Gegensätze 2.0

„Mona! Ich heiße Mona!“ ruft das Mädchen über den Lärm hinweg.

„Schön dich kennenzulernen, Mona.“

„Und du? Wie heißt du ?“ Sie muss nah an mich herankommen, damit ich sie verstehe.

„Leo! L! E! O!“ Selten habe ich mich so darüber gefreut einen kurzen Namen zu haben, wie just in diesem Augenblick. Leo ist einfach, prägnant, leicht zu merken, über den hohen Lautstärkepegel gut zu verstehen.

„Wirklich? Wie süß. So heißt meine Katze! Ich liebe meine Katze!“ Das Mädchen im Abendkleid und den gelockten Haaren lacht mir entgegen und ich kann nicht anders als es ihr gleich zu tun. Sie tut es mit dem ganzen Gesicht, ihre Augen leuchten, kleine Grübchen treten zum Vorschein und ihre Mundwinkel sind feixend nach oben gezogen. Offen und einladend kichert sie mir voller Freude entgegen, es wirkt beinahe kindlich, wie sie es tut.

„Wie alt bist du?“ schreie ich durch die dröhnenden Popmusik hindurch.

„20! Und du?“

„Auch so ungefähr!“ meine ich.

„Lass uns tanzen!“ Mona und beginnt sich rhythmisch zur Musik zu bewegen. Sie hat Anmut, so als ob sie für ihr Leben gerne tanzen würde. Ich wippe fröhlich hin und her, muss aber bald einsehen, dass mein Rhythmusgefühl, sowie mein Tanzstil nicht gerade von Eleganz geprägt sind.  Egal, es macht Spaß, das ist für mich entscheidend und da Lion, der direkt neben steht, genauso unrhythmisch wirkt, bin ich immerhin nicht allein.

Wir sind auf den „Fields of Love“, einem kleinen Musikfestival in Hyderabad.

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Dabei stand ein Großteil unserer Gruppe, zwei Stunden davor auf der Seite, die gar keine Lust hatte herzukommen, waren wir am Tag davor bis spät in die Nacht unterwegs gewesen. Im Grunde was es unser Pflichtbewusstsein und die ungefähre Ahnung etwas Großes zu verpassen, was unsere Motivation auf diese Party zu gehen, die uns beinahe noch ausgebüchst wäre, steigerte. Kurz darauf befanden wir uns in einem Taxi, auf dem Weg ans andere Ende der Stadt. Und nun sind wir hier; auf einem riesigen Gelände mit zwei Freilichtbühnen deren spektakuläre Lichtshows über uns hinwegflackern. Am Rande einer Bühne findet sich ein flacher rechteckiger Pool, der uns einladend blau anleuchtet. Warme Lichterketten sind von Baum zu Baum gespannt, gut gekleidete Leute laufen hindurch, unterhalten sich abseits der Musik, mit einer Bierflasche in der Hand und einer Zigarette in der anderen.

Stella und Skrollan sind, wie üblich, ganz vorne auf der bebenden Tanzfläche und tanzen wild entfesselt im pochenden Rhythmus der Musik, während sie von vielen großgewachsenen Typen gierig angestarrt werden, die sich dann aber doch ihrer eigenen schönen Frauen an ihrer Seite besinnen und beschämt zu Boden schauen. Über ihnen, über die Masse hinwegschauend, steht der DJ, scheint seine Musik nicht nur zu mögen, er scheint sie gar zu leben, so inbrünstig haut er die Tasten und Hebel seines hochmodernen Mischpults.,

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Wir haben bereits Freunde gefunden, wie soll es auch anders sein, die uns fröhlich ihr Bier andrehen wollen. Dankbar nehmen wir alles an, was uns gegeben wird. Am Ende haben wir in der Relation zu unseren heutigen  Trinkverhalten, doch äußerst wenig dafür selbst bezahlt, so viel wurde uns bereitgestellt.

„Ihr seid hier in meinem Land und ich sorge dafür, dass es euch während eures Aufenthaltes hier gut geht!“ gesteht Rahamatt, ein kleiner, breitschultriger Inder, mit Hippie-Sonnenbrille. Ihn haben wir im Hip-Hop-Bunker des Festivals aufgegabelt und nun springt er fröhlich zwischen uns und seinen eigenen Leuten hin und her, während eine seiner indischen Freundinnen den Dancefloor geradezu zerlegt, ist sie unumstritten eine überaus begnadete Tänzerin.

Neu für uns ist, als wir eben jenen HipHop-Bunker erneut betreten, dass es in Hyderabad tatsächlich so etwas wie eine HipHop-Kultur gibt, die Eminem hört und Dancebattles veranstaltet. Im dicken Pulli, die lange Kapuze ins Gesicht gezogen tanzt ein Typ, gegen den mit den Dreads und der Jogginghose. Ein Kreis bildet sich um die beiden und feuert sie kreischend an, während Move auf Move folgt, die Musik immer schneller und wilder wird und beide sich ein Feuerwerk aus schnellen Tanzabläufen liefern. Plötzlich öffnet sich der Kreis und die Freundin vom DJ, die Bekannte von Rahamatt betritt das Gesehen. Die Masse johlt und tobt beim Anblick des schönen Mädchens, das auf der Stelle beginnt gegen die beiden ehemaligen Kontrahenten zu tanzen. Das Mädchen führt die Jungs an der Nase herum, lächelt verrucht und kokett. Währenddessen, muss ich mir eingestehen, mich tatsächlich etwas in dieses Mädchen verguckt zu haben, doch wird mir klar, dass ausgerechnet ich, 10 Zentimeter kleiner als sie und untalentiertester Tänzer jemals, heute wohl nicht ihre Gunst erhalten werde.

Es ist wunderschön mitanzusehen, in Gesichter zu schauen, die wieder einmal komplett neu für mich sind, laufen viele der Leute in amerikanischen Basketball-Trikots, Sneakers und Dreads herum. Ganz zu schweigen von der Freundin des DJ´s, die ungehemmt in kurzer HotPants jeden zum Duell fordert, den sie als würdig erachtet.

„Wir leben versteckt“, meint Rahamatt, als ich ihm erzähle, dass ich vorher nie irgendwas vom indischen HipHop gehört habe. „Die verdammte Regierung will uns nicht. Ebenso wenig, will es, dass die Clubs dieser Stadt länger als Mitternacht aufhaben. Das ist doch Wahnsinn! Immer mehr Bars entstehen, deren DJ´s auch HipHop auflegen und dann können sie nur bis fucking 0:00 Uhr Musik machen. In den USA ist das ganz anders!“

„In Deutschland auch“, meint Toni.

„Und auch wenn, die Regierung es jemals gestatten würde, dass wir das bekommen was wir wollen, kommt in vier Jahren eine neue, die alles wieder zur Nichte machen kann. Das ist nicht fair!“ meint unser Freund und zieht an seiner Kippe. „Sagt mal, raucht ihr Gras?“


 

Auch unser Festival wird pünktlich um 0:00 beendet, alle stöhnen und jammern, es gibt nicht mal eine Zugabe. Wir tauschen Handynummern mit unseren neuen Freunden, versprechen ihnen auf jeden Fall noch was zu unternehmen und schlendern davon, bis ich geschockt stehen bleibe und feststelle, dass ich total vergessen habe Mona mit ihrem ansteckenden Lachen nach ihrer Nummer zu fragen. Verdammt!

Doch gerade einmal eine Woche wird vergehen, wir sitzen in einer Bar und warten auf irgendwelche Inder, die Skrollan über Instagram angeschrieben haben, bis ich sie plötzlich unter diesen ominösen Instagram-Indern wiederfinde. Vorher noch mit einer mittelmäßigen Stimmung in die Bar gegangen, die für uns viel zu teuer sein sollte, hellt sich mein Gesicht auf, ich springe aus meinem Stuhl hoch und sehe in ihre strahlenden, schönen Augen. Ausgerechnet sie hatte ich jetzt nicht erwartet. Wir tauschen Nummern aus und ihre Freunde laden uns zu zwei Runden Tequila und ein paar kleinen Snacks ein, die wir davor noch als „viel zu teuer“ abgestempelt hatten. Sie bezahlen die hohe Rechnung als sei es nichts. Beinahe etwas zu dekadent.

Jedoch durchaus verständlich. Mona und ihre Freunde sind indische Moslems, die wenige Tage später in den Ramadan gehen werden, sprich keinen Alkohol mehr trinken und kein Gras mehr rauchen werden. Feiern wird für sie in dieser Zeit also schwer. Drum hauen sie jetzt noch einmal auf den Putz, fasten einen Monat und gehen danach erstmal nach Goa, dem absoluten Partyparadies Indiens, um die vergangenen Wochen der Abstinenz irgendwie zu kompensieren. Als ich derweil versuche mit meinen kümmerlichen Telugu-Sprachkenntnissen bei Mona zu punkten, schaut diese mich nur völlig irritiert an. Zurecht. Klar, lebt sie zwar in Hyderabad, wo die Hindus Telugu sprechen, die Muslime aber sprechen ihre eigene Sprache. Urdu.

 

„Es gibt einen Grund, warum Allah den Ramadan wollte“, gesteht mir Mona, als ich sie frage, warum sie denn beim Fasten dabei wäre. „Er will uns so zeigen, wie schwer es für die armen Leute ist, die wirklich nichts zu essen haben und leiden müssen. Er will uns so Bodenständigkeit vermitteln und genau das finde ich gut am Ramadan.“

„Ziemlich barmherzig.“

„Finde ich auch. Diese Zeit ist zwar unfassbar schwer, weil du tagsüber einfach nichts Gescheites auf die Reihe kriegst. Für diese Zeit habe ich meine Arbeit gekündigt, kriege dementsprechend auch nicht meinen Monatslohn, aber das ist es mir wert“, sagt sie und schmunzelt aufmunternd mir entgegen.



Am Morgen darauf treten wir verschlafen, die vergangene Nacht deutlich in den Knochen spürend, die Treppe ins Erdgeschoss unseres Büros herunter und finden eine kochende Roja, sowie eine dösende Shabana und eine arbeitende Ashwini vor. Die kleine 27 jährige Shabana, ihrerseits Teil unserer Organisation, ist meistens in den Bergdörfern, um zwischen den Seiten zu vermitteln. Sie ist die einzige Muslimin hier und irgendwie brennt es mir unter den Nägeln sie zu fragen, ob sie jemals Alkohol getrunken und vorhabe in den Ramadan zu gehen.

„No! Never. No habit, no taste. No Ramadan. Stupid tradition“ sie schüttelt vehement den Kopf. Ashwini als Hindu-Frau verneint ebenfalls und kichert wie ein kleines Mädchen. Beide, mitten in ihren Zwanzigern, haben noch nie in ihrem Leben Alkohol getrunken. Für sie, als untere Mittelschichtler Indiens, reicht es die ärmeren männlichen Schnapsleichen an den Alkohol-Shops zu beobachten, um für sich selbst zu beschließen, nie von diesem Zeugs zu kosten. Geraucht haben sie auch noch nie, Ashwinis Familie würde das auch nicht wollen, gar gutheißen. Diese sucht für sie derweil schon geeignete heiratswürdige Männer und schickt Anfragen über Kontaktanzeigen raus. Wirklich Lust auf Heiraten hat Ashwini nicht, doch trotzdem „muss das ja so sein“, sei sie doch schon weit über dem eigentlichen Heiratsalter hinaus.

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Zwischen dem Gespräch stolziert immer wieder eine glückliche Roja durch den Raum und klimpert verzückt mit den Augen.

„Look, makeup!“ Sie zeigt erst Skrollan, dann mir und zum Schluss Marius, ihre geschminkten Wimpern, strahlt über beide Wangen, hüpft immer wieder wild blinzelnd durch die Gegend und wirkt mit sich selbst total im Reinen. Normalerweise trägt sie nie Makeup. Heute scheint irgendetwas Besonderes anzustehen, was sie dazu bewogen hat.

Währenddessen dudelt klassische Bollywood-Musik aus Shabanas kleinem Smartphone. Die Sprache der Lieder: Kannada. Shabana und Roja kommen ursprünglich aus kleinen Dörfern des Staates Karnataka, wo Kannada Landessprache ist. Beide, Shabana mehr als Roja, sind zwar fähig Telugu, sowie etwas Englisch zu sprechen, aber das Heimatsgefühl ist so tief verwurzelt, dass sie meist nur Lieder von zu Hause hören.

 

„Wie unterschiedlich die Menschen hier doch sind“, wird mir wieder einmal bewusst. Die einen gehen jede Woche in einem dekadenten Reichenclub feiern, betrinken sich, kiffen und hören Musik von Übersee. Wenn man sich den Großteil der Mädels anschaut, schminken sie sich jeden Tag und Mona würde es sich nicht von ihrer Mutter, ihr Vater ist tot, gefallen lassen, wenn diese sie an irgendeinen Mann verschachert. Sie erzählte mir, dass ihre ehemalige Beziehung daran in die Brüche ging , als ihr Ex-Freund sie gefragt habe, ob er sie heiraten dürfe.

„Nein! Was denkt der sich? Dafür bin ich mit 20 doch noch viel zu jung.“

„Nur die Liebe zählt.“

„Exakt!“


Und dann gibt es die, insbesondere Frauen, der unteren Mittelschicht, die sich brav an die Regeln des Staates, oder ihrer Religion halten und den bösen Alkohol, der von der Regierung verteufelt wird, auf keinen Fall jemals anrühren werden. Roja arbeitet im Grunde von Montag bis Sonntag im Office, ich habe sie nie irgendwo anders hingehen sehen, als zum Haus der Chefin, um da zu putzen oder zu kochen. Hat sie überhaupt Freunde (uns in diesem Fall mal ausgeschlossen) in Hyderabad? Wahrscheinlich nicht. Ein Handy besitzt sie auch nicht, um mit diesen Notfalls in Kontakt zu bleiben.

Ganz im Gegensatz zu unseren oberen Mittelschichtlern. Einer unserer Freunde besitzt sage und schreibe drei Handys. Ein privates, ein dienstliches und eins..äh…hm…das weiß er wohl auch nicht so genau.

Vom Kleidungsstil unterscheiden sich die beiden Parteien auch sehr. Auf der Arbeit trägt Mona Kopftuch und gewiss mag sie, gerade in Hyderabad, die Ausnahme zu den vielen  Burka-Trägerinnen bilden, die vollverschleiert in schwarzen Gewändern durch die Stadt laufen, (und wohlbemerkt ungeheuer unter dem dunklem Stoff schwitzen müssen, tragen sie unter der Burka ja noch ein normales Outfit) doch ist Mona dazu noch westlich gekleidet, trägt Jeans und Top und lässt Abends, wenn sie feiern geht ihr Kopftuch ganz weg.

 

Shabana trägt fast immer die indischen, bunten Kurtis, ich habe sie fast nie in anderen Kleidern gesehen. Selten trägt sie ihre Haare offen und setzt sich stets das Kopftuch auf, wenn sie auf die Straßen geht.

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Ganz im Gegensatz zu Mona, die ihre voluminösen, gelockten Haare gerne und überall zeigt.Beide sind gemäßigte, gebildete Muslime, folgen der Religion nicht aus irgendeinem Zwang heraus und doch sind sie, vom Typ so unterschiedlich, wie man es nur sein kann.


Diese Gegensätze der unterschiedlichen Schichten, getrennt durch Religion, Herkunft und vor allem auch finanziellen Backround, faszinieren mich nach wie vor. Das erste Mal, dass ich damit konfrontiert wurde, ist sage und schreibe mehr als 10 Monate her, als wir, gerade einmal drei Tage in Hyderabad, auf Empfehlung unserer Vorfreiwilligen, in einen dieser Reichenclubs gingen und mich der Unterschied zwischen den Leuten auf der Straße und den Leuten dort komplett aus den Socken hauten, so war ich doch damals, als absoluter Frischling, nur mit dieser traditionellen indischen Welt konform (Gegensätze).

Mittlerweile weiß um diese Seiten (natürlich gibt es viele, viele andere individuelle Gruppen) und habe beide auf eine unterschiedliche Art und Weise schätzen gelernt, auch wenn momentan der Hang wieder hin zur Konfortzone geht. Der Drang Abenteuer in den Bergdörfern zu erleben, wo eben jene andere individuellen Gruppen beheimatet sind, wird immer kleiner, gerade nach letzteren Tiefpunkten. Vielleicht ist es doch bald Zeit für neue Helden und neue Aufgaben, doch so lange ich noch hier bin, werde ich die letzten zwei Monate noch damit verbringen von jeweils beiden Seiten zu lernen…

Mango Mango Mango – Indien im Ausnahmezustand!

Lasst alles stehen und liegen, rennt aus dem Haus und nehmt alles, Kind und Kegel mit, denn ES IST ETWAS PASSIERT! Lange haben wir darauf gewartet, eine Ewigkeit ist vergangen, mehr als 8 Monate des Ausharrens sind nun endgültig vorbei. Die Mango ist da! Die Frucht, die Indien wohl am besten repräsentiert, ist endlich überall, in jedem kleinen Shop, auf jeden erdenklich maroden Obststand und in jedem Supermarkt erhältlich. Es ist so, als wäre plötzlich das neue IPhone erschienen, denn der Ansturm auf die süße, gelbe Frucht ist gigantisch. Die Mango ist absoluter Trend! Nie zuvor habe ich einen derartigen Ansturm, eine gleichartige Freude auf eine Frucht erlebt, wie jetzt. Indien ist verrückt nach Mangos! Die Saison hat begonnen.

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Es ist wahrlich spannend zu beobachten, wie sich die Fruchtsorten auf der Straße über das Jahr hinweg ändern. Im August gab es noch einen Überschuss an Granatäpfeln, bis zwei Monate später der Custard Apple ( übersetzt bekannt als Zimt-Apfel ) und kurz darauf die Papaya an Beliebtheit gewannen. Im Februar und März waren wir alle heiß auf Wassermelone und Ananas und nun, im Hochsommer, kurz vor der Monsunzeit, hat die Mango, zusammen mit der Zitrone und der Guave , ihren großen Auftritt.

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Zitronen werden beinahe alle 50 Meter bei einem Lemon-Juice-Stand ausgepresst und mit kaltem Soda gemischt, um der Bevölkerung bei über 39 Grad im Schatten eine Erfrischung zu bieten. Neu sind auch die Zuckerrohrsaftpressen. In einer kleinen Maschinerie wird das Zuckerohr so lange bearbeitet, bis der Saft aus dem Rohr herausgepresst wird und dieser schmeckt wahnsinnig gut. Schon etwas länger dagegen existieren die Kokosnusswasserstände. Berge von Kokosnüssen liegen aufgehäuft am Straßenrand und wenn du nach einer Kokosnuss verlangst, kommt jemand mit einer Art Krummsäbel vorbei und hackt so lange auf der harten, oberen Schale herum, bis ein kleines, tiefes Loch entsteht, wo man einen Strohhalm reinstecken und genüsslich das Kokoswasser aus der Nuss herausschlürfen kann.

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Mit der unablässigen Hitze des Hochsommers, folgen immer mehr Saftstände, die davor zwar auch schon da gewesen waren, aber nie wirklich beachtet wurden. Jetzt ist das Verlangen groß nach Ananas-, Mango-, Mosambi- oder Wassermelonensaft. Billig ist das Ganze auch noch. Pro Saft bezahlt man rund 30 Rupien, was umgerechnet knapp 30 Cent entsprechen. Kokosnusswasser bekommt man manchmal sogar für 20 Rupien, zwölf Bananen für 40, und ein Kilo Mangos kann man für 50 ergattern. Obst und Gemüse ist in Indien verdammt billig, sodass jeder eigentlich die Chance hat gut und günstig vegetarisch zu leben. Indisches Obst wirkt um einiges echter, als das europäische. Es ist egal welche Form eine Banane haben muss, um auf den Markt zu kommen, solche Richtlinien gibt es schlichtweg einfach nicht. Die Banane kann krumm und schief, oder klein und dick sein und trotz dessen schmeckt sie viel aromatischer als in Deutschland. Das ist mir bereits am Tag meiner Ankunft aufgefallen, als uns das erste Mal Bananen, diese wachsen übrigens das ganze Jahr hinweg, verkauft wurden. Ich schmeckte sofort den Unterschied. Sie waren um einiges süßer, schmeckten grundlegend echter als daheim.

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Um kurz vom Gemüse zu sprechen; vorerst konnte ich die indischen Gurken gar nicht erkennen, da ich so fixiert auf das europäische Aussehen dieser war, dass ich die Gurke vor mir gar nicht als solche identifizierte. Gemüse hat viele Formen und Indien lässt diesem die Freiheit auszusehen wie es will und sortiert es keinesfalls aus.

Auch ist es erfrischend ganz bestimmte Saisons zu haben. Das kenne ich aus Deutschland nur von der Erdbeere und dem Spargel. Bricht der Sommer an gibt es den Erdbeer-Boom. Etwas später folgt der Spargel-Wahn, aber sonst scheint alles jederzeit einfach vorhanden zu sein, so etwas wie Saisons gibt es gar nicht mehr, außer man hat einen Apfelbaum im Garten und erlebt noch dessen Hochzeit. Anders verlernt man die Dinge wirklich wertzuschätzen.

Anfangs waren wir heiß auf Granatäpfel, jeden Tag pulten wir die kleinen roten Kerne aus ihrer Schale, jeden Tag fanden wir jeweils eine Granatapfel-Leiche im, oder auf dem Kühlschrank, die wir schlichtweg vergessen hatten zu essen und nach zwei Monaten, waren wir dem roten Gold überdrüssig. Doch jetzt, wo ein halbes Jahr ohne großen Granatapfel-Verzehr vergangen ist, sehen wir uns wieder danach.

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Ebenso wird es mit der Mango sein. Jeden Tag nun kaufen wir mindestens 2 Kilo davon, machen Säfte und Shakes daraus, oder essen sie beiläufig während der Arbeitszeit. Die Mango ist jedoch anders als alle anderen Obstjahrestrends davor. JEDER liebt sie. Es gibt Stände, die ausschließlich durch dessen Verkauf existieren. Das gab es sonst nie.

Seit Beginn unseres Freiwilligendienstes haben wir auf das Erscheinen gewartet, kündigten die Inder doch immer wieder von der Zeit der Mango und sprachen von ihr stets mit einem Lächeln auf den Lippen.

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Vor nicht all zu langer Zeit waren wir zu einem Kochkurs eingeladen. Skrollan und Toni hatten ihre Yoga-Kontakte spielen lassen und prompt landeten wir in einer wunderschönen, lichtdurchfluteten Küche, voller exotischer Dämpfe und Gerüche. Es war eine Wonne nach einer langen Zeit wieder in einer richtigen Küchenecke zu stehen, aus waschechten Gläsern zu trinken, statt auf Messingbecher zurückzugreifen. Scharfe Messer zu haben grenzte an Wunder, stumpften unsere doch immer mehr ab. Alles hatte seinen geordneten Platz. Es brutzelte und dampfte, eine nach Koriander und Kichererbsen riechende Suppe wurde gerührt, ein würziges Erdnuss-Chutney mit Knoblauch verfeinert und ein indonesischer Salat, voll knackigem Gemüse ( etwas ganz besonderes für uns, denn sonst gibt es nur gekochte, labbrige Paprikas, Gurken und Möhren im scharfen Samba) wurde gereicht. Uns lief beim Anblick dieses Festmahls das Wasser im Mund zusammen. Verstärkt wurde unser Hunger durch die eingebauten Mantras zwischen dem Kochen. Wir saßen um einen massiven Holztisch mit ungefähr zehn mittelalterlichen Frauen und summten lebensverherrliche Mantras, während das Essen, auf einem Tisch voller spannender Gewürze und buntem Gemüse vor sich hin brodelte.

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Das eigentliche Highlight des Abends jedoch war das Mango-Sorbet, das ganz zum Schluss gereicht wurde. Ein pures Verlangen lag in den meisten Augen der Anwesenden, man gierte nach diesen wenigen Löffeln des gelben Desserts und als der Startschuss erteilt wurde anzufangen, stürzten sich alle voller Freude auf das Sorbet und, oh mein Gott, das war lecker.

Den süßen Geschmack auf den Lippen, lechzten wir nach mehr, doch leider gab es nur ein Glas für jeden. Müssen wir wohl nochmal wieder kommen.

Während ich diesen Beitrag schreibe, ist Toni mindestens einmal schon losgezogen, um das tägliche Kilo zu erwerben und gerade kann ich ihr von meinem Platz aus zusehen, wie sie in unserer kleinen Küche voller maroder Schränke und stumpfer Messer ein Teller Mangostücke zurückschneidet und mit diesem an ihren Platz geht. Dort sitzt sie über den „besten Mangorezepten“, landet unter anderem bei einer Mango-Quark-Tarte, oder einem Mango-Käsekuchen und stöhnt leise vor sich hin, während ihr Magen beginnt zu knurren. Gebannt schaue ich zu ihr und werde nach einiger Zeit beiläufig an ihrem Stuhl vorbei kommen und garantiert ein Stück….vielleicht auch zwei, unauffällig in meinen Mund wandern lassen.

Der ewige Sommer, in dem wir uns befinden, wo es Nachts nicht kälter als 35 Grad wird, ist manchmal ist schwer auszuhalten, doch dank der unzähligen Obstsorten und vor allem der Mango lässt es sich gut leben, kreiert man Shakes, Säfte, oder das gut bekannte Lassi. Fehlt nur noch, ein Besuch im Freibad, doch sind wir mal ehrlich: In die Flüsse und Seen Hyderabads will man nicht gehen. Am Ende kommt man wohl mit einem dritten Arm wieder heraus. Drum begnügen wir uns mit unendlich vielen Rezepten und wer weiß; vielleicht wird es bald einen Mango-Käsekuchen zum Reis geben….

Dann sind wir eben deine zweite Familie

„Dann sind wir eben deine zweite Familie“, sage ich und meine es tatsächlich so.

Wir sitzen alle zusammen auf dem Boden, um einen kleinen Tisch herum. An den Wänden stehen Regale voller Bücher und aufgehobenen Zeitungen, die sich seit Jahrzehnten hier zu stapeln scheinen. Keiner schmeißt sie weg, weil man das Papier ja möglicherweise nur für andere Dinge verwenden kann. Die beiden Ventilatoren, wovon einer für eine ganze Weile für kaputt erklärt (man dürfe ihn niemals anschalten, sonst würde er noch explodieren), jüngst aber repariert wurde, kreisen unermüdlich surrend über uns und blasen den hitzigen, indischen Sommer ein wenig beiseite.

Auf dem Tisch steht einzig und allein ein wunderbar leckerer Schokoladenkuchen, in dem vier angezündete Kerzen stecken und bereit dazu sind von Savitri ausgepustet zu werden.

Alle, bis auf ein paar Ausnahmen sind da und wollen dem Mädchen, das heute ihren ganz besonderen Ehrentag hat, zum Geburtstag huldigen. Ganz glücklich wirkt diese jedoch nicht.

Ihre Familie hätte sich noch nicht bei ihr gemeldet, so Gayathri und das mache sie fertig. Verständlich, denke ich, doch bin ich wirklich der Meinung, das wir ihre zweite Familie sein können und das hat sich unsere junge Köchin auch verdient. Sie pendelt fast jeden Tag zwischen drei Häusern, unserem Office, dem unserer Chefin und dem Haus von Ravi, einem unserer Mitarbeiter, hin und her, kocht und putzt und ist am Ende des Tages immer völlig fertig mit den Nerven.

„Manchmal ist sie eine einzige Verspannung“, hatte Skrollan einmal gesagt, als Savitri ihr gestand heute total müde zu sein, aber trotzdem noch für alle kochen müsse.

Im Grunde ist sie der heimliche Stützfeiler des täglichen Lebens unserer Organisation und daher lastet auch ein ungeheurer Druck und eine Verantwortung auf der 20 Jährigen, die definitiv zu viel für sie ist.

 

„Ich gehe jetzt rüber. Verschließt die Tür! Passe gut auf! Ihr seid jetzt alleine“

 

„Ja, Savitri, wir packen das.“

 

„Passt wirklich gut auf! Die Tür muss verschlossen sein. Das Essen für euch steht in der Küche. Wenn ihr die Küche verlasst, macht das Licht aus. Gebt Acht!“

 

„Ja, machen wir.“

 

„Bitte passt wirklich gut auf, macht die Tür zu, schaltet, wenn ihr schlafen geht das Licht und die Ventilatoren aus. Take care!“

 

„Gute Nacht, Savitri.“

 

So in etwa sieht ein typisches Gespräch im Türrahmen aus, verlässt die junge Frau das Haus. Durch ihr enormes Pflichtbewusstsein hievt sie sich noch mehr Dinge, wie die komplette Sicherung des Hauses,  auf die Schulter, was sie eigentlich gar nicht muss. Jedes Mal, wenn sie das Haus verlässt, sei es nur für eine halbe Stunde, kommt es zu dieser Konversation, wir kennen bereits das gesamte Prozedere, wissen was zu tun ist, doch sie kann nicht anders, als nochmals sicher zu gehen, dass alles zweifellos funktioniert.

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Drum hat sie heute verdient, dass wir alle für sie da sind.


Direkt neben ihr steht Roja, ein etwas jüngeres Mädchen, das das komplette Gegenteil zu Savitri darstellt. Sie ist die komplette Entspannung, der Wirbelwind Dhaatris,  kocht mal hier, mal da und weiß das Leben zu genießen. Im Grunde ist noch ein Kind, dass mit 18 Jahren zu alt ist, um wirklich eins sein zu können, doch das stört sie keineswegs. Sie gestaltet sich ihre Welt, so wie es ihr gefällt, ohne besonders egoistisch, oder laut zu sein. Sie ist eine kleine Träumerin, die liebend gern Streiche spielt, einem den Stuhl wegzieht, wenn man sich gerade setzen will, viel lieber die Leute mit Wasser bespritzt, als zu kochen und schlichtweg an allem interessiert ist, was sich bewegt. Es ist schon ein Kunststück mehr an den Straßenhunden interessiert zu sein als ich. Gut, ich mag sie wohl auf den Geschmack gebracht haben, aber sobald sie die Hunde draußen erspäht, geht ein Ruck durch ihren dünnen Körper, egal zu welcher Tageszeit, und egal ob wir arbeiten, oder nicht:

„Leo!“

„What?“

„Come outside!“

„Why?

„Dogs! Please see!

„I know them already…“

„Pleeeaaassse! Leo, pleaaaase!”

 

Und wenn ich spätestens dann immer noch an meinem Platz sitze, nervt sie mich so lange, bis ich grummelnd aufstehe und sie mich an die Hand nimmt und mir voller Freunde die Hunde draußen zeigt.

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Zudem wäre da noch die Sache mit Leo der großen Schwester. In Indien ist es oft Brauch die Menschen mit Bruder (ana), oder Schwester (aka) anzusprechen. Hierbei kann man noch zwischen großen, oder kleinen Geschwisterchen unterscheiden und das dient eigentlich auch dazu die verschiedenen Rollen der Machtverteilung festzulegen. Die großen Schwestern sind älter und in dem Sinne musst du als jüngerer Mensch ihnen auch einen gewissen Respekt zollen. Grundsätzlich ein althergebrachte Tradition, die immer und immer weitergeführt wird. Roja aber, macht sich in unserer Gegenwart einen Spaß daraus und vertauscht einfach die Geschlechterrollen.

 

„Leo aka! Leo aka! Leo aka! Höhöhö!“ Es gibt bei ihr schier keine größere Freude, als mich als große Schwester, oder neuerdings auch gerne als „grandpa“ zu bezeichnen. Wenn ich dann jedoch auf Konter setze und sie gar als Bruder, oder große Schwester bezeichne, gluckst sie zwar sehr vergnügt herum, aber wedelt wild gestikulierend mit den Armen.

 

„Roja ana! Hihihi.“

„No! No ana!“

„Roja aka?“

„No, Leo! Only Roja!“

 

Im indischen Gesamtbild ist sie, gegenüber uns und den Arbeitern im Office, einfach nur Roja. Das stört sie jedoch keineswegs. Sie mag manchmal ziemlich nervig sein, doch haben wir uns beide wirklich sehr gerne und für mich ist unser strahlendes Nesthäkchen wirklich eine ziemliche Bereicherung für´s Office.

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Während Roja hungrig nach dem Kuchen giert, stimmen wir ein fröhliches „Happy Birthday“ an und Skrollan und Toni starten eine kleine Gruppenumarmung.

Die beiden sind mittlerweile verdammt gute Freundinnen geworden und es ist echt schön mitanzusehen, wie ihre Bindung zueinander immer mehr wächst und zu sie zusammenschweißen lässt. Skrollan war eben noch für einen Monat auf großer Nordindienreise und drum war die Freude der beiden gewaltig, als sie einander wieder hatten.

Skrollan als auch Toni sind große Fans von Dallapalli, würden liebend gern längere Zeit dort verbringen, sind beide viel mehr naturverbunden als ich es bin. Sie haben die Ruhe weg und sind deutlich angepasster und abgebrühter an Ausnahesituationen, als Merlin und ich es jemals waren.

Toni, als bodenständige Freiburgerin, scheint alles irgendwie packen. Dhaatri hat in letzter Zeit Summercamps mit den Kindern aus dem Dorf organisiert. Toni war dabei und erzählte mir kurz danach, dass gut 50 Kinder da waren und sie, zusammen mit zwei Frauen, ohne Englisch-Kenntnisse, für mehr als die Hälfte der Kinder verantwortlich war.

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„War zwar anstrengend, aber das ging schon“, so ihr Kommentar. In diesem Moment bewunderte ich sie.

Skrollan ist genauso. Wenn sie etwas macht, dann zieht sie es durch, egal wie lange es dauert und trotzdem ist sie, diejenige die voll gern auf den Putz haut, immer dabei ist, wenn irgendwo eine Party steigt.

„Niemand muss nüchtern bleiben“, so eines ihrer vielen Mottos, das dick und fett als Aufkleber auf ihrer Wasserflasche prangt .

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Sie ist ein absoluter Morgenmensch. Egal wie lange wir in der Nacht auf waren, sie ist spätestens um halb sieben Uhr morgens wach, um sich ihren Café zu machen. Ohne diesen, so Skrollan, wäre sie kaum auszuhalten.

Beide Mädels gehen nach wie vor noch zum morgendlichen Yoga. Egal wie müde, egal welches Wetter, sie ziehen ihre Sache durch, ohne dass der jeweils andere sie großartig motivieren muss, was bei mir damals der Fall war.

Kaum ging Merlin, aufgrund seines Rückens nicht mehr zum Yoga, war meine Motivation auch davongeflogen.

Im Grunde war unsere vollständige Gruppe, ein einziger Haufen von Anti-Stereotypen, so als ob die Jungs die weichen Mädchen wären und die Mädchen die harten Jungs. Und genau das finde ich an Skrollan und Toni besonders sympathisch. Sie wollen nicht das Klischee sein, auch wenn sie natürlich ihre Phasen haben, wo sie über „typische Mädchenthemen“ quatschen, oder sich absolute Mädchenfilme auf Netflix anschauen.

Sie genießen ihr Leben, rennen in den Regen und tanzen barfuß über den brüchigen Asphalt, während um sie herum die Welt untergeht.

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Habe ich eigentlich schon Marius vorgestellt? Nein? Dann wird es jetzt alle höchste Eisenbahn, dass unser neuer Vierter im Bunde ins Licht tritt. Gemütlich quatscht er, mit einem Kuchenstück auf Teller, mit Ravi, der derweil immer mehr mit uns scherzt und redet. Anfangs war dies kaum möglich, nuschelt er sein Englisch in sich hinein. Doch wir haben ihn verstehen gelernt und jetzt ist er für uns eine ganz entscheidende Stütze. Er ist der Techniker, weiß am besten wie man mit Computern umgeht und ist ein wahnsinnig liebenswürdiger Mensch, der bisweilen noch bei seiner alten gebrechlichen Mutter wohnt, um sie zu pflegen. Immer gegen Mittag, wenn die anderen zum Essen rufen, schwingt er sich auf sein Motorrad, um zu seiner Mutter zu fahren. Wenig später kommt er wieder und ist oft bis Abends da und schuftet.

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Marius, 23, hat bereits einen Freiwilligendienst in Südafrika geleistet, war schon gefühlt überall auf der Welt und wollte jetzt nochmals den Schritt wagen für drei Monate nach Indien in unsere NGO zu gehen. Und das gibt uns dreien auch nochmal die Kraft die letzten Monate nochmal richtig loszulegen, da er noch frisch und voller Ideen ist. Mit ihm entdeckt man sein eigenes Viertel nochmals neu, ist man selbst doch schon überzeugt alles gesehen zu haben, was im Umkreis von zwei Kilometern zu finden ist. Doch die Neugier Neudazugestoßener beweist einmal wieder das Gegenteil. Jedes Mal, wenn neue Leute dazukommen, entdecke ich mein eigenes Viertel nochmal neu, lerne langweilig geglaubte Dinge wieder zu schätzen.


 

„Ich brauch immer neue Abschnitte, Phasen, die anders sind, als die Vorhergegangene. Ohne die würde ich verrückt werden“, sagte Helen einst. Für sie war ihr krankheitsverbundener Besuch in Hyderabad, unsere gemeinsame Holi-Feier und das Sehen neuer Leute, einer dieser neuen Abschnitte, den sie unbedingt brauchte, um im kleinen Hospet, nahe Hampi, nicht total verrückt zu werden.

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„Danach, kann ich wieder zurückkehren und alles ist wieder neu und ich hab Hospet wieder lieb.“

Marius ist, in diesem Sinne einer dieser neuen Abschnitte und es ist schön wieder einen Jungen im Office zu haben, der dazu auch noch gerne fotografiert.

Seit knapp einem Monat ist er nun da und wir alle haben ihn bereits ins Herz geschlossen..

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Wir räumen die Reste des Kuchens ab.

Ich setze mich auf meinen Arbeitsplatz im Erdgeschoss, denke kurz darüber nach ihn mal aufzuräumen, da so viel Krempel auf ihm liegt, dass es beinahe so wirken könnte, als wäre ich ein kleiner Messi, entscheide mich aber strikt dagegen. Der Krempel hat schon seinen Sinn. Der Becher, mit dem „Held des Tages-Aufdruck“ macht mich einfach fröhlich, die drei leeren Becher, die bereit dazu sind gewaschen zu werden, könnte ich jederzeit nochmal verwenden und das dicke Studienführer-Ratgeberbuch erinnert mich ständig daran mich doch mal für einen Studienplatz zu bewerben. Auf meinem Studienführer liegt noch ein Notizblock, sowie ein Moralomat, ein Kalender, mit jeweils drei Spaten mit unendlich vielen Blättern zum Umklappen, wo jedes Mal ein netter, zusammengewürfelter Spruch erscheint, klappt man die drei Kategorien nacheinander um.

Heute ist „der Tod unleugbar völlig überholt“. Ein verrückter Spruch über den ich mir den restlichen Abend noch den Kopf zerbrechen werde.

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Meine Leute setzen sich neben mich und ich muss zugeben, dass mein Freiwilligendienst ohne sie nicht der Selbe wäre. Ich habe es gut mit ihnen erwischt und tatsächlich sind sie für dieses eine Jahr eine Art Familie geworden, die ich ohne Zweifel vermissen werde, komme ich bald zurück nach Deutschland. Wieder alleine in einem großen Zimmer zu schlafen, kommt mir jetzt unsagbar einsam vor…