morgens in einem großen lichtdurchflutenden Zimmer aufwache, ich Umrisse von Palmen sehe, das Meer rauschen höre und ich mich entspannt, ohne zu frösteln, in mein Kissen kuschle, macht die ganze Situation noch merkwürdiger.

Selbst am 24. sind wir uns lange uneinig, was wir jetzt empfinden sollen. Ab und zu sieht man braungebrannte Menschen mit Weihnachtsmütze durch die Gegend laufen, die sie von den kleinen Strandwanderhändlern, die normalerweise Ketten verkaufen, erworben haben, aber wirklich winterliche Stimmung kommt dabei bei bestem Willen nicht auf. 😀

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Erst gegen Abend, als wir uns entscheiden, heute gut zu essen und Merlin einen dieser Papierballons kauft, die man unten anzünden kann und diese elegant gen Himmel fliegen, spüren wir ein leichtes Kribbeln.

Mein Weihnachtsschmaus besteht dieses Jahr aus einem Zimt-Chai, einem Oreo Shake, Tofu Pakoda und Butter-Knoblauch Naan. Es mundet wunderbar und ich bin froh die richtige Entscheidung getroffen zu haben. Die letzten Tage hatte ich leider immer wieder etwas Pech bei der Wahl meiner Speisen. Wie ich erneut festgestellt habe, sollte man lieber keine bestellte Pizza in Indien essen. Restaurants mögen richtig leckeres indisches Essen machen, italienische Kost jedoch, davon haben sie wahrlich leider keine Ahnung. 😀

So verspeisen wir unser Mahl, es wird dunkel, viele von uns erzählen von ihren Weihnachtsritualen daheim und amüsieren uns köstlich über passierte Malheure während der Festlichkeiten.

Dann ist es soweit. Wir wollen unsere Laterne steigen lassen. Wir zünden sie an, doch:

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Merlin: „Lass sie fliegen!“

Sophie Meret: Lass sie frei!“

Ein Windzug erfasst die Laterne und zieht sie gegen Boden.

(Allgemeiner Aufschrei aller Anwesenden.)

 

Alisa: „Das fliegt ja nicht so gut!“

Helen: „Du sollst fliegen!“

Merlin: „Flieg doch, du doofes Ding!

 

Erneut erfasst der Wind das Papier!

Skrollan: „Noeeeeiiinn!“

Merlin: „Gleich brennt es uns ab. Dann haben wir zumindest ein schönes Lagerfeuer.“

Alisa: „Au ja!“

(Ablehnendes Gemurmel.)

 

Sarah: „Manno, es will einfach nicht fliegen!“

Skrollan: Ohoh! Huiuiui!“

Alisa: „So, wenn wir jetzt alle loslassen, klappt es bestimmt! Eins, zwei, drei!“

Die Laterne senkt sich gegen Boden.

 

Skrollan: „Ich glaub, das Ding ist kaputt.“

Helen: „Merlin, wo hast du das gefunden? Das fliegt nicht.“

Merlin: „Gefunden? Ich hab das gekauft.“

 

Die Gemeinschaft beschließt auf die Knie zu gehen, in der Hoffnung, das dort kein Wind ist. Eine starke Windboe zuckt durch die Anwesenden.

 

Skrollan: „Also hier ist auch Wind. War ne gute Idee, klappt aber nicht so.“

Alisa: „Jaa….Mist! Ich würde sagen, wir halten es noch einmal hoch, dann sieht es für die Nachwelt wenigstens so aus, als würde es fliegen.“

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Gesagt, getan. Wir halten also die vor sich hin brennende Laterne gen Himmel, ein wahnsinnig schönes Bild, und stellen uns vor sie würde fliegen. Alle sind trotz des Fehlversuches bei bester Stimmung, denn mittlerweile stehen ziemlich viele Leute um uns herum und überlegen wohl, was diese komischen Deutschen da veranstalten, dass sie es nicht gebacken kriegen eine Laterne fliegen zu lassen.

Dann kommt der Höhepunkt des Abends. Sarah hat von ihrer Familie kleine Weihnachtsutensilien via Paket bekommen, hat diese mitgenommen und gemeinsam kommen wir auf die Idee, doch eine kleine Weihnachtsfeier zu machen. Wir breiten eine Weihnachtsserviette auf dem Sand aus, stecken kleine Kerzen drumherum und stellen eine große, mit Rentieraufdruck, in die Mitte. Sarah hat sich Tannenzweige schicken lassen, die wir nun auch auf die Serviette zu der großen Kerze legen. Nun setzen wir uns, in einem Kreis um unseren kleinen Altar und irgendwie kommen wir uns vor, als seien wir eine Sekte, bereit ein Opfer für ihre Götzenbilder darzubringen.

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Wir beginnen zu singen. Erst leise, dann lauter. Wir singen vom Rudolf dem Rentier, vom Tannenbaum, den Kinderlein die kommen sollen und den Schneeflocken im weißen Rock. Bald darauf stimmen wir Lieder an, die wir auf dem Vorbereitungsseminar gesungen haben und ich fühle mich in genau diese emotionale, wunderbare Zeit zurückversetzt. Eine leichte Gänsehaut überzieht meinen Körper, ich blicke in die Gesichter aller Anwesenden und..fühle mich wohl, geborgen, wie bei meiner Familie, wenn diese Weihnachten feiert. In diesem Augenblick, will ich nirgendwo anders sein. Ich will dort sein, wo das Meer rauscht, wo neun Personen mitten im Sand sitzen, vor sich hinsingen und ständig darauf Acht geben müssen, dass ihre Kerzen nicht vom Wind ausgepustet werden.

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In dem Moment habe ich überhaupt keine Lust auf Gänsebraten, Weihnachtsbaum und all das Zeugs, weil ich begreife, das Weihnachten für mich gerade überhaupt nicht das sein muss, was es sonst immer war. Ich brauch gerade keine Geschenke, die es aufzureißen gilt, ich will einfach bei meinen Freunden hier am Strand sein und mich zwischen ihnen wohl zu fühlen.

Weihnachten besteht aus Menschen die man lieb hat, begreife ich, auch wenn das irgendwie kitschig klingt, weil´s irgendwie alle sagen. Familie, Freunde, das ist es, was zählt und nicht der Gänsebraten, oder der Weihnachtsbaum, auch wenn es doch sehr sehr schön ist, als Sarah noch kleine Schoko-Weihnachtsmänner präsentiert, auf die alle ziemlich heiß sind.

Nachdem wir unser Ritual beendet haben, schauen wir uns den endlosen Sternenhimmel an, legen uns in den Sand und verweilen noch ein bisschen, bis wir uns entscheiden schlafen zu gehen. Nur eine, Alisa, scheint so gebannt von den Sternen zu sein, so weit weg in einer anderen Welt zu schweben, dass Helen, bereits auf dem Heimweg, sich wieder umdreht und ihre Freundin aufpicken muss, ehe die kleine Träumerin bis morgen dort liegenbleibt.

Ich laufe am Wasser entlang, zurück zu meiner Residenz und beim Gedanken übermorgen bereits wieder aufzubrechen, graust es mir. Mit Abstand ist das der schönste Strand, den ich bisher gesehen habe und jetzt auch ganz bestimmte Erinnerungen mit ihm verbinde.

In den nächsten Tagen werden wir noch reichlich Gokarna erkunden, an den Steilküsten entlang schlendern und andere Strände auskundschaften, doch keiner wird an den Kudle Beach rankommen.  Laut einer indischen Instagram-Bekannten sei dieser Strand einer der Schönsten in ganz Indien und da schaut man doch etwas traurig drein, wenn man eben diesen verlassen muss.

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Aber die Erinnerung an ein ganz bestimmtes Weihnachten wird bleiben und mit ihm die Erkenntnis, dass man alles richtiggemacht hat mit der Entscheidung nach Indien zu gehen.

In dem Sinne: Frohe Weihnachten.:)

 

Indisches Paradies

„Hey, der sieht ja bequem aus!“ meint Merlin als er nach drei Stunden des Wartens auf den Sleeper Bus, die Abteile des riesigen Vehikels betritt.

„Aber Hallo!“ meine ich.

Tatsächlich sieht das Innere des Busses total behaglich aus, jeder hat seine eigene kuschelige Pritsche und kann sich durch einen Vorhang vom Rest der Fahrgemeinschaft abkapseln. Ich hätte mir weitaus schlimmeres vorgestellt. Gokarna, unser Urlaubsziel, kann kommen!

Prompt werfe ich mich auf mein schmales Bett, packe meine Decke und mein aufblasbares Kissen aus und bin bereit für eine entspannte Nacht. Dann wird der Motor gestartet, der Bus fährt an und ab diesem frühen Zeitpunkt der Geschichte weiß ich bereits, dass dies definitiv KEINE entspannte Reise werden wird.

Der Busfahrer fährt wie vom Teufel besessen über die ohnehin schon miserablen, indischen Landstraßen, schmeißt sich voller Eifer in die scharfen Kurven um gibt extra Gas, um über die großen Straßenhuckel zu rasen. Alles getreu dem Motto: Es gibt nur ein Gas: Vollgas!

Ich werde hin und her geworfen, fliege für kurze Zeit in der Luft und bekomme rechtzeitig mein Handy zu fassen, ehe es das Abteil hinunterfällt!

Vielleicht will der Busfahrer einfach nur die attraktive Urlauberin aus Israel beeindrucken, die sich zu ihm in die Fahrerkabine gesetzt hat, um das pure Busfahrer-Feeling live mitzufühlen, aber geht das nicht ein paar Tacken entspannter?! Nö! Nach einer halben Stunde sitzt die hübsche Israelitin immer noch dort und man hört sie, selbst durch die geschlossene Tür zwischen Fahrer und Passagieren, laut aufjubeln, lehnt sich der Bus in eine scharfe Rechtskurve.

Ich kralle mich energisch ins Futter meines Bettes, werde zwar so nicht mehr durch die Gegend geworfen, jedoch bremst nun der Fahrer und diese Aktion lässt einen erst nach hinten und dann, beim erneuten Anfahren nach vorne rutschen. Erst kommt es einem so vor schrumpfe man, bis man schließlich auseinandergezogen wird. Wunderbares Gefühl!

Das ändert sich auch nicht, als das hübsche Mädchen aus der Fahrerkabine tritt. Der Fahrer ist nach wie vor vom Teufel besessen.

Schlafen ist komplett unmöglich, mein Magen fühlt sich flau an und jedes Aufrichten des Körpers bedeutet zu riskieren, sich irgendwo zu stoßen. Es bleibt einem nichts Anderes übrig als liegen zu bleiben.

Die Stunden vergehen im durchschüttelnden Dämmerzustand, bis die Uhr vier läutet.

„Gokarna! Endstation!“ schallt es von vorne. Der Bus hält.  Eine Wonne für unsere zerrütteten Köpfe! Wir torkeln aus dem Höllen-Gefährt und sehen….nichts. Es ist schließlich dunkel.

