Ende und Anfang

Was bleibt sind fünfeinhalb Monate. Fünfeinhalb Monate zusammen. Eine unbeschreiblich intensive und wunderschöne Zeit. Ich habe einen wahnsinnig tollen Freund in Indien gefunden. Zu zweit waren wir in Dallapalli, Poolabanda, Katiki, Borra, Hampi, Gokarna, überlebten den Rough Trip, wanderten kilometerweite Strecken, durchlebten eine Zehennagel-Operation, sahen Kygo, spielten Karten, sammelten Müll und waren fast jeden Tag zusammen. Doch nun hat diese Zeit ein Ende gefunden. Seit anderthalb Wochen ist er fort, der Merlin. Was bleibt sind drei von vier Freiwilligen.

 

Es ging nicht mehr anders, das sah man ihm an. Seit mehr als zwei Monaten plagten ihn ganz spezielle Rückenschmerzen. Vor zwei Jahren hatte er diese schon mal, man ging dagegen vor und seitdem schien es so als seien sie ausgelöscht. Doch durch das Tragen eines schweren Sackes Erde brach der Unruheherd wieder aus und kaum ein indischer Arzt wusste, wie damit umzugehen sei. Merlin kämpfte. Wacker. Ich sah ihm oft nicht an, dass es ihm schlecht ging, bestaunte ihn immer als kleines Vorbild, wie optimistisch und fröhlich er voranging. Doch oft war dem eben nicht so. Mit jedem weiteren Monat, wo es nicht besser wurde, verlor er langsam den Glauben an das warum er hier war.

Man wacht morgens auf, es geht einem schlecht, man weiß, dass es über den Tag hinaus nicht besser wird und so geht man bereits mit schlechtem Gefühl in den Tag.

Zudem, wenn es bei der Arbeit, schleppend, zäh und manchmal kaum voran geht, weil es wohlbemerkt schwierig ist die monströsen Aufgaben zu meistern, die sich unsere NGO stellt, ging auch etwas Motivation bei Merlin dahin.

Alles spielte irgendwie zusammen und es war im Grunde nur eine Frage der Zeit, dass er seine Koffer packen würde. Dass er gehen würde, stand fest.

Für mich war es ungeheuer schwer über einen Abschied von ihm nachzudenken. Wir waren immer zusammen gewesen. Er war es, der mir den Einstieg in dieses komplett wirre, andersartige Land, namens Indien, erleichtert hat. Er war meine Stütze, ohne die ich vermutlich nicht so schnell und leicht mich hätte zurecht finden können. Was ohne ihn wäre? Keine Ahnung.

Und plötzlich blieben uns nur noch zwei Wochen. Dann, so beschloss unsere Organisation, würde er gehen. Für mich war der Gedanke, ab jetzt nur noch zwei Wochen in Indien zu verbringen völlig abstrakt, begann für mich mein eigentlicher Dienst erst jetzt.

Merlin jedoch hatte abgehakt, auch wenn er gerne noch zusammen mit mir den Norden Indiens erkundet hätte, oder mit mir auf die Andamanen geflogen wäre…

„Wenn ich wählen könnte, würde ich jetzt sofort die Koffer packen und nach Hause fahren…“

 

 

Wir überlegten, was jetzt noch zu tun sei, was wir unbedingt noch machen wollten. Verreisen konnten wir nicht, Dallapalli würde er auch nicht nochmal sehen. Im Grunde blieb Hyderabad mit seinen Facetten die einzig mögliche Alternative und so versuchten wir wenigstens das Beste aus der Situation zu machen, was schwierig war, da dazwischen noch das Zwischenseminar lag. An einem der letzten Abende dort saßen wir alle im Kreis, viele mit Motivation und Eifer, den sie nutzen wollten, um in die nächste Runde zu starten.

 

„Das Abenteuer geht weiter! Jetzt geht’s erst richtig los! Nun kann ich das machen, wofür ich mich im letzten halben Jahr eingesetzt habe“, waren die Standardsätze vieler. Nur Merlin konnte nicht so reden. Der sah einer halbwegs ungewissen Zeit daheim in Deutschland entgegen. In dem Moment tat er mir wirklich leid.

 

Doch schlussendlich ist es die richtige Entscheidung gewesen, dass er gegangen ist. Man darf nicht vergessen, dass ein halbes Jahr in einem fremden Land auch schon eine wahnsinnig lange und schöne Zeit ist, besonders dann, wenn man, wie wir, so viel erlebt hat. Davon wird er noch seinen Enkeln erzählen. Sein Rücktritt hat nichts mit Schwäche zu tun, sondern mit standhafter Überzeugung und Mut. Sich selbst einzugestehen, dass es nicht mehr geht, ist für mich tapfer und eine Tugend, die ich selbst vielleicht noch lernen muss….

 

Wir sind am Flughafen. Merlin vollbepackt mit seinen sieben Sachen und ich daneben. Es wirkt so unwirklich, diese ganze Situation. Traurig gestimmt verabschieden wir uns voneinander, bereits vor dem Flughafen, da die indischen Behörden irgendwie nicht wollen, dass Besucher in den Innenraum des Gebäudes kommen. Ich blicke ihm ewig nach, wie er davongeht und winkt. Und plötzlich verstehe ich erst die ganze Situation. Er ist weg. Er wird vor meinem Dienstende nicht mehr wiederkommen. Mein bester Freund in Indien ist nicht mehr da. Ich lehne mich an die Brüstung des Geländers und schniefe. Ich werde ihn vermissen. Um irgendwie die schlechte Stimmung zu kompensieren renne ich, einen Kilometer die Straße vom Flughafen weg entlang. Hier fahren eigentlich nur Autos, aber ich kann jetzt einfach nicht in ein Taxi steigen, nein, ich muss rennen, auch wenn mir immer wieder irritierte Blicke von den Fahrern zugeworfen werden.

Nach einer Stunde geht’s mir besser, zudem habe ich auch den Uber-Preis nach Hause um 80 Rupien gesenkt, sodass ich letztendlich doch in ein Taxi steige und mir bewusst wird, dass die kommende Zeit auch schön werden kann.

 

Ich werde neue Freude haben, Leute aus unserem Freiwilligen-Kreis, die mir vorher vielleicht gar nicht so bewusst waren und jetzt deutlicher zum Vorschein kommen. Ich werde mehr Verantwortung übernehmen, was ich jetzt bereits schon merke. Ich beginne mehr mit den Leuten im Office Englisch zu sprechen, was vorher Merlin für mich übernommen hat. Vielleicht beginnt jetzt die Zeit, wo ich noch mehr wachsen kann, auch wenn es ab und zu, wie ich jetzt bereits bemerkt habe, so ist, dass man einen insbesondere männlichen Part im einem sonst weiblich geprägten Office, vermisst.

Ein Ende verspricht auch einen Neuanfang, für beide von uns. Wir beide werden unsere neuen Aufgaben meistern. Das wünsche ich Merlin vom ganzen Herzen. Lass dich nicht unterkriegen! Hau rein!

 

 

Merlins Beitrag:

http://516649.blogspot.in/2018/01/ein-ende-ich-bin-wieder-da.html?m=1

Roadtrip zu einem Toten

Mit einem Ruck setzt sich alles in Bewegung. Ich sitze im hinteren Teil des Autos, das Fenster ist heruntergekurbelt. Ich schaue hinaus. Das Auto wird schneller, das Haus verschwindet langsam im Morgennebel. Der Boden unter mir jagt vorbei. Ich recke den Kopf noch weiter in den Wind und lehne mich ein kleines Stück mehr aus dem fahrenden Ambasador. Genieße die Freiheit des Augenblicks, während die Welt draußen in Dunkelheit versinkt und wir das Lichtermeer der nie schlafenden Stadt hinter uns lassen. Ich schaue nach links. Neben mir auf der Rückbank, das Mädchen mit den rotgeweinten Augen. Es hebt den Blick und schaut mich durchdringend an. In diesem Blick liegt so viel Traurigkeit. Tausende Gedanken flirren mir durch den Kopf. Sie gehen nicht weg. Warum bin ich verdammt nochmal hier?! Das macht doch alles gar keinen Sinn. Ich hab hier nichts verloren. Rein gar nichts! Warum ich?! Warum ausgerechnet ich?

Ich fühle mich gefangen in einem Gefängnis, das ich mir selbst errichtet habe. Dem Mädchen kann ich nicht in die Augen schauen, obwohl ich weiß, dass ich es müsste. So fahren wir dahin. Immer weiter auf dem Weg zu einem Toten.


10 Stunden zuvor 

In der Ferne hört man abschwächende Hupkonzerte, ein Abendvogel schreit, sonst Stille. Dann rast ein Auto von links nach rechts, Leute jubeln.

„Aua! Pass doch auf!“ Schreie ich. 

„Achtung Bodenwelle!“ Merlin lacht, als das Auto klappernd über eine Erhebung im Boden rast. Wir stoßen uns kichernd an der Decke des Kleinwagens.

„Sind wir wirklich acht Personen hier drinnen?“ Gluckst Lion. 

Was uns geritten hat uns mit so vielen Leuten in ein einzige Auto zu quetschen? Keine Ahnung. Es ist das erste Mal, dass wir in dieser verrückten  Stadt alle zusammen etwas unternehmen und das soll gefeiert werden. Ich sitze hinten, zwei meiner Freunde neben mir und eine auf mir.  Vorne sitzt Merlin, den Oberkörper aus dem Fenster gelehnt. Er hat die Augen geschlossen, scheint den Moment zu genießen.

„Was schaust du mich so an?“ Fragt Merlin, als er meinen Blick bemerkt.

„Was? Ach nur so, du wirktest so entspannt.“

„Bin ich auch, Mann. Ich bin so froh euch alle hier zu haben“,  erwidert er glücklich.   

„Kann ich mir vorstellen. Schade, dass es bald nicht mehr so sein wird.“ Ich atme aus. 

„Alles wird gut! Klar bin ich übermorgen weg, aber wir werden uns wiedersehen. Versprochen. Hey, lass dich nicht hängen!“

Es sollten unsere letzten Stunden zusammen sein. Wir waren vor einem halben Jahr in Indien gestrandet, um uns in einer NGO für die Rechte indigener Bevölkerungsgruppen einzusetzen. Und – ja, verdammt noch mal – wir hatten uns in dieses Land verliebt. Es regierte eine Art geordnetes Chaos. Alles funktionierte einfach irgendwie jeden Tag aufs Neue. Und fragte man uns von daheim, wie dieses Land war, so konnten wir es nicht in Worte fassen. Indien musste man erleben, musste es spüren, riechen, hören, schmecken! Bisher taten wir das zusammen. Merlin und ich. Doch in zwei Tagen würde sich das ändern. Übermorgen musste Merlin zurück. Wie es dazu kam,  berichte ich im nächsten Eintrag. Was in dieser Geschichte zählt, ist, dass er aufbrechen musste. 

Gerade waren wir mit dreizehn Leuten im Coffe Cup, unserem Lieblingsrestaurant und jetzt wollen wir zu den Jungs aus der Abhaya School. Möglichst Platz sparend versteht sich. Acht Leute in ein Auto, fünf in ein Taxi.

„Lebt ihr alle noch?“

„Ja!“ kommt es begeistert allen Seiten. Musik beginnt zu spielen und wir rasen über die Landstraße. Holterdiepolter pfeift der kleiner Wagen ächzend durch die nächtliche Stadt, hüpft lustig über Bodenwellen, schrammt beinahe über den Boden und ab und zu ist es möglich einen panischen Aufschrei aus dem Gefährt zu vernehmen, weil jemand sich zwischen etlichen Beinen und Körpern eingequetscht hat. Trotz alledem sind alle super gelaunt, ich kichere und gluckse vergnügt, derweil irgendein Körper halb auf mir liegt. Mit einem scharfen Rechtskurve hält das Fahrzeug an und acht glückselige Freiwillige kullern heraus. Das hat Spaß gemacht. Nochmal! Wir feiern, lachen und trinken ausgelassen und ich fühle mich unglaublich geborgen unter diesen Leuten. Gegen eins erscheint plötzlich Merlin neben mir.

„Leo, wir gehen jetzt, kommst du mit?! Wir müssen zuhause sein, bevor Savitri die Türen verriegelt.“

Ich bin stark am Überlegen, ob ich nicht noch ein Weilchen hierbleiben sollte. Die Stimmung ist gut und beim Bierpong liege ich knapp in Führung. Doch andererseits hat Merlin Recht. Wenn wir zu spät kommen, hat Savitri, die Haushälterin, wieder alles verrammelt und wir müssen draußen schlafen.

„Komm, viele Taxis fahren heute nicht mehr. Was ist, Leo? Bleibst du?“ Drängt Merlin.

„Alles klar, ich komm mit. Jungs, wir bleiben in Kontakt. Passt auf euch auf“, rufe ich Lion und Moritz zu und geselle mich zu Merlin.

Manche Entscheidungen haben einen besonderen Einfluss auf unser Schicksal. Das hier war eine von dieser Sorte. Vieles wäre anders gelaufen damals, wäre ich bei den Jungs geblieben. Aber so war es nun mal. Diese Entscheidung wird einen Wegpunkt in dieser Geschichte setzten. Wäre ich nicht mitgegangen, gäbe es nichts zu erzählen.

Daheim angekommen, falle ich müde ins Bett.

„Ein gelungener Abend“, stelle ich leicht angetrunken fest, gähne, schließe die Augen und beginne wegzudämmern. Schlafen. Nur noch schlafen … Doch dann beginnt plötzlich das Office-Telefon zu läuten. Savitri, die Haushälterin ruft meinen Namen.

„Jetzt?  Ist sie verrückt?! Ich kann doch jetzt nicht, so wie ich bin, ans Telefon! Es ist drei Uhr morgens?!“ Murre ich. 

„Geh, vielleicht ist es dringend. Sie gibt ja doch keine Ruhe“, meint Toni. 

So mache mich auf den Weg nach unten, Savitri gibt mir den Hörer in die Hand. Sie gibt mir zu verstehen, dass Bhanu,  unsere Chefin am Apparat ist. Ich bemühe mich, so gut es geht, mir nicht anzumerken wie betrunken ich bin. 

„Ja?“

„Leo, tut mir leid, du musst bestimmt schon geschlafen haben. Es geht um Savitri. Ihr Vater ist gerade eben verstorben.“

„Bitte was?“

„Ihr Vater ist tot. Am besten ist es, wenn sie sofort in ihr Dorf fährt. Sie soll ihn ein letztes Mal sehen. Du verstehst?“ 

„Ja, klar. Ich verstehe.“ Neben mir beginnt jemand zu schluchzen.

„Es wäre gut, wenn einer von euch sie begleitet. Am besten du. Ich organisiere einen Fahrer, der euch nach Hospet bringt.“

Neben mir heult Savitiri mittlerweile Rotz und Wasser. Toni kommt angerannt und blickt mich fragend an. Bhanu legt auf, ich lasse entgeistert den Höher sinken. Savitri rennt in ihr Zimmer, gefolgt von Roja, der anderen Haushälterin. Ich höre sie, wie sie weint.

„Ihr Vater … Ihr Vater ist tot,“ sage ich. „Sie muss in ihr Dorf, um ihn ein letztes Mal zu sehen. Ich soll mitkommen.“

Toni rennt geistesgegenwärtig, zusammen mit Skrollan, in Savitri´s Zimmer, um sie zu trösten.

Merlin kommt zu mir.

„Scheiße.“

Gemeinsam sitzen wir irritiert und niedergeschlagen auf dem Boden, plötzlich wieder hellwach. Ein kleines Licht beleuchtet uns schwach. Nichts ist zu hören außer das Wimmern des Mädchens. Ich hatte nie viel mit Savitri zu tun. Sie macht für uns sauber, kocht das Essen. Eigentlich ist sie jemand mit der mich menschlich wenig verbindet. Hab sie nie sonderlich gemocht. Doch in diesem Augenblick fühle ich eine ganz eigene Trauer um sie und ihren toten Vater.  

Der Ventilator brummt, aus der geschlossenen Tür vernehme ich das Schluchzen des Mädchens. Sonst gespannte Atmosphäre … Stille. Nach einer Weile ergreife ich vorsichtig das Wort.

„Wie kann das sein? Gerade war alles noch in Ordnung …“

„Das ist es meistens,“ meint Merlin. „ Jetzt geh. Pack ein paar Sachen zusammen. Man fährt mehr als acht Stunden in Savitris Dorf.“

„Aber … aber!“

Dann fällt es mir wie Schuppen von den Augen. Wenn ich jetzt losfahre sehe ich Merlin vielleicht erst in einem halben Jahr wieder. Ehe wir vom Dorf aus wieder aufbrechen, kann gut und gerne ein Tag vergehen. Und den hat Merlin nicht mehr.

„Ich kann nicht. Ich will dich nicht jetzt schon verabschieden. Ich geh nicht. Die Aufgabe kann auch jemand anderes übernehmen“, flüstere ich aufgewühlt. 

„Nein, Bahnu hat dich dafür ausgewählt, Mann. Wir kriegen das schon geschaukelt. Vielleicht bist du auch ja eher wieder hier und alles wird gut.“ Merlin klopft mir auf die Schulter.

Ich hätte NEIN sagen, die Aufgabe an jemand anderes übertragen können, doch das tue ich nicht. Verwirrt und traurig, stapfe ich die Treppen hinauf, werfe einige Klamotten in meinen Rucksack für meinen Trip. Für meinen Roadtrip zu einem Toten … 

Es hupt, ein kleiner Wagen steht vor der Tür. Ich will nicht, steige aber ein. Ich muss. Ich wurde dazu auserwählt Savitri zu begleiten und vielleicht ist es mir auch ein innerliches Anliegen, das Eis zwischen uns aufzubrechen. Welch seltsame Gemeinschaft wir doch sind. Neben mir, zusammengesunken, hockt Anjali und vorne Hanumanth, unser Hausmeister. Schweigend fahren wir über die Straßen, hinaus aus der Stadt, verlassen diese bald und rollen in die Dunkelheit.

Hospet, liegt wenige Kilometer von Hampi entfernt, mit dem Nachtzug braucht man für gewöhnlich zwölf Stunden, doch wir sollten unser Ziel früher erreichen. So fühlt es sich aber nicht an. Gedankenverloren sitze ich da und weiß nicht, was ich sagen soll. Warum bin ich hier? Soll ich Savitri trösten? Wie mache ich das? Was soll ich sie fragen? Würde sie mich überhaupt verstehen, wenn ich nach dem Alter ihres Vaters, oder dessen Charakter frage? Bestimmt nicht. Das würde alles schlimmer machen. Die Stunden verrinnen. Die Sonne geht auf. Gleißend – über einem riesigen, rauchenden Kohlekraftwerk, in dessen Schatten sich ärmliche. Hütten ducken. Mich plagen Gewissensbisse. Ich bin ein schlechter Tröster. Indien ist riesig. Ich kann nicht schlafen, ständig werde ich wachgerüttelt von plötzlich auftauchenden Schlaglöchern, die das Auto erschüttern. 

Ein ganzes halbes Jahr zusammen und dann erlebe ich nicht einmal Merlins Abschied. Vielleicht schaffe ich es noch rechtzeitig zurück. Nein. Ich werd’s nicht packen. Wir fahren schon Ewigkeiten. Ich muss irgendwas sagen. Aber was, Gott verdammt, was?! Wie soll ich dieses Mädchen trösten!?

Die mir gewohnten Felsformationen Hampis tauchen aus der Wildnis auf und ich bin mir sicher, dass wir gleich da sind. Doch ein Blick auf Google Maps verrät mir, dass wir noch fünf Stunden vom Ziel entfernt sind. Indien ist riesig. Was, wenn ich morgen noch nicht zurück bin? Nie habe ich mich unwohler gefühlt als jetzt, weiß jedoch, dass es meine Pflicht ist hier zu sein. Man kann jemanden auch ohne Worte trösten … Doch ich kann es nicht.

Vier Stunden später, erscheint plötzlich ein Dorf vor uns, kaum hat das Auto angehalten, so stürmt Savitri bereits heraus und rennt auf eine große Menschenansammlung zu. Zu dritt folgen wir ihr. Sie stürmt in ein Haus, aus dem Klagegeräusche kommen. Ich will da nicht hin, probiere am Ende unserer Gemeinschaft zu laufen, doch das wollen die beiden anderen auch und schieben mich praktisch nach vorne. Wir gelangen zur Menschenansammlung, alle schauen mich so begeistert an, als sähen sie Gott Ganesha höchstpersönlich. 

Neugierig, fasziniert. Ich bin weiß. Ich bin anders als sie. Ich fühle mich hier so komplett fehl am Platz. Sie halten mich fest mit ihren Blicken. Ich kann nicht weg! Mit Gesten und Gemurmel laden sie mich lächelnd ein, einzutreten in das Haus. Jetzt abzuhauen, wäre unhöflich.

Ich ziehe die Schuhe aus und trete ein. In der Mitte des kleinen stickigen Raumes liegt auf einer alten Pritsche eine ausgemergelte Gestalt, eingehüllt in ein Leichentuch, das nur den Blick auf ein eingefallenes Gesicht freigibt, bemalt mit seltsamen weißen Mustern. Das Mädchen hockt über ihm und weint bitterlich. Zehn andere Frauen sitzen darum herum und schauen abwechselnd mich und den Toten an. Ich gehe, wie alle anderen, auf die Knie. Meine Augen starren gebannt auf die Leiche. Nach einer Minute schaue ich weg. Ich kann das nicht länger. Ich versuche, so ruhig wie möglich aus dem Raum zu gehen, obwohl ich am liebsten rennen würde.

Kinder umzingeln mich fröhlich, ziehen mich in ein anderes Haus und geben mir einen Teller mit Reis.

„Frühstück!“ verkünden sie.

Ich setze mich zu ihnen, mir wird ein Plastikstuhl angeboten, doch ich wehre ab. Ich will nicht erhöht sitzen.

Die Kinder lachen mich fröhlich an, sind begeistert von meiner Anwesenheit und fragen nach meinem Namen. Sie stellen sich reihum vor und reden auf Kannada (ihrer Landessprache) fröhlich auf mich ein. Ich bin verwirrt, weiß nicht was ich tun soll. Wie bin ich hier her gekommen? Warum sind hier alle glücklich, währenddessen fünf Meter weiter getrauert wird? Doch etwas steckt mich das Kinderlachen an, ich grinse und versuche mit den Kindern, die keineswegs schüchtern sind, zu reden. Wie offen und wissbegierig die kleinen Racker sind.

Das Gesicht des Fahrers taucht im Türrahmen auf: „Leo, go. We’re going Home.“ 

„Now?“

„Yes. 9 hours. Than arriving „

Neun Stunden für die Rückreise.  Merlins Abschied werde doch nicht verpassen. Soviel ist sicher. Dennoch ist mir mulmig zu Mute, drängt sich das Bild des Toten immer wieder in mein Bewusstsein. Zitternd schaue ich in Savitris  Augen, die mit hinausgekommen ist und bedeute ihr, dass ich nun Heim fahre. Sie sollte noch hierbleiben, 12 Tage lang, um zu trauern.

Ich steige ins Auto ein, Savitri steht draußen. Hat es ihr geholfen, dass ich dabei war? Vielleicht. Sie lächelt mir unbeholfen zu, sieht mir in die Augen. Ich lächle zurück. Hebe die Hand. Ein unbeholfenes Winken zum Abschied. Mehr schaffe ich nicht.

„Bye.“

„Bye.“

Wieder vergeht Stunde um Stunde. Die Zeit zieht sich und ich bekomme das Bild des Toten nicht aus dem Kopf. Die beiden Männer vorne lachen beherzt und scheinen wahnsinnig guter Dinge zu sein.

„Hey Leo, warum bist du so still. Lache!“
Tja, das sagt sich so leicht. Sind wir auf der Hinfahrt acht Stunden ohne Pause durchgebrettert, so häufen sich die Pausen nun im Stundentakt. Wir kommen nicht voran. Hannumanth scherzt mit dem Fahrer, darüber, dass die Colaflasche in seiner Hand Wodka sei und beide tun auf betrunken. Sie finden es lustig. Ich nicht. Am liebsten würde ich weinen. Am Nachmittag kehren wir in ein kleines Straßenrestaurant ein, ich habe kein Hunger, doch das wird von meinen beiden Mitfahrern nicht akzeptiert. Essen ist für die Inder heilig. Beide würden sich nahezu verachtet fühlen, äße ich nichts davon, was sie extra gekauft haben. Mein Mund trocknet mit jedem Bissen, den ich monoton vor mich hinstarrend, tätige, aus. Ich will einfach nur nach Hause. Die beiden Inder bestellen sich einen ganzen Haufen leckeren Essens und gerade hierbei meine ich die Kastenzugehörigkeit von ihnen, als auch die des Kellners zu erkennen. Hannumanth und der Fahrer behandeln ihn so, als sei er ihr persönlicher Sklave, lassen ihn an unserem Tisch stehen, damit er sofort Wasser nachschenken oder Chutney aufs Dosa verteilen soll, sobald beides aufgebraucht ist. Als selbst unterkastig ist es den beiden eine regelrechte Genugtuung endlich selbst Befehle zu erteilen. Unter ihren Gesichtspunkten gut verständlich. Bei mir zerfällt jedoch in diesen Momenten die über Monate aufgebaute Freundschaft zwischen Hannumanth und mir. Nicht nur wegen der Respektlosigkeit gegenüber den Kellner, ich mochte ihn, aber dieser Tag veränderte nicht nur die Beziehung zwischen mir und Savitri, sondern auch die zwischen mir und dem Dhaatri-Hausmeister. Irgendetwas brach zu der Zeit in meinem Herzen. Es war schwierig zu ertragen, wie die beiden Männer so lässig über den Tod einer Person hinweg sehen konnten. Gut, sie hatten die Leiche niemals gesehen und auch wenn wäre es bestimmt nicht ihre erste gewesen, aber es ging hier ums Prinzip. Ich war traurig, sie glücklich und beide ignorierten es kontinuierlich zu erkennen, wie mir zu Mute war. 

Erst spät am Abend erreichen wir Hyderabad. 20 Stunden ohne besonders viel Schlaf waren wir unterwegs. Meine Nerven liegen blank, ich will diesen Tag vergessen. Ich falle ins Bett, meine Freunde sind wieder um mich. Es scheint Ewigkeiten her zu sein, sie das letzte Mal gesehen zu haben. Merlin noch auf seiner Matratze sitzen zu sehen, treibt mir beinahe Tränen der Erleichterung in die Augen.

 Trotz meiner Zerrüttetheit muss ich mir eingesehen, dass ich der richtige für den Job war, egal ob ich ihn gut verkraftet habe oder nicht. Am Ende des Tages verstehe ich, dass jemand von uns mitmusste, um Savitri im welcher Art und Weise auch immer, zu unterstützen. Bahnu hatte erkannt, dass ich viel nachdachte und ich dadurch Savitri genügend Platz geben konnte, um sie auf die richtige Art zu trösten. Im Endeffekt musste sie gespürt haben, dass ich der Mensch war, der irgendwann das WARUM verstehen würde. Die Einzige, die zählte,  war Savitri.  Und rundherum war es egal, wer sie begleitete. Es ging hier nicht um mich, auch wenn Bahnu sich sicher gezielt dafür entschied mich mitzuschicken. Aber es ging nicht um die Wünsche oder Ziele eines Einzelnen. Es war keine Frage von Wollen. Es war einfach notwendig, dass jemand mitkam.

Unsere Organisation hält zusammen und für mich war dieses Abenteuer der Beweis, dass wir Freiwilligen zur Familie gehören und uns auch solche schwierigen Aufgaben zugemutet werden. Demnächst, will ich jedoch nach einer gelungenen Party, einfach nur ins Bett fallen, den Abend Revue passieren lassen und glücklich einschlafen, statt mit einer weiteren Hiobs-Botschaft auf einen Roadtrip geschickt zu werden …

Glück

„Vielleicht ist Glück der Grund, warum Menschen leben. Ohne Glück wäre das Leben wirklich widerlich.“

Liz

„Ich glaube an Liebe, Freude, Ehrlichkeit und Loyalität. Ich glaube an Menschen, denen ich im Leben begegne.“

Liz

„Fragt einen indischen Freund, was für ihn Glück bedeutet, was ihn glücklich macht und wie sehr er von seinem eigenen Glück abhängig ist. Was bewundert ihr an dieser Person und inwiefern möchtest du sie näher kennenlernen?“

So, im ungefähren Wortlaut, stand es in der Einladung für´s Zwischenseminar.

Dieses findet immer dann statt, wenn sich das Jahr langsam, aber sicher zur Mitte neigt. Die indischen Freiwilligen der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ werden an einem Ort zusammenberufen, es gibt einen regen Austausch zwischen ihnen und es wird, seitens der Organisatoren versucht, aufgetretene Probleme bei der Arbeit aus der Welt zu schaffen.

Bereits in Deutschland, beim Vorbereitungsseminar, beschrieb man dieses Zwischentreffen als sehr sinnbringend, da man durch Berichte seiner Freunde in anderen indischen Städten aufgemuntert und dazu motiviert wurde neue Kraft zu schöpfen und sich voller Vorfreude auf´s neue halbe Jahr zu stürzen.

Eine Aufgabe, die es vor diesen fünf Tagen zu erledigen galt, war es nun eine indische Person zu ihrem Glück zu befragen. Wirklich lange grübelte ich nicht über der Frage mit welcher Person ich reden würde. Zwar hatten wir in den letzten fünf Monaten viele Kontakte aufgebaut, aber die nötige Tiefe und das gegenseitige Vertrauen waren nur bei einem Menschen vorhanden und unter diesen gab eben nur ein Mensch, ein Mädchen, auf dessen Mutters Todestagsfeier ich anwesend war, wodurch ich Einblicke in ihre echte, unverfälschte Gefühlswelt erhaschen konnte: Liz. Das Mädchen aus dem Taxi. Ihrerseits 25 Jahre alt, sensibel, nachdenklich und begeisterte Schokoladenliebhaberin. Vor mehr als einem Jahr verstarb ihre Mutter, zu der sie ein sehr enges, inniges Verhältnis gehabt hatte. Dann, Monate später begegnete sie mir zufällig auf einer Taxifahrt zu ihrer Tante, war sehr interessiert an meiner Arbeit und siehe da, bald darauf befand ich mich mittendrin in ihrer Welt, der der Verwandten und ihrer Bekannten. Klar hätte es durchaus schönere Anlässe geben können, sich zu treffen, als ein einjähriger Todestag, aber das indische Leben spielt eben oftmals anders…

Einen Tag vor dem Zwischenseminar, dass übrigens zu unseren Gunsten in Hyderabad, in der Abhaya-Waldorfschule, stattfinden würde, (viele Freiwillige mussten aus Bangalore, Kalkutta und Pune anreisen) fragte ich mich jedoch ernsthaft, was ich dort sollte. Ich hatte keine Probleme, die es zu besprechen galt, ich hatte just in diesem Moment überhaupt keine Lust auf Menschen und irgendwie hätte ich liebend gern an den kleinen Filmen weiter geschnitten.

So war meine, sowie Merlins Stimmung, nicht gerade am Höhepunkt. Die idyllische Umgebung der Abhaya-Schule, die etwas weiter in den Vorortgebieten Hyderabads lag, konnte auch nichts daran ändern….

Dann trudelten jedoch einige der Menschen ein, die ich seit einem halben Jahr nicht mehr gesehen hatte. Unglaubliche zehn Tage verbrachte ich mit ihnen, im Juli des letzten Jahres, zu Zeiten des Vorbereitungsseminars in Deutschland und diese Tage hatten uns seltsam aneinandergeschweißt. So verschieden wir auch sein mussten, wir waren trotzdem gleich in der Sache.

So schlecht gelaunt ich vorher auch war, sie, die Leute, wiederzusehen war richtig schön.

Das Seminar begann, wir redeten über unsere Einsatzstellen (die meisten waren in Schulen und Camphills untergekommen) und deren Probleme, die teils unlösbar zu sein schienen und jene Leute vor große Fragen und Herausforderungen stellte. Wir sangen, spielten Spiele und erzählten uns lustige Geschichten aus den letzten Monaten.

Gegen Ende des Seminars kamen jene Abende, wo wir unsere Personen vorstellen sollten….

Zusammen mit drei anderen laufe ich, den Sternhimmel über unseren Köpfen, durch die Dunkelheit. Ich beginne von Liz zu erzählen und lese, sozusagen als Einstieg, meine Totenfeier-Geschichte mit ihr vor.

Die restlichen Tage hatten wir viel über Rassismus geredet, der vor allem Leute des globalen Südens betraf. Leute aus dem globalen Norden/wir würden uns über jene stellen, die vermeidlich unterentwickelter und primitiver lebten. Stereotypen und Verallgemeinerungen waren dessen Folgen und man selbst sollte in Zukunft aufpassen, dass man selbst weniger auf ganze Völkergruppen verwies, sondern vielmehr auf Individuen. Vielleicht schien es deswegen so wichtig greifbare Personen zu nehmen und sie nach ihrem Glück zu fragen..

„Vielleicht ist Glück der Grund, warum Menschen leben. Ohne Glück wäre das Leben wirklich widerlich. Glück ist alles. Ich glaube an Liebe, Freude, Ehrlichkeit und Loyalität. Ich glaube an Menschen, denen ich im Leben begegne.“

Ich höre kurz auf über Liz´ Vorstellungen vom Glück zu lesen und schaue in die Gesichter der anderen. Sie blicken ins Leere, gedankenvertieft. Vielleicht gerade selbst darüber nachdenkend, was Glück für sie ist. Oben am Himmel schimmert ein Stern im rötlichem Licht.

„Vielleicht der Mars?“ denkt Moritz.

Ich lese weiter: „Ich habe alles von meinen Eltern, ich bin gesichert, aber ich bin nicht glücklich mit allem was ich habe. Ich habe Mom verloren, es hat mich in Stücke gerissen. Seitdem fällt es mir schwer für irgendwas Glück zu empfinden. An Weihnachten waren alle da, außer meiner Mutter und das hat mich fertiggemacht.Dementsprechend habe ich mittlerweile kaum noch Anteil an meinem eigenen Glück. Ich liebe sie mehr als mich.“

Ich höre lautes Einatmen. Es ist ein schwieriges Thema, ohne Frage. Selbst für mich ist es schwierig zu lesen.

„Mich treibt der Gedanke an irgendwo jemanden zu finden, den ich genauso lieben kann, wie meine Mutter. Vielleicht habe ich deswegen schon mein Hochzeitskleid, aber keinen Mann…Mich treibt der Gedanke an irgendwann wirklich glücklich zu sein.“

Das war´s. Mit jedem ausgesprochenen Wort fühle ich mich schlechter es ausgesprochen zu haben. Liz

Gedanken wirken so aussichtslos, kaum passend für ein vermeidlich „glückliches“ Thema, doch hat sie sich dafür bereit erklärt, die Fragen zu beantworten.

„Wie oft habt ihr in letzter Zeit geredet?“ fragt Iruna.

„Anfangs ziemlich viel. Jetzt… Naja…kaum noch“, antworte ich.

„Wirkte sie, als ihr öfters geschrieben und geredet habt, glücklicher, als danach?“

Ich zögere: „Ja…“

Am letzten Tag des Seminars fahren wir mitten in der Nacht los, um den Sonnenaufgang in den Bergen Hyderbads zu beobachten. Wir steigen auf die riesigen Felsen, uns offenbart sich eine schlafende, von Smog eingehüllte Stadt. Es wirkt abstrakt, hinter einer großen Steinformation schwarze, graue Hochhäuser aufregen zu sehen, es wirkt so, als hätte die Apokalypse zugeschlagen.

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Jeder denkt für sich darüber nach, wie er sich gerade fühlt und wie das nächste halbe Jahr aussehen soll. Anhand von Fantasiekarten des Gemeinschaftsspiels „Dixit“ versuchen wir aus den Bildern der Spielkarten Dinge für uns herauszuinterpretieren.

Ich bin wie der Zwerg, der vor einem riesigen Schimmer in einer Mine steht. Er wird hinrennen und sich den Schatz holen. So wie ich. Ich habe die erste Hälfte des Jahres viele Möglichkeiten freigelegt, die ich jetzt ernten möchte.

Ich bin wie ein Goldfisch im Glas voller leuchtender Glühbirnen. Viele Ideen schwimmen um mich herum, ich bin begeistert von ihnen, kann sie kaum fassen, vergesse manche auch wieder, aber bin trotzdem von jeder begeistert und werde manche umsetzen.

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Ich bin wie der Mensch, der vor einem 100 Meter großen Baum steht und sich fragt, wie er dort hochkommen soll. Das Müllproblem, schier unlösbar.

Und ich sehe zwei Ritter. Sie stehen für den Kampf, das Abenteuer in welchem ich mich befinde. Es soll weitergehen!

Die Sonne geht als roter Ball über der rauchenden Stadt auf und just in diesem Moment will ich nirgendwo anders sein. Ich bin glücklich mit meinen Gedanken. Ich bin glücklich mit den Leuten um mich herum. Klar, vieles ist manchmal gar nicht so einfach, ich zähle die Monate, wann es für mich wieder in Deutschland geht und vermisse auch richtig guten Salat mit Pinienkernen und Balsamico-Essig…

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„Ein Meditations-Lehrer im Camphill hat auf meine Frage, was für ihn Glück ist, betont, dass Glück zwischen dem Denken passiert“, sagt Iruna, als ich mich neben sie auf den Stein setze.

„Wenn du lachst, den Sonnenuntergang bestaunst, singst…Wenn du denkst, denkst du zu viel darüber nach, wie du glücklich sein kannst, verpasst aber es zu sein.“

„Stimmt“ meine ich. Gemeinsam sitzen wir da, sehen zu, wie sich die Apokalypse in menschliches Dahinsausen verwandelt und beobachten einen Bagger, der tief unter uns Steine behämmert. Wir philosophieren darüber,wie es wohl den Steinen ergehen mag, verkloppt zu werden. Wir kichern ausgelassen über unsere bescheuerten Ideen.

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Das Seminar steht vor dem Ende, wir verabschieden uns. Viele der Menschen werde ich erst wieder in einem halben Jahr wiedersehen, doch einige werden mich auf meinem Weg begleiten, sei es durch Reisen, oder hängengebliebene Gespräche, über Glück, Stereotypen und Probleme.

Vielleicht ist gerade deswegen dieses Jahr eines der Besten seit langem. Weil ich weniger nachdenke und einfach erlebe…fühle.

Vielleicht ist Glück auch eine beständige Wechselwirkung von Problemen und Herausforderungen, die es zu bewältigen gilt um glücklich zu werden. Wenn ich es meistere mit den Kindern aus Dallapalli den störenden Müll wegzuräumen, wenn ich nach langer Zeit wieder im Meer baden gehen kann, ja wenn ich nach harter nerviger Filmschneidearbeit, den letzten Schnitt mache, ja dann bin ich glücklich.

Und vielleicht sollte ich für mich selbst beschließen Liz aus dem ewigen Denken an ihre Mutter herauszuziehen. So kann sie nicht glücklich werden. Freundschaft hingegen kann vieles bewirken…

Alltagsleben – Kleine Geschichten für zwischendurch

Das Leben in Hyderabad geht weiter. Nach jeder Reise, sei es nach Dallapalli, oder Gokarna ist es meist immer so, dass man sich überhaupt nicht auf diese Stadt freut. Man hat schon gar keine Lust die anstrengende Reise, die meist länger als 12 Stunden dauert, auf sich zu nehmen. Am liebsten würde man genau da bleiben, wo man gerade ist, doch hat Hyderabad uns nach langer Zeit endlich wieder, möchte man gar nicht wieder weg.

Die kleinen Geschichten die zwischendurch passieren schweißen einen an diese Stadt.

Zudem hat man das Gefühl endlich das machen zu können, was man möchte. Die Eingewöhnungsphase ist vorbei, man kennt die Leute, seine Aufgaben und kann neue Dinge angehen, an die man vorher nie dachte.

 

In Indien Kuchen backen

Ich laufe mit einem wunderschön lecker aussehenden Schokoladenkuchen am stinkenden Fluss vorbei, weiche hupenden Autos aus und bemerke komische Blicke von allen Seiten. Wann sieht man auch schon einen Weißen mit einem Kuchen durch die Gegend laufen. Das habe ich mir vorher auch nie erträumt.

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Ich biege in das Army-Viertel ein, suche Block F, finde Apartment 187 und klingle. Die Tür öffnet sich spaltbreit, eine Frau schaut aus den Schlitzen.

„Hallo! Hier ist ihre Kuchen-Lieferung von der deutschen Bäckerei!“

„Ach, genau, komm rein, wie viel kostet dieser?“

„200 Rupien.“

 

Nach zehn Minuten bin ich den Kuchen los und 200 Rupien reicher. Glücklich mach ich mich auf den Weg nach Hause, wo Merlin bereits den nächsten Kuchen backt.

Zusammen mit den Mädels hatten wir die Idee eine „German Bakery“ zu eröffnen. Die Inspiration erhielten wir durch unsere Vorfreiwilligen, die viele kleine, selbstgeschriebene Kochbücher als ihr Vermächtnis in unseren Schränken zurückließen und durch den Vertrag mit Bhanu. Dort wurde niedergeschrieben mindestens zwei Kuchen pro Woche zu backen. Daran hielten wir uns Monat für Monat und bald darauf schmecken diese den Arbeitern im Office so gut, dass sie vorschlugen, dass wir doch expandieren könnten. Beispielsweise ins Army-Viertel nebenan.

So schrieben die Mädels Backrezepte auf, kopierten sie und gaben uns, den Jungs, die Aufgabe damit loszuziehen, an Türen zu klopfen und zu fragen, ob man denn nicht Interesse an deutschem, selbstgebackenen Brot, oder Kuchen hätte.

An Türen klopfen, um seine Sache zu presentieren. So etwas hatte ich noch nie gemacht, besonders nicht an indischen Türen. Merlin hingegen schon, worüber ich echt glücklich war.

So standen wir, wie die Zeugen Jehovas, vor der ersten Tür und betätigten die Glocke.

„Hallo, ich bin Merlin, das ist Leo. Wir kommen von Dhaatri, einer NGO fünf Minuten entfernt von hier, die Hilfe für Ureinwohnern in Andhra Pradesh anbietet. Wir haben dieses Jahr eine deutsche Bäckerei aufgemacht. Wollen sie vielleicht etwas vorbestellen? Kuchen? Cookies? Brot?“

Merlin zeigte der Person unseren Rezeptzettel. Diese schaute sich ihn an, lächelte stimmte zu bald etwas zu kaufen.

So ging es zwei Stunden weiter. Wir gingen von Apartment zu Apartment, Haus zu Haus und boten unsere Waren preis. Viele gaben uns unsere Zettel sofort wieder zurück, manche waren eingeschüchtert und manche sprachen kein Englisch. Andere hingegen waren sehr interessiert und nahmen unser Angebot dankend an.

Und dann gab es jene, die zu viele Fragen stellten. Zwischenzeitlich probierte ich auch mal mein Glück, bisher hatte Merlin immer gesprochen. Ich klingelte, die Tür ging auf, ein grimmiger Mann mit weißen, fleckigen Unterhemd stand vor mir. Ich stotterte die, uns mittlerweile eingefleischten, Sätze herunter, erwartete jedoch keine gewiefte Gegenfrage:

“What about the price-performance ratio of the cakes? “

„Please what?“

“What about the price-performance ratio of the cakes? “

„Öhhh …“

Augenrollend stibitze sich der Mann eine Karte aus meiner Hand und schloss die Tür.

„Lass mich das lieber machen. Bei deiner Nervosität fliehen die Leute eher, als dass sie was kaufen“, meinte Merlin.

„Wo du recht hast, hast du recht.“

Bald darauf kochte und dampfte unsere Küche. Skrollan und Toni hatten einiges zu tun, da tatsächlich sich Leute unter der angegebenen Nummer auf den Zetteln meldeten. In der Tat rechnet sich dieses Geschäft mittlerweile sehr gut, obwohl wir das Geld natürlich der NGO geben müssen. So bezahlen sich Reisen nach Dallapalli deutlich leichter…

 

 

Kygo in Hyderabad

Im November freuten wir uns alle auf ein bestimmtes Ereignis. Kygo, ein norwegischer DJ und Star von Welt, wollte in Hyderabad ein Konzert geben! Jeder von uns kannte seine Lieder und so gaben wir gerne zwanzig Euro für eine Karte.

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„Das wird so riesig!“ freute sich Toni.

Gut gelaunt machten wir uns also auf den Weg zur Sunburn-Arena, einem riesigen koloseumänlichen Konstrukt in das wohl mehr als 20.000 Leute passten. Dort angekommen, wunderten wir sehr darüber, dass kaum jemand da war. Wir gingen an riesigen Stromgeneratoren vorbei, sahen die gewaltigen Aufbauten innerhalb der Arena, wurden jedoch daran vorbeigeführt, durch die Ticketkontrolle gelotst und standen vor einem stinknormalen Kricketfeld, die Arena im Rücken. Mehr Polizisten als Partygänger umwirbelten uns. Konnte es sein, dass die Inder Kygo nicht kannten? Warum kam dieser Weltstar dann hierher? Was mochte dieser in Anbetracht eines ihm zugestandenem Kricket-Feldes nur denken?

Wir wussten es nicht, betraten aber trotzdem frohen Mutes den Acker. Eine große Bühne war aufgebaut und Absperrungen davor errichtet worden. Maximal zwanzig Leute standen verstreut in der Gegend herum.

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„Passiert das gerade wirklich?“ fragte ein sehr niedergeschlagener Merlin, der mit einer großen Party gerechnet hatte.

Vorsänger Kygos traten auf die Bühne, spielten sich in Kopf und Kragen und wurden nur von wenigen bejubelt. Fast glaubten wir schon umsonst hierhergekommen zu sein, doch unterschätzten wir die Inder gewaltig. Hatten wir ernsthaft geglaubt, dass das Partyvolk schlechthin sich einen Weltstar entgehen lässt? Sie kamen spät, die Massen, aber sie kamen und im Nu standen mehr als 6000 begeisterte Menschen vor der Bühne und jubelten.

„Kygo! Kygo! Kygo!“ schrie die Masse, manche kreischten wie verhaltensgestörte Teenager.

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Und dann kam er, Kygo und brachte den Boden unter den Leuten kochen. Feuer spuckte um die Bühne herum, der Bass dröhnte laut aus den riesigen Lautsprechern und die Menschen rasteten aus. Sie tanzten, grölten mit und waren indes völlig von uns begeistert und umarmten uns. Hier sah ich zum ersten Mal, wie sich Menschen küssten.

Indien ist ein Land, wo körperliche Nähe kaum geduldet ist, viele Ehen sind arrangiert und nicht mehr als heiße Luft. Man spürt kaum Liebe zwischen Mann und Frau und drum war es in diesen Augenblicken schön zu beobachten, wie sich Menschen gegen althergebrachte Tradition wehrten und auf den Putz hauten.

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Nach zwei Stunden Ektase verabschiedete sich Kygo mit einem Feuerwerk an Emotionen  und kurz darauf, ich weiß nicht, was uns dazu geritten hat, befanden wir uns auf dem Weg ins Hylife, unseren Lieblingsclub. Manche mögen behaupten, ein Konzert sei genug, danach wäre man bereits ausgelaugt, aber nicht wir. Zudem gab es tatsächlich genauso verrückte Menschen, man erkannte sie an ihrem Kygo-Handbändchen, die auch noch mehr feiern wollten.

So auch ein wundersames Mädchen mit fein verzierten, aufgemalten Blüten im Gesicht, das mich als Kygo-Fan identifizierte. Sie brachte mich an die Bar und fragte mich, ob sie mir einen Shot spendieren könnte. Da sagte ich nein. Wann bekam man als junger Mann schon so ein Angebot? Sonst musste man den Frauen einen ausgeben, doch sie drehte den Spieß um. Fand ich toll! Wir stießen an und tranken. Danach begaben wir uns auf die Tanzfläche, kamen uns näher und tanzten wie verrückt. Plötzlich drehte sie sich um und verschwand in der Menge. Sekundenbruchteile stand ich einfach nur da. Das war mein Fehler. Denn als ich aufbrach, um nach ihr zu suchen, war es zu spät. Ich fand sie nicht mehr. Die ganze Nacht suchte ich akribisch nach diesem Mädchen, doch es schien wie vom Erdboden verschwunden zu sein. Da bekommt man schon einen Drink spendiert (was schon wahnsinnig selten passiert) und dann kann man sich nicht mal näher kennenlernen. Schade.

So endete dieser verrückte Abend, der uns allen noch lange im Gedächtnis bleiben wird.

 

 

 

Wasserprobleme

In letzter Zeit war ich damit beschäftigt Filmschnipsel vorgelegt zu bekommen.

Es handelte sich um Ausschnitte eines Dorfbesuchs in Rajastan. Bhanu war dort gewesen, seitens eines Bergbaukongresses vieler gleichgesinnter NGO´s und befragte die Einwohner eines Dorfes, nahe eines Bergbaugebietes, nach ihrem Wohlergehen.

Dies ließ sehr zu wünschen übrig. Warum? Die Menschen hatten nichts mehr zu trinken. Die Brunnen waren entweder versiegt, oder kontaminiert mit Chemie-Abfällen des Bergbaus. Alle Bewohner des Dorfes litten darunter und hatten Ausschläge an Händen und Füßen. Viele berichteten von Fieber und Erbrechen. Erzählten sie dies den Regierungsbeamten so lächelten diese nur darüber und taten gar nichts. Meine Aufgabe war es englische Untertitel einzusetzen, da die Menschen Hindi redeten. So saß ich Stunden um Stunden mit Gayathri zusammen, sie übersetze, ich schrieb und erfuhr immer mehr vom Leid der Leute.

Drum werden sich unsere Projekte in Zukunft nicht nur mit dem Müllproblem auseinandersetzen müssen, sondern auch mit den immer mehr zunehmenden Wassermissständen der ländlichen Bevölkerung, die von der Regierung im Stich gelassen werden.

Apropos Müll: In Dallapalli scheint gerade alles den Bach runterzugehen. Immer mehr Touristen kommen und legen sich mit den Dorfbewohnern an. Diese haben Transparente an den Weggabelungen aufgestellt, die Touristen fernhalten sollen, die ignorieren diese aber komplett. Hierzu gab es auch Filmschnipsel, die von mir zusammengeschnitten werden sollten. Ich verstand kein Wort, aber es ging nicht an mir vorbei, dass diese Leute sehr sehr sauer waren. Wirklich gut gefilmt war die Sache nicht, aber ich versuchte mein Bestes. Bahnu schien angetan und vielleicht wird es in Zukunft mehr Filmprojekte für mich geben. Darüber wäre ich wahnsinnig glücklich…:)

Von verschwundenen und intriganten Hunden

Traurigkeit, Erbitterung, Bestürzung, genau vermag ich die Gefühle nicht zu beschreiben, die mich vor zwei Tagen erfassten, als ich durch die Straßen unseres Viertels lief. Die Abenddämmerung hatte eingesetzt, die Rush Hour war im vollen Gange, ich wich Motorädern, Kühen und Autos aus, versuchte so flach wie möglich, bedingt der vielen Abgase in der Luft, zu atmen und dachte über dies und das nach. An sich ziemlich entspannt, auch wenn es für den deutschen Leser nicht so klingt. Das Chaos ist einem mittlerweile geläufig, auch wenn es oft Tage gibt, an denen man wieder völlig aus der Bahn geworfen wird und es einem so vorkommt, als sei man gerade erst hier angekommen.

Auf jeden Fall laufe ich so meines Wegs, husche an einem kleinen Müllhaufen am Straßenrand vorbei, an sich nichts Außergewöhnliches, mein Blick will schon wieder woandershin schweifen, als ich doch etwas Ungewöhnliches an dieser Anhäufung bemerke. Erst weiß ich nicht was es ist, gehe näher ran und sehe die Leiche eines Hundewelpen unter blauen Plastiktüten und sonstigem Restabfall. Jemand muss den toten, kleinen Körper gesehen haben und dachte nicht etwa daran in zu vergraben, oder zu verbrennen, nein, er kehrte ihn, zusammen mit sonstigem Abfall, einfach zusammen, sich nicht weiter um den Toten kümmernd. Später würde dieser Haufen entweder im Fluss landen, in eine Nebenstraße gekippt, oder verbrannt werden.

In diesem Moment war ich richtig wütend auf diese Missachtung von lebendigen Individuen, wie konnte man einen Hund gleich mit Abfall setzen? Wo blieb da die Ehrfurcht gegen über den Mitlebenden?

Meine Wut verpuffte jedoch nach wenigen Sekunden. Was sollten die Leute denn machen?  Der Hund gehörte niemanden. Er war einfach plötzlich da gewesen, ein weiterer Quälgeist, zwischen all den vor sich hin lungernden Straßenhunden.  Im Endeffekt wurde er in eine Welt hineingeboren, in der auf längere Sicht kein Platz für ihn war. Er, die unkontrollierte Ausbreitung der Straßenhunde in den indischen Städten, war das Problem.

Den indischen Menschen in Secunderabad, dem Viertel, in dem wir leben, kann man im Grunde keinen Vorwurf machen, wenn ihr Leben, so wie sie es sich vorstellen, keine Hunde beinhaltet.

Vielleicht ist es aber doch deren Fehler die Hunderate im Viertel nicht zu reduzieren, sei es durch Organisationen, die die Hunde kastrieren und sterilisieren….

 

Wo wir auch bei unserer kleinen Hundefamilie in unserer Straße wären, über die ich in diesem Eintrag reden will. Durch Intrigen und Verluste sind die Monate seit dem letzten Streetdog-Beitrag geprägt, ja, man könnte beinahe denken es seien menschliche Geschichten, rund um Verrat und Intrigen.

Sechs Hunde an der Zahl waren einst in unserer Straße zuhause. Vater, Mutter und vier Kinder. Sie kamen uns immer näher, wurden nach und nach zahm. Der Vater lief gut und gerne einen Kilometer mit mir ohne, ohne Befehle von mir dazu bekommen zu haben, stets bedacht auf eine Streicheleinheit. Die Kinder waren nach wie vor scheu und etwas befangen mir gegenüber, aber wedelten trotzdem ausgelassen mit dem Schwanz, wenn sie mich sahen. Es ging ihnen gut, sie hatten genug zu essen und eine Straße erwischt, die relativ ruhig war, fern von möglichen Gefahren.

Dann jedoch, zu dieser Zeit war bei uns gerade zwanzig Leute im Office, mich nervte ein Ureinwohner, der unbedingt meine Kopfhörer wollte und auf körperliche Nähe aus war (hier mehr: ) ,tauchte plötzlich ein großes Vehikel aus dem Nichts auf, zwei Männer sprangen mit großen Netzen herab und versuchten damit zwei der Kinder einzufangen.

Ich lief aus dem Haus, hörte die Hunde fiepen, rannte auf den Transporter zu und sah, wie beide Hunde in den Netzen kämpften.

„Was soll das?! Was macht ihr mit denen?! Lasst sie hier.“ protestierte ich.

„Sterilisation.“ meinte einer.

„In zwei Tagen sind sie wieder da“; ergänzte ein anderer.

„Oh“, sagte ich.

In dem Sinne taten sie den Hunden nur Gutes. Schön, dass es doch indische Organisationen gab, die sich dieser Aufgabe widmeten und so nicht noch mehr leidende kleine Hunde auf die große weite Welt kamen.

„Alles klar, aber bringt sie bitte zurück. Ich mag sie nämlich sehr“, gestand ich.

„Willst du sie kaufen?“ Der eine musterte mich neugierig mit hochgezogener Augenbraue.

„Was? Nein.“

Ich musste in den Augen derer wohl ein sehr seltsames Bild abgegeben haben. Da geht man seiner ehrenvollen Aufgabe nach, ahnt nichts böses und in irgendeiner kleinen, indischen Nebenstraße kommt plötzlich ein weißer, völlig aufgelöster Junge angerannt und verkündet, die gerade eben gefangenen Straßenhunde, die keiner mag, sehr zu mögen. Sehr seltsam!

Nur ungern ließ ich den Transporter mit einem kleinen Teil der Hundefamilie im Kofferraum ziehen und wartete. Zwei Tage vergingen, die Hunde kamen nicht wieder. Eine Woche verstrich, nichts war passiert. Noch heute, knapp zweieinhalb Monate später sind sie immer noch verschollen und die wahre Absicht der Hundefänger unklar. Entweder wurden die beiden Kinder tatsächlich kastriert, oder, was wahrscheinlicher ist getötet, oder da ausgesetzt, wo sie niemanden stören würden.

So waren es nur noch vier, von sechs, die da einst waren und das bemerkten auch andere Straßenhunde, die ein sehr verlockendes Gebiet sahen, dass vorher noch deutlich schwieriger zu erringen war. Nun jedoch bestand Anrecht auf Territorium und so schlichen sich zwei schwarze Hunde aufs Gelände, bedacht die Familie zu verdrängen. Ständig gab es Rangeleien zwischen beiden Parteien und oftmals mischten wir uns ebenfalls ein und schlugen uns auf die Seite der „La familia“.

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Anfangs vertrieben wir die Eindringlinge noch ganz gut, doch unsere Verteidigung wies Lücken auf. Die Nacht. Dort waren sie stärker. Zudem fand die Mutter plötzlich einen der Übeltäter besonders anziehend und es dauerte kaum eine Woche, ehe sie zum Feind überlief. Sie schlief mit den schwarzen Hunden, war plötzlich sehr, sehr aggressiv gegenüber ihrem Mann und ihren beiden Kindern, die überhaupt nicht verstanden, was hier gerade passierte. Der Vater, sehr irritiert von diesem Verrat, versuchte, die wohlmerkt läufige Hündin, zurückzuholen, doch die wollte auf seine ziemlich sexuellen Rückeroberungsversuche nicht anspringen.

So war die Familie auf drei Mitglieder, mittels eines miesen Verrates, geschrumpft und wer behauptet, dass Hunde nicht mitbekämen würden, wenn ein Teil ihrer Gruppe fehlt, liegt falsch. Die beiden Kinder langweilten sich „tierisch“ ohne ihre Mutter, versuchten sogar mich zu motivieren mit ihnen zu spielen. Sie fanden einen langen Stoff, brachten ihn zu mir, ich umfasste das eine Ende, sie das andere und so spielten wir sehr verbissen Seilziehen.

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Was wohl die übrigen Menschen in der Straße von mir denken mussten. Mir war das jedoch herzlich egal.

Trat ich vor die Haustür, so stand stets eines der Kinder vor der Schwelle und jammerte, als wollte es seinen ganzen Herzschmerz bei mir loswerden. Vielleicht wollte es mir auch einfach nur vermitteln, doch endlich diese bescheuerten Besatzer loszuwerden und das versuchte ich auch einige Male. Hierbei war es erstaunlich wie gut die „La familia“ auf Angriff schaltete, rannte ich auf die schwarzen Hunde zu. Die Hunde verstanden genau, was ich vorhatte, erkannten mich als mächtigen Freund, obwohl sie nach wie vor sehr scheu waren und rasten zähnefletschend auf die Eindringlinge zu, die natürlich das Weite suchten. Danach war es nahezu süß, wie sie sich schwanzwedelnd über den Sieg freuten und mir fröhlich zu jaulten.

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Danach dauerte es nicht mehr lange bis die Mutter, diese Intrigantin, wieder die Seite wechselte, um die Zeit mochte sie wohl nicht mehr läufig sein. Alles war so, wie vorher, sie verstand sich super mit ihrem Mann, der ihr ihren Seitensprung verzieh.

Dann jedoch kam die dritte Dallapalli-Reise. Danach war ein Kind spurlos verschwunden. Entweder war es wieder in die Fänge der Menschen geraten, oder der der Hunde.

Nun also ist vo, einstigen Glanz einer siebenköpfigen Hundefamilie nicht mehr viel übrig. Lediglich drei sind noch da und kämpfen ums Überleben.

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Andere machen sich dafür breit und besonders einer dieser neu Dazugekommenen, macht einem die Nacht beinahe unerträglich, da dieser nicht weit weg von unserer Tür steht und unfassbar ignorant durch die Gegend bellt, ohne einen wirklichen Grund zu haben.

Dies hat mich schon oft gegen Mitternacht aus dem Bett rollen und auf die Straße rennen lassen, dem Übeltäter auf der Spur. Einmal folgte ich ihm bis zur Hauptstraße, wo bereits die Hunde-Machtkämpfe um Rang und Namen im vollen Gange waren. Ein Hund lag verdreht, blutend und tot auf der Straße, entweder vom Auto erfasst, oder von den anderen zerfleischt. Kein schöner Anblick.

 

Hundsein in indischen Armenvierteln, insbesondere Secunderabad, ist definitiv nicht schön. Für alle Beteiligten ist es so gesehen ein Minusgeschäft. Eine Seite leidet und die andere ist entweder genervt, oder muss mit den toten, stinkenden Überresten klarkommen. Das alles müsste nicht sein, gäbe es tatsächlich Organisationen, die sich der Hunde annehmen würden. Vielleicht gibt es diese tatsächlich, darüber kann man recherchieren, aber ob die sich im Endeffekt an ihren Kodex halten und die Hunde nicht doch lieber töten?  Wer weiß…

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2018 – Jetzt erst recht!

Erneut ist ein Jahr vergangen und dieses war unglaublich intensiv. Über die Zusage für den Freiwilligendienst im Februar, die letzten Schultage im April, die Abi-Klausuren im Mai, die Vorbereitungen für Indien im Juni und Juli, bis hin zu den wahnsinnig vielen Erlebnissen in Indien der letzten Monate, liegen wohl die einprägsamsten 365 Tage in meinem ganzen Leben hinter mir. Es gab viele Auf und Abs, im Endeffekt erinnert man sich jedoch durchgehend an die positiven Dinge.

2017 war richtig, richtig gut!

Ich habe einiges dazugelernt, durfte in eine neue Kultur eintauchen und habe viele liebe Menschen getroffen, die mir mittlerweile sehr ans Herz gewachsen sind.

Drum möchte ich mich bei all diesen Leuten für ein geiles Jahr bedanken.

Danke, dass ihr dabei wart, immer noch dabei seid und nach wie vor diesem Blog verfolgt, der mittlerweile genau 200 Seiten füllen könnte. Und dieses Jahr werden auf jeden Fall mehr dazukommen!

Ich will reisen, den Norden Indiens sehen, zwischenzeitlich nach Nepal übersetzen und das tun, was ich in den letzten Monaten vernachlässigt habe. Kleine Filme machen. Schließlich ist das für jemanden, der Bock hat in diese Richtung zu studieren, irgendwie auch sinnvoll.

Zudem gibt es neue Projekte. Zum Beispiel sind wir dabei, eine kleine deutsche Bäckerei für unsere NGO zu integrieren, die dann ins Army-Viertel nebenan liefert. Entweder würde ich backen, oder den Kurier mimen, der dann die Waren ausfährt.

Ebenfalls hat Merlin die Idee Schlafsäcke für die Menschen aus den Bergdörfern, aus recyclebaren Materialien zu entwickeln und sie gemeinsam mit den Bewohnern zu produzieren, da es in den Bergen des Nachts sehr sehr kalt werden kann.

Alles nach dem Motto: „Jetzt erst recht“, beginnt gegenwärtig nun der richtige Freiwilligendienst. Wir sind jetzt eingespielt, wissen was wir können und was wir nicht können, sind mit unserer Umgebung vertraut und wollen mehr! Und das können wir packen, wenn wir es nur wollen!

In dem Sinne: Ein Frohes neues Jahr 2018!

Dieses begann selbstverständlich anders als sonst, nämlich am Vorplatz unseres Lieblingsclubs, wo wir vergeblich versuchten Eintritt zu erlangen. Eine geschlossene Veranstaltung war dort im Gange und wir hätten jeder 40 Euro Eintritt zahlen müssen und das war uns zu viel. So schlug es 0:00 Uhr, der 1. Januar brach an und wir standen völlig verdattert vor den Sicherheitsleuten, die uns gerade eben noch abgewiesen hatten, uns jetzt aber umarmten. Einer verteilte Süßigkeiten und stopfte mir mit einem „Happy new year“ auf den Lippen, eine Zuckerbombe in den Mund.

„Same to you“ schaffte ich es gerade noch zu sagen, ehe der Zucker mir die Zähne verklebte. Das eigentliche Highlight der Jahreswende war die Fahrt zurück nach Hause, wo sich der Uber-Faher dazu entschied, laute Party-Musik durch die Straßen dröhnen zu lassen. Begeistert sangen, teils grölten wir mit, Merlin beugte sich lachend aus dem Fester und wünschte allen Verkehrsteilnehmern ein frohes neues Jahr, während wir mit 80 Sachen durch die Innenstadt brausten. Ich lächelte einem hübschen Mädchen im Nachbarauto zu, es grinste zurück, die Nacht lief super und ich fühlte mich unfassbar gut! 😀 Komischerweise ließen die sonst so party-begeisterten Indern, kein Feuerwerk los, was uns doch relativ besorgt machte. Ging´s den Leuten gut? Vielleicht war Diwali, das Fest zur Jahreswende, was im Oktober gefeiert wurde, genug Feierlichkeit.

Wieder einmal kaum zu vergleichen mit sonst vorhanden Standards, aber irgendwie schafft es Indien trotzdem alles irgendwie gut zu machen, auch wenn man es am Anfang nicht glauben will.

Teil 2 meiner Indienreise beginnt heute und es würde mich freuen, wenn ihr weiterhin dabei seid. Macht´s gut, euer Leo!