Indische Spontanität

„Tüüüüüüt, Tüüüüüt!“ macht die Rikasha und brummt ungeduldig vor sich hin. Gut, ungeduldig ist sie nicht, ganz im Gegenteil, sie scheint gar voll von innerer Gelassenheit zu sein. Der Einzige der ungeduldig ist, bin ich, der seit einer gefühlten halben Stunde darauf wartet, dass das Gefährt aus Dallapalli endlich losfährt, damit ich meinen Zug nach Hause noch rechtzeitig erwischen kann..

Doch stattdessen wartet der Fahrer. Immer mehr Menschen steigen ein, es wird eng und ich ziehe mit meinem Rucksack nach hinten in den offenen Kofferraum um, um möglichst keinen in Quere zu kommen. Die Idee haben aber noch zwei andere und gesellen sich zu mir.

Der Fahrer hupt immer noch, auch wenn unser Taxi bereits voll ist. Worauf wartet er? Mehr Menschen passen hier nicht rein!

Falsch gedacht. Als wir endlich losfahren sind wir ganze zwanzig Leute, die entweder im Inneren sitzen, oder sich draußen probieren krampfhaft festzuhalten. Es geht den Berg runter, wir sind nicht schnell, aber auch mich wirkt es so als rasten wir dem Tod entgegen!

„Das ist doch Wahnsinn!“

murmele ich immer wieder vor mich hin und bin der festen Überzeugung, dass wir es nicht mehr lebendig zum Bus nach Visakhapatnam, wo mein Zug auf mich wartet, schaffen werden.

Die Rikasha knattert den Berg hoch und runter, ich schüttle nach wie vor ungläubig den Kopf und frage mich unablässig wie man bitte auf die Idee kommt knapp zwei Dutzend Menschen auf vier rollenden Quadratmetern durch die Gegend zu kutschieren. Und was muss jemand denken, der ein volles Riksha sieht, aber sich trotzdem dazwischen drängelt?

„Schau ich doch mal, so ganz spontan, was passiert, wenn ich auch mitfahre?“


Ich glaube, es ist genau diese Einstellung, diese gelassene Spontanität, auf die ich in Indien immer wieder stoße und entweder sehr belustigt darüber bin, oder oftmals über sie fluchen muss, weil ich für meinen Teil in manchen Situationen weder gelassen, noch spontan sein kann.

Drum hier ein kleiner Betrag über manch zufällig, im Rausch der Spontanität geschaffene Geschichte:


Ganz spontane Zug-Entscheidungen

Zwei Tage vor der Riksha-Geschichte, ich komme gerade von einer gewissen Krabbenjagd zurück und setze mich müde vor die Türe unseres Heims, kommt plötzlich Gayathri zu mir und gesteht mir im entspanntem Tonfall, das mein Zug bisher noch nicht bestätigt worden sei. Heißt, dass es möglich ist, dass ich auf meiner eigentlichen Rückreise aus Dallapalli nach Hyderabad nicht dabei bin, weil ein anderer meinen Platz hat.


Das System des Zugbuchens in Indien ist sowieso eine Kategorie für sich. Man bucht sich ganz normal einen Zug, zahlt Geld dafür, erhält aber keine Platznummer, weil zugleich ganz viele andere auch diesen Zug haben wollen. Man kommt auf die Warteliste und dann scheint es spontane Willkür zu sein, ob du noch einen Platz bekommst, oder nicht. Diese Info kann gut und gerne zwei Stunden vor der Fahrt verkündet werden. Du stehst also fast schon in den Startlöchern, könntest aber dann doch noch eine Absage bekommen.

Verhindert werden kann dies, wenn man seinen Zug rechtzeitig, vielleicht anderthalb Wochen vor der Reise bucht. Das macht aber kaum jemand und da wir nicht selbst zuständig für das Zugbuchen sind, dass übernimmt jemand anderes ganz spontan zwei Tage vor unserem Reiseantritt nach Dallapalli, liegen Hin-und Rückfahrt in der Hand fremder Mächte.

Ich frage die nächsten zwei Tage also öfters mal nach, ob denn mein Zug jetzt bestätigt wurde, oder nicht und erhalte stets negative Antworten.

Am Tag der Rückreise steht immer noch nichts fest.

„Also du könntest jetzt losfahren und in Visakhapatnam darauf hoffen, dass der Zug bestätigt wird. Aber eigentlich wäre es besser du bleibst noch einen Tag“, sagt Gayathri gelassen.

Ich mime den Optimisten und trete auf gut Glück die Reise an, die mit der Teufels-Riksha beginnt. Wenig später steige ich in den Bus und nach vier quälend langen Stunden erhalte ich die Nachricht, dass mein Zug im Endeffekt nicht mehr mein Zug ist.

Ich könnte wieder zurückfahren, oder ich suche mir eine Alternative. Da einfach aufzugeben, besonders in diesem Fall, überhaupt nicht mein Ding ist, trete ich an den Busschalter und frage, ob es denn noch Schlafbusse nach Hyderabad gibt.

„Ja, in fünfzehn Minuten kommt der Letzte für heute.“

„Oh, wie cool! Den nehme ich!“

„Das macht dann 1500 Rupien!“

„Nimmt ihr meine Visa-Karte?“

„Nö.“


Ich habe kein Cash dabei! Verflixt und zugenäht! Ich renne wie wild zum bahnhofseigenen Bankautomaten, aber der will meine Karte einfach nicht nehmen.

„Blödes Ding!“ schalte ich ihn und beginne einen Wettlauf gegen die Zeit! Wo ist der nächste Bankautomat?! Ich flitze schimpfend durch Menschenmassen hindurch. Warum muss denn immer alles so spontan sein?! Mit knirschenden Zähnen muss ich eingestehen, dass der Bahnhof keine weiteren Geldquellen hat. Wohl oder übel muss ich draußen suchen. Hastig laufe ich in einen Juvellierladen und frage, ob sie mir 1500 Rupien von meiner Karte abziehen könnten und mir dieses Geld dann in bar zu geben.

„Nö, dafür musst du hier erst was kaufen“, sagt der müde Verkäufer.

„Das will ich aber nicht!“

Schnell mache ich, dass ich aus dem Laden rauskomme und sehe meine Rettung! Eine Tankstelle mit Automaten auf der anderen Straßenseite!

Schwitzend und füßetrippelnd, warte ich bis alle Motoräder, Busse und Autos an mir vorbeigezogen sind, überquere die Straße und stürze hinein. Die Maschine tut mir den Gefallen und lässt mich kaum 30 Sekunden warten, bis ich mein Geld in den Händen halte.
Endspurt! Fünf Minuten bis Abfahrt! Zurück am Bahnhof werfe ich die 1500 auf den Tresen und siehe da, der Bus steht noch da und ist noch nicht ausgebucht! Yeah! Ich erhalte mein Ticket, steige in den Bus und brause hinein in die Nacht…

Von spontanen 20-Stunden-Trips, die hängen bleiben

Über die Geschichte mit unserer Haushälterin, ihres Vaters Tod und der darauffolgenden Reise in dessen Dorf, habe ich bereits einen Beitrag geschrieben. Spontanität hoch zehn, um halb drei Uhr nachts , nach einer Freiwilligenparty, etwas angetrunken zu erfahren, dass man nach Hospet fahren soll damit Savitri ihren Vater ein letztes Mal sehen kann.

Was ich damals nicht erwähnt habe war, dass ich ungeheure Angst hatte, Merlin das letzte Mal für eine lange Zeit zu sehen. Es war Samstagnacht und am Sonntag würde er in den Flieger steigen und für mich dann unerreichbar sein. Ich hatte die Befürchtung, dass der Fahrer keine Lust hätte mehr als 14 Stunden am Stück zu fahren, dachte er würde erst einmal eine Nacht drüber schlafen.

Die ganze Hinfahrt über stand ich stark unter Strom. Diese nächtliche Verabschiedung durfte nicht das letzte Mal für sechs Monate sein. Keiner hatte irgendwie einen Plan, oder er wurde mir schlichtweg nicht verraten.

Klar, der Plan wurde schnell, aus Emotionen heraus, zusammen getüfftelt, aber ich kam nicht wirklich darauf klar, dass alles so schnell ging. Ständig malte ich mir mögliche Zukunftsszenarios zusammen, die Langeweile und das Gesicht des Toten vor Augen auf der der Rückfahrt, machte mich traurig und irritiert zugleich.

Ich war am Ende so erleichtert, Merlin zu wiederzusehen und doch war ich enttäuscht einen der letzten Tage nicht mit ihm verbracht zu haben.


Dieser Samstag würde mich noch zwei Wochen verfolgen. Ich war niedergeschlagen und scheinbar ausgelaugt, Merlin war weg und irgendwie passte das nicht in das indische Gesamtbild, dass ich über Monate hinweg gesehen hatte.

Danach war ich soweit ein neues, erweitertes Bild zu sehen und auch als Savitri nach einiger Trauerzeit wieder zurück ins Office kam und sich überschwänglich bei mir bedankte als Stütze bei ihr gewesen zu sein, konnte ich mit dieser Geschichte abschließen. Es war alles nicht umsonst passiert. Ich hatte einem Menschen geholfen, der jetzt offener mir gegenüber zu sein schien und doch habe ich momentan große Angst, wenn nach 22:00 Uhr das Telefon klingelt, in der vagen Befürchtung, ich müsse nochmals den Trip zu den Toten antreten.

Buntes Zuhause

Aber natürlich kann Spontanität auch wunderschön sein. Eines Tages schaut sich unsere Chefin den Balkon an, wo wir bereits Lichterketten installiert haben, damit es schöneres Ambiente dort oben gibt.

„Hier ist eindeutig zu wenig Farbe!“ beschließt sie und ruft bei einer befreundeten Schule an und fragt, ob diese ganz spontan Schüler entbehren könne , die die Wände unseres Balkons verschönern könnten. Zwei Stunden später erscheinen mindestens zehn Kinder vor unseren Toren, bewaffnet mit Pinsel, Farben und guter Laune. Wir machen uns daran einen für sie Kuchen zu backen, währenddessen die Kinder kleine Fische und bunte Personen auf die Wände malen.

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In ihrer Pause verteilen wir den Kuchen, er mundet wunderbar, sodass Nachfrage nach einem zweiten besteht und wir diesen, für unsere strebsamen Künstler, gerne anfertigen. Es wird gelacht, mit Farben gespritzt und Schokoladenkuchen gefuttert. Allen geht’s gut und nach zwei Tagen sieht unser Balkon viel schöner und stimmungsvoller aus als vorher. Hier kommen wir gerne her. Hier fühlen wir uns etwas mehr zu Hause. 🙂

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Ich glaube, wenn man in Indien lebt, oder Rundreisen dort macht, wo wenig touristische Zentren sind, dann kommt man nicht umhin auf eine Art Spontanität zu treffen, die uns verrückt macht und in dem Sinne ist dieses Indien, wie es leibt und lebt, für mich kein wirklich guter Ort, um zu entspannen. Obwohl ich immer dachte, ich wäre tiefenentspannt, zeigt mir diese Welt manchmal das Gegenteil.

Aber selbst dann erlebe ich Dinge, die ich noch Monate später anderen erzählen kann.
Und schließlich gibt es ja dann noch die andere Seite, wo man ganz plötzlich einen vollkommen anderen Balkon vorfindet…. 😀

Olympische Herzenssache – Teil 2

„I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games…. I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games…..I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games“, murmele ich leise und zischend vor mich hin, während wir uns, als Schiedsrichter schräg vor der begeisterten Zuschauermasse aufstellen. Blitzlicht strahlt von allen Seiten, ich lächele so gut ich kann und blicke dazwischen zu meinen Teankameraden, die genau die gleiche Angst vor dem haben, wie ich auch: Bloß keine Schwur-Einzelpräsentation.

Tatsächlich bleibt uns diese für´s Erste erspart, denn mit einem lauten Ruf, werden nun die wahren Hauptcharaktere, die „Big Player“, dieser Spiele angekündigt. Die Kinder!

In einem langen Prozessionszug, kommen im Gleichschritt und Zweierreihe die Spartiaten anmarschiert. Gut zu erkennen an ihrer roten Toga und ihren selbstgebastelten Gürteln, verziert mit griechischen Buchstaben. Am Ende der Gruppe läuft ein Fahnenträger, der die Farbe der Stadt würdevoll trägt. Nebenbei schlägt eine große Trommel und lässt den Boden unter uns erzittern.

„Sparta! Sparta! Sparta!“ rufen die Athleten, als sie in gebündelter Formation vor den Zuschauern stehen.

Danach marschieren die Athener, ebenso eindrucksvoll wie ihre Konkurrenten, ihrem Platz entgegen und rufen ganz zum Trotze der Spartiaten: „ Athen! Athen! Athen!“

Es folgen Megara, Kreta, Theben und Ithaka. Jede Stadt in ihren eigenen Farben und  jede Stadt ist eindrucksvoller als die Letzte. Schlachtruf tönt gegen Schlachtruf! Rote Wimpel wehen grünen, blauen, gelben und violetten entgegen und jeder versucht den anderen mit seiner Stimme zu übertönen. In der Tat wirkt die ganze Situation wie eine Schlacht aus Worten und irgendwie überzieht Gänsehaut meinen Körper, so ergriffen bin ich von diesem Kampf.

Bewundernswert, dass dieser eigentlich nur von 11 jährigen Kindern geführt wird.

Ganz oben, auf dem Dach des Schulgebäudes entdecke ich einen großgewachsenen Mann mit langem weißen Bart, lila Toga und einem Dreizack in der Hand. Gespannt und würdevoll schaut er dem Schauspiel dort unten zu, wo mittlerweile sogar die olympische Fackel entzündet würde und durch die Reihen der Krieger wandert.

Liebend gern hätte ich jetzt meine Kamera gezückt, aber ich muss schmollend einsehen, dass ja dessen SD-Karte fehlt…

Bald verhallen die Rufe der indischen Griechen, das Feuer wird an einem kleinen Schrein entzündet und erneut geht ein Ruf durch die Reihen: „Griechen! Sagt euren Schwur!“

Gemeinsam beginnen die Kinder ihren Schwur aufzusagen. Stets fair sollen sie sein, den Mitstreitern gegenüber und darauf achten, dass der olympische Geist wohlgesinnt auf sie hernieder blickt. Als das Gelübde vorbei ist hallt ein weiterer Befehl von den Tribünen wieder: „Schiedsrichter! Sagt euren Schwur!“

Und wie glücklich sind wir Freiwilligen, als nicht jeder einzeln nach vorn gerufen wird, sondern wir alle zusammen die Worte sprechen, die wir kurz davor noch auswendig gelernt hatten: „Ich verpflichte mich, die Integrität, den Respekt und die Ehre dieser Spiele zu wahren und mich an die Regeln zu halten, die sie regieren. Ich verpflichte mich, jedes Spiel unparteiisch zu beurteilen und dem wahren Geist des Sports gerecht zu werden“, tönt es etwas asynchron und leise von den Schiedsrichter-Rängen.

 

Der weiß-bärtige Mann, der wohl den Zeus, oder den Poseidon, verkörpern will, hebt auf seiner hohen Tribüne seine Fäuste gen Himmel, reckt den Kopf in den Nacken  und verkündet ehrfürchtig: „Hiermit eröffne ich die olympischen Spiele 2018!“

Kurz darauf, nachdem einige organisatorische Dinge  geklärt werden mussten, laufe ich zu meinem Einsatzort, der sich glücklicherweise im Schatten befindet. Alle anderen müssen in der brütenden Hitze der Sonne stehen, was man am Ende des Tages auch gut an ihrem Sonnenbränden erkennen kann.

Die erste Stadt stellt sich beim Speerwerfen an. Athen will beweisen, dass sie die besten in dieser Disziplin sind und schauen ganz gespannt zu, als die zwei Main-Judges, mit denen ich arbeiten werde, ihnen erklären, wie sie richtig werfen sollen.

46 Kinder und ich muss vier davon nach ihrer Menschlichkeit und Motivation herauswählen. Ich habe eine Liste, wo alle Namen in geordneter Reihenfolge aufgelistet sind, sowie dessen Schule und zwei Spalten für den Leistungsnachweis einer ersten und einer zweiten Runde. Die richtigen Schiedsrichter sollen dort die Weiten eintragen und ich Sterne. Einen Stern für die, die entweder total gut sind und Grace-Punkte nicht brauchen, oder diejenigen, die sich überhaupt nicht ins Zeug legen. Fünf Sterne für die, die mir super gut gefallen haben.

 

Es geht los, eine Abhaya-Schülerin betritt das Rund nimmt den Speer in die Hand, sucht die richtige Handhaltung und wirft. Nicht besonders weit. Das scheint sie aber nicht weiter zu stören, sie lässt sich die Zahlen sagen und geht sofort weg. Ziemlich langweilig und unauffällig, nach meinem scharfen Blick und ich gebe dem Mädchen zwei Sterne. Das nächste Mädchen ist so gut, dass es nur ein Stern bekommt. Dann jedoch kommt meine erste Vier-Sterne-Bewertung. Diese lächelt freundlich, ist etwas kleiner als die anderen und achtet genau auf die Technik, schaukelt vor und zurück und schleudert den Speer so, dass er mit dem Schaft aufkommt anstatt der Spitze. Sie scheint über diesen Fehlversuch sichtlich enttäuscht zu sein und irgendwie gefällt mir das. Vier Sterne. Keine Fünf. So viel, entscheide ich, gebe ich erst am Ende der beiden Runden, wenn sich die vier Sterne im Vorlauf auch im zweiten Wurf, wiederholen.

Ich umrunde die Kinder, schaue mir ihre Gesichter an, beobachte entweder den Speerwerfer, oder die lange Reihe davor und versuche Kleinigkeiten zu finden, die eine höhere Grace-Wahrscheinlichkeit erzielen könnten.

Und da! Ein Mädchen versucht ihren Vorgänger zu motivieren: „Los, du schaffst das! Ich glaube an dich!“

Als es persönlich an die Reihe kommt, macht es eine Figur, hat meines Erachtens nach die richtige Technik und wirft leider etwas kurz. Vier Sterne.

So geht es weiter und irgendwann habe ich den Dreh raus. Ich beobachte die unterschiedlichsten Menschen, klein, groß, dick, dünn, fröhlich, betrübt, sportlich oder unsportlich und bekomme unter anderem einen tiefen Einblick in die indische Welt der Namen. Es gibt eine riesige Auswahl derer und kaum einer wird sich unter all diesen 139 Kindern, die ich an diesem und am nächsten Tag bewerte, wiederholen.

Teilweise klingen sie wie Fantasienamen, aus einer längst vergessenen Zeit, oder sind so schwer auszusprechen ( siehe Sridhyanalalitha), dass selbst die indischen Schiedsrichter es schwer haben dieses Kind aufzurufen.

 

Zwischendurch schiele ich immer wieder zum Essenstand von Skrollan und Toni herüber, die im Namen von unserer Organisation Kuchen verkaufen. Es scheint wahnsinnig gut zu laufen. Ständig steht ein kleines Aufgebot an Leuten dort und darüber bin ich echt zufrieden, klingen mir noch die Worte unserer Chefin nach, die, als ich zum zweiten Mal zum Einkaufen aufbrach, weil noch nicht alle Zutaten da waren, auf uns schimpfte: „Sicherlich werdet ihr  mehr für den Einkauf ausgeben, als dass ihr an Geld einnehmen werdet“, so ihre Worte. „Und dadurch wird dieses ganze Prozedere definitiv schon ein Minusgeschäft für die Organisation“. Daran haben wir nie geglaubt und wahrlich wird es auch nicht so kommen. Am Ende der Olympiade werden wir im dicken Plus stehen und das wird mir eine gewisse Genugtuung verschaffen es doch gepackt zu haben, obwohl man nicht an uns glaubte.

 

Athen beendet seinen zweiten Durchgang und ich habe schnell meine drei Lieblinge gefunden, die sich doch recht schnell herauskristallisiert hatten. Schlussendlich war Siddharth  sehr fokussiert, Angelina motiviert und Alekya war einfach glücklich, wo andere eine Trauermine zogen.

Nicht zu vergessen im ganzen Trubel seien übrigens die Eltern, die dicht nahe des Geschehens stehen und ihre Kinder wild anfeuern.

„Wow, richtig gut geworfen“, kommt es beispielsweise aus einer Ecke, obwohl, das Kind kaum die drei Meter schafft.

„Aafia for president!“ ruft einige Groupies von der anderen Seite.

Leider nur, halten sich manche Eltern nicht an einen gehörigen Abstand und schauen mir ab und zu auf´s Blatt und fragen mich was ich denn hier machen würde. Gutmütig wie ich leider nun mal bin, beantworte ich ihre Frage, verliere dabei aber einige Kinder aus den Augen, die ich noch nicht bewertet habe. Zum Glück kommt es bei mir aber nicht so weit, dass Eltern bei mir eine bessere Bewertung für ihr Kind wollen, so wie es anfangs düster von den Hauptorganisatoren angesprochen wurde, dass dies möglich sein könnte..

Die nächsten Runden, ich werde Sparta und Kreta zu bewerten haben, sind deutlich schwieriger zu bewerten, als die erste, sodass ich mir kleine Stichpunkte zu den Kindern mache, die sich irgendwie anders präsentieren, als ihre Vorgänger.

So steht bei manchen beispielsweise „kritisch“ für ihre  enttäuschend wirkende Auftrittsweise nach einem Wurf, oder „lustig“, „motiviert“, „hat Bock“, oder auch „glücklich“  auf dem Zettel.

Besonders angetan bin ich vom zweiten Wurf vom Spartiaten Daksh, den ich bereits bei meiner Übungsstunde bei Moritz beobachten durfte. Er ist gut, zu gut, für ein Grace, doch in der zweiten Runde schreit er bei seinem Wurf ein „SPAARTAA!“ dem Speer hinterher der dadurch noch weiter fliegt.

Ein lautes „Ohhhh“ geht durch die Menge und auch bei mir katapultiert sich Daksh von einem Stern auf vier. Liebend gern hätte ich ihm für diese Aktion ein Grace gegeben, aber dazu ist er einfach zu sportlich.

Neun Namen stehen am Ende der zwei Tage auf meinem Zettel  und neun Namen werden auch bei Lion, der die anderen Städte für´s Speerwerfen bewertet hat, stehen. Insgesamt achtzehn Kinder treten also nochmals für zwei Partien ins Rund und fragen sich wohl berechtigt, was sie wohl getan haben mussten, um wiederholt hier zu stehen.

Bei genauerer Betrachtung dieser Achtzehn fällt uns Freiwilligen eines auf: „Hmm, irgendwie haben wir voll oft kleineren, süßeren Kindern ein Grace gegeben“, meine ich.

„Ich schwöre, das war keine Absicht. Die waren eben einfach toll“, gesteht Lion.

Jeder von den Graces hat erneut zwei Versuche und wir müssen nun aus diesen Kindern vier Sieger aussuchen. Wie es der Zufall so will, soll es so kommen, das zwei Kinder von mir und die anderen zwei von Lion stammen. Bevor es jedoch zur Siegerehrung geht, kommt es noch zum Staffellauf, jede Stadt gegeneinander. Alle Freiwilligen sollen dabei entscheiden, welche Stadt am meisten für den Sieg gegeben hat. Alle rennen auf einmal und da wir nicht auf alle  gleichzeitig achten können, gilt mein Fokus insbesondere der grünen und der violetten Stadt. Für jeden Athlet, der scheinbar alles zu geben scheint, male ich mir einen Strich auf die Hand, sodass nach geraumer Zeit eine sehr lange Strichliste meine Hand hinunterführt. Ich hatte leider kein Papier. Grün und violett schenken sich nichts. Ein violetter Krieger stolpert  sogar, schafft so so einen enormen Abstand von einer Runde, den andere aber wieder kämpferisch einholen. Viele rennen mit verbissenem Gesicht so schnell sie nur können, Strich für Stich geht meinen Arm hinunter bis grün als erstes im Ziel ankommt, dicht gefolgt von violett, die mir jedoch besser gefallen haben. Leider kommt es jedoch so, dass bei einer demokratischen Abstimmung unter uns Grace-Judges  eine andere Stadt zum Sieger auserkoren wird.

Nun kommt es zur Siegerehrung. Erst werden die Spitzensportler eines Wettkampfes geehrt, deren Weiten groß präsentiert werden. Dann kommen die Graces, deren Zahlen zu Gunsten derer nicht weiter erwähnt werden. Die zählen hier sowieso nicht. Ich überreiche stolz meinen beiden Kindern einen Kranz und schüttle ihnen die Hand. Sie strahlen über beide Ohren  hinweg und irgendwie bin ich unglaublich stolz auf meine beiden Kleinen, dass sie es geschafft haben.

Nachdem alle Kinder geehrt wurden, werden feierlich die Spiele für beendet erklärt und gewaltiger Applaus brandet auf. Jede Stadt lässt erneut ihren Schlachtruf über das Gelände hallen in wahnsinnig euphorischen SPARTA-THEBEN-ATHEN-MEGARA-KRETA-Rufen beginnen sich die Zuschauer langsam zu zerstreuen und treten den Rückweg an.

 

Am Ende des Tages sitze ich in einer Hängematte auf der Terrasse der Freiwilligenunterkunft der Abhaya-Freiwilligen, quatsche mit den anderen und sehe zu wie die verschiedenen Schulbusse, gefüllt mit glücklichen Kindern , langsam abfahren. Die Sonne geht gemächlich in meinem Rücken unter und entlockt mir ein fröhliches Lächeln. Die letzten zwei Tage waren ohne Frage sehr anstrengend, aber im Endeffekt haben wir alle dazu beigetragen, dass die Kinder ein schönes Wochenende hatten. Ich bin stolz auf meine Krieger , denen ich ein Grace gegeben habe und auch auf die, die ihre sportliche Leistung mit einem Kranz krönen konnten.

Bei uns waren es viele Herz-Entscheidungen, wo es nicht um Rationalität, sondern irgendwie auch um Emotionalität ging und das bewegt mich irgendwie sehr, dass das in dieser Zeit noch möglich ist.

Ich muss grinsen bei dem Gedanken, dass ich Schiedsrichter bei den olympischen Spielen indischer Waldorfschulklassen gewesen bin. Das klingt so abstrus und verrückt und würde ich das jemand Fremden erzählen, würde er es mir sicherlich kaum glauben. Aber das Leben und der Zufall schreiben eben die besten Geschichten…

 

 

Derweil hier noch ein Beitrag von meinem Mitfreiwilligen Moritz, der auch über die Spiele geschrieben hat. Schaut doch mal bei ihm vorbei und lasst Liebe da. 🙂

https://mosjourneyblog.wordpress.com/2018/02/15/der-geist-der-flamme-olympic-spirit/

Olympische Herzenssache -Teil 1

Ich wache auf. Warmes Licht durchflutet das Zimmer, ich höre Vögel zwitschern, gähne dem Tag entgegen und drehe mich schlaftrunken auf meiner Matratze um. Ich bekomme irgendwie mein Handy zu fassen und lasse meine ganz entspannte Morgenmusik-Playlist laufen. Was dies doch für ein wunderschöner Samstagmorgen in Hyderabad ist. Gleich werde ich aufstehen, duschen und alles mögliche vorbereiten. Ich schließe nochmal die Augen, um vielleicht für zehn Minuten wegzudämmern…

Doch was ist das? Was stört da meinen gesegneten guten Morgen?! Mein Handy. Es klingelt. Skrollan.

„Jaa?“

„Du, Leo, hast du gestern noch den Käse eingekauft? Wir bräuchten den ganz dringend. Bist du schon auf dem Weg?

„Ähh….ja, der Käse…genau! Ich bin schon auf dem Weg…“

„Gut, bis dann!“

Ich fahre, auf einmal hellwach, hoch. Ich habe den Käse noch gar nicht gekauft! Ach du heiliger Ganesha! Panisch krame ich einige Sachen aus dem Schrank, sprinte unter die Dusche, wasche mich in einer rekordverdächtigen Zeit, beschließe in diesen Sekunden mein Geld zu schnappen und aus dem Haus zu rennen. Mit nassen Haaren renne ich nach unten, an einer verdatterten Savitri, dem Mädchen, dass für uns indisches Essen vorbereitet, vorbei, höre ihre Rufe, dass sie Frühstück extra für mich vorbereitet hat, antworte knapp, dass ich es gleich essen würde und gelange vor die Haustür. Verdammt, ich habe überhaupt kein Geld mehr! Auf zur Bank! Die will mir kein Geld geben! Manno! Gut, das wenige Geld wird für Käse reichen.

„Habt ihr Käse?!“ rufe ich in den gerade erst geöffneten Straßenshop meiner Wahl hinein.

„Ja, haben wir“, antwortet der junge Verkäufer und zeigt mir seine spärliche Auswahl dessen, was er als Käse bezeichnet.

„Gibt es noch anderen?“

„Nö.“

Ich renne aus dem Laden, klappere noch drei andere ab, aber die sind leider auch nur für den indischen und nicht internationalen Hunger gedacht.

Statt weiterzusuchen beschließe ich aufzubrechen, doch halt! Da wartet ja noch ein Frühstück auf mich. Ich seufze. Ich will Savitri nicht enttäuschen, also nehme ich ihr Essen, es scheint wirklich lecker zu sein, aber davon merke ich kaum was, so schnell ich es hinunterschlinge und währenddessen alle möglichen Dinge in meinen Rucksack werfe. Pullover, Kissen, Geld und ja, auch die Kamera (wie sich später herausstellen sollte, war ich mal wieder so schlau und habe vergessen die Kamera mit ihrer SD-Karte zu versehen). Ich buche ein Uber, springe nach fünf Minuten Wartezeit hinein und spätestens jetzt kann ich nichts mehr tun, was mein Erscheinen verschnellern könnte.

Ich atme tief ein. Wie konnte ich nur so doof sein, den Käse zu vergessen?!

Skrollan und Toni wollen für die heute anstehende Olympiade der fünften Klassen indischer Waldorfschulen einen kleinen Basar, im Namen unserer Organisation veranstalten. Dafür war ich vorgestern und gestern einkaufen, habe die nötigen Zutaten für Kuchen und Pizzen gekauft, weil die Mädels noch in Dallapalli waren. Alles war erhältlich, selbst guter Käse, aber… nun ja. Missgeschicke passieren.

Ich nähere mich der Abhaya-Schule, den Austragungsort der olympischen Spiele, der Wagen hält und ich renne auf die kleine Freiwilligen-Küche zu, wo meine Mädels bereits am Kochen sind.

„Kein Problem, der Kühlschrank von den Freiwilligen hier hat noch Käse“, gesteht eine Abhaya-Lehrerin, als ihr hastig und stotternd mein Problem erkläre.

„Uff“, mache ich und alle Anspannung fällt von mir ab.

Dann kann ich mich ja meinen Verpflichtungen widmen. Ich soll nämlich Schiedsrichter bei den Spielen sein. Als mich die Mentorin der Freiwilligen dieser Schule kontaktierte und fragte, ob ich einer der Schiedsrichter sein würde wollen, wusste ich nicht, was sie damit genau meinen würde, aber stimmte trotzdem der Frage zu.

Wir trafen uns und irgendwie war mir ihr Prinzip des Schiedsrichtens sehr „ungeläufig“.

„Du musst ausmessen, wie weit die Kinder geworfen haben, aber bitte sei etwas gnädig dabei. Die, die nicht so weit werfen haben auch eine Chance verdient.“

Zu dem Zeitpunkt verstand ich es nicht, was sie mit „gnädig“ meinte. Sollte ich schummeln? Sollte ich meinen persönlichen Liebling nach vorne bringen? Hm. In dem Sinne war die Sprache doch eine kleine Barriere.

Ich verstand es erst, als ich einen Tag vor der Olympiade mit einem der Freiwilligen der Schule darüber redete.

„Es gibt zwei Arten von Judges (Schiedsrichter). Die Main-Judges. Das sind die, die die sportliche Seite übernehmen. Heißt, sie müssen alles ausmessen, was die Kinder werfen, springen, oder rennen und achten dabei wie gut sie die Technik anwenden. Die besten Kinder bekommen eine Medaille. Soweit nichts Neues. Das Prinzip ist überall geläufig.

Dann gibt es die Grace-Judges. Die schauen auf den Menschen und gucken wie viel Motivation und Ehrgeiz in ihnen steckt. Vielleicht motivieren sie andere, geben beim 100 Meterlauf alles, schaffen es aber trotzdem nicht unter die ersten drei. Diese besonderen Kinder, bekommen dann ein Grace von dir. Und dir vertraue ich in der Hinsicht am meisten, dass du die richtigen Kinder auswählst.“

Ich wurde zu einer Gruppe Fünftklässler geführt, die sich gerade am Speerwerfen versuchten. Ein Junge, namens Daksh, nahm den Speer in die Hand, holte aus und warf. Er übertraf alle anderen, lächelte nicht einmal, weil er sowieso wusste, dass er weit werfen würde. Es war für ihn einfach selbstverständlich, dass er weit werfen würde. Dann kam ein Junge, der genau auf seine Technik achtete, drei Mal neu ansetzte, weil er wusste, dass er etwas falsch machte. Er warf, aber Speer kam nicht mit der Spitze auf. Darüber schien er sichtlich angefressen zu sein und schaute fragend zu Moritz, dem Freiwilligen hinüber.

„Genau so ein Verhalten meine ich“, sagte Moritz. „Daksh wird sowieso alles gewinnen, dieser jedoch nicht, obwohl er es unbedingt will. Für diese Einstellung verdient er eine Belohnung.“

Anfangs noch fand ich es sehr merkwürdig Menschen aufgrund ihres Charakters auszuwählen, wurde mir doch immer beigebracht nicht über Menschen zu urteilen. Sportlicher Erfolg ist fair und ehrlich erkämpft, doch je länger ich darüber nachdachte, so sinnvoller wurde meine Aufgabe. Beim Sportunterricht in der Schule war es immer schon so, dass die die besten Noten bekamen, die sportlich waren. Der Rest hatte Pech, auch wenn viele alles gaben, um nur eine drei zu bekommen.

So bin ich guter Dinge, aufgrund dessen möglicherweise Kinder glücklich zu machen, die es sonst niemals packen würden, als ich am Tag der Olympiade, nach meinem Käse-Fauxpas, auf die anderen Freiwilligen treffe, die auch alle Grace Judges sein werden. Ich werde in den kommenden Absätzen übrigens lieber auf das englische Wort zurückgreifen, da „Gnadenrichter“, doch etwas hart klingt.

„Grace“ heißt zwar ganz wörtlich übersetzt, so viel wie Gnade (oder auch Anmut, Grazie, Anstand, etc..), aber ich habe es für mich immer als Barmherzigkeit, oder Mitgefühl übersetzt. Das klingt auch besser. Richter des Mitgefühls und der Barmherzigkeit.

Wir unterhalten uns über die anstehende Aufgabe und anscheinend ist immer noch nicht ganz klar, was wir jetzt genau werten sollen.

„Also ich dachte, wir müssten die Kinder auswählen, die besonders viel und schön lächeln“, gesteht Stella.

„Eigentlich kann man ja schon denen ein Grace geben, die etwas dicker sind, oder? Nichts gegen Dicke, aber im Schulsport hängen die meistens hinterher“, fragt sich Nils.

„Ich glaube, es ist eine Sache aus allem“ versuche ich es. „Sie müssen sich anstrengen, freundlich sein und…möglicherweise nicht die besten körperlichen Voraussetzungen eines Leistungssportlers haben.“

Nachdem das also geklärt ist, kommt plötzlich der Sportlehrer der Schule vorbei und gibt uns einen Zettel in die Hand: „So, das ist euer richterlicher Schwur. Lernt den auswendig!“

„Bitte was?“ entfährt es der gesamten Freiwilligen-Crew. Damit haben wir gerechnet.

„I pledge to uphold the integrity, respect and honor of these games and abide by the rules that govern them. I pledge to judge each game impartially and live up to the true spirit of sportsmanship”, lese ich vor.

“Oh nein!” Mir wird Angst und Bange bei der Vorstellung diesen Schwur möglicherweise vor gesamten Publikum aufzusagen. Mittlerweile hat sich der Sportplatz gefüllt mit mehr als 200 Fünftklässlern aus mindestens 10 Schulen, dazugehörigen Elternpaaren und Lehrern und mit umherwuselnden Abhaya-Schülern, die allen frische Getränke anbieten.

Wir ziehen uns in unsere Schiedsrichter-Hütte zurück und büffeln. Ich habe die Worte schnell auswendig gelernt und so erfahre ich nebenbei, dass die Schüler in griechische Städte, oder Provinzen eingeteilt werden.

Es gibt Sparta, Athen, Ithaka, Megara, Theben und Kreta. In jeder Stadt sind ungefähr 47 Kinder aus vier bis fünf Schulen, die über zwei Tage hinweg, jeweils die Disziplin Speerwerfen, Diskuswerfen, Weitsprung, 100 Meter Lauf und Staffellauf absolvieren müssen. Ich habe mich dem Speerwerfen verschrieben und werde dort Athen, Kreta und Sparta bewerten. Lion, als anderer Speerwerf-Grace Judge, übernimmt den Rest.

Uns wird gesagt, dass wir aus jeder Stadt lediglich drei Kinder, möglichst noch aus unterschiedlichen Schulen, auswählen sollen. So gibt es insgesamt 18 Grace-Kinder, die beim Speerwerfen weitergekommen sind und aus diesen 18 sollen Lion und ich vier aussuchen, die im Endeffekt gewinnen. Dabei sollen es möglichst zwei Jungs und zwei Mädchen sein.

„Uff“ ich atme tief ein. „Das schaffen wir doch niemals!“

„Schiedsrichter antreten!“ hallt es aus einem riesigen Lautsprecher neben den Sitzbänken.

Oh, oh. Mir schwant übles. Ich sehe, wie einige Main-Judges losmarschieren. Direkt vor den applaudierenden Pulk aus Kindern, Eltern und Lehrern.

Wir werden mitgezogen und je näher wir kommen, desto mehr Kameras sehe ich auf uns gerichtet.

Alle blicken sie gespannt auf uns, die Schiedsrichter. Die Menschen, die die Spiele eröffnen sollen. Wohlmöglich jeder einzeln mit seinen auswendig gelernten Schwur..

„Hilfe…“

Fortsetzung folgt.

Wirksam sein

“Das kann doch nicht sein! Wo ist mein Schuh? Gayathri? Leo? Bonjibabu?“ fragt Merlin aufgebracht in die Runde. Kein Wunder, dass er nicht besonders angetan ist von der momentanen Situation. Gerade eben hat er seine Schuhe ausgezogen, um in Bonjibabus Haus etwas zu holen und kaum tritt er wieder ins Freie ist einer seiner Schuhe weg und alle Umstehenden scheinen sich irgendwie ins Fäustchen zu lachen.

 

„Keine Ahnung wovon du redest!“ gestehe ich ihm im ersten Tonfall.

 

„Ich wars auch nicht!“ sagt Gayathri, muss aber dabei herzhaft lachen.

 

„Das ist nicht lustig!“ wütet Merlin, als er noch fünf Minuten des Suchens seinen Schuh immer noch nicht gefunden hat.

 

„Vielleicht war´s ja ein Hund, oder eine verspielte Ziege..“, meine ich.

Wir sind schon fast auf dem Rückweg zur Community Halle, wohlmerkt mit nur einem Schuh, als plötzlich ein älterer Dörfer wild gestikulierend auf mich zeigt und herzhaft lacht.

 

„Was will er denn?“ fragt Merlin.

„Öhh, keine Ahnung,“ versuche ich das Unschuldslamm zu mimen und schüttle in Richtung des Mannes, nur dass er es sehen kann, den Kopf. Mein Pokerface bleibt standhaft,  mein Puls jedoch steigt und der Schweiß läuft mir langsam die Schläfe hinunter. Der Mann lacht jedoch noch mehr, auf meine Geste zurückgreifend und zeigt auf den einen Schuh von Merlin.

„Will er sagen, dass du den Schuh geklaut hast?“

„Vielleicht hat er irgendetwas an mir gesehen, was mich verdächtig macht, aber ich war´s nicht!“

 

Der Mann geht lachend weiter, deutet aber nochmals in meine Richtung und sagt irgendwas, was wohl nur anderen verstehen mögen, die daraufhin mich angucken, aber nichts sagen.

„Lass uns gehen, hier finden wir den Schuh nicht“, sage ich hastig und ziehe Merlin mit mir.

„Der Schuh war teuer!“ schimpft er. „Das werden alle noch bereuen!“

 

In Wahrheit, war es tatsächlich ich, der sich einen Spaß daraus gemacht hatte, Merlins Schuh zu entführen. Als er Bonjibabus Haus ging, schnappte ich mir den Schuh und rannte den Weg zur Community Halle hoch, um ihn dort zu verstecken. Auf halben Wege, kam mir der ältere Mann entgegen, der mir irritiert hinterher sah, wie ich mit einem Schuh in der Hand, erst in die eine Richtung rannte und schließlich ohne Schuh wieder zurückkam.

Als dann Stimmen laut wurden und alle nach Merlins Treter suchten, wusste er, was passiert war.

Merlin würde seinen Schuh wenig später wiederfinden, doch sollte er erst anderthalb Tage später erfahren, dass ich damals zu Scherzen aufgelegt war. Traf ich, in dieser Zwischenzeit den älteren Herren, so lachte er nur und klopfte mir anerkennend auf die Schulter. In Dallapalli schien man diese Art von Heimtücke lustig zu finden….

 

 

Auch jetzt noch, Merlin ist bereits wieder in Deutschland und die Mädels begleiten mich dieses Mal auf meiner Reise, begegne ich diesem Mann immer wieder und immer wieder freut er sich über meine Anwesenheit.

„Namaskaram!“ ruft er, als er mich eines Tages wieder sieht und hebt die flache Hand zur Stirn zum Gruße.

„Namaskaram!“ rufe ich zurück.

„Thank you!“ sagt er und schüttelt mir kräftig die Hand. Ich weiß nicht wofür er sich bedankt, bin aber trotzdem gerührt von der Tatsache, dass er eben etwas englisch gesprochen hat. Das konnte er vorher nicht. Ich freue mich wie ein Honigkuchenpferd, dass er diese Wörter mittlerweile kann und rufe ich ihm „You´re welcome“, hinterher. Es macht so Spaß zu sehen, wie die Bewohner des kleinen Örtchens langsam auftauen.

Wenig später, ich sitze auf dem Dach eines Gebäudes, er kommt dazu und ich frage ihn nach seinem Namen.

„Ram!“ sagt er fröhlich.

„Hallo Ram“, entgegne ich. Für mich ist dieser ältere Mann wie eine Freund geworden, auch wenn wir kaum miteinander sprechen können, doch Kommunikation kann, wie auch in diesem Fall, etwas anders laufen. Man muss nur zu scherzen wissen.

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Oder man muss einfach zur rechten Zeit am rechten Ort sein. Wenn gerade keine größere Aufgabe ansteht, laufe ich durchs Dorf, sehe den Kindern beim Spielen zu und verstehe nach und nach worum es geht, bin aber längst nicht so vertraut mit den schwierigen Spielregeln, wie Toni, die prompt beginnt mitzuspielen. Die Kinder freuen sich riesig darüber, kichern ausgelassen macht sie etwas falsch, versuchen aber irgendwie, mit Hand und Fuß zu erklären, wie sie es besser machen könnte.

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Zwischenzeitlich beobachte ich die Tiere, die, wenn sie nicht von den Dörflern beansprucht werden, verrückte Dinge machen. Wie der junge Hund beispielsweise, der sich eine ältere Ziege als Spielgefährte auserkoren hat. Vorsichtig schleicht er sich heran, sieht das Seil an dem die Ziege festgebunden ist und versucht auf der Stelle an diesem zu ziehen. Leider spielt die Ziege nicht mit, da sie am liebsten in der Sonne dösen will. Das merkt irgendwann auch der Hund, der das Seil loslässt und beginnt am Spielverderber zu schnüffeln. Da macht die Ziege mit, schaut aber nach einiger Zeit sehr verdrießlich zu mir herüber, sehr nach dem Motto: „Erlöse mich.“

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Die Arbeit in Dallapalli ist, durch das Erntedankfest stillgelegt worden, die Jugend spielt von morgens bis abends Volleyball, doch nach und nach, wird den Bewohnern des Dorfes langweilig und sie beginnen zaghaft mit kleineren Aufgaben. Ich sehe zu, wie drei Leute mit einer riesigen Säge einen gefällten Baum zersägen und Schritt für Schritt dünne Bretter daraus machen. Harte Knochenarbeit, aber für sie ist es besser, als nur herum zu sitzen. Und dabei wirken sie glücklich und machen allerlei Scherze.

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Zu Scherzen aufgelegt sind wir aber spätestens dann nicht mehr, als wir ein fremdes Auto nahe des Eingangstores ausfindig machen. Touristen. Fast schon hätte ich sie vergessen, aufgrund der schönen Nebenaufgaben in Dallapalli. Die letzten Tage schien kaum jemand Fremdes vorbei gekommen zu sein, doch nun sind sie wieder da und klettern, über das verschlossene Eingangstor.

Wir hasten ihnen hinterher und siehe da: Sie haben Alkohol und Snacks dabei. Typische Party-Touristen. Obwohl, ganz so typisch sind sie nicht. Sie sind nur zu viert, noch halbwegs nüchtern und laden mich nicht dazu ein mitzufeiern. Auch scheinen sie recht vernünftig zu sein, denn als Toni sie praktisch auffordert ihren Müll, nach ihrer Feier, aufzuheben und mitzunehmen, antworten diese gehörig mit: „Ja, Ma´am! Danke für den Hinweis.“

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Vielmehr klingt es jedoch ganz nach meinem „Natürlich“, wenn mir meine Mutter gerade befohlen hat mein Zimmer aufzuräumen, ich jedoch nicht ganz zugehört habe und erst Tage später mit der Säuberung beginne.

Wir setzen uns neben die Städter, die alle, außer einer, aus Visakhapatnam, der Großstadt 100 Kilometer entfernt, hergekommen sind und beobachten die atemberaubende Landschaft, über die ich nach wie vor staunen muss. Ich blicke den tief abfallenden Abhang hinunter und kann mir kaum noch vorstellen, wie ich bei meinem ersten Trip dort unten entlanggeklettert bin, um Fotos von allerlei Pflanzen zu machen. Es scheint Ewigkeiten her zu sein.

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Plötzlich kommt Skrollan ein berechtigter Gedanke. Die Touristen sind mit dem Auto hergekommen und irgendwie müssen sie ja wieder zurück. Tun sie das betrunken? Über die Straße mit nur einer Fahrspur, ohne Geländer, reichlich Kurven, keiner Geschwindigkeitsbegrenzung und einigem Gegenverkehr? Ja, tun sie, jedoch trinkt der Fahrer nur ein Bier, wie ich herausbekomme.

Da sind wir aber beruhigt.

Irgendwann kommt Bonjibabu dazu. Normalerweise grinst er wie verrückt und dieses Grinsen verursacht bei allen Anwesenden sofort gute Laune, doch nun ist sein Gesicht ernst. Er verlangt, dass die Touristen sofort das Gelände verlassen sollten, oder er würde die Polizei rufen.

Zu viert versuchen die Männer ihm jedoch klar zu machen, dass sie ja auch Ureinwohner dieser Gegend sein würden, was keiner ihnen jedoch abkauft. Es beginnt eine kleine wortreiche Auseinandersetzung bei der ich nur zu gern verstanden hätte worum es geht.

Am Ende schafft es Bonji sie zum Gehen zu bewegen, sie klettern über das Tor, laden ihr Essen wieder ins Auto und fahren griesgrämig davon.

Wir haben gesiegt! Tatsächlich fühlt es sich wie ein kleiner Erfolg an, das Auto immer kleiner werden zu sehen, bis es am Horizont verschwindet.

„Normal reden bringt nichts mehr. Sie sind erst gegangen, als wir wütend geworden sind. Wir müssen kämpfen! Kameras aufstellen. Alarmanlagen installieren. Mehr Plakate gegen den Tourismus aufstellen.“ meint Gayathri entschlossen.

Ich bin da nicht so sicher. Irgendwas hält mich davon ab, das Wort „kämpfen“ zu akzeptieren. Vielleicht weil es sich so endgültig anhört, so als ob man den Tourismus ausmerzen würde wollen, so als ob alle Probleme des Dorfes nur deswegen existieren würden. Und das stimmt nicht. Es ist längst keine Situation mehr, die nur aus schwarz und weiß besteht und mittlerweile scheint es so zu sein, als würde das Grundproblem, der Müll, nicht mehr Thema sein. Für die Dörfler ist das unbefugte Betreten verschlossener Gebiete und das Trunkensein das Problem. Für unsere Organisation ist es das auch, aber irgendwie hat sie den Müll vergessen. Die Abfalltüten von der letzten Sammelaktion stehen immer noch dort, wo sie abgeladen wurden, obwohl sie eigentlich abtransportiert werden sollten.

Hier stellt sich wieder einmal die Frage, was die Dörfler wollen. Für uns ist die Situation scheinbar klar. Der Müll muss weg und der Tourismus muss anders laufen. Doch steht es uns nicht zu unsere Meinung dem Dorf aufzwingen, wenn dieses es eigentlich gar nicht will, oder überhaupt nicht daran denkt. Drum können wir den einzelnen Leuten keinen Vorwurf machen, wenn im Dorf sich der Abfall stapelt. Uns fällt es als Schönheitsfehler auf. Die Menschen kennen es jedoch nicht anders und sind vom Bewusstsein da, wo wir Deutsche das Problem mit dem Plastik auch noch nicht erkannt haben.

Und hinzu kommt noch ein anderes Problem. Das Alkohol- und Rauchverbot in den Städten. Alkohol trinken und rauchen ist nahezu verpönt und in jedem Kino wird ein „Rauchen, oder Trinken tötet – Schriftzug“ eingeblendet, wenn irgendjemand im Film beginnt eine Zigarette, oder ein Bier auszupacken. Es gibt kleine Liquid-Shops an den Straßen, wo sich manche Männer verstohlen ein Bier kaufen und es dort sofort trinken. Natürlich ist es dann schöner in die freie Natur hinauszufahren und im Angesicht gewaltiger Steinriesen ungestört zu trinken. Das kann ich irgendwie auch verstehen.

Natürlich ist das keine Entschuldigung für dessen Verhalten gegenüber den Dörflern, aber in der ganzen Angelegenheit spielen schlichtweg viel zu viele Probleme in unser Problem hinein, die ich schon oft beschrieben habe.

Es ist keine einfache Aufgabe und wer weiß, was wir am Ende des Jahres erreichen konnten. Arbeiteten wir in einer Schule wäre der Erfolg deutlich sichtbarer, man sähe, dass die Kinder etwas von einem gelernt hätten, doch wir beschäftigen uns schlichtweg mit den größten, indischen Problemen überhaupt, wo bereits viele andere versuchen eine Lösung zu finden. Schon oft haben wir eingesehen, dass wir nur der Tropfen auf dem heißen Stein sind, aber okay, dann sind wir das eben. Für mich ist dieses Freiwilligenjahr der heiße Stein auf dem der Tropfen verglüht. Die Erfahrung zu klein für ein Problem zu sein und nicht alles bewältigen zu können ist auch eine wichtige Erfahrung. Vielmehr ist es dann für mich wichtig Schritte zu machen, die auch schwer sind, aber für mich persönlich lösbar.

So ist es schon ein großer Erfolg mit Ram, dem älteren Herren aus Dallapalli, lachen zu können. Das konnte ich vorher nicht und so ist dies auch schon ein Schritt, von dem ich anfangs nicht glaubte ihn zu schaffen. Ich habe etwas bewirkt, was uns beide weiterhelfen kann. Er hat begonnen ein englisches Wort zu lernen, weil ich irgendwie auf ihn gewirkt habe.

Klar, ich werde weiterhin mit Gayathri und den anderen „kämpfen“, ich will den Menschen ein klareres Bewusstsein zum Thema Müll geben, vielleicht schaffen wir das bei manchen auch, aber ich weiß ganz genau, dass ich nicht alle erreichen werde. Das schmälert jedoch keineswegs meine ganz eigene Wirksamkeit des Freiwilligendienstes. Täte es das und ich würde nur darauf abzielen das große Problem zu lösen und nicht die Kleinen, würde ich am Ende des Jahres auf eine Zeit zurückblicken, die nahezu erfolglos war.

So jedoch bin ich total glücklich, als ich nach der Aktion mit den Touristen auf einem Hausdach sitze und die Sonne langsam beginnt in gleißenden Rottönen unterzugehen. Ein Kind läuft vorbei, es war sowohl beim Krabbenjagen als auch bei der Müllsammelaktion dabei,  sieht mich, grinst und ruft: „Hiiii Leo!!!“

Ich grüße zurück. Da habe ich vielleicht auf jemanden gewirkt….

 

 

Neue alte Welt

„Du doofer Türbalken!“ schimpfe ich. „Das ist jetzt schon das sechste Mal, dass ich mich an dir stoße!

Statt der großen weitläufigen Communitiy-Halle wurde in Dallapalli ein kleines süßes Dhaatri-Häusschen mitten im Dorf extra für uns bereitgestellt und eben jenes hat die typischen Maße eines jeden Hauses hier in der Gegend. Es ist sehr klein.  So ist es, nach anderthalb Tagen des Wohnens, immer noch Gang und Gebe, dass ich, als ohnehin schon nicht riesige Person mir trotzdem am oberen Türbalken den Kopf stoße. Als Einziger.

„In irgendeiner indischen Mythologie gibt es den Urglaube, dass der obere Türbalken eine Art Gott ist, den man unter keinen Umständen berühren dürfe“, berichtet Gayathi, als sie bemerkt, dass ich mir schmerzerfüllt den Kopf halte.

„Hmm, dann werden dieser Gott und ich wohl nie Freunde werden“, kichere ich.

 

Mein eigentlicher Grund um überhaupt aus dem Haus zu gehen sind viele, beschäftigt klingende Stimmen an der Zufahrtstraße. Es scheint was los zu sein und wenn in Dallapalli was los ist, dann ist es definitiv sehenswert.  Und so ist es auch. Als ich ins Freie trete und mich eine wohlige Morgenwärme umfasst, erblicke ich viele mir fremde Personen. Ich komme näher und erspähe im Gewirr der Menschen eine große Balkenwaage aus Holz. Dicke, schwere Säcke werden heran geschafft und auf eine der beiden Waagschalen geworfen, bis diese Seite schwerer ist, als die, die mit Gewichten beladen ist.

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„Es wird gehandelt,“ stelle ich fest, als ich sehe wie Geld von der einen in die andere Hand geht.

„Hey, Siranji!“ ich habe meinem Freund aus dem Dorf im Geschehen entdeckt. „Was passiert hier?“

Er erzählt mir in schweren englischen Sätzen, dass die Menschen aus Dallapalli Bohnen und Heilkräuter an die Menschen aus der Stadt verkaufen.

„Jeder 50kg Sack, 2500 Rupien!“ lächelt er stolz. „Die Heilkräuter kosten 3000.“

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„Wow!“ gebe ich zu. Damit hätte ich nicht gerechnet. Vor nicht allzu langer Zeit glaubte ich noch, dass das Dorf ganz autark, jenseits vom Handel mit anderen Dörfern leben würde und die Menschen praktisch nur für ihr Dorf und dessen Überleben arbeiteten. Und jetzt tragen sie Sack für Sack aus ihrem Reservoir heraus übergeben diese den etwas komisch wirkenden Händlern aus der Stadt.

Nebenan spielt die Jugend Volleyball. Unter normalen Umständen wird Volleyball nur am Abend, nach der harten Arbeit gespielt, aber momentan haben die Menschen hier so etwas wie Ferien, aufgrund ihres Erntedankfestes. Ich finde es sehr beeindruckend, dass viele sich nicht einfach auf die faule Haut legen und mal entspannen, nein, auch in ihrer Freizeit, heißt es Sporttreiben. Auch wenn, zehn Meter weiter, gerade das große Geld von Hand zu Hand wandert.

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Sowieso ist das kleine Bergdorf gerade in ganz verschiedene Handlungsstränge gespalten. Hier wird gehandelt, dort wird Volleyball gespielt und an einem ganz anderen, zu dem ich jetzt berufen werde, werden traditionelle Ureinwohner-Lieder gesungen. Ich soll die singenden Dörfler filmen, die teilweise etwas angetrunken und dadurch sehr lustig drauf sind. Manche rauchen auch dicke Zigarren, wo ich mich des Öfteren frage, ob sie wirklich nur Tabak und nicht etwa Ganja (das indische Marihuana) vor sich hin schmauchen.

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Ich stelle meine Kamera in Position und vier Adivasi-Frauen beginnen, wohl etwas benebelt, zu singen. Ein lustiger, torkelnder Mann, der immer, wenn er mich sieht die „Namaste-Geste“ macht, gesellt sich dazu und zu fünft singen sie lallend, ganz zum Spaße der um mich herum stehenden Dörfler, die laut auflachen, zeige ich ihnen meine gemachten Fotos und Videos, ihre alten Lieder.  Alle möglichen Altersgruppen, alle Generationen stehen um mich herum und irgendwie berührt mich das sehr, dass ich mittendrin, bei ihnen bin. Wir sprechen nicht dieselbe Sprache, kommen aus komplett unterschiedlichen Lebensphilosophien, aber trotzdem können wir gemeinsam lachen. Das ist wirklich schön. Zum ersten Mal glaube ich, dass auch die alten Menschen wirklich interessiert an mir sind. Davor schienen ihre Blicke mir gegenüber doch etwas skeptisch zu sein.

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Zwei weitere Männer beginnen zu tanzen, eine ältere Dame geht rum und drückt jedem wieder Reis auf die Stirn, will sogar meiner Kamera etwas geben, aber da muss ich leider, ganz zum Wohle meines Lieblingsgeräts, einlenken und bekomme dafür etwas mehr

Irgendwann ist bei mir die Luft raus, ich stehe seit einer Stunde da und filme die singenden Menschen, die mittlerweile auch eher brabbeln, statt singen. So fahre ich mein Stativ ein, zeige letzte Bilder und mache eine kleine Exkursion durch das Dorf. Und wie sehr freue ich mich, als ich plötzlich auf zwei junge Hunde stoße. Beim letzten Mal waren sie deutlich kleiner und tapsiger und noch zu sechst, doch ich kichere vergnügt, als die beiden mich tatsächlich wieder erkennen und sich an mich schmusen. Die bitterkalten Nächte haben ihren Tribut gefordert, keine Frage, aber diese beiden haben diesen getrotzt. Beim letzten Trip glaubten Merlin und ich noch, dass alle Welpen in kürzester Zeit sterben würden, besonders deswegen weil die Mutter die Kinder aufgegeben hatte und diese dementsprechend keine Nahrung bekamen.

Doch diese beiden sehen gestärkt und gut gelaunt aus und rekeln sich genüsslich in der Morgensonne.

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Im nächsten Moment heißt es für mich schon zur nächsten Aktion zu hechten. Die Kinder Dallapallis stehen bereit. Sie wollen mit uns auf Krabbenjagd gehen. Erneut bin ich der Kameramann, sehe aber schnell ein, dass es doof ist, mit Kamera und Stativ den Kindern hinterherzurennen. Ich komme mir vor wie ein alter, gebrechlicher Mann, der versucht eine Katze zu fangen. Wie Bergziegen klettern die Kinder den Berg hinauf, finden klare Rinnsale eines kleinen Flusses und waten durch sie hindurch.

Ich bin da weniger gelenk, stapfe schweren Schrittes durchs Wasser, brauche Ewigkeiten, um auf kleine Vorsprünge zu klettern, immer darauf bedacht meine Kamera nicht fallen zu lassen und erreiche erst spät den eigentlichen Ort des Geschehens. Die Kinder heben Steine im Wasser hoch, fassen neugierig darunter in der Hoffnung eine Krabbe dort zu finden. Sie wissen genau, wie man das macht, graben am Grund des Wassers und finden tatsächlich einige der kleinen, bepanzerten Tierchen, die sie in Bananenblätter wickeln. Toni und Skrollan jagen ganz eifrig mit, ja es wirkt gar so als hätten sie ein neues Hobby gefunden.

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Direkt neben der Krabbenjagd-Gesellschaft grasen ein paar Kühe und schauen geradezu belustigt und wiederkäuend auf das muntere Völkchen im Wasser herab, dass laut aufjubelt findet jemand eine weitere Krabbe.

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Es geht über Stock und Stein, durch Wasser und Matsch, an arbeitenden Frauen in Reisfeldern vorbei und…huch…was ist denn das?! Am Wegesrand sitzen einige Frauen, sie haben einen kleinen Altar aufgebaut und murmeln spirituelle Verse. Es riecht nach Räucherstäbchen und Kokosnüssen und die Frauen schwanken rhythmisch hin und her.

 

„Einer Frau geht´s nicht so gut. Sie ist krank und jetzt versucht man ihr die Krankheit auszureden“, sagt Gayathri.

 

Wahnsinnig spannend. Ich hocke mich zu den Frauen, merke, wie vertieft und leidenschaftlich sie vor sich her summen. Vielleicht klappt das ja tatsächlich und der Frau geht es bald wieder besser. So interessant ich diese Prozedur auch finde, die Kinder kennen das bereits und wollen weiter.

Wir finden eine tiefe Quelle, dort kann man nicht hineinwaten, doch auch darauf sind die kleinen Racker vorbereitet. Sie haben einen breiten sehr dünnen Stoff dabei, den sie auf der Wasseroberfläche ausbreiten und ihn langsam sinken lassen.

„Ein Netz!“ begreife ich. Als sie es wieder anheben, zappelt ein winzig kleiner wurmähnlicher Fisch auf dem Stoff, den einige der Kinder entschlossen in die Hand nehmen und in eine, mit Wasser gefüllte, Plastikverpackung legen. Am Ende des Tages haben sie mehr als 10 solcher kleinen Fische gefangen!

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Ich bin fasziniert. Schon von klein auf lernen die Kinder, wie man überlebt und es macht ihnen sichtlich Spaß. Jeder Junge, jedes Mädchen freut sich wie Bolle, findet er/sie tatsächlich einen Fisch, oder eine Krabbe. Schon bei der Müllsammel-Aktion waren alle motiviert und voll dabei. Genauso wie dieses Mal. Sie kennen ihr Dorf, ihr Land, behandeln es gut und wissen es zu schätzen, was es ihnen gibt und scheinen einfach glücklich. Es gibt so viel Wissen in diesen Bergen, wovon ich, als Städter noch nicht weiß. Man kann nicht sagen, dass das Leben hier einfacher ist. Es ist vielmehr etwas zielstrebiger. Die Menschen verfolgen ein klares Ziel, haben klare Vorstellungen von ihrer Umgebung und sich selbst, was in der Stadt deutlich schwieriger ist. Dort ist das Meiste irgendwie verschachtelt, es gibt zu viele Wege, die einem offenstehen und so kommt einmal wieder, bei einem Gespräch zwischen uns Freiwilligen das Thema auf, wie es wohl sein mag sein Leben, wie es bisher gewesen ist, umzukrempeln und fortan hier zu leben.

Romantische Vorstellung. Einfach auszubrechen. Die Mädels sind sich einig, dass sie es könnten. Ich bin mir da nicht so sicher. Trotz der Kompliziertheit meines Lebens würde ich dieses nicht aufgeben, jedoch es wäre schade diese Zeit im Dorf zu missen. Insbesondere dann, wenn man diese alte Welt gerade erst verstehen neu lernt….

Dallapalli tanzt

Ich sitze alleine im Zug. Draußen ist es bereits dunkel, der kalte Fahrwind wirbelt um mich herum, sodass ich fröstle. Das Licht von der Decke flackert, wie in einem dieser typischen Horrorfilme, so als ob es gleich völlig erlischt. Ich blicke mich um und sehe Menschen, die essen, schlafen, oder so aussehen, als würden sie gerade über die größten Fragen der Menschheitsgeschichte nachdenken.

Gerade dieses Beobachten der Menschen und ihrer Eigenarten, so scheint es, habe ich in den letzten Monaten irgendwie verlernt. So war ich ständig darauf bedacht wegzuschauen, um zu verhindern, dass ich als weiße Person, zu oft angestarrt zu werde. Ganz in der Hoffnung in die Anonymität der Stadt überzugehen.

Ich sehe eine Mutter mit ihrem kleinen Kind auf einer dünnen Pritsche liegen. Beide haben kaum Platz und trotzdem sieht es so aus, als ob sie in ihrer Zweieinigkeit komplett glücklich wären.

Schaut man den Gang entlang, so sieht man nackte Füße, die über die Pritschen hinausragen. Sie beugen sich der Bewegung des Zuges und schwanken mal dorthin und mal dahin. Ich muss gestehen, dass wohl all diese Füße sauberer sind als meine, die müffelnd in Schuh und Strumpf verpackt sind.

Es geht einmal wieder nach Dallapalli, dem kleinen beschaulichen Bergdorf, tief im Gebirge der Andhra Hills. Für mich ist jeder Trip dorthin etwas Besonderes, so ruhig und fantastisch, diese Ortschaft in Bergen liegt. Dieses Mal sind wir zu dritt. Skrollan, Toni und Ich. Ich habe die Aufgabe mit den Kindern Aktionen, wie Krabben jagen, zu starten, das zu filmen und letztendlich auf YouTube zu stellen. Um zu zeigen, dass die Dörfler sehr gut alleine zurechtkommen und es der Hilfe der Städter, gar der nervigen Touristen, gar nicht bedarf, Dalllapalli am Leben zu erhalten. Ob ich das schaffe, weiß ich noch nicht. Skrollan und Toni, sollen hingegen mit der Jugend Binden nähen und möglichst kreativ mit allen möglichen vorhandenen Dingen basteln. Dies dient vor allem dazu diese Dinge im Nachhinein in Hyderabad zu verkaufen. Sozusagen als Methode Spenden für unsere kleine, arme NGO zu sammeln.

Da bin ich raus. Basteln konnte ich noch nie gut. Ich kann höchstens davon Fotos machen.  Wie immer sind die Aufgaben im Grunde nichts anderes als Vorgaben. Schlussendlich kommt es meist doch etwas anders als gedacht.

Ich darf direkt am Fenster schlafen, das nicht komplett verschließbar ist, sodass es die ganze Nacht über zieht und ich sehr verfroren in Visakhapatnam in den Bus steige. Neben mir sitzt/steht mein stets treuster Begleiter auf meinen Reisen. Mein Freund und Helfer. Mein Felsen in der Brandung. Meiner großer Rucksack, der selbstverständlich einen eigenen Sitz braucht. Dieses Mal binde ich ihn nirgendwo fest. Aus den Konsequenzen der letzten Reise habe ich gelernt. 🙂

Den ganzen Weg über schlafe ich, was meines jetzigen Erachtens nach zutiefst beeindruckend ist, schaffe ich das auf der Rückfahrt nicht. Denn da brettert der Bus über jede Bodenwelle und rast, wie verrückt, sodass einem flau im Magen wird.

Sechs Kilometer vor Dallapalli steigen wir aus. Dorthin fährt kein normaler Linienbus.

Und hier sei mal ein ganz besonderes Verkehrsschild am Scheideweg zwischen Dallapalli und der Straße, hervorgehoben, das im Grunde zu den ganzen Problemen im Dorf, wie beispielsweise den Party-Tourismus, beiträgt. Sonst kam mir dieses Schild wie eine Kleinigkeit vor, doch mittlerweile bekommt es immer mehr Bedeutung.

Dort steht in großen Lettern: DALLAPALLI – Tourism Place – Experience and chill.

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Angebracht wurde diese Tafel von Andhra Pradesh Tourism Department und lädt praktisch dazu ein, doch in diesem „Dallapalli“ abzuhängen.

Problem nur: Es gibt keinen solchen Platz rund um Dallapalli. Die Touristen haben sich ihn selbst erschaffen, ganz zum Leidwesen der Dorfbewohner. Oft haben wir schon mit den Gedanken gespielt, diese Lüge, dort am Straßenrand einfach abzureißen. Was dann jedoch als Reaktion folgen würde, wissen wir nicht.

Der einzige Möglichkeit nach Dallapalli zu kommen, wenn man schwer mit Rucksäcken beladen ist, ist per Riksha. Problem. Das Dorf hat nur eines dieser Vehikel, weshalb man oft Stunden warten muss, bis dieses eine kommt und dann ist immer noch nicht gewiss, ob es dann auch wieder zurückfährt. Klar, könnte man laufen, jedoch geht der Weg ein einziges Auf und Ab. Mit schweren Rucksäcken, würde man mehr als drei Stunden brauchen…

Beim letzten Trip mussten  wir sage und schreibe zweieinhalb Stunden in Dallapalli warten, ehe die Riksha wieder nach unten fuhr. Und das, obwohl vorher ein genauer Zeitpunkt notiert wurde. Doch an Zeiten hält sich hier kaum jemand. In Indien habe ich wahrlich das Warten gelernt. 😀

So vegetieren wir tatsächlich wieder mehr zwei Stunden dahin, ehe eine Mitfahrgelegenheit erscheint und jetzt hätte ich am liebsten die standartmäßige Geschichte erzählt: Wir erreichen Dallapalli, alles ist ruhig, man hört nur die Geräusche der muhenden Kühe, surrender Libellen und spielender Kinder. Wir lassen uns nieder und staunen einmal wieder über die Erhabenheit der Bergriesen die Dallapalli einschließen.

Doch denkste!

500 Meter vor dem Dorf hören wir Trommeln und Gesang. Es hallt geradezu dem Berg hinunter, so als ob alle Bergbewohner Bescheid wissen sollen, dass hier die Post abgeht. Dem ist auch so.

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Seit zwei Tagen feiern die Bewohner des Ortes eine Art Erntedankfest. Die kräftezehrende Ernte der letzten Monate ist vorbei, die Speicher sind voll und bald wird man wieder mit dem Sähen beginnen, doch dazwischen wird erst einmal ordentlich gefeiert! Eine Art offenes Zelt, bestehend aus Ästen wurde errichtet, wo in der Mitte ein kleiner Altar, umringt von Räucherstäbchen, steht. Darum herum tanzt alles, im Rhythmus der gewaltigen Trommelschläge. Aus einem riesigen trichterförmigen Lautsprecher, der in die Weite gerichtet ist, dröhnt laute Bollywood-Musik. Wir gesellen uns dazu und sofort will eine besonders euphorische Ureinwohner-Frau uns in ihren Tanz integrieren, doch vorerst sind wir doch etwas perplex über die Gesamtsituation. Immer mehr Menschen strömen heran, Leute, die ich bisher noch gar nicht kannte und scharen sich um den Schrein, in dem mittlerweile eine Kerze brennt und ein Mann in weißen Gewändern und weißem Turban sitzt und sinnend hin und her schwankt. Alle Anwesenden bekommen nassen Reis auf den Stirn gedrückt.

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Ich will auch und tatsächlich freut sich die fröhlich grinsende Reis-Verteilerin über mein Anliegen und drückt mir auch etwas von ihren Gaben auf die Stirn. Einer der Ältesten beginnt nun immer wieder das Gleiche vor sich hin zu brabbeln, als ob er gleich eine Art Drachen oder so beschwören würde. Alle machen mit und so schallen die für mich unverständlichen Wörter aus dem Dorf heraus und werden über die Berge getragen. Zwischendurch wird immer wieder Reis vor die Füße des Altars geworfen. Ich filme unablässig die ganze Prozedur, werde von Bonjibabu und Siranji, meine beiden Freude hier im Dorf, mal hier und mal dort hin geschoben, um wirklich alles abzulichten, ja sie wirken gar wie zwei Regisseure, die dem Kameramann befehlen die Szene von allen möglichen Perspektiven aufzunehmen. Kameramann Leo beugt sich ihren Befehlen und so sieht seine Kamera schließlich wieder Mann in den weißen Gewändern aufspringt und so alle zum Jubeln bringt. Er schnappt sich vier riesige Steintafeln, schleppt sie vor dem Altar und verschließt somit die Öffnung. Nochmal tosender Applaus! Ich habe keine Ahnung was hier geschieht, aber irgendwie finde ich es total toll.

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Die Feiertagsgemeinschaft zieht nun in einer riesigen Polonäse aus dem Zelt heraus, einen schmalen Pfad entlang bis hin zu einem aus Ästen erschaffenem Portal, wo jeder einzeln durchmuss und nochmal eine Ladung Reis ins Gesicht bekommt. Es scheint drei wichtige Leute zu geben. Den Priester in Weiß, der nun einen Topf voller Nahrungsmittel so liebevoll vor sich herträgt, als wäre dieser Topf kein Topf, sondern ein frisch geborener Säugling, einen Typen der auch ein Bündelreis über seinem Rücken trägt und ein Mädchen, dass auch irgendwie das Selbe tut.

Als die Polonäse das Portal überwunden hat, löst sie sich auf. Viele Menschen geraten in einen weiteren Tanzwahn, viele scheinen betrunken, entweder vom Glück, oder von ihrem Dorfalkohol zu sein und jauchzen ausgelassen. Trommelschläge, Bollywoodmusik, eigener Singsang, Kreischen, all das mischt sich nun zusammen und bringt das Dorf zum Brodeln. Selbst in den Häusern wird sich wild bewegt, es gibt kaum Platz und genau das erinnert an eine aus dem Ruder gelaufene Home-Party, die leider auf Facebook bereits im Vorhinein verkündet wurde.

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Zwischendurch steige ich auch ins Tanzen ein, muss aber feststellen, dass ich die Tanzschritte der Leute nicht beherrsche und sichte lieber alles von nahgelegener Entfernung.

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Irgendwann wird es uns dreien zu viel, wir haben eine lange Reise hinter uns und unser Kopf dröhnt. Wir verlassen das Party-Dorf und lassen uns nicht weit davon entfernt auf einem Stein nieder, von dem man das ganze Tal überblicken kann. Wir legen uns hin und lassen jeder für sich die Seele baumeln. Irgendwie ist es hier ruhig, Libellen fliegen durch die Gegend und ich kann mich an das allererste Mal erinnern, als ich Dallapalli sah. Seitdem ist so viel passiert. Wer war ich damals und wer bin ich jetzt? Habe ich mich seitdem irgendwie verändert? Ja, irgendwie schon, aber irgendwie bin ich noch der Gleiche von damals. Wie Dallapalli. Es ist immer noch gleich geblieben, die unverrückbaren Berge stehen noch an Ort und Stelle, aber trotzdem ist vieles verändert, oder ist neu dazugekommen, wovon ich anfangs nichts wusste. Man kann etwas nicht auf dem ersten Blick sofort bestimmen und analysieren. Dafür bedarf es vieler Sichtweisen. So war ich mir beim letzten Trip sicher, dass die Menschen hier nur arbeiten würden. Ohne großartige Unterbrechung. Jetzt weiß ich jedoch, dass sie sogar Feste feiern und sich tatsächlich eine Ruhephase gönnen. Jeder weitere Besuch gibt mehr Aufschluss, mehr Wissen, über diesen Ort und das macht ihn für mich sehr, sehr interessant. Diese Eigenschaft mehrmals hinzugucken, ja die sollte man sich bewahren und vielleicht habe diese sogar in Indien erweitert. Verbessert.

Dallapalli würde sich im Laufe der nächsten Woche nochmals wandeln…..