Leben im Slum

„Whats your good name“, fragt mich ein Unbekannter. Er steht seit gut 30 Sekunden neben mir und hat mich während dieser Zeit von oben bis unten anstarrt, ja gar analysiert. Wohl fühle ich mich in seiner Gegenwart nicht. Ich stehe auf der Brücke eines Bahnübergangs und fotografiere die Umgebung, der wohl größte Slum Asiens liegt beinahe vor mir. Ich sehe Menschen auf Gleisen, die nach verwertbaren Müll suchen. Haben sie diesen gefunden, trotten sie zurück in ihre rostigen Wellblechhütten, direkt neben den Gleisen. Lärmschutzanlagen, gar Palisaden gegen den andonnernden Züge gibt es nicht. Diese Menschen sind dem Lärm der riesigen Ungetüme hilflos ausgesetzt.

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Apropos: Da wir gerade von Zügen und Müll reden: Täglich werden Millionen von Indern durchs ganze Land gefahren, jährlich sind es bis zu acht Milliarden Passagiere, die die „Indian Railways Company“ durch den Subkontinent fährt. Mit mehr als einer Millionen Beschäftigten ist die Eisenbahngesellschaft einer der größten Arbeitgeber der Welt. Viele der Arbeitnehmer sind im Grunde nichts anderes als fahrende Kellner, die laut schreiend Nahrungsmittel, wie Samosas, Kekse, oder Biryani feilbieten, die meist in Plastikverpackungen gehüllt sind. In den Zügen gibt es so gut wie nie Mülleimer, weshalb einem nichts anderes übrig bleibt, als seinen Abfall aus einem der Gitterfenster zu schmeißen. Die Umgebung rundum der indischen Bahngleise ähnelt somit einer endlos langen Müllhalde. Wohl angemerkt: Das Streckennetz der Indian Railways beträgt mehr als 65.000 Kilometer…

 

„Leo“, sage ich knapp und drehe mich von dem Typen weg. Ich will jetzt nicht reden. Dieser jedoch starrt mich weiter vehement musternd an, während ich versuche gute Bilder zu schießen.

„Where are you from?“

„Germany.“ Ich versuche so uninteressiert wie möglich zu klingen. Normalerweise bin ich wirklich ein guter Smalltalk-Typ für Interessierte, doch ich habe momentan einfach überhaupt keine Lust. Der Typ ist mir unheimlich.

„You want sex?“

„What?!“ Damit hat er mich jetzt total aus dem Konzept gebracht.

„With me?“ Ungehemmt nimmt er meine Hand und führt sie in die Nähe seines Schrittes. Angewidert reiße ich diese zurück.

„No!“ ich schüttle wütend den Kopf.

„Why not?“ er tritt immer näher an mich heran.

„I´m into girls!“ antworte ich barsch.

„ So what? It´s your first time? Come with me.” Er will erneut meine Hand nehmen, doch ich ziehe sie weg.

„I have a girlfriend“, lüge ich, doch hoffe, dass er so endlich begreift, dass ich absolut kein Interesse habe. Ich laufe los, die Treppe zum Ausgang hinunter. Der Typ folgt mir.

„Doesn´t matter. Lets do it. “

“No interest. I want to be alone. I´ll go now.” Ziemlich angefressen laufe ich aus dem Bahnhofsgebäude hinaus, den Typen immer noch an der Backe.

„Please!“ er gafft mich kokett an und führt diesmal seine Hand in Richtung meiner Leistengegend.“

Gut zehn Minuten bleibt er an meiner Seite und schaut mich aus großen Augen an, während ich drüber nachdenke, wie ich ihn am besten los werde. Ich war noch nie der Typ, der Leute geschlagen, oder beleidigt hat und damit will ich auch hier nicht anfangen.

„I´m very good at this. Just one time, please. I like strangers”, zwischen einem schmalen Durchgang eines geparkten Autos und einer Wand versucht er mich festzuhalten  und zu bedrängen.

„No! knurre ich böse und dieses Mal viel lauter, als davor und schlage seine Hand beiseite. „Bye!“ ihn beiseite stoßend, fluchend und wohl auch etwas aggressiv stapfe ich schnellen Schrittes davon, blicke nach einigen Metern hinter mich und sehe, dass der mein Verfolger aufgegeben hat. Sehnsüchtig blickt er mir nach.

In diesen Momenten meiner Wut hätte ich nur zu gerne meinen Frust hinaus gelassen, balle die Fäuste und trete mit einem halbwegs lauten „Fuck!“ gegen eine Laterne. Schimpfend mache ich, dass ich Fersengeld gebe und aus dem Blickfeld des Irren komme und biege in eine Seitengasse. Ich versuche mich irgendwie zu entspannen, doch das will mir just in diesem Moment einfach nicht gelingen. Ich bin so wütend und irgendwie auch traurig, dass ich nicht mehr klar denken kann. Ich setze mich auf die Kante des Bürgersteigs und will begreifen, was gerade passiert ist. Warum bin ich gerade so außer Gefecht? Klar, keine Frage, mich hat noch nie jemand sexuell belästigt und dieses eine Mal reicht mir auch völlig, doch das ist es auch nicht, was mir zu schaffen macht. Es ist ein anderes Gefühl, eine Tatsache, eine Gegebenheit, die absolut nicht in mein Weltbild passt. Diese unangenehme Person war mit Abstand die allererste seit 10 Monaten in Indien, die auf mich…schlecht, gar böse gewirkt hat. Sonst waren die meisten immer gut und liebevoll und eben diese Erkenntnis, dass es nicht nur die Guten gibt, schockiert mich. Über zehn Minuten sitze ich an der Schwelle zur Straße und kämpfe tatsächlich mit den Tränen. Wie all zu oft im Leben überlappen schlechte Ereignisse die guten, verdrängen sie, stellen auf einmal alles anders dar, als es eigentlich ist.

Während ich dort so hocke, verfluche ich all diese bescheuerten Inder, ja ich kann nicht anders als pure Abneigung, Wut und Hass für all diese Menschen, die gerade an mir vorbei laufen, zu empfinden, bis ein Kind an mir vorbeikommt, mich anlächelt, mit den Kopf wackelt und weiterzieht.

Dieses Kopfwackeln ist mir vertraut, ja es erweckt gar ein Hafen der Ruhe in mir. Die Wackeldackel-Geste ist mir mittlerweile in Fleisch und Blut übergegangen, ich habe mich daran gewöhnt, dass wenn jemand mit den Kopf wackelt, ich es ihm gleichtue.

Anfang des Jahres glaubte ich noch, dass dieses Zeichen lediglich für alle möglichen Umschreibungen für das Wort „Ja“ stehen würde, doch dem bin ich mit der Zeit entwachsen. Es bedeutet so viel mehr. Besonders in den Dörfern ist mir klar geworden, dass das Kopfwackeln ebenfalls ein Zeichen dafür ist, dass man nicht gefährlich, sondern ein Freund ist. Du kommst als Weißer auf jemand Fremden zu, dieser Jemand mustert dich mürrisch, weiß nicht so ganz er auf dich reagieren soll, doch spätestens dann, wenn du mit dem Kopf wackelst, wird er zurück wackeln und breit lächeln. Ihr versteht euch, ihr seid auf einer Wellenlänge, ihr seid Freunde.

„Hallo, ich bin ungefährlich“ ist wohl eine der passenden Definitionen für das Wiegen seines Kopfes und ich bin mir sicher, dass es mir als Tick in Deutschland erhalten bleiben wird.

 

So holt mich eben jene kleine Bewegung aus meiner Wut heraus und führt mich zurück in die richtige Welt. Vögel zwitschern, ich höre wie Kinder lachen und Händler lauthals ihr Gemüse feilbieten. Eine seichte, frische Brise weht durch die grüne Allee, ich atme tief ein und das Leben kehrt zurück in meinen Körper, der sich gerade noch so vehement dagegen gewehrt hat irgendetwas zu machen.

„Scheiß auf diesen einen Typen. Er war die Ausnahme“, mache ich mir klar. Egal, wie sehr man sich vor manchen Menschen auch fürchtet und vor ihnen weglaufen will, es sind andere Menschen, die dich auffangen und glücklich machen werden.

 

Ich stehe auf, laufe los, mein Ziel wieder vor Augen. Dharavi. Einer der vielen Slums in Mumbai und tatsächlich einer der größten Asiens. Ich folge Google Maps, dass mir diese Gegend als Sehenswürdigkeit anpreist, stelle aber wenig später fest, als mir die Navigationsstimme verkündet, dass ich angekommen sei, dass so ein Slum keine Eingangspforte hat. Es gibt kein Schild, das verkündet, dass man jetzt in Dharavi ist, die Hochhäuser brechen nicht plötzlich ab und hinterlassen ein riesiges Gebiet aus kleinen Hütten, nein, der Übergang ist fließend zu allen Seiten.

Einen Slum stellt man sich zudem ziemlich einfach vor, wie ich am Ende meines Besuches eingestehen muss. Für meinen Teil verglich ich vor meiner Zeit in Indien einen solchen mit meinen Vorstellungen eines riesigen Flüchtlingslagers. Viele, viele Menschen die nichts haben, hausen in heruntergekommenen Hütten, ohne irgendwelche Beschäftigung. Sie sind dreckig, haben kein Wasser, leiden unter all diesen Bedingungen.

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Doch jenes Areal in Mumbai, der Stadt der Gegensätze, vermittelt mir ein anderes Bild. Gut, tatsächlich ist es so, dass es viel dreckiger ist, als anderswo. Verglichen mit Colaba, dem Touristenviertel der Stadt, könnte man glauben in einer komplett anderen Stadt zu sein. Je weiter ich vordringe, so schmutziger wird es auf den kleinen Gassen, es stinkt fürchterlich nach Abfall und Fäkalien, in riesigen Müllbergen tummeln sich Ratten so groß wie Katzen, Straßenhunde und ausgemergelte, schmutzige Wasserbüffel. Ich komme an einem stinkenden Fluss vorbei, der zum größten Teil aus verrottendem Abfall besteht. Hohe, graue, mit Graffiti besprayte Häuser blöckeln im Schmutz der Straße vor sich hin. Direkt an ihnen reiht sich eine Baracke an die nächste, die schmalen Sandwege bestehen zu mehreren Teilen aus übel riechenden Pfützen, aus denen theoretisch gleich ein riesiger Mutant entspringen könnte, doch trotz alledem unterscheidet sich dieser Slum von meinen Vorstellungen.

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Den Unterschied machen die Menschen.

Inder sind grundsätzlich sehr reinlich und das merkt man insbesondere dann, wenn die Umgebung es nicht ist. Selten wird man in Indien in einem Armenviertel einen schmutzigen Menschen begegnen, es sei denn er kommt gerade von einer Baustelle, aber grundsätzlich waschen sich alle mehrmals am Tag, besonders das Gesicht und die Hände. Der männliche Part wird immer einen perfekt frisierten Bart und stets gestriegelte Haare haben. Die Frauen die täglich die Haare mit Kokosnusshaaröl einreiben, sind immer in Würde und Anstand in ihre bunten Saris gefüllt, welche ihnen tatsächlich eine Art Eleganz inmitten all des Schmutzes verschaffen. Insbesondere indische Moslems scheinen noch sauberer zu sein als ihre hinduistischen Mitmenschen, tragen die Männer oft strahlend weiße, frisch gewaschene Gewänder, die niemals Flecken zu haben scheinen.

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Neben der Reinheit der Menschen fällt mir zunehmend auf, wie viel Leben in diesem Viertel steckt. Auch hier gibt es Geschäfte, Friseure, Bauarbeiter, Fleischereien, Restaurants, Stahlwerke und alles, was man auf der normalen Straße auch finden wird, eben nur viel kleiner und heruntergekommener. Es herrscht rege Arbeit, Handel wird, inmitten der schmalen stinkenden Gassen betrieben. Tatsächlich hat der Slum selbst eigene Industrie- und Gewerbeviertel, die durch Handel, Dienstleistungen und Handwerk jährlich 700 Millionen Euro Umsatz erreichen.

Spätestens, als ich beinahe in eine kleine Moschee voller Gläubigen tappe, wird mir bewusst, dass hier zwar die Ärmsten der Armen leben, diese aber nicht aufgegeben haben ihr Leben zu leben. Ihre eigene kleine Welt liegt vor ihnen.

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Fröhlich bedenke ich alle Leute, die an mir vorbeigehen mit einem Kopfwackeln, was sie begeistert erwidern, mehrere wollen sogar, dass ich von ihnen ein Foto schieße, mir wird Chai gereicht und von vielen Kindern des Slums werde ich sogar auf Englisch angesprochen, was mich erst sehr verwirrt, glaubte ich vorher nicht daran, dass diese Leute im Stande wären mehrere Sprachen zu sprechen. Eben diese Gedanken, zu glauben, dass die Leute aufgrund ihrer Ärmlichkeit ungebildet und dumm wären, macht mir im Nachhinein zu schaffen. Sehr wohl können arme Leute, die nicht auf teure Privatschulen gegangen sind, schlau und spitzfindig sein, das beweist mir Bonjibabu aus Dallapalli jedes Mal auf´s Neue. Mag sein, dass er keine Ahnung von Geographie hat, die Weltkarte nicht kennt und somit nicht weiß, wo die USA oder Australien liegen, doch das brauch er auch nicht. Für ihn ist es schlichtweg einfach nicht notwendig das zu wissen. Dafür weiß er Dinge über sein Land, über Pflanzen und Kräuter, über Tiere und Wege seine Acker zu bestellen. Davon habe ich für meinen Teil auch überhaupt kein Wissen, teilweise kann ich nicht einmal zwischen Eiche und all diesen anderen Bäumen unterscheiden.

Der Slum beherbergt ebenfalls sein eigenes Wissen, bestimmt gibt es sogar kostenlose Schulen, die die Kinder besuchen können, um wenigstens die Grundlagen des Englischen und vielen weiteren Dingen zu lernen.

Ich fühle mich gut aufgehoben unter all diesen Menschen, klar, traue ich mich im Endeffekt nicht ganz in die ganz kleinen verwinkelten Gassen des Viertels, sondern bleibe auf den Hauptstraßen, die verwirrend genug gegliedert sind und erfreue mich der Kleinigkeiten, mag es jener Bananenverkäufer sein, der kopfwackelnd und lächelnd die Enden seines weißen Schnurrbarts zurecht nach oben dreht, als ich ihn fotografieren möchte, oder solche, die mir einen schönen, erfreulichen Tag wünschen, als wir nach einem kurzen Gespräch auseinander gehen.

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Meist sind es die, die nichts haben, die am meisten geben und das kann ich in just in diesen Momenten in Mumbai, als ich mich winkend von diesem riesigen, verdreckten Slum der Armen verabschiede, besonders spüren…

Mumbai

Mumbai, Stadt der Unterschiede. Mumbai, verabscheut und geliebt von vielen. Mumbai, Platz der unterschiedlichsten Menschen. Ebenjene Stadt steuere ich nach meinem Verbleib in Goa an. Große Erwartungen, oder Informationen über diese Metropole in der mehr als 11 Millionen Menschen leben sollen, habe ich nicht. Eigentlich weiß ich nicht mal warum ich ausgerechnet diesen Moloch einer Stadt als Reiseziel ausgesucht habe. Vielleicht waren es die Impressionen eines Buches, Shantaram, dessen Geschichte größtenteils hier stattfindet, oder schlichtweg der Drang alle großen Städte Indiens einmal abgeklappert zu haben, wer weiß.

Als ich von meinem Reisebus einfach irgendwo im indischen Verkehrschaos abgesetzt werde, kann ich bei weitem nicht die Andersartigkeit erkennen, die mir von vielen gepriesen wurde, nein, vielmehr erinnert mich das indische Großstadt-Treiben an Hyderabad und gerade diese Erkenntnis, voreilig in genervter Müdigkeit gezogen, im Bus habe ich nicht gerade gut geschlafen, dass ich gerade die Kopie eines Stadtbilds sehe, die ich bereits kenne, zieht meine Laune in den Keller. Ich checke im Hostel ein und verbringe dösend und miesepetrich zwei Stunden im Bett, ehe ich neuen Mut fasse, ein Taxi rufe und mich auf die Reise durch die Stadt mache.

Und ehe ich mich versehe, klebe ich an der Scheibe. Wir fahren über eine riesige Brücke, links liegt der Ozean, recht erheben sich monumentale Wolkenkratzer. An der Bucht liegt ein rostiger alter Dampfer vor Anker, der mächtig Breitseite abbekommen hat, schwankt er gefährlich nach rechts.

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Es kommt mir so vor als führen wir an 1000 Jahren Menschheitsgeschichte vorbei, begegnen uns sowohl  heubeladene Ochsenkarren, die von Männern mit wenigen Zähnen und dreckigen Kleidern geführt werden, als auch elegante Sportwagen, in denen adrette, gestriegelte Anzugträger mit IPhone am Ohr sitzen.

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Wir fahren an schmutzigen Wellblechhütten, vor denen sich der Müll stapelt vorbei, aus kleinen, mickrigen Hütten, die kurz dem Zusammenbruch zu stehen scheinen, dröhnt Bollywood-Musik, Männer in weißen Lungis sitzen davor, direkt neben ihnen brennt ein Lagerfeuer aus Müll. Frauen in bunten Saris und keinen Kindern auf den Arm verhandeln mit im Schneidersitz sitzenden Gemüse-und Fischhändlern, die ihre Ware auf einer Folie auf dem Boden ausgebreitet haben. Die Mittagssonne scheint ohne Unterlass auf die von Fliegen umschwirrten Tomaten, Gurken und Chillis hernieder, doch man schert sich nicht darum die Ware in den Schatten zu bringen. Es gibt keinen.

In jener Hitze wird man auch die niedrigkastigen Bauarbeiter antreffen, die auf den riesigen Bauruinen der Stadt Beton anrühren. Auf dem Kopf werden Körbe voller Sand angetragen, meist wird diese Arbeit von der weiblichen Seite übernommen, währenddessen die Männer, die mit Hilfe von schmutzigen Tüchern auf dem Kopf versuchen sich vor der Sonne zu schützen, den Rest übernehmen. Wie in jeder anderen Großstadt Indiens ist das Stadtbild geprägt von grauen, riesigen Betonklötzen, die einmal zu fertigen Häusern werden sollen. Aus diesen halbfertigen Konstrukten sprießen unzählige Stahlsprossen heraus, die Gerüste, auf denen sich die vielen kleinen Arbeiterchen bewegen, bestehen überwiegend aus Bambuskonstruktionen, die gefährlich schwankend über der Straßen schweben.

Die Menschen, die an solchen Baustellen arbeiten, scheinen mir die Ärmsten der Armen zu sein, ist ihr Arbeitsplatz gleichzeitig ihr Zuhause. Beginnt es zu dämmern, werden sie ihre Decke, eine ihrer wenigen Habseligkeiten, ausbreiten und im Schutze eben jenes Großbauprojekts, das bisher weder Türen, Fenster, fließend Wasser noch um Elektrizität verfügt, innerhalb der grauen Wände einschlafen. Am Morgen werden die Frauen über kleinen Petroleumkochern ein Frühstück zubereiten, dass meist auf Bananenblättern gegessen wird. Dann beginnt für die niedrigkastigen Inder die Arbeit auf der Baustelle.

Ein räudiger Straßenhund, ein gewaltiger Wasserbüffel, sowie eine Gruppe kichernder Schulkinder in bester Schuluniform und vollbepackten Ranzen laufen an den hart arbeitenden Armen vorbei, ohne sie eines Blickes zu würdigen.

Auf jeder noch so spärlichen Grünanlage wird Cricket gespielt. Der indische Nationalsport wird in diesen Tagen besonders heftig betrieben, finden gerade die landesweiten Cricket-Meisterschaften statt. Bald steht das große Finale hier in Mumbai an. Dann spielen die Sunrisers aus Hyderabad gegen die Super Kings aus Chennai und diese euphorisierende Vorfreude auf das Spiel ist in der ganzen Stadt spürbar. Riesige Werbeplakate zeigen statt der üblichen Werbung, Werbung mit den größten Superstars des indischen Crickets, jeder der einen Ball und einen Schläger besitzt geht raus und spielt mit seinen Freunden. Egal ob Halbprofis, die im großen grünen „Oval“-Park direkt neben dem obersten Gerichtshof Mumbais ihre polierten, stabilen Holzschläger schwingen, oder jene, die einfach nur ein gammliges Brett zum Schlagen des Balls benutzen, irgendwie verbindet Cricket die Menschen, die sonst nie etwas mit einander zu tun haben würden. Jeder von ihnen würde gerne so sein wie ihr großes Vorbild „Virat Kohli“, der Captain, der indischen Nationalmannschaft, der momentan in jeder Fernsehwerbung posiert.

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Die Straßen sind voll und verstopft, Hochhäuser stehen dicht neben heruntergekommen Baracken, reich und arm treffen in dieser Stadt direkt aufeinander.

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Bombay, wie die Alten immer noch sagen, ist riesig, ein Spielplatz unzähliger Nationen, Sprachen und Gesellschaftsschichten. Eine Metropole die ihres Gleichen sucht und dabei erstaunlich sauber und grün wirkt, ja, beim genaueren Hinschauen entdecke ich auf den Straßen sogar MÜLLWAGEN hin und her fahren. Und neben eben jenen großen Straßen gibt es, ich kann es kaum fassen, BÜRGERSTEIGE. Sowas gibt’s daheim nicht, ich freue mich unheimlich darüber und mal wieder wird mir klar, über was man sich alles freuen kann, wenn man Sachen nicht hat.

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Ich steige im Stadtbezirk Colaba, einem der populärsten Touristenviertel der Stadt aus und finde mich wenig später am Chowpatty Beach wieder, vor mir der schäumende Ozean der arabischen See, die im Rundungsgebiet, des Marine Drives, einer ewig langen Küstenstraße mit Flanierpromenade noch als Back Bay bezeichnet wird. Unzählige Menschen stehen am Wasser, schließen Selfies und wagen sich fröhlich kreischend mit den Füßen ins kühle Nass. Bereits jetzt, nach 10 Minuten Fußmarsch bin ich durchgeschwitzt, entschließe jedoch nicht mich abzukühlen und den Marine Drive entlang zu schlendern, was sich schlichtweg als fataler Fehler herausstellen soll.

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Nach einer halben Stunde Fußmarsch muss ich feststellen, dass ich die Entfernung vom einen zum anderen Ende der Promenade unterschätzt habe. Ich bin kaum weitergekommen. Die Strecke sah auf Google Maps so aus, als bräuchte man dafür maximal eine Stunde, doch da habe wohl den Maßstab etwas vernachlässigt. Ein Taxi will ich jedoch nicht nehmen, zu teuer. Ich bin klatschnass, ich habe Durst und hätte jetzt sehr gerne einen Ventilator über mir. Nach mehr als zwei Stunden erreiche ich mein ungefähres Ziel , durchgeschwitzt und völlig fertig. Der Colaba Courseway, eine geschäftige, grüne Touristenstraße säumt sich unter meinen Füßen und irgendwie steht mir plötzlich der Sinn nach Museum, stehe ich doch bereits direkt vor der National Gallery of modern Art, will schon beinahe hinein gehen, als plötzlich ein kleiner Junge vor mich tritt.

„Hello. Your good name?“

„Leo”, sage ich knapp. Ich will jetzt mit keinem Bettler, denn so einer scheint mir der Junge zu sein, reden.

„You are from?“

„Germany.”

“Ah. Can you buy me rice? In Super market? Maybe milk?”
Ich will ihn schon abwimmeln, doch dann erwacht eine Erinnerung in mir. In Kathmandu gab es schon genauso ein Gespräch. Jemand wollte, dass ich Milch für sein Kind kaufte, verlangte aber von mir, dass ich die Super-Sonder-Special-Milch für Kinder erwarb. Höchstwahrscheinlich einer dieser Bandentricks, bei dem der Fragende mit dem Verkäufer der teuren Milch unter einer Decke stecken und sich am Ende das Geld teilen.

Ich bin neugierig, ob mein junger Freund genauso tickt und lasse mich von ihm in den nächsten Supermarkt leiten.

Erst zeigt er auf einen 10 Kilo Sack Reis, der umgerechnet mehr als 25 Euro kostet.

„To much money. Look for a smaller one.“

“I have a big family!” versucht er zu protestieren.

“Look for a smaller one“, sage ich mit Nachdruck und deute auf die 500g Packung für zwei Euro.

„Take two.“

Ein kleines Mädchen gesellt sich an seine Seite. Es will anscheinend auch Reis und in diesen Momenten weiß ich noch nicht, dass beide zur gleichen Familie gehören und finde es auf einmal falsch dem Jungen zwei Tüten zu geben und dem Mädchen nur einen. Das kommt mir ungerecht vor, doch wird mir schnell klar, dass beide keines Falls zu einer Bande gehören, sondern wirklich Reis brauchen. Ihnen ist der Preis völlig egal, ja sie zeigen mir sogar ein Angebot, wo ich dreimal Reis für den Preis von einer Tüte bekomme und drum entscheide ich mich für die gute Tat, spendiere dem Mädchen noch ein Schokoriegel und bezahle für sie. Mir herzlich dankend freuen sich beide über beide Ohren und winken mir zum Abschied zu. Ich werde sie fünf Minuten später, nach einem kleinen Wasser-Einkauf, mit ihrer Mutter vor dem Museum sitzen sehen, glücklich über ihre Ausbeute.

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Ich werde noch einige Menschen in Mumbai treffen. Ein alter Touristenführer wird sich, als ich gerade dabei bin Fotos zu machen, an meine Seite gesellen, mir zeigen wie man es in dieser Stadt vermeidet zu viel für seinen Transport auszugeben, in den man einfach den lokalen Zug durch die Stadt nimmt, der um das Dreißigfache billiger ist als ein Uber-Fahrzeug. In diesen Zügen werde ich das erste Mal eine bestimmte Seite des Klischee-Indiens erleben. Dicht gedrängte Menschenmassen in den Innenräumen. Tatsächlich kann ich beobachten, wie sich Menschen wie wild durch die Tür drängen, um ja irgendwie noch einen Sitzplatz zu ergattern, ehe man stehen muss. Just in diesen Momenten des Zugfahrens sollte ich ein bestimmtes Kapitel aus „Shantaram“, das ich als Hörbuch erworben habe, hören.

Hauptcharakter Lin erlebt, wie sein indischer Freund Prügel bezieht, weil er um Ach und Krach zwei Sitzplätze im Zug verteidigt. Als Lin und sein verprügelter Freund endlich sitzen, so sind all die Leute, die vorher gedrängelt und geschlagen haben, überaus freundlich, behandeln den Australier gar ehrfürchtig. Später wird Lin dieses Verhalten als indische Notwendigkeit definieren:

„ Heute weiß ich, dass dem Handgemenge und der Höflichkeit dasselbe Prinzip zugrunde lag: Beide waren Fragen der Notwenigkeit. Das Ausmaß an Gewalt und Rücksichtslosigkeit, das nötig war, um sich einen Platz im Zug zu sichern, entsprach dem Ausmaß an Höflichkeit und Rücksichtnahme, das nötig war, damit die Zugfahrt in drangvoller Enge so angenehm wie möglich verlief. Die niemals ausgesprochene, aber unvermeindlliche Frage überall in Indien lautet: Was ist notwendig?“

Es ist notwendig, dass du irgendwie in diesen Zug springst, da sonst vielleicht keiner mehr kommt. Die Enge spielt dabei weniger eine Rolle. Die ist in diesem Sinne ebenfalls notwendig.

Was ich damals, als ich in Dallapalli, dem kleinen Bergdorf, mit 19 anderen Personen in ein Riksha gestiegen bin und pure Höllenqualen litt, als Spontanität definierte, ganz nach dem Motto: Ey, lass mal in dieses völlig überfüllte Riksha steigen, wird schon nichts passieren“, würde ich jetzt ebenfalls als Notwendigkeit der Tatsache deklarieren, da nach diesem Riksha für eine Ewigkeit kein Fahrzeug mehr kommen würde. Der Rest ist Akzeptanz, Toleranz und ja, auch Liebe gegenüber den Mitmenschen.

Kurz nach dieser Lehrreichen Passage war es so weit, dass ich aus dem Zug aussteigen musste, meine Haltestelle war erreicht. Die Menschen, die aussteigen wollten, drängelten sich bereits vor die Tür und keilten dabei einige Unschuldige ein, die noch gedachten weiter zu fahren. Der Zug hielt, die Türen sprangen auf, Menschen stießen von draußen und drinnen, um irgendwie in den Zug zu gelangen. Für einen Augenblick stand ich einfach nur da, erkannte dann aber dass es notwendig war ebenfalls offensiv zu werden und kämpfte mich durch die Öffnung ins Freie, jedoch nicht ohne einmal voller Absicht auf den Hinterkopf geschlagen zu werden. Auf dem Bahngleis starrte ich den Pulk von Menschen in der Tür entnervt an, doch statt mich aggressiv und wütend anzugaffen, beäugte man mich liebevoll. Es wirkte beinahe so, als seien alle dazu bereit mir den Kopf zu pusten. Diese Inder, aber auch. 😀

Ich traf einen jungen Studenten, der auf der Stelle, ohne Zweifel bereit dazu war mir das Touristenviertel zu zeigen. Er glaubte ans Karma und daran, dass ich, wenn er als Tourist in Deutschland wäre, genauso reagieren würde. Ihm war es egal, dass er wohlmöglich zu spät zum Cricket-Finale zwischen Hyderabad und Chennai kommen würde ( Chennai würde am Ende gewinnen), für ihn zählte die Tat mir etwas Gutes zu tun.

Doch die interessantesten Menschen, traf ich nicht in den Reichenvierteln der Stadt, sondern dort, wo die Ärmsten der Armen lebten. In Dharavi. Dem größten Slum Indiens..

 

To be continued…

Goa – Über Stände, Freundschaften und eingehaltene Versprechen

Verschlafen stehe ich am Türrahmen und  blicke auf die draußen sitzenden Menschen, die im Einklang der Musik hin und her schwanken herab. Einige sitzen rauchend auf einer Art Hollywood-Schaukel, der Rest sitzt auf stabilen Holzhockern um die Bar und bestellt munter alkoholische Getränke. Es muss ungefähr ein Uhr morgens sein, ich weiß nicht, was mich dazu bewogen aufzustehen, vielleicht war es schlichtweg der Drang nach menschlicher Kommunikation, wer weiß. Hier bin ich auf jeden Fall nun, meine drei Freunde aus Hyderabad sind bereits tief dem Schlaf, trotz lauter Musik um sie herum, verfallen und stehe an der Türschwelle eines Dormitories, des „Pappi Chulo“, einem hippen Hostel im Norden von Goa, nur wenige hundert Meter von der Westküste des arabischen Meeres entfernt. Das Pappi Chulo besteht aus drei rechteckförmigen Schlafsälen und einem großen, hellen Platz, voller Sitzgelegenheiten, einem Tischkicker, einer Tischtennisplatte und der Bar, die unter einem riesigen, knorrigen Mangobaum, der tagsüber den Menschen draußen Schatten spendet, steht. Doch Obacht: Vielmehr hätte man das Hostel „The falling mango“ taufen können, ist jetzt nämlich kaum jemand sicher vor den großen herabfallenden Früchten, die mit einem lauten Knall auf dem Steinboden zerbersten, entscheiden sie sich dazu reif zu sein. Mehrmals mussten wir schon den süßen Geschossen von Oben ausweichen, aber hey, immerhin sind es keine Kokosnüsse.

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Ich blicke zu Adity, der Freundin des Barkeepers, die im Schneidersitz auf der Holz-Hollywoodschaukel sitzt und zufrieden an einem Bier nippt herüber, sie erwidert meinen Blick und winkt mir fröhlich zu. Kurz wiege ich meine Möglichkeiten ab: Ich könnte wieder ins Bett gehen und schlafen, oder mich zu der Gruppe dort gesellen und ehrlich gesagt fällt mir die Entscheidung nicht schwer. Schlafen würde ich jetzt eh nicht mehr, dem Gruppenzwang sei Dank.

Adity rutscht ein Stück zur Seite, damit ich mich neben sie setzen kann.

„Ich bleibe bestimmt nur fünf Minuten“, meine ich zu ihr, als sie mich fragt, warum ich denn jetzt nochmal aus meiner Hütte gekrochen sei. „Bin sowieso schon etwas müde.“

„Wie du meinst“, das Mädchen kichert schelmisch, als ob es bereits wüsste, dass dem nicht so sein wird.

Ursprünglich kommt sie aus Neu-Delhi, ist nach einiger Zeit nach Mumbai gezogen, hat irgendwo dazwischen ihren Freund gefunden, mit dem sie für einige Zeitlang auf Reisen war. Nach einiger Zeit strandeten sie in Goa, dem kleinsten der indischen Bundesstaaten und fanden ihr neues Zuhause. Genau wie ich waren sie Gast im Hostel unter dem Mangobaum und fanden es dort so gut, dass sie bald anheuerten und schmeißen sie den Laden..

Goa, einst für mehr als 450 Jahre Kolonialgebiet der Portugiesen, hat wohl durch ebenjenen europäischen Einfluss, die größte westliche Prägung aller indischen Staaten, man findet viele Christen und alte, antike Bauten, die ebenso in Portugal hätten stehen können.

Weiße Kirchen laden am Wegesrand zum Gottesdienst ein, Kreuzaltäre stehen in den Dünen der perlweißen Strände, doch sind wir mal ehrlich: Goa ist mittlerweile nicht mehr für seine altertümliche Geschichte und portugiesische Kultur in ganz Indien bekannt, nein, sondern vielmehr als Partystaat, da wo  man tagsüber sich an den Strand legen kann, ganz entspannt seinen Joint raucht und Abends feiern geht. Backpackerparadies für Westler und Urlaubsziel für reiche Inder.

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Goa ist die erste Station meiner kleinen Indien-Rundreise. Zusammen mit drei deutschen Kumpels aus Hyderabad werde ich planmäßig fünf Tage hierbleiben. Danach geht´s für mich alleine weiter nach Mumbai, Delhi und Manali. Orte, die wohl weitaus anstrengender sein werden, als das überblickbare Strandparadies. Goa ist nicht Indien. Es mag vielleicht zum indischen Staat dazu gehören und mehr als 60 Prozent Hindus in der Bevölkerung haben, aber bemerkt habe ich das noch nicht. Im Grunde treffen sich hier die jungen Wilden aus den indischen Großstädten zum Abhängen auf Kosten der wahren Einheimischen, die auf der Straße ihre kleinen Geschäfte betreiben. Hipster und Weltenbummler aus Delhi, Mumbai, Hyderabad und vielen anderen Städten, die alternativ genug in ihrer Weltvorstellung sind, haben hier ihr Paradies gefunden.

„Scheiß auf Regeln! Lasst uns doch einfach mal leichtsinnig und verrückt sein und mit den Leuten, die wir anziehend finden Spaß haben“ würde mir, Tage später nach der oben beschriebenen Szenerie, ein 25 jähriges Mädchen aus Mumbai sagen, als wir über hinduistische Traditionen sprachen und darüber, dass die alten gläubigen Hindu-Frauen, den jungen Mädchen verbieten würden, bauchfreie Tops zu tragen, wobei sie in ihren traditionellen Saris viel viel mehr Bauch zeigen würden.

Althergebrachte Traditionen nicht zu akzeptieren scheint mittlerweile unter den alternativen Goa-Leuten zur Tradition geworden zu sein.

„Wir sind alle Menschen! Du kannst mit einer Inderin schlafen, ich mit einer Deutschen, egal welchen Glauben sie hat, oder wie reich sie ist. Es macht absolut keinen Unterschied. Im Endeffekt haben wir alle Spaß“, meinte Kamal, der stämmige Barkeeper mit dem seidigen Jesus-Haar und dem „who cares“-Tatoo auf der Innenseite seines Unterarms in der aller ersten Nacht zu mir, als wir entspannt ein Bier schlürften und uns über Deutschland und Indien unterhielten.

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Das Gerede von der Gleichheit der Menschen unterschiedlicher Nationen habe ich davor schon von vielen Indern und auch Nepalesen gehört, doch nie in einem sexuellen Kontext, da unterschied sich Kamal aus Goa vom Rest.

Die Mentalität des Staates ist wortwörtlich „offener“  und entspannter, als, sagen wir mal die aus Hyderabad, das durch seinen großen Anteil an gläubigen Hindus und Moslems sehr verklemmt ist. Nacktheit generell ist im traditionellen Indien sowieso recht verpönt, handelt es sich nicht gerade um ein Kleinkind. So haben die Männer aus den kleinen Bergdörfern, fernab der Städte ihre Frauen wohl noch nie nackt gesehen. Die peinlich berührte Scham, die diese Männer, ererbt, durch ihr traditionell gefärbtes Umfeld, erleben würden, wäre in solch einer Situation zu groß.

 

Neben Adity sitzt, etwas zusammengesunken, ein mittelalterlicher Brite aus Bristol, namens Mike und lallt im stark britischen Akzent über die riesigen Erfolge seines Empires.

„Wir sind so winzig und ihr so riesig und trotzdem haben wir euch verdammt nochmal eingenommen! Und du, mein deutscher Freund, ja, grinse nicht zu viel, wer hat euch im zweiten Weltkrieg geschlagen! Genau, das waren wir, mit Hilfe!“

Peinlich berührt, benicken Inder und Deutsche den sehr betrunkenen Briten. Dieser hat beschlossen so lange in Goa zu bleiben, bis das Geld knapp wird. Ziemlich romantische Vorstellung. Grundsätzlich ist Mike einer dieser englisch/irischen Klischeetypen, die man in Irish-Pubs vorfindet, tief über die Theke gelehnt, immer mit einem Getränk in der Hand. Als ich am nächsten Morgen an ihm vorbeikommen würde, hätte er erneut ein Bier in der Hand.

„Aber Mike, warum trinkst du denn schon am frühen Morgen?“

„Pah, ihr Youngsters habt auch gar keine Kondition. Natürlich trinke ich schon am Morgen. Ich gehöre zum Empire!“

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Auf der anderen Seite hat sich ein junger, adretter Mann dazugesellt und auch er verkörpert irgendwie eine Art Klischee.

„Hola senores! Ich bin Juan aus Mexico“, meint er und holt zur Begrüßung eine große, bauchige Flasche Tequila aus der Heimat hervor. Es werden Shotgläser verteilt, Juan spricht uns einige spanische Trinksprüche vor, die wir alle „natürlich ganz wortgetreu“ wiederholen.

„Salud!“ rufen alle kippen das scharfe Zeug hinunter.

Auch Sam der 19 jährige Australier, der als Freiwilliger dem Pappi Chulo seine Hilfe angeboten hat, ist mit von der Partie und sorgt mit seinem stark australischen Akzent dafür, dass ich mich gewaltig anstrengen muss um die englischen Konversationen zu verstehen, denn wenn Inder anfangen zu „indern“, Briten anfangen zu „briteln“ und Mexikaner und Australier ebenfalls ihren Mix dazugeben, kann man schon mal jegliche sprachliche Orientierung verlieren.

Zudem springen unsere indischen Freunde ständig wieder in ihre eigene Sprache, meist Hindi, zurück und das ist besonders dann irritierend, wenn ein Satz auf Englisch begonnen wird, der Nächste plötzlich in Hindi ist,  der Übernächste aber wieder in Englisch. Das hat nicht nur Goa schon für reichlich Irritationen gesorgt, sondern verfolgt mich schon das ganze Jahr. Wirklich viel Spaß macht das Zuhören bei Gruppengesprächen dadurch nicht. Einerseits, weil ich, wenn Hindi, Telugu, Kannada, oder beliebige andere Lokalsprache gesprochen wird, nicht mehr zuhöre, wegträume, dann aber wieder plötzlich sofort bei der Sache sein muss, wenn die Sprache gewechselt wird. Andererseits, weil man die eine Hälfte des Inhalts der Nachricht nicht mitbekommt, da diese im fremdsprachigem Part erwähnt wurde. Und natürlich kostet es dann in der darauffolgenden Konversation Zeit, das bereits Gesprochene in der international verständlichen Sprache zu wiederholen.

Hinglish ( Hindi+Englisch) ist hierbei wohl der korrekte Fachausdruck, der auch bei vereinzelten Wörtern, die einen Mix aus beiden Sprachen enthalten, verwendet wird.

Ich unterhalte mich mit einem Inder, der sich dafür kaputt gearbeitet hat eine Hunde-NGO ins Leben zu rufen, über das schwere Leben der Straßenhunde in Indien. Groß und stämmig, überragt mich der Typ um mindestens dreißig Zentimeter und trotz alledem fühlt es sich so an, als seien wir beide auf Augenhöhe, interessiert uns dasselbe Thema. Zwischendurch driftet das Gespräch ab, kommt Juan der Mexikaner vorbei und es wird über „scharfe Frauen“ geredet, die das Herz erwärmen. Als ich nach einiger Zeit nach der Uhr schaue, kann ich es kaum fassen: Adity war klar, dass ich mehr als 5 Minuten bleiben würde, als sie mich gegen halb eins in den Kreis winkte. Dass seitdem jedoch vier Stunden vergehen würden, war auch ihr nicht bewusst, wirkt sie mehr als überrascht, als ich ihr mitteile, dass es bereits fünf Uhr am Morgen sei. Ich entscheide mich alsbald ins Bett zu gehen, bekomme vom bunten Multikulti-Haufen einige melancholische „gute Nacht“-Grüße auf dem Weg gegeben und freue mich bereits auf die nächsten schrägen Konversationen mit diesen komischen Gestalten, gibt es doch noch zwei Französinnen,  die diesen Abend verpasst haben, aber auch interessante Gesprächspartner sind, reisen sie seit drei Jahren um die Welt und wollen nicht mehr zurück nach Hause.

„Man findet unterwegs so viele Leute die meist viel interessanter sind als daheim, wo alle in ihrem eigenen Kreis sind. Auf Reisen begreift man erst, dass es grundsätzlich keine Mauern zwischen den Menschen gibt. Es spielt dann keine Rolle mehr wo du herkommst. Man ist im Hier und Jetzt mit einer anderen Person, die die man mag“, meinte Larissa, eine der Französinnen mit den blauen Haaren und mit dem lustig schrägen französischem Englisch, am Vormittag des selbigen Tages.

„Man lernt neue Plätze kennen, die irgendwie zur zweiten, oder dritten Heimat werden. Man möchte dort am liebsten länger bleiben und das ist möglich auf einer solchen Weltreise, die wir machen. Wenn du die Zeit hast, kannst du Monate dort bleiben und erst dann weiterziehen…“



 

 

Es ist Zeit sich zu verabschieden, die Tage in Goa sind gezählt und wir haben bereits aus dem Hostel ausgecheckt. Wehmut macht sich breit, ich will nicht gehen.

„Dann gehe nicht! Bleibe einfach hier“, meint Adity.

„Genau, Bro! Wir würden dich vermissen!“ meint Kamal, der Barkeeper und umarmt seine Freundin. Seit ich mir hier einen Hut gekauft und ihm kurz an ihn weiterverliehen habe, trägt er ihn ununterbrochen. Er streckt seine Hand aus und ich gebe ihn ein High Five.

„Ich werde wiederkommen, versprochen!“ meine ich und weiß um die Schwierigkeiten, die es mir einbringen wird, zurückzukommen.

Zudem kann man in Goa, besonders zur Nebensaison nicht viel unternehmen. Theoretisch gesehen, würde es sich gar nicht lohnen noch einmal herzukommen. Baden, ist beim hohen Wellengang vor der Monsunzeit eher kritisch, die Partys und Veranstaltungen sind rar gesät und hat man kein schnelles, mobiles Fortbewegungsmittel, wie einen Motoroller, geht das Vergnügen schnell flöten, sind die Kleinstädte des Staates noch ohne Uber, Bus, oder Metro-Anschluss.

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Zu viert mieten wir uns während unseres Aufenthaltes zwei Roller und driften damit durch die naheanliegenden Viertel, doch die brennende Sonne, sowie die unattraktive Stille der Nebensaison tun ihr Bestes, um uns oftmals ratlos im Pappi Chulo wiederzufinden, ohne einen richtigen Schlachtplan.

Nur das Pappi Chulo mit seinen spannenden Leuten würde mir später im Gedächtnis bleiben, wohingegen vieles andere, mehr oder weniger, immer blasser wurde.

Doch gut für mich war, dass meine Reise nach dem Auschecken aus dem Hostel unter dem Mangobaum erst richtig begann, ich danach aber so ausgelaugt war, dass ich das bereits Gesehene mehr ersehnte, als das Unbekannte. So geschah es also, dass ich nach einer Woche Mumbai und Delhi wiederkam:



Es ist bereits Mitternacht, als ich von einem Taxi durch die dunklen Straßen Goas gefahren werde. Die Pforten des kleinen Hostels werden sichtbar, wir halten an, ich bezahle den Fahrer, hieve mein Gepäck auf den Rücken und marschiere auf die Bar zu. Kamal verkauft, mit seinen Freunden scherzend, Getränke, erblickt mich und man sieht für einen kurzen Augenblick die Verwirrung in seinem Gesicht. Er hat mich nicht erwartet. Die Verwirrung verwandelt sich in wenigen Wimpernschlägen in ungläubige Bestürzung und plötzlich zu schierer Freude.

„Leo? Nein, das kann nicht sein! Du bist wieder da! Warum, Bro?! Das ist ja großartig!“ er nimmt mich glückselig in seine breiten Arme, ich bin gut zwei Köpfe kleiner als er.

„Ich hab´s versprochen“, murmele ich breit lächelnd.

„Bro, weißt du was? Ich glaube, da gibt es wen, der total ausrasten wird, wenn er dich sieht, Alter! Das ist so verrückt! Komm, schwing dich auf´s Bike, wir fahren jetzt zu Adity und zeigen dich ihr, Mann!“

Gesagt getan, ich bin nicht einmal seit fünf Minuten angekommen, schon brausen wir zu dritt auf einem Motorrad, eine kleine, junge, weiße Katze, namens Messi, die Kamal über die Woche auf der Straße gefunden hat, sitzt miauend auf seiner Schulter, durch die Nacht, auf dem Weg zu einer kleineren Absteige.

Adity´s Reaktion ähnelt der von Kamal, als sie mich sieht.

„Sonst versprechen die Leute zwar zurückzukommen, tun es aber nie.“ Sie umarmt mich herzlich. „Endlich jemand, der die Ehre der Männer noch verteidigt“, ein schelmischer Blick wandert zu ihrem Freund.

„Das muss gefeiert werden, Mann! Sage mal, wo ist eigentlich dein Hut, den du letztens aufhattest?“ fragt Kamal.

„Ich hab ihn verloren“

„Weißt du was, Bro. Ich kauf dir einen Neuen! Ehrenwort! Ich kann´s immer noch nicht glauben, dass du wiedergekommen bist.“

Bis fünf würden wir alle gemeinsam reden, feiern und trinken und spätestens in diesen rührsamen Momenten der Freude wird mir wieder einmal bewusst wie herzlich die Inder sein können.  Wenn du ihnen bewiesen hast, dass du sie gern hast, zahlen sie es dir hundertfach zurück. Sie werden beginnen dich auf eine freundschaftliche Art zu lieben und das bedingungslos. Du bist ihr Freund und diese Freundschaft geht tiefer und emotionaler als alles andere. Um mit den Worten von Didier, einem Charakter aus dem Buch „Shantaram“, einem sehr guten Buch über Indien, zu sprechen: „Die Inder lieben am heftigsten. So gelingt es diesen Milliarden von Menschen einigermaßen friedlich zusammenzuleben. Natürlich sind sie nicht vollkommen. Sie wissen sehr wohl, wie man kämpft, sich anlügt, sich betrügt und was wir sonst noch so alles tun. Aber vor allem wissen die Inder wie man liebt. (…) Indien ist ungefähr sechsmal so groß wie Frankreich/Deutschland, aber hier leben zwanzigmal so viele Einwohner. Zwanzigmal! Glaub, mir, wenn eine Milliarde Franzosen/Deutsche auf so engem Raum zusammenleben müssten, gäbe es noch mehr Mord und Totschlag.“

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Auch, als ich später, ich bin schon wieder Hyderabad, ein Bild aus dem Pappi Chulo auf Facebook poste und mein neuer Facebook-Freund Kamal „Miss you, Bro“ in die Kommentarzeile schreibt, fühlt es sich mich tatsächlich so an, als ob er mich wirklich vermissen würde. Es sind nur drei Worte und doch kommen sie von jemanden, von dem man weiß, dass er es ernst nimmt, obwohl wir einander nicht besonders gut kennen, aber doch irgendwie zu Freunden geworden sind. Und das ist Indien. Indien schweißt zusammen, egal ob es jetzt diese neuen Bekanntschaften sind, oder die Kontakte zu den Freiwilligen in Hyderabad. Und genau deswegen, bin ich wahrscheinlich zurück nach Goa gekommen, wegen den Momenten, wo man, während eines dunklen Regentags einfach nur an der Bar sitzt und alle plötzlich beginnen ein Lied anzustimmen, jemand eine Gitarre auspackt und die Akkorde von „Knocking on heavens door“ spielt. Es fühlt sich in diesen Momenten einfach richtig an, dort zu sitzen und einfach mitzugrummeln…

 

By the way: Unserem Freund Mike, dem Briten aus Bristol ist wohl sehr schnell das Geld ausgegangen, hatte er sich ja vorgenommen, so lange in Goa zu bleiben, bis die Rupien knapp geworden wären. Nun ja, eine Woche später nach diesem Statement, war er abgereist. 😀

Die Idee des Reisens

„Mumbai, Pushkar, Varanasi, Leh, Manali, Darjeeling, Amritsar, Rishikesh, Jaisalmer! Wo soll ich denn jetzt hin?“ ich vergrub meine Hände tief in meinen Haaren, resigniert über der Indienkarte grübelnd. Drei bis vier Wochen Urlaub standen mir in diesem Jahr noch zur Verfügung und eigentlich wären zwei Wochen davon schon fest eingeplant gewesen, war der Idee nach Kaschmir mit einer großen Gruppe zu gehen echt verlockend. Dann jedoch sprang einer nach dem anderen ab und von vielen Seiten wurde mir geraten Kaschmir, aufgrund seiner bürgerkriegsähnlichen Zustände zu meiden.

Vor mehreren Monaten noch war der Reiseplan sogar so gut wie perfekt gewesen. Mit Merlin zusammen hatte ich einen ungefähren Plan entworfen, wo wir zu zweit alles hingehen würden. Doch dann drehte sich das Rad unserer Vorstellungen in eine komplett andere Richtung. Es kam wie es kommen musste und Merlin verschwand aus Indien. Ebenso verschwanden unsere gewagten Zielstrebungen den Norden Indiens zu erkunden.

Ich nahm mir vor alleine zu reisen und mit dieser Entscheidung wuchsen die Probleme. Ich alleine war dafür zuständig wohin es mich verschlagen würde und so romantisch es anfangs auch für mich klang einfach loszufahren und während der Reise zu schauen, wo ich denn hinkönnte, desto härter schlug ich auf den Boden der Tatsachen auf. Indien war nicht Deutschland, wo man jedwedes Ziel innerhalb von zehn Stunden hätte erreichen können. Indien war riesig und die Fahrten in abgelegene Gegenden lang.

So brütete ich lange auf der „Indian Railways“- Website und verglich, wie lange der jeweilige Zug brauchte, um zu einem bestimmten Ort zu kommen, der nördlicher lag als Delhi. Es verschlug mir fast dem Atem, als ich las, dass man allein von Mumbai aus schon 25 Stunden brauchte, um in die Hautstadt zu kommen. Von da aus, würde ein Bus mindestens 18 Stunden brauchen, um bis ins abgelegene Leh, in den schneebedeckten Gebirgsausläufern des Himalayas zu gelangen.

Klar, ich hatte mit einem Monat Reisedauer genügend Zeit um anderthalb Tage nur für´s Reisen aufzugeben, jedoch musste ich ja auch wieder zurück. Ich probierte aus, wie es war, von Leh nach Manali mit dem Bus zu fahren, um von dort aus, nach zwei Tagen wieder nach Delhi, zum Epizentrum aller Verbindungen, zu gelangen. Ich hätte fliegen können und wäre mit geringstem Zeitaufwand, jedoch mit etlichen Moneten weniger auf der Bank, wieder da gewesen. Züge und Busse waren billig, brauchten aber ganze Tage.

Die Frage der Logistik wurde zu meinem größten Problem, ich grübelte, verglich, versuchte Fahr-Routen zu erstellen, die ich jedoch bald wieder verwarf, als sich eine neue Thematik in den Vordergrund schmuggelte. Was sollte ich beispielsweise in Amritsar, oder Rishikesh? Amritsar hatte, laut meiner Recherche, einen tollen goldenen Tempel und Rishikesh war halt irgendwie ein Paradies für Backpacker, wo man halt irgendwann mal gewesen sein muss, aber das war´s…

Ich zweifelte an meinen Plänen, hatte gleichzeitig jedoch die schönen Instagram-Bilder der Freiwilligen aus Indien im Kopf, die die bestimmte Orte bereits besucht hatten. Ich wollte auch solche Bilder machen, wenn nicht sogar sie übertrumpfen.

Jedes Mal, wenn ich einen Ort von meiner Liste strich, kam es mir falsch vor. Ich wollte die volle Packung Indien und es konnte nicht sein, dass ich dann nur drei, oder vier Orte besuchte.

Zwischenzeitlich bedachte ich die Möglichkeit einfach daheim zu bleiben, um mir den ganzen Stress zu ersparen, aber das erschien mir auch falsch. Der Druck wurde immer größer, hatte ich schließlich auch ein begrenztes Zeitfenster zum Reisen. Es blieb mir nur der Mai und der Juni, denn der Juli wäre mein letzter Monat in Indien und den wollte ich verwenden, um mich von Hyderabad mit allen seinen Menschen zu verabschieden. Doof nur, dass der Mai schon zur Hälfte ins Land gezogen war.

Außerdem mussten noch Hotels gebucht werden, schließlich musste ich auch irgendwo verweilen.

Schweren Herzens nahm ich mir also vor „NUR“ nach Goa, Mumbai, Delhi und Manali zu fahren. Drei Wochen gab ich mir für diese Tour. Ich plante von Goa aus mit dem Bus nach Mumbai zu kommen. Von dort aus würde ich den 25 stündigen Zug in die Hauptstadt nehmen, um nach einigen Tagen erneut mit den Bus für 16 Stunden nach Manali zu fahren. Die Rückfahrt plante ich nicht, warum auch immer.

So weit so gut, ich hatte meinen Plan, der im Vergleich zu anderen relativ kläglich wirkte. Was ich jedoch nicht bedacht hatte, waren die Emotionen während der Reise. So verbrachte ich wunderbare Tage in Goa ( zu allen Stationen werden noch Einträge kommen), sah mich aber am Tag der Abfahrt einen Gefühl gegenüber, dass meine restliche Reise über bestimmen würde. Ich wollte nicht weg, die anderen Leute im Hostel waren wunderbar und irgendwie hatten sich kleine Freundschaften gebildet.

„Bleib doch hier! Scheiß auf Mumbai und Delhi. Da gibt´s nichts. Ich komme aus Mumbai und kann dir vergewissern, dass es sich definitiv nicht lohnt fünf Tage dort zu bleiben..“

Mehrere Leute, die mir ans Herz gewachsen waren, wollten, das ich bliebe und so versprach ich ihnen wiederzukommen. Und wer wäre ich, wenn ich meine Versprechen nicht halten würde. Währenddessen ich also im Bus nach Mumbai saß, plante ich erneut. Ich wollte um jeden Preis zurück nach Goa, zu meinen neu gewonnenen Freunden.

Ich verkürzte die Zeit in Mumbai und Delhi, auf Empfehlung derer, die bereits dort waren, legte Manali in die verkürzten Tage und hatte somit wieder freie Zeit, die ich für Goa aufbringen konnte. Folglich musste ich alle Buchungen umbuchen, was zu einem großem Problem führte. Indische Seiten akzeptierten keine internationalen Kreditkarten. So fragte ich den Chef des Hostels in Mumbai, ob er meinen Bus nach Manali bezahlen könnte, doch das Internet spielte uns zu jenem Zeitpunkt übel mit, sodass die Sitzung abgebrochen wurde. Der Chef musste sich anderen Dingen widmen, versprach mir es aber am nächsten Tag gegen Abend nochmal zu versuchen. Zu jenen Stunden war ich jedoch so müde, dass ich die Buchung auf Delhi verschob. Für die Reise nach Delhi buchte ich extra ein Flugzeug, weil mir klar war, dass es zu lange brauchen würde, um für einen neu organisierten Zug legitimiert zu werden. Während ich auf das Boarding wartete, wurde mir klar, wie umständlich es war von Manali zurück nach Goa zu kommen und fällte die harte Entscheidung Manali ganz zu vernachlässigen. Zu viel Aufwand, zu viel Geld, zu viel Zeit. Und vielleicht war das schlechte Internet zu der Zeit, als wir versucht hatten, den Bus in diese Gegend zu buchen, auch ein Zeichen dafür gewesen, es bleiben zu lassen. Mit diesem Omen von oben also fand ich es plötzlich gar nicht mehr so schlimm nicht noch weiter in den Norden zu fahren, bekam jedoch sofort Gewissensbisse so wieder nicht die volle Packung Indien zu erleben…

Zwei, drei Tage Pushkar, Jaisalmer, oder Varanasi, die Städte lagen alle unterhalb von Delhi und somit praktisch schon auf dem Weg nach Goa, wären doch als Ausgleich die perfekte Lösung, schließlich konnte ich nicht, so viel war mir klar, noch eine ganze Woche in Goa bleiben und warten, bis die drei Wochen um wären, hatte ich durch den Wegfall von Manali ganze fünf Tage mehr zur Verfügung…

Ich lief viel Mumbai und Delhi, hastete regelrecht von einer Sehenswürdigkeit zur nächsten, war den ganzen Tag unterwegs und fiel abends totmüde ins Bett, ohne wirklich die anderen reiselustigen Leute aus aller Welt in beiden Hostels kennenzulernen, bis irgendwann der Punkt erreicht war, an dem ich mir folgende Frage stellte: Warum? Warum tue ich all das hier?“

Ich saß im „Cafe Lota“ einem gemütlichen Restaurant in Delhi und eben jene und noch viel mehr Fragen geisterten mir durch den Kopf. Warum renne ich wie ein Bekloppter durch die Weltgeschichte, besuche Tempel und Museen, obwohl ich eigentlich überhaupt nicht der Typ bin der gerne in eine Kunstgalerie geht? Warum mache ich mir all diesen Stress? Warum will ich denn wirklich so viele Orte wie möglich sehen? Warum reicht es nicht einfach zwei, oder drei Orte zu besichtigen?

Ich dachte lange darüber nach, recherchierte zu eben jener Thematik im Internet, während ich aß, trank und es immer später wurde..

Menschen reisen, um geheimnisvolle und aufregende Orte zu erkunden. Sie tun es, um sich in Erinnerung zu rufen, dass die Welt größer und vielseitiger ist und viel mehr bietet, als es der Alltag tut. So schafft das Reisen ein Gefühl dafür wie außergewöhnlich das Leben sein kann. Und vielleicht wollen sie sich während des Reisens auch verändern.

Ich glaube, so ging es auch mir, währenddessen ich, tief versunken, an meinen Planungen saß. Ich sah nebelumwirbelte Berge, große bunte Basare und ewige wunderschöne Landschaften und malte mir aus, eben durch jene Natur oder Stadt zu laufen, neue, inspirierende Menschen zu treffen und lange Abende mit ihnen zu verbringen. Vielleicht würde ich im Zelt, mitten in der Wüste, schlafen, den klaren Sternenhimmel über mir. Ich würde in Agra das Taj Mahal, eines der sieben Weltwunder sehen, und allein durch dieses Privileg ein solch erhabenes Mahnmal vergangener, glorreicher Generationen, verändert zurückkommen. Ich wollte den inneren Wandel meinerseits erzwingen und das glaubte ich dadurch zu erreichen möglichst viele, unterschiedliche Orte zu sehen…

Vielleicht dachte ich im Unterbewusstsein auch daran weltgewandter und attraktiver zurückzukommen, weil ICH als Weltenbummler, schließlich alles gesehen habe.

Doch sind wir mal ehrlich. Ich habe das Taj Mahal am Ende nicht besucht. Warum? Weil mir, während ich dort im Cafe saß, aß und nachdachte, klar wurde, dass es mich definitiv nicht verändern würde. Ich wusste von Erzählungen, dass man erstens 1000 Rupien Eintritt zahlen würde und dann…ja dann würde man genau dieses Bauwerk sehen, was man schon von tausenden Bildern aus her kennt. Das Taj Mahal, ein Weltwunder. „Weltwunder“ ist ein großes Wort. Ein Wunder ist laut Wikipedia ein Ereignis, dessen Zustandekommen man sich nicht erklären kann, so dass es Verwunderung und Erstaunen auslöst. Es bezeichnet demnach allgemein etwas Erstaunliches und Außergewöhnliches, etwas, dass man noch nie erlebt hat.

Demnach muss das Taj Mahal etwas abnormes sein, dass woanders nie so existieren könnte. Es ist so einmalig, dass man darüber stauen wird.

So kann allein ein kleines Wort es schaffen, dass du dir vornimmst, diesen Ort zu besuchen, wo er doch so groß und toll beschrieben wird.

Doch das Besuchen von Orten garantiert keine innere Wandlung. Am Ende bist du zu einem völlig überfüllten Platz gegangen, hast ziemlich viel Geld dafür ausgegeben und hast ein Foto eines Bauwerks, dass du auf allen sozialen Netzwerken präsentieren kannst. Ja, wow…

Veränderung ist individuell und man wird nicht plötzlich ein neuer Mensch, wenn man zig neue Orte, innerhalb von zwei Wochen besucht. Das Einzige, was man dann erreicht hat, ist der Beginn eines Burnouts.

Manchmal reicht allein ein Platz aus.

Mag sein, dass ich persönlich vielleicht auch zu gemütlich bin und ich einfach noch eine zweite Person brauch, die mich motiviert weiter zu gehen..

„Ich glaube, eine der größten Herausforderungen beim Reisen ist es, zu lernen, was man wirklich sehen möchte. Viele Menschen schlucken unverdaut eine Art von Vision dessen, wohin sie reisen sollten und was sie sehen sollten, auch wenn das nicht wirklich zu ihnen passt. Sie sind in Rom und denken, sie müssten diese oder jene Sehenswürdigkeit besuchen; oder in New York meinen sie, in ein bestimmtes Museum gehen zu müssen. Dabei interessiert sie das aber gar nicht sonderlich. Vielleicht kann man das mit dem Begriff „Kulturschuld“ beschreiben – ein Gefühl, reisen zu müssen, etwas Bestimmtes zu sehen, um angesehen zu sein. Diese „Kulturschuld“ verhindert häufig eine natürlichere und spontanere und somit lebensverändernde Herangehensweise an das Reisen.“

(Warum reisen Menschen?)

Mir wurde klar, dass meine Reise, so wie war, völlig perfekt war. Ich musste nicht noch mehr Orte sehen, nicht noch mehr Geld, oder Zeit darauf verwenden möglichst viel zu sehen. Am Ende würde ich dahin zurückkommen, wo ich mich gut fühlte. Goa war, durch die all die Leute die dort waren und auf mich warteten, der perfekte Ort. Klar, war es aus Sicht des Abenteuers langweilig, wieder zum selben Ort zurückzugehen, wo keine atemberaubende Landschaften und unbekanntes Terrain auf dich warteten, aber ich hatte begriffen, dass es das nicht brauchte. Zudem war ich noch jung und hatte alle Zeit der Welt zurückzukommen. Ich würde nicht nur dieses eine Jahr in Indien sein, nein, für mich stand fest, dass ich irgendwann, vielleicht auch mit Merlin, wiederkommen würde. Denn zu zweit reisen, macht durchaus mehr Spaß, als sich ständig alleine zu motivieren weiter und weiter zu gehen…

Möglicherweise dient das Reisen, neben dem Ausbruch aus dem Alltag und den möglichen Veränderungen auch dazu, dass man es schätzen lernt, nach Hause zu kommen. Ich blieb nicht lange in Goa. Es war mir mittlerweile egal, ob ich die drei Wochen voll bekam, oder nicht. Nach zweieinhalb Wochen wollte ich wieder nach Hyderabad und oh, welch Freue war es wieder daheim zu sein…

Weil Reisen manchmal auch beängstigend ist, beruhigt uns die Vorstellung vom Nachhausekommen….