Stöckelschuhtourismussafari – Nepal Teil 3

My paddle´s keen and bright

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing

 

Dip dip and swing them back

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing….


 

Mein Paddel durchdringt die glitzernde Wasseroberfläche, taucht tief ins kalte Nass. Angetrieben vom kalten Wind schiebt sich das Kanu vorwärts. Gleichmäßig zieht es dahin, während sich immer größer werdende Kreise im Wasser vom Boot aus zum Ufer bewegen.

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Große Vögel fliegen mit breiten Schwingen über mich hinweg, dem dämmernden Horizont entgegen, bis sie von den Berghängen jenseits der Seestadt verschluckt werden. Schlag für Schlag ziehe ich das Ruder durchs silberne Wasser, immer und immer wieder, die Stille um mich herum genießend. Ein Lied, oder eher ein Kanon, durchsetzt meine Gedanken, während Lion auf einem Stand-up-Paddelboard an mir vorbeizieht. Ein Song, den wir damals beim Zwischenseminar meiner Entsendeorganisation sangen und für einige, mich eingeschlossen, schnell zum Ohrwurm wurde.

Im Grunde spiegelt er genau meine Situation wieder, weshalb ich wahrscheinlich darauf gekommen bin ihn vor mich hinzusummen…

Mein Paddel ist scharf und hell, blinkt wie Silber..

Folge dem Flug der weißen Gans

Dip, dip and swing..

Dip, dip and swing them back,es blinkt wie Silber

Folge dem Flug der weißen Gans

Dip dip and swing…

 „Ich stelle mir immer die alten Völker aus Amerika vor, wie sie in ihren Kanus über die Flüsse rauschen, neben ihnen laufen Büffel und über ihnen fliegen dutzende Wildgänse…“ hatte damals jemand gesagt, als wir das Lied sangen und seitdem hatte ich immer dieses alte, irgendwie mystische Bild im Kopf, stimmte wer zum Kanon an.

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Nun, ich bin jetzt weder in Amerika, noch laufen Büffel neben mir her, nein, ich bin in Pokhara, Nepal, nahe der schneebedeckten Ausläufer des Himalayas. Bei besonders klarer Luft könne man von hier aus die weißen, gewaltigen Gipfel des ewigen Urzeitgebirges sehen, doch jetzt liegt ein Gewitter in der Luft. Dicke, schwere Wolken ziehen gen Norden und verhindern den Blick in die weite Ferne, während ich auf dem riesigen See im Westen der nepalesischen Großstadt, meine Runden ziehe.

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Zwischen den grünen Bergzipfeln des Bergkessels, der Pokhara umgibt, schiebt sich eine graue regnerische Wand vorwärts, der Wind dreht, beginnt stärker zu werden und vereinzelte Tropfen beginnen auf uns Beide hernieder zu fallen. Ich recke den Kopf nach oben, schließe die Augen und sauge die frische Bergluft tief in mich hinein. Wir müssen wieder ans Ufer, das weiß ich. Bei Gewitter auf einem See zu sein, ist strategisch eher unklug, doch ist der See so unglaublich schön.

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Hier herrscht absolute Stille, ganz im Gegensatz zur Uferpromenade, wo Händler den Touristen laut ihre Ware feilbieten. Nahe des Ufers sind noch einige kleine Bote unterwegs, jeweils mit einem Ruderer und mehreren chinesischen Urlaubern, die, vollkommen in ihrem Element, alles fotografieren, was ihnen vor die Linse kommt. Selbst wir entgehen nicht dem Blitzen der chinesischen Fotoapparate.

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Pokhara ist berühmt für dessen großen See, wo in guten Tagen viele kleine Kanus vor Anker liegen und am Rand des Wassers alte, knorrige, Mangroven-ähnliche Bäume in den Himmel ragen. Schmetterlinge und eine exotische Vielzahl von Vögeln leben hier und lassen die Stadt irgendwie lebendiger und bunter wirken, als das graue Kathmandu, dass wir vor zwei Tagen verlassen haben.

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Gestern wollten wir, ganz nach alter Hyderabad-Manier den See umrunden, doch ist dieser keineswegs so verhältnismäßig klein wie der Hussein Saga in der Heimat. Nach zwei Stunden Fußmarsch mussten wir einsehen, dass wir nicht mal ansatzweiße weitergekommen waren.

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Auch, so müssen wir nach einiger Recherche feststellen, gibt es keinen Wanderweg am See entlang. Dort ist nur ewiger Dschungel und das ist auch gut so, dass die Menschen nicht überall hinkommen. Manchmal muss es Geheimnisse geben, die wir einfach nicht anrühren sollten, um sie weiterhin so bestehen zu lassen, wie sie sind.

 


Das hätte man auch in den Tempelanlagen von Kathmandu machen sollen. Sie geschützt zu lassen, statt sie zu einem Platz für Touristen zu machen.

Vor einigen Tagen entschieden wir uns zu einem heiligen Fluss zu gehen, wo ganz nach hinduistischen Brauch die Toten, in einer besonderen Zeremonie, verbrannt wurden.

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Doch statt einer ehrfürchtigen Stille aus Respekt für die verbrennenden Leichen,  erlebte ich ein Gefühl der Scham gegenüber den Menschen, die hier Sightseeing betrieben, ihre Kamera klickend unablässig auf die Scheiterhaufen hielten und Selfies vor den Verbrennungsstätten machen. Das wirkte auf mich wie eine große Perversion. Klar, ich zählte auch zu den Touristen dazu, aber beschloss für mich von diesem heiligen, besonderen Ort für die Toten, kaum Bilder zu machen. Ausgenommen von den Sadhus, den heiligen Mönchen des Hinduismus, deren sich viele einem streng asketischem Leben verschrieben haben, machte ich Fotos, währenddessen diese eine chinesische Rentnergruppe heiligten, die fröhlich mit ihrem Fotoapparat draufhielten.

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Besser wurde es auch nicht, als wir uns entschlossen zu einem buddhistischen Tempel zu gehen. Wir dachten uns, dass die Stätten des Buddhismus weitaus ruhigere Menschen anlocken würden, doch damit lagen wir falsch. Vielleicht kamen wir einfach zur falschen Zeit durch Kathmandu, war doch gerade der erste Tag des neuen Jahres 2075 angebrochen, wodurch viele Nepalesen einen ihrer freien Tage nutzten, um „Stöckelschuh-Tourismus“ zu betreiben.

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Stöckelschuh-Tourismus (eine Wortneuschöpfung meinerseits) beschreibt im Grunde das Aufsuchen besonderer Plätze in einem kompletten Over- oder Underdressing. Stöckelschuhe, Hot-Pants, Shorts, Badehose und Selfiestick miteinbezogen. Unsere buddhistische Anlage war überfüllt mit ebensolchen Gestalten die vor dem Tempel Selfies schossen und ich beobachtete ein junges Mädchen dabei, wie sie von ihren Freunden dabei fotografiert wurde zu dabben.  Ein DAB ist, für die etwas älteren Leute unserer Blogcommunity, eine Art Jugendtrend der letzten Monate, der heiß einhergeht mit dem Bottleflip- und dem Fidget Spinner-Boom und hat meines Erachtens nach nichts in religiösen Orten zu suchen.

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Drum waren wir doch etwas froh den Stöckelschuh-Tourismus, nach dem Besuch in Pokhara, vollends zu entkommen, als wir uns entschieden zum großen Nationalpark von Chitwan zu fahren.


Der Weg nach Pokhara, Kathmandu, oder auch Chitwan, bot uns derweil ein genaueres Abbild von Nepal und dessen Bevölkerung, deren Einwohner nur zu 17 Prozent in den Städten wohnen. Der Rest lebt in den Bergen, in Häusern die dicht am Abgrund stehen und wo man sich fragt, wie diese überhaupt den Gezeiten der uralten Gebirgsketten trotzen.

Über eine einsame, mit Schlaglöchern gespickte Bergstraße hinwegrollend, sehen wir, Dörfer, die wie aus dem Stein gehauen, da liegen. Alte, bröcklige Backsteinhäuser, mit kleinem bunten Vorgärten, Bananenstauden und alten, knorrigen Bäumen, die Trauerweiden und Mangroven ähneln, zieren die Landschaft, die vom Berg abseits fallenden, beinahe fließend wirkenden Reisterrassenkaskaden geprägt ist.

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Das Gebirge selbst wirkt anders als die, die ich bisher gesehen habe. Es wirkt mächtig, die Zeit überdauernd, währenddessen man sich selbst vergänglich fühlt. Ein unbeschreibliches Gefühl. Dabei sind diese Berghänge gerade einmal die Vorstufe vom Himalaya.

Die Menschen die auf den Gipfeln dieser Steinriesen wohnen, können unterschiedlicher nicht sein, stammen sie doch von unterschiedlichen Volksgruppen und Flüchtlingsvölkern ab, die alle in Nepal ein Heim gefunden haben.

Von traditionell zu modern, sehen wir alle möglichen Typen von Menschen, die in ihren Bauernhof-ähnlichen Gebäuden ihr Leben fristen und irgendwie wirken sie, genauso wie in der Stadt, fröhlicher, als in Indien. Vielleicht liegt es auch an dieser möglichen Gleichstellung von Mann und Frau, dieser Freiheit über sich selbst entscheiden zu können, ohne, dass es jemand anderes für einen tut.


 

In Chitwan gab es keine besonders touristischen Tempel, oder Seen, sondern nur den Dschungel mit seinen wilden Tieren. Ebenjene würden wir auch zu Gesicht, bekommen, als wir mit zwei Rangern vorsichtig durch den Urwald voller Lianen tappten.

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Kaum jemand sagte währenddessen ein Wort, doch das war auch kaum notwendig, lauschten wir doch viel lieber den Rufen des Waldes, den Geräuschen der Vögel, der Grillen und der unzähligen Insekten. Und auch denen der Nashörner, Elefanten, Rehe, Krokodile und Tiger, die in diesem Wald die Herren waren.

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Es ist schon ein unbeschreibliches Gefühl durch das Grasland zu marschieren und plötzlich, 20 Meter weit weg, ein gigantisches Rhinozeros zu sehen, wie es im Schlamm eines Wasserlochs vor sich hin döst. Kein Zaun, keine Glaswand, keine Barriere liegt hier zwischen uns.

„Wenn es angreift, renn davon und klettere auf einen Baum,“ flüstert der Ranger, während wir, wie erstarrt dort stehen und das Tier beobachten, wie es schnaubt und grummelt. Ich blicke mich um. Die Bäume in der Gegend sind doch eher kläglich und nicht dafür geschaffen, dass man auf ihnen herumklettert.

Plötzlich springt das Tier auf, entblößt seine volle Größe und mir rutscht das Herz in die Hose. Für einen kurzen Moment glaube ich, dass das gigantische Riesenviech es auf uns abgesehen hat und ein unbeschreiblich großes Gefühl der Panik und der Angst breitet sich in mir aus, ehe es einer glücklichen Erleichterung weicht, als das Nashorn in die andere Richtung davon läuft. In diesem Moment habe ich unglaublich viel Respekt vor der Natur und begreife wie klein wir Menschen sind und doch…so mächtig. Ein Bonsai-Schwein, größer als ein ausgewachsenes Wildschwein ergreift panisch, genau wie viele Rehe und Hirsche die Flucht, als wir eine Lichtung betreten, scheinen wir in ihren Augen die bösen Ungeheuer zu sein, die über sie herfallen könnten. Das komplette Gegenteil erlebe ich, als wir auf dem Rücken eines Elefanten sitzen und gemächlich schaukelnd durch den Urwald traben. Die ach so scheuen Rehe sehen nur den mächtigen, freundlichen Elefanten und nicht die gefährlichen Menschen auf ihm. Zwischen Pflanzenfressern scheint es eine Akzeptanz, eine Art Frieden zu geben, den Rehe, Elefanten, Schweine, Büffel und die gut 600 hier lebenden Nashörner achtsam einhalten, so wirkt es. Der Elefant läuft drei Meter an einem ausgewachsenen Hirsch mit großem Geweih vorbei und erst, als dieser raschelndes Bonbonpapier hört, was er sofort als menschliche Aktivität wertet, nimmt er Reißaus.

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Auf einem Elefanten zu reiten ist übrigens langweiliger als gedacht. Die ersten Minuten freust du dich auf diesem schwerfälligen Dickhäuter zu sitzen und danach…nun ja, schaukelst du in einem Tempo von 2km/h durch die Gegend. Gibt Spannenderes.

Das einzige Zeichen des Tigers, das ich in Chitwan sehe, ist derweil ein Skelett eines Bisons, das laut unseres Rangers durch das Raubtier gefällt wurde.

Und mehr muss ich auch nicht vom Tiger sehen. Mir reichen meine verstörenden Was-wäre-wenn-uns-ein-Tiger-angreift-Kopfkinos. Die sind tatsächlich angsteinflößend genug und die Aktion mit dem Nashorn hat gereicht, um mir einen gehörigen Adrenalin-Kick zu geben.

Doch davon weiß ich noch nichts, Vergangenheit und Zukunft spielen im Moment, währenddessen ich über den großen See in Pokhara paddle und das Gewitter immer näher rollt, keine Rolle. Da ist nur der See und ich. Wir sind eins, das Bot, das Wasser und ich.

Energisch ziehe ich mein Paddel durchs Wasser, lehne ich mich vor und zurück, vor und zurück, vor und zurück. Später, während wir in einem gemütlichen Restaurant sitzen und Momos, nepalesische Spezialitäten, futtern, werde ich Blasen an den Händen bemerken, so stark rudere ich, zuckende Blitze im Rücken, den Vögeln, die Richtung Horizont fliegen, nach, währenddessen mir das Lied vom Zwischenseminar nicht aus dem Kopf geht…

 

My paddle´s keen and bright

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing

 

Dip dip and swing them back

Flashing like silver

Follow the white goose flight

Dip dip and swing….

Willkommen in der Zukunft

„Frag mich nach irgendeinem Land und ich sage dir die Hauptstadt“, nuschelt uns plötzlich ein merkwürdiger Typ von der Seite an. Seinen roten Augen nach zu urteilen, ist er nicht mehr ganz Herr seiner Sinne, aber nett scheint er trotzdem, auf seine eigene Art zu sein.“

„Ecuador“, versuche ich es.

„Quito“

„Australien“, schlägt Lion vor.

„Canberra..“

„Myanmar?“ ich versuche es schwierig zu machen.

„Naypyidaw, Mann. Das ist easy.

„Niederlande?“

„Amsterdam. Ey Leute, ich frage euch jetzt nicht nach Geld, oder so, kein Thema. Bestimmt würde ich das sicher für Drogen ausgeben, aber könnt ihr mir einen Gefallen tun?“ fragt unser kleines Genie und schwankt müde vor sich hin.

Die bunte Gasse, in der wir sind, ist gut gefüllt mit Touristen und Händlern, die Kaschmir-Schals und Buddha-Statuen verkaufen. Gerade eben haben wir einen großen hölzernen Schrein voller mit Nägel befestigter Münzen gesehen, eine Art Wunderbringer soll dieser sein. Hast du Zahnschmerzen und möchtest diese loswerden, schlage einfach eine Münze ins Holz und du bist sie los.

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Es ist nichts neues, dass wir im touristischem Viertel von Kathmandu von irgendwelchen Menschen angesprochen werden, die meisten wollen dir entweder Fiedeln oder Gras verkaufen, aber dieser hier ist irgendwie besonders.

„Klar, was willst du.“

„Könnt ihr mir Milch kaufen? Für mein kleines Kind? Mir vertrauen die Leute nicht. Die werfen mich immer raus“, sagt er und zeigt auf eines seiner leicht blau angeschwollenen Augen.

Lion und ich blicken uns irritiert an. Damit haben wir nicht gerechnet.

„Du willst, dass wir für dich Milch kaufen?

„Ja, folgt mir. Ich bringe euch zum Laden.“ Der bekiffte Mann schlurft los, wir schauen einander ängstlich an, aber folgen ihm behutsam. Wenn er denn nur Milch will, dann soll er sie haben. Kostet eh nicht viel. Er führt uns durch eine kleine Nebenstraße und hält dann vor einem kleinen unscheinbaren Supermarkt.

„Diese Babymilch“, er zeigt uns eine Super-Special-Sonder-Milch für Säuglinge und gibt sie mir in die Hand. Ich schaue auf den Preis.

„Was? 500 Rupien! Mann, das ist echt teuer!“ In Indien kostet eine Packung Milch ungefähr 40 Rupien ( erstaunlich, dass ich das mittlerweile schon auswendig weiß), umgerechnet 50 Cent. In Nepal würde diese rund 60 nepalesische Rupien kosten. Das hätte ich gut und gerne bezahlt, wäre es für uns nicht die Welt gewesen, aber 500?!

Klar, es wäre für uns immer noch gut erschwinglich, aber in der Proportion zum normalen Preis, ist das echt absurd.

Ich schaue Lion an und schüttle den Kopf. Der schüttelt zurück.

„Wir können dir eine normale Milch kaufen.“

„Die ist nicht gut für Kleinkinder.“

„In bestimmten Mengen nicht, das stimmt. Aber wir bezahlen dir nicht diese Spezialmilch.“

Er schaut uns mit flehenden, großen Augen an, doch wir werden nicht bezahlen, sagen ihm Lebewohl und verschwinden aus der kleinen Gasse. Er blickt noch eine Weile die Wand des Supermarkts an und schlurft dann in die entgegengesetzte Richtung davon…

Die ganze Geschichte wäre nicht ganz so interessant, würde uns einen Tag später nicht noch eine Person begegnen, die genau dasselbe will. Geld möchte sie nicht haben, nur diese Milch. Auch hier lehnen wir ab. Ist das eine irgendeine Masche? Verkaufen diese Menschen die Milch im Austausch für Drogen weiter? Wirklich verstanden haben wir dieses Problem nicht, doch halten wir unsere Drogen-Theorie gar nicht mal so abwegig.


Nepal hatte erst in den 1970er Jahren den Genuss von Drogen für illegal erklärt, nachdem viele Hippies der 69er Generation ins Land geströmt waren, doch heute noch, ist der völlige Verzicht von Rauschmitteln nicht völlig verboten. Bei buddhistischen und hinduistischen Riten, sowohl bei großen Feierlichkeiten ist es normal und anerkannt, dass die Menschen Gras rauchen dürfen.


Das wissen wir jedoch am Tag vor einem, oder DES wichtigsten Festes Nepals, noch nicht. Morgen (Stand 12. April) ist bei den Nepalesen Neujahr. Heißt, wir schreiben dann 2075. Was genau um Mitternacht des neuen Jahres passiert, wissen wir nicht? Lion schließt ein Feuerwerk zumindest schon mal aus, war er doch schon fünf Mal in Nepal und hätte nichts davon mitbekommen. Am ersten Tag des Jahres sollen irgendwo riesige Götzenbilder aufgestellt werden, wovon wir aber nichts mitbekommen werden, da wir den Weg zu dieser Aktion, am nächsten Tag nicht finden werden.

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Gegen Abend merken wir, wie überall Kerzen angezündet werden und in den Restaurants des Touristenviertels laute Party-Musik gespielt wird. Zudem laufen immer mehr Leute durch die Straßen, augenscheinlich Einheimische, die sich in aller bester Abendkleidung schick gemacht haben. Besonders die Mädchen, laufen in kurzen, glitzernden Kleidern, die wenig Spielraum für Interpretation lassen, durch die Gegend, tragen Stöckelschuhe und haben Tonnen von Make-up im Gesicht. Was ist hier los? Es wird immer gedrängter und lauter.

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„Heute passiert nicht viel. Leute gehen in Restaurants und das war´s“, meint der Mann an der Rezeption unseres Hotels, als ich ihn frage, ob heute noch was großes passiert.

„Hm, gut. Dann lass uns doch einfach, zur Feier des Tages, ein Bier holen und dann im Zimmer noch was machen“, meint Lion.

„Lass uns das tun“ stimme ich selig zu.

Im Supermarkt haben noch viele andere die Idee Bier zu kaufen und schon jetzt sehen wir einige Betrunkene.


Alkohol ist in Nepal grundsätzlich erlaubt und keineswegs so verpönt, wie in Hyderabad. Rauchen ist ebenfalls nicht verboten und es werden keine warnenden Schriften hinzugefügt, raucht, oder trinkt jemand auf der Leinwand im indischen Kino.


„Sage mal, passiert heute noch irgendwas?“ frage ich einen vorbeigehenden Passanten.

„Jooo, heute ist Neujahr!! Woher kommt ihr beiden denn?“

„Deutschland.“

„Boah, was?! Ich hasse euch voll! Ihr seid 2014 Weltmeister geworden! Ich war für Brasilien!

„Das tut mir lei…“

„Ach, scheiß drauf! By the way, wollt ihr was rauchen?“

„Ähh…nein..“

„Waas? Heute wird gefeiert. Ihr MÜSST einfach was rauchen! Kommt mal mit uns. Wir zeigen euch wie man lebt!“ ruft der etwas dickere Typ und legt seinen Arm um mich. Er riecht etwas nach Bier.

Genau!“ meint ein dünner, schlaksiger Bursche im Anzug. „Mädels, Bier und Paaartyyy!“ er klingt, als würde er in Zeitlupe reden. er schwankt gefährlich zur Seite. „It´s craaaazy!“

Lion und ich gucken uns an und müssen beide irgendwie grinsen. Diese Typen sind auf ihre Art und Weise irgendwie recht schräg, sehen sie doch eigentlich gar nicht aus, als wären sie die großen Partygänger. Wir entscheiden uns mit ihnen zu gehen. Die vier Jungs freuen sich riesig darüber und nehmen uns prompt unter ihre Fittiche.

„Heute ist alles fucking egal! Ich kann mit meinem Gras zum Officer gehen und fragen, ob er auch was will und er kann mich fucking nochmal nicht einbuchten, Mann! Everything is fucking special, bro! Willst du jetzt was rauchen?”

Der Satzbau der vier hat unter den bisherigen Trink- und Raucheskapaden stark gelitten, denn jedes zweite Wort ist entweder “weed”, oder “fucking”, was doch ziemlich lustig mit anzuhören ist.

“Nee, danke. Passt schon” meine ich.

„Weißt du, was an Nepal so toll ist? fragt mich der dritte im Bunde. „Das Gras!“ haucht er sinnestrunken. „Das verbindet uns, verdammt noch mal. Es spielt keine fucking Rolle, woher du kommst, woher ich komme, Mann, das ist fucking egal! Wir sind einfach zwei Menschen die fucking nochmal Spaß haben und Neujahr feiern. Listen to me! Verstehst du mich? Willst du eigentlich was rauchen?“

„Ich verstehe dich voll und ganz!“ lache ich, verneine seine zweite Frage und gebe mein Bier an den schlaksigen Typen.

„What is it? Is it a beer? Wow, a beer! Great! Where is it from?“ er freut sich wie ein kleines Kind in Zeitlupe und öffnet das Bier mit seinen Zähnen.

„Magie!“ flüstere ich ihm zu. Es ist doch immer wieder lustig sich auf das Niveau von Betrunkenen hinabzulassen und diese hier sind in ihrem bekifften Zustand echt niedlich.

So ganz wissen unsere vier Spezialisten jedoch nicht, wo sie hin wollen, gehen mal hier und mal dort hin und bleiben ab und zu auch gerne mal stehen.

Bald gesellen sich noch mehr Typen zu unserer Gemeinschaft und so ziehen wir los auf der Suche nach…ja, wonach überhaupt? Mittlerweile sind die Gehwege voller Menschen, die Frauen unter ihnen spärlich bekleidet und alle scheinen einfach irgendwie durch die Gegend zu gehen. Die meisten von ihnen sind Nepalesen und sieht man mal einen Touristen, ist der meist genauso verwirrt wie wir. Es wird gedrängter, voller. Wir schlagen uns durch die Masse hindurch, die, wenn man´s genau betrachtet, monoton schlurfend, wie eine sabbernde Zombieherde, dem größten Lärm hinterhertrottet. Schwankend und nur dem Nächsten folgend.

„That´s my friend from GEERRMANNY!“ ruft der Dicke, nimmt mich in die Arme, wirft den Kopf nach hinten und krakeelt die Worte noch lauter und höher durch die Masse, als ob er allen mitteilen wollte, dass er gerade den größten Schatz der Welt gefunden hätte.

„Zusammen machen wir PAAARTY!“

Einige Leute schielen irritiert zu mir herüber und wirken in der Tat etwas abgeschreckt von mir und meinem schrillen Freund.

Ich winke ihnen zu, lächele und versuche in der kurzen Augenverbindung zwischen uns zu erklären, dass ich eigentlich ganz korrekt bin. Zum Glück löst der Dicke bald die Umarmung.

„Oh Schreck!“ entfährt es unserem dünnen Freund mit dem Smoking ( Smokings und Anzüge sind übrigens typische Schul—und Studiumsuniformen in Nepal. Selbst die Mädchen tragen zur Krawatte einen hübschen Anzug), als er bemerkt, dass er seine Freunde in der glitzernden Zombieherde SCHON WIEDER verloren hat. „Wo bin ich? Wo sind die anderen?“

Etwas trottelig blickt er erst nach links, dann nach rechts, stellt fest, dass dort nicht seine Kumpanen sind und zieht eine Schnute. Unsere Gruppe hat ein wahres Talent sich zu verlieren. Dennoch finden wir einander stets wieder. Bemerkenswert ist, dass insbesondere unser schlaksiger Nepalese besonders gern verloren geht, da er insbesondere am wenigsten noch Herr seiner Sinne ist.

„Wo sind sie nur hin? Wohin gehen wir? Wo bin ich?“

„Tja, wo du gerade bist, weiß ich auch nicht so genau“, scherze ich und klopfe ihm auf dem Rücken.

„Ich liebe euch Leute!? “ gesteht er uns. „Wisst ihr eigentlich, was das Beste an Nepal ist?“

„Etwa Gras?“ frage ich und versuche so zu wirken, als hätte er die Frage nicht schon zehn Mal gestellt.

„Genau! Das verbindet uns!“

Doof nur, dass er wenig später auch mitten im Gewusel untergeht und Lion und ich nur noch einander haben, die sich dafür entscheiden sich des untoten Partygemeinschaftsstromes hinzugeben und mit zu schwimmen. Wir geraten auf eine größere Straße mit einem noch größerem Andrang an Gestalten. Von weiter vorne dröhnt DJ-Musik von einem Podium, die Leute grölen lauthals mit, oder kreischen wie verliebte Teenager auf einem Justin Biber-Konzert.

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Dabei geht es nicht um die Musik an sich, die ist hier nebensächlich, sondern hauptsächlich darum lauter zu sein als der Rest. Es schlägt 0:00 Uhr. Das neue Jahr beginnt, weder mit einem Feuerwerk, noch mit coolen Spezialeffekten, nein, die Musik hört sogar auf. Dafür kreischen sich die Nepalesen „HAPPY NEW YEAR! WOOOOO!“ entgegen und einige beginnen schief irgendwelche Lieder zu singen.

Uns wird auch ein frohes neues Jahr gewünscht und plötzlich zieht die Zombiegemeinschaft in die andere Richtung, den Bars und Restaurants entgegen. Mädchen im knappen Kleid verschwinden mit Typen mit schrägen Frisuren in die Häuser des gepflegten Alkoholausschanks und tatsächlich scheint nichts mehr heute zu passieren. Gäbe es hier Nachclubs könnte ich mir das Overdressing vieler Menschen erklären, aber so fällt mir das schwer. Vielleicht ist es gar nicht entscheidend sich die Frage nach dem WARUM zu stellen. Vielleicht muss es einfach keinen Sinn machen. Das macht vieles in Indien auch nicht. Trotzdem sind wir beide nach wie vor sehr erstaunt und lachen ausgelassen, als wir zum Hotel zurückgehen. So etwas hatten wir nicht von Nepal erwartet.

Was wohl mit unseren Freunden passiert ist? Suchen sie einander immer noch? Was war mit ihrem Versprechen, dass das die Beste Nacht unseres Lebens werden würde? Lustig war sie allemal und für mich ist diese Erfahrung viel mehr wert, als das traditionell, möglicherweise etwas gezwungene, nepalesische Neujahrsfest am nächsten Morgen, das wir nicht finden werden. Heute habe ich gesehen, das Nepal nicht nur traditionell sein will, sondern modern. Ich habe mit den Leuten gefeiert, statt nur zuzusehen. Wir waren mitten drin in Nepal.

Und wer kann von sich schon behaupten, zwei Mal in unterschiedlichen Zeiten, falls ich noch so lange leben werde, in das selbe Jahr hineingefeiert zu haben.

Vielleicht werde ich mich, 57 Jahre später, im gregorianischen Jahre 2075 an die Vergangenheit erinnern und feststellen, dass ich die Zukunft schon erlebt habe…

Nepal

Teil 1

Die dicken weißen Wolken liegen schwer unter uns, bauschen sich auf, wie übereinander getürmte Wattehaufen. Das marode Flugzeug taucht tief hinab, hinein ins graue Nichts. Es schwankt gefährlich, währenddessen es weiter in die Tiefe rauscht und der Nebel des Grauens es verhindert, dass wir klar sehen können.

Dann brechen wir durch den Dunst und uns offenbart sich ein buntes Häusermeer, eingeschlossen durch eine gewaltige Bergkette, die weit über den Horizont hinausreicht. Wie Kathmandu aus dem Nichts vor uns auftaucht, so sehr erinnert es uns an das kolumbianische Medellin. Aus der Netflix-Serie „Narcos“ im Gedächtnis bleibend, liegt die damalige Heimat des Pablo Escobars, ebenso in einer zerklüfteten Bergschüssel im Angesicht abertausender Häuser da, wie die Hauptstadt Nepals, auf die wir Kurs halten.

Gespannt drücke ich meine Nase ans Fenster, sehe hunderte kleine Menschen auf den Straßen der nepalesischen Stadt durch die Gegend wuseln und stelle mit einigem Unbehagen fest, dass wir nur mit geringfügigem Abstand zum Boden über den dicht besiedelten Grund fliegen. Der Flughafen liegt direkt in der City und so offenbart sich bereits kurz vor der Landung Kathmandus wahres, eher schlichtes Gesicht. Als wir landen, überblicken wir über ein überschaubares Flughafengelände, mit beinahe baufälligen Gebäuden. Auch wird sich beim Durchlaufen des Ports zeigen, dass Kathmandu auf Dinge, wie den Duty-Free-Shop, verzichtet und dementsprechend einem auch ziemlich spartanisch ins Freie geleitet.

Ganz im Gegenteil zu den beiden Flughäfen der indischen Metropolen Hyderabad und Delhi, die mit ihrem Pomp und Protz, verteilt auf einem Areal von dutzenden Fußballfeldern, ja auf sich aufmerksam machen wollen.

Doch Kathmandu hat Charme und zeigt uns, nach den Passieren beider indischer Flughäfen, einen anderen Weg.

Nun steigen wir also aus, Lion und Ich, 2000 Kilometer entfernt von unserer indischen Heimat Hyderabad und atmen die frische, nepalesische Luft in unsere Lungen. Zwei Wochen wird Nepal unser neues Zuhause sein und bisher scheint es so, als würde ich dieses Land anfangen zu mögen.

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Woran denkt man, wenn man von Nepal hört? Was kommt einem sofort in den Sinn? Ich für meinen Teil habe vor der Reise an den Mount Everest, das Himalaya-Gebirge, Kaschmir-Pullover, Pudelmützen, Indien-Parallelität, Yaks und Rückstand gedacht und werde, kurz nach dem Eintreten in diese neue Welt, so wie es meistens mit Klischees bestimmt ist, eines Besserem belehrt.

So ist Kathmandu auf irgendeine Weise eine kleine Miniatur-Version indischer Städte, Autos und Motorräder heizen chaotisch die Straßen, dichter Staub liegt in der Luft und am Rand der Straße sehen wir kleine Obsthändlerstände, die beherzt Bananen feilbieten.

Dennoch fallen mir sofort, währenddessen wir von einem Taxi in unser Hotel gebracht werden, viele andere Details auf, die ich mit meiner bisherigen Gedankenwelt Indiens nicht vereinen kann. So ist diese nepalesische Stadt zwar indisch, aber irgendwie auch europäisch und asiatisch gezeichnet. Die Einheimischen haben dieses ost-asiatische Gesicht und tragen Mundschutz, wie die Chinesen es in ihren smogverhangenen Mega-Städten tun.

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Was aber besonders uns auffällt, die wir aus einer stark muslimisch und hinduistisch geprägten indischen Metropole kommen, ist der Kleidungsstil.

In Hyderabad und den meisten anderen Städten ist körperbetonende Kleidung, rar gesäht. Frauen tragen entweder die traditionelle Sari, Burka, oder weite Kleidung, die jegliche Form von Proportionen kaum erkennen lässt. Ein Highlight, insbesondere für unsere Mädels, ist es, wenn sie sich dazu entscheiden Jeans zu tragen. So wirkt die normale Jeans auf uns schon ziieeeemlich gewagt.

Kathmandu jedoch zeigt seine Frauen. Jeans, Tops, High Heels, Sommerkleider, enganliegende Kurtas; all das lässt mich auf den ersten Blick völlig baff aus dem Fenster schauen. Erst weiß ich nicht, was genau mich an dieser Sache so fasziniert (es lässt sich natürlich nicht abstreiten, dass ich als Junge Mädchen ganz gut finde), bis ich begreife, dass ich genauso viele Frauen wie Männer auf den Straßen sehe, die alle, in ihren verschiedenen Outfits, fröhlich und selbstsicher wirken. Das gibt es in den Teilen von Indien, wo ich bisher war, nicht, ist der Mann doch immer noch meistens klar derjenige der über die Frau bestimmt und nicht anders.

Zudem, ich werde mir im Laufe der Tage die Demographie-Kurve beider Länder betrachten, ist es tatsächlich so, dass es insbesondere bei jungen Leuten in Indien weniger Mädchen gibt. In Nepal ist der Graph beim Geschlechter-Verhältnis gleich und irgendwie lässt sich das schnell bemerken, war man sieben Monate in einem Land wo es nicht so war. In Indien dominieren die Männer die Straßen.

Und irgendwie, es ist schwer zu erklären wie ich zu diesem Gedanken komme, wirken die Einwohner Kathmandus glücklicher, sei es durch eben jene, von uns gesehene Gleichberechtigung und Emanzipation. Ja, gar wirkt die junge Bevölkerung Nepals leicht rebellisch, sehen wir GEFÄRBTE (!!!) Haare, motoradfahrende Frauen und Löcher in den Hosen. Und nein, die Löcher sind aus Stil- und nicht etwa aus Armutsgründen.

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Dennoch sind sie vorbildlich und tragen, so fahren sie auf ihrem Motorrad, einen Helm. Das sieht man in Indien eher weniger.

Da Nepal ein Staat ist, der alleine kaum Stand fassen kann, wird sowohl von indischer, als auch chinesischer Seite versucht, dem Land zu helfen, wodurch beide Kultureinflüsse möglicherweise zu erklären sind. Einige geflüchtete Tibeter leben hier, die sich dem Griff der chinesischen Regierung entziehen wollen und so ist auch Nepal, dass sich nicht so wie Tibet annektieren lassen will, durch China bedroht. Auch mit Indien scheint es etwas zu krieseln, denn trotz geographisch gleicher Zeitzone, distanziert sich Nepal ausdrücklich von seinem großen Nachbarn. Überschreitet man also die Grenze, so gibt es eine politische Zeitverschiebung von 15 Minuten. Ist es in Hyderabad beispielsweise 12:00 Uhr, so befindet man sich Nepal bereits in der frühen Zukunft. Das wäre aber auch ohne diese viertelstündliche Vorverlegung der Fall, denn hier schreibt man bereits das Jahr 2074. Der nepalesische Kalender ist dem christlichen nämlich 56,7 Jahre voraus. Er beginnt 56 Jahre vor der Geburt Jesu zur Ehrung eines Königs, der einen anderen König in der Schlacht besiegt hatte.

In dem Sinne: Herzlich willkommen in der Zukunft! Ist echt schön hier.

Nach dem Einchecken ins Hotel, einer Überprüfung der Gegend und einer ersten Nacht in einem weichen Bett (welch abwechslungsreiches Unikat im Vergleich zur dünnen Matratze daheim), machen wir uns am nächsten Tag auf zum Affenbergtempel. Ein buddhistischer Ort, wie uns schnell klar wird, denn je näher wir dem Hügel kommen, desto mehr bunte Wimpel wehen im Wind. Aufgespannt von Haus zu Haus flattern sie wild, den weit entfernten Berghängen entgegen und färben das Viertel bunt. Auf jeder Fahne sind buddhistische Gebete geschrieben, die durch den Wind in die Welt hinausgetragen werden sollen, so dass sie alle erreichen. Ziemlich nett von den Leuten. Als wir die Treppen zum Tempel hinaufsteigen ( begleitet von unzähligen Touristen, da wir leider zur Hauptsaison nach Nepal geflogen sind), letztlich oben ankommen und über die Tempelanlage schauen, entspannt sich alles bei mir. Die unterschiedlich chinesisch aussehenden Fresken, die kleinen Glöckchen an der Wand und einige still betende Menschen, mit allen möglichen Outfits und Frisuren wirken auf mich deutlich tiefgehender und kraftvoller, was die die hinduistischen Riten bisher irgendwie nicht geschafft haben.

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Version 2

Hoch oben auf dem Berg, schweift unser Blick über die Stadt mit ihren kleinen, süßen, baufälligen Häusern. Keins ist besonders hoch, oder zeichnet sich durch filigrane Architektur auf, was unter anderem am schweren Erdbeben 2015 liegen mag, von dem sich die Menschen zwar gut erholt haben, doch trotz dessen können wir immer noch dessen Folgen an großen Steinhaufen, mitten von neu gebauten Häusern erkennen.

Zwischenzeitlich blitzt dann doch ein Teil der vorhanden Armut, anhand der grob zusammengezimmerten Wellblechhütten auf, die mitten in der Pampa stehen. Doch auch zu ihnen wehen die bunten Gebete der Wimpel hinüber und diese positive Energie scheint sich einfach in den Menschen widerzuspiegeln.

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Ich frage einen Händler, ob ich ein Bild von ihn machen könne, er stimmt zu und LÄCHELT in die Kamera.

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In Indien blicken die meisten, doch etwas streng in die Linse und es bedarf schon einiges an Zeit, bis es gelingt jemanden mit einem Lächeln zu fotografieren. Warum auch immer? Das hab ich mich schon öfter gefragt.

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Ich freue mich über des Händlers Positivität, welche mir in Zukunft noch oft in Nepal begegnen wird und strahle selbst den Menschen entgegen, ganz im positiv gestimmten Optimismus auf die kommende Zeit. Nepalesen wissen extrovertiert zu sein. Das werden wir wohl oder übel noch lernen….

Von hampianischen Weltenbummlern und heißen Steinen

Mit einem Ruck setzt sich alles in Bewegung. Ich stehe in der offenen Tür und schaue hinaus. Der Zug wird schneller, der Bahnhof verschwindet langsam in der Ferne. Wie eine träge Schlange, die durch die unendliche Weite der Landschaft gleitet, fährt er dahin, der Boden unter mir jagt vorbei und für einige Sekunden recke ich den Kopf noch weiter in den Wind.

Ich lehne mich ein kleines Stück mehr aus der fahrenden Schlange und genieße die Freiheit des Augenblicks und die klare Regenluft. Es ist bereits dunkel, Blitze zucken lautlos über den Nachhimmel und lassen Hyderabad, fernab des Zuges, wie eine Stadt aus der Apokalypse erscheinen.

Vielleicht ist sie das tatsächlich. Die letzten drei Tage haben die Menschen für eine erfolgreiche Regenzeit gebetet, haben die Straßen mit ihren Mantras und Gebeten erschallen lassen und nun schien es tatsächlich göttlicher Wille zu sein, dass der Himmel über uns explodierte. Es schüttete in Strömen, Blitze krachten mit lauten Getöse hernieder und für kurze Zeit brachte das Unwetter die Stadt zum Erliegen. Stromausfälle jagten durch die Viertel und ließen uns im Dunklen zurück, während die wenigen verbliebenen Kerzen etwas Licht ins Ungewisse brachten.

Perfekter Moment, um auf Reisen zu gehen!

Ein drittes Mal nun verschlägt es mich nach Hampi, der uralten Tempelstadt und Pilgerort für den ein oder anderen Hippie der neuen Generation. Damals Residenz der Könige, nun Zentrum für Reisende aus aller Welt.

Da stehe ich nun Türrahmen und bin gespannt der Dinge, die da, für dieses Wochenende, vor mir liegen. Was ist aus Hampi in den letzten Monaten geworden? Damals, kurz vor Weihnachten, war die halbe Stadt von allen guten Geistern verlassen. Die Regierung war angerückt und hatte ihren Teil dazu beigetragen, dass die hampianischen Händler das Weite suchen mussten. Die eine Seite, getrennt von der anderen, durch einen Fluss, war nicht mehr das, was sie zu ihrer Glanzzeit einmal gewesen sein mochte, tummelten sich bei meinem ersten Besuch noch viele ausgelassene Händler auf den Straßen, stets mit ihrem Lieblingsmotto auf den Lippen:“ Don´t worry, be Hampi!“


Über dieser Frage dämmere ich, zurück am meinem Platz, weg und erwache am nächsten Morgen mit einem kleinen Geschenk auf meiner Pritsche. Die Inder neben mir, haben mir Frühstück gebracht, hatten wir uns doch am Abend kurz kennengelernt und unsere Freundschaft durch ein Selfie besiegelt. So steht man gerne auf. Ich bedanke mich herzlich bei den Leuten, die mich daraufhin auf einen netten Plausch einladen, fröhlich von ihren Abenteuern erzählen und glücklich darüber sind, dass ich ihnen auch meine Geschichte kundtue.

Wenig später, müssen Toni und ich in Hospet aussteigen, ich schüttle zum Abschied ein paar Hände und sehe zu, wie das riesige zugähnliche Ungetüm, der „Indian Railways“ von dannen zieht.

Bevor wir nach Hampi gehen, wollen wir unsere Freunde von Sakhi-Trust, unserer Partnerorganisation, wiedersehen und bald darauf erspähen wir eine fröhliche Helen auf einem Fahrrad auf uns zu fahren. So normal diese Situation auch wirkt, wir Beide aus der Großstadt stauen nicht schlecht über die Tatsache, dass man im kleinen gemütlichen Hospet Fahrradfahren kann. Im verkehrs-unübersichtlichen Hyderabad wäre das kaum denkbar. Auch wir bekommen zwei alte gebrechliche Räder und zusammen fahren wir durch die heiße indische Mittagshitze. Egal, wie kaputt meines auch immer sein mag, das Gefühl zu fahren ist unbeschreiblich schön. Es ist so, als grabe man einen alten, längst vergessenen Schatz wieder aus, der einem vor langer Zeit viel bedeutet hat. Erst glaube ich, verlernt zu haben, wie man in die Pedalen tritt, doch Fahrradfahren verlernt man nie! So radeln wir durch kleine grüne Nebenstraßen, den kühlen Fahrtwind auf der Haut und die Sonne im Rücken, sehen grunzende Straßenschweine, die sich im Dreck suhlen und bunter Schmetterlinge, die sich auf den bunten, blühenden Blumen der Kleinstadt niederlassen. Schön haben es die Sakhi-Mädels!

Bald brechen wir auf und als ich die ersten Tempelanlangen an uns vorbeiziehen sehe, setze ich mich aufrecht hin, ganz gespannt auf das was uns erwartet. Hampi erscheint im Abendlicht vor uns, ich sehe kleine, diebische Affen durch die antiken Mauen hüpfen und als wir durch die kleinen gemütlichen Gassen schlendern, wird mir ganz warm ums Herz, als ich bemerke das Hampi immer noch das Gleiche Hampi ist.

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Es ist nicht viel los, die Hauptsaison ist vorbei und trotzdem sieht man einige spannende Menschen in den Cafes sitzen. Entweder sehen sie nach Neuzeit-Hippie, Hipster, oder Weltreisender aus, so verrückt tragen sie ihre Dreadlocks, Backpacks, oder rauchen ihre Joints.

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Wir wollen auf die andere Seite des Flusses, um nach einem Hostel Ausschau zu halten, doch die Fähre, die uns auf diese Seite bringen könnte, verlangt zu viel Geld. Helen, als halbe Einheimische, weiß jedoch um eine Alternative. An einer Stelle des Stroms ist das Wasser nur hüfthoch, sodass wir uns entscheiden, durch das Nass zu waten. Von dieser Idee angelockt, stößt ein Paar zu uns, das nach kurzer Feststellung ebenfalls deutsch ist, aus Heidelberg stammt und für ein paar Monate durch Indien reist. Vor einigen Jahren, hatte das Mädchen auch einen Freiwilligendienst in Südafrika absolviert.

Zusammen marschieren wir durch den Fluss, sind danach zu Hälfte platschnass und bei mir wird es in der Tat einige Stunden dauern, bis meine Jeans wieder halbwegs trocken ist.

Bevor wir uns auf die Suche nach einer Bleibe für eine Nacht aufmachen, entscheiden wir uns den Sonnenuntergang anzuschauen, steigen auf die zerklüfteten Bergriesen und lassen uns auf einem Felsen, der tief abfällt, nieder. Von aus, blicken wir bis zum Horizont, weit über saftig grüne Reisfelder und altertümliche Tempel hinweg. Wir erzählen unsere Geschichten und Abenteuer und Helen und ich bemerken, dass bereits verdammt viel seit September bis heute passiert ist. Beinahe melancholisch erzählen wir davon, wie viel Zeit uns noch bleibt, was in der Tat gar nicht mehr so lang ist.

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Nebenbei höre ich Schnipsel von anderen Gesprächen, einige Felsen weiter. Auch diese Menschen sind deutsch und tatsächlich ist es ziemlich komisch die Leute und ihre Worte zu verstehen. Sonst ist das ja nicht so typisch.

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„Ich habe die übelste Magenverstimmung seit drei Tagen“, höre ich es beispielsweise rumoren.

„Ach, da sagst du was! Bei mir ist das seit drei Wochen schon so. Sage mal, bist du auch so stoned wie ich?“

„Höhö, ja!“

Danke, für zu viel Information.

Während die Sonne hinab steigt, kommt mir der Gedanke Hampi neu zu erleben. So war ich die letzten beiden Male überzeugt, Hampi würde aus dem Geist der Einheimischen und ihrem Motto weiterleben. Doch erst durch die Menschen aus aller Welt und deren Geschichten, die sie hier lassen, entsteht erst dieser Spirit.

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Die Sonne versinkt tiefrot am flimmernden Horizont und wir begegnen einen weiteren Weltenbummler. Seit anderthalb Jahren ist dieser unterwegs, war schon hier und da und hat in Hampi für einen Monat Halt gemacht, um an seinem Buch über seine Reisen weiterzuschreiben. Hier könne man noch die Seele baumeln lassen. Wir finden uns sympathisch und lassen zu sechst den Tag in einem der kleinen niedlichen Restaurants ausklingen.

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Es wird über Indien, Südafrika und viele andere Länder geredet, es entstehen angeregte und lustige Diskussionen über NGO`s, Weltenbummler und Neuhippies währenddessen es immer später wird und der Restaurantbesitzer uns irgendwann demonstrativ die Quittung auf den Tisch legt. Er will jetzt auch Feierabend machen, so sehr er sich auch bemüht entspannt zu bleiben.

Wir tun wie uns geheißen und schlendern gemeinsam noch ein letztes Stück des Weges.

Dieses Aufeinanderstoßen unterschiedlicher Altersgruppen, wir 19, das Paar 25 und der Weltreisende 33 war irgendwie ganz besonders. Im Endeffekt waren es die unterschiedlichen Lebenserfahrungen und das erste Mal, dass wir wieder mit älteren Leuten von daheim, geredet haben, die den Abend so interessant gestalteten.

Später liege ich in der Hängematte vor unserer kleinen Hütte (ein großes Bett ist im Übrigen das einzige Möbelstück im sonst kahlen Raum) und fühle mich klein. Vorher waren wir immer mit Gleichaltrigen zusammen und dieser Clash, hat mir wieder vor Augen geführt welchen Weg ich noch vor mir habe und dass die Welt nicht komplett uns Jungspunden gehört, sondern auch denen, die ihre Jugend beinahe hinter sich gelassen haben. Und das ist auch gut so.

Am nächsten Morgen marschieren wir aus dem Epizentrum Hampis hinaus. Wir wollen einen Felsen besteigen, auf dem ein Tempel des hinduistischen Affengotts Hanuman, seit mehr als 2000 Jahren den Gezeiten trotzt. Dort angekommen, warten knapp 600 Stufen auf uns, die steil in die Felswand eingelassen sind, doch wir lassen uns nicht unterkriegen und beginnen den Aufstieg. Nach zehn Minuten schnaufen wir heftig und der Schweiß läuft, im Angesicht der brennenden Sonne über uns, in Strömen an uns herab. Wie es die Menschen vor so langer Zeit geschafft haben, so hoch zu bauen, ist mir ein Rätsel, doch bald überwinden wir die letzten uns hindernden Stufen und finden uns auf einem großen Felsplateau wieder. Ein kleiner Tempel steht dort, kaum der Rede wert, denn das eigentliche Highlight ist die Aussicht.

Kilometerlang erstrecken sich die zerborstenen, zerklüfteten Felsformationen und Berge, die von hier aus wie kleine Hügel wirken.

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„Es wirkt so, als wäre ein Riese hier vorbei gekommen, hätte die Berge gesehen und einmal kräftig mit seiner Faust dagegen geschlagen“, meint Toni, im Angesicht der aus übereinander gewürfelten Felsenberge, die wie Haufen zusammenhangsloser Lego-Steine aussehen.

„Ein ziemlich großer Riese“, bestätige ich, will schon zum Fotografieren ansetzen, doch komme einfach nicht in eine ruhige Position. Ganz am Anfang, mussten wir aus Respekt vor der göttlichen Präsenz, unsere Schuhe ausziehen. An sich kein Problem, doch der steinige Boden, hat sich bei gut 45 Grad in der Sonne stark aufgeheizt. Es ist so, als würde man über brennende Kohlen laufen. So macht Fotografieren echt keinen Spaß und so hüpfe ich mit einem „Heiß, heiß, heiß!“ auf den Lippen auf den Zehenspitzen durch die Gegend und versuche zumindest ein paar gute Fotos zu schießen.

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„So macht das keinen Spaß“, beschließe ich, begutachte im letztem fixem Blick die Miniaturwelt dort unten und beginne, zusammen mit Helen und Toni den Abstieg. Welch eine Wonne, wieder Schuhe anzuziehen!

Die heißen Steine, sollen mir noch übel zusetzen, denn als es gegen Abend, wieder über den Fluss gehen soll und wir uns wieder dazu entscheiden hindurch zu waten, kommt mir die Idee meine Hose auszuziehen, damit die nicht wieder total nass wird. Demzufolge muss ich erst meine FlipFlops ablegen. Der Boden brennt unter mir, ich tipple, wohlbemerkt in Unterhose, wild hin und her und kriege so die Hose nicht vernünftig in meinen Rucksack gestopft.

Da hilft nur eins! Ich gehe mit den Füßen ins Wasser und versuche, den Rucksack, der gerade noch so am Land steht, zu verpacken und zu verschließen. Doch oh weh, er kippt zur Seite hin weg, ich mache einen Ausfallschritt um ihn zu erwischen, habe aber nicht damit gerechnet, dass der Steinboden unter Wasser relativ rutschig ist, rudere wild mit den Armen und gebe somit dem offenen Rucksack eine Stoß zum Wasser hin. Die Hose kullert heraus, ebenso wie mein Handy und mein Geldbeutel. Das Smartphone versinkt sofort auf dreißig Zentimeter Tiefe, meinen Portomaie kriege ich gerade noch so zu fassen und schleudere es auf den Stein zurück, ehe auch ich ins Wasser falle. Toni und Helen, retten den Rucksack vom Ertrinken, während ich nach dem Handy greife, es zu ihnen herüber werfe und einen meiner FlipFlops hinterherpaddle. Wenig später stehe ich triefnass am Rand und muss einsehen, dass diese Aktion mir vollkommen misslungen ist. Die Hose ist genauso nass, als wäre ich mit ihr durch die Fluten gewatet.

„Oh, oh. Ich glaube dein Handy spinnt“ flüstert Helen.

In der Tat, das ertrunkene Gerät gibt den Geist auf, den Körper voll Wasser.

„Leg es nachher in Reis ein, vielleicht hilft es ja“, meint Toni.

Es wird nicht helfen. Vielleicht kam die Rettung zu spät, denn so schnell würde ich keinen trockenen Reis in die Hände bekommen. Die Zugfahrt zurück liegt es dick eingepackt in einem Handtuch, während Toni und ich die Freundlichkeit der Inder wieder zu spüren bekommen. Unsere Nachbarn teilen sich ihr Abendessen mit uns, ganz ohne irgendwelche Einwände, oder Zweifel. Uns wird sogar mehr angeboten, als dass wir essen können.

Ich muss mir alsbald ein neues Handy kaufen, denn nicht mehr lange und die nächste Reise, diesmal nach Nepal, wartet auf mich.

Fest steht: Trotz dieser Eskapaden will ich nach Hampi zurückkehren, will ich doch wieder diese neue Seite, das Kennenlernen von Leuten aus aller Welt, entdecken, um ihren Abenteuern und Geschichten lauschen….

Vom ersten Regen

Zäh verfließt die Zeit in der Mittagshitze, zäh streckt sich der Tag dahin. Unerbittlich schickt die Sonne ihre heißen Strahlen gen Erde und brennt auf die hernieder die es wagen vor die Türe zu treten. Draußen flimmert die Welt im heißem Atem der Welt. Die braunen Straßen sind wie leergefegt, außer dem fernen Ruf des Muezzins herrscht abwartende Stille. Alles fiebert irgendetwas entgegen, von dem keiner weiß, was es ist.

Wie erschlagen, wie ermattet, liegen wir im Zimmer, der Ventilator rattert und rattert und schafft es dennoch nicht der Schwüle Einhalt zu gebieten. Träge räkele ich mich auf den lauwarmen Fließen, im Begriff gähnend einen Mittagsschlaf zu beginnen. Was wäre dagegen einzuwenden? Was würde ich schon verpassen? Die Augen schließen sich, der Geist lauscht den Geräuschen um mich herum, hört das Rauschen der großen Flügelräder, das gleichsame Atmen meiner Mitmenschen…

Doch was ist das dieses andere Geräusch, dass immer mehr an Volumen gewinnt, mir so vertraut ist und doch nicht.  Je mehr ich darauf achte, desto mehr fällt mir auf wie der Geruch der trägen, heißen Luft sich zu ändern scheint, keinesfalls mehr einschläfernd ist, sondern…wachrüttelnd.

Eine schlaftrunkene Ewigkeit vergeht, ehe das dumpfe Geräusch lauter wird und ich plötzlich verstehe…begreife was es bedeutet.

Ich schlage die Augen auf. Laufe zum Fenster. Was ich sehe, lässt meine Müdigkeit verblassen, gar verschwinden. Ein breites Lächeln durchzieht mein Gesicht, ich stürze begeistert aus dem Zimmer, hinaus auf den Balkon. Drüben, gegenüber vom Office treten die Mitarbeiter der Autofabrik ebenfalls jubelnd ins Freie und recken voller Freude die Hände gen Himmel. Ich schließe die Augen, atme tief die gewitterschwere, kühle Luft ein und renne zurück ins Zimmer.

„Es regnet! Verdammt, es regnet!“ rufe ich. Eine dösende Toni schreckt auf, schaut aus dem Fenster und kann es für den ersten Moment kaum fassen. Dann flitzen wir gemeinsam die Treppe hinunter aus der Tür hinaus, hinein in den warmen Sommerregen. Wir recken unsere Nasen steil gen Himmel und fühlen die nassen Tropfen auf unserer Haut. Wir schauen uns an und lachen ausgelassen wie kleine Kinder am Weihnachtsabend.

Es hat seit mehr als vier Monaten nicht mehr geregnet. Seit dieser Zeit war es trocken und heiß und gefühlt jede Woche sehnten wir uns nach dieser Art von Abkühlung, die nicht kam.

Nun ist sie da und ehrlich; ich hätte nie geglaubt, wie sehr ich mich über Regen freuen würde.

Da stehe ich nun, im indischen Niederschlag, die Haare nass, die Klamotten feucht und rieche…Heimat. Diese Luft, wenn man nach dem Regen durch einen dichten Wald spaziert. Alles ist klar, der Schmutz und alles weg muss, fließt in Rinnsalen dahin. Toni rennt, zusammen mit Roja, unserer begeisterten Haushältern, die Straße entlang, beide triefen, als sie zurückkommen, doch wirken beide so glücklich..

 

„Nochmal! Nochmal rennen! Ich will nochmal!“ gluckst Roja.

„Okay! Let´s go!“ ruft Toni und nochmals sausen sie die Straße entlang. Sie im Regen. Ein wunderschönes Bild.

 

„Bitte, bitte! Nochmal“ verlangt unser junges indisches Nesthäkchen.

„Roja, es hat aufgehört zu regnen“

„Komm, Leo! Nochmal!“

„Roja. Rain finished…“

„Oh.”

Ganz versunken in ihrer eigenen Euphorie hatte sie nicht bemerkt, wie die Tropfen sich in Tröpfchen verwandelt hatten und schlussendlich ganz verflogen.

Der erste Regen war vorüber

Was blieb war der Geruch der Heimat und das Gefühl von Glück…

Die Wurmjagd – Dallapalli 5.0 – Teil 4

„Ich muss wohl verrückt geworden sein“, denke ich mir, während ich mit fünf Jungs im Kreis um die Kamera auf ihrem Stativ tanze. Könnte ich vergleichen, so sähe, besäße man reichlich viel an Fantasie, die ganze Aktion einer Art indianischer Regentanz ums große Feuer ähnlich.

Gleichwohl wir uns nicht auf Regen freuen, sondern auf eine erfolgreiche Jagd, den Würmern in Bäumen auf der Spur.

Ganz richtig gehört: Wir wollen heute Würmer jagen. Und darüber bin ich, für meinen Teil ziemlich glücklich, denn das ist eine Aktion, die tatsächlich mal von Anfang an geplant ist. Etwas völlig Neues im Dallapalli des Ungeplanten. Ganz überraschend saß ich heute mit Bonji beim Morgentee, fragte ihn, in einem letzten Aufbäumen meiner mir vorhandenen Kräfte, das gefühlt zwanzigste Mal, ob wir heute denn nicht etwas unternehmen könnten  und just entschied er sich dazu ja zu sagen. Ich bekam große Augen, als fünf Jungs ins Zimmer kamen, meine Kamera nahmen und losmarschieren wollten!

Gerade so konnte ich noch einlenken, schließlich war mein Kamera-Akku nahezu leer und musste erstmal aufgeladen werden, was gut eine dreiviertel Stunde hätte dauern können, aber dazu waren die Kinder viel aufgeregt und fahrig. Gespannt wie ein Flitzebogen und mit den Hufen scharrend, standen sie vor der Aufladestation, jede Sekunde sicher, dass der Akku jetzt einfach voll sein musste. Aus Langeweile begann Rohit, der älteste Junge und heutiger Anführer unserer Jagdgemeinschaft, wie ein Panther im Käfig, um die Kamera zu wandeln und da stieg ich prompt mit ein. Als dann noch Musik erklang, war der „Camera-Circle-Dance“ erfunden.

Bald jedoch erlischt unser Eifer und Simhadree, Bonjibabus fünfjärhiger Sprössling, kann sich nicht mehr länger halten und will mich aus den Raum ziehen. Also ergreife ich die Gelegenheit beim Schopfe, denn ich will ja auch nicht das die Moral der Kinder in den Keller wandert. Folglich schnappe ich mir meine halbaufgeladene Kamera, aus den nun passierenden Ereignissen soll schließlich die Fortsetzung des Krabbenjagd-Films entstehen und wandere, umringt von fünf Kindern, los.

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Bewaffnet mit Axt und Brechstange scheinen diese genau zu wissen was zu tun ist. Erneut geht es in die Natur, alle scheinen Freude zu haben und sind anscheinend sehr glücklich über meine Anwesenheit, wollen sie doch unbedingt gefilmt und fotografiert werden. Rohit, ist der mit den besten Englisch-Kenntnissen, was bedeutet, dass er ungefähr 10 Wörter kennt, damit den anderen aber weit voraus ist. Simhadree beispielsweise versteht scheinbar gar nicht, dass ich nicht Telugu spreche, hält er doch einen ewigen Monolog, der wohl an mich gerichtet ist. Ich kann dazu nur fragend nicken, doch das reicht ihm auch schon.

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Simhadree

 

Bald erreichen wir unser Ziel. Wir halten vor einem großen Feld voller kleiner Dattelpalmen, Rohit packt die Axt und haut eine breite Kerbe in die Rinde einer Palme. Nicht lange und der halbe Baum ist durch. Beherzt drückt er den Strauch zu Boden, holt das Fruchtfleisch der Palme hervor und streckt es mir entgegen.

„Eat!“

„Eat?“

„Yes!“

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Mit spitzer Zunge probiere ich das Palmen-Innere und bin überrascht, dass es halbwegs nach etwas schmeckt. Es ist nicht so, dass es übertrieben lecker wäre, aber unappetitlich ist es auch nicht. So kauen bald alle unserer kleinen Gemeinschaft fröhlich auf dem Baum herum, währenddessen unserer Axt-Beauftragter Rohit weiter wild auf die Palmen einschlägt.

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Schließlich haben wir unsere eigentliche Beute noch nicht gefunden. In den Dattelpalmen sollen nämlich diese ganz speziellen Würmer, die in der Sprache der Ureinwohner „Ethabodingi“ genannt werden, leben. Mutig fasst er in den Stumpf des Strauchs, pult eine Weile darin herum, findet nichts und hackt den nächsten Baum klein. Unterdessen bemerke ich wie mein Kameraakku unaufhaltsam den Geist aufgibt. Als jäh ein lauter Freudenschrei ertönt und alle euphorisch beginnen zu jubeln, erlischt das Licht des Fotoapparats komplett.

Treffer! Wir haben einen Wurm gefunden! Er sieht aus wie eine fette Made, ist scheinbar gut bei Futter und leistet ziemlich unmotiviert Wiederstand. Im Nu fördern die Jungs einen zweiten und einen dritten ans Tageslicht und suchen frohgemut nach dem vierten im Bunde. Energisch fordern sie mich auf alles haargenau zu dokumentieren. Das geht leider nicht mehr.IMG_20180322_133857450_HDR

„Battery charge“, versuche ich ihnen zu erklären. Keiner versteht es so wirklich und so wird unaufhörlich nach weiteren Fotos verlangt. Zum Glück habe ich noch mein Handy, dass für diese Zwecke gerade noch so ausreicht, denn auch dieses Gerät hat seinen Lebensabend bereits überschritten.

Irgendwann versteht es unser Ältester, dass ich nicht mehr in der Lage bin Fotos zu machen, erklärt es den anderen und so beginnt bald unsere Rückreise. Die Würmer werden eingepackt, die Axt auf die Schulter geschwungen und auf geht´s. Die kleinen Viecher sollen nachher gebraten werden, sind sie anscheinend eine hervorragende Eiweißquelle, für die Menschen hier.

Hier ist übrigens der fertige Film, den ich, eine Woche nach meinen Dallapalli-Trip fertig geschnitten habe. 🙂

Doch vorerst bemerke ich eine schleichende Mittagsmüdigkeit, die sich bei mir breit macht, sodass ich beschließe die „Ethabodingis“ später mit den Kindern zu braten. Jetzt hätte ich doch gerne für zwei Stunden meine Ruhe. Das funktioniert ganze 10 Minuten. Dann stehen die Kinder auf der Matte.

Mit Hilfe von Zeichensprache verdeutliche ich ihnen, dass ich schlafen möchte und sie bald wieder kommen sollen, drücke die Tür zu und genieße weitere fünfzehn Minuten der Stille , ehe sie wieder laut aufgestoßen wird. Ich drehe mich zur Wand und versuche zu schlafen, höre aber das Wispern und Flüstern der Kinder, die irgendwas auszuhecken scheinen. Bald legt sich jemand neben mich und tut so, als würde er schlafen, im Angesicht eines penetranten Fakes-Schnarchens. Ich versuche es mit der ignoranten Taktik und beachte den Körper neben mir nicht länger. Insgeheim aber entwerfe ich einen Schlachtplan, gleich aufzustehen und schnell woanders hin zu laufen, sodass die Kinder mich nicht mehr finden. Bald fühle ich mich genug erholt, stehe auf und stelle fest, dass die beiden Körper neben mir eingeschlafen sind. Das erweicht irgendwie mein Herz. Es ist so süß zu sehen, wie vertraut die beiden zu mir sind und verwerfe prompt meinen Plan. Ich beschließe Mittag zu essen, gebe einem gerade Erwachenden auch etwas und versuche mich daran Tee für alle zu machen. Leider ist dem Haus der Zucker ausgegangen, sodass mein Versuch, da sind Rohit und ich uns einig, als wir ihn probieren, furchtbar schmeckt.  Stattdessen verteile ich, zur Feier des Tages, Mangosaft, den ich auf dem Markt erworben habe und blicke in strahlende Gesichter.

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Im Gegenzug braten die Jungs unsere Würmer, ich probiere einen ganz kleinen Teil, bringe es aber nicht ums halbe Vegetarier-Herz mehr zu essen. Mehr für meine kleinen Freunde.

„Leo, Games?“ fragt einer.

„Yes! Games!“ sage ich begeistert. War ich vorgestern und gestern noch total unmotiviert, so ist jetzt meine Spielfreude, durch diese Kleinigkeit, dass die Jungs an meiner Seite eingeschlafen sind, wieder entbrannt. Ich habe die letzten Tage nur allzu oft vergessen wie lieb ich die Jungs doch eigentlich habe und wie sehr sie an mir hängen. Ich zeige ihnen, wie man Filme mit der Kamera aufnehmen kann und fühle mich so wie am ersten Tag. Gegen Abend verabschieden sich die Kinder, nur Bonjis Sohn bleibt noch da, während ich mich mit seinem Vater gut unterhalte. Ich versuche mich an einigen Telugu-Wörtern, während sich Bonji alle Mühe gibt „gute Nacht“ auszusprechen. Deutsch liegt ihm aber nicht so. Wir versprechen uns morgen einen kleinen Telugu-Englisch-Deutsch-Kurs durchzuführen und verabschieden einander in eine gute Nacht.

Kommt jetzt noch mal ein Aufschwung? Schaffe ich es jetzt doch noch eine Woche auszuhalten, wo wir jetzt langsam damit beginnen die Aktionen zu machen, die mir aufgetragen wurden? Davon bin an diesem Abend fest überzeugt, werde aber am nächsten Morgen früh vom Gegenteil überzeugt. Dies wird der letzte halbe Tag sein, den ich in Dallapalli verbringen werde. Dann geht es zurück. Wirklich fassen kann ich diese Neuigkeit nicht, bin für meinen Teil wirklich deprimiert, dass ich mich nicht darauf vorbereiten konnte zu gehen. So viel wieder einmal zur indischen Spontanität.

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Doch als sich der Vormittag wieder beginnt in die Länge zu ziehen, nur die Tiere irgendwas Verrücktes machen, Bonji irgendwo und nirgendwo zu finden ist, muss ich einsehen, dass der letzte Tag die Ausnahme war. Es wird kein Aufschwung kommen. Klar ist es schade nicht mehr ein letztes Mal der Volleyball-Crew bei ihrem Spiel zuzuschauen, keinen aufmunternden Tee mehr zu bekommen und nicht mehr am Abgrund des Berges zu sitzen, doch all dies kommt mir nur jetzt wieder wunderschön vor, wo ich bald die Heimreise antreten muss.

 

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Man will immer das, was man nicht hat, leuchtet mir ein und steige gegen Nachmittag mit einem Lächeln in ein Riksha, winke den hinter uns her laufenden Kindern zu und bin ziemlich erleichtert, als Dallapalli, das friedliche Bergdorf, hinter einer Biegung verschwindet. Ich will nochmal hierher! So schnell aber, bringt mich nichts wieder zurück…