„Also ich konnte gut schlafen!“ grinst Skrollan.

„Ich auch!“ freut sich Toni.

„Ihr seid verrückt!“ knitscht Merlin.

„Hmm“, grummle ich müde in meinen Dreitagebart hinein und schließe den Gürtel meiner Hose.

Der Rest der Gemeinschaft, mittlerweile sind Helen und Sarah von unserer Partnerorganisation „Sakhi“ mit dabei, hat zerzauste Haare und ist sehr übellaunig..

Wir können Schemen kleiner Gebäude und winzige Kühe (man könnte sie beinahe für Hunde halten) erspähen, eine Kuh steht auf einmal direkt hinter Tine, die beinahe einen Herzinfarkt erleidet, als sie sich umdreht. Sie hüpft sogar ein bisschen in die Luft. 🙂 Unsere Gruppe geht durch das aufwachende Dorf, denn schon jetzt läuten kleine hinduistische Goldglocken, die zur morgendlichen Puja rufen.

Wir hören bereits das Meer rauschen, aber entscheiden uns vorerst ein Hostel zu suchen, wo wir uns die nächste Zeit ausruhen können. Wir sind nämlich auf gut Glück nach Gokarna gekommen, haben lediglich die Hin-und Rückfahrt gebucht und stehen somit ohne Bleibe da. Die Internet-Portale zeigen nicht alle Möglichkeiten an, weil manche Unterkünfte so klein sind, dass sie keine Website haben. Zudem sind wir jung und habens einfach drauf spontan zu sein. 😀

Total abgenervt und müde schleichen wir von Hostel zu Hostel und nehmen das Erstbeste, das Platz für sieben ausgelaugte Freiwillige bietet, auch wenn dort nur warmes Wasser von 10 Uhr abends bis 6 Uhr morgens gibt. „Nur einen Tag“, schwören wir uns und ziehen in das ziemlich verdreckte und überhaupt nicht schöne Fremdenheim ein.

Kurz darauf falle ich in einen grausigen drei-Stunden-Schlaf, der mich müder als vorher dastehen lässt.

„Was ein doofer Urlaub“, denke ich, während wir uns startklar für eine erste vorsichtige Expedition machen. Doch als wir vor die Türschwelle treten umspült mich die kleine Stadt mit all ihren Gerüchen, Farben und Individuen und scheint mich direkt aufzunehmen in den Pulk an unterschiedlichen Nationen und Menschen…

Gokarna ist sowohl bekannt als Wallfahrtsort für Hindus, als auch als das El Dorado für Touristen aus aller Welt. Die Tempelstadt wird in vielen hinduistischen Schriften erwähnt, weil der Gott Shiva hier aus dem Ohr der Kuh Prithvi herausgekommen sein soll. Auf Sanskrit bedeutet Gokarna übrigens „Kuhohr“ und liegt auch an einem ohrförmigen Zusammenfluss der Flüsse Gangavali und Aghanashini.

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Dem nicht genug gibt es hier ziemlich viele Kühe, die sich sogar streicheln lassen! Unter diesen ganzen similären Zusammenhängen muss ja die Geschichte mit Shiva wahr sein!

Gokarna ist ein Ort der Verschiedenartigkeit, der zugleich Pilgerstätte und Urlaubsort ist.

Dabei befinden sich die Hindus öfters in der Innenstadt, die entlang zweier Hauptstraßen mit vielen süßen Geschäften und altertümlichen Gemäuern verläuft. Die Touristen findet man häufig an den Stränden, wo hauptsächlich Kokos- und Bananenpalmen wachen. Vor zehn Jahren erst entdeckten Westler diese Orte für sich. Davor wurden sie selten von den Einheimischen benutzt, bis man schließlich das große Geld roch und viele Restaurants an den Stränden errichtete.

Und in eben jene zieht es uns jetzt, um ein Frühstück einzunehmen. Wir laufen durch die Innenstadt, der frühe Morgen lockt die Hindus aus ihren Schlupflöchern, die Straßen sind voll von indischen Schulklassen und Pilgern. Es riecht Gewürzen und kokelnder Flamme, Glocken bimmeln und Motoräder drängeln sich hupend zwischen der Masse an Menschen hindurch.

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Dann erreichen wir den Main-Beach, der schier endlos am Horizont verschwinden zu scheint. Wir atmen die Meeresluft ein und als Merlin anfängt auf das arabische Meer zuzulaufen, kann ich nicht anders, als ebenfalls die Beine in die Hand zu nehmen und auf das blaue Nass Kurs zu nehmen. Ich werde schneller, überhole Merlin und bin der Erste dessen Füße vom Salzwasser umspült werden.

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Es ist warm, perfekt zum Baden, doch vorerst müssen wir Wasserratten uns zügeln. Erst frühstücken, dann planschen! Wir kehren in ein kleines Café ein, es hat eine riesige Speisekarte, bietet indisches, italienisches, israelisches und grundsätzlich kontinentalisches Essen an, plus unzählige Shakes und Lassis. Ähnlich große und variierende Menüs hat fast jedes Restaurant, was die Suche nach Essen in den zukünftigen Tagen niemals langweilig machen soll.

Als alle am Essen sind, überlegen wir, wo wir unsere endgültigen Zelte aufschlagen sollen. In der Stadt bleiben, wollen wir nicht, so viel steht schon mal fest. Die letzte Generation an Freiwilligen hat ihre Zeit in Gokarna am Om-Beach, den wohl bekanntesten Strand hier, verbracht, doch irgendwie klingt dieser überlaufen und einfach mit dem Mainstream mitzuschwimmen ist nichts für uns.

Mit großer Mehrheit entscheiden wir uns eine Entdeckungsreise Richtung „Kudle Beach“ zu unternehmen. Dieser klingt uns weniger belebt und deswegen genau richtig! Fünfzehn Riksha-Minuten später, laufen wir einen steinigen, waldigen Abhang hinunter, bis dieser schließlich das freigibt, wonach wir gesucht haben.

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Paradiesisch liegt die glitzernde arabische See vor uns, kleine Kühe sonnen sich am feinen weißen Strand, genauso wie etliche junggebliebene 69 Hippies. Große Wellen schlagen auf die Küste hernieder, mutige Badebesucher reiten auf ihnen. Wir haben 32 Grad, die Sonne brutzelt auf uns herab und der Strand ist beinahe leer. Kokospalmen wiegen sich im seichten Wind, an ihren Stämmen wurde ein kleiner Slagline-Parcours aufgespannt, wo durchtrainierte, ausländische Einsiedler mit Leichtigkeit über die Seile schweben scheinen. Eben dort lassen wir uns an einem schattigen Plätzchen nieder. Ich atme tief die salzige Seeluft ein, fühle den heißen Sand unter meinen Füßen und höre den leisen, melodiösen Klängen einer Gitarre zu, die abwechselnd von ein paar Personen mit Hippie-Hipster-Akzenten gespielt werden. Ich will hier nicht mehr weg!

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Wir schmeißen uns in unsere Badesachen, rennen dem Wasser entgegen und das erste Mal umgibt mit das arabische Meer vollkommen. Ich tauche unter, mache einen Freudensalto unter Wasser und komme prustend an die Oberfläche.

„Bäää, salzig!“

„Was? Echt? Also das hätte ich jetzt „überhaupt“ nicht erwartet“, lacht Merlin.

Wir werfen uns den Wellen entgegen, werden von diesen entweder umgeworfen, oder tauchen elegant unter ihnen hindurch, bis wir uns müde auf den Rücken legen, uns die Mittagsmüdigkeit erfasst und wir einfach nur gen blauen Himmel starren.

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Kurz darauf entscheiden wir uns nach einer geeigneten Unterkunft zu suchen. Viele kleine Strandhütten aus Bananenästen stehen nicht weit entfernt vom Strand, ebenso wir richtige Strandhäuser und Hostels. Bei einem bleiben Merlin und ich länger stehen. Es ist luxuriös, hat drei bequeme Betten, ein eigenes Bad und einen Balkon, der direkt aufs Meer zeigt. Und das Ganze zu einem annehmbaren Preis! Egal, ob die anderen die Strandhütten vorziehen, wir nehmen den Luxus, nachdem wir in letzter Zeit zu oft in einfachsten Verhältnissen gelebt haben. 🙂

Am liebsten würden wir sofort einziehen, doch wir haben noch eine Nacht in unserem Horror-Hostel zu verbringen.

So warten wir auf den Sonnenuntergang, der direkt über dem Meer gleißend in glänzenden Farben untergeht. Es wirkt wie im Paradies. Seltsam, dass in zwei Tagen Weihnachten ist. Diese ganze Situation wirkt so abstrus und doch will ich es in diesen Momenten nicht anders haben. Ob das in zwei Tagen auch noch so sein wird?

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Hampis Untergang?

Wie unglaublich ist es eigentlich mit einer Person in den Urlaub zu fahren, bei der man vor zehn Monaten noch glaubte sie nie wieder zu sehen?  Ziemlich verrückt, dass sich Tine´s und mein Weg doch noch gekreuzt haben, nachdem wir vom Bewerbungswochenende einer anderen Organisation kamen, sie für Indien angenommen wurde, ich dort aber kläglich an dieser Hürde angenommen zu werden scheiterte.  Stattdessen wurde ich von den Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners genommen.

Drum ist es doch schon sehr skurril, dass Skrollan, Merlin, Toni und Ich jetzt in ihrem indischen Heim in Hyderabad mit unseren großen Rucksäcken sitzen und Burger einer ominösen, amerikanischen Burgerkette dinieren.

Unser Weg führt uns alle nach Gokarna, einem Paradies für Backpacker und sinnsuchende Hindus. Um dort hinzupilgern, haben wir uns einen besonders langen und anstrengenden Weg überlegt: Erst fahren wir mit dem Zug über Nacht nach Hampi, was direkt auf dem Weg nach Gokarna liegt, bleiben dort neun Stunden und nehmen dann einen Sleeper Bus, der uns in die heilige Pilgerstadt bringen wird. Einfach geht anders.

Aber an der Zwischenstation Hampi liegt mir besonders viel, sind dort doch Leute, die ich im September kennenlernen durfte und die sich in dieser Zeit zu Freunden entwickelten. Für mich hängt Bedeutung an diesem Ort. Deswegen nehme ich, für meinen Teil, die längere Reise gerne in Kauf, auch um Tine und Toni, die damals nicht dabei waren, zu zeigen, wie schön Hampi ist.

Wir steigen in den Nachtzug, ein paar Leute haben sich auf unsere Plätze gesetzt, wir verscheuchen sie, so gut es geht, was zu einem großen Kuddelmuddel im Gang führt. Wenig später haben jedoch alle ihren rechtmäßignzes Abteil und so kann die Fahrt losgehen. Problemlos und gemäßigt fährt das riesige rauchende Ungetüm seinen Weg und 12 Stunden später, erreichen wir halbwegs ausgeschlafen den Bahnhof von Hospet. Dort werden wir von unzähligen Rikshafahrern belagert, die schon genau wissen wo wir hinwollen. Ins zehn Kilometer entfernte Hampi. Wir ordern zwei Rikshas, ein Fahrzeug ist für uns zu klein, da unsere Rucksäcke ein großes Hindernis dabei darstellen würden und tuckern in einer gemütlichen Tschu-Tschu-Fahrt der kleinen Tempelstadt entgegen. Unser Fahrer hat genau diese Hampi-Stimmung und genau diesen Hampi-Slang, den ich in letzter Zeit wahnsinnig vermisst habe: Locker vom Hocker und total entspannt. Don´t worry, be Hampi!

Wir fahren durch ein von mir getauftes Niemalsland, kleine Orte, die sich nicht entscheiden können, ob sie eine stinkende Stadt, oder ein Naturdörfchen sein wollen, bis wir schließlich die riesigen hampianischen Felsformationen vor uns aufragen sehen. Ich grinse wie verrückt, als wir Hampi erreichen und ich im Augenwinkel einen alten Bekannten wiedersehe. Suresh, der T-Shirt-Verkäufer, wie er leibt und lebt.

Wir lassen uns direkt vor´s „Chillout“ unserem damaligen Lieblingsrestaurant bringen, lassen dem Fahrer ein bisschen Geld da und…huch?! Was ist denn hier los? Alles wirkt ausgestorben.

Der Kellner des Cafés tritt vor die Türschwelle: „Tut mir leid Leute, diese Seite von Hampi gibt es nicht mehr.“

„Was?“ fragen wir geschockt.

Hampi besteht aus zwei von einem Fluss getrennten Seiten, die, durch eine kleine Fähre, die zwischen den Ufern hin und her tuckert, verbunden sind. Die eine Seite ist geprägt durch die gewaltigen Tempelanlagen, eine große Ladenstraße und vielen kleinen, süßen Restaurants.

Die andere durch ihre Felslandschaft und einigen kleineren Shops.

Erstere wirkt nun wie eine Geisterstadt, die Ladenstraße verschlossen und vernagelt, die Tempelanlagen zwar gut besucht, aber trotzdem nicht so wie damals.
„Oh fuck, Mann!“ meint ein fröhlicher Ravi, als wir ihn auf der anderen belebteren Seite in einem Wirtshaus wiedertreffen. „Die Regierung war hier und hat alles eingezogen, was es für illegal erklärt hat.“ So sehr wir uns auch freuen unseren indischen Macho namens Ravi, der von Tisch zu Tisch tänzelt und dabei oftmals nur Augen für die gut aussehenden Frauen der hier Anwesenden hat, wiederzusehen; wirklich glücklich sind wir nicht, über die Enteignung der einen Seite..

Wir spielen Karten, Ravi spielt halbherzig mit, währenddessen er andere Gäste bedient, dort flirtet was das Zeug hält und „Wunderbar, wunderbar“ vor sich hin trällert, kommt er wieder an unseren deutschen Tisch.

Wir laufen die kleinere Ladenstraße der zweiten Seite entlang, als wir Jungs plötzlich aus dem Verkehr gezogen werden. Zwei Männer stehen vor uns, betiteln sich als Ohrenärzte, die gerne Ohren säubern und machen sich gleich darauf an Merlins Ohr zu schaffen und fördern allerlei Ohrenschmalz zu Tage. Ich stehe daneben, peinlich berührt und hoffe, dass sie mich übersehen. Pustekuchen! Einer ruft mich zu sich, zeigt mir seinen langen Stab, den er gleich in mein Ohr versenken wird und beginnt sein Werk. Ich muss gestehen, dass das mit Abstand die erste wirklich richtige peinliche Aktion ist, die ich bisher in Indien erlebt habe. Wir stehen am Straßenrand, Leute stehen vorbei und wir lassen uns unsere Ohren säubern. Zudem befördert mein Ohrenputzer kleine schwarze Steinchen aus meinem Ohr an die Oberfläche. Er meint, diese könnten durch Shampoo, Dreck und andere Partikel entstehen und gesteht mir dann, dass das Entfernen eines solchen Steins 500 Rupien kosten würde, nachdem er bereits fünf herausgeholt hat. Ich, ziemlich perplex und unzufrieden mit der Gesamtsituation (Hat der diese Dinger gerade echt aus meinem Ohr herausgeholt? Really? Ganz wirklich echt?) bin mächtig verwirrt, handle den Preis um ein Fünftel herunter, gebe ihm sein trotzdem sehr hohen Wucherpreis und mache, dass ich so viel Abstand wie möglich zwischen mich und dem Ohrenputzer bringe.

„Also ich kann jetzt schon viel besser hören und du?“ fragt Merlin.

„Ähh…ne!“ stottere ich und hoffe insgeheim diesem Typen, der fremden Leuten ohne Handschuhe und Schutzausrüstung Ohrenschmalz, sowie komische Steinchen aus den Ohren holt, nie wieder zu begegnen!

Am Ende werde ich jedoch einem anderen begegnen, der sich nochmals an meinen Ohren zu schaffen macht, obwohl ich mehrmals gestehe, bereits eine Behandlung gemacht zu haben.

„Don’t worry! Nur die Gesundheit zählt! Nicht das Geld!“ meint er, währenddessen er mir nochmals drei Steinchen aus den Ohren pult und ich mich irgendwie hinters Licht geführt fühle. Der Letzte meinte doch, dass alles  sauber wäre. Hmm. Da ist doch was im Busch!

„Das macht dann 2000 Rupien!“

„Äh, ich hab das Geld nicht!“ lüge ich. In Wahrheit habe ich mehr als 5000 Rupien dabei, glaube aber in einen gemeingefährlich Trickbetrug hineinzupoltern.

„Ich kann dir 50 Rupien geben und morgen den Rest.“

„Wie lange bist du hier?“

„Eine Woche. Morgen, gegen 12,  gebe ich dir das Geld.“

„Deal!“

Schnell mache ich Kehrt, mich der Lüge schuldig fühlend und gebe Fersengeld!

Dann ruft plötzlich jemand meinen Namen, ich fahre herum und sehe Ravi vor mir. Stoffverkäufer-Ravi, versteht sich. Nicht Flirt-Ravi!

Mit ihm habe ich mich im September gut, bei einem Chai unterhalten und er ist momentan das Gesicht, was ich jetzt am liebsten sehen will. Wie in alten Zeiten, lässt er Tee aufkochen, holt Kekse und begrüßt mich feierlich. Er erzählt mir von der geschlossenen Seite. Damals war sein Laden noch dort, den musste er aufgeben und zahlt hier jetzt deutlich mehr Steuern als vorher. Er habe sogar sein Handy verkaufen müssen, damit er einigermaßen über die Runden kommt. Ich sei sein erster Kunde, wir haben es wohlbemerkt drei Uhr nachmittags und so könne es nicht ewig weitergehen. Auch, als ich Suresh wiedertreffe, höre ich genau dieselben Klagen. Im Januar soll es eine endgültige Entscheidung geben, was mit der geschlossenen Seite passieren soll. Sollte sie wirklich schließen, so hält ihn nichts mehr in Hampi, wie viele andere auch. Er würde dann nach Gokarna umsiedeln, was für ihn die letzte Möglichkeit wäre, um seinen Kindern eine bessere Lebensgrundlage zu verschaffen. Das würde Hampi die Seele rauben, wenn die Einheimischen wegziehen würden. Klar, die alte Königstadt wäre immer noch da, würde weiterhin die Jahrhunderte überdauern, wäre aber nicht mehr Dieselbe. Für mich bestand Hampi aus Leuten, wie Ravi, Suresh und auch Vickie, dem Trommelverkäufer, der sich sofort an mich erinnert und mich zu einer Trommelsession einlädt. Ohne diese Menschen gäbe es „Don´t worry, be Hampi“ nicht mehr.

 

Ich schlendere durch die Tempelanlagen, groß und majestätisch liegen sie vor mir, genauso wie ein indischer Elefant, bemalt mit hinduistischen Symbolen.

Müde trampelt er auf der Stelle, währenddessen ihn die Touristen fotografieren. Pflichtbewusst gibt er das Geld, dass in seinen Rüssel gelegt wird, seinen Trainer, darf aber die Bananen, die ihm gegeben werden behalten. Müde sieht er aus. Kein Wunder, denn als heiliges Tier und Symbol für den Gott Ganesha, hat man kein entspanntes Leben. Ständig wollen Leuten einen anfassen und sich dann auf hinduistische Weise bekreuzigen. Das ist bestimmt kein Zuckerschlecken.

Ich nähere mich ihm auf zwanzig Zentimeter Abstand, er ist riesig, wäre in der Lage alle Umstehenden umzutrampeln, tut er aber nicht. Dazu ist er in zu gutes Tier, oder hat viel zu sehr Angst vor der Peitsche seines Trainers. Gut zwanzig Minuten stehe ich einfach nur da und beobachte ihn. Spannendes Tier.

Dann werde ich durch eine Whatsapp-Nachricht wieder in die Welt der Menschen gerissen. Wir müssen los! Nur unfreiwillig verabschiede ich mich von Hampi, wer weiß wie es in zwei Monaten hier aussehen wird. Entweder geht alles gut, oder alles wendet sich zum Schlechten…

Wir schnappen uns unsere Backpacks, fahren wieder nach Hospet und warten auf den Bus. Der lässt sich aber gehörig Zeit…

Fortsetzung folgt…

Leben abseits städtischer Zivilisation

9 Tage. So lange waren wir in Dallapalli. Länger als manche Menschen irgendwo Urlaub machen. Innerhalb dieser anderthalb Wochen ist uns der Alltag auf dem Dorf in Fleisch und Blut übergegangen und hat uns mit seinem komplett anderen Lebensstil sehr bewegt. Da wir nach Tag fünf beinahe alle Aufgaben, die uns daheim aufgetragen worden waren, geschafft hatten, blieb eine große Arbeitslosigkeit bei uns hängen und so blieb uns oft kaum mehr übrig, als einfach nur da zu sitzen, und dem vermeidlichen Stillleben des Dorfes zuzusehen. Natürlich haben wir versucht mehr Dinge zu schaffen, sodass wir in den letzten Abenden unserer Reise versuchten den jüngeren Leuten Englischunterricht zu geben.

Das klappte bedingt gut, aber sorgte dafür, dass wir das Vertrauen der jüngeren Männer erworben und im Dorf insgesamt besser aufgenommen wurden. Unsere Müllsammelaktion machte uns bei den Kindern beliebt, die jedes Mal, wenn sie uns sahen, laut und begeistert „Hi!!“ riefen und die wenigen Englischstunden mit der älteren Jugend verschafften uns freundliche Blicke dieser, die uns davor noch seltsam musterten. So gelang es uns in Gebiete vorzudringen, die uns davor scheinbar verschlossen schienen und von eben jenen versteckten Plätzen des Alltags im Bergdorf, möchte ich erzählen.

 

Der Tag begann für uns gegen sieben. Da dieses Mal keine helfenden Kräfte, wie Padma aus Poolabanda, dabei waren, mussten wir alles selbst machen.

Eine der Hauptaufgaben einer jeden Frau in Dallapalli ist es Wasser aus den Pumpen zu holen. Dafür nimmt man gut zwei 10Liter Eimer mit und befüllt diese mit Wasser. Sind diese voll, so hieven sich die Frauen die Eimer auf den Kopf und tragen sie so zurück. Das war nun auch unsere Aufgabe, die bereits nach dem Aufstehen begann.

Wollte man kochen, so brauchte man Wasser. Wollte man abwaschen, so brauchte man Wasser. Wollte man sich duschen, so brauchte man ebenfalls Wasser. In der Stadt kommt dieses aus der Leitung und dadurch kann ich zumindest schwer einschätzen wie viel ich tätlich verbrauche.

In Dallapalli jedoch habe ich eine ungefähre Vorstellung bekommen. Bereits in den ersten beiden Morgenstunden schleppten wir ungefähr vier Eimer hinauf zur Community-Halle, um uns Essen zu machen, zu duschen und zu trinken. Es schien so, als ob allein durch das Wasserholen ein Viertel des Tages für die Frauen draufzugehen schien. Übrigens schaffte ich es mit der Zeit auch einen Eimer auf dem Kopf zu tragen OHNE etwas zu verschütten. Dass ein junger Mann dieser Tätigkeit nachging, amüsierte die an den Pumpen stehenden Frauen sehr, weil das normalerweise ihre festgeschriebene Arbeit ist.

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Die meisten Männer sind bereits vor sieben Uhr auf den Beinen um zu ihren Arbeitsplätzen zu laufen. Diese können drei bis sieben Kilometer entfernt liegen. Einmal hin und zurück und Schwupps hast du ohne irgendwas Anstrengendes gemacht zu haben deine tägliche Schrittvorgabe erreicht.

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Eines Tages folgten wir Siranji, einem Dhaatri-Mitarbeiter zu seiner täglichen Arbeit tief in den Bergen. Er hatte Getreide zu ernten, Kuhmist zu schleppen und Holz zu hacken, lud sich beispielsweise 50 Kilo Äste auf den Rücken und lief damit quer durch die Pampa, nur einen schmalen Pfad folgend. Zu beiden Seiten gähnender, struppiger Abgrund. Ich musste schon so aufpassen, dass ich nicht ausrutschte und hinunterfiel.

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Jede Tätigkeit wird dem Überleben im Dorf gewidmet. Das Getreide, das man erntet, wird für den eigenen Konsum an Lebensmitteln gebracht. Das Holz, das man an steilen Abhängen hackt und es mehr als drei Kilometer zurück zum Dorf schleppt, wird zum Heizen benötigt, ebenso wie der Kuhmist, den man unter anderem zum Düngen der Felder benutzt. Zudem benötigt man an seinem Arbeitsplatz auch Wasser, weshalb man dieses ebenfalls aus der Pumpe holt und es dann kilometerweit zu einem Platz mitten in der Wildnis bringt.

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Meist haben die Arbeiter eine kleine Holzhütte, irgendwo in der Pampa stehen, wo man sich fragt, wie man die Materialien bitte dorthin bringen konnte. Alles allein durch pure Muskelkraft.

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Jeden Tag in der Woche wird für das Dorf gearbeitet, die Männer wechseln wöchentlich ihre Tätigkeiten, mal ist man einfacher Bauer, der Getreide erntet, dann Kuhhirte und in der nächsten Woche vielleicht Jäger.

Siranji zeigte uns am letzten Tag sein Jagdgewehr, dass wohl noch aus Napoleons Zeiten stammte. Es war ein riesiger Vorderlader, wo man noch Schwarzpulver, sowie Kugel in den Lauf stecken musste, um schießen zu können. Damit würde man Affen und Wildschweine jagen, so unser Freund.

Übrigens sind die Dörfler größtenteils keine Vegetarier und essen so gut wie alle Fleischarten, da sie weder Hindu, noch Moslem sind. Aus dem Grund essen sie auch ihre Kühe, nach deren Tod.

Insgesamt können Merlin und ich uns dieses harte Arbeiten in den Feldern nicht ganz für uns vorstellen. Man arbeitet Tag für Tag für die Gemeinschaft, trägt Unmengen an Kilos durch die Gegend, die innerhalb einer Woche aufgebraucht sind und kaum Freizeit. Diese wird dann in den Abendstunden durch exzessives Volleyballspielen genutzt, wo wir uns das ein oder andere Mal fragten, woher die Leute, nach mehr als 20 Kilometern laufen und schweißtreibender Muskelarbeit, die Energie nahmen, jetzt noch Volleyball zu spielen.

Für uns bleibt bei diesem Tagesablauf zu wenig Zeit für einen selbst. Einfach mal nur für sich sein und seinen Gedanken nachzuschweifen. Wenn wir nach der maslowschen Bedürfnispyramide gehen würden, würde es als Selbstverwirklichung bezeichnen, was den Menschen meiner Meinung nach fehlt, um ein glückliches Leben, ohne Probleme, zu leben….

Das alltägliche Leben in Dallapalli hat sich wohl seit mehreren Jahrhunderten nicht verändert, jeder muss wohl lediglich dafür gearbeitet haben, dass er am nächsten Tag noch am Leben ist. Jeder hilft mit, selbst die Kinder, die entweder Wasser schleppen, Kochen, oder alleine auf die Ziegen aufpassen. Von Anfang wird man zu seinen Vorfahren erzogen, wahrscheinlich immer auf die gleiche Weise. Man wird so lange betüddelt, bis man fähig ist zu laufen, ab dem Zeitpunkt wird man angelernt, das zu tun, was alle machen. Nebenbei darf man noch etwas mit seinen Freunden spielen und zur Schule gehen, aber wäscht bereits mit fünf Jahren die Wäsche der Familie, oder geht mit dem Vater in den Wald zum Holz hacken. Würde man die Kinder, wirkliche Kinder sein lassen, würden Arbeitskräfte fehlen, die wichtig wären, um das Überleben zu sichern. Und niemand beschwert sich nur im Geringsten darüber. Wir tun das übrigens auch nicht. Klar Kinderarbeit hat immer eine Art negativen Touch, weil man oft an die kleinen Fabrikarbeiter denkt, die von morgens bis abends schuften müssen. Dallapalli Kinder werden langsam an Arbeit und Verantwortung herangeführt, es geht ihnen gut und sie haben sehr viel Zeit, um mit ihren imrpovisierten Spielzeugen zu spielen.

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Kinderkriegen scheint im Gegensatz zur europäisch deutschen Sichtweise auch eher normal und nichts Besonderes mehr zu sein. Man lernt früh, wie man mit Kindern umgeht da man schon als großes vierjähriges Schwesterchen sich um seinen vier Monate alten Bruder kümmert, ihn auf den Arm trägt und ihn zum Wasserholen mitbringt….

Es riecht nach Reis und Gemüse, dem Abendbrot, was die Frauen in der Zwischenzeit, wo die Männer Volleyball gespielt, gekocht haben. Es wird sich in dicke Decken eingewickelt, manche Männer erwärmen sich noch einen Eimer Wasser und sich in der Abenddämmerung zu duschen und gerade diese Zeit, ist die schönste Zeit des Tages im Dorf. Die Kühe sind zurück aus den Feldern, alle Menschen sind beisammen, unterhalten sich lebhaft über die Ereignisse des Tages und die Luft riecht irgendwie nach Bauernhof und Lagerfeuer. Man fröstelt bereits ein wenig und kuschelt sich in einige Decken die nach Rauch stinken.

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Gegen acht Uhr abends endet der Tag, jeder zieht sich in seine kleine kuschlige Hütte zurück, oder sitzt mit seinen Nachbarn um ein kleines rauchendes Feuer und beobachtet die immer mehr werdenden Sterne am Himmelszelt…

Einmal nach Poolabanda und zurück

Tag 4

„Wir gehen heute nach Poolabanda!“ sagt ein grinsender Bonjibabu.

„Wow, wie cool!“ ich freue mich wie ein kleines Kind.

„Also die Betonung liegt auf „gehen“,“ mischt sich Gayathri dazwischen.

„Och nö!“ mein Lächeln verzieht sich zu einem Schmollmund.

Wir erinnern uns zurück: Das letzte Mal als wir in Poolabanda, dem etwas größerem Nachbardorf Dallapallis, waren, sind wir dort mehr als eine Stunde mit dem Bus hingefahren. Daran habe ich noch sehr gute Erinnerungen, immerhin bin ich im überfülltem Bus, wegen meines Rucksacks umgefallen und habe einen armen Inder unter mir begraben.

Dallapalli liegt auf dem Berg, Poolabanda liegt diesem zu Füßen in einem kleinen Tal. Für uns heißt das also stundenlanger Abstieg.

Man kann unsere Begeisterung förmlich an unseren müden Gesichtern ablesen, dabei haben wir wirklich ausgezeichnet geschlafen. Bevor unser dritter Trip begann habe ich beinahe drei schlaflose Nächte in Hyderabad zubringen müssen. Warum genau ist mir bis heute nicht ganz klar, aber vor allem lag es am nervigen Gebell eines Hundes mitten in der Nacht.

In den Bergen hört man kein Bellen und kein hupenden Verkehr, es ist stockduster und so schläft man selbst auf 2 Zentimeter dünnen Decke, wie ein Stein.

Bereits bei der Erwähnung eines, mindestens 6 Kilometer langen Geländeabstiegs wird uns ganz komisch, aber dennoch raffen wir uns auf, packen Wasser, Kamera und Geld in unseren Rucksack und sind bereit zum Aufbruch. Schließlich ist neben der ganzen Wanderung ein ganz spezieller Arbeitsauftrag zu erfüllen. Schauen, ob sich der Weg für einen ausgeschilderten Wanderweg für Öko-Touristen eignet. Unser Weg wird von Merlins Handy aufgezeichnet, sodass wir am Ende wissen, wie wir gelaufen und wie weit wir gelaufen sind.

„Brauchen wir noch irgendwas?“ fragen wir Gayatrhi.

„Nö, nö!“ meint diese. In Wahrheit hätten wir eigentlich noch ein paar warme Sachen für die Ruckreise mitnehmen sollen, schließlich haben sie und Bonji dicke Pullover in ihren Taschen, aber anscheinend haben sie nicht das Bedürfnis diese Info an uns weiterzugeben.

Wir brechen auf, laufen über grüne Hügel und Täler. Wir begegnen einigen grasenden Kühen und noch erinnert dieser Ausflug an eine wunderschöne Wanderung durch den Harz in Deutschland.

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Bald darauf geraten wir abseits der Wege und schlagen uns mitten durchs Gebüsch, einen kleinen steinigen Trampelpfad vor uns.

Merlin und ich erzählen viel über alte, längst vergangene Geschichten, die wir einst erlebt haben, um uns irgendwie davon abzulenken, dass wir wieder einmal nur FlipFlops tragen, die ständig im Begriff sind dem Weg nicht Stand zu halten, unter dem ewigen Laufen in den mit Steinen und Wurzeln gespickten Abgrund.

Mir fällt eine süße Geschichte ein: Als ich mal mit vielleicht acht, neun Jahren mit der ganzen Familie durch die Berge der Slowakei gewandert bin, haben sich bestimmte Mitglieder nach einer ohnehin schon sehr langen Exkursion dazu entschieden nochmal eine genauso anstrengende zu machen.  Unter dieser kleinen Gemeinschaft war ich zu finden und so krackselten wir über Stock und Stein, über Bergflüsse und Wurzeln, bis am Ende Klein-Leo keine Steine mehr sehen wollte, weil diese ihn nur noch nervten, obwohl er damals wirklich gute Wanderschuhe trug. Dafür würde ihn sein 10 Jahre älteres Ich noch beneiden.

Am Ende dieser Reise warteten bereits die anderen Familienmitglieder am Fuße des Berges und hatten etwas ganz Besonderes für den Kleinen. Einen Kinder-Schokoriegel. Klar, das klingt irgendwie nicht besonders toll, schließlich war es nur ein einfaches Stück Schokolade, aber damals habe ich mich zum Abschluss dieser beschwerlichen Reise so darüber gefreut, dass ich mich heute kaum noch an die Wanderung erinnern kann, dafür aber an den Schokoriegel. Manchmal sind es eben die kleinen Dinge, die uns im Gedächtnis bleiben….

„Also ich bin mir sicher, dass wir in Poolabanda keinen Kinder-Schokoriegel bekommen werden, aber können wir uns auf ne Cola einigen?“ kichert Merlin.

„Deal! Eine Cola klingt gut!“ meine ich und freue mich schon auf unsere kleine Belohnung.

 

Anfangs sind wir zu fünft. Ein Bewohner Dallapallis, den ich davor noch nicht kannte läuft mit uns, doch nach einer Stunde, verabschiedet er sich plötzlich und nimmt eine Abzweigung mitten ins Nichts.

„Er ist Lehrer und geht jetzt zur Schule in einem anderen kleinen Dorf“, sagt Gayathri auf unsere Nachfrage hin.

„Das ist sein täglicher Schulweg?!“ wir staunen nicht schlecht. Tagtäglich muss er über anderthalb Stunden laufen, um zu seinem Arbeitsplatz zu kommen. Und dann muss er ja auch noch zurück! Wir sind schwer beeindruckt.

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Gayatrhi erzählt uns, dass jeden Mittwoch ein riesiger Markt in Dallapalli tagt, wo jeder irgendetwas verkauft. Für diesen Markt kommen selbst Leute aus Poolabanda den Berg hochgelaufen. Für die ist das völlig normal einfach vier Stunden zu wandern, um vielleicht eine Stunde durch den Markt zu bummeln, um danach wieder hinabzusteigen. Einkaufen, dauert in den Bergen Andhra Pradesh´s eindeutig länger als bei uns.

Dann fällt das Thema irgendwie auf das indische Kastensystem und Gayathri, als Mensch, der in den mittleren Kasten aufgewachsen ist, erzählt uns von ihren Eltern, die es furchtbar finden, dass sie Freunde aus den unteren Kasten hat. Nach Besuch bei ihren „unterklassigen“ Freunden, soll sie, bevor sie in ihr Elternhaus tritt, mindestens einmal einen Tempel besuchen, sich reinigen und dann noch eine Runde beten, um den Schmutz der Unreinen loszuwerden.

„Völliger Schwachsinn!“ meint unsere Begleiterin. „Es sind Menschen, wie du und ich und nur, weil sie in eine theoretische Kaste hineingeboren werden, sollen sie weniger wert sein, als die anderen? Das verstehe ich nicht.“

„Wir auch nicht,“ beteuern wir. Es ist spannend zu beobachten, dass es tatsächlich immer mehr Leute gibt, die sich der Tradition und auch der Religion lossagen. Denn, wie uns Gayathri erzählt, musste sie zu ihren Schulzeiten, mittlerweile ist sie 25, jeden Tag vor fünf Uhr aufstehen, um zu beten und allerlei Pujas zu machen. Dem hat sie sich mittlerweile, als Atheistin, entwöhnt, aber dennoch fragen sie ihre hinduistischen Eltern immer wieder, warum sie dies nicht mehr tut, obwohl ihr dadurch die Götter wohlgesinnt wären.

Sie erzählt fröhlich weiter, doch leider schweifen meine Gedanken ab dem Zeitpunkt ab, an dem ich mit dem großen Zeh gegen eine Wurzel stoße und er anfängt zu bluten.

„Oh, sieht so aus, als wäre dein Nagel gespalten“ meint Merlin trocken.

Ja, danke für die große Aufmunterung. Durch das langsam trocknende Blut kann ich nicht erkennen, wie es meinem Nagel ergangen ist, aber ich hoffe, dass Merlins Ausruf falsch ist. In den nächsten Stunden werde ich mit genau dem selben Zeh gegen noch zwei weitere Wurzeln treten und wodurch meine Gedanken noch weiterabschweifen als ohnehin schon.

 

Dann, nach viereinhalb Stunden und neun Kilometern Wanderung, sehe ich Kokos-Palmen auftauchen und höre fröhliches Kinderlachen. Wir sind da! Selten war ich so froh ein Dorf zu erreichen, das Leben kehrt in unsere Beine zurück, die mittlerweile angefangen haben zu zittern, wir erreichen das Dhaatri-Office und lassen uns völlig ausgelaugt auf den Boden fallen.

Unsere Ankunft spricht sich herum und im Nu scharen sich mir wohl bekannte Kindergesichter um uns herum und tatsächlich scheinen sie mich zu erkennen, zerstreuen sich aber schnell wieder, da die Schulglocke bimmelt.

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Wir bummeln durch das Dorf, entdecken einen Shop und kaufen unsere wohlverdiente Cola. Ob ich mich an diese noch in zehn Jahren erinnern werde? Wer weiß.

Wir sind hergekommen, um ein kleines Meeting mit den Dörflern zu veranstalten. Da sind wir so gut wie ausgeschlossen, da alles auf Telugu besprochen wird. Derweil spielen wir unser Lieblingskartenspiel „Shithead“ und streicheln meinen poolabandischen Lieblingshund, der mich wiederzuerkennen scheint. Zumindest wedelt er glücklich mit dem Schwanz. 🙂

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Meinem Zeh scheint es, nach ausgiebiger Waschung, ganz gut zu gehen. Meine Schreckensszenarios bleiben aus, worüber ich froh bin und gebe zur Feier des Tages Kekse aus.

„Ach übrigens, es kann sein, dass wir keine Fahrgelegenheit nach Dallapalli mehr bekommen. Vielleicht laufen wir die letzten sechs Kilometer zurück“, gesteht Gayathri uns, nach dem das Meeting beendet ist. Wir sind geschockt. Unsere Blasen an den Füßen wollen ebenso wenig laufen wie wir, zudem wird es nach und nach kälter, wir sitzen in T-Shirts vor den gut eingepackten Indern und frösteln bereits ein wenig. Es wurde von Anfang an gesagt, dass man zurück den Bus nehmen würde, aber diese Entscheidung scheint nun wohl auf der Kippe zu stehen.

Die Zeit vergeht, die Dörfler unterhalten sich reghaft mit unseren Leuten, die keineswegs Aufbruchsstimmung zeigen und ich male mir derweil schon aus, wie wir gegen Mitternacht über die Einöde laufen, uns gegenseitig fest umklammernd, um uns Wärme zu spenden, mit einem spannenden Hörbuche als Mitternachtsleküre.

Dann, als hätten sie Hummeln im Hintern, springt die indische Gemeinschaft auf und verkündet, dass ein Bus kommen würde und in der Tat steigen wir wenig später in eben dieses klapprige Vehikel. Über eine Stunde fahren wir Richtung Dallapalli und erst jetzt wird mir bewusst, wie lange ich damals mit dem Rucksack auf den Schultern, in der Masse stehen musste. Damals schien die Zeit, unter den Einfluss von ganz viel Adrenalin, beinahe zu verfliegen. Hinter uns geht die Sonne langsam und gleißend unter und erschöpft nicken wir uns zu. Im Endeffekt eignet sich die Strecke von Dallapalli nach Poolabanda als Wanderweg für fortgeschrittene Spaziergänger, die mehr wollen, als einfach nur auf den Berg zu steigen, um sich zu betrinken.

Jedoch sollten sie lieber auf gemeingefährliche Wurzeln aufpassen und besser Wanderschuhe anziehen….

Together we are strong

Kurz nach dem Aufstehen stellt sich uns folgende Frage: Was machen wir heute?

Vögel kategorisieren? Müll sammeln? Nichts tun? Wir entscheiden uns für die zweite Variante und schnappen uns, nach einer ausgiebigen Dusche, wofür wir eine halbe Stunde lang Wasser aufwärmen mussten und dieses uns darauf hin über den Kopf schütteten und einem leckeren Chai, die Müllsäcke, die wir am Tag 2 in der nächstgrößeren Stadt von Dallapalli aus erworben haben und treten vor die Haustüre.

Im Radius von 20×20 Metern beginnen wir Plastikabfall zu suchen und finden längst verbuddelte Schätze im Herzen des kleinen, morgendlichen Bergdorfs. Zudem spüren wir auch neue Überreste, wie benutzte Spritzen, Medikament-Verpackungen und auch leere Tablettenbehälter auf. Das medizinische Camp von gestern war wohl doch nicht so sauber, wie wir anfangs noch vermutet hatten.

Nach einer halben Stunde haben wir vier Säcke vollgestopft und sind dabei keineswegs abseits unseres kleinen Umkreises geraten. Jeder von uns hat einen kleinen Sonnenbrand, etwas Rückenschmerzen und den Gedanken, dass falls wir uns jemals bei einem deutschen Abfallunternehmen bewerben sollten, definitiv sofort genommen werden würden, wenn dieses sieht, wo wir schon überall Müll gesammelt haben. 😀

Plötzlich hat Gayathri die zündende Idee einen Aufräumtag mit den Kindern Dallapallis zu veranstalten. So hätte man mehrere Fliegen mit einer Klappe geschlagen. Einerseits wäre das Dorf sauberer, man hätte seinen Bildungsauftrag super gemeistert, den Kindern ein besseres Verständnis für Müll nähergebracht und unsere Organisation bekäme daraufhin eine gute Publicity.

Wir sind sofort überzeugt von dieser Idee, Gayathri spricht mit der Lehrerin der kleinen, beschaulichen Schule des Dorfes, die auf der Stelle ihre Schüler für diesen einen Tag freispricht. Wir kommen in die Schule und finden gut 16 Zweit-und Drittklässler vor, die uns total gespannt, von oben bis unten hin, mustern.

DSC_1873Einige kennen wir schon vom Sehen, haben jedoch nie mit ihnen gesprochen. Nach einander stellen sich die kleinen Racker vor, springen auf und geben ihr bisher gelerntes Englisch preis. Sie können schon ihren Namen und ihre Klasse sagen. Zudem können sie alle super bis zehn zählen.

Das kann ich mittlerweile auch schon. Also auf Telugu! Auf Deutsch und auf Englisch kann ich selbst verständlich noch weiter zählen.

Hier mal ein Live-Versuch, ob ich es immer noch schaffe auf Telugu bis 10 zu zählen: Okati, rendu, moodhu, naalugu, aidu, aadu, yedu….enamidhi, thommidhi, padhi!

Siehste, ich kanns! In dem Fall müsst ihr mir einfach glauben, dass ich nicht zwischendurch geschmult habe. 🙂

Nachdem sich jeder vorgestellt hat, wird ein Laptop aufgeklappt und wir schauen uns einige kleine Filmchen über Plastik, die wir daheim gedownloadet haben, an. Ganz gebannt schauen die Kinder auf den Bildschirm und irgendwie scheinen sie zu verstehen, worum es geht, obwohl ein Film auf Hindi und ein anderer auf Englisch ist.

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Zwei Videos seien hier auf jeden Fall mal verlinkt,  falls es jemanden interessiert, was Plastik alles so auslösen kann. 🙂

Plastic Planet

What really happens to the plastic you throw away – Emma Bryce

I Know – A Tamil Documentary About Plastic Waste

Nach jedem Film fragt Gayathri die Kinder was sie verstanden haben und anscheinend haben sie relativ viel mitbekommen, beachtet man wie viele sich zu Wort melden.

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Danach machen wir uns startfertig, ordnen die Kinder in Zweierreihen und marschieren im Gänsemarsch das Dorf hinunter. Als das letzte Haus hinter uns liegt, verteilen wir an jede Zweiergruppe eine Tüte und die gesamte Rasselbande schwärmt aus. Alles was nicht niet- und nagelfest ist wird eingesammelt und in die Müllbeutel geworfen. Alle Kinder scheinen riesigen Spaß zu haben und mich erinnert dieses Event doch tatsächlich an Ostern, nach dem Motto: „Na los, such das das Plastikei!“

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Kein Kind wirkt irgendwie desinteressiert, oder unmotiviert, nein alle machen mit und wie ein Schwarm Grillen, fegt die Kinderhorde über die Landschaft hinweg und hinterlässt nichts als Sauberkeit.

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Zwischendurch loben wir sie für ihre Arbeit, sammeln fleißig mit und verteilen als Belohnung für jede volle Tüte eine Neue. Innerhalb anderthalb Stunden haben wir uns über einen Kilometer vorgearbeitet und stehen nun vor dem Eingangstor, wo wir entschließen die Kinder von ihrer Arbeit zu befreien, auch deswegen, weil wir nicht wollen, dass sie durchs Eingangstor gehen und ein mit Alkoholflaschen gesäumtes Bergplateau vorfinden. Gestern sind gegen Abend wieder Touristen über die Zäune geklettert und haben Partie gemacht. Wir waren dabei und haben erneut den Spion gespielt, haben mit ihnen getrunken und sie fotografiert. Dieses Mal jedoch habe ich mir verkniffen ihr Fleisch zu essen. Einmal gegen sein Vegetarier-Kredo zu verstoßen, hat mir gereicht.

 

Wir machen ein gemeinsames Gruppenfoto mit den Kindern, wo wir eindeutig aufzeigen, dass wir den Müll nicht gut finden und lassen die Dallapalli-Kids danach nach Hause ausschwärmen. Das war ein richtig gutes Event! Wir fühlen uns sehr sehr glücklich, mit dem was wir gerade zusammen auf die Beine gestellt haben und glauben zum ersten Mal, dass das Müllproblem auf alle Fälle beseitigt werden kann! Zusammen. Wenn alle wirklich mit anpacken, kann man was bewirken. Man kann alleine viel über die Dinge meckern und versuchen sein eigenes Ding zu machen, aber so lange man nicht die Unterstützung der Menschen hat, kann daraus nicht viel werden. Und für diese kurze Zeit hatten wir Hilfe

Zusammen sind wir stark!

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Insgesamt haben wir mehr als 30 Müllsäcke vollbekommen und kratzen damit leider nur an der Oberfläche, wie Merlin, Gayathri und ich danach, beim Beseitigen der Party-Überreste feststellen, müssen. Der Abfall zwischen dem hohen Gras ist so verstreut und so viel, dass er definitiv von mehr als fünf exzessiven Großveranstaltungen kommen muss. Zu dritt schaffen wir noch fünf Säcke, sind danach aber fix und fertig. Wir stellen alle Müllsäcke zusammen, später würden die Dorfbewohner mit diesen zur nächstgrößten Stadt fahren und sie vor das Rathaus stellen, und fallen daheim erschöpft in unsere Schlafsäcke.

Gegen Abend trauen wir uns wieder an die Luft und können ein ganz besonderes Event live mitverfolgen. Das alltägliche Kuh-Spektakel. Nach einem harten Arbeitstag in den Feldern kommen hunderte Kühe, angetrieben von einem halben Dutzend Hirten, zurück ins Dorf. Ja, es grenzt nahezu an eine Völkerwanderung, jeder auf den sandigen Wegen tut gut daran der muhenden Horde auszuweichen. Im Nuh wird dem Dorf, dass vorher noch tief im Mittagsdusel steckte, belebt und überall rennen dicke bullige Tiere durch die Gegend, auf der Suche nach ihren Ställen, oder ihren verloren gegangenen Freunden.

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Besonders eine junge Ziege hat riesige Orientierungsprobleme und scheint ihre Herde verloren zu haben. Sie hat überhaupt keinen Plan wohin mit sich und entscheidet sich die volleyballspielende Dorfjugend zu fragen, wo sie denn jetzt hinsoll. Es sieht schon ziemlich lustig aus, wie diese Ziege dort am Spielfeldrand steht und klagend vor sich hinmeckert. Gerne hätte ich ihr den richtigen Weg zu ihrer Familie gezeigt, aber mir scheint die Zicke nicht zu vertrauen. Schade.

Der Abend wird zur Nacht, ich entscheide mich, mit Musik in den Ohren, durch das einschlafende, von Lagerfeuern gezeichnete Dorf zu laufen. Ich schaue gen Himmel. Bis weit über den Horizont sehe ich nichts als leuchtende Sterne am weitentfernten Himmelszelt. Ich schaue gebannt nach oben, in der Hoffnung vielleicht eine Sternschnuppe zu erhaschen, diese bleibt aus, doch trotzdem fühle ich mich glücklich im Angesicht von Milliarden von leuchtenden Himmelskörpern, die in diesen nächtlichen Momenten so nah zu sein scheinen. Ich muss grinsen. Der heutige Tag, war tatsächlich sehr erfolgreich, wir haben zusammen etwas geschafft, was allen im Endeffekt irgendwie geholfen hat. Zusammen sind wir stark…

Gähnend mache ich mich auf den Rückweg, der Schein des Mondes, der so durchdringend und kraftvoll ist, dass ich einen Schatten werfe, geleitet mich durch guttuende Stille hinein in die Dunkelheit der Community-Halle und einen sehr erholsamen Schlaf…

 

 

Von medizinischen Sekten und ganz viel Antibiotika

Tag 3

„Guten Morgen! Aufstehen! Leo, Merlin, Gayathri, auf geht´s!“

Müde, schlage ich die Augen auf. Es ist halb sieben am Morgen, wir sind dick eingekuschelt in unsere Schlafsäcke und in meinem momentanen Dämmerzustand vermag ich nicht die Stimme auszumachen, die mich gerade doch ziemlich laut und harsch aus dem Schlaf geholt hat.

„Aufstehen!“ ruft es nochmal.

Ich reibe mir den Schlaf aus den Augen, erhebe mich und erkenne den Unruhestifter! Bonjibabu steht vor uns grinst über beide Backen und schaut mich voller Tatendrang an. Was macht er hier um diese nächtliche Urzeit?

„Jetzt kommt das medizinische Camp“, offenbart er uns aufgeregt.

„Aber Bonji, die Leute wollten doch erst gegen zehn kommen!“ protestiert ein ziemlich unausgeschlafener Merlin.

„Jetzt nicht mehr“, meint unser kleiner Freund und plötzlich latschen fünf fremde Männer in die Community Halle und beginnen aufzuräumen. Prompt füllt sich der Raum mit mehr Leuten, zwei kleine Mädchen kommen mit Reisigbesen bewaffnet hinein und beginnen den Staub hinauszufegen.

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„Och nö“, seufze ich, streife mir den Schlafsack vom Körper und stopfe ihn in meinen Rucksack.

Bereits vorgestern, am Tag der Anreise, haben wir erfahren, dass eine Organisation aus Visakhapatnam herkommen will, um den Menschen aus den Dörfern eine freie ärztliche Behandlung zukommen zu lassen. Sie seien dafür zuständig, dass rund um Dallapalli Brunnen ausgehoben und Wassertanks entstanden sind. Alle Mitglieder dieser Versammlung würden einem gewissen Sathya Sai Baba folgen. Dieser hatte einst verkündet die Reinkarnation eines Heiligen zu sein, gründete Hilfs- und Bildungswerke, unter anderem auch ein Krankenhaus in Bangalore, lebte fortan in sogenannten Ashrams, klosterähnlichen Meditationszentren, verkündete seine Lehren und war seitdem als eine Art Guru bekannt. Bis er vor fünf Jahren starb. Doch das schmälerte seinen Ruhm nicht, nein, mittlerweile kann man sein Gesicht auf jedem Brunnen in Dallapalli und auch Poolabanda bestaunen, da seine Organisation, die nun, an diesem Sonntag zu uns gekommen ist, nach wie vor in Indien tätig ist.

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An sich befürworte ich diese Aktion. Man sieht dann doch sehr viele Ureinwohner mit Schnupfnasen und kratzigem Husten durch die Gegend laufen, einige halten Verletzungen einfach aus, binden einen Verband drum und glauben, das reiche um Schlimmeres zu verhindern, sind sie sich bisher immer noch im Unklaren, was eine Infektion auslösen kann. Drum finde ich es gut, dass nun Leute kommen und den Menschen hier ein medizinisches Bewusstsein zu geben.

„Immerhin tun wir es für eine gute Sache!“, versuche ich Merlin aufzuheitern der gähnend und murrend sein Zeugs zusammenpackt. Für diesen Tag werden wir in Bonjibabus Haus unsere Sachen lagern, damit die Ärzte die Community-Halle für sich und ihre Zwecke nutzen können.

„Hmmm“, grummelt Merlin, der doch gerne später aufgestanden wäre.

Bisweilen wird ein riesiges Zelt vor unserer Halle aufgebaut und wuchtige Tische in den Vorgarten gestellt. Helfen dürfen wir leider nicht, drum genießen wir voller Inbrunst die morgendliche, warme Sonne. Der Winter ist in Dallapalli eingekehrt. Was heißt das genau? Nun ja, heftiges Schneetreiben bleibt vorerst aus und sowieso ist es tagsüber über 25 Grad, die Sonne ballert kräftig auf uns herab und wir müssen aufpassen uns immer gut mit Sonnencreme einzuschmieren, aber des Nachts, wird es selbst im Pullover kaum aushaltbar. Drum schlafen wir auch mit mehreren Lagen Klamotten und dicken, warmen Schlafsack. Tagsüber heiß, nachts kühl. Das ist der indische Winter. 🙂

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Ich behalte ein Viertel meines Frühstücks und gehe ins Unterdorf zu meinen neuen Freunden. Fünf kleine Hundewelpen, sie mögen gut fünf Wochen alt sein, rekeln sich dort, zu Fuße eines kleinen Holzberges. Wir haben sie am ersten Tag entdeckt, wie sie ungelenk durch die Gegend getapst sind und sich nur zu gern von uns streicheln ließen. Die Mutter scheint ihre Wonneproppen aufgegeben zu haben, so hält sie sich gerne so weit weg wie möglich von ihnen auf und kommt nur ein Mal am Tag vorbei, um ihnen Milch zu geben. Uns ist nicht klar, ob am Ende unserer 10 Tage noch alle von ihnen leben werden, wenn sie keine mütterliche Nahrung mehr bekommen. Es ist sowieso erstaunlich wie sie die kalte Nacht überstehen.

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Ich gebe ihnen meinen Reis, im Wissen, dass dieses Fressen vielleicht noch gar nicht so gut ist, für die Kleinen, aber sie fallen gierig darüber her und tun so, als würden sie diese Kost bereits verkraften. Als ich auf die Straße zurückkomme, beäugen mich die Dorfbewohner mit düsteren Blicken. Ich hätte ihre Kühe, Ziegen und Hühner füttern können, sie hätten mich angestrahlt, dass ich mich so gut, um ihre Nutztiere kümmere, aber Hunde sind bestenfalls ein Spielzeug für die Kleinkinder. Man brauch sie hier nicht, sie nerven nur und gieren nach dem Essen für das die Menschen hier hart gearbeitet haben. In dem Sinne muss ich wohl „den Feind“ versorgt haben, so zumindest wären die merkwürdigen Blicke zu erklären. Nicht desto minder, werden wir noch häufig hier vorbeischauen….

Als ich zurückkomme, halten zwei riesige Busse vor den Toren Dallapallis, viele plappernde Menschen steigen aus und machen sich rund um die Community Halle breit. Natürlich sind wir als Weiße für sie der totale Blickfang, es wird Smalltalk betrieben und es werden Selfies gemacht und dabei stelle ich fest, dass diese Menschen echt wahnsinnig nett sind. Vielleicht etwas fanatisch, was ihren „Gott“ angeht, denn bevor sie sich in die Ärztekittel schmeißen und die Dorfbewohner empfangen, errichten sie einen Schrein für ihren heiligen Baba und beten inständig um gutes Gelingen. Wir beiden Deutschen stehen daneben und müssen uns ein Grinsen verkneifen. Wir kommen uns irgendwie vor, als seien wir mittendrinn in einer Sekte voller komischer Leute.

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Schließlich trudeln die ersten Ureinwohner ein und…wow! Die Ärzte scheinen tatsächlich professionell zu sein, untersuchen die Hilfesuchenden, verschreiben ihnen Medikamente, geben ihnen Vitamine, Schmerzmittel, alles was das Herz begehrt.

Sogar Sehtests werden angeboten und es sieht schon ziemlich lustig aus, als  eine altertümliche Adivasi-Frau mit Ringen in der Nase ein hochtechnisiertes Sehtestgerät auf der Nase gesetzt bekommt, um der Ärztin zu sagen, ob sie die immer kleiner werdenden Buchstaben an der zehn Meter entfernten Wand noch sieht.

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Dann betritt Rambabu, ein athletischer junger Mann, den Schauplatz. Er ist immer dabei, wenn es darum geht Volleyball zu spielen, oder verrückte Dinge zu machen.

„Hey, was machst du denn hier? Du bist doch kerngesund!“ stellen wir fest.

„Ja, aber meine Mutter meinte, ich solle mal vorbeischauen. Wenn schon ein Arzt da ist, soll man diesen auch auskosten“, meint Rambabu.

Er geht in die Community-Halle und kommt wenig später mit Antibiotika und Schmerzmitteln wieder.

„Und warum musst du das jetzt nehmen?“

„Öhm, keine Ahnung. Zur Vorsorge wahrscheinlich.“

Irgendwie kommt uns das spanisch vor, einem topfitten Menschen Antibiotika anzudrehen. Antibiotika sind unumstrittlich sehr wichtig für kranke Menschen, es werden vorerst alle Bakterien, sowohl gute als auch schlechte, im Körper ausnahmslos getötet, was das Immunsystem folglicherweise sehr schwächt, aber mit der Zeit den Körper wiederaufbaut. Im medizinischen Gebrauch werden sie zur Behandlung bakterieller Infektionskrankheiten eingesetzt, Merlins operierter Fuß hier als Beispiel.

Doch Rambabu hat keine bakterielle Infektion und hat trotzdem ein Antibiotikum in die Hand gedrückt bekommen. Uns schwant nichts Gutes.

Spätestens als ein Arzt auf Merlins verbundenen Zeh zeigt, fragt was dort passiert sei und Merlin ihm von seiner Operation erzählt, wird die ganze Situation ziemlich merkwürdig.

Ohne sich den Zeh nur anzuschauen, drückt der Arzt Merlin ein Antibiotikum, sowie mehrere Paracetamol- und Iboprofentabletten in die Hand und meint, dass es damit bestimmt besser werden würde.

Als ein kleines Kind, vielleicht sechs Jahre alt, an den Stand eines Arztes kommt, wohl deswegen, weil es Magenbeschwerden hat und der Mediziner dem Kind ein Breitband-Antibiotikum und mehrere magengeschwürbekämpfenden Mittel verschreibt, ohne das Kind vorher genauer untersucht zu haben, bringt das das Fass von Merlin zum Überlaufen. Einem so schwachen Organismus ein so starkes Mittel zu verschreiben, ohne überhaupt zu wissen, ob es sinnvoll ist, ist schon beinahe gefährlich.

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Ich muss gestehen, dass ich selber nicht viel Ahnung von Medizin habe, aber meine Vorstellung von einer vernünftigen Behandlung sieht wahrlich anders aus. Schnell begreifen wir, dass das kein Einzelfall war. Die einzige Lösung für die wahrlich einfachen Probleme der Menschen, scheint für diese Ärzte das Antibiotikum zu sein, was man eigentlich erst dann einsetzen sollte, wenn es einem wirklich sehr schlecht geht. Aber da weder die indischen Ärzte, noch die Bergdorf-Bewohner irgendeine Ahnung von dem zu haben scheinen, was sie da in der Hand haben, nehmen es beide Seiten für gegeben an und das obwohl die Bewohner Dallapallis eigentlich ihre ganzen Medikamente vor der Haustür haben. Die ganzen Pflanzen, die ich einst fotografiert habe, haben meist alle einen medizinischen Nutzen. Manche kurieren Husten und Schnupfen und manche sind sogar gut, um Schmerzen zu lindern, aber die Menschen wissen es nicht mehr und ziehen die „westlicheren“ und vermeidlich besseren Methoden vor, die ihnen in diesem Fall wohl mehr schaden, als ihnen zu helfen. Leider kann in Indien der Arzt werden, der viel Geld besitzt und nicht der, der auch die ausreichende Bildung dafür hat zu erkennen, dass Antibiotika völlig gesunde Menschen krank machen könnte…

Ich finde es super, dass sich die Ärzte um diese Menschen kümmern und ihnen eine gewisse Vorsorge bieten. Leider ist es jedoch so, dass die Organisation von Dorf zu Dorf wandert und wohl erst in ein paar Jahren wieder in Dallapalli vorbeischauen wird. Nachhaltige Vorsorge ist damit nicht unbedingt gewährt, wie ich finde. Es ist nicht immer richtig Antibiotika zu verschreiben, aber trotzdem kann man mit ihnen Überleben fast schon garantieren.

Klar, kann ein kerngesunder Rambabu Medikamente zur Vorsorge bekommen haben, wäre es nicht so, dass allen Leuten gesagt wurde ihre Mittel in den nächsten Tagen einzunehmen und da, in dieser Tätigkeit, liegt mein eigentliches Problem:

Sowohl in diesem Feld, als auch beim Müllproblem fehlt es den Leuten an Wissen, Aufklärung und dem nötigen Feingefühl zu wissen, dass ein Mittel allein, nicht deine ganzen Probleme, die du es noch gar nicht hast, beseitigen kann…

Aber dieses Problem können wir nicht auch noch anpacken, im Endeffekt müssen wir das auch nicht. Dies ist eine Sache zwischen deutschen und indischen Gesundheitssystemen. Beide funktionieren am Ende. Irgendwie. So lange es den Menschen gut geht, ist alles im Lot  und die Inder haben wohl oder übel gelernt mit ihren Problemen zu leben, die Antibiotika anzunehmen. Sie kennen nichts anderes und am Ende würden sie dem Arzt vertrauen, den sie schon immer aufgesucht haben und nicht dem, der eine lange Behandlung über viele Sitzungen vorschlägt, statt Pillen zu verteilen.

Es ist keine Sache, die wir lösen sollen, aber dennoch etwas, die uns sehr bewegt, aber wir definitiv nicht besser machen können.  Der Müll allein stellt uns schon vor ein riesiges Mamutprojekt, das am nächsten Tag, jedoch Form annehmen soll….( und spätestens dann, gibt es auch wieder positives zu berichten. :))

 

 

 

 

Nichts bleibt, wie es ist…

 

Tag 1

„Im Endeffekt kann Dallapalli sich nicht vor sich selbst schützen“, hauche ich abfällig.

„Nein, das kann es nicht“, Merlin schüttelt entgeistert den Kopf.

Wir sitzen vor der Community-Halle, unserem vorrübergehenden Heim in Dallapalli, dem kleinen mittelalterlichen Dorf, tief in den Bergen. Völlig entgeistert. Das ist der richtige Ausdruck, um meine Gedanken zu beschreiben.

Kennt ihr das? Man ist unterwegs, hat viele beschwerliche Hindernisse hinter sich und stellt sich vor, dass, wenn man sein Ziel erreicht, sich erstmal genüsslich ausruht?

In meiner Vorstellung würde ich mir seufzend den schweren Rucksack vom Rücken hieven, einen Chai trinken und träumerisch in die Landschaft schauen, die unglaubliche Landschaft des Dorfes genießen… Nun bleibt von dieser Vorstellung nur eine vage Erinnerung. Wir sitzen einfach nur da und können unseren Augen kaum glauben. Warum sagt man das Eine und tut dann das Andere? Das scheint mir die Frage des Tages zu sein. Warum?

 

Beginnen wir am Anfang der Geschichte, einen Tag vorher, wo uns ein feixender Ravi mit wippenden Schnurrbart offenbart, dass wir diesen dicken, fetten Computer vor unseren Füßen, doch bitte mit auf unsere zehntägige Reise ins Dallapalli der angeblichen Ausnahmezustände und voller Regierungsbeamte, mitnehmen sollen. Auf dem Computer sei das System für´s Ausmessen der Berge gespeichert und da es im Dorf kein Internet gibt, könne man eben jenes Programm nicht einfach per Mail schicken.

„Großartige Idee! Ist ja nicht so, als ob wir nicht schon zwei riesige Backpacks auf dem Rücken haben und eine 20 Stündige Reise vor uns haben. Ravi, du killst uns mit diesem Paket!“ versucht Merlin unserem Zweitchef davon zu überzeugen, doch jemand anderes mit dieser Aufgabe zu beauftragen. Dieser jedoch grinst nur wie verrückt, wie einer dieser Lehrer, die es nahezu genießen der müden Klasse mitzuteilen, dass sie übers Wochenende doch bitte Hausaufgaben machen sollen und macht sich daran den PC, sowie den Bildschirm und die Tastatur in Pappkartons einzupacken.

„Gern geschehen!“

 

So stehen wir also wenig später, vollbeladen und angespannt am Bahnhof und warten auf unseren Zug, der uns nach Visakhapatnam bringen soll. Die Spannung, zumindest bei mir, ist unübersehbar groß, habe ich jetzt schon Angst, dass der Computer-Pappkarton nirgendwo in den schmalen Gängen unterkommen kann.

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Der Zug kommt mit lautem Getöse angefahren, wir steigen ein und stehen erstmal im Stau. Dass die Chai-Verkäufer-Marktschreier immer dann ihren Tee verkaufen wollen, wenn alle einsteigen und dann auch noch gegen den Strom schwimmen, um ihr altbekanntes Lied zu singen, ist mir nach wie vor schleierhaft.

 

Chai-Verkäufer (monoton schreiend): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Ich (genervt): „Das Einzige, was ich will ist EINSTEIGEN!“

Chai-Verkaufer (unbeirrbar): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Merlin: „Ich will jetzt keinen Chai! Gott, so vergrault man schon ganz am Anfang seine Kundschaft!

Chai-Verkäufer (unerschütterlich): „CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE! CHAI, KOFFEE!“

Ich (bitterböse): Langsam nervt´s!

 

Doch die Verkäufer beachten uns nicht, auch weil wir sie auf Deutsch beschimpfen und sie uns so, bei guten Grund, nicht verstehen können. Bald jedoch sitzen wir an unseren Sitzplätzen, selbst der Computer ist verstaut, meine Anspannung fällt von mir ab und jetzt könnte ich sogar einen Chai vertragen…

Am nächsten Morgen, nach einer mehr oder minder schlaflosen Nacht, steigen wir vom Zug in den Bus, mein Rucksack ist viel zu groß für die obere Ablage, sodass ich ihn vorne beim Fahrer ans Gerüst festschnüre.

Wir stellen fest, dass Inder uns gegenüber zwar sehr aufgeschlossen, hilfsbereit und nett sind, aber sich gegenseitig total doof finden. Der Busfahrer streitet sich mehrmals lautstark mit angriffslustigen Passagieren und das sehen wir nicht das erste Mal. Überall auf der Straße gibt es immer wieder kleine Keilereien, wo insbesondere die indischen Männer besonders aggressiv wirken. Das ist wohl ein Grund, weshalb mir jede neue Bekanntschaft zu verstehen gibt, dass ich Acht auf komische Leute geben soll.

„Vertraue niemanden“, so das Motto von Liz, meiner Uber-Freundin.

 

Nach drei Stunden sehen wir unseren Ausstiegspunkt, ich erhebe mich, laufe zu meinem festgeschnürten Rucksack und versuche den Knoten zu lösen. Verdammt es geht nicht! Doppelknoten!!

100 Meter bis zum Ausstieg. Wenn wir nicht rechtzeitig aussteigen, wird der Bus auf jeden Fall weiterfahren! Ich reiße an den Riemen, nichts löst sich! Die Dame neben mir versucht es auch, doch auch ihre Fingernägel, die im Gegensatz zu meinen, nicht abgeknabbert sind, bewirken nichts.

50 Meter!

„Na los!“ zischt Merlin, dem die ganze Situation etwas peinlich ist. Wir werden von allen Leuten angestarrt. Egal!

Ich hebe den Rucksack an, um das Gewicht vom Knoten zu nehmen. Das hilft auch nichts! Mein Herz pocht, Schweiß rinnt mir über die Stirn.

20 Meter!

„Oh je, oh je, oh je! Verdammt, verdammt, verdammt!“ schreit es in meinem Kopf!

Die einzige Möglichkeit besteht darin die Riemen durchzuschneiden! Messer! Wir brauchen ein Messer! Hatte Merlin nicht eins mitgenommen?

10 Meter!

Ich blicke hoch zu Merlin. Nein, es würde jetzt zu lange dauern, ihn jetzt nach seinem Taschenmesser zu fragen.

Dann entsinne ich mich eines anderen Mittels. Beherzt, mit letzter Willenskraft verbeiße ich mich in den Knoten, ziehe und wirre wie ein Löwe an seinem erlegten Mahl und tatsächlich öffnen sich die Strippen! Ein Hoch auf meinen Zahnarzt und meinen Kieferorthopäden, dass meine Zähne so stark sind!

3 Meter!

Der Knoten ist aufgelöst, gerade zur richtigen Zeit! Ich springe auf die Beine, hieve mir den Rucksack auf den Rücken und springe aus dem Bus! Geschafft!

„Also wenn man dich und deinen Rucksack dabeihat, dann werden die Reisen wohl nie langweilig!“ schnauft Merlin total geschafft.

„Das kannst du wohl laut sagen!“

 

Und jetzt setzen genau die Gedanken ein, die ich vorher schon versucht habe zu beschreiben. Dies ist der Punkt, wo man sich wünscht sein Ziel zu erreichen, seinen Rucksack abzustreifen und umzufallen.

Doch dies wird nicht geschehen…

Wir erreichen Dallapalli, die roten Dachziegel strahlen in der warmen Mittagssonne, von Weitem ist fröhliches Kinderlachen zu hören und die Aussicht, die sich vom Dorf aus auf die gewaltige Berglandschaft bietet ist phänomenal.

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Dann erreichen wir den Vorplatz unseres Heims und uns vergehen die schönen Gedanken.Vor gut anderthalb Wochen hat hier ein Treffen mit Bhanu, unserer Chefin, stattgefunden. Skrollan und Toni waren auch dabei, als unter anderem eine niegelnagelneue Nähmaschine ins Dorfleben gebracht wurde und über die neusten und heißesten Themen geredet wurde. Und nun, anderthalb Wochen später, sieht man noch die Spuren des Treffens. Überall liegt Müll, Plastikbecher, Papierschnipsel, dreckige Stofffäden…

Wir verstehen die Welt nicht mehr. Die Dorfbewohner und unsere Organisation sind gegen das Wegwerfen von Müll durch Touristen, schaffen es mit diesem Thema sogar zum obersten Gerichtshof Hyderabads und in die Zeitung, bringen es aber im Endeffekt selber nicht fertig ihren eignen Abfall aufzuräumen? Vor nicht allzu langer Zeit haben wir Plakate entwickelt, die Touristen davor warnen sollten, Müll in die Gegend zu schmeißen. Wir versahen die Poster mit unseren Abfallbildern der letzten Monate und entwickelten Slogans, wie: „Nicht auf meinem Grundstück!“, oder „Verschmutzt nicht unsere Zukunft!“

 

„Nicht auf unserem Grundstück! Wir machen das schon selbst!“ witzelt Merlin.

Unsere erste Aktion in Dallapalli wird es sein uns zwei Mülltüten zu schnappen und den Müll, den der Kongress dort hinterlassen hat, einzusammeln. Am Ende haben wir zwei dicke volle Beutel und stellen sie demonstrativ vor unser Haus. Ich mache davon Fotos. Meine ersten für diese Reise. SO habe ich mir diese ersten Bilder nicht vorgestellt. In meiner Vorstellung hätte ich gut und gerne die atemberaubende Weite, oder eins der vor sich hin gackernden Hennen mit ihren Küken fotografiert, aber doch nicht den Müll eines Treffens, das unsere Chefin organisiert hat.

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Dass dieser nach wie vor hier liegt, spricht auch total für den unbedingten Willen der Bewohner ihr Dorf sauber zu halten….

Wir schlendern durch die Siedlung und irgendwie ist unser Blick nun klarer für das Unschöne, für das Hässliche, was ich die beiden letzten Male wohl ignoriert haben muss, denn überall sehen wir alte, verdreckte Plastikbehälter, die schon halb versandet sind. Touristen schlendern selenruhig durchs Dorf und beäugen die Bewohner, als seien sie eingesperrte Tiere im Zoo.

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Wie John, der Pfarrer aus Visakhapatnam, beispielsweise, der auf meine Frage hin, was er hier mache, Sightseeing betreiben will.

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Das einst so ruhige Dorf hat sich verändert. Aber die Dörfler scheinen auf uns so zu wirken als wollten sie diese Veränderung. Touristen halten an und erkundigen sich nach einem schönen Aussichtspunkt, die Leute geben ihnen bereitwillig Auskunft, anstatt sich geschlossen dagegen zu stellen, wie WIR es eigentlich wollten. Vom Anfang bis zum Ende unserer Reise wird sich uns die Frage stellen, ob die Einwohner überhaupt unsere Hilfe wollen? Oder ist es möglicherweise doch ganz nett für sie, wenn mehr Leute kommen, denen man theoretisch was verkaufen könnte? Ist es nicht eher so, dass wir als Stadtleute in dieses gar mittelalterliche Dorf kommen, uns nach vier Tagen super erholt fühlen, aufgrund der wohl für Jahrhunderte stehen gebliebenen Zeit und der schönen Aussicht und deswegen nicht wollen, dass sich dieses Dorf jemals der Industrialisierung beugt? Am Ende bleibt nichts wie es ist, Veränderung ist nötig, um sich weiter zu entwickeln und warum nicht auch Dallapalli? Klar, so wie es momentan läuft, ist das nicht erstrebenswert, zumindest für uns, denn den Leuten hier fehlt es nach wie vor an der Kenntnis, was Plastik und Co alles anrichten kann, sodass ihnen die Verschmutzung kaum auffällt.

Doch diese Kenntnis werden wir in den nächsten Tagen versuchen einigen Menschen zu vermitteln…

Und natürlich gibt es großartige Neuigkeiten! Es gibt Hundenachwuchs im Dorf! Fünf kleine süße Welpen! Und total tolle Baby-Ziegen! Aber darüber reden wir im nächsten Beitrag. 😀