Des Glückes Schmied – Dallapalli 5.0 – Teil 3

„You are married  in Germany?”

“No! No! I´m not married. Two years ago I had a girlfriend, but now I´m single.”

“Why, single?” Bonjibabu scheint tatsächlich interessiert, so wie er strahlend neben mir läuft.

„Pfff“, erwidere ich. Das ist echt eine schwierige Frage. „Now the girl doesn´t like me anymore.”

Das scheint meinen indischen Freund irgendwie zu irritieren: “Why, doesn´t like you? You so smart and strong!“

Ich lache herzlich auf und klopfe Bonji auf die Schulter. Er schafft es immer wieder mich zum Schmunzeln zu bringen.

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„She have found some better one”, meine ich. Klar, ist das nicht die ganze Wahrheit, aber Bonji mit einer komplizierten Lovestory zu konfrontieren will ich auch nicht. Allein das, hat ihn jetzt zu denken gegeben.

Wir schlendern den Weg zum Dorf entlang, kurvig und holprig zieht er sich durch die Wildnis und am Horizont beginnt er zu flimmern, so heiß brennt die Sonne auf uns hernieder. Wir kommen gerade von einem Meeting in einem abgeschiedenen Nest zurück, das weder Schule noch ausreichend Infrastruktur hat, um mit den vergleichsweise großen Gegenden wie Dallapalli mitzuhalten. Die Kinder dort müssen mehr als vier Kilometer zur nächsten Schule, durch Berg und Tal, laufen. Jeden Tag.

Mir wird klar, dass insbesondere Dallapalli eines der Dörfer ist, das zu den Big Playern hier gehört, besitzt es doch eine Schule, einen Kindergarten, Zufahrtsstraßen und einigen Luxus mehr, den die anderen nicht haben. Vor einigen Jahren jedoch war es noch genauso verwildert und unerreichbar, wie diese Gemeinde, die wir nun hinter uns gelassen haben.

Ich beobachte wie Flammen auf den Bergen auflodern und große rauchende Schneisen durch die Landschaft ziehen. Dicker, schwarzer Rauch wirbelt auf und weht wild im Westwind davon. Überall kann man diese Flächenbrände heutzutage beobachten, an jedweden Stellen findet man nur noch Asche. Das ist, laut Bonji, sogar gewollt. Es wird extra Feuer gelegt, damit von den trockenen Sträuchern nur noch deren Überbleibsel, in Form der Asche übrig bleiben. Wenn dann, in ein paar Monaten der große Monsun kommt und der wird so sicher kommen, wie die Sonne morgens gleißend aufgeht, dient sie als hervorragender Dünger für die nächste Generation an Pflanzen. Dann wird es bald wieder so grün, wie beim allerersten Mal, als Dallapalli vor mir auftauchte.

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„In Germany good girls? You like?“ fragt Bonji interessiert.

„I really like german grils!“ antworte ich gewissenhaft und überzeugt.

„I want german wife!“ meint der Dörfler nach einiger Zeit im selben bewussten Tonfall.

Als ich ihn anständig darauf hinweise, dass er doch schon eine Frau hier in Dallapalli habe, gluckst er belustigt und meint: „Two wifes! One in India. One in Germany!“

 

Ja guuut. Wer´s kann…Wenn nicht Bonji, wer sonst? 😀

Es kehrt Stille ein und bald laufen wir nur noch Berg hoch und Berg runter, unserem eigenen Atemzügen lauschend, die mit der Zeit immer ratternder und schleppender werden.

„What next?“ fragt Bonji, als wir nur noch wenige hundert Meter von unserer Hütte entfernt sind.

Dieses Frage hat sich mittlerweile als super Insider zwischen uns bewehrt, dient die Frage doch eigentlich dazu nachforschen was als nächstes an großen Aufgaben anstehe. Doch Obacht, Produktivität wird zwischen uns meistens klein geschrieben. So kann ich auf die Frage hin, antworten was ich will, am Ende heißt es doch nur Abwarten und Tee trinken. Im wahrsten Sinne des Wortes. Daheim setzen wir uns hin und trinken Tee. 😀


 

Wir schreiben Tag fünf im Dorf und nach wie vor habe ich das Gefühl nichts erreicht zu haben. In Hyderabad habe ich mir eine ganze Liste erstellt, was mich und meine Chefin zufriedenstellen könnte. Doch NICHTS davon haben wir bisher geschafft. Klar, ich habe ganz am Anfang Bonji und Bhavani meine Ziele vorgestellt, beide haben sie, im Rahmen ihrer Verständnisfähigkeit, abgenickt und prompt wieder vergessen. Bisher habe ich JEDEN Tag neu gefragt, ob wir diese eine bestimmte Aktion heute machen können und JEDES Mal wurde sie auf morgen verschoben. Und am nächsten Tag hatten sie wieder ihre eigenen Pläne. Heute stand ganz spontan ein Meeting an und mehr wird auch nicht passieren, denn es ist Sonntag. Feiertag.

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Bereits am Morgen hatten mich beide total entgeistert angeschaut, als ich nach Aufgaben fragte.

„Aber, Leo! Es ist doch Feiertag! Heute machen wir nichts!“

Nach wie vor frage ich mich, wie es die Leute aushalten in Dallapalli nichts zu tun. Etwas Einsameres kann ich mir nach diesen Tagen vorstellen, denn wenn man nichts tut, dann tut man wirklich nichts. Dallapallis Freizeitmöglichkeiten sind begrenzt. Entweder läuft man durch die Landschaft, spielt Volleyball, oder trinkt Tee. Wenn man weder fähig ist zu laufen, Volleyball zu spielen, oder Tee zu trinken und dann noch nicht die Sprache der Leute spricht, um sich zu unterhalten, wird die ganze Lage etwas verzwickt. Für mich wird es ab Tag 5 unglaublich hart, besonders da ich alleine, ohne Toni, oder Skrollan bin. Was mich besonders zermürben wird, was mir in diesen Momenten Hoffnung gibt und welche Lehren aus diesen Tagen ziehen werde; da erzähle ich euch jetzt:



Eine neue Hoffnung

Meine Pläne werden jeden Tag verworfen, ich habe kein Internet, da ist kein anderer Ort, wo ich hingehen könnte, die Leute verstehen mich nicht und jeder Tag ist wie der davor.

Klar, die erste Zeit war es unglaublich schön, dass die Kinder mit meinen Sachen so toll spielten, aber irgendwann artete das Ganze aus, sie waren dauerhaft da, benutzen all meinen Kram und gingen erst spät gegen Abend. Ich wusste nicht, wie sie darauf reagieren würden, schickte ich sie einfach vor die Tür. Durfte ich das? Das einzige Wort, was sie verstanden hätten, wäre „Nein“ gewesen. Gibt sich ein Kind nur mit einem „Nein“ zufrieden? Mag es mich dann noch? Ich wusste es nicht, ich wollte nur noch raus aus dieser Hütte, die mit der Anzahl dazugekommener Kinder immer mehr nach Raubtierkäfig stank.

Meine einzige Rettung schien mir Gayathri zu sein, die bald herkommen sollte. Schlussendlich war ich genau von ihrem Typus als Übersetzer und Organisator abhängig. Ich konnte keine Aktionen eigenständig organisieren. Die letzten Male, wo die Kinder mit uns Müll gesammelt hatten, oder auf Krabbenjagd gegangen waren, hatte Gayathri ihre Finger im Spiel gehabt. Wir hatten ihr gesagt, was wir machen wollten, sie hatte es angeleitet.

Diese Abhängigkeit war mir vorher nie so bewusst gewesen. Jetzt machte sie mich unglücklich und ich sehnte mich nach dem Kommen Gayathris.



Zerplatzte Träume:

„Me going Poolabanda. Three days. Sister´s marriage. Gayathri is going also to Poolabanda. You stay.” Erklärt mir Bhavani an Tag 6 und zerstört somit meine gesamten Hoffnungen auf bessere, organsiertere Tage. Gayathri wird ganz spontan doch nicht kommen. Im Grunde bin ich zweieinhalb Tage vollkommen alleine im Dorf. Bonji ist zwar da, aber irgendwie auch nicht. Er muss ein Haus fertig bauen, wo ich nicht mithelfen darf.

WAS soll ich denn hier alleine machen?! Von morgens bis abends Kinder-Bespaßer? Na herzlichen Glückwunsch!

Ich bin so frustriert, traurig und wütend, über diese Info und begreife, dass Dallapalli für mich gerade zur einsamen Insel wird.

 

Später werde ich diese Momente, der Enttäuschung und zerplatzten Träume als ganz eigenen Tiefpunkt dieser Reise definieren. Ich wusste nicht mehr, was zu tun war.

Als alle weg sind, setze ich mich auf die Steine, blicke in die weite Ferne und halte eine einsame Krisensitzung ab. Was kann ich persönlich noch schaffen? Inwieweit macht das Ganze noch Sinn? Soll ich aufgeben? Was spräche dagegen?

„Nein!“ sage ich mir. „Ich muss durchhalten. Die Hoffnung stirbt zuletzt.“

Das werde ich mir von Tag zu wieder sagen und von Tag zu Tag wird es schwieriger daran zu glauben, sich selbst zu motivieren. Ein anderer wird es in dieser Zeit nicht tun. Ich setze mir eine Frist von vier Tagen. Wenn dann immer noch nichts passiert ist, werde ich in Hyderabad anrufen und zurückkommen. Bis dahin sollten sich die Tage strecken…

Vieles an Kritik macht Dallapalli immer wieder zur Nichte wandere ich durchs Dorf und beobachte lustige Tiere und die lieben Menschen.

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All das schafft zwischendurch doch immer wieder eine perfekte Idylle, macht mich glücklich. Im Grunde fühle ich mich auch willkommen und angekommen. Mir fehlt eben nur die Beschäftigung..

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Deines Glückes Schmied:

Pro Tag versuchte ich mir meine ganz eigenen Highlights zu suchen, an denen ich mich dann entlanghangeln konnte. Für den achten Tag meiner Reise hatte ich den großen Markt der Dörfler als Höhepunkt des Tages auserkoren. Ich schnappte mir gegen Mittag meinen Rucksack und marschiere ins Tal.

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Bis zu diesem Zeitpunkt hatte ich nie den Rummel um diesen Wochenmarkt verstanden. Jetzt dämmerte es mir. Der Markt hieß Abwechslung und ich war heiß auf Abwechslung, hatte ich doch eine Woche nichts anderes als Reis, Gemüse und Wasser zu mir genommen. Dort gab es alles. Ich erwarb mir Süßigkeiten und Softdrinks und nach einem großen genüsslichen Schluck Cola ging es mir tatsächlich besser. Ich setzte mich auf einen Stein, etwas entfernt vom Trubel und beobachtete das Treiben, das auf eine gewisse Weise sehr schön mit anzusehen war. Ich unterhielt mich mit einem netten Eisverkäufer, der mir prompt ein Gratis-Eis schenkte und sich sehr über meine Anwesenheit freute. Zusammen saßen wir da, parallelisiert vom kleinen, dörflichen Chaos, dass dort seinen Gang nahm.

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Einige Dallapalli-Kinder waren auch da, hauptsächlich Jungs, dessen Anführer Rohit sich neben mich setzte und ein paar Kekse von mir bekam. Es war offensichtlich, dass er und die anderen, zurück zur Hütte wollten, um zu spielen. So erbarmte ich mich, sagte dem Eisverkäufer Lebewohl und schlenderte mit den Kindern zurück.

 

„Games? Leo?“

„Yes, Games…“ sage ich teilnahmslos und sah zu, wie die Hütte sich füllte. Ich suchte händeringend nach einem Ausweg aus diesem Deja Vu, das ich mittlerweile nur noch aushielt und da war sie plötzlich, meine Rettung! Draußen beim Nachbarhaus schleppten einige Kinder Ziegelsteine eine Treppe zum Balkon hinauf, wo bald eine Brüstung errichtet werden sollte. Ich schloss den Spielkreis, schaltete Laptop und Kamera aus und ging aufatmend zu dem riesigen Haufen Steine herüber. Ich wollte Steine schleppen! Hört sich jetzt doof an, war aber so. Ich deutete auf den Berg und blickte fragend zu einer Frau herüber. Sie verstand mich und im Nu schnappte ich mir drei Steine und trug sie die Treppe hinauf. Immer wieder und wieder. Dann sah ich, wie Anita, die Anführerin der Mädels U10, vier Steine auf ihrem Kopf trug und just in diesem Moment erwachte mein Wettbewerbstrieb. Vier Steine? Kein Problem für mich. Anita erhöhte bald auf fünf übereinandergestapelte Steine, die sie auf ihrem Kopf trug. Fünf packe ich auch noch, doch als sie mit einem halben Dutzend Ziegelsteine die Treppe hinauf stieg, war der Wettkampf vorbei. So krass war ich nicht. Da hatte mich doch tatsächlich eine Neunjährige im Steineschleppen geschlagen.

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Bald ging es ans Stapeln. Monoton nahm ich Stein um Stein vom Haufen und legte sie den Leuten, die die Steine stapelten, zu Füßen. Es war einfach und doch machte es mir Spaß mich körperlich zu betätigen. Innerhalb anderthalb Stunden war der Haufen weg und ein fein gestapelter Stapel stand nun da. Alle waren happy, die Leute bedankten sich bei mir und ich bekam sogar eine Gratis-Süßigkeit und einen Chai, den alle in der fleißigen Bauarbeiter-Gruppe genüsslich ausschlürften. Das war eine richtig gute Aktion!


Es war Abend geworden und ich wanderte zurück ins Tal, zum Markt. Alle waren weg, nur der Müll, der ganzen Plastikverpackungen war noch da, wurde vom Wind erfasst und weit in die Felder getragen. Kühe kauten auf Plastiktüten herum. Tatsächlich schaffen die Dörfler durch diesen Markt selbst mehr Abfall als die Party-Touristen.

Welch Doppelmoral. Sich über diese zu beschweren, aber selbst nicht besser sein. Ich schoss Fotos, filmte ein wenig und fühlte mich auf der Stelle produktiv die Missstände im Dorf dokumentiert zu haben. Das konnte ich als brauchbares Material meiner Chefin zeigen. All das tat ich allein, ohne das mich jemand anleitete. Auf dem Rückweg zur Hütte wurde mir dann klar, dass schlechte Momente meist dann vorbeigehen, wenn man selbst Initiative ergreift. Der Tag war sehr gelungen, basierend auf MEINEN eigenen Entscheidungen und Taten.

Wenn dich Leute behindern und du nicht das hinbekommst was du unbedingt willst, dann schieß die Leute ab und mach dein Ding. Du bist deines eigenes Glückes Schmied. Nicht die anderen. Meckern und ausharren bringt nichts.

 

Mit diesem neuerworbenen Wissen ging ich in die Nacht, legte mich auf ein großes Felsplateau, schaute in die Dunkelheit und sah Stern um Stern sich ins Himmelszelt einreihen. Der Nachhimmel funkelte silbern im Licht der Himmelsgestirne. Ich verzog die Mundwinkel zu einem Schmunzeln, als mir aufging, dass gerade keiner wusste wo ich war. Vielleicht standen gerade einige Kinder vor der verschlossenen Hütte, doch mir was das in diesem Moment egal. Meine Zeit war jetzt gekommen. Ich ließ meine Musik laufen, schaute glücklich Richtung Osten, zwischen zwei Berggiganten hindurch, wo verschwommen die Lichter des 100 Kilometer entfernten Visakhapatnam blitzten, lehnte mich zurück, blickte hoch zu Äonen von kleinen Lichtern und freute mich das allererste Mal seit einer Woche auf den nächsten Tag…

Kinderfreuden – Dallapalli 5.0 – Teil 2

Ich will weiter schlafen und murre laut, als die kleinen Racker mir: „Leo, Leo, Leo“ ins Ohr murmeln. Mein Versuch sie loszuwerden stört diese aber nicht im Geringsten. Das Leben in Dallapalli beginnt früh und wer sich nicht daran hält, nun ja, der wird bestraft. Verdrießlich und miesepetrich schlage ich die Augen auf. Zwei Kinder sitzen vor meiner Schlafstätte und sind scheinbar wahnsinnig verzückt über mein Aufwachen.

„Leo, Games!“ verlangt Anita, das Mädchen im roten Kleid. Sie ist die Anführerin der Mädels unter 10 in Dallapalli und weiß genau was sie will. Jetzt will sie mein Handy, um darauf Jump&Run-Spiele zu spielen.

„Games!“ ihre untergeordnete Kollegin stimmt ihr selig zu.

Brummend krame ich mein Smartphone hervor und brauche mir gar keine Mühe mehr machen es zu entsperren. Anita kennt den Code.

Bonji tritt, bereits frisch geduscht, ins hell erleuchtete Zimmerchen: „Guten Morgen, Leo! Hast du gut geschlafen.

„Bis gerade eben, ja“, will ich antworten, entsinne mich aber eines Besseren: „Ja, sehr gut!“

Wir schreiben Tag 4 im Ureinwohnerdorf Dallapalli, die Hähne des Ortes begrüßen mit einem lauten, enthusiastischen Kikeriki den anbrechenden Morgen, die Sonne strahlt zur Tür hinein und irgendwie kann ich nicht anders, als breit zu grinsen. Es gibt weitaus schlimmeres als so in den Tag zu starten. Ein heißer Guten-Morgen-Tee wird mir gebracht, den ich dankbar annehme.

Der Tee in Dallapalli ist immer etwas ganz Besonderes. Nicht, weil er besonders lecker wäre, nein, er passt irgendwie immer zur Situation, entspannt und macht auf unbeschreiblicher Weise Lust auf den Tag. Vielleicht deswegen, da es hier vergleichsweise wenige Tageshöhepunke, im Vergleich zu Hyderabad gibt? Ja, wahrscheinlich ist es das. Das Trinken des Tees verkürzt sozusagen die Zeit, die man bis zum Abend ausharren muss.

Ist man kein Einheimischer und hat dementsprechend auch nicht die Arbeit eines Einheimischen, vergeht ein Tag relativ zäh. Besonders um die Mittagszeit, wo die Sonne brennt und der Ort wie ausgestorben scheint, nehmen diese Stunden kaum ein Ende. Dieses unbeugsam lange Zerfließen der Zeit, soll auch mich bald kräftig zermürben, doch dazu kommen wir in einem späteren Beitrag.

Nun sitze ich also schlaftrunken da, meine Decke um mich gewickelt, sehe Anita und ihrer Komplizin zu, wie sie am meinen Handy hin und her daddeln und frage mich, wie es so weit kommen konnte, dass sie sich jetzt, bereits in den frühen Morgenstunden, zu mir wagen. Dabei begann alles so friedlich:

Am Tag meiner Anreise kam ich also, nach meinem kläglichen Versuch Teil der Volleyballmannschaft zu werden, in meine Hütte zurück, in der bereits zwei kleine Mädchen saßen und gespannt jeden meiner Schritte verfolgten. Erst war ich mir im Unklaren, was ich jetzt mit den beiden machen sollte, bis mir einfiel, dass ich Luftballons und Spielzeug meiner kleinen Schwester in meiner Tasche hatte.

Mein Vater hatte mich vor nicht allzu langer Zeit in Hyderabad besucht und hatte mir damals auch einen kleinen Beutel voller süßer Spielsachen überbracht, die meine Schwester sorgsam für die Kinder im Dorf zusammengesucht hatte.

Eben diesen Beutel kippte ich nun vor den beiden aus und es bedurfte keiner großen Mutmacherei, die Mädels dazu zu motivieren, sich auszutoben. Das taten sie von ganz allein und waren im Nu vollends begeistert von den tollen Dingen vor ihn. Als ich dann ihnen die Luftballons zeigte waren sie hin und weg. Auch Rambabu ließ sich plötzlich mit seinen Volleyball-Freunden im Haus nieder und war ebenfalls fasziniert von den Spielsachen. Bald bat er mich um den Gefallen einen rosa HelloKitty-Anhänger behalten zu dürfen. Für kurze Zeit hielt ich das für einen Scherz, doch mein Freund wirkte tatsächlich so, als ob er echtes Interesse an diesem Kitsch hätte. Lustige Leute.

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Am nächsten Tag hatte sich „Leo´s Spieleparadies“ unter den Kindern im Dorf herumgesprochen, sodass gegen Nachmittag mehr Kinder mit dem Wunsch nach Luftballons in die Hütte kamen. Ich zeigte ihnen, wie man die Ballons richtig quietschen lassen konnte, oder einen Frisurenwechsel bei den vorhandenen Playmobil-Menschen vornahm und im Nu war ein richtig behaglicher Spielekreis entstanden. Davon angelockt kam eine kleine Jungshorde herbei, schnüffelte herum, befand die gegebene Situation als wahnsinnig toll und gesellte sich dazu.

Eine Mädchengruppe, angeführt von Anita, der schlausten, wurde richtig einfallsreich, als es darum ging, die Luftballons zu verknoten. Sie zogen einzelne Flusen aus den Reissäcken, die im kleinen Küchenbereich lagen, heraus, sodass sie nun kleine Schnüre hatten, die sie an ihre Ballons befestigten. Darauf wäre ich in just diesem Moment nicht gekommen.

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Begeistert begann ich mit den Mädels die Ballons hin und her zu werfen/stupsen, woraus bald ein frohsinniges Ballspiel wurde. Alle waren glücklich und lachten ausgelassen, inklusive mir der vom Eifer der Kinder angesteckt wurde. Es war richtig rührend zu sehen, wie die kleinen Racker bei mir auftauten.

Ein toller, unbeschreiblicher Moment war das, der wohl ein kleines Highlight meines Trips werden würde, jedoch jäh von Bonji und Bhavani unterbrochen wurde.

„Wir müssen zum Meeting in ein anderes Dorf! Raus, Kinder!“

Und auf der Stelle war der Raum leer und aufgeräumt, so als ob niemals Kinder hier gewesen wären. Alles war so still und in der Tat war ich wirklich traurig darüber, dass es vorbei war, ja, ich hätte wahnsinnig gerne weitergespielt. Stattdessen wurde ich auf ein Meeting mitgenommen, wo irgendetwas in Telugu besprochen wurde. Ich verstand nichts und in diesen Augenblicken war ich wieder das Kind, dass den Erwachsenen zuhört, nichts versteht und sich fragt, warum die Großen immer so viel reden müssen.


Am Tag darauf aber, ging das große Spielen weiter. Dieses Mal packte ich sogar meine Ukulele aus und zeigte, wie man darauf spielen konnte. Zudem stellte ich auch noch meine Kamera und brachte einigen bei Fotos zu machen. Von selbst fragten einige, nach meiner Handykamera, sodass ich auch dieses bereitstellte. Ich nahm meinen Laptop und ließ die wenigen Telugu-Lieder spielen, die in meiner I-Tunes-Bibliothek gespeichert waren und so wurde es bald ziemlich laut. Wildes, schiefes Ukulelen-Geklimmper, Kinderlachen, Kameraklickgeräusche und Bollywood-Lieder hallten aus der Hütte und verwandelten meine Umgebung in einen kleinen Kinder-Hexenkessel.

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Ich kämpfte an mehreren Fronten gleichzeitig, zeigte Kindern, wie man sich Bilder auf der Kamera anschaute, musste des Öfteren mein Handy entsperren und auf die Foto-App gehen, hatte ein Kind einen falschen Knopf gedrückt, schoss Luftballons zurück, versuchte die Spielzeuggruppe zu motivieren, ertrug die inzwischen verstimmte Ukulele und musste damit leben, dass die Kinder meine ganze Musikbibliothek durchforsteten.

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Stunden vergingen, ich war alleine mit 10 Kindern ( Bonji und Bhavani waren außer Haus, um in der nächstgrößeren Stadt Gemüse zu kaufen) und wurde langsam wirklich müde. Die kleinen Rabauken aber waren nicht zu stoppen. Was ich mir bei allem zu Gute hielt, war, dass kein Streit zwischen ihnen ausbrach. Keiner würde während der ganzen Zeit beginnen zu weinen. Das hab ich gut hinbekommen!

So würde es ab sofort jeden Tag in Dallapalli sein. Die Kinder kamen früh, gingen zur Mittagszeit nach Hause und erschienen bald wieder in den Türangeln der kleinen Hütte, die ich mein Eigen nannte.

Ich zeigte ihnen mein einziges Computer-Game, dass ich auf dem Laptop besaß: Moorhuhn. Dieses Spiel, wo man lustige Zeichentrick-Hühner abschießen darf und bald entwickelten sich manche zu wahren Moorhuhn-Experten und Fotografen, auch wenn die meisten Bilder auf der Kamera verwackelt oder schief waren. Oder man fotografierte die Wand. Fünfzehn Mal hintereinander. Warum auch nicht. Jeden Abend war mein Kameraspeicher voll und jeden Abend löschte ich mehr als 200 Bilder.

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Foto am 20.03.18 um 14.43
Schnappschüsse aus der App FotoBooth, die dein Gesicht ganz lustig verdrehen oder verziehen kann..

Nicht nur Kinder kamen, sondern auch Erwachsene, denen ich auch, so gut es eben ging, erklärte, wie man so eine Kamera bediente. Mein Handy und mein Laptop wurden schnell zu Allgemeingütern (Mein, dein, hey, das das sind doch bürgerliche Kategorien) und so entdeckten die Älteren bald auch meine heruntergeladenen Netflix-Serien und schauten sich prompt House of Cards an. Hierzu muss ich sagen, dass Netflix wohl nichts für diesen Typ Inder wäre. Dieser Typus will bei einem Film eigentlich nur den Kampf und das Lied hören. Das was bei Bolllywood-Filmen am besten ist. Das findet man aber bei House of Cards beides nicht, sodass die Leute eigentlich nur vorspulten, in der Hoffnung den epischen Kampf zu finden.

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Die Hütte besaß auch einen eigenen Organisations-Computer, mit verschiedenen Telugu-Filmen. Problem: Er hatte keine Boxen. So stellte ich bald auch meine Kopfhörer und sah zu, wie fünf Jugendliche um den Computer saßen und sich mit der einzige Möglichkeit etwas zu hören im fünf-Minutentakt abwechselten.

Diese ganze Situation war urkomisch. In der einen Ecke hatten wir die Kinder, die mit meiner Kamera die Wand fotografierten, woanders spielten einige Jungs Moorhuhn, hier und dort gab es die Spielzeug-Freaks, an der Wand saßen die Netflix-Anhänger des stetigen Vorspulens, am Rand die Kopfhörer-Gruppe und überall und nirgendwo: Ich.

Gegen Tag 7 packte ich dann noch zur sportlichen Betätigung ein Springseil aus. Im Grunde war ich der Entertainer für alle.

Einen Tag spielte ich mit einigen Jungs Fangen. Unser Spiel ging durchs ganze Dorf und bald schrie es von allen Seiten: „Leo, Leo, Leo! Fang mich“, sehr zur Belustigung der Frauen und Männer, die sich ins Fäustchen lachten, erschreckte sich ein Kind vor meinem plötzlichen Erscheinen. In diesen Momenten fühlte ich mich willkommen, gar so, als ob ich Teil der Community sein würde. Die Kinder mochten mich, die Frauen grinsten frech zu mir herüber und die Männer waren ebenfalls ganz begeistert.

Dann jedoch gab es die Momente, wo ich mich nach Abwechslung sehnte und schlicht und einfach genug von allem hatte. Ich wollte das Ganze nicht mehr, fühlte mich eingeengt. Die Menschen waren zum Alltag geworden, nichts anderes passierte und das würde mich zermürben…

Von einer fast indischen Massenpanik, besonderen Liedern und alten Idyllen – Dallapalli 5.0 -Teil 1 –

Ein Song, zwei Menschen, ein Bus. Mehr ist da nicht. Es fühlt sich tatsächlich so an, als ob nur wir, im Rhythmus des Liedes, dass im Bollywood-Style vor sich hin dudelt, im fahrenden Bus existieren würden. Das nächtliche Hyderabad zieht in bunten Schlieren an uns vorbei, nichts scheint mir klar vor Augen zu sein. Ich sehe nur Toni und das Innere des Busses, das scheinbar auch nur aus hellen Lichtfetzen besteht..


Jeder mag wohl ein besonderes Lied haben, mit dem er eine ganz bestimmte Situation verbindet und immer, wenn dieses spielt muss man an eben jenen Moment zurückdenken, wo der Song gespielt hat.

Die Melodie, die gerade läuft, habe ich noch nie gehört, vielleicht werde ich sie nie wieder zu Ohren bekommen, aber sie sie passt gerade, warum auch immer zu einer nächtlichen Busfahrt, die auf ein Abenteuer zusteuert…

Ähnliches haben Merlin und Ich im Oktober letzten Jahres bei unserem besonders anstrengenden Trip in die Dörfer erlebt. Mit zwölf Mann im Rikscha steuerten wir in Richtung Katiki, dem Ureinwohnerdorf, das wir wohl nie wieder sehen werden, zu, waren bereits total fertig von den Strapazen der letzten Tage und dennoch baute ein besonderer Song, der gerade aus den lauten Musikboxen des Vehikels tönte, Merlin ( ich war gerade tief in einem meiner Hörbücher versunken) enorm auf, während immergrüne Reisfelder und riesige Steinriesen und marode Ochsenkarren an uns vorbeizogen.

Jedes Mal, wenn er danach „Mellaga Tellarindoi“ hörte, so fuhr er wieder mit mir mit dieser Rikscha  dem Dorf entgegen, gestärkt durch eben jene Melodie. Bei mir ist das mittlerweile auch so. So bringt mir der Song stets große Motivation, fahre ich in die Dörfer.

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Übrigens kein Wunder: Das Musikvideo zum Song scheint auch eine gewisse Reise durchs Land darzustellen.

Hier der YouTube-Link zum Lied:



 

Zurück zum Bus, zurück zur unbekannten Melodie, die mich für kurze Zeit vergessen lässt, welcher Aufgabe ich gegenüberstehe. Ich werde alleine in Dallapalli, dem kleinen, beschaulichen Ureinwohnerdorf, sein. Toni wurde ganz spontan von mir getrennt und geht ins Nachbardorf Poolabanda, nur 10 Kilometer entfernt. Wir werden uns in diesen anderthalb Wochen nicht begegnen, nur die Reise, hin und zurück, werden wir gemeinsam durchstehen.

Das ist das fünfte Mal seit September, dass ich ins Dorf gehe. Mittlerweile müsste ich in der Handhabung die Zeit im Dorf produktiv zu gestalten, ein wahrer Profi sein, doch glaube ich in diesen Augenblicken nicht daran.

Kein anderer Freiwilliger wird mich unterstützen, Gayathri, unsere Dhaatri-Mitarbeiterin, die bisher immer mit dabei war, um zwischen uns und den Einheimischen zu kommunizieren, wird nicht da sein. Nur Bonjibabu, mein bester einheimischer Freund im Dorf, mit seinen geringen Englisch-Kenntnissen, wird mir zur Seite stehen.  Dieses fünfte Mal wird also meine Bewährungsprobe.



 

Am Bahnhof wuseln hunderte Menschen durch die Gegend, sitzen auf und neben ihren Taschen, kümmern sich um ihre schreienden Kinder, oder versuchen im Chaos der Masse zu schlafen. Es ist laut, warm und es stinkt nach Schweiß und Fäkalien. Purer Standard auf einem indischen Bahnhof.

Alle Züge scheinen Verspätung zu haben. Auch unserer nach Visakhapatnam hat gut 30 Minuten Verzögerung. Wir geben uns also dem Chaos hin und warten. Als wir wissen auf welchem Gleis Train 20810 ankommt, machen wir uns auf dem Weg dorthin. Wie leider hunderte andere Menschen auch. Ebenso deren Züge scheinen nun angekommen zu sein, was zur Folge hat, dass darüber hinaus hunderte Leute auf UNS zu kommen. Von links und rechts, aus den Bahnübergängen 1 und 2 kommen ebenfalls Menschenmassen geströmt und im Nu befinden wir uns in einem riesigen Massenauflauf.

Nichts geht mehr! Alles drängelt! Ich werde von Toni getrennt, ich kann bald nur noch einen Teil ihres grünen Backpacks erkennen, bis sie schließlich vollends von der Masse verschluckt wird.

„Wenn jetzt eine Massenpanik ausbricht“, denke ich, „komme ich hier nicht mehr in einem Stück raus.“

Trotzdem bleibe ich seltsam gelassen. Ich werde es nicht sein, der umgerannt wird. Dazu habe ich einen zu dicken Panzer. Hinten habe ich meinen riesigen Backpack, mit meinem quer-verpackten Kamerastativ, was mir zwanzig Zentimeter an Breite dazugibt und vorne meinen kleinen Rucksack. Sorgen mache ich mir stattdessen um die kleinen Kinder, die sich fest um die Beine ihrer Eltern schlingen und aufgrund ihrer geringen Größe bald nur noch einen Urwald aus Beinen sehen werden.

Alles drückt vorwärts, zur Seite, rückwärts, es werden Befehle gerufen die keiner einhält, ich schwitze wie verrückt und ekele mich vor den anderen stinkenden Gesichtern um mich herum. Bisher war ich passiv, habe geglaubt, dass ich es schon irgendwie schaffen werde, wenn ich nicht drängele, doch ich muss, wenn ich noch zum Zug will. Ich muss aggressiv werden, begreife ich und erkämpfe mir Zentimeter um Zentimeter. Ich merke, wie anderen Leuten mein Stativ in die Seite zwickt, doch bei aller Liebe, mein Date mit dem Zug ist in fünf Minuten und ich habe noch einen langen Weg vor mir!

Ich verlasse das Epizentrum des Massenauflaufs und plötzlich bin ich frei. Die Schlacht ist ausgefochten und ich beginne zu rennen. Toni wartet bereits am Zugübergang 7 auf mich. Sie hat viel früher begriffen, dass man offensiv sein muss und zusammen spurten wir unserem brummenden Ungetüm entgegen und stürzen uns dessen Inneres.

Die Fahrt über Nacht verläuft ohne Probleme, wir steigen in der Hafenstadt Visakhapatnam ( für Einheimische Vizag) aus, frühstücken in einem Bahnhofsrestaurant, wo ich mich kurz mit einem Pastor unterhalte, der schon mal in Stuttgart war. Er rät mir, keinen Menschen hier zu trauen, weil alle irgendwie doof wären. Das nenne ich einen wahren Menschenkenner!

Weiter geht´s mit dem Bus, hinauf auf die Berge. Nach drei Stunden muss sich Toni von mir verabschieden. Alles geht schnell und ruhmlos, da der Bus nur wenige Sekunden für sie anhält und so keine Zeit für eine gute Verabschiedung bleibt.

Dallapalli erscheint vor mir in braunen Herbstfarben. Wie spannend es doch ist diesen Wandel mitzuerleben. In September noch war alles so grün und jetzt ist beinahe alles abgestorben. Klar, dass ist auf gewisse Weiße normal, dennoch nimmt man den Wandel, der um einen herum passiert meist kaum wahr, er passiert einfach.

Wir aber sind durch ein halbes Jahr mit diesem Dorf gegangen, haben jedoch nur Ausschnitte gesehen, die sich stets verändert haben.

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Bilder vom fast selben Ort innerhalb unterschiedlicher Monate

 

Mich begrüßt ein aufgeregter Bonji und eine lachende Bhavani, ebenfalls eine Mitarbeiterin von unserer NGO. Beide freuen sich riesig, dass ich endlich da bin.

Die erste Frage die, wenn man dieser indischen Bevölkerungsgruppe angehört, immer gestellt wird, erkundigt sich danach, ob ich denn schon zu Mittag gegessen hätte. Egal, ob Frühstück, Mittag, oder Abendbrot, immer wenn die Zeit zum Essen näher rückt, oder man einfach ein schnelles Smalltalk-Thema brauch, wird diese Frage gestellt. Falls man verneint, wird sich sofort nach dem Warum erkundigt, es kann schließlich nicht sein, dass man gerade beinahe am Verhungern ist, so theatralisch wird die Frage gestellt.

Oder es kommt sogar so weit, dass sich dein Vergehen nicht gegessen zu haben, wie ein Lauffeuer im ganzen Dorf verbreitet.

Merlin und ich können davon ein Lied singen. Im Dezember waren wir eines Abends so müde, dass wir sofort einschliefen, ohne zu Abend gegessen zu haben. So gegen Mitternacht weckte mich dann eine vollkommen schockierte Gayathri und fragte mich, ob denn alles okay, mit uns sei. Vollkommen durch den Wind antwortete ich ihr, dass wir einfach keinen Hunger hatten und schlief wieder ein.

Am Morgen fragte uns dann Bonji, was denn am Abend schlimmes passiert sein mochte, dass wir das Essen nicht angerührt hätten und auch andere Einheimische, die auch davon Wind bekommen hatten, versuchten uns zu diesem Fall mit Fragen zu löchern. Wir und unser nicht gegessenes Abendbrot: Dorfthema Nummer 1.  😀

Die Mahlzeiten sind diesbezüglich viel gröber und einfacher, als in Hyderabad. So gibt es in der Stadt viele Variationsmöglichkeiten, die du zu deinem täglichen Reis essen kannst, wie die unterschiedlichsten Sambas, Chutneys oder Gemüsesorten. Mittlerweile ist es so, dass ich mich an den Reis gewöhnt habe. Es ist nicht mehr langweilig ihn immer zu haben, es kommt inzwischen nur noch darauf an, was es dazu gibt.

In Dallapalli gibt es Reis und scharfe Gemüsebrühe zu allen Tageszeiten. Das Essen ist scharf genug, dass, wenn du zurück nach Hyderabad kommst, erstmal zwei Tage dich darüber beklagst, dass es hier irgendwie keine Würze geben würde.


Zurück zum eigentlichen Geschehen:

Ich habe noch nicht zum Mittag gegessen und bekomme gleich eine scharfe Mahlzeit vorgesetzt, wo mir alsbald die Nase trieft. Währenddessen berichte ich den beiden anderen von meinen Plänen, Kinderaktionen zu organisieren, diese zu filmen und schließlich daheim zu kleinen Filmchen zusammenzuschneiden. Sie hören sich alles geduldig an, nicken brav und schlürfen ihr Essen. Wie viel sie verstehen, weiß ich nicht. Schließlich fragen sie, wie lange ich bleiben werde. Das weiß ich selbst nicht. Zwei Wochen? Ich bin da ganz romantisch und lasse alles auf mich zu kommen.

Ich trete vor die Tür und atme die wahnsinnig schöne klare Luft ein. Es herrscht ein wunderbar angenehmes Klima. Nicht zu kalt und auch nicht zu warm. Ich blicke mich um. Dallapalli ist im Wandel. Überall wird geschraubt, gebaut und gewerkelt. Neue Häuser entstehen. Beton auf einfachste Weise angerührt, Stein um Stein übereinander gestapelt und verputzt.DSC_1648

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Dazwischen wuseln glucksende Kinder, Hühner, die sich groß aufplustern, kommt jemand ihren kleinen Küken zu nahe, widerkäuende Kühe und wassertragende Frauen. Im Grunde ein ganz normaler Tag fernab urbaner Zivilisation.

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Es wird bereits das Volleyballnetz für die Jugend aufgespannt und ein fröhlicher Rambabu kommt zu mir herüber.

„Willst du mitspielen?“

Beherzt beschließe ich es zu versuchen. Mittlerweile kenne ich die Volleyballtruppe,  glaube auch, dass sie mich kennt und schließe daraus, dass sie bestimmt begeistert wären, wenn ich mal mitspielen würde.

Gut bin ich nicht, aber irgendwie sind die Jungs auch nicht mehr das, was sie einmal waren. Kommen sie einfach besser rüber, wenn man nur als Zuschauer fungiert. Wir haben einige gute Ballwechsel und bald komme ich ganz gut zurecht. So gut sind die Typen echt nicht.

„Du Leo. Sorry, aber wir würden jetzt gerne richtig spielen. Hart und so. Könntest du bitte an den Rand gehen?“ Rambabu schmunzelt. Ich verlasse das Feld und prompt verwandeln sich die trägen Jugendlichen in große Spitzensportler. Dann war wohl ich es, der eher nicht so gut gespielt hat. Kann ich gut verstehen. 😀

Ich beobachte sowieso viel lieber das Geschehen. Diesen Abschnitt des Abends im Dorf habe ich zu lieben gelernt, weil er für mich die wunderschöne Idylle dieses Ortes so gut beschreibt. Man sitzt auf einem warmen Stein, ringsherum lacht, muht und gackert es, während Menschen vor einer wahnsinnigen Landschaft Volleyball spielen. Das habe ich vermisst. 🙂

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Rambabu

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Ich trete in die Hütte und auf der Stelle bin ich umzingelt von ganz vielen Umrissen. Kleinen Kreaturen. Ich vermag erst nicht, die knappen Geschöpfe zu erkennen. Dann klärt sich das Bild, ich beginne zu grinsen und verteile kleine Geschenke an sie. Ab dem Zeitpunkt ist mein Schicksal für die kommenden Tage besiegelt…

 

Fortsetzung folgt…

Vorletzte Male

Wie die Zeit verrennt! Warum ist es oft so, dass die erste Hälfte eines Jahres langsamer vergeht, als das zweite Quartal? Warum vergeht das erste Schulhalbjahr quälend und kriechend, wohingegen ab Januar die Zeit nur so verfliegt?

Das frage ich mich, während ich hier im Zug, auf der Reise Richtung Bergdorf, sitze. Der März wird einer der letzten Monate sein, wo das Reisen nach Dallapalli überhaupt noch möglich ist. Danach wird es dort zu warm und die Einheimischen werden zu viel auf den Feldern zu tun haben, als dass sie sich mit uns herumschlagen dürfen. Bereits jetzt scheint es, laut Berichten schwer zu sein, die Jugend und die hart arbeiteten Leute noch für uns zu motivieren.

Wohl zwei Wochen werden Toni und ich uns dort aufhalten und so ganz im Klaren, was wir eigentlich tun sollen, sind wir nicht. Doch werden diese 14 Tage, übrigens die längste Zeit, die ich im Bergdorf verbringen werde, wohl ein erster Vorgeschmack auf einen Abschied sein.

Wer weiß, ob in den kommenden Monaten noch Freiraum dazu ist wiederzukommen.

Ab April wird es auch in Hyderabad ziemlich heiß werden. Es wurde uns bereits prophezeit, dass wir diese Stadt spätestens dann hassen würden, stiege die Temperatur tagsüber über 40 Grad. Dann sollen wir schnell das Weite suchen und in den Urlaub fahren, am besten in den Norden. Nepal steht schon fest, Varanasi, Kalkutta und Delhi sind bisher nur Wunschziele und doch weiß ich nicht, wo ich all diese Termine noch einstreuen soll, obwohl es so scheint, als sei noch massig Zeit, bis zum Abflug.

So viel möchte ich noch machen, würde sehr gerne ins Bergdorf, hätte aber gleichzeitig auch Lust mit den Freiwilligen aus Hyderabad, wir haben uns liebevoll „Heidis“ genannt, etwas zu unternehmen. Ich würde gerne reisen, oder  einfach im Alltag des normalen Arbeitstags leben.

Vielleicht ist ein Jahr für mich doch etwas zu kurz, da bei mir gut und gerne drei Monate für die Eingewöhnungszeit draufgingen, auch wenn ich damals glaubte bereits voll integriert zu sein. Vielleicht ist Hyderabad wirklich schon zu meiner zweiten Heimat geworden..

 

Dallapalli wird nichtsdestotrotz eine gute Möglichkeit sein eine neue Phase einzuleiten, die ich auch brauche. Auszubrechen aus dem momentanen Trott, auch wenn ich diesen gerade ziemlich nett finde, wird gut tun. Dieser Trott in dem ich mich befinde, birgt wenig Möglichkeiten der gemütlichen Konfortzone zu entrinnen, in der ich mich momentan wiege und ist es nicht gerade dieses Ausbrechen was uns auf Abenteuer schickt?


 

Zwei Stunden nach dem letzten Absatz:

Gerade haben wir die Info bekommen, dass Toni und ich geteilt werden. Ich gehe nach Dallapalli, Toni nach Poolabanda. Gayathri, unsere einzige Quelle für´s Dolmetschen, ist nicht da, ebenso wie Shabu, eine Mitarbeiterin mit halbwegs guten englischen Kenntnissen.

Im Endeffekt werde ich allein mit Bonji und einem weiteren indischen Mädchen sein. Beide sind im Englischen eher schwer zu verstehen. Wirklich gute, informative Gespräche werden wohl nicht zustande kommen. Und wie erkläre ich ihnen, was ich machen will, warum kommt diese Neuigkeit schon wieder so spontan und kann ich mögliche zwei Wochen ohne Toni und guten Gesprächen klarkommen? Ich fürchte, dass diese Reise wirklich ein anstrengendes Abenteuer wird…

Der Unfall

Ich laufe verträumt durch die kleinen Gassen meines Viertels. Es wird so langsam Abend in Indien, die kleinen Stände, die Weintrauben, Kokosnüsse und Melonen verkaufen, werden bald von dannen ziehen. Morgen werden sie mit absoluter Sicherheit wieder hier stehen und ihre Waren preisbieten.

So sehr ich auch geglaubt habe, nach einem anstrengenden Arbeitstag Entspannung im Wirrwarr des Häuserlabyrinths zu finden, so sehr werde ich wieder einmal eines Besseren belehrt. Das indische Leben spielt sich auf der Straße ab, hier wird Geschichte geschrieben, hier entstehen Freundschaften, hier ist es bis in die späte Nacht niemals leise. In diesem Sinne bin ich immer noch zu europäisch, daran glaubend, das Leben spiele sich mehr in den eigenen vier Wänden ab.

Die Menschen hier scheinen die Gesellschaft, den Trubel zu lieben, was sich, wie ich feststellen muss, auch in ihren Feiertagen widerspiegelt.

Ganesha-Festival, Diwali, Holi; all diese Feste feiert man auf der Straße, mit scheinbar vielen anderen zusammen, wohingegen wir Deutschen Weihnachten und Ostern lieber im Kreise der Familie feiern. Wo wir schon von diesen indischen Festen reden; Irgendwie haben alle eines gemeinsam: Den Neubeginn. Diwali, das Lichterfest, bringt das neue Jahr. Holi symbolisiert die Auslöschung des Alten und die Erhebung des Neuen. Und Ganeshas Geburtstag? Einen neuen Lebensabschnitt.

Wenn man so will, startet man hier vierteljährig ein neues Leben, lässt das Alte hinter sich und beginnt etwas Neues. Heißt das auch, dass man mehr verzeihen kann, wenn man alte Streitigkeiten begräbt?

 

Darüber denke ich nach, während ich selbst in den kleinsten Gängen hupenden Motorrädern mit angeschaltetem Fernlicht ausweichen muss. Stressig ist es schon, chaotisch auch, aber gerade dadurch, dass überall was los ist, alles schreit, hupt und bellt und man dem Chaos, so gesehen, entgegentritt, verschmilzt man mit diesem und ist Teil des großen Ganzen.

Ich für meinen Teil, kann dadurch doch irgendwie abschalten und nachdenken. Klar, das ist nicht immer so, gerade auf den ganz großen Straßen, wenn Zentimeter neben dir ein großer Bus vorbeidonnert und so laut hupt, dass du schon glaubst, dein Trommelfell würde platzen, ist das alles andere als toll.

Ich setze meine Kopfhörer auf, laufe verträumt die Straße entlang, vorbei am Schlachter, der immer nach Tod stinkt, aber mein liebster Eierlieferant ist, kaufe mir 10, lasse 50 Rupien da und gehe weiter. Wie cool meine Straße doch eigentlich ist. Hier habe ich alles. Kleine indische Restaurants, Obst-Händler, beschauliche, süße Einkaufsläden, freundliche Straßenhunde, einen heruntergekommenen Friseur und sogar ein Fitnessstudio, bei dem ich jetzt unterschrieben habe, weil ich für das morgendliche Yoga zu müde bin.

„Wow“, denke ich. „Wie cool, dass ich mich schon so an den Verkehr gewöhnt habe, dass ich schon mit Kopfhörern auf den Ohren durch die Straßen schlendern kann, ohne umgefahren zu werden.“

Ich will die Straße überqueren und just in dieser Sekunde bestraft mich meine Torheit. Es geht so schnell, dass ich im Nachhinein gar nicht mehr weiß, wie das genau passieren konnte. Aus den Augenwinkeln sehe ich von rechts etwas Großes, Schwarzes aufblitzen, in meinem rechten Bein brennt der Schmerz auf, ich werde durch die Gegend geschleudert und lande auf dem harten Beton der Straße. Mein Herz beginnt plötzlich wie wild zu schlagen, neben mir liegen in hunderten Splittern die aufgebrochenen Schalen meiner Eier. Wie ich es geschafft habe blitzschnell aufzuspringen, so als ob nichts gewesen wäre, ist mir nach wie vor ein Rätsel.

Ich blicke nach links. Ein wütender Motoradfahrer kommt grummelnd auf mich zu, doch als er sieht, wen er da umgefahren hat, macht er sich klein und entschuldigt sich aufrichtig bei dem weißen Europäer, den er zuvor für einen indischen, betrunkenen Trottel gehalten hatte.

„Alles gut! Das war meine Schuld“, sage ich beschwichtigend zu ihm und klopfe ihn sachte auf die Schulter.

„Nichts ist passiert, du kannst weiterfahren.“

„Ist wirklich alles gut?“

„Ja…Wirklich!“ sage ich mit zittriger Stimme und bemerke unweigerlich doch einen stechenden Schmerz im rechten Bein, nahe des Knies.

Der Motoradfahrer wirft mir einen unsicheren Blick zu, schwingt sich dann aber doch auf sein Motorrad und fährt davon. Ich sammle meine Eierschalen ein, suche den nächsten Mülleimer, wissend, dass ich von vielen Leuten beobachtet werde, versuche zu grinsen und murmle: „Alles ist gut, alles ist gut“, vor mich hin, während mir ernsthaft der Gedanke kommt, dass ich mit dem Ausgeben meiner 50 Rupien für die Eier wohl ein Minusgeschäft gemacht habe.

Schnell suche ich das Weite, muss feststellen, dass ich humple und komme zittrig und mit wirrem Blick daheim an. Ich begutachte mein Bein. Alles scheint in Ordnung zu sein. Es tut weh, aber glücklicherweise ist nichts ernsthaftes passiert. In den kommenden Tagen, wird sich ein blöder Bluterguss bilden, aber auch der verblasst irgendwann. Nun geht´s wieder gut und fit wie ein Turnschuh!

Was bleibt ist die Gewissheit, dass indische Straßen unvorhersehbar sind und man sich keinesfalls sicher sein sollte. Ich hatte verdammt Glück! Ein paar Millisekunden später, oder früher und das Motorrad hätte schlimmeres anrichten können.

Was lernen wir daraus: Augen auf im indischen Straßenverkehr. 😀

PS: Ich würde mir am selben Abend doch nochmal Eier holen. Das 50-Rupien-Minusgeschäft konnte ich trotz schmerzenden Beins nicht auf mir sitzen lassen. Das Überqueren des Straße würde jedoch das Dreifache an Zeit beanspruchen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Fluch von Udaipur

„Vom 6. bis 10. Dezember 2017 fand in Udaipur, Rajasthan, ein Kongress über Frauen, natürliche Ressourcen und Lebensgrundlagen in Bergbaugebieten statt.

Dieser wurde von Dhaatri Trust, Keystone Foundation, Minen, Mineralien & PEOPLE und NTFP-EP organisiert.

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 Als nationaler und subregionaler Workshop brachte das Programm 40 Menschenrechtsverteidigerinnen aus Indien, Kambodscha, der Mongolei und den Philippinen zusammen. Indigene Frauen, Bergarbeiterinnen und Vertreter der Zivilgesellschaft nahmen daran teil, weil Frauen in ihren Ländern mit vielen Problemen beim Bergbau konfrontiert sind. Wie in der indischen Zawar Mine in Indien.

Die ist Eigentum von Vedanta, einer privaten, in der UK registrierten Firma, die im Untertagebau Zawar, Udaipur,  Tonnen von Zink fördert.

Die Bewohner nahestehender Dörfer sind mit ernsten Umweltproblemen konfrontiert und leiden still, aus Angst vor dem Unternehmen.

Es gab einige Medienberichterstattung über ihre Umweltprobleme, aber bisher wurde weder vom Unternehmen noch von der Regierung eine Reaktion beobachtet.

So wurde ein Feldbesuch in den Zinkminen in Udaipur organisiert, damit die Teilnehmer mit den betroffenen indigenen Frauen interagieren konnten…“


 Genau diesen Absatz habe ich in der letzten Woche unzählige Male hören müssen und wollte ihn am liebsten aus meinem Kopf verbannen. Dabei war ich es doch, der ihn erst zum Leben erweckt hatte..


 

Stellvertretend für unsere NGO Dhaatri war unsere Chefin in eben jenes Dorf, das die Teilnehmer des Kongresses besuchten, gefahren und filmte die Gespräche zwischen ihr und den leidenden Frauen, deren größtes Problem, das verschmutzte Wasser war. Die Bergbauabfälle wurden direkt in die Flüsse getrieben, die den Bewohnern des Dorfes als Lebensquelle dienen. Dieses Wasser ist nun Gift für die Menschen vor Ort, ihr Essen verdirbt, ihre Nutztiere sterben, sie selbst bekommen Fieber, müssen sich mehrmals am Tag übergeben und sowohl ihre Hände, als auch ihre Füße tragen Zeichen des Wassermangels.

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Die Männer des Dorfes sind bereits mehrere Male zur Company gegangen, um sich zu beschweren, doch sind bisher nicht weit gekommen.

Die Frauen befolgen die Regeln ihrer Männer ruhig zu bleiben und keinesfalls Aufsehen zu erregen, was sie schweigend über sich ergehen lassen, was jedoch für die NGO Dhaatri, als Frauenrechtsorganisation, nicht tragbar ist.

So fragt meine Chefin in den Videos mehrmals die Frauen, warum sie sich denn nicht beschweren würden, empfiehlt ihnen mit ihrem vergifteten Wasser zu den Verantwortlichen zu gehen, damit Chai zu kochen, um ihn den Leuten zu geben, damit sie verstehen, dass sie etwas gegen diese Art von Bergbau tun müssen.

Die Frauen scheinen zwar sauer zu sein, doch in den unterschiedlichen Video-Takes, die ich erhalten habe, wird deutlich, dass sie sich das nicht trauen werden.

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Ende Dezember erhielt ich nun die Aufgabe, die unterschiedlichen Filmausschnitte zusammenzuschneiden und zu übersetzen, da alle Dialoge hauptsächlich auf Hindi gesprochen wurden. Zu dem Zeitpunkt war mir jedoch noch nicht klar, dass ich NUR die Dialoge mit Frauen hätte zusammenschneiden müssen und nicht den ganzen Kongress, zu dem ich auch alle Filme erhielt. So überlegte ich mir ein gutes Konzept, einen logischen Ablauf, wie ich denn diese vier Tage gut, innerhalb 5-10 Minuten, zusammenbringen konnte.

Im Endeffekt war´s recht einfach.

Am Anfang des Seminars wurde überlegt, welche Themen besonders besprochen werden sollten, dann wurden Kleingruppen damit beauftragt, sich mit unterschiedlichen Sichtweisen des Bergbaus und dessen Problemen auseinander zu setzen. Dann kamen „Experten“, die Vorträge, über die wirtschaftlichen und sozialen Aspekte auf einen gemeinsamen Nenner brachten. Dann kam der Besuch des Dorfes und ganz am Ende eine tränenreiche Verabschiedung, in der die Menschenrechtsverteidigerinnen aus Asien erläuterten, wie sehr ihnen dieser Workshop geholfen hätte.

Kurzum: Anfang, Theorie, Praxis, Ende!


 

In genau diese vier Kategorien teilte ich die verschiedenen Filmausschnitte, schob die, dessen Sprache ich nicht verstand in einen Extra-Ordner und betitelte diesen als „Dont understand“ (Verstehe ich nicht).

So setzte ich mich mit Ashwini, einer unserer Mitarbeiterinnen, zusammen und ließ sie die ersten Videos auf Englisch übersetzen, was sehr lange dauerte, da viele, viele Menschen auf einmal sprachen.

Nach fünf Tagen kam jedoch die Stunde der Wahrheit, als meine Chefin mich fragte, wo ich denn vom Fortschritt her sei.

„Das solltest du doch nicht machen! Du solltest nur den Dorfbesuch zeigen! Jetzt hast du eine Woche umsonst gearbeitet!“ rief sie, als ich ihr erläuterte, was ich bisher getan hatte.

Verdammt! Dabei habe ich mich so sicher und produktiv gefühlt! Ich musste mein ganzes System verwerfen und war in der Tat sehr unglücklich darüber jetzt weniger zu machen, als vorher. Verstehe das, wer will! 😀

Gerade noch eine richtige, kleine Geschichte gehabt, hatte ich jetzt keinen Anfang und auch kein Ende. Ich hatte nur die Mitte.

Nichtdestotrotz begann ich, zusammen mit einer erbitterten Ashwini, die ihre anfänglichen Dolmetscher-Arbeiten auch umsonst gemacht hatte, die zweiten Übersetzungsarbeiten. Diese brauchten drei Tage. Sie sah sich die Clips an, hörte genau hin, spulte zurück, hörte nochmal genauer hin und sagte mir, was ich aufschreiben sollte.

Ich schrieb in mein kleines blaues Moleskin-Notizbüchlein, gut fünfzehn Seiten Text, mit genauer Zeitangabe nieder, schaute des Öfteren auf die Uhr, brauchte Ashwini länger, um das Wortwirrwarr zu lösen und kam mir vor wie in einer langweiligen Mathe-Stunde voller Nullstellenberechnungen.

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Dann war das Werk vollbracht, ich kramte meinen PC und mein Schneideprogramm hervor, hielt mich an die genauen Zeitangaben aus den Buch und begann den Text haargenau auf das Gesprochene draufzulegen. Im Grunde schuf ich meine ersten Video-Untertitel, wobei ich mich ganz wohl dabei fühlte. Bald war das geschafft, ich verpackte den fertigen Film in ein allseits lesbares Format und übergab ihn an die Dhaatri-Administration.


 

Einige Zeit lang schien die Aufgabe erledigt, ich fuhr nach Dallapalli, ging anderen Aufgaben nach und hatte die Frauen aus Udaipur schon fast vergessen, als Bhanu, meine Chefin, diese alte Kiste nochmals auspackte und meinte, ich solle doch ein Intro davor basteln. Zudem sollte ich die Gespräche kürzen. Nichts leichter als das, ich verkürzte alles ein wenig, schrieb eben jenen Einleitungstext vom Anfang, schnippelte ihn so zusammen, dass er mit dem Rest harmonierte, ließ Helen, die gerade da war und ein besseres Englisch sprach als ich, den Text einsprechen, verpackte den fertigen Film in ein allseits lesbares Format und übergab ihn an die Dhaatri-Administration.

„Yeah, das war´s!“ dachte ich mir, doch nicht´s da!

„Leo, da sind ganz viele Rechtschreibfehler drin! Die müssen raus. Außerdem hätte ich gerne ich gerne ein Outro“ kam es in einer Mail von Bhanu.

Ich sah mir mein Werk nochmal genauer an und vergrub meinen Kopf unter meinen Händen. Davor glaubte ich immer recht gut Englisch zu schreiben, nur die Grammatik sei manchmal etwas holprig, doch da hatte ich mich gewaltig geirrt.

Zu allem Überfluss hatte ich die Ursprungsversion des allerersten Videos nicht mehr parat. Ich hatte stets das fertige Video genommen und es dann weiterverarbeitet. Problem hierbei: Im Schnittprogramm hat man mehrere Spuren für Ton, Bild und Schrift, die man übereinanderlegt. Wenn du dieses Projekt dann zu einem fertigen Film konvertierst, bleibt im Grunde nur eine Spur übrig (Bild, Ton und Text sind sozusagen zusammengemanscht).

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Wenn du diese Datei nochmals ins Schnittprogramm einfügst und zufälligerweise die Arbeitsdatei, wie in meinem Fall, schon gelöscht hast, weil du dachtest, du brauchst dieses Projekt nie wieder, dann hast du Pech, weil du die Datei, nur noch kürzen und die Lautstärke ändern kannst.

Dementsprechend konnte ich die Rechtschreibfehler nicht einfach so beheben, wie es sonst möglich gewesen wäre, nein, ich musste über die Schrift schwarze Balken legen, um dann neuen Text drüber zu schreiben. Doof war, dass nicht jeder Satz Rechtschreibfehler hatte, es aber komisch aussah, wenn einige Untertitel einen schwarzen Balken hatten und einige nicht. Kontinuitätsfehler! So legte ich über jeden Text schwarze Balken, schrieb einen End-Text und ließ ihn von einer nicht ganz so begeisterten Helen (ihr gefiel ihre eigene Stimme nicht) einsprechen.

„Warum sind denn da jetzt schwarze Balken? Die sehen doof aus. Wäre es möglich zwei Versionen zu machen. Eine lange und eine kurze. Ich bräuchte eine zwei Minuten Version!“

Jedes Mal, kam ich von einer kurzen Filmbesprechung mit Bhanu zurück, schluchzte ich innerlich. Wie sollte ich aus 11 Minuten Film, zwei Minuten machen? Um keine Balken mehr zu haben, brauchte ich die Ursprungsversion, die hatte ich nicht, also kramte ich die einzelnen Filmtakes wieder raus.

Es benötigte zwei Tage, in denen ich bis weit über Arbeitsschluss arbeitete. Ich kürzte und schrieb, wie besessen, hörte immer wieder die gleichen Einführungswörter von oben und wollte zwischendurch mein Schnittprogramm aus dem Fenster werfen, stürzte es ab und zerstörte dadurch ungespeicherten Vorsprung.



 

Ich sitze in Bhanus Büro. Ich habe es geschafft einen elf Minuten-Film auf 2:15 min herunterzukürzen. Wir schauen uns diese Kurzversion genauer an. Ihr Blick ist kritisch, beäugt jeden einzelnen Frame, jeden einzelnen Buchstaben, auf der Suche nach Rechtschreibfehlern..

Der Bildschirm wird schwarz. Einige Zeit sitzen wir einfach nur da. Schweigend. Dann schauen wir uns direkt in die Augen, Bhanu hält kurz inne. Es ist so als stände die Welt für einige Sekunden still, so als ob jeder Mensch auf dieser Welt den Atem gespannt anhalten würde. Millisekunden vergehen. Dann, plötzlich explodiert die Welt, lässt ihrem Atmen freien Lauf:

„Very good! Gut gemacht! Das kann ich so weiterleiten.“ Bhanu strahlt. Ich lasse die angestaute Luft befreit aus meinen Brustkorb heraus, springe grinsend auf und bedanke ich glückstrahlend. Der Fluch von Udaipur hat ein Ende gefunden! Ich habe ihn besiegt!

 

Hier die Dropbox-Links zum langen und kurzen Video:

Short-Udaipur-Video

Long Udaipur-Video

Erleichtert springe ich nach unten zu meiner Arbeitsstelle und sende die Datei an meine Chefin und hoffe nie wieder einen Finger dafür krumm machen zu müssen, bis mir der furchtbare Zynismus in meinen Gedanken klar wird. Meine Aufgabe ist zu ende. Die, der Dorfbewohner, deren Wasser-Probleme ihnen immer noch stark zusetzen, ist noch lange nicht getan. Für mich waren sie im Grunde nur Kamerafutter, ein Projekt, dass es so schnell wie möglich zu beenden galt.  Für mich sind sie jetzt weg, nicht mehr da, so als ob sie nie existiert hätten, obwohl ihr Problem ganz allgegenwärtig ist.

Dieses Phänomen, so schwant mir, scheint eins der typischen Gesichter des heutigen Journalismus zu sein. Nach einer Story kommt bereits die Nächste. Klar, es war so gesehen, nur ein Auftrag, dem wirklichen Problem widmen sich andere, aber irgendwie macht mir das doch gerade sehr zu schaffen…

 

 

Der große Feind

 

„Klack, Klack, Klack!“ macht der Tennisschläger-artige Schläger, wenn er auf einen Moskito trifft. Selten so ein befriedigendes Geräusch gehört! Das elektrisch aufgeladene Teil verkokelt die kleinen Biester auf der Stelle und lockt bei mir die sadistische Moskito-Killer-Seite zum Vorschein.

Aus weiter Ferne hört sich der Mücken-Killer an wie ein ratterndes Maschinengewehr, kommt er an einem Hort der Plagegeister vorbei.

 

Sie haben es echt verdient, die Moskitos, diese schlafraubenden, blutsaugenden, zähen Mücken. Jetzt, in der Übergangszeit vom indischem Winter zum indischen Sommer, sind sie unerträglich. Gegen Abend ist ihre Stunde gekommen und wehe du gerätst unter ihre Fittiche. Dann ist dein entspanntes Leben vorbei!

 

Indische Häuser haben es wohl alle gemein, dass es weder Fensterscheiben, noch Türen ohne große Lücken gibt. Meist besteht ein Fenster nur aus einem Gitter und einem Fliegennetz und eine Tür ist niemals völlig von der Welt draußen abgeschlossen. So haben es die Blutsauger leicht ins Haus zu kommen auf der Suche nach dem nächsten Opfer. Arbeitet man gegen halb sechs Abends noch unten am Computer, so würde es kaum einen Unterschied machen, ob man draußen, oder drinnen sitzen würde. Schlicht und einfach machen sie dein Leben zur Hölle und du erleidest dicke Stiche an Stellen, wo du bisher noch nie gestochen wurdest.

An den Zehen beispielsweise. Oder an er Handinnenfläche. Oder am Ohr! Oftmals scheinen die größten Feinde der entspannten indischen Lebensweise sogar resistent gegen moskito-abweisende Creme zu sein.

In der Nacht sind sie am schlimmsten, wenn sie an deinem Ohr vorbeifliegen und ihr Lied nach Blut singen. Man liegt entspannt da, hört das Summen und schlägt außer sich vor Wut nach dem Geräusch.

Ein Mückennetz über dem Bett aufhängen kann man nicht, sodass nur eine Möglichkeit übrig bleibt, um den Stichen zu entgehen:

Zur Vermeidung einer schlaflosen Nacht, habe ich eine total tolle Methode geschaffen, die überall Nutzen findet und dazu unfassbar doof aussieht:

Ich schlafe jetzt mit Kapuze, Schal und stinkenden Strümpfen. 😀 Hätte ich Handschuhe, so würde ich auch diese anziehen, denn oftmals hängt eine unbedeckte Hand aus der dünnen Decke heraus. Unbefleckt bleibt diese nicht lange. Die Mücken finden eine Schwachstelle, das ist gewiss!

Den Schal tief über die Augen gezogen, bleibt oftmals nur meine Nase und mein Mund frei vom Stoff, sodass ich des Nachts fast einer männlichen Burka-Trägerin gleiche.  Tatsächlich hilft diese Tarnung. Bestimmt konnte ich so einigen Blutsaugern die Jagd nach Blut erfolgreich versauen.

Jedoch kann ich mich, so dick eingepackt wie ich bin, jetzt nicht mehr vor der Hitze schützen, die insbesondere vom April bis Juni kommen wird. Dazu wird es noch mehr Kreativität bedürfen.

Vorerst mache ich erst einmal an die Arbeit und gehe auf die immerwährende, niemals endende Jagd. Meine Feinde ruhen nicht…

 

 

 

Holi

Es ist heiß. Schwüle, drückende Luft liegt über der Straße. Die Sonne brennt unbarmherzig auf den einsamen Highway hernieder. Ein paar Straßenhunde liegen, sich vor der Mittagshitze schützend unter einem großen, staubigen Laster am Straßenrand, der so schnell nicht mehr fahren wird. Kaum Autos sind unterwegs und wenn dann doch eins die Autobahn entlangbrettert, wirbelt es Staub auf und zieht eine riesige Wolke hinter sich her.

So auch ein kleines, blaues Auto, das am flirrenden Horizont auftaucht und am vergessenen Laster mit den Hunden darunter vorbeirauscht. Die Fenster sind heruntergekurbelt und Musik tönt laut aus den kleinen Boxen des Vehikels.

„Menschen, leben, tanzen, Welt“ ein Spaßlied von Jan Böhmermann, schallt aus dem Auto und man hört, wie sieben Leute im Inneren laut mitgrölen, während zwischendurch kleine „Aua!“-Rufe das Lied unterbrechen, holpert Wagen über verstecke Bodenwellen.


Ich sitze hinten, zwei meiner Freunde neben mir und eine auf mir. Vorne auf Moritz´ Schoß sitzt Helen, den Kopf aus dem Fenster gelehnt. Ihre Haare flattern im Wind, sie hat die Augen geschlossen, scheint zu genießen und irgendwie sieht sie just in diesem Moment aus wie einer dieser Darstellerinnen aus den Bierwerbungen, die mit dem Slogan „Folge deinem inneren Kompass“ am Deck eines Segelschiff stehen, ein „Becks“ trinken und verträumt auf´s Meer hinaus schauen.

Wir wollen zu einer Pre-Holi-Feier, zu der einige Freiwillige von uns eingeladen wurden, die auf der Stelle auch uns mit ins Boot holten. Das Holi-Festival, das Fest der Farben, ist zwar erst in einer Woche und doch können manche Inder wohl nicht mehr darauf warten. Verständlich, wie wir später feststellen werden.


Holi ist eines der ältesten Feste Indiens. In diesen Tagen scheinen alle Beschwernisse durch Kaste Geschlecht und Alter aufgehoben, es wird ausgelassen gefeiert und die Menschen bewerfen sich gegenseitig mit gefärbtem Pulver, oder Wasser.

Am ersten Tag entzündet man in der Nacht ein Feuer und verbrennt darin eine Figur aus Stroh. Warum? Es gibt einen bestimmten Mythos: Der kindliche Prinz Prahlada soll von seinem Vater überredet werden, ihm alle göttliche Ehre zu erweisen.

Prahlada will aber nur an Gott Vishnu glauben und deswegen versucht ihn sein Vater mit allen erdenklichen Mitteln zu töten, weil er ihn für ungläubig hält. In diese Streitigkeiten mischt sich jedoch Vishnu höchstpersönlich ein und legt fest, dass Prahlada nicht am Tag und auch nicht der Nacht, nicht von einem Mann und auch keiner Frau, nicht draußen und auch nicht drinnen, getötet werden könne. Der König beißt sich daran eine Weile die Zähne aus, bis er zu einer List greift. Seine Schwester Holika, die durch besondere Kräfte vor dem Feuer geschützt ist, soll mit Prahlada auf dem Schoß ins Feuer springen und ihn so verbrennen. Das geht aber gehörig schief, denn als die beiden in die Flammen steigen, bleibt von Holika nur ein Häufchen Asche übrig. Das Kind aber überlebt.

Demnach feiern heute die Menschen die Vernichtung der Dämonin. Die Auslöschung des Alten und die Erhebung des Neuen. Dazu wirft man Farben in Menge, da jede Farbe eine ganz bestimmte Bedeutung für das Leben haben soll.

Blau beispielsweise ist ein Zeichen, dass das Böse existiert, dieses aber durch gute Taten und Tapferkeit eingedämmt werden kann. Vishnu, der auch als „der mit dem blauen Hals“ betitelt wird, hatte einst einen Topf voll Gift getrunken, um die Schöpfung möglich zu machen. Er, als Symbol für blau, hat das Böse überwunden. Grün ist die Farbe der Natur, des Friedens und der Glückseligkeit. Es ist die Farbe von Vishnu, der die meiste Zeit seines Lebens im Exil im Wald verbrachte. Und rot ist die Farbe der Hochzeiten, des Lebens, der Festivals und des allgemein Positiven.


Zu viele von uns waren in dieser Nacht bei der Abhaya-Schule und zu viele von uns wollten darauf verzichten Geld für ein Uber zu bezahlen, dass uns ans andere Ende der Stadt bringen hätte können.

So stiegen wir alle Mann ins kleine klapprige Auto und hier sind wir nun, hören 10 Jahre alte Klassiker von damals und grölen mit, währenddessen wir über den Highway rasen.

Die, die es können, strecken ihre Köpfe zum Fenster hinaus und jubeln Indien so entgegen, als gäbe es kein Morgen mehr. Je schneller wir werden, desto besser fühlen wir uns und just in diesem Moment hätten wir auch genauso einen Roadtrip durchs Land machen können, so gut fühlt es sich an, hier zu sein.

„Dafür lohnt es sich, das Leben!“ ruft Lion von links, während wir „Human“ von den Killers hören und sich eine leichte Gänsehaut auf meinen Armen ausbreitet.

So fahren wir mehr als eine Stunde dahin und irgendwann wird es mir doch etwas unbequem mit Tine auf dem Schoß und schwindend geringen Möglichkeiten sich auszudehnen.

Dann plötzlich sehen wir auf der anderen Seite der Straße ein buntes Zelt aufragen und wissen, dass wir da sind. Als wir auf einem großen Parkplatz parken, neben uns teure Autos stehen sehen und laute, westliche Musik aus dem Zelt zu uns herüber lärmt, wissen wir sofort, dass wir uns irgendwie fehl am Platz fühlen. Das ist definitiv eine Feier der High-Society Indiens. Als wir eintreten, sehen wir viele Menschen in weißen Markenklamotten, eine riesige Bar mit allerlei alkoholischen Köstlichkeiten, ein Büffet mit gerade frisch zubereiteten Delikatessen, einen Pool, viele Kameramänner, mit Kamera-Drohne und teuer aussehenden Stativen.

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Ich habe ein aussortiertes, weißes Shirt mit Löchern an, schiele zu Lion hinüber und lache peinlich berührt, als ich bemerke, dass auch er sehr überrascht von der Gesamtsituation ist.

Irgendwas haben wir erwartet, aber nicht das. Ein kleiner, lustiger, junger Mann, mit zurückgekämmten Haar, weißem Sacko und Piloten-Sonnenbrille begrüßt uns freudig, macht ein Selfie mit uns meint, dass er der alleinige Veranstalter dieser Festlichkeit ist. Dafür muss er bestimmt tief in die Tasche gegriffen haben.

Nach späterer Recherche wird sich feststellen, dass dieser Mann, Kishan Lohiya, Finanzdirektor eines indischen Speiseölprduduzenten ist. Fröhlich tänzelnd und gestikulierend wie ein wahrer italienischer Macho, springt er durch seine Gäste hindurch und freut sich über jeden einzelnen. Auf fast allen Bildern seiner angeheuerten Kameramänner scheint er darauf zu sein, besonders dann wenn Mädchen anwesend sind, stellt er sich besonders gerne dazwischen. Coole Socke, der Dude!

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Man hat übrigens das Geld einen Schokoladen-Pool, nur aus Schokolade bestehend, neben den richtigen Pool zu stellen, damit sich ganz mutige Partygänger auch in Essen suhlen dürfen.

So abstrus diese Veranstaltung auch ist, wir finden´s lustig, bestellen uns einen „Sex on the beach“ und entdecken danach das, warum wir hier sind: Den Tisch der Farben!

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Rot, gelb, rosa, grün, blau, weiß…alle möglichen Farben, stehen dort als Pulver bereit und wir können uns schlichtweg einfach nicht zügeln die Schlacht zu nicht zu beginnen und prompt landet in Lions Haaren ein Haufen gelbes Pulver. Die Rache lässt nicht lange auf sich warten, ich bekomme ganz viel rot ins Gesicht geschleudert. Von der Seite kommt Stella mit grün, die eine gehörige Blau-Rosa-Kombination von Moritz abbekommt. Im Nu sind wir alle farbenreich bedeckt und haut man jemandem auf die Schulter, so staubt er, als hätte er sich vier Jahre nicht gewaschen. Das Weiße meines Shirts ist kaum mehr zu sehen und so falle ich unter all diesen feinen Menschen kaum mehr auf und wirble, wie alle anderen als kleine Farb-Furie durch die Gegend. Riesige Ventilatoren wirbeln die Farben durchs Zelt, machen die Luft bunt und kühl. Die drückende Hitze draußen bemerkt man so fast gar nicht, weshalb sich manche kühn auf die Tanzfläche schwingen und sich im Rausch der Farben gehen lassen. Manche schmeißen sich in den Pool, ziehen andere mit sich und bestimmte Leute entdecken, neben dem Farbpulver Plastiktuben mit Erdbeer-und Schokosoße, die nun auch wild in die Gegend gespritzt wird. Bald rieche ich nach Erdbeere und schmecke sogar danach!

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Die Party gerät ins Rollen, jeder kämpft gegen und bald sehen wir alle aus, wie kleine Fantasie-Kreaturen. Diejenigen, die einen Hauch zu viel rot im Gesicht haben, sehen aus, als entstammen sie tatsächlich aus einer blutigen Schlacht, andere sind irgendwie braun geworden und sehen aus wie Orks, gerade frisch aus dem Boden herausgewachsen.

Gegen Abend treten wir Freiwillige hinaus aus dem Zelt und lassen uns auf die Wiese nebendran fallen, kugeln lachend übereinander und pulen uns erste Farbreste aus den Ohren. Wir wirken uns so vertraut, wollen gar nicht wieder gehen, machen artistische Kunststücke, kichern und grinsen, müssen aber bald das Weite suchen, als gegen Sonnenuntergang der Veranstalter, mittlerweile sehr angetrunken, das Fest für beendet erklärt.


Eine Woche später jedoch, ein paar Blondhaarige unter uns, haben immer noch grün-rote Strähnchen, treffen wir uns alle schon an der Abhaya, der Waldorfschule zweier Freiwillige, wieder. Dieses Mal wollen wir mit den Kindern der Schule feiern, diese haben jedoch kaum Pulver dabei, was bei unserer Privatparty jederzeit nachgereicht wurde, nein, sie bestehen auf schlammige Wasserfarben.

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So entsteht eine riesige Schlammschlacht, von allen Seiten klatschen dir Leute bunten Schlamm ins Gesicht und insbesondere ich halte gehörigen Abstand, hatte ich doch vorher meine Kamera, mithilfe von Plastiktüten, so eingepackt, dass sie resistent für Pulver sei. Gegen Wasser, ist meine Verkleidung jedoch hilflos dem ausgeliefert was da kommt. Die Kinder haben gewaltigen Spaß und auch wir, sind bald klatschnass und ähneln vorurzeitlichen Schlammmenschen. Es ist nicht das, was wir erwartet haben, aber genau das macht es gut!

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Am Ende des Tages brauchen wir alle dringend eine Dusche und während wir alle wieder zu normalen Menschen werden, die Farben im Abfluss verschwinden und Schlamm aus unseren Haaren trieft, geht mir ein Gedanke durch den Kopf: Ich will nochmal!“

Workaholic

„Dort, über diesen Hochhäusern geht die Sonne unter. Letztes Mal versank sie im Smog der Stadt“, sage ich zu Helen und zeige nach Westen, während wir beide über die einschlafende Metropole blicken, die uns zu Füßen liegt. Die Luft ist klar und trägt wenig Geräusche vom lärmenden Moloch namens Hyderabad zu uns herauf. Die Sonne ist bereits untergegangen, wir mussten uns den Weg, die steilen Treppen hinauf zum Felsplateau, mit der Taschenlampe ausleuchten, sitzen nun hier und haben einen atemberaubenden Überblick. Wir können von hier aus unserer Viertel, mitsamt der Reichensiedlung, wo Bhanu, meine Chefin, lebt, sehen. Blicken wir in die andere Richtung, so erheben sich massive Hochhäuser und blickende Lichter über den Gegenden der Reichen, bis hin zum weit entfernten Flughafen. Ein Flugzeug hebt gerade in die Luft und verschwindet im immer dunkler werdenden Horizont.


Verwunschen und zugewuchert liegt ein schmaler Pfad, 100 Meter unter uns, der direkt auf diesen Berg führt. Dieser liegt wahrlich nicht weit weg vom Office und doch war ich bisher nur einmal hier. Zusammen mit Merlin, Skrollan und Toni. Damals blickten wir gemeinsam der untergehenden Sonne entgegen und versuchten lustige Gruppenfotos von uns zu schießen.

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„Das hätte ich gerne gesehen“, gesteht Helen. Seit sie vor vier Tagen aus Hospet von unserer Partnerorganisation „Sakhi“ nach Hyderabad kam, um sich aufgrund körperlicher Probleme nach einem guten Arzt umzusehen, haben wir beide die Gegend, nach Arbeitsschluss, rund ums Office genauer unter die Lupe genommen und so einige schöne Plätze, abseits des Lärms, gefunden. Vorher war mir nie wirklich bewusst gewesen, dass man lediglich 100 Meter laufen hätte müssen, um diese ausfindig zu machen.

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Ab und zu bedarf es dann also einer neugierigen Person, die einem neue Wege zeigt, obwohl sie diese selbst noch nicht kennt.


Wie einen traurig dahinvegetierenden Friedhof, bewacht von fünf kläffenden Straßenhunden, die auf ihre Gräber aufpassen wollen. Verwildert und längst aufgegeben scheint dieser Totenacker zu sein, doch finden wir, beim genaueren Hinschauen Gräber, die erst aus diesem Jahr stammen.

Nach weiteren Erkundungsausflügen finden wir noch mehr solcher Anlagen, ebenso verfallen und ungepflegt, wie die Erste. Alle gehören jedoch unterschiedlichen Religionen an, ein Friedhof ist christlich, der andere muslimisch und ein Dritter hinduistisch, wo wir uns allerdings die berechtigte Frage stellen, ob es wirklich sein kann, dass Hindus Begräbnisstätten für ihre Toten auslegen. Verbrennen sie diese nicht einfach? Und welchen Wert haben die Verstorbenen in Indien? Bestattungszeremonien werden groß, mit viel Pomp, veranstaltet, doch danach scheint es so zu sein, als würde man sich nicht weiter für den Toten interessieren..

Einfach der Nase nach wandeln wir durch das Labyrinth der Häuser, sind oftmals mehr als zwei Stunden unterwegs, kaufen uns zum Schluss oft eine Wassermelone, lassen uns danach glücklich auf unsere Matratzen nieder und schauen was bei Netflix so geht.


An diesen Tagen bin ich froh, dass wir nur zu zweit sind. Ab und zu ist es irgendwie schön, wenn einige Leute sich anderswo aufhalten. Nicht, dass ich die Mädels nicht mögen würde, nein, ich habe sie sogar sehr gern, aber ein ganzes Zimmer fast für sich allein zu haben, ist manchmal doch recht cool. Toni macht Urlaub in Kerala und Skrollan….nun ja, die ist das dritte Mal in kürzester Zeit in Dallapalli, was ihr nicht unbedingt gefällt. In den letzten Wochen mussten insbesondere die Mädchen viel wegstecken, was unter anderem immer noch auch an unserer Chefin, der Bhanu liegt.

Sie werden oftmals von ihr beschimpft und so gut wie nie erhalten sie Lob. Selbst zu ihrem sehr gelungenen Basar bei den olympischen Spielen, werden sie keine guten Worte bekommen, was beide jedoch auf jeden Fall verdient hätten. Einen Tag vor den Olympics gerade aus dem Dorf wiedergekommen, eine anstrengende Reise hinter sich, backen sie bis spät in die Nacht, stehen früh auf, verkaufen bis in den frühen Abend hinein, stellen fest, dass sie bereits ausverkauft sind, müssen nochmals in die Stadt fahren, um neue Zutaten zu holen, damit sie wieder lange nach Mitternacht backen können. Anderthalb Tage später, beide bräuchten eigentlich Schlaf und kränklich sind sie auch, wird erst Toni in die Fields geschickt, dann, nach zwei Tagen, Skrollan. Als sie wiederkommen, erhalten sie weder Anerkennung, noch Lob von unserer Mentorin, obwohl sie gute Dinge geleistet haben. Ich komme bei der ganzen Geschichte recht gut weg. Durch meine Bilder und Videos erhalte den Beifall ihrerseits und das Video der Kinder-Krabben-Jagd wird als „lovely“ von ihr bezeichnet.

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Jedoch komme ich auch nicht umhin unter ihre Räder zu kommen. Im letzten Eintrag habe ich bereits darüber geschrieben, dass bei meinem letzten Trip mein Zug zurück nicht bestätigt wurde, ich deswegen oftmals nachfragte, wie denn der neuste Stand sei.

Im Endeffekt kam ich unter anstrengenden Umständen daheim an. Mir folgte jedoch ein übles Missverständnis. Die Mitarbeiter auf dem Dorf schienen meine Anfragen so interpretiert zu haben, dass sie glaubten, ich wolle möglichst schnell weg, was niemals der Fall war.

So hielt mir Bhanu wenig später eine Standpauke, wie unsinnig es sei, mich jetzt noch nach Dallapalli zu schicken, wenn ich eh keine Lust darauf hätte. Da könnte man sich das ausgegebene Geld doch sparen, so unsinnig es im Endeffekt doch investiert sei.

Im Endeffekt prangerte sie den Sinn meines persönlichen Freiwilligendienstes an und meinte, ich sei grundlegend nicht fähig dazu ein solch soziales Engagement zu leisten.

Ich kam in der Zwischenzeit nicht einmal zu Wort, da sie keine Argumente von mir duldete.


Das hat reingehauen.

Gut zwei Tage dachte ich über ihre Sätze nach und wurde zunehmend wütender auf sie, da ich für mich selbst wusste, dass ich eben doch fähig war einen Freiwilligendienst gut zu managen. Solche Demütigungen waren kein Einzelfall. Schon oft, in diesem halben Jahr saßen wir Freiwilligen zusammen und überlegten, wie wir etwas besser machen könnten, damit Bhanu zufrieden sein würde.

Es ist nicht so, dass diese Frau uns unsympathisch wäre, nein sie ist eine wahnsinnig nette, intelligente, wunderbare Persönlichkeit zu der man aufschauen kann. Sie hat es mit ihrer NGO geschafft ein Gesetz zu machen, dass tatsächlich anerkannt und verabschiedet wurde. Sie trägt die alleinige Last von dieser ganzen Organisation auf ihren Schultern, fährt zu Kongressen und Meetings, arbeitet bis spät in die Nacht hinein und verlangt dementsprechend ähnliches von ihren Mitarbeitern. Klar, in dem Sinne, sind wir keine Mitarbeiter, sondern nur Freiwillige, aber trotz dessen ist dort eine gewisse Anspannung.

Merlin hatte einstmals formuliert, dass sein Blutdruck anfangen würde zu steigen, käme sie ins Office und auch Skrollan beschrieb, die Anwesenheit Bhanus als „sehr belastend“, was auch auf diese Anspannung zurückfällt, die plötzlich herrscht, wenn sie erscheint.

Zudem sind wir tatsächlich in sehr große Fußstapfen getreten. Die erste Freiwilligen-Generation bei Dhaatri hat scheinbar gerockt und bisher haben wir es nicht geschafft und werden wohl unser eigenes Image, dass Bhanu jetzt von uns hat, wahrscheinlich nicht mehr loswerden….


Helen und ich sind auf dem Rückweg. Der Berg liegt hinter uns und wir entscheiden uns kurz in Bhanus Wohnung vorbeizuschauen, da sie etwas kränklich ist und wir ihr „gute Besserung“ ausrichten wollen.

Als wir in ihrer Wohnung stehen, sitzt die kranke, hüstelnde Frau an ihrem PC und arbeitet. Sie freut sich sichtlich über uns, kann aber nicht verbergen, dass sie eigentlich in einem Stadium wäre, wo sie lieber im Bett sein sollte, als hier zu sitzen. So verabschieden wir uns nach einem kleinen, lieben Gespräch und atmen aus, als wir wieder draußen sind.

Bhanu braucht Erholung, nicht noch mehr Arbeit. Sie ist immerhin nicht mehr die Jüngste, kämpft mit ihren Kritikern und muss eine ganze Organisation leiten. Klar, ist es dann anstrengend noch drei deutsche Jugendliche zu bespaßen.

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Das Problem ist, dass ihr keiner aus unserer Organisation sagen wird, dass sie mal auf die Bremse treten sollte. Alle indischen Mitarbeiter buckeln vor ihr, was wohl an ihrer höheren Kaste liegen mag und das ist vielleicht das größte Problem was sie hat.

Ich kann über ihre Beleidigungen gegen mich gut hinwegsehen, weil ich weiß, dass es im Endeffekt nie wirklich ernst von ihr gemeint ist. Das scheint mir auch eine indische Eigenschaft zu sein, dieses kurze Übertreiben und Aufspielen, denn drei Tage später ist meist alles wieder gut, sie lädt mich zum Tee ein, lobt meine Arbeit und freut sich, dass ich da bin. In diesen Momenten zeigt sie, dass sie uns eigentlich doch lieb hat und auch will, dass wir glücklich sind

Unsere Chefin ist ein Workaholic und ich finde ich kann darüber froh sein, von ihrem Eifer mitgezogen zu werden, auch wenn es manchmal sehr schmerzt, was sie sagt. Jedoch hat niemand gesagt, dass es leicht wird…


Daheim machen Helen und ich uns einen sehr leckeren Salat mit Pinienkernen und Balsamico-Essig, setzen uns gemütlich vor den PC und schauen einen absoluten Klassiker der Filmgeschichte: „Shining“ von Stephen King.

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Wir beide müssen feststellen, dass wir gerne zu dem Felsplateau zurückwollen. Diesmal etwas früher, damit wir den Sonnenuntergang vor uns haben und beobachten können, wie die Sonne hinter den großen, im Smog eingehüllten Hochhäusern, versinkt…

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