Dallapalli

“Ladies and Gentlemen, wir erreichen Dallapalli in ungefähr 600 Metern. Nur noch über diesen Berg und wir haben unser Ziel vor Augen” mime ich eine Navigationstimme und kann es kaum erwarten anzukommen. Seit anderthalb Stunden brettern wir mit 13 Leuten und zusätzlichem Gepäck in einer Rikscha durch Berge und Täler und sind des Sitzens müde, da es sich eingekeilt zwischen den anderen Körpern schlecht ausharren lässt. Doch nun jubelt die Fahrgemeinschaft aus Bangalore-Studenten, Jax und mir.

“Daaaallaaapalli! Daaaaallapalllii”grölt die Menge und beginnt glückselig einen Bollywoodsong anzustimmen. Eine Gänsehaut breitet sich über meinen ganzen Körper aus. Ich kann auf einmal besser atmen. Viel, viel besser! Diese Gegend kenne ich wie meine Westentasche. Auch wenn alles in tiefen Nebel getaucht ist, blicke ich geradezu auf die Ländereien und Felder der Bauern aus dem Dorf, dass ich in meinem einjährigen Freiwillligendienst mehrfach besucht habe. Ich kenne diesen Hügel, der vor uns aufragt. Hinter diesen befindet sich ein weiteres Tal und ein kleineres Plateau auf dem die Grundfesten eines ruhigen, harmonischen Dorfes, stehen. Der Geruch von Bauernhof zieht in meine Nase, dazu scheint es leicