Freunde :)

„Wie wär´s denn mit einem Freiwilligendienst“, fragt mich meine Mutter.

„Was ist das?“ frage ich beiläufig, währenddessen ich tief versunken über einem Studienführerheft grüble. Irgendwas muss sich ja finden lassen, was ich nächstes Jahr nach dem Abi studieren kann. Irgendwas mit Medien, oder so. Es kann ja nicht angehen, dass ich nach der Schule nichts mache.

„Für ein oder ein halbes Jahr gehst du ein fremdes Land und arbeitest dort. So kannst du wirklich noch etwas Praxiserfahrung lernen, bevor du wieder stundenlang lernen musst.“

„Hmmm..Ich schaue es mir mal an“, grummle ich und habe dieses Freiwilligen-Dings in der nächsten Sekunde schon vergessen.

„Da gibt es eine sehr gute Seite, die dir alle Projekte auf der ganzen Welt anzeigt. „Weltwärts“, da kannst du dich bewerben. Versuchs doch einfach mal.“

 

Doch wirklich interessiert bin ich an dieser Sache nach wie vor nicht und es bedarf ganze zwei Wochen, in denen mich meine Mutter heimlich dazu triezt, doch auf dieser „weltwärts-Seite“ vorbei zu schauen. Sie gibt mir immer wieder verstohlenene Tipps, was es doch alles zu erkunden gäbe.

„Schau mal hier! Du könntest eine Schule in Israel aufbauen. Oder noch besser: In Finnland behinderte Menschen betreuen.“

Doch bisher klingt das für mich eher schwach und so rechne ich fest damit mich noch dieses Jahr für ein Medienwissenschafts-Studium zu bewerben. Bis meine Mutter, nach einiger Recherche auf Asien stößt.

„Wie wär´s mit Indien? Oder Vietnam.“

Ich schiele gespannt, von meinem Vietnamkriegs-Vortrag tüftelnd, den ich nächste Woche für Geschichte halten muss, zu ihr hinauf: „Das gibt´s wirklich?“

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Ab diesem Zeitpunkt, erfasste mich das Fieber doch in die weite Welt hinauszuziehen, waren gerade Indien und alle naheanliegenden asiatischen Länder so mystisch und unentdeckt für mich. Ich bewarb auf gut Glück bei einer kleineren privaten Organisation, schrieb einen Motivationsbrief und erarbeitete einen kleinen süßen Lebenslauf. Wenige Tage später erhielt ich ein Schreiben von eben jener Organisation, dass ich in die nähere Auswahl von Bewerbern gekommen und ich nun für ein Auswahlwahlseminar übers Wochenende eingeladen wäre. Die Freude war riesig bei mir, hatte es tatsächlich bei der ersten Bewerbung geklappt in die nächste Runde zu kommen.

Für dieses Wochenende musste man eine kleine Selbstpräsentation vorbereiten, die möglichst kreativ erklären sollte, wer man war und warum man denn einen Freiwilligendienst absolvieren würde wollen.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, kreativ konnte ich! Die nächsten Wochen, erarbeitete ich ein Drehbuch für einen kleinen Film, wo viele einzelne Seiten und Charakterzüge von mir auf die Schippe genommen und im Endeffekt zu dem Leo zusammengefügt wurden, der ich damals war. Die Message des Films: Ich bin kreativ und leidenschaftlich genug, um in die Welt hinauszuziehen. Drei Wochen lang arbeitete ich sehr intensiv an meinem kleinen Projekt und schaffte es am Abend vor dem Seminar mein Werk zu vervollständigen.

Ich fuhr mit einem USB-Stick und der vagen Hoffnung auf die große weite Welt nach Darmstadt, traf auf 23 andere sehr coole, junge Menschen, die auch nach Indien wollten. Es fiel mir nicht schwer mich mit ihnen anzufreunden, noch heute habe ich zu einigen aus dieser Gruppe Kontakt. Die Organisatoren machten uns hungrig auf ein Jahr, dass das Beste unseres bisherigen Lebens werden sollte, spielten Spiele mit uns, die unsere Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Kreativität testen sollten. Meiner Meinung nach war meine kreative Selbstpräsentation, eine der Besten des Wochenendes, schien es mir als hätte ich am meisten Arbeit und Herzblut in mein Projekt gesteckt.

Trotz der Euphorie und der vielen antreibenden Leute um mich herum, war dort immer wieder das Gefühl des Unwohlseins und des Konkurrenzkampfes zwischen diesen Leuten, gab es nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen für einen Freiwilligendienst. Alle wollten natürlich diese heißbegehrten Tickets ins Abenteuer. So herrschte am Tag der Abfahrt eine seltsame Stimmung. Jeder wusste, dass es bald vorbeisein könnte, mit dem großen Traum und so war es auch bei mir, als ich zwei Wochen später eine Absage bekam. Ich wusste nicht weshalb es nicht gereicht hatte, war wütend und sauer und traurig. Immerhin hatte ich drei Wochen hart gearbeitet, um irgendwie Anerkennung zu erhalten.

Während des ganzen Tages über hinweg, wurde mir von all meinen neukennengelernten Freunden mitgeteilt angenommen worden zu sein. Nur ich schien der Verlierer zu sein. Doch das stachelte mich nur noch mehr an. Ich WOLLTE es JETZT unbedingt. Ich MUSSTE nach Indien. Ich bewarb mich bei etlichen anderen Organisationen, mein Heißhunger war riesig und so entwickelte sich die noch einstig eingeflüsterte Idee meiner Mutter, zu meiner eigenen. Sie wurde zum Selbstläufer. Erneut wurde ich zu einem Auswahlseminar in Kiel eingeladen, dieses Mal musste alles gut werden. Wieder sollte man eine kreative Selbstpräsentation halten. Kreativ konnte ich. So stellte ich meinen dicken, fetten Backback-Rucksack, der mir Monate später in Indien oftmals zu kleinen Pannen verhelfen würde, vor die versammelte Mannschaft aus Organisatoren und jungen Leuten und holte Alltagsgegenstände aus ihm heraus, die mich repräsentieren sollten. Meine Kamera, ausgedruckte Bilder vom Theater…etc.

Zum Schluss holte ich eine kleine, leere Schatulle hervor.

„Nun ja, diese Schachtel steht für einen Schatz, der noch nicht da ist. Sie steht für meine Lust Abenteuer zu erleben, für Dinge, dich bisher noch nicht gelernt habe, aber unbedingt lernen will. Sie soll am Ende meines Freiwilligenjahres voll sein, mit Dingen, die mich inspiriert haben. Sie symbolisiert meine Neugier und den Willen etwas zu erreichen.“

So gut ich auch versuchte, mich selbst zu repräsentieren, die Organisatoren fanden, trotz meiner vielseitigen Interessen ein großes Manko:

„Du warst aber ganz schön unsicher, während deiner Präsentation. Hast du gesagt, dass du in deiner Schule Theater gespielt hast? Wo war denn dann deine Selbstsicherheit? Du meist, dass du gerne in unterschiedliche Rollen schlüpfst. Das merkt man. Du wirkst nicht so recht im Klaren, wer du überhaupt bist. Kann es sein, dass du dich aufgespalten hast, in mehrere Persönlichkeiten? Kannst du überhaupt auf den Tisch hauen, wenn dir etwas nicht gefällt. Wir glauben nicht, dass du das schaffst.“

Mit diesen Fragen zerlegten sie meine Selbstsicherheit, verwandelten sie in Trümmer. Ich zitterte am ganzen Körper, während ich den Einzelgesprächsraum der Leute verließ und fühlte mich regelrecht durchleuchtet. Ich fuhr mit einem flauem Gefühl im Magen heim, das sich zwei Tage später in Enttäuschung verwandelte, als ich erneut eine Absage, ohne jedwede Erklärung erhielt. Die wäre zwar nett gewesen, aber im Grunde wusste ich schon, warum.

Es fiel schwer, so weiter zu kämpfen. Ich überlegte bereits, ob Indien wirklich das richtige Ziel war. Vielleicht war dieses Land einfach nicht das Richtige für mich, als angeblich zu unsichere Person. Vielleicht sollte ich lieber kleiner denken, Europa war schließlich auch schön. Was gab es denn daran auszusetzen?

Dann jedoch kam ganz überraschend eine neue Zusage, die anders war, als die davor.

Ich erhielt eine Bestätigung der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Hier war es nicht so, dass man auf ein Auswahlseminar musste, nein, man war schon fest bei den „Freunden“, die nun deine „Trägerorganisation“ waren, drin. Du konntest dich nun spezifisch für fünf deiner Lieblingsprojekte auf der ganzen Welt bewerben und falls eins dich ablehnte, konntest du dich erneut für ein Fünftes entscheiden.

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Die anderen Privatfirmen entschieden einfach selbst, aufgrund ihrer wohl „langjährigen“ psychologischen Erfahrung, welche Einsatzstelle, für einen am besten passen würde. Das wussten die halt direkt, nachdem man den willigen Vielleicht-Freiwilligen für zwei Tage halbwegs gründlich analysiert hatte.

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Bei den „Freunden“ war unmöglich nicht irgendwo angenommen  zu werden. Ich würde hier etwas finden, so wurde mir klar. Ich bewarb mich sofort für ein indisches Projekt, dass mir richtig gut gefiel und wir wissen alle, wie die Sache endete.

Ich bekam die Zusage für eben jene Einsatzstelle.

Damals, im Februar 2017, saß ich lächelnd am Strand der Ostsee, die Sonne war bereits untergegangen und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich strahlte den Sternen entgegen und fühlte mich erlöst, befreit vom Druck, den mir die anderen Organisationen aufgehalst hatten. Ich würde tatsächlich nach Indien gehen. Seit fünf Monaten hatte ich dafür gekämpft endlich da zu stehen, wo ich gerade stand und das war es allemal wert gewesen!

 

Und das lag wohl auch an der Gestaltungsweise der „Freunde der Erziehungskunst.“ Diese Organisation, das wurde mir damals bereits klar, glaubt an den Menschen und dessen Entwicklung, was wohl auch mit dem Grundsatz der Anthroposophie, die man oft als Richtschnur für Waldorfpädagogik benutzt, zu tun hat.

Die Lehre Anthroposophie versteht sich als Anregung zur Entwicklung eines Individuums und zur Neugestaltung von Lebens- und Kulturverhältnissen und nicht als System, oder Lehre. Du solltest kein feingliedriges Teil eines wirtschaftlich geprägten Getriebes sein, sondern dich frei entfalten können, egal wer und wie du bist.

Die anderen zwei Privatfirmen, schienen nur an die zu glauben, die von Anfang an „konform“ waren. An positive Entwicklung verschwendeten sie keinen Gedanken.

Ich war nicht die Norm, schien nicht hineinzupassen und wurde deswegen aussortiert, im Glauben, dass ich es in der großen, weiten Welt nicht schaffen würde.

 

Die „Freunde“ vertrauen den Menschen an sich. Es ist weniger der Sinn Leute zu finden, die definitiv dafür geeignet sind, sondern eher jene, die es wirklich wollen, sich ausprobieren und wohlmöglich auch fallen könnten. Im Grunde ist der Fall auch nichts Verwerfliches.

Fünfzig Leute gingen mit mir nach Indien. Vier bis fünf davon brachen in den ersten Monaten, aus etwaigen Gründen ab. So wie mein Mitfreiwilliger Merlin, der durch gesundheitliche Probleme nach Hause gehen musste. Doch trotz dessen waren seine fünf Monate Indien ohne Frage positiv für seine Entwicklung. Allein die Entscheidung zu akzeptieren, dass es einfach nicht mehr geht, stärkt dich ungemein und die Erfahrung eine neue Kultur kennengelernt zu haben, verändert dich auf eine positive Weise.

 

Ich hatte stets das Gefühl gehabt, von meiner Organisation beschützt und versorgt zu werden. Die Seminare zum Anfang, zur Mitte und zum Ende des Jahres, trugen dazu ihren Teil bei, dass man sich willkommen und gut vorbereitet gefühlt hat und nun stärker zurückkommen wird als vor einem Jahr.

Meine Kiste, meine kleine Schatulle, die ich damals auf dem Auswahlseminar der zweiten Organisation in Kiel präsentiert habe, ist nun tatsächlich voll, ja sie quillt beinahe über voller schöner Erinnerungen und Abenteuer, die ich in diesem Jahr erlebt habe. Dabei wäre sie beinahe leer geblieben…

Bäm, ich hab´s euch gezeigt! Ich hab mich weder aufgespalten in mehrere Persönlichkeiten, oder bin zusammengebrochen, nein, ich bin ich und habe für das gekämpft, was ich unbedingt wollte! Und ich hab´s bekommen. Es hat sich gelohnt.

Ich habe nicht die Welt verändert, aber die Welt hat mich verändert. Das muss man, wenn man einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst absolviert auch lernen. Man kann innerhalb eines Jahres nicht ein ganzes Land umkrempeln, im Endeffekt ist das auch nicht der Sinn. Man ist wirksam, aber auch eine andere bestimme Weise, die allen irgendwie etwas Freude verschafft. Grundsätzlich ist es wie gesagt: Man wird nicht viel verändern können, vielmehr hilft der Freiwilligendienst dich zu einem weltgewandteren Menschen zu machen und Vorurteile abzubauen. Wenn du dabei es geschafft hast Menschen zu bewegen, dann weißt du, dass dein Jahr gut war. In dem Sinne, würde ich jedem Menschen, der nach der Schule nicht weiß, was er machen will, empfehlen hinauszugehen, in die weite Welt…

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Vor 12 Monaten fragte mich jemand nach meinen Ängsten, ein Jahr lang im Ausland zu verbringen – ich glaube, meine Antwort war, dass ich Angst habe, nach dieser Zeit zurückzukehren.

In Indien zu leben, war eine der besten Erfahrungen, die ich bisher hatte, ich habe erstaunliche Menschen getroffen, unglaubliche Orte gesehen und gelernt, Dinge zu schätzen, die ich für selbstverständlich hielt. Offensichtlich gab es auch Dinge, die mich sehr durcheinander brachten, Momente der Wut und Unzufriedenheit. In einem Land des globalen Südens zu leben, während ich aus einem der reichsten Länder der Welt stammte, ließ mich erkennen, wie glücklich ich sein kann über all diese Möglichkeiten und Chancen und vor allem die Freiheit, grundsätzlich dorthin zu gehen, wo ich will und mich auszudrücken, wie auch immer ich es möchte.

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Und all diese Momente verdanke ich eben auch auch meiner Entsendeorganisation. Den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, die mir genügend vertraut hat, um mich auf Indien loszulassen. 😀

Drum möchte ich mich  bedanken, für die Chance das alles, dieses Jahr voller Aufs und Abs, diese vielen Geschichten, Bilder und Emotionen, erlebt haben zu dürfen.

Danke für alles! ❤

Wie ist es nun, dieses Indien?

„Wie? Das geht?“ frage ich mich im Juli 2017, als ich auf ein gerade gepostetes Instagram-Bild eines Freiwilligen stoße, der seit gut zwei Wochen in Indien ist. Ich hingegen bin noch daheim und wünsche mir nichts sehnlicher als endlich das Abenteuer Indien anzutreten.

Doch was mich auf jenem Instagram-Post sehe, verwirrt mich, passt es gar nicht in mein typisch indisches Bild.

Besagter Freiwilliger chillt mit einem Bier vor einer Folge der HBO-Serie „Game of Thrones“. An sich nichts Besonderes, aber damals klappte mir fast die Kinnlade hinunter, ungläubig über der Tatsache sitzend, dass so etwas im Land Indien möglich war. Einerseits war da der Alkohol und dann der Fakt des wahrscheinlichen Internetstreamings der Serie. Das Bier und das schnelle Internet passte für mich nicht zu Indien, hielt ich es damals noch mehr mit traditionell, altmodischen Seite.

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Nun, ist eben jenes Abenteuer fast vorbei und ich habe begriffen, dass Indien weit mehr als Tradition ist. Fortschritt und Innovation treibt das einstige Entwicklungsland mittlerweile voran, wohingegen es immer weiter versucht sich den indischen Vorurteilen zu entledigen, doch so wäre es viel zu einfach gesagt. Was wäre, wenn man mich daheim fragen würde, wie es denn war, dieses Indien? Eines vorweg: Es wäre nicht mit einem „schön“, oder „ganz gut“ getan.

Indien ist wundervoll und hässlich, modern und traditionell, arm und reich, süß und scharf, bunt und grau, chaotisch und geordnet, leise und laut, heiß und kalt. Indien ist alles auf einmal.

„Wenn du lange genug hier gewesen bist, dann wird dich nichts mehr so schnell schocken können“, so sagten wir oft während des Jahres.

Gewürzmärkte, tausende Gerüche und Farben, Kühe auf den verstopften Straßen, Currys, Mangos und Elefanten, so sieht man das Land der tausend Diversitäten gerne und doch entspricht dieses Bild einer längst vergangenen Zeit.

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Neben jedem kleinen, behaglichen Chai-Shop wird man auch ein eiskaltes „Kingfisher“, oder ein Glas Pina Colada in einem coolen Pub trinken können.

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Indische Streetfoodläden, die Samosis, Dosas, Pani Puri und Idli verkaufen, sind meist genauso beliebt, wie die vielbesuchten westlichen Fastfood-Ketten Subway und McDonalds.

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So viel Feinschmecker-Restaurants es auch gibt, die Biryani und Palak Paneer ihren Gästen servieren, desto öfter werden auch italienische, chinesische oder israelische Speisen gereicht. Ganz vom Dorfessen, das meist nur aus Reis und einem scharfem Gemüsesamba besteht und sehr leicht zuzubereiten ist und deswegen wohl auch oft daheim innerhalb indischer Familienmauern gekocht wird, einmal abgesehen.

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Auf jede Riksha, die für dich auf der Straße anhält, wirst du genauso viele Uber-Taxis finden, die du über dein Handy rufen kannst. So laut auch manche Bollywoodmusik durch die Straßen dröhnt, desto ohrenbetäubender hämmern die Bässe des modernen Technos durch die Clubs der indischen Großstädte.

Neben jener traditionell indischen Frau mit kunterbuntem Sari und traditionell roten Punkt auf der Stirn, die mit ihrem zurechtgewiesenen Ehemann mit stattlichem Schnauzer in einen Hindu-Tempel geht, sieht man Mädchen, die mit kurzem Kleid aus einem Taxi steigen, um im nächsten Pub, mit ihrem Date, oder ihren Collage-Freunden ein Bierchen zu zischen. Für diese Mädchen ist es etwas ganz besonderes einen Sari anzuziehen, wohingegen manch andere Frau jeden Tag in einem solchen herumläuft und gut 50 davon in ihrem Kleiderschrank hängen hat, so gestand uns einst eine dieser Frauen.

Auf jeden ärmlichen Bettler, der einzig und allein seine Kleider am Leib als sein Eigen nennen darf und jede Nacht auf dem kalten Steinboden schläft, wird man ebenso viele Anzugträger mit Apple-Produkten untern Arm und Starbucks-Coffee in der Hand an eben diesen armen Schluckern mit zerplatzten Träumen vorbeilaufen sehen, ohne diesen überhaupt eines Blickes zu würdigen. Und doch besitzt jeder Mensch eine derartig übersprudelnde Lebensfreude, sodass es meist nur eines Liedes bedarf , um jemanden zum Tanzen zu bringen. Stets wird er dann seine Lieblings-Tanzmoves aus seinen Lieblings-Bollywoodfilm präsentieren und dich direkt dazu verleiten, ihn nachzuahmen. Hochzeiten und große Feste sind dazu bestens geeignet, wie ich neulich, einmal wieder, erfuhr, als ich mit einigen indischen Freunden feiern ging und sie sich kurz nach Mitternacht dazu entschieden, einen kurzen Abstecher zu einer großen muslimischen Hochzeit eines Freundes zu unternehmen.

Dort angekommen schob mich der Bruder des Bräutigams stolz von Gast zu Gast, um mich möglichst allen zu präsentieren. Währenddessen wurden Trommeln herbeigeholt und die Musikanlage auf Anschlag aufgedreht. Wilde Bollywood-Musik hallte über das ganze Gelände, währenddessen sich um mich ein stürmisch tanzender Hochzeitshaufen bildete und mich dazu animierte mitzumachen. Allerdings, so ist es häufiger bei der Übernahme meist sexuell geprägter Filmtanzeinlagen ( sprich Hüfte vor, Hüfte zurück und dergleichen), verlieren sich die Männer so sehr in ihren eigenen Bewegungen, dass es meist so wirkt, als beherrsche sie gerade ein sexueller Musikdämon. In diesem Falle will man doch sehr ungerne mit in den Wirbel tanzender Leiber hineingezogen werden, weshalb ich mich in dieser Situation, um Luft ringend, aus dem Hochzeitskreis hinaustanzte, was bei Weitem nicht so einfach war, wie gedacht. Ich war immer noch der weiße Gast, den alle anstarrten und immer wieder in den Kreis drängten.

Vergliche man die Inder mit einem beliebigen europäischem Volk, so wären sie wohl die stereotypisierten Italiener Asiens. Ebenso könnte man sagen, dass die Italiener, die Inder Europas wären. Leidenschaftlich, charmant, immer bedacht darauf gut auszusehen und sehr familienfreundlich. Die Familie spielt eine deutlich größere Rolle für die Menschen und es fällt schwer, aus dem Heimatdorf fortzuziehen.

Die Liebe bestimmt das Leben der meisten Menschen hier. Du wirst immer jemanden finden, der dich wie einen alten Freund behandeln wird, obwohl ihr euch erst kurz kennt und bisher recht wenig miteinander geredet habt.

Indien ist dreckig, geprägt durch weggeschmissenen Abfall. Räudige Straßenhunde, riesige Straßenschweine, katzengroße Ratten und müde, dahinschwankende Kühe und Wasserbüffel, sind dessen Konsumenten.

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Plastikmüll wird ohne jedes Bedenken aus den Fenstern der Autos geschleudert und landet meist in den stinkenden Flüssen und Quellen der großen Metropolen. Riesige Benzintrucks, die sich als die „Road-Kings“ bezeichnen, verpesten die Luft mit ihren Abgasen. Es wird extra Benzin verbrannt, damit man ihn als stinkenden Rauch in die Umgebung blasen kann, um den nervigen Moskitos, ein für alle Mal den Garaus zu machen. An jeder wenig besuchten Straßenecke verrichten unterkastige Männer ihr kleines, oder auch großes Geschäft, weil sie schlichtweg keine richtige Toilette haben.

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Und doch ist Indien ebenso schön und wundervoll. Das Land hat riesige Wüsten, Wasserfälle, erhabene Bergriesen, wunderschön weiße Strände und atemberaubende Monumente längst vergangener Generationen. Lebt man hier, muss man nicht erst in ein fremdes Land fahren, um besondere Naturphänomene zu sehen, nein all das liegt fast direkt vor deiner Nase. Du musst nur zugreifen und schon bist du umringt von der Schönheit und Einzigartigkeit der Natur, fernab urbaner Zivilisationen und starrst fasziniert in die Unendlichkeit der Sterne am nächtlichen, indischen Himmelszelt, oder den mystischen Nebel über den schneebehangenen Berggipfeln des Himalayas.

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In manchen Dingen ist uns Indien sogar voraus, vor allem wenn es ums Internet geht. Für gerade einmal vier Euro, kann man bereits einen Handyvertrag bekommen, der dir für drei Monate jeden Tag 1 Gigabyte Datenvolumen zur Verfügung stellt. Zahlt man etwas mehr, kriegt man für sein Geld sogar 2 Gigabyte. Wo in Deutschland das Datenvolumen, aufgrund schlechter Vernetzung, bereits aufgebraucht ist, wenn man versehentlich ein YouTube-Video unterwegs geschaut hat, so kann man in Indien beinahe unbegrenzt in bester Qualität seine Lieblingsserien schauen, sitzt man gerade gelangweilt in der Gegend herum und weiß sich nicht zu beschäftigen.

So viel Datenvolumen brauch der Inder mit Smartphone aber auch, kann er nicht einen Tag ohne Selfie, dass er auf Instagram, oder Snapchat gepostet hat, leben. 😀

Der indische Subkontinent ist geprägt durch die Andersartigkeit, der Menschen, der Natur, des Essens und der Sprachen.

Es gibt nicht das „typisch Indische“, genauso wenig, wie es das „typisch Deutsche“ gibt. Mag man jenes nicht, wird man das andere wieder mögen. Indien ist alles und hat schlichtweg für jeden Typ etwas parat, was jenen erstaunen lassen wird.

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Es regiert eine Art Chaos, eine merkwürdige Notwendigkeit des Handels der Leute. Alles funktioniert einfach irgendwie und man macht sich auch nicht die nötigen Gedanken, dass etwas nichts klappen könnte.

Man kann dieses Land nicht in Worte fassen, du kannst es nur sehen, spüren, riechen, hören, schmecken. Deine Gedanken werden niemals vollständig in der Lage sein, das Land so zu beschreiben, dass jeder es buchstäblich vor Augen hat. Man muss einfach da gewesen sein.

Es ist knapp ein Jahr her, seit ich die Koffer gepackt und Indien, dieses Land der unbegrenzten Unterschiede, betreten habe und doch habe ich gerade erst begonnen, die Vielfalt des Landes zu erkunden. Es gibt immer noch so viele Dinge, die ich nicht kenne, nicht verstehe. Es ist, als ob dieses Land wie ein Universum ist, das dich nicht leicht gehen lässt, weil man viel zu fasziniert, viel zu erstaunt ist, von dem was dir all deine Sinne zeigen, oder eben nicht zeigen…

Home sweet Home

„Was du gehst jetzt schon? Was fällt dir ein uns jetzt zu verlassen? Das geht nicht.“ Ruft Bhanu schockiert über die schmausende Mittagsgemeinschaft hinweg. Sie wirkt nun wahrlich etwas geknickt.

„Ja, am dritten August geht’s zurück nach Deutschland“, meine ich und füge hinzu: „ Ich will auch nicht. Ich würde gerne noch länger bleiben.“

Zustimmendes Gemurmel aller Mitarbeiter.

Doch länger bleiben steht leider nicht zur Debatte und je weiter die Zeit schwindet, desto schöner empfinde ich das Alltagsleben im Office und der Gegend darum herum.

Das fängt bereits bei meiner Arbeit an, habe ich die letzten Monate überwiegend mit der Bearbeitung der Dhaati-Website verbracht, was mir mehr Spaß machte, als vorher angenommen. Denn die Seite sollte einen kompletten Umbruch erfahren, so unsere Chefin.

„Mach die ganze Seite kreativer und schöner“, verlangte sie und wusste nicht vor welche Fragen sie mich damit stellte. Kreativ und schön konnte wahrlich alles sein und war alles andere als eine penible Sachbeschreibung.

So saßen Skrollan, Toni, Marius und ich einen ganzen Tag über der Website und berieten uns, wie diese denn im Zuge des Neuanfangs aussehen sollte.

„Also diese Spate sieht nicht schön aus“, hieß es dann meistens.

„Stimmt“, kam dann als Antwort.

„Irgendwelche Lösungsansätze?“

„Hmmm….“

So zog sich das Projekt „Website-Neuanfang“, bis wir einen ungefähren Plan hatten, wie und was sich unbedingt verändern musste: Neue Schriftarten, grundsätzlich neues Design, mehr Bilder, weniger Text und doch mehr Information und so weiter.

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So begann also mein Tag, nachdem ich bis halb zehn geschlafen hatte, (die Mädels hatten in der Zeit schon eine Stunde Yoga hinter sich) vorerst mit einem kleinen Frühstück vor der Türschwelle des Offices und ersten Gedanken, was ich denn heute so an der Website verändern konnte. Die verlockenden Gerüche des Frühstücks, das meist entweder aus Dosa, Idli, Lemon-Rice, oder Upma bestand, zogen stets von unten nach oben und frohlockten, ja befahlen einem gar, doch endlich nach unten zu kommen und zu essen.

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Grundsätzlich war es nie ein Problem frühmorgens draußen zu sitzen und der Stadt beim Erwachen zuzuhören, war das Wetter des ewigen, indischen Sommers sowieso immer halbwegs schön. Über das ganze Jahr hinweg, wurde es nie kälter als 26 Grad, die Sonne schien irgendwie immer. Das hieß jedoch nicht, dass das gute Wetter zur Monotonie wurde, nein, auch hier gab es gewisse Unterschiede. Es konnte ein bereits heißer Morgen sein, mit der Kunde, dass der Tag unerträglich werden würde. Oder ein schwüler und drückender, der mit dem dicht liegenden Smog über der Stadt zu tun hatte und keine besonders schöne Luft versprach. Und dann gab es jene, an denen die Vögel, wie im deutschen Frühling, leidenschaftlich zu zwitschern begannen und die Sonne einem, anders als an den restlichen Tagen, so im Gesicht kitzelte, dass man sofort wusste, dass es heute wunderschön werden würde. Diese Tage erinnerten mich an typisch deutsche „Freibadtage“, wo es alle Menschen in die Seen und Freibäder der Republik zu ziehen schien.


Saß ich dann, bereit zur Arbeit am meinen Platz, so kam wenig später Roja mit einem Tablett voller heißer Chai-Tassen vorbei und reichte mir eine hinunter.

„Tea“, fragte sie.

„Yes Roja. I want tea“, meinte ich, lächelte zu ihr hinauf und nahm ihr den heißen, gut riechenden Stahlbecher ab.

Meist war es so, das Toni, Skrollan, oder Marius dankend ablehnten, war dieser, von Roja, oder Savitri gemachte, Chai, eine viel zu große Zuckerbombe, woraufhin Roja flehend wieder vor meinem Arbeitsplatz stand und mir noch einen zweiten Tee andrehen wollte.

„Leo, pleaaase!“ oft klimperte sie dann kokett mit ihren Augen.

„No“, versuchte ich es meist sehr halbherzig, tief in die Arbeit versunken.

„Leooo? Tea?“ Roja konnte man eines lassen: Sie war hartnäckig und wusste, dass ich früher oder später immer nachgeben würde.

„Okay, okay“ sagte ich, atmete tief ein und lies es zu, dass die junge Frau einen weiteren Cup vor mir abstellte, mich mit dankbar leuchtenden Augen anlächelte, sich, die Zunge rausstreckend, umdrehte und beschwingt hüpfend in die Küche zurückkehrte.

Im Endeffekt mochte ich ihren Chai ja auch sehr gerne.


So ging der Vormittag meist mit der Arbeit an der Website dahin, doch teilweise gab es eben auch jene Phasen wo die Kreativität nicht recht wollte und aussetzte. Dann war es im Grunde leider so, dass ich nicht auf eine Nebenaufgabe ausweichen konnte, da es schlichtweg keine gab. So schauten wir gelangweilt unsere Netflix-Serien (ich schrieb zudem noch Blog) und warteten auf neue Arbeiten.

Das Problem hatten und haben meine Mitfreiwilligen und ich schon das ganze Jahr. Anfangs wurden wir noch mit Arbeit überschwemmt und je mehr man uns kennenlernte, so sehr zog man bald die meisten Arbeiten aus unseren Einflussbereich.

„Ihr schreibt jetzt keine Reports mehr, da euer Englisch noch viel zu sehr an Schulenglisch erinnert. Ich brauch mehr. Drum mache ich das jetzt alleine“, war einer jener Sprüche zur Mitte des Jahres, der von unserer Chefin an uns gerichtet wurde. Damals war ich noch fest der Meinung Bhanu keine einzige Träne am Ende hinterher zu weinen, da wir gerade dort die meisten Probleme mit ihr und ihrer Einstellung gegen uns hatten.

Es tut mir leid das zu sagen, aber wir sind mit eurer Verpflichtung zu unserer Art von Arbeit sehr unzufrieden. Es scheint nicht so, als ob ihr auf den Freiwilligendienst vorbereitet und geeignet wärt“, so eines jener Statements die mich damals sehr wütend und beleidigt zurückließen, war ich natürlich komplett anderer Meinung. Jetzt weiß ich, dass anfänglich noch meine genaue Spezialisierung auf eine bestimmte Arbeit fehlte. Erst Ende Februar, Anfang März bildete sich ein genaueres Verständnis dafür, was ich konnte, und was ich eben nicht konnte. Ich war schließlich weder nicht, wie die Mädels, dazu geeignet, mit den Dörflern zu basteln, oder daheim zu backen, noch besaß ich die perfekten Englischkenntnisse, um ausgefeilte Berichte zu schreiben, nein ich war derjenige der mehr in den technischen Bereich gehen musste. Und mit den zunehmenden Filmen die ich schnitt und mit den verbesserten Veränderungen, die ich an der Website vornahm, desto zufriedener wurden ich und Bhanu, da wir beide erkannten welchen Stellenwert ich im Dhaatri-Office erfüllte. In dem Sinne hat es tatsächlich ungefähr ein halbes Jahr gedauert, ehe ich wusste, wie ich mich richtig produktiv einfügen konnte.

Und nun, ja nun, erzählt Bhanu stolz, wenn sie mich jemanden vorstellt, von ihrem Freiwilligen und dessen spannenden Blogeinträgen und Filmen und will mich nicht mehr gehen lassen. Oft redet sie von mir, als ihren hauseigenen Spion, hat sie diesen einen Blogeintrag gelesen, wo ich, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, mich unter feiernde Touristen mischte, gute Miene zu bösen Spiel machte, nur um bessere Fotos von den Störenfrieden zu schießen. Diese Geschichte erzählt sie immer wieder gern.

Wasteland – Die Dallapalli Chroniken

Und ich werde wohl doch die eine oder andere Träne verdrücken müssen, wenn es in zweieinhalb Wochen zum Abschied zwischen uns beiden kommt, die wir erst einander finden mussten, um gut zusammenzuarbeiten.


Nach einem entweder sehr produktiven, oder eher faulen Vormittag, wird zum Mittagessen gerufen und dieses ist im Grunde die einzige Möglichkeit alle Arbeiter auf einem Haufen zu erleben und bietet so die Möglichkeit sich darüber auszutauschen, woran man denn gerade arbeite, falls das nicht schon per Mail geklärt wurde.

In letzter Zeit wurde auch oft darüber geredet sich ein Office-Haustier zu holen, ein Hund wäre doch nicht schlecht. Schließlich hätte man ja jemanden, der gut mit Hunden könnte. Der Blick schweift dann zwangsläufig immer wieder in meine Richtung, bin ich mittlerweile in der ganzen Straße dafür bekannt gut mit den Straßenhunden anzubändeln. Klar, zwar ist mittlerweile das meinige Interesse an den Geschöpfen der Straße zurückgegangen, sehe ich es keinesfalls mehr als abnorm an, dass die Hunde draußen, ohne wirklich menschliche Zuneigung, ihr Leben fristen. Ich habe verstanden, dass es ihnen, trotz vielerlei Abneigung, so weit gut unter ihrer eigenen Rasse geht, dass sie mein Mitleid nicht brauchen, um zu überleben. Damals noch habe ich alles probiert, um das Leben einer großen Hundefamilie zu schützen, die nach und nach auseinanderbrach. Aber so war eben der Lauf der Dinge. So spielte die Natur.

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Nun ist von der „La Familia“, wie ich sie damals nannte, nicht mehr viel übrig. Es existieren nur noch zwei Familienmittglieder, die sich jeweils ihr eigenes kleines Rudel gesucht, oder eine neue Familie gegründet haben. Das Rudel, besteht aus dem letzten überlebenden Sohn, der Vorgeneration, der sich neue Freunde gesucht hat. Er lebt am Anfang der Straße. Die Mutter des Sohns, die mittlerweile wieder neue Kinder hat, lebt am Ende. Stets bellen sich beide Seiten feindselig an, kommen sie sich einander zu nahe. Das ist meist dann der Fall, wenn ich, vom Anfang der Straße zur Mitte laufe, um von einem Ausflug zum Office zurückzukommen.

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Das Straßenanfangsrudel begleitet mich schwanzwedelnd und trunken vor Glück mir begegnet zu sein, des Weges, ehe sie abrupt stehen bleiben, auf der Hut vor der neuen Familie, die mich auch gesichtet hat und ihre Chance Streicheleinheiten steigen sieht. So bin meist ich der Auslöser für eine minutenlange Hundegeräuschpegelsteigerung, was selbstverständlich alle aus dem Office mitbekommen.

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Die Idee sich ein Haustier anzuschaffen, wird aber spätestens dann verworfen, wenn es darum geht, wo es denn leben solle und wer sich wirklich darum kümmere. Ich, der überall als absoluter Tierliebhaber gilt ( diesen Ruf werde ich wahrscheinlich nie mehr los) bin ja schließlich bald weg.


Der Nachmittag verging nun entweder mit einer Produktivitätssteigerung, oder einem konstanten, sehr angeregten Grübeln, über das, was man jetzt denn nur machen könne.

Um fünf war Schluss mit der Arbeit und so zog es uns meist, wohlbemerkt unter der Woche, nach oben in unser Zimmer, das Monat für Monat, mehr zu unserem wohligen Rückzugsort wurde.

An der einen Wand breitete sich zunehmend eine riesige Bildercollage von Selfies und gemeinsam erlebten Abenteuern aus und verdrängte immer mehr das Justin Bieber Poster, das Merlin und Ich einst, aus einer unbestimmten Laune heraus, über Amazon gekauft und an die Wand geklebt hatten. Keiner von uns war ein Fan von ihm, aber irgendwie passte der Dude in unser Zimmer, dessen andere Wände bald auch von mannigfaltigen C-Promi-Postern, die keiner kannte, bedeckt waren. Das war sozusagen, die insgeheime Racheaktion der Mädels für das Justin-Bieber-Plakat.

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Hier hing ein Bild eines heiligen Babas, den Skrollan und Toni am Strand von Visakhapatnam gefunden und Merlin zum Geburtstag geschenkt hatten, dort klebte eine riesige Indienkarte, vor der ich oftmals lange hin und her grübelte, war ich mir nie sicher in welche Gefilde es mich noch verschlagen würde.

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Wir schliefen auf dünnen Matratzen und hatten jeweils nur einen Schrank, wo wir alles verstauten, was unser Hab und Gut ausmachte. Es war wenig, was wir hatten und doch war ich gewissermaßen stolz auf unser eigenes Zimmer, hatte es viele Geschichten zu erzählen, die es wert waren erzählt zu werden. Es war im Grunde es ein großes, unordentliches Puzzle voller Erinnerungsfetzen, in dem alle willkommen waren. Eine Art Wohngemeinschaftszimmer, wo mal drei, mal vier, oder gerne auch sechs Leute übernachten konnten, kamen andere Freiwillige uns besuchen. War das der Fall, kochten wir zusammen, sahen uns Filme an, gingen gemeinsam aus, oder ließen uns, im Fall von Lion, von Roja ärgern, die, falls Jungs ins Office kamen Feuer und Flamme vor Begeisterung war. Sie fand es zudem auch ziemlich lustig, dass ich und Lion so gleiche Namen hatten.

„You Leo. You Lion. Hihi, similar! Funny“, sagte sie beispielsweise, während sie einem von uns den Stuhl unter dem Hintern wegzog und vor Freunde jauchzte.

Ja, selbst das sonntägliche Waschen, über dem Waschstein, wir besaßen keine Waschmaschine und mussten unsere Klamotten mit der Hand waschen, wurde nach und nach für mich zu einer schönen Tradition. So saß ich am Sonntagmorgen da, wusch meine Sachen und hörte nebenbei Hörbücher. Durch den eigenen Kraftaufwand gereinigt, war es jedes Mal wie eine Art tolle Errungenschaft, faltete man die sauberen gut riechenden Sachen zusammen und legte sie in den Schrank. Durch die Hitze Indiens brauchten die Klamotten weniger als sieben Stunden zum Trocknen und konnten so am selben Tag schon von der Leine genommen werden

Sei es eben unser Zimmer, die lustigen Unterhaltungen am Mittagstisch, die vielen, süßen Kleinigkeiten, wie die Verirrung eines kleinen Vogels, der irgendwie ins Haus flatterte und nicht mehr hinaus wollte, oder meine Arbeit, die mich immer mehr ansprach, je länger ich versuchte meinen Platz im Office zu finden, all dies werde ich in meinem Herzen behalten.

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Und auch weiß ich, dass ich hier immer willkommen sein werde und ich immer ein Dach über den Kopf finden würde, verschlägt es mich auf unergründliche Weise erneut auf den indischen Subkontinent. Ich habe hier, in Hyderabad, tatsächlich mein zweites Zuhause gefunden werde in den Menschen im Office und jenen Bekanntschaften aus den Clubs und Bars dieser Stadt, die wir fast jedes Wochenende sehen, immer gute Freunde finden.

Home, sweet Home. 🙂

Indische Sprachen – Übersetzen auf einem anderen Level

So vielfältig Indien auch sein mag und so unterschiedlich dessen Einwohner auch sind, so sehr trennt gerade diese Mannigfaltigkeit an Kulturen, Sprachen und Menschen das Land.

Fährt man von Hyderabad aus 500 Kilometer in den Westen, nach Hampi, so wird Kannada gesprochen. Hunderte Kilometer südlich, in Chennai, sprechen die Leute Tamil. In Mumbai wird Marathi,  gesprochen. In Gujarat unterhält man sich in Gujarati.

Im heißen Rajasthan, dem Staat der großen weiten Wüste Thar, gibt es unzählige verschiedene Rajasthani-Dialekte, die teilweise ans Hindi angelehnt sind, aber trotz dessen große Unterschiede aufweisen.

Insgesamt gibt mehr als 100 Sprachen auf diesem riesigen Subkontinent, Punjabi, Telugu, Kashmiri und Malayalam als weitere Beispiele. Dazu gibt es in den kleinen abgeschiedenen Dörfern, jenseits der großen Städte noch weitere Lokalsprachen. In Dallapalli, dem Bergdorf in dem ich über das Jahr gearbeitet habe, wurde neben Telugu auch Kui gesprochen, welche die Sprache des Ureinwohnerstammes der Khonds, eine Unterordnung der Adivasi-Natives, ist.

Hindi und Englisch gelten in diesem ganzen Gewusel aus Akzenten und Dialekten als überregionale Landessprachen.

Durch diese Sprachbarriere ist es für den Typ Inder, der nur seine eigene Lokalsprache spricht, schwierig in einen anderen Staat zu reisen, da er dort im Endeffekt genauso fremd ist, wie wir Europäer. Genau deswegen, bezeichne ich Indien auch so gerne als Subkontinent, da sich sowohl Sprache, Essen, Mentalität und Natur von Staat zu Staat sehr unterscheiden.

Viele Menschen sprechen, aufgrund ihrer weitverzweigten Familiengeschichte, mehr als fünf Sprachen. Ab der indischen Mittelschicht, ist es Pflicht Englisch und Hindi zu können, drum sprechen bereits 12 jährige Schulkinder ein besseres Englisch als es wir Freiwilligen tun, die Englisch zwar in der Schule hatten, aber meist nie damit aufgewachsen sind. Dann wird meist die Sprache des Staates gelernt, in dem man geboren wurde. Zieht man nun in einen anderen Staat, so ist es notwendig auch dessen Lokalsprache zu lernen. Oft können die Menschen ohne Probleme von einen in den anderen Slang übergehen, doch hier entsteht meist ein Problem, von dem mir Vaishnavi, eine Tamilin, die in Delhi aufgewachsen ist, in Mumbai studiert hat und nun in Hyderabad für Dhaatri arbeitet, erzählt: „Man kann sich zwar damit rühmen mehrere Sprachen zu sprechen, kann sich aber nicht festlegen. Ich spreche besser Englisch als Hindi. Meine Muttersprache ist zwar Tamil, aber die wurde oftmals nur dann benutzt, wenn meine Mutter mit mir schimpfte, da diese Sprache sehr hart klingt. Man spricht alles einfach irgendwie und klar, fühle mich auch gut dabei ein sehr gutes Englisch zu sprechen, aber irgendwie auch nicht. Es gibt mir nicht das Gefühl zu ganz Indien dazuzugehören.“

„Drum ist es gut, wie in Deutschland, nur eine Sprache zu haben. Das schafft im Grunde ein Gefühl der Sicherheit und Verbundenheit,“ meinen Toni und ich daraufhin und Vaishnavi nickt bedächtig.

Languages-of-India


 

Eben jenes Kommunikationsproblem sollte einmal wieder das Dhaatri-Office, in Form eines Films heimsuchen. Eben angesprochene Vaishnavi hatte den Auftrag nach Rajasthan, in jene Dörfer zu fahren, die durch extreme Wasserknappheit bedroht waren. Kanpur und Nevatalai waren zwei Orte, in der Nähe einiger Minen, dessen chemischen Abfälle direkt ins Grundwasser sickerten.

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Vor nicht allzu langer Zeit hatte unsere Chefin bereits diese Gegend besucht und die gefährdeten Menschen vor Ort zu ihrem Leiden befragt. Daraus entstand dann, aus meiner Hand, ein kleiner Film, der mich im Januar und Februar bis auf´s Äußerste strapazierte, musste ich englische Untertitel einfügen, da die Frauen Kanpurs wild auf Hindi in die Kamera gestikulierten. Die Übersetzerarbeiten vom Hindi ins Englische hatten mich und eine weitere NGO-Angestellte damals vor große Probleme gestellt.

(Der Fluch von Udaipur)

 

Nun, sollten wieder Untertitel in den neuen Film eingefügt werden. Das Problem jedoch war, dass die interviewte Frau aus den leidtragenden Dörfern keineswegs das vergleichsweise einfach zu übersetzende Hindi sprach, sondern „Waghadi“, was ein Sprachmix aus Marwari, einer lokalen Sprache aus Rajasthan und Gujarati war.

Vaishnavi konnte zwar erahnen, was die gute Frau sagte, da man aus allen Sprachen auch ein wenig Hindi heraushören konnte und einige Gesten schon für sich sprachen,

aber war sie nicht in der Lage alles eins zu eins wiederzugeben, was im Grunde ja von den Untertiteln verlangt wurde.

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Nun wurden alle Leute aus dem Office befragt, ob sie denn fähig wären, diese Sprache aus den Filmausschnitten zu verstehen und tatsächlich gab es zwei neu dazugekommene Frauen, Geeta und Arpita, die das Kauderwelsch verstanden. Die beiden stammten aus einer Community, namens „Lambani“, welche vor Jahren aus Rajasthan nach Karnataka immigriert war. Drum sprachen die beiden einen Mix aus Marwari und Kannada und waren fähig das Waghadi aus Nevatalai teilweise zu verstehen.

Nun entstand eine äußerst lustige Übersetzerkette: Geeta und Arpita hörten sich das Gesprochene im Film an, diskutierten über dessen Konsens und übersetzten ihn dann ins Kannada. Sie sprachen zwar auch Hindi, aber dieses lange nicht so gut, als hätten sie alles Wort für Wort wiedergeben können.

Als Zwischenperson wurde nun ein weiteres Mädchen, Neeraja, das sich bei Dhaatri für ein Praktikum beworben hatte, herbeigeholt. Sie sprach Kannada, Hindi und Englisch, hörte sich nun, das an, was die beiden Lambani-Frauen auf Kannada an sie weitersagten und übersetzte dann entweder ins Hindi, oder Englisch, sodass Vaishnavi es verstand und die Sätze aufschrieb.

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Ich saß amüsiert neben den vier Frauen, die bald gar nicht mehr so ganz wussten, welche Sprache sie zu wem eigentlich sprechen mussten, wechselte Vaishnavi wahllos zwischen Englisch und Hindi hin und her, Neeraja zwischen Englisch, Hindi und Kannada und die beiden anderen zwischen ihrem Mix, Kannada, Hindi und teilweise brüchigem Englisch.

 

Dabei entstanden einige lustige Konversationen, denn Vaishnavi hatte, im Gegensatz zu den anderen, das nötige Hintergrundwissen über die gefährdeten Dörfer und konnte sich so schon einiges zusammenreimen.

 

„Also sie sagt, dass die Dörfler von der benachbarten Organisation „Cricketwasser“ gestellt bekommen, damit sie nicht das schlechte Wasser trinken müssen.“

 

„Cricketwasser? Das macht gar kein Sinn. Höre nochmal genau hin, Arpita!“

 

„Sie sagt Cricketwasser.“

 

„Nein, das muss eigentlich Tankerwasser heißen!“

 

„Ich glaube sie sagt Regenwasser.“

„Nein, das geht auch nicht! In Rajasthan regnet es fast nie! Es muss Tankerwasser heißen!“

„Oh, ja jetzt höre ich das auch.“

 

So zog sich das Übersetzen auf einem ganz neuem Level dahin und stellte die vier Frauen, die in einem Halbkreis um meinen Computer saßen, vor einige Probleme, konnten Arpita und Geeta vieles nur umschreiben und nicht genau wiedergeben, was Vaishnavi ziemlich blöd fand, aber sich eben damit abfinden musste. So dauerte diese Übersetzungs-Inception mehrere Tage, die Nerven und das Sprachverständnis der Vier lagen blank, währenddessen ich sehr gut schmunzeln und grinsen konnte. Das war eine ausgezeichnete Tagesunterhaltung und in diesen verrückten Momenten begann ich diese Frauen zu mögen, wurden sie irgendwie zum Teil der Dhaatri-Family.

Als sie schließlich ihr Werk vollendet hatten, verstand ich endlich auch, welche vor welche Probleme die Bewohner aus Kanpur und Nevatalai gestellt wurden:

 

Der Müll aus den Minen wird durch Pipelines zu einem Damm gefördert, wo er in einem schlammartigen Brei gelagert wird. Dessen Chemikalien haben den lokalen Strom und das Grundwasser in Kanpur verseucht und zwingen seine Bewohner, sich auf Wassertankwagen zu verlassen, die von der Organisation Vedanta geschickt wurden.

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In Nevatalai wurde ein eigenes Kraftwerk gebaut, um die naheanliegenden Minen mit Strom zu versorgen. Die Bewohner sind dadurch mit ebenfalls großen Problemen konfrontiert, da Schwarzstaub aus dem Kraftwerk kommt und auch weil das Grundwasser in diesem Gebiet versiegt ist.

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Der Zustand des Wassers ist in diesen Teilen ziemlich schlecht und hat auch zu gesundheitlichen Problemen bei Frauen und Kindern geführt. Viele klagen über Ausschläge auf ihrer Haut, Durchfall und andere Krankheiten. Einige Kinder in diesen Dörfern wurden mit Missbildungen geboren, währenddessen das einzige Krankenhaus in der Gegend ungenutzt und verlassen da liegt.

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Mit zunehmender Größe und Kapazität der Minen ist etwas so Grundlegendes wie Wasser ein Problem, das eigentlich sofort angegangen werden muss, da es eine fundamentale Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Man verspricht den Menschen zwar Hilfslieferungen und Besserungen, aber diese Versprechen bleiben unerfüllt, während die Wasserkrise in den Dörfern zunimmt. Das Wasser ist entweder nicht genug oder nicht für den Verzehr, sowie die Landwirtschaft, geeignet.

„Wenn wir sterben müssen, dann müssen wir das wohl, nicht wahr? Lasst uns nur alle ertrinken“, so eines der vielen tiefbewegenden Statements von der waghadisprechenden Dame namens Devli Bai aus Kanpur.

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„Andere machen in Rajasthan Urlaub, durchstreifen die Wüste, erkunden Jaipur und Pushkar  und du…ja du weißt jetzt einfach bestens Bescheid über die Wasserknappheit in zwei kleinen Rajasthani-Dörfern“, lacht Bhanu, meine Chefin, als Vaishnavi und ich ihr den fertigen Film präsentieren, tief ausatmend, als wir ein großes Lob zugesprochen bekommen. Zurecht, nach mehreren Tagen harter Arbeit.

Dropbox Link zum Video

 

„Langsam aber sicher wird Dhaatri richtig multikulturell. Wie viele Sprachen werden hier jetzt gesprochen? Englisch, Telugu, Hindi, Deutsch, Kannada, Marwari-Kannada….was noch?

 

„Ich kann noch Malayalam und Tamil verstehen“, meint Vaishnavi.

„Toni spricht noch etwas Französisch“, ergänze ich.

„Und ich kann noch Sanskrit“, meint Neeraja, den Kopf ins Zimmer gestreckt. „Meine Großmutter war Sprachhistoriker und hat mich gedrängt diese alte Sprache zu lernen.“

„Verrückt“, gesteht Bhanu und lächelt.

 

Je mehr Sprachen ins Dhaatri-Office ziehen, desto mehr Menschen kommen auch dazu. Dhaatri hat urplötzlich viel mehr Kapazität für neue Aufgaben und Mitarbeiter, dass man momentan gar nicht mehr weiß wohin mit ihnen.

Neben Savitri und Roja, die die Küche schmeißen, sind jetzt noch zwei weitere Frauen dazugekommen, die ihnen helfen.

Mit Vaishnavi und Nerraja sind zwei gut ausgebildete Fachkräfte im Team, während die beiden Lambani-Mädels dafür trainiert werden auch bald mehr Produktivität ins Haus zu bringen.

Zusammen mit uns drei Freiwilligen und den vier alten Hasen, Bhanu, Gayathri, Ashwini und Ravi, die bereits von Anfang an die NGO am Leben halten, arbeiten nun fünfzehn Personen im Office. Davon haben jeweils nur drei Personen eine eigene Wohnung, was bedeutet, das der Rest hier schläft. Drum sorgt man sich bereits um eine eigene Bleibe für all diese Leute, damit das Offfice, bald nur noch Office sein darf und kein Wohnzimmer.

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Hier nur ein kleiner Teil der neuen Dhaatri-Crew.. 😀

Unter diesen fünfzehn Menschen sind derweil nur zwei Männer vertreten. Ich und Ravi. Überraschenderweise fühle ich mich momentan jedoch sehr wohl, habe ich eine Aufgabe und werde von allen gemocht und geschätzt. Drum ist es echt schön vor eben jene lustige Momente gestellt zu werden, die einen fordern und trotzdem zum Lachen bringen. So wusste ich vorher nie wie viel Spaß Sprachen machen können. Jene Übersetzungs-Inception hat mich nun vom Gegenteil überzeugt…

Varanasi – Stadt des Lebens und des Todes

Ich saß im Zug, während die Welt draußen nach und nach, im Rosarot des Sonnenuntergangs, zu Schlieren verschwamm. Das große Ungetüm rauschte tutend und krächzend und schmauchend an hinduistischen Göttertempeln und Reisfeldern vorbei und bahnte sich zielstrebig seinen Weg durch den indischen Subkontinent.

Eingekeilt zwischen Koffern und Menschen hockte ich da, im Zwielicht des langsam einschlafenden Abteils.

Auf jeder engen Pritsche drängten sich mindestens zwei Menschen zusammen, verschmolzen im Schlaf ineinander und schnarchten. Die Züge des indischen Nordens seien stets etwas überfüllt, so wurde mir mitgeteilt, als auch ich in den Konflikt kam keine eigene Liege für mich alleine gestellt zu bekommen. Ich hatte einzig einen Sitzplatz, den man in Kombination mit dem gegenüberliegenden Platz zu einer Liege konstruieren konnte.

Mir schien, dass jedes Abteil dieses Zuges gen Norden gänzlich überbucht war. Auf jede Einzelliege kamen zwei bis drei Menschen und in Gängen tummelten sich zudem noch jene, die ohne Buchung versuchten sich durchs Land zu schmuggeln.

„Willst du was essen? Hier, ich habe viel zu viel für mich mitgenommen. Das reicht für zwei Leute.“ Ein Mann namens Ganesh, mit dem ich mir wohl oder übel meinen Schlafplatz teilen wurde, reichte mir ein frisch zubereitetes Roti und stellte eine kleine Tupperdose mit Curry in unsere Mitte. Schon am Vormittag hatte ich von einer anderen Familie Essen geschenkt bekommen, die sich richtig darüber freuten, als ich es für gut befand.

Jene Leute, die ganze Tagesrationen voller Essen mit in den Zug bringen, scheinen grundsätzlich darauf zu warten, dass irgendjemand kommt, den sie versorgen können. Vielleicht ist es eine unbewusste Gastfreundschaft, die einem dazu verleitet prinzipiell mehr Essen mitzunehmen, als das man selbst essen kann.

„Gerne“, sagte ich und kaute bedächtig auf meinem Essen herum, bestrebt nur nicht zu gierig zu wirken. Es war schließlich nicht meins, doch Ganesh forderte mich regelrecht auf mehr zu essen.

„Es ist nicht gut, das Essen meiner Frau?“

„Nein, es ist fantastisch“, stellte ich fröhlich fest und nahm mir ein zweites Roti.


Varanasi, die heiligste Stadt Indiens, sollte dieses Mal mein Ziel sein und um ein allerletztes Mal, bevor all meine Reisen zu Ende sein würden, das Abenteuer zu spüren, zu erleben, entschied ich mich dazu von Hyderabad aus mit dem Zug ins ehemalige Benares, so nannten die ehemalig britischen Besatzer dieser Stadt, zu fahren. 29 Stunden sollte die Reise dauern. Ich stieg am Sonntag um zehn Uhr morgens in den Wagon und würde am Montagnachmittag mein Ziel erreichen. Erstaunlicherweise verging der Sonntag relativ gut, kaum Langeweile trat auf, hatte ich mir genug Netflix-Serien heruntergeladen. Zudem lernte ich in dieser Zeit meine Begleiter kennen, zwei kleine Familien, wovon jedoch nur ein 14 jähriges Mädchen Englisch sprach und so alles, was zwischen mir und ihr besprochen wurde, lautstark auf Hindi dem Rest mitteilte, der begeistert mit dem Kopf wackelte.

Zu dieser Zeit gestattete man mir noch ganz alleine eine obere Liege in Beschlag zu nehmen, währenddessen sich vier Leute auf einem Platz drängten, aber mir mit Hand und Fuß versicherten, dass das schon okay sei. Ich sollte mich ruhig ausruhen.

Doch gegen Abend, als Ganesh, der besser Englisch sprechen konnte, als das Mädchen, zustieg und feststellte, dass ich eben nicht im Besitz dieser Liege war, wendete sich das Blatt. Von nun an saß ich auf meinen rechtmäßigen, sehr kleinen Platz, währenddessen die anderen sich auf den beiden oberen Liegen ausbreiteten.

Erstaunlicherweise erwies sich Ganesh als angenehmer Schlafpartner, verstanden wir uns direkt, besonders nachdem ich mit ihm sein Essen geteilt hatte und so war es plötzlich kein Problem mehr zu zweit auf einem Schlafplatz zu liegen, der nur 40 Zentimeter breit und 1,70m lang war. Irgendwie schlief ich, die Füße des Inders nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, ein und erwachte gut ausgeruht beim ersten „Koffee-Chai“-Ruf der Teeverkäufer, am nächsten Morgen. Die restlichen 10 Stunden im Varanasi-Express vertrug ich bei Weitem nicht mehr so gelassen, wie vorher. Je weiter wir auf die heilige Pilgerstadt Kurs nahmen, desto heißer wurde es, immer mehr Leute stiegen zu, doch wenige verließen das Abteil. Bald besaß ich kaum mehr als 30 Zentimeter Platz und spätestens ab diesen Punkt machte das Schauen meiner Lieblingsserien auch keinen Spaß mehr. Nun war der Zeitpunkt gekommen, wo um mich herum zu viele Menschen waren und ich mich immer unwohler fühlte, gemustert von allen.

Glücklich stolperte ich schließlich auf das Bahnhofsgelände Varanasis und war froh darüber auf dem Rückweg nach Hyderabad zu fliegen. Das würde mich insgesamt nur drei Stunden kosten…



Der Wind dreht sich und plötzlich stehst du inmitten einer Wolke aus Rauch und Asche. Du trägst die Toten in den Haaren, auf der Haut, in der Nase, im Mund, in der Lunge, auf den Kleidern. Und doch stehst du da und akzeptierst es als Tatsache eine anderen Kultur. Vielleicht ist es ja auch besser, als den Körper von Würmern zerfressen zu lassen? Ich weiß es nicht. Letzten Endes spielt es keine Rolle mehr, denn am Ende die Toten genau das: Tot

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Ich stehe vor den brennenden Scheiterhaufen, des größten Verbrennungs-Ghat der Stadt, mein Blick ist seltsam geschärft, trotz des Rauches, der in meine Richtung zieht und meine Augen voll Tränen füllt. Es riecht nach verbranntem Fleisch und ja, es mag makaber klingen, aber hätte ich nicht das Bild flackernder Leichen, gehüllt in weiße Tücher, vor mir, könnte man glauben, beim Barbecue ein würziges Steak etwas zu lange gegrillt zu haben.

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Währenddessen vor mir, die Toten ihre letzte Ruhe finden, ziehen neben mir die Wasser des Ganges ihre Wege, dem größten und heiligstem Fluss Indiens. Dort liegt er nun, eines der Wahrzeichen des Subkontinents und erstreckt sich bis weit in die Ferne und verschwindet am Horizont. Die Asche der Toten weht über dessen Oberfläche, währenddessen an anderen Stellen indische Pilger in dessen Fluten steigen und wie neugeboren wieder herauskommen. Geheiligt als Göttin, als Mother Ganga, verehren die Inder ihre Fluss, wie keinen Zweiten. Laut Mythos ist Ganga die Tochter der Personifizierung des Himalaya-Gebirges und wird in etlichen Geschichten und Mythen gepriesen. Trotz der Klassifizierung zum Gott, wird der Ganges nicht gerade wohltuend behandelt, gilt er als einer der schmutzigsten Flüsse der Welt. Die Belastung durch Kolibakterien ist 2000-mal höher als in Indien erlaubt, werden Fäkalien, Leichen, Müll und Chemikalien dort entsorgt.

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Boote in allen Größen und Farben paddeln entlang der steilen heiligen Treppenstufen der Pilgerstadt, wo heilige Männer, Babas und Sadhus vorbeilaufende Touristen heiligen und preisen. Sie zeichnen ihnen das dritte Auge, mittels roter Pulverfarbe auf die Stirn und stimmen Gebete an, die dem Gott aller Götter, Shiva, bestimmt sein sollen. Shiva, der Glücksverheißende und bezeichnet als höchste Manifestation des Einen, taucht in Varanasi überall auf, gilt er als Schutzpatron der Stadt. Nicht umsonst wird sie auch als „City of Shiva“ bezeichnet.

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Varanasi – Stadt des Todes und des Lebens. An einer Stelle finden die Toten ihre letzte Ruhe und kaum fünfzig Meter entfernt, wird laut Musik gespielt, getanzt und sich von allen Sünden seines bisherigen Lebens befreit. Auf eine merkwürdig spirituelle Weise, die zum Nachdenken anregt, besitzt die Stadt ihren ganz eigenen Charme, der absolut einmalig ist.

Trotzdem ist sie auch hässlich und eklig. Nirgends wird man einen Ort finden, der so voller Kühe und Wasserbüffel ist. Diese tragen einiges zum Gestank in den Straßen bei, stinken ihre Ausscheidungen so sehr, dass man sich fragen mag, was für schreckliche Dinge die Tiere wohl gefressen haben müssen. Nicht umsonst sehen wir im Ganges aufgedunsene Tier,- und Menschenleichen schwimmen.

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Die eigentliche Stadt ist mehr oder minder kaum erwähnenswert, hat sie im Grunde alle schlechten Ähnlichkeiten zu allen anderen Metropolen und Orten Indiens in sich vereint. Hier ist es dreckig, laut und es stinkt.

Die eigentliche Schönheit Varanasis liegt jenseits der Innenstadt, am Wasser. Kilometerweit erstrecken sich dort die heiligen Ghats, so nennt man die zum Ganges hinführenden Böschungen oder Stufungen, die meist von hinduistischen Tempeln und anderen Bauten geprägt sind. Bootsführer, Wahrsager, Jongleure, Masseure, Chaiverkäufer, Juweliere und heilige Männer wuseln dort inmitten von Trauergemeinschaften, brennenden Leichen, Kühen und Touristen hin und her und versuchen ihre Waren zu verkaufen. Grundsätzlich scheint es so, als sei jeder Einheimischer von Geburt an vertraut mit dem Ruder des Bootes seines Vaters und dessen Vaters, der schon vor Jahrzehnten über die Heiligen Wasser der Mother Ganga gerudert ist, kommt man keine 50 Meter weit, ohne dass man gefragt wird, ob man denn nicht für eine Stunde gerne „Boat“ fahren, oder den nächsten Stoffladen aufsuchen möchte.

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Ja, teilweise erinnern uns, Marius, Skrollan und Toni sind auch von der Partie, die Schiffer an die schnatternden Möwen aus „Findet Nemo“ die „Meins, meins, meins“, in die Welt krähen.

In Varanasi wird anstelle dessen „Boat, Boat, Boat“, gerufen.

Je länger ich an den Ghats entlang schlendere, desto mehr wird mir bewusst, wie hart der Konkurrenzkampf zwischen den Händlern ist und wie sehr man sich bemüht an das große Geld zu kommen.

Ein Mann erklärt mir, als ich zu einem der größten „Burning Ghats“ komme, dass er Freiwilliger sei, zuständig wäre für die Alten und Kranken, die extra nach Varanasi gekommen sind, um zu sterben. Er würde die Touristen lehren, wie die Kremation von statten geht, denn schließlich gilt: No burning, without learning.“

Er erzählt mir, dass tagtäglich mehr als 200 Menschen verbrannt werden. Für jeden Toten wird mehr als 120 Kilo Holz aufgestapelt, wobei die Leiche zwischen zwei Schichten von Ästen begraben wird. Die Verbrennung dauert gut drei Stunden und danach wird die Asche zusammengefegt und in den Ganges gestreut.

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Menschen aus allen Teilen Indiens würden nach Varanasi kommen, um die Asche ihrer verstorbenen Angehörigen im Ganges zu versenken.

Die Besorgung des Holzes sei dabei besonders kostspielig, sei ein Kilo bereits 15 Euro teuer. Der Freiwillige drängt mich dazu doch Geld zu spenden, zwanzig, bis dreißig Kilo wären doch sicherlich kein Problem für mich reichen Westler, doch ich zaudere. Dieses Zögern veranlasst meinen Führer darüber zu reden, wie sehr mein Karma doch steigen würde, täte ich ihm diesen Gefallen. Karma und Vergebung sind in Varanasi die Hauptdruckwörter der Händler. Man tut alles nur fürs Karma, für die heilige Familie, für ein besseres Leben und dafür Geld auszugeben sei doch geradewegs erstrebenswert. Dadurch fühlt man sich für einen kurzen Augenblick tatsächlich wie ein schlechterer Mensch, wenn man ablehnt etwas zu kaufen, so auch dieses Mal. Ich gebe dem Freiwilligen nur 200 Rupien, ca. 3 Euro, woraufhin er mich abfällig anschaut und mich fragt, ob ich meine Familie denn wirklich lieben würde, schließlich würden sich gute Taten auch auf das Verhältnis zu meinem Vater und meiner Mutter widerspiegeln.

„Ich muss mich gegenüber meiner Familie nicht beweisen. Sie lieben mich so wie bin“, sage ich nur und trotte durch den Rauch der Verbrannten davon. Dies sollte sich als richtig herausstellen, würde mir im Nachhinein gesagt werden, dass es gar keine Freiwilligen bei den Ghats gäbe. Man täte alles, lügen und betrügen, um an Geld zu gelangen. Varanasi und Agra, die Stadt des Taj Mahals, wären in der Hinsicht die größten Zentren des Betrugs.

Einen Tag später sollte ich meinen Fake-Freiwilligen wiedertreffen, ihn zwar nicht mit seinem versuchten Irreführung konfrontieren, aber mit ihm über den Sinn des Reisens und des Betens reden, war er der Meinung ich hätte zu wenige Sehenswürdigkeiten in Varanasi gesehen, die er mir jetzt, natürlich für Geld, zeigen wollte.

„Du hast so viele Tempel in dieser Stadt nicht gesehen, wie kannst du dich denn jetzt mit dieser identifizieren, oder sie gar verstehen?

„Muss ich denn alles abklappern, damit ich weiß, wie die Stadt funktioniert? Reicht es nicht, mit den Leuten zu reden, sie dabei zu beobachten was sie tun und treiben?“

„Nein. Varanasi ist eine heilige, rituelle Stadt. Besuchst du keine Tempel, wirst du auch keine Spiritualität erfahren und Shiva wird nicht bei dir sein. Du wirst weiterhin gottlos durch die Gegend laufen.“

„Für mich ist Gott, oder das Göttliche überall. Wenn es alles auf dieser Welt geschaffen hat, dann schwebt es gerade auch um uns herum. Warum kann ich nicht in einen Wald gehen und dort beten? Der ist viel schöner als ein Tempel.“

„Nein, das geht nicht. Wenn du hier beten würdest, wäre Gott beleidigt. Du trägst Schuhe. Das beschmutzt ihn. Im Tempel ziehst du diese aus und dadurch erst empfängst du Gott.“

Ab dem Zeitpunkt konnte ich ihm nichts mehr entgegensetzen, verstand ich, dass es hoffnungslos war, ihm zu erklären, dass Schuhe keineswegs gottlos sein müssen. Er redete jedoch weiter und versuchte mich vehement davon zu überzeugen, doch eine Tour mit ihm zu machen.

So schön Varanasi auch war, so sehr ging dessen wahre Spiritualität mit den Leuten verloren, die versuchten eine gefälschte Version des einzigartigen Spirits dieser Stadt zu verwirklichen, in dem sie logen, betrogen und Weltbilder verfälschten.

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Drum war ich im Endeffekt dankbar einer ehrlichen Haut zu begegnen, die ihr Geld mit Wahrsagen verdiente. Uday aus Varanasi war ein heiliger Baba, der sich darauf spezialisiert hatte aus den Händen die Zukunft zu lesen. Irgendwie schaffte er mich dazu zu überzeugen, mir meine Zukunft zu erzählen, war dabei keineswegs aufdringlich, wie der Rest und schien tatsächlich an mir interessiert zu sein.

„Es gibt so viel Betrug in dieser Stadt, ich will mich nicht zu diesen dazu gesellen. Ich bin eine ehrliche Haut“, gestand er mir, während er mir liebevoll den Kopf tätschelte. Er hatte einen dichten Rauschebart und man merkte ihm sein Alter bereits an, doch sein Geist war jung wie eh und je. Er wirkte wie eine Art liebenswürdiger Großvater, der bereits alles erlebt hatte, was diesseits und jenseits der Mother Ganga stattgefunden hatte.

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„Du wirst einmal 93 Jahre alt werden, lieber Leo und mit 56 Jahren, ja, da wirst du wie Mutter Theresa, oder Ghandi. Ein heiliger Mensch. Und ich sage dir, mit 24 Jahren da beginnt dein Leben erst richtig, lieber Leo.“

Wirklich viel von diesem Kokolores hielt ich nicht, doch präsentierte Uday mir so eindringlich und phantasievoll meine Zukunft, die tatsächlich gesprenkelt war, mit einem Fünkchen meiner tatsächlichen Träume und Wünsche, das ich begann ihn zu mögen.

„Kannst du eigentlich auch deine eigene Zukunft lesen?“ frage ich ihn einmal.

„Ja klar kann ich das, aber ich kann dir sagen, dass manches nicht so wirklich stimmt. Schau mal, ich habe hier beispielsweise drei Striche an der rechten Hand. Die symbolisieren drei Ehen. Das geht aber gar nicht. Ich habe ja nur eine Frau.“ Er deutete auf seine Hand.

Wir schwiegen, tranken Chai und blickten den Ganges entlang. Zusammen sollten Toni, Skrollan, Marius und ich tatsächlich es wagen in dessen heilige Fluten zu steigen und drei Mal den Kopf unter zu tauchen. Somit waren nun all unserer Sünden entledigt. Wirklich anders fühlten wir uns danach zwar nicht, aber auf jeden Fall hatten eine Sache getan, die Hindus auf der ganzen Welt wohl am liebsten erstrebten.

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„Weißt du was?! Die Zukunft ist ein Motherfucker. Viel zu viel Menschen denken an sie und vergessen im Jetzt zu leben und das ist unendlich schade. Ich verdiene zwar mein Geld mit ihr, aber lieben tue ich sie nicht. Ich weiß genau, dass du viel darüber nachdenkst, lieber Leo, aber höre auf damit. Das ist mein Rat an dich. Höre auf, über zu viel nachzudenken.“

Diese Worte hallten in mir nach, währenddessen ich zu den immer flackernden Lichter der Totenfeuer hinüberstarrte und Menschen in Booten sah, die die Asche ihrer Liebsten im Wind verfliegen ließen. Die Toten hatten ihr Lebensziel erreicht, schwebten nun ins Nirvana, für ihre ewige Ruhe. Wir Überlebenden hatten noch mehrere Leben vor uns, ehe unser Karma uns in die Unendlichkeit führen würde. Doch bis dahin, hatten wir alle unser Leben zu leben, da hatte Uday recht.

„Wir sehen uns im nächsten Leben, mein Freund“, rief Uday mir zu, als ich mich am letzten Tag meines Aufenthalts von ihm verabschiedete und davon ging.

„Das werden wir!“ rief ich zurück.

Von ungewisser Routine, unerwarteten Erkenntnissen und großer Dankbarkeit

„Okay, take rest. Coming back at 3”, meint Krishnarao, macht eine Kehrtwende, geht aus dem Haus, schwingt sich auf sein Motorad und fährt davon.

„Aber“, stottere ich. „Ich brauch doch gar keine Pause.“

Da stehe ich nun. In mitten eines fremden Hauses, begreifend, dass es bis drei Uhr nachmittags noch drei Stunden sind.

„Was soll ich denn hier machen?“ flüstere ich, doch niemand antwortet mir.

Wäre ich doch viel lieber im Dorf und dessen Idylle geblieben. Stattdessen befinde ich mich nun in Paderu, des einzig, verhältnismäßig großen Ortes dieser Gegend,  jenseits der drei Stunden entfernten Metropole Visakhapatnam. Paderu ist kein schöner Ort und doch nutzen ihn die Bewohner Dallapallis um Erledigungen zu tätigen, sowie solches Essen zu kaufen, das nicht auf ihren Bergen wächst. Schon oft sind wir, während unserer Dorfaufenthalte, hierhin gefahren, um neue Vorräte zu kaufen, doch wirklich lange hat es mich hier nie gehalten. Diese Kleinstadt ist dreckig, ärmlich und von den Menschen her äußerst gewöhnungsbedürfig, wirken jene so, als seien sie die Ausgestoßenen und Vertriebenen, der Städte, die sich des einfachen Pöbels entledigt haben. Hier wirkt die Mehrheit distanziert, hat trübe Augen, schlechte Zähne und wirkt nicht gerade glücklich über das Los in Paderu geboren zu sein.

Jetzt, beim sechsten Mal, fällt mir sogar auf, dass auf den Straßen nur Rikshas, Motoräder und Touristenjeeps unterwegs sind. Normale Autos scheint sich hier kaum jemand leisten zu können.

 

Der eigentliche  Grund, weshalb ich erst nach Dallapalli gekommen bin, war nicht jener, Aufgaben vor Ort zu erledigen, sondern von dort aus in zwei andere Dörfer im Araku Valley zu fahren.

Das Araku Valley umfasst im Endeffekt alle Dörfer und Sehenswürdigkeiten im Umkreis von 100 Kilometern, gelenkt vom Visakhapatnam District und des Andhra Pradesh Tourist Departments. Die Borra Caves, Katiki und dessen Wasserfälle, Paderu als Vermittlerstadt und all die Orte, die ich im Laufe des Jahres bereits abgeklappert habe, liegen in diesem Umkreis und sind mehr oder minder bedroht durch Privatisierung und Zwangsenteignung seitens der Regierung, die viel lieber Hotels und Parkplätze, anstatt der kleinen beschaulichen Dörfer, gebaut haben will. Ich soll mit Bonjibabu und Krishnarao, einen lustigen Mann, der in meinen vorherigen Erzählungen immer zu kurz gekommen ist, Interviews mit den Menschen zweier Orte abhalten. Meine telugusprechenden Freunde werden das Gespräch führen und ich soll es filmen.

Der Ort Kothapalli soll unsere erste Anlaufstation sein, doch um dorthin zu gelangen, brauchen wir anscheinend einen Bus, der nur alle paar Stunden durch Paderu zu fahren scheint. Früh von Dallapalli aus aufgebrochen, erkennt Bonji bald den Fehler zu hastig losgefahren zu sein, da der Bus noch lange auf sich warten lassen wird und beschließt, zusammen mit dem in Paderu lebenden Krishnarao, mich in dessen Haus zu bringen, damit ich a.) wahrscheinlich nicht im Wege stehe und b.) ganz entspannt Pause machen kann.

Doch wovon soll ich bittschön Pause machen? Wir sind gerade eine Stunde dösend mit der Riksha hergefahren und haben nichts Anstrengendes geleistet. Trotzdem scheine ich, obwohl ich mich selbst topfit fühle, den Eindruck zu erwecken todmüde zu sein. Vielleicht kreieren sich auch die Beiden meine Müdigkeit, da sie selbst dringend eine Pause vom Nichtstun einlegen können.

Im Wohnhaus des Krishnaraos wird mir bald befohlen mich doch ins Bett zu legen, Pause zu machen, zu entspannen. Nach einigen Ansätzen mich gegen jene verordnete Ruhe aufzulehnen, sehe ich bald ein, dass es nichts bringt. Jeder macht gerade Fiesta, trotz einem eher unproduktiven Vormittag. Zum Ausruhen verdonnert, verstreichen die Stunden langsam, der Schlaf will nicht kommen und je später es wird, so sehr wird mit klar, dass es bereits dunkel sein könnte, wenn wir das Dorf erreichen. Licht für die Kamera wird es nicht mehr geben, die Bildqualität wird schlecht sein, doch jenen wahrscheinlichen Fauxpas werde ich mir selbst nicht zuschreiben. Dafür kann ich bei Weitem nichts.

 

Es ist drei Uhr, ich fahre vom Bett hoch, in der Hoffnung endlich was zu tun am heutigen Tag, doch niemand kommt. Ich langweile mich furchtbar. Die deutsche Annahme, dass Termine auf die Sekunde genau eingehalten werden, verpufft, währenddessen die Sekunden immer weiter ticken und Minuten entstehen lassen. Eine halbe Stunde vergeht. Eine Stunde verstreicht ungenutzt. Ich warte nun den ganzen Nachmittag. Dann plötzlich streckt Krishnarao seinen Kopf zur Tür herein und verkündet strahlend, dass es jetzt losgeht.

Ich konfrontiere ihn nicht, mit meiner angestauten Entrüstung, würde es eh nichts bringen, einen Inder wie ihn zu fragen, warum er denn zu spät komme. Zeit ist relativ.

Drei Stunden später, die Dämmerung hat bereits eingesetzt, lässt uns der Bus auf einer breiten Straße hinaus. Rechts und links sind jeweils einige kleine Häuser verteilt, auf einer breiten Fläche spielen einige Männer Volleyball. Das kommt mir bekannt vor.

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Mir wird aufgetragen alles zu filmen und zu fotografieren was ich sehe, jedes Gespräch mit den Dörflern und meinen Leuten, soll aufgezeichnet werden. Bald sitzen wir um einen Mann herum, der seine und die Geschichte des Dorfes erzählt. Spannend und ergreifend mag wohl sein, doch mit zunehmender Dunkelheit wird das Bild immer schlechter. Die Elektrizität Kothapallis ist gerade auch nicht da.

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Man unterhält sich um die zwei Stunden mit den Männern und Frauen aus den Dörfern, ich halte müde drauf, der sinkenden Qualität bewusst. Irgendwann gibt mir Krishnarao das Signal mit dem Filmen aufzuhören. Die Unterhaltung geht weiter, jedoch deutlich gelöster und entspannter. Es wird sich nicht mehr um ernste Themen bemüht, sondern schweift langsam aber sicher ins lockere Gespräch hinein. Ich sitze da und lausche den Klängen der Wälder um uns herum und verscheuche nebenbei allerlei Fliegen, die sich um jede Lichtquelle des Dorfes tümmeln.

Ich bekomme Hunger und werde indes auch langsam müde. Sowohl Essen als auch Schlafplatz ist noch nicht garantiert, doch in Erinnerung an den Oktober und dessen Erlebnisse mit Merlin in Katiki, dem absolut abgeschiedenen Bergdorf mit seinen lieben Bewohnern, vermute ich, dass wir in diesem Ort schon unseren Schlafplatz finden werden. Zurückfahren werden wir unanfechtbar nicht mehr. Genauso wird es sein, die Dorfkirche wird für uns geräumt und nachdem alles vorbereitet ist, wird uns eine sehr vorzügliche Reisspeise gebracht.


(Übrigens: Wirklich sicher zu welcher Religion die Leute aus den Dörfern angehören bin ich mir nicht mehr. Überall stehen Kirchen, in denen tatsächlich auch Gottesdienste abgehalten werden. Immer Sonntags findet in Dallapalli eine stundenlange Lobpreisung, voller Gesang und lauten „Hallelujas“ statt. Dieses Mal setze ich mich sogar in die Kirche zu den anderen dazu und lausche den enthusiastisch christlichen Gesängen auf Telugu. Viele werden mich dabei begeistert beobachten und falls ich davor nicht bereits die Herzen aller hatte, hatte sie jetzt.)


Am Schluss ist der Ablauf in Kothapalli genauso wie damals, nur dass Merlin und ich bei Weitem nicht wussten was auf uns zukommen würde.

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Das einstige Abenteuer des Ungewissen, grenzt nun an Routine. Das Ungewisse ist mir nicht mehr fremd. Klar, ist das schon ein Widerspruch in sich, das Ungewisse wird einem nie bekannt sein, doch statt nach dem Warum und dem Wie zu fragen, ertrage ich das Meiste plötzlich mit einer gar stoischen Ruhe, ja finde es gar auf irgendeine Art romantisch nicht zu wissen, was passiert. Ich habe gelernt, dass alles irgendwie schon funktionieren und am Ende sowieso alles gut wird.

Nach dem Essen werden sowohl Dörfler, als auch meine Leute müde weshalb nun alle ihres Weges gehen und ich mich, zusammen mit Krishnarao, auf eine schmale Pritsche lege. Der breit gebaute Mann mit dem lustigen Schnauzer nimmt gut dreiviertel des Bettes in Beschlag und beginnt nach wenigen Sekunden tief und laut zu schnarchen.

Am nächsten Morgen, pünktlich nach dem ersten Hahnenschrei, brechen wir auf, um den Wasserfall des Dorfes zu betrachten. Dieser schließlich löste im Grunde den Konflikt zwischen Dorf und Regierung, die das Land für sich haben will, aus, ist dieser einer der beliebtesten Touristenziele, des Araku Valleys. Eindrucksvoll ist es allemal die reißenden Fluten zu sehen, wie sie rauschend in die Tiefe stürzen, doch bei aller Liebe: So spektakulär ist er nun auch wieder nicht. Grundsätzlich scheinen die Tourist Departments dieses Landes alles als Sehenswürdigkeit zu klassifizieren, was alleine mit Wasser zu tun hat, egal ob es eindrucksvoll ist, oder eben nicht. Die Touristen kommen trotzdem und hinterlassen ihren Müll, den ich kurzerhand wieder fotografieren darf. Viel ist es bei diesem Wasserfall nicht, oder vielleicht hat sich mittlerweile einfach meine Toleranzgrenze gegenüber dem Mengenverhältnis dessen verändert. Kein Wunder nach Mumbai und dem Yuhu Beach.

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Die restlichen vier Tage in Dallapalli verstreichen ebenfalls beinahe ungenutzt. Der Plan in ein zweites gefährdetes Dorf zu fahren, wird zwar in die Tat umgesetzt, jedoch ohne mich, da man es für besser hält mich aus gefährlichen Orten, wie Lambasingi, so der Name des Dorfes, herauszuhalten, könnte ich gar angegriffen werden. Zwar werde ich im Dorf bleiben, meine Kamera wird jedoch Bonjibabu und Co. ins Krisengebiet begleiten, weshalb ich für zwei Tage nicht einmal Fotos vom Dorf machen kann.

Doch irgendwie schaffe ich es diesen Tagen alles aus dem Dorf herauszuholen, was es herauszuholen geht. Ich befreunde mich noch mehr mit den Dorfjungs, spiele mit ihnen und unternehme sogar eine Expedition bergabwärts mit ihnen. Das Ziel: Mangos!

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Die kleinen Racker, alle um die sechs bis zehn Jahre alt, hüpfen über Stock und Stein, zeigen mir geheime Schleichwege und Quellen, bis sie schließlich ihr Heiligtum erreichen. Einen großen Mangobaum. Sie klettern, wie kleine Affen hinauf und schütteln und rütteln so lange an den knorrigen Ästen des alten Riesens, bis es auf dem Boden kaum einen Platz mehr gibt, der frei von der süßen Frucht ist. In Dallapalli wächst eine unterschiedliche Art der Mango, diese hier ist nur so groß wie ein Hühnerei, ist aber süßer und geschmackvoller.

Wir setzen uns auf die Wurzeln des Baumes und beginnen mit dem Mund die dünne Schale der Frucht abzubeißen, spucken sie weg und saugen das süße Innere der Frucht heraus. Bald kleben meine Hände wie verrückt vom gelben Mangosaft, doch das ist mir egal, so gut schmeckt es mir. In diesen Momenten sollte ich mehr als 20 kleine Mangos verdrücken.

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Als alle Kinder ebenfalls satt sind, sammeln sie die umliegenden, übriggebliebenen Früchte ein und schleppen sie den Berg wieder hinauf, ihren Eltern glücklich ihre Beute zeigend.

Die Zeit im Dorf neigt sich schlagartig dem Ende und mittlerweile scheint ausnahmslos jedes Kind meinen Namen zu kennen.

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„Du bist ja berühmt“, stellt Kavya fest, welche am letzten Tag noch zu mir stößt. Vor ihr haben die Kinder sichtlich noch Respekt, zerstreuen sie sich augenblicklich, erscheint diese Fremde plötzlich in ihrem Sichtfeld.

„Ich mag sie auch unheimlich gerne“, stelle ich fest, als mir Siranji, einer der Ältesten Jungs, eine Mango zuwirft und schnell wieder, aus Angst die böse fremde Kavya könne ihn sehen, hinter einer Mauer verschwindet.

„Schade, dass ich sie nicht mehr sehen werde.“

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Während unserer Reisen durch das atemberaubend schöne und grüne Tal Araku, sowohl bei der darauffolgenden Präsentation des Interviews vor Bhanu, unserer Chefin, zurück in Hyderabad, wird mir auf einmal bewusst wie die eigentliche Rollenverteilung bei Dhaatri ist. Die wichtigste Person außerhalb des Offices ist nicht Bonjibabu, oder Gayathri, die beide zwischen uns Freiwilligen und den Dörflern vermitteln können, nein, es ist Krishnarao. Die Arbeit für die NGO ist seine Vollbeschäftigung. Von Paderu aus ist er der erste Kontakt, der von Bhanu zur Lage der Dörfer befragt wird.

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Er ist es, der von Dorf zu Dorf fährt, die Leute nach ihrem Wohlergehen fragt, Meetings ansetzt und leitet und schlussendlich alles nach Hyderabad weiterleitet, wo von dort aus weitere Schlüsse gezogen werden können.

Für mir über das Jahr hinweg als Nebendarsteller abgestempelt, der ab und zu mal durchs Dorf fährt und mit den Leuten quasselt, erscheint eben jener Mann mir plötzlich in einem ganz anderen Licht und es kommt mir so vor als verstünde ich jetzt erst die eigentlichen Felder, Tätigkeiten und Rangordnungen der Dhaatri-Hauptleute.

Die Interviews mit den Dörflern, ihrerseits im schlechten Licht gezeigt, hatten derweil eine derartige Tiefe, dass uns Bhanu dafür gratulierte.

„Die Leute kriegen nicht einmal eine Entschädigung von der Regierung“, übersetzt sie für mich.  „Es ist so, als würde die Regierung zu dir kommen und sagen, dass sie dir jetzt dein Besitz abnehmen und dich später dafür bezahlen werden. Das werden sie jedoch nie tun. So passiert es gerade Kothapalli und es ist durchaus möglich, dass es auch Dallapalli treffen kann. Auch deswegen, habe ich Bonjibabu mitgeschickt, damit er seinen Leuten davon erzählen kann, was schlimmstenfalls passieren wird, wenn sie sich nicht gegen den Tourismus und die Regierung wehren. Das habt ihr gut gemacht.“


 

Nach sechs Aufenthalten in Dallapalli habe ich endlich begriffen wie alles funktioniert, bin angekommen, weiß was zu tun ist, wenn nichts zu tun ist und habe jetzt den Draht zu allen Leuten des Dorfes hergestellt. Ich habe die lieb gemeinten Kleinigkeiten, die mir die Menschen schenken, lieben gelernt. Immer morgens beispielsweise beginnt mein Gang zur Pumpe, damit ich Wasser für meine Dusche holen kann. Dabei fülle ich meinen Eimer nur halb voll, da das meiste Wasser immer herausschwappt, trage ich zu viel. Vor der kleinen Duschkabine, die angemerkt auch das Klo darstellt, setze ich den Eimer ab und tunke einen sogenannten „Heater“, ein Gerät ins Wasser, dass fähig ist solches aufzuwärmen. Jene Prozedur dauert meist 20 Minuten, weshalb ich nochmal zurück zur Hütte gehe.

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Komme ich wieder, ist der Eimer immer voll, irgendjemand hat ihn für mich aufgefüllt, damit ich mehr Wasser zum Duschen habe. Nötig ist das nicht, aber trotzdem macht es irgendwer für mich, ohne dafür Dankbarkeit zu erwarten…

Ich weiß nicht, ob ich jemals im Stande wäre, hier wirklich zu leben, dazu bin ich momentan nicht geschaffen, doch habe ich bereits beschlossen, immer hierher zurückzufinden…

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Back to the roots

„Nein. Ehrlich gesagt will ich nicht. Die Dörfer sind mittlerweile nichts Besonderes mehr, der Weg ist eine einzige Farce und…ja. Ich möchte nicht nochmal dahin“, antworte ich auf Marius´ Frage, wann und ob, ich denn nochmal in die Bergdörfer möchte.

„Klar, wenn ich muss, dann gehe ich, aber irgendwie…ist die Luft raus.

 

Marius, unser neuer Freiwilliger für drei Monate, war in der Zeit, wo ich in Nepal, Hampi, Goa, Mumbai und Delhi meinen Urlaub verbracht habe, drei Mal in den Fields, teilweise alleine, oder zusammen mit den beiden Mädels. Allen hat es erstaunlich gut gefallen, Marius schien von Anfang an perfekt das fehlende Puzzleteil, das Merlin vor einiger Zeit durch seinen Abtritt von der indischen Bühne erschaffen hatte, zu ersetzen.  Um drei Mal nach Dallapalli zu gehen, hat es bei mir fünf Monate gebraucht. Marius, mit seinem begeisterten Art und mit der liebevollen Weiße mit Menschen klarzukommen und umzugehen, hat das in zwei Monaten geschafft.

Ich weiß, dass ich weit in der Anzahl meiner Besuche in den Bergdörfern hinterherhänge, obwohl ich doch in der ersten Hälfte des Jahres geradezu stolz darauf war jeweils einmal mehr in Dallapalli gewesen zu sein, als der Rest der Dhaatri-Freiwilligen.

Nun scheinen meine einstigen guten Tage verstrichen, der letzte Besuch in Dallapalli, liegt zweieinhalb Monate hinter mir und die Ereignisse jener zwei Wochen Abgeschiedenheit bereiten mir nach wie vor Kopfzerbrechen, will ich nicht nochmal planlos auf dieser einsamen Insel festsitzen. Damals ging schier jeder meiner Pläne schief, ich hatte rein gar nichts zu tun und fungierte im Grunde als ständiger Bespaßer der Dorfkinder, was nach und nach mich an meine Reserven brachte.

Doch der Glaube an Besserung und die Tatsache, dass ich meine Bergdorf-Freunde schon etwas vermisste, veranlassten mich schließlich nach eben jenen zweieinhalb Monaten nach meinen Reisen, endlich nachzugeben und den Dingen ihren Lauf zu lassen.

„Es muss sein“, sage ich mir, versuche mir die Dinge vorzustellen, die ich einst so toll fand am Einöd der Bergdörfer, doch will mir dies nicht mehr gelingen, zu lang war ich auf den Spuren anderer Städte und Nationen.

Back to the roots.


 

So kam es schließlich, dass ich, zusammen mit Kavya, einer zweiundzwanzigjährigen Studentin, die sich entschlossen hatte, für einige Zeit für Dhaatri zu arbeiten, am Bahnhof stand und einmal wieder auf den Zug wartete, der uns nach Visakhapatnam bringen würde.

„Zu welchem Gleis müssen wir denn?“ fragte Kavya aufgeregt, sich durch die Menschenmassen bahnend. „Auf der Anzeigetafel steht ja noch gar nichts darüber.“

„Don´t worry“, sagte ich. „Meist ist es so, dass 15 Minuten bevor der Zug in den Bahnhof fährt, das Bahngleis angezeigt wird. Lass uns einfach hier warten.“

Und genauso passierte es auch. Eine Viertelstunde vor dem Eintreffen des Visakhapatnam Expresses mit der Nummer 20812, blinkten die Anzeigetafeln des Bahnhofs auf und offenbarten uns Gleis 6 als Zusteigeplattform.

„Wo sehe ich denn bitte welche Liege für welche Höhe steht?“ fragte mich Kavya panisch, als wir in unserem Abteil standen, eingekeilt von zusteigenden Menschen, die einmal wieder Haus und Hof mit in den Zug nahmen.

(Manche Menschen nehmen ganze Taschen voller Essen mit, damit sie auf Reisen nicht verhungern und das Zugessen nicht nehmen müssen.)

Ich verstand Kavyas Frage. Im Grunde wollte sie wissen, welche Nummer des Abteils, für welches Level der Hochbetten, stand.

Es gibt die untere Liege, die des Tages von fast allen Passagieren des Abteils als normale Sitzgelegenheit genutzt wird, um beispielsweise aus den Fenstern zu schauen, oder mit seinen Mitfahrern zu quatschen. Dabei dient die mittlere Pritsche vorerst als Lehne für den Rücken und wird, wenn alle bereit sind zu schlafen, hochgeklappt. Das obere Bett ist immer vorhanden und wird am Tag meist zum Dösen für Einzelne, oder als Packstation genutzt, wo man vorerst alle Koffer und Rücksäcke lagert, ehe man jene entweder unter die erste Liege schiebt, was ich meist bei meinem großen Backpack-Rucksack präferiere, oder zu sich, auf seine Etage nimmt.

„Schau, da am Fenster steht genau, welche Nummer für welche Höhe angesetzt ist. Wir haben 19 und 22. Wir sind beide jeweils auf der auf der oberen Liege“, erklärte ich Kavya und begann nach oben zu klettern. Ich registrierte nebenbei, die verrückte Tatsache, dass ich gerade einer Inderin erklärte, wie man in Indien Zug fuhr und freute mich sehr darüber als Mentor zu fungieren.

Auch, als wir 15 Stunden später, am nächsten Morgen verschlafen aus dem Zug stiegen, war ich es, der das Mädchen führen musste, war sie schließlich noch nie hier. Vom Bahnhof ging es mit einem Lokalbus zum Bus-Komplex und von dort aus ins komplexeigene Busrestaurant, um zu frühstücken. Besonders lecker war es hier noch nie, doch als Kavya nach einer Alternative fragte, verneinte ich. Das hier hatte Tradition.

„Was? Noch weitere vier Stunden mit dem Bus durch die Walachei? Oh mein Gott! Das ist der Weg in die Fields?!“ Das Mädchen aus Bangalore war nahezu schockiert über unser weiteres Vergnügen, ich lächelte jedoch nur. An diese Reise hatte ich mich gewöhnt.

„Jep. Und danach ist es nicht unwahrscheinlich das wir noch eine bis zwei Stunden mehr warten. Die Busse fahren nicht direkt in die Dörfer. Da muss erst eine Riksha kommen.“

„Uff!“ machte Kavya und wischte sich den Schweiß von der Stirn. Heiß war es nebenbei auch noch.


Doch irgendwie hatte ich die Zeit hinter mir, wo ich alles in Frage stellte. Auch, als wir schließlich vor den unmittelbaren Toren von Poolabanda aus dem Bus stiegen, wo uns ein breit lächelnder Bonjibabu und eine Bhavani erwarteten und eine Planänderung verkündeten, blieb ich gelassen.  Die eigentliche Idee war es, dass wir beide nach Poolabanda gingen, doch eine abendliche Entscheidung oben, hatte kurzweg die Strategie geändert. Ich sollte mit Bonji nach Dallapalli fahren, und Kavya mit Bhavani nach Poolabanda gehen lassen. Ich stellte nicht die Frage nach dem Warum, war jedoch überrascht darüber, dass ich Kavya, die ich vor unserer gemeinsamen Reise kaum kannte, nun gar nicht mehr gehen lassen wollte, schweißt eine 20 Stunden-Reise doch irgendwie zusammen.

Auch sie teilte mein Schicksal des Problems mit der Verständigung, sprach sie, da sie aus dem Staate Karnataka kam, kein Telugu. So würde auch sie mit Englisch weiterkommen müssen und sollte, der rar gesäten Kenntnisse seitens Bhavani noch nicht wissend, ins kalte Wasser geschmissen werden.

So warteten Bonji und ich eine weitere Stunde auf einen Bus, der theoretisch um die 20 Minuten gebraucht hätte, um uns vor Dallapalli herauszulassen. In der Praxis jedoch, geriet ein anderer Bus, nicht weit von unserem entfernt, von der schmalen Straße ab, durchbrach eine provisorisch errichtete Sicherheitssperre vor dem Abgrund und hing nun gefährlich schwankend in der Luft. So versperrte er den Weg für alle anderen Fahrer und es würde erneut zwei Stunden brauchen, ehe die Passagiere und der Unglücksbus ihrer misslichen Lage entkamen und wieder auf die Straße rollten. Die Dämmerung hatte bereits eingesetzt und ich war froh dem Farn und dem Wald, in dem wir uns befanden zu entrinnen, wurde ich beinahe paranoid vom Anblick einiger schwarzer Moskitos, die mir gefährlich nach Malariaübertragung aussahen. Hoch oben im Bergdorf war ich vor diesen sicher.


Die Sonne versank bereits tief hinter den Berggipfeln, als schließlich, die ersten Dächer des Ortes vor uns erschienen, den ich über Monate hinweg gemieden hatte. Nun, erwachte eine kribbelnde  Gänsehaut auf meinem ganzen Körper, als unser Vehikel geradewegs unter dem Volleyballnetz hindurch, entlang der spielenden Dörfler, fuhr.

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Jene Bilder der abendlichen Volleyballspiele der Jugend Dallapallis werde ich für immer in meinem Herzen tragen, vermittelten mir immer ein Gefühl, nach einem heißen, schwierigen Tag, genau am richtigen Ort zu sein, um die Seele baumeln zu lassen.

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Die Volleyballspieler machten große Augen, als ich schwankend aus der Riksha stieg und ein großes „Hiiiii Leoo“ ertönte von allen Anwesenden und wurde lauthals durchs Dorf getragen. Ich wurde von Männern umarmt, die glücklich waren, mich wieder zu sehen und spätestens als ich mit Bonjibabu in seiner kleinen, gemütlichen Hütte saß und Tee auf einem kleinem Kochfeld vor sich hin köchelte, wurde mir schmerzlich bewusst, wie dämlich ich gewesen war dieses Dorf so lange zu verschmähen.

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Simhadree, der Sohn meines besten Bergdorffreunds, gab mir strahlend ein High-Five und begann mir begeistert eine Geschichte zu erzählen, die ich leider jedoch nicht verstand. Nach wie vor hatte er noch nicht so ganz gepeilt, dass es Leute gab, die nicht Telugu sprachen, doch das machte ihn um so putziger.

 

Aufgrund dessen, dass der Strom im ortseigenen Dhaatri-Office nicht funktionierte, lud Bonji mich dazu ein in seinen eigenen vier Wänden zu schlafen, doch ich sicherte ihm zu nur so lange zu bleiben, bis mein Handy halbwegs aufgeladen sei, um die Nacht auch im dunklem Raum meiner ehemaligen Wirkungsstätte zu verbringen. Ich war ganz der Meinung die kleine Familie rundum Simhadree zu nerven,  doch mein Freund wirkte über diese Äußerung sein Haus zu verschmähen nahezu gekränkt, war es für ihn eine große Ehre, dass ich mit ihm das Haus teilte, mochte es noch so klein sein.

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So, legte ich mich, als die Zeit dazugekommen war, vorerst auf den Boden, um Bonji und seiner Frau ihr Bett zu überlassen, doch man holte mich wieder hoch. Ich sollte das Bett bekommen, währenddessen der Rest auf dem kalten Steinboden schlief und schon bald tief und fest schnarchte, währenddessen ich noch wach lag und meinen Blick durch die Hütte schweifen ließ. Sie besaß keine Fenster, die einzige Lichtquelle bildete eine einzige, einsame Glühbirne, die ein schwaches Licht auf die Schlafenden warf.

Überall stapelten sich stählerne Töpfe, Teller und Tassen und Säcke voller Getreide, währenddessen die wenigen Habseligkeiten der Familie, in einem kleinen hölzernen Regal aufbewahrt wurden. Nie zuvor hatte ich wirklich Zeit in den Hütten der Leute verbracht und begann erst jetzt zu realisieren, wie gemütlich sie waren, trotz ihrer Beengtheit und Ärmlichkeit.

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Über Dallapalli schienen Abermillionen von Sternen am Himmelszelt, währenddessen die Bewohner des Dorfs im Schlaf versanken. So auch ich, der lächelnd in angenehme Träume verfiel und spätestens jetzt begriff, dass das Dorf immer etwas Besonderes bleiben würde…

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Ticks, Macken und teilweise nicht notwendige Notwendigkeiten Indiens

Ich atme ein. Ich atme aus. Immer wieder demselben Schema folgend hole ich tief Luft und lasse sie säuselnd wieder heraus, während ich, die Augen geschlossen auf dem kalten Stein liege.

Ich atme ein. Ich atme aus. Immer wieder. Mein Körper ist entspannt, ich verfalle in eine Art Trance, höre aus der Ferne eine Stimme flüstern, die mir sagt, dass ich meine Arme, meine Beine, ja gar meine Augen entspannen soll. Alles scheint in Zeitlupe an mir vorbei zuziehen.

Ich atme ein. Ich atme aus. Warme Sonnenstrahlen kitzeln mich an der Nase und in diesen Augenblicken könnte ich auch auf einer Blumenwiese mitten im Nichts liegen können, statt auf einer Betonplatte in einer der größten Städte Indiens. Die Verkehrsgeräusche nehme ich kaum war, nur das gleichmäßige Atmen der Anderen.

Ich atme ein. Ich atme aus. Doch was ist das? Rechts neben mir hört es sich so an, als ob eine Kuh, nein, mehrere Kühe mit einer derartigen Vehemenz das Gras aus dem Boden rupfen würden, als hätten sie seit Tagen nichts mehr gegessen. Zack, zack, zack, immerfort wird das Gras auf der kleinen Rasenfläche neben uns ausgerissen. Das können nie und nimmer Kühe sein.

Ich fahre hoch. Neben mir, vor mir und hinter mir entspannt die Yoga-Gemeinschaft nach wie vor ihre trägen Knochen nach einem harten Workout, atmet ein, atmet aus.

Ich blicke nach rechts, aus dem kleinen Yoga-Pavillon heraus und sehe, wie mindestens 10, alte Frauen in bunten Saris das Gras aus der Erde reißen. Nein. Sie reißen es nicht heraus, genauer gesagt kürzen sie es nur. Ohne jegliches Zubehör, wozu auch Scheren verwenden, machen sie sich auf der Wiese, die in einem Innenhof, eingeschlossen von großen Gebäuden liegt, zu schaffen und nach einiger Zeit des Zusehens begreife ich was sie da genau veranstalten.

Diese Frauen mähen den Rasen. Zu menschlichen Rasenmähern mutiert, rupfen sie munter Grashalm für Grashalm auf die gewünschte Länge, fahren wie Grillenschwärme, die über eine fruchtbare Ebene fliegen, hinweg und lassen wie ebenjene Grillen, nichts mehr übrig, als gepflegten, gemähten Rasen. Nach fünf Minuten ist der Spuk vorbei, die Wiese ist getrimmt, die alten Frauen rücken sich ihre Saris und Kopftücher zurecht und stieben prompt und fluchtartig in verschiedene Richtungen davon. Es herrscht wieder absolute Ruhe. Die anderen Yoga-Teilnehmer kehren langsam aus ihrer Trance zurück, Merlin lächelt zu mir herüber, während ich mit offenem Mund da sitze und immer noch nicht auf die gerade eben passierte Aktion klar komme….



Besagte Situation passierte vor gut 10 Monaten. Die einstigen Yoga-Zeiten sind für mich vorbei, Merlin ist weg, doch die weiblichen Rasenmäher sind immer noch da, so berichten Skrollan und Toni. Jede Woche kommt der Schwarm und zupft und zupft und zupft.

Wozu auch einen teuren Rasenmäher kaufen, wenn man zehn billige Aunties ( aus dem Englisch bedeutet das „die Tanten“) darauf ansetzen kann, die Arbeit zu erledigen.

Der Job der Auntie, einerseits Ausdruck des Respekts gegenüber älteren Frauen, als auch eingebürgerter Begriff für die Putzfrauen, die täglich in die Wohnungen der indischen Mittelschichten (aufsteigende Schichten natürlich mitinbegriffen) kommen, ist sowieso manchmal etwas fragwürdig. Nur mit einem einfachen Reisigbesen bewaffnet, fegen sie im Endeffekt den Dreck von einer Stelle zur anderen. So etwas wie Staubsauger habe ich bisher noch nie gesehen. Wahrscheinlich ist die Anschaffung eines solchen immer noch teurer, als die Anstellung einer Auntie, die ihre Aufgabe zwar gewissenhaft und treu erledigt, jedoch so schludrig, dass sie jeden Tag kommen muss, um das Vergessene vom Vortag, nochmal neu zu erledigen.

Der deutsche Luxus jemanden zu haben, der für einen kocht und putzt, ist unter den gut verdienenden indischen Schichten beinahe normal. Fähig dazu es selber zu machen, wären sie allemal, doch ist es einmal wieder schlichtweg nicht notwendig es zu tun.

 

Von diesen Notwendigkeiten sowie lustigen Ticks, vorhandenen Macken und speziellen Eigenschaften der indischen Bevölkerung, soll dieser Beitrag handeln, habe ich vieles mit der Zeit sehr lieb gewonnen und muss immer wieder schmunzeln beobachte Situationen in denen sich die Menschen einmal wieder besonders lustig verhalten.

 

Mit ihren Reisigbesen bewaffnet, können so manche Aunties auch mal auf die Idee kommen die staubigen Straßen zu fegen. Oder sie setzen sie auf der Stelle unter Wasser, damit der ganze Dreck für zehn Minuten fortgespült wird, um sich im selben Augenblick darüber aufzuregen, dass plötzlich das Wasser im Haus sehr knapp ist und man nun wohl an diesem sparen müsse.



 

Ziemlich verrückt geht es auch in großen Supermärkten in den Städten zu. Hier steht jedes Mal ein Typ vor den Türen, der im Grunde nichts anderes zu tun hat als die Kassenzettel abzustempeln. Man fährt durch den Laden, wirft allen möglichen Krempel in seinen Wagen, bezahlt dafür, bekommt seinen Bong in die Hand gedrückt, darf diesen aber dann auf keinen Fall einfach in seine Tasche fallen lassen, nein, man muss ihn erst vom Kassenzettel-Abstempler-Typen begutachten lassen, der dann einen dicken, fetten Stempel hervorholt und gelangweilt sein Aufdruck draufhämmert. Etwas anderes tut der nicht und anfangs habe ich mich noch schrecklich darüber beklagt wie unsinnig diese Arbeit doch sei, doch jetzt halte ich, nach meinem Einkauf den Kassenzettel so lang in Ehren, bis ihm das Ladensiegel aufgestempelt wurde. Ich habe mich sogar schon dabei ertappt, wie ich extra zurück zum Kassenzettel-Abstempler-Typen ging, als wir beide für Sekunden mal abgeschaltet hatten, nur damit er sein Werk vollbringen konnte.

Bleiben wir beim Einkaufen. In den großen Malls der Stadt stehen immer mindestens vier Sicherheitsleute, die mit Ganzkörperscannern bewaffnet sind, um ja sicher zu gehen, dass man nichts gefährliches in das Kaufhaus schmuggelt. Seinen Rucksack muss man auch überprüfen lassen, doch jene Kontrolle ist kaum mehr als eine Beschäftigungstherapie für gelangweilte Menschen, wird der Rucksack lediglich aufgemacht und ein müder Blick hinein geworfen. Mehr nicht. Dann wird man durchgewunken. Man könnte alles Mögliche in die Mall bringen, die extra darauf angesetzten Sicherheitsleute würden es nicht bemerken, trotz ihren seichten Bemühungen es zu tun. Letztens habe ich sogar eine relativ große Fußball-Tröte miteingeschleust, nur um zu schauen, ob diese Aufsehen erregen würde. Ich hätte den öffentlichen Lautstärkepegel der Mall beträchtlich schädigen können, doch niemand nahm daran Notiz.

In den Malls selbst existiert eine große Kinokette (PVR), die neben Telugu-und Hindi-Filmen auch ausgewählte Hollywood Blockbuster zeigt.

 


(Übrigens gibt es klare Unterschiede zwischen Telugu und Hindi-Movies. Die Filmbranche aus Telangana und Andhra Pradesh, genannt Tollywood, die sich der Menschen annimmt, die Telugu sprechen, produziert überwiegend Filme, die auf stupfen abgebrühten Handlungen, die dem typischen Indienklischee folgen, entsprechen. Es muss eine Liebesgeschichte, übertrieben überdramatische Kämpfe, sowie mindestens zwei Lieder, mit aufwendig produzierten Musikvideos, die auf jeden Fall in die Charts der beiden Staaten einziehen werden, geben. Ohne all dies wäre es kein Tollywood-Film.

Die Hindi-Filme, als der Bollywood-Branche, sind mittlerweile dem immer gleichen Schema entwachsen und produzieren jetzt auch anspruchsvolle Filme mit Inhalt.

Was bei allen Filmen jedoch gleich ist, dass man nach der Vorwerbung aufstehen muss, um der indischen Nationalhymne Gehör zu schenken, die auf voller Lautstärke durch den Raum dröhnt.)


 

Vor dem Kino gibt es eine erneute unsichere Sicherheitskontrolle. Der Gedanke dabei mag Sinn ergeben, die Umsetzung aber, scheitert jedes Mal.

Noch seltsamer ist, dass man beim Hinausgehen aus dem Kaufhaus nicht kontrolliert wird, obwohl hier die Chance doch deutlich höher ist, etwas hinauszubringen, was einem weder gehört, noch standesgemäß bezahlt wurde.

 

Schon oft habe ich über die Neigung gesprochen, als Inder jeden Weißen nach einem Selfie zu fragen. Das ist nichts Neues, mit der Zeit gewöhnt man sich dran und nickt die Lobpreisungen der Inder, die einem erzählen wie toll es doch sei, dass man ihr Land besuche, einfach ab.



Was bisher jedoch nicht erzählt wurde: Die meisten Menschen lieben es auch Selfies von sich selbst zu machen. Zu Hauf. Wenn es ein Volk gibt, dass durch die Erfindung des Selbstportraits schuld daran ist, sämtliche Cloud-Server auf der Welt mit Duckfaces und Hundefiltern, bis an ihren maximalen Speicherplatz, zuzuspamen, dann ist es das Indische. Dicht gefolgt von chinesischen und japanischen Touristen mit ihren Selfiesticks.

Indien liebt die Selbstinszenierung. Egal zu welcher Zeit, egal wo, egal wie, alles muss sorgfältig dokumentiert werden. Man steht am Straßenrand: Selfie. Man steht vor einer total unbedeutenden Straße: Selfie. Man steht vor einem Werbeplakat für Milchprodukte: Selfie.

Dabei trägt Mann stets eine Sonnenbrille, egal ob die Sonne scheint oder nicht, es soll alles so „cool“ wie möglich sein.

Selbst im Club, versucht man sein Bestes, um sich möglichst gut zu präsentieren. Hier ist es zwar dunkel, aber das stellt mittlerweile kein Hindernis mehr da, hat man schließlich ein eingebautes Selfielicht. Da versucht man gerade ganz unschuldig zu tanzen und plötzlich scheint die Sonne auf dich herabzustürzen, so hell blitzt es auf einmal auf. Danach ist man meist für einige Sekunden blind und darf sich danach das komplett überbelichtete Selfie anschauen.

Es gibt auch jene, die all ihre Fotos in ihre Whatsapp-Story stellen, so Kavya, eine neue Mitarbeiterin Dhaatris, die es eines Tages fertig brachte, mehr als 50 Selfies mit unterschiedlichen Personen in ihre Tagesgeschichte zu posten.

Der indische Smartphone-Markt hat sich dementsprechend angepasst, insbesondere die Firma „Oppo“, die sich selbst als „selfie expert and leader“ vermarktet,  bewirbt bei ihren neusten Modellen in vorderster Linie die guten Selfiekameras.

„Capture the real you“, hierbei einer der Werbesprüche.

https://www.youtube.com/watch?v=krRZIfjg4_I

 

 

 

Der Sinn hinter Kavyas Selbstinszenierungstat, galt jedoch nicht nur dem Selfie an sich, sondern noch einer anderen Sache. Auf jedem Selfie posierte sie mit einem Freund, einer Freundin, oder einem Kollegen aus ihrer Geburtsort Bangalore.

„Miss you“, stand unter jedem Foto. Das bringt uns zur nächsten indischen Eigenschaft: Der extremen Heimatverbundenheit. Im September, als ich in Dallapalli arbeitete, traf ich auf ein Mädchen, dass für drei Tage lang aus Poolabanda, dem Nachbardorf 10 Kilometer entfernt, hergekommen war, um mich essenstechnisch zu versorgen. Nach eben jenen Tagen gestand sie mir, dass sie es kaum abwarten konnte „ENDLICH“ wieder in ihr Dorf zurückzukehren. Sie habe Heimweh und könne nicht länger hier bleiben.

Auch Bonjibabu aus Dallapalli, der für Weiterbildungszwecke alle paar Monate nach Hyderabad fährt, wirkt oft so traurig darüber, sein Dorf verlassen zu haben, dass man ihn am liebsten höchstpersönlich wieder dorthin bringen würde.

Verständlich, wenn man sein ganzes Leben nur an einem Fleck verbracht hat.

Klar, gibt es auch jene aus der Oberschicht, die schon oft außerhalb Indiens waren, doch jene die nicht im Stande sind, weil sie zu wenig Geld für ein Flug-, oder Zugticket nach draußen besitzen, zu reisen, wollen das auch nicht. Für sie ist es unbeschreiblich wie wir ein Jahr abseits unserer Familie und unserer Heimat verbringen können, ohne durchzudrehen.

Familie, Freundschaft und Heimat ist das Größte und Heiligste für viele Menschen, Indien das Land, das sie lieben und ehren.

In den Dörfern kennt man sich seit Klein auf, weshalb die Bindung zwischen den Menschen sehr, sehr stark ist. Sie haben keine Geheimnisse voreinander, keine Scham, was dazu führt, dass viele gerne gemeinsam ihr kleines, sowie ihr großes Geschäft vollbringen.

 

Je mehr ich von den den Bewohnern dieser anderen Kultur lerne und sehe, desto weiter tauche ich in ihre Welt ab und tatsächlich habe ich dieses Jahr wohl bereits mehr Selfies geschossen , als in den letzten. Schade, dass alles bald vorbei ist…

Hauptstadtfeeling

„Wo bin ich hier nur gelandet?“ frage ich mich, während ich aus dem Fenster des Taxis schaue, das mich vom Hauptstadtflughafen abgeholt hat, um mich in mein Hostel zu bringen.

Nichts wirkt mir irgendwie vertraut und das wird zu einem meiner größten Probleme für die nächsten Tage werden. Gut, grundsätzlich ist es nichts Neues, dass wenn man in fremde Gefilde kommt, sich erst einmal orientieren muss. Normalerweise ist das kein Problem, ich habe mich an die Struktur indischer Städte gewöhnt, habe das Chaos auf den grauen Straßen zu lieben gelernt, doch Delhi, die Hauptstadt des indischen Subkontinents, ist mir auf die ersten Blicke so suspekt, dass ich nicht glauben kann wirklich hier zu sein. In jenen ersten Momenten meines Aufenthalts, immer noch das Bild der Schwesterstadt Mumbai im Kopf, hake ich Delhi bereits ab.

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Oft gibt es in indischen Großstädten mit Flughäfen folgendes Schema: Man fährt vom Flughafengelände herunter und ist sich erst gar nicht so bewusst, dass man in Indien ist, ist alles perfekt sauber, man sieht grasgrüne Rasenflächen und fährt durch eine Palmenallee, dessen Verkehr geordnet und gesittet ist. Vor einem Jahr, bei meiner Ankunft in Indien, hatte mich dieses Scheinbild, diese ersten 10 Minuten Indien, sehr verwirrt, ehe ich in den wirklich indischen Lebensstil hineingeworfen wurde. Denn so geht es meist von statten, wenn wir von Hyderabad, Mumbai oder Goa reden. Nach gut zwei Kilometern hört dieses Vorgaukeln von einem anderen Indien auf und das wahre Abbild zeigt sich. So aber nicht in Delhi.

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Nach einigen Kilometern  liegen die grünen Alleen mit mehreren Spuren und wenigen Autos, die merkwürdigerweise nichts wirklich Lust haben zu hupen, immer noch vor mir, Kreisverkehre leiten die Vehikel auf geordnetem Wege dorthin wo sie hin wollen und ich kann bei bestem Willen keine Kühe, oder Straßenhunde sehen. Seeehr verwirrend.

Das Chaos scheint vor der Hauptstadt große Angst zu haben.

Gerade noch im dreckigen Mumbai voller Varietäten, blicke ich auf eine Stadt, die die Unterschiede verbannt zu haben scheint und das ist es, was mich am meisten schockiert.  Die Reichengegend kann ich ganz eindeutig erkennen, doch MUSS unweigerlich daneben etwas Ärmliches, Kärgliches folgen, gehen wir nach meiner indischen Städtebauweise. Nichts davon kann ich erblicken. Da will wohl jemand etwas kompensieren. Es wirkt gar so, als seien die Armen, denn solche muss es unweigerlich im indischen System geben, aus der Stadtmitte herausgetrieben worden, damit Delhi so tun kann, als sei es etwas Besseres, als all die anderen Städte, die augenscheinlich mehr mit der Armut zu kämpfen haben.

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Aus dem Flugzeug heraus bereits wirkte Delhi wie ein riesiger Fleckenteppich, voller zusammengeschusterter Idealklischee-Viertel, die durch monokulturelle Wälder, Felder, oder Flüsse voneinander getrennt zu sein schienen und das macht die Hauptstadt unter Indern, die keine Einwohner der Metropole sind, nicht gerade beliebt.

In Zukunft werde ich mich  vielen Leuten aus ganz Indien über Delhi unterhalten und alle, besonders die, die aus Mumbai kommen werden, halten kaum etwas von ihrer Hauptstadt aus den eben aufgezählten Gründen. Delhi wirkt nicht echt, malt sich ein eignes perfektioniertes Bild seiner Bevölkerung.


Sidefact: Die Menschen aus Mumbai und Delhi mögen sich aus irgendwelchen Gründen nicht. Es besteht anscheinend eine Art von Konkurrenzdenken, so bezeichnet es Vaishnavi, eine unserer neuen Mitarbeiterinnen im Dhaatri-Office, die in Delhi aufgewachsen ist und in Mumbai studiert hat.

„Ich fand Mumbai scheußlich, konnte da nicht frei atmen. Vermutlich weil ich in Delhi groß geworden bin.“

Wahrscheinlich es hier so wie im Fußball, wenn Dortmund gegen Schalke, oder Real Madrid gegen Barcelona spielt. Man mag entweder den einen, oder anderen, aber nicht beide und es ist nahezu Hochverrat, wenn ein Spieler vom einen zum anderen Verein wechselt.


Ich erreiche das Hostel und was mir als erstes ins Auge sticht, ist ein U-Bahn-Tunneldurchgang, der kaum 50 Meter entfernt von den Pforten des Gasthauses postiert ist. Delhi hat tatsächlich ein funktionierendes Metro-System, das, als ich mir das Schienennetz auf Google Maps anschaue, sehr übersichtlich und einfach ist. Drum entschließe ich, nach einiger Verschnaufpause, mit Hilfe der U-Bahn zum Connaught Place, einem der Wahrzeichen der Stadt zu fahren, doch ehe ich die Treppen zur U-Bahn hinunter steigen kann, hält mich plötzlich jemand auf.

„Hey du, wohin willst du denn?“, fragt er mich.

„Connaught Place. Ich nehme die Metro.“

„Ohhh, tut mir leid dich enttäuschen zu müssen. Die Station hier funktioniert nicht. Nimm doch einfach die Riksha. Schau mal, da stehen sogar ein paar herum“, er deutet auf einige Fahrradrikshas, in dessen Gehäusen müde Männer vor sich hin dösen und ruft einen herbei.

 

„Connaught Place?“, frage ich diesen.

„Ja, ja, ja! Freund, ich bring dich dort hin!

„Für wie viel?“ frage ich, weil ich es mittlerweile gewöhnt bin den Preis für eine Fahrt vorher festzulegen.

„Egal, egal! Spring auf Später, mein Freund!“ er winkt ab und will mich zum Aufsteigen bewegen.

„40 Rupien?“

„Gut, Deal!“, er grinst fröhlich mit einigen verfaulten Zähnen, scheint aber nicht bei der Sache zu sein.

Ich steige auf und er beginnt hefig in die Pedalen zu treten, doch wirklich schnell werden wir nicht, denn ist es sage und schreibe mehr als 45 Grad heiß, der Schweiß trieft an mir herab, ohne dass ich mich besonders anstrenge. Allein das Sitzen verschafft einem schon Schweißausbrüche. Eine wirklich gute Zeit zum Verreisen habe ich temperaturtechnisch nicht erwischt, doch bin ich optimistisch und versuche die Hitze zu ignorieren.

 

Wir fahren zehn Minuten, bis der Fahrer, der stetig andere Verkehrsteilnehmer darauf hinweist, dass ich jetzt sein Freund aus dem Westen wäre,  plötzlich vor einem kleinen Haus hält, mich zum Aussteigen bewegt und mit mir die Treppe in den Keller des Gebäudes hinunter läuft. Im Inneren eröffnet sich mir ein Laden voller Souvenirs und Glitzersteinchen, eine Verkäuferin kommt auf mich zu und fragt mich, ob ich Hilfe beim Aussuchen des perfekten Mitbringsel bräuchte.

„Ähh“, entfährt es mir. Damit habe ich jetzt nicht gerechnet. Ich schaue zu meinem Fahrer hinüber der mir lächelnd zunickt.

„Eigentlich wollte ich zum Connaught Place“, murmele ich. „Ich weiß auch nicht, warum ich jetzt hier bin.“

„Willst du was kaufen?“ fragt die liebe Dame.

„Öhh“, ich wische mir den Schweiß von der Stirn. „Also eigentlich…nicht“, ich kratze mir den Kopf. Schon wieder eine sehr verwirrende Situation in der ich mich befinde. Da stehe ich nun, wie bestellt und nicht abgeholt in einem Souvenirladen, wo ich gar nicht hinwollte und wundere mich. Da stimmt was nicht.

„Einen schönen Tag noch“, sage ich zur Verkäuferin die mir einen besorgten Blick zuwirft und verschwinde schnellen Schrittes nach draußen.

„Ich wollte zum Connaught Place!“ konfrontiere ich den Fahrer.

„Connaught Place? Ne, da fahre ich nicht hin. Zu weit. Nimm doch die Metro.“

„Hää“, murmele ich. Bin ich im falschen Film? „Aber…“

„100 Rupien bitte!“

„Wir hatten 40 abgemacht.“

„100 Rupien.“

„Nein!“

„Doch.“

„80!“

„Okay!“

Immer noch sehr irritiert und von der Gesamtsituation etwas überfordert, reiche ich dem immer noch breit feixenden Fahrer einen 100 Rupien-Schein. Einige Fahrräder und Rikshas fahren zwischen uns vorbei, da wir auf einer belebten Straße stehen. Für kurze Zeit wende ich den Blick ab, lasse dem Mann Zeit um mir Wechselgeld zu geben.  Als jedoch die Vehikel zwischen uns weg sind, ist mein Chauffeur irgendwie auch verschwunden.

Ich blicke verwundert in beide Richtungen. Kein Zeichen der Riksha, die mich hierhergebracht hat.

„Fuck!“ gestehe ich mir ein. Da wurde ich wohl betrogen.

In der Tat begegnen mir noch häufig Rikshafahrer auf meinen Wegen durch die Hauptstadt, die allesamt die gleiche Lüge erzählen würden als ich ihnen gestehe ihre Dienste nicht in Anspruch zu nehmen, da ich mich auf die Metro verließe:

„Nein, nein! Die Metro ist kaputt. Nehme lieber mich. Ich bin besser.“

Grundsätzlich wirken die ärmlicheren Nordinder weniger freundlich und zuvorkommend, als die mir bekannten Südinder. Hätten diese mir erzählt, dass die Metro kaputt wäre, hätten sie definitiv die Wahrheit gesprochen, dem bin ich mir sicher. In Hyderabad wird mir immer wieder erzählt, wie gefährlich der Norden wäre, die Menschen würden gegenüber Weißen häufiger lügen und versuchen diese auszunehmen. Klar, scheint mir die Sichtweiße der Südländer etwas überinterpretiert, aber bei Teilen der Nordländer haben sie tatsächlich recht.

 

Dank des unehrlichen Fahrers laufe ich nun die ganze Strecke vom Souvenirladen bis zum Bahnübergang, in brütender Hitze, zurück. Dabei fragen mich einige neue Rikshafahrer, ob sie mich nicht mitnehmen könnten, doch mein Vertrauen in sie, ist erstmal gestört.


Da nehme ich lieber die Metro.

Die funktioniert gegen allen Erwartens einwandfrei und ich behaupte sogar nie eine bessere gefahren zu sein. Das ganze System der Metro wirkt durchdacht und die Züge an sich, sind futuristisch modern, besitzen herunterkühlende Klimaanlagen und kommen in einem Abstand von 2 Minuten 40 Sekunden bis 5 Minuten. Die Metro Delhi hat eine sehr hohe Pünktlichkeit von sage und schreibe 99,5 Prozent.

Da soll sich die Deutsche Bahn mal ein Beispiel nehmen.

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Bevor man einsteigt, durchwandert man eine Sicherheitskontrolle, muss seinen Rucksack kontrollieren lassen und gerät unter genau dieselben Ganzkörperscanner, die es am Flughafen gibt. Dann kauft man sich ein sogenanntes „Token“, eine Plastikmünze, die man nun einem weiterem elektronischem Scanner zeigt, der mit einer Schranke verbunden ist. Hat man kein Token geht die Schranke nicht auf. Mit jedoch passiert man den Sicherheitsbereich und befindet sich erst jetzt im eigentlichen Bahnhof. Dauerfahrer haben übrigens, anstatt der Münze eine Monatskarte. Die verschiedenen Gleise sind bestens ausgezeichnet, es gibt sogar Hinweise wo du dich genau hinstellen musst, damit du direkt vor der aufschwingenden Tür des Wagons stehst.

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Menschliche Anleiter sorgen dafür, dass, wenn der Zug auf´s Gleis fährt, alle geordnet in Reih und Glied  rechts und links von der Tür stehen, damit in der Mitte Platz genug für die aussteigenden Passanten ist. Innerhalb des klimatisierten, sauberen Zuges zeigen dir mehrere elektronische Tafeln, wo du gerade bist und welcher Bahnhof als nächstes kommt. Erreicht man seine Zielstation, stößt man erneut auf eine Exit- Schranke, der man nun sein Ticket gibt, damit sie dich herauslässt. Schwarzfahren ist in diesem System so gut wie unmöglich, auch wenn das eigentlich niemand muss, sind die Eintrittspreise, die zwischen 10-50 Rupien liegen, sehr erschwinglich. Doch merkt man sehr, welche gesellschaftliche Klasse die Metro hauptsächlich in Anspruch nimmt: Die Mittelschicht. Die ganz Armen, die sich zwar möglicherweise ein Ticket leisten könnten, werden von den Sicherheitsbeamten gar nicht erst auf´s Gelände gelassen, passen sie nicht ins System der Metronutzer. Was mir bei jenen sofort auffällt, ist dass sie sehr offen zu sein scheinen, ja sie wirken gar vollends verwestlicht.


Das kann ich auch in den verschiedenen Parks der Stadt beobachten, gerade im Central Park, der direkt im Connaught Place liegt, zeigt sich ein komplett anderes Bild als in Hyderabad.

Dort gibt es zwar Parks, diese sind jedoch weder liebevoll gestaltet, noch haben sie einen besonderen Mehrwert für die eher konservativ-kulturelle  Bevölkerung der muslimisch geprägten Stadt. Hauptsächlich sieht man hier schüchterne Paare, die sich scheu hinter Bäumen versteckt haben, um ja keine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Mürrisch drein blickende Parkwächter verlangen von dir Eintritt und wollen bloß nicht, dass du irgendwas, was in diesem Stadtgarten haust, fotografierst. In Delhi jedoch geht man mit breiter Brust voran, Paare liegen glücklich und Händchen haltend, teilweise auch knutschend im Gras, während junge Männer begeistert ihre Cricket-Schläger schwingen, Kinder lachend durch die Wasserfontänen hüpfen und Hobbyfotografen das Geschehen in Bildern festhalten. Musik wird gespielt, es gibt Mülleimer, die sogar benutzt werden und alles ist gehegt und gepflegt.

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Wie anfangs bereits beschrieben, bin ich die ersten Tage sehr verwirrt über diese Reinheit und Andersartigkeit der Stadt, bis ich, während ich durch grüne Tempelanlagen streife, einsehe, dass es nichts bringt, sich dagegen aufzulehnen, dass Delhi nicht „indisch“ genug sei. Schließlich befinde ich mich doch gerade direkt im Zentrum indischer Schaffenskraft, die eben diverser und vielseitiger ist, als davor angenommen.

Ich würde zwar noch weiter nach dem „chaotischen“ Indien suchen und es auch, als ich etwas weiter mit der Metro fahre, finden, doch spätestens dort hat es nicht mehr die Bewandtnis, die es anfangs von mir noch erhielt.

Das Chaos verbinde ich nach wie vor mit Abenteuer, weshalb in Delhi wahrlich auch nicht mehr viel passiert, treffe ich keine besonderen Leute, doch spüre ich, während meiner U-Bahnfahrten eine sehr angenehme Anonymität. Hier bin ich unter Tausenden von Mittelstandsleuten nichts Besonderes mehr, verschwimme mit der Masse und gerade das tut auch einmal gut.

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Auf den chaotischen Straßen war ich immer so etwas wie ein Star und auf Dauer ging einem das doch gehörig auf die Nerven.  Die Anonymität der Großstadt war nahezu einlullend und zufriedenstellend, erinnerte sie mich an eine andere Stadt jenseits des indischen Subkontinents. Berlin. Mein Zuhause…

Juhu Beach

Schon mal von nordpazifischen Müllstrudel im Pazifik gehört? Nein? Noch nicht? Gut, dann wird es jetzt Zeit dafür. Schon oft habe ich in diesem Blog über Indien und dessen Müllproblem geredet und eben jenes Dilemma hat nicht nur dieser Subkontinent, sondern grundlegend alle asiatischen Staaten und Entwicklungsländer, in Südamerika oder Afrika.

Hier gibt es mangelhafte Recycling-Systeme, Bildungsmangel und dadurch auch unbewusster Konsum von Plastikmaterialien. Diese werden selten recycelt, landen auf Deponien, oder im Meer und hier beginnen die Ursprünge des Müllstrudels. Etwa drei Prozent aller weltweiten Abfälle, das sind mehr als acht Millionen Tonnen Kunststoff, geraten jedes Jahr in die Weltmeere und durch das Zusammentreffen warmer Winde aus den Tropen, kalter Winde aus den Polargebieten, wird der weggeworfene Müll in bestimmte Regionen der Ozeane geschwemmt. So konnte sich im Nordpazifik ein gewaltiger Müllfleck ansammeln der mit 700.000 bis 1,2 Millionen Quadratkilometern zwischen der Größe von Madagaskar und Grönland liegt. Dort schwimmen Millionen Tonnen von Kunststoffabfällen auf und unter der Wasseroberfläche und gefährden somit das Leben vieler Meeresbewohner. Fische und Vögel fressen den Abfall, der nach leckerer Beute aussieht, verspüren durch den fehlenden Nährstoffzuwachs keine Sättigung, fressen immer mehr und mehr,  leiden nach einiger Zeit an Verstopfung, sterben daraufhin, oder werden von anderen, größeren Meerestieren gefressen, die nun auch Müll im Blut haben. Plastik kann sich nicht zersetzen. Es zerfällt, über Jahrhunderte hinweg in immer kleinere Teile, sogenanntes Mikroplastik, das spätestens dann auch auf unseren eigenen Tellern landen kann, bekommen wir Fisch vorgesetzt, der in den betroffenen Müllgegenden gelebt hat.

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Die Menschheit produziert angeblich so viel Müll, um alle Strände der Welt damit abzudecken und es soll noch vier weitere Müllstrudel in den Weltmeeren geben.

Worum erzähle ich das jetzt euch? Nun ja, vor meinem Besuch in Mumbai habe ich daran geglaubt, dass es solche Müllkontinente gibt.

Jetzt, während meines Besuches in der Stadt der Unterschiede, Weiß ich es…


 

Es ist mein letzter Tag in Mumbai und nach all den schönen und prägenden Erlebnissen hier, möchte ich mich gegen Abend einfach an den Strand setzen, mir ein schönes Café suchen, um, währenddessen ich auf den Ozean schaue, ein leckeres Mango Lassi zu schlürfen.

Da es in Mumbai, als Halbinselstadt, ziemlich viele Strände gibt, entscheide mich zum Juhu Beach zu fahren, der sieht, als ich mir Bilder auf Google anschaue, recht gemütlich aus.

So schlendere ich nicht ahnend die Böschung hinunter, Sand kitzelt bereits meine Füße, ich schmunzele, beginne bereits zu entspannen, doch dann offenbart sich mir, als ich den Strand betrete eine unglaubliche Szenerie. Für kurze Zeit verschlägt es mir dem Atem und kann nicht fassen, was ich sehe.

Das ist kein Strand. Das ist eine Mülldeponie.

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Vor einigen Monaten las ich, dass Mumbais Strände große Probleme mit ihrem Abfall hätten und war nahezu überrascht, als ich die ersten Strände der Stadt begutachtete. Klar, sie waren dreckiger, als die wunderschönen perlweißen Küsten Goas und Gokarnas, aber das schockierte mich keinesfalls, schien mir dieser Standard noch halbwegs angemessen zu sein. Doch nun blicke ich verstört nach rechts und links und kann kaum eine Fläche ausmachen, die frei vom Müll ist. Kilometerweit erstreckt sich der Juhu Beach nach rechts und links und gammelt vor sich hin. Von Stoff-und Essensresten, bis hin zu allerlei Arten von Plastikabfällen ist alles dabei. Krähen und Möwen tun sich an allem Unrat zu Gute.

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„Mumbai, die Stadt der Krähen“, murmele ich. Fürwahr habe ich in einer Stadt noch nie so viele Krähen gesehen, die sich am all dem Mist der Metropole laben und einem bis auf wenige Zentimeter an sich heranlassen, ehe sie davon fliegen.

Ein seichter Nebel senkt sich über Juhu, es beginnt leicht zu nieseln und macht die Szenerie perfekt. Wie aus einem Albtraum entstiegen, liegt er da, der Strand, an dem ich mich gerade noch in den Sand setzen wollte. Jetzt ekele ich mich davor. Zudem verstehe ich gar nichts mehr. Juhu ist eine von Mumbais Reichengegenden, Stars wie Amitabh Bachchan (wenn ihr den nicht kennt, schaut mal Slumdog Millionaire) haben hier ihre Häuser und laut Internet gilt gerade dieser Strand als einer der beliebtesten Mumbais, in den Sommerferien kommen hier viele Touristen zum Entspannen her und auch bei der Bildersuche sehe ich nach wie vor nur puren weißen Sandstrand. Genau das Gegenteil von dem, was ich jetzt vor Augen habe.

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Eine Mondlandschaft. Ein Gebiet menschlichen Versagens. Wasteland.

„Was hast du dazu zu sagen, Menschheit? Wie willst du dich hier herausreden?“, murmele ich und sehe plötzlich einen Mann mit Kamera auf mich zu spazieren.

 

„Du hast einen wirklich guten Fotoapparat in deinen Händen“, meint er und zeigt auf eben diesen.

Er ist einer jener, die bei touristischen Plätzen hausen und Gruppenfotos von Touristen zu machen. Er zeigt mir auf einem Blatt Papier einige Beispielbilder, die er gemacht hat.

 

„Darf ich dich mal fotografieren?“ fragt er, wartet jedoch meine Antwort gar nicht ab, nimmt mir meine Kamera aus der Hand und drückt auf den Auslöser. Wie allzu oft in Situationen, wo ich zu verwirrt bin, um klar denken zu können, lächele ich in die Linse, währenddessen mir die Seltsamkeit der Situation durch den Kopf geht. Warum, warum, warum? Warum fotografiert mich dieser Typ gerade hier? Schön ist es hier nicht, ja genau das Gegenteil trifft aus diesem Ort zu. Er ist abschreckend, ein Mahnmal menschlicher Zerstörungswut. All dieser Müll, der nach und nach ins Meer abtreibt, macht mich traurig!

 

Ein zweiter Fotograf kommt hinzu, begutachtet das Bild seines Konkurrenten, scheint nicht zufrieden und kommt dann auf die zündende Idee seinen Hut vom Kopf zu nehmen, um ihn mir aufzusetzen.

„Besser!“

„Also ich glaube das reicht jetzt“, versuche ich einzuwenden, als ein dritter Mann sich dazugesellt, meine Kamera nimmt und ebenfalls Fotos von mir schießt. Ich versteife, verkrampfe, verstehe denn Sinn hinter allem nicht mehr und muss mich arg zusammenreisen als ein vierter Touri-Fotograf mir eine viel zu große Sonnenbrille auf die Nase setzt.

„Super!“

„Das steht dir total.“

„Breite mal die Arme aus.“

„Fass dir mal an die Sonnenbrille, das lässt dich cool wirken!“

Ich tue wie mir geheißen, fühle mich in jenen Momenten jedoch so unendlich schwach. Ich muss das ganze Prozedere beenden, nein sagen, ehe alles aus dem Ruder läuft.

„Stopp!“ sage ich und nehme den Leuten meine Kamera weg und gebe ihnen Hut und Sonnenbrille zurück.

„Das macht dann 400 Rupien“, meint der erste. Ich zaudere kurz, bis mir bewusst wird, dass das totaler Schwachsinn ist. Er hat mir meine Kamera entrissen, ohne von mir ein wirkliches „okay“ gehört zu haben. Klar, war es im Grunde meine Schuld, dass ich danach mitgemacht habe, aber mittlerweile habe ich begriffen, dass ich, wenn ich genug verwirrt bin, Dinge mache, mit denen ich nicht wirklich einverstanden bin. Siehe Szenerie in Hampi, wo ein Ohrenputzer von mir 2000 Rupien verlangte und ich sie ihm gab, weil ich viel zu bestürzt über die Tatsache war, dass ich kleine Steine im Ohr hatte, was sich im Nachhinein als gemeiner Trick herausgestellte.

„Aber..“

„Das ist meine Kamera und das sind so gesehen auch meine Bilder“, sage ich ruhig, die Zähne aufeinandergepresst. Ich laufe langsamen Schrittes davon, sehe wie die Fotografen die Köpfe zusammenstecken, um zu beraten, was jetzt zu tun sei, doch auch sie sehen ein, dass ihre Aktion nicht wirklich gewinnbringend für sie war.

Ich schaue auf das Display der Kamera. Auf neun von zehn Fotos sehe ich aus wie ein Depp, mit dieser viel zu großen Sonnenbrille, peinlich berührt am Strand stehend, aber ein Foto ist ihnen echt gut gelungen.

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Ich laufe weiter, kann mir nicht erklären, wie ich mich dazu durchringen kann fast durch den Abfall zu waten, aber irgendwas treibt mich an.

Ich sehe Leute am Rand des Strandes Cricket spielen und dabei wirken sie so entspannt und gelöst, als sähen sie die Müllhalde vor ihnen gar nicht. Wieder andere baden sogar.

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Mehr als eine Stunde laufe ich am Strand entlang, der Abfall wird nicht weniger. Mehr dafür werden die kleinen Baracken in den Dünen. Tatsächlich leben hier Menschen, wahrscheinlich die, die aus der Innenstadt, dort wo sich gläserne Wolkenkratzer in die Höhe strecken, vertrieben und hier her verfrachtet wurden.

Während ich darauf bedacht bin so gut wie möglich dem großen Müll, in der Angst auf etwas, wie eine Glasscherbe zu treten, auszuweichen, rennen einheimische Kinder barfuß durch den Dreck und freuen sich des Lebens, so als ob sie nichts anderes kennen würden, als den Dreck unter ihren Füßen.

Sie sehen mich, winken mir begeistert zu, wollen dass ich sie fotografiere, bieten mir an mit ihnen Cricket zu spielen, doch ich muss ihnen eingestehen, dass ich nicht weiß, wie die Regeln sind. Das stört sie nicht weiter und sie rennen mit einem fröhlich singenden „Leo, Leo, Leo!“ davon.

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Einige Erwachsene, die sich müde im Lichte der Nachmittagssonne rekeln blicken ihnen amüsiert nach. Gerade sie müssen doch erkennen, dass dieser Müll vor ihrer Haustür nichts Gutes bedeutet, das er schlecht für sie ist, doch es wirkt auf mich so, als hätten sie vor langer Zeit aufgegeben etwas dagegen zu unternehmen, als die Sache zu groß für sie wurde.

Nach wie vor kann ich mir nicht ganz erklären, welche Trugbilder mir die Google-Bildersuche präsentiert, suche ich nach dem Juhu-Beach. Ich kann mir eben nur folgende Erklärung darauf zusammenreimen. Wenn die Flut nach Juhu kommt, befreit das Wasser den Strand vom Abfall, der dann ins Meer treibt, auf direktem Wege zu einem dieser kontinental riesigen Müllstrudel im Ozean, wohl dem im indischen Meer. Der Nordpazifik wäre dazu auch etwas weit weg..

Ich wende mich ab. Ich verspüre eine derartige Wut auf mich und die Menschheit, bin ich wohl oder übel Teil dieser Wegwerfgesellschaft, kaufe selbst Plastik und schmeiße es nach einiger Zeit weg.

Ich verabschiede mich von Strand, laufe Richtung Innenstadt und will einfach nur noch weg. Wohin weiß ich nicht. Ich mag Mumbai sehr, doch das war irgendwie zu viel für mich. Es wird Zeit die Stadt der Extreme zu verlassen…

Die Menschheit braucht keine Aliens, keine Fremden von Außen um zerstört zu werden, nein, wir schaffen das auch alleine. Der Plastikstrand von Juhu als Beispiel..

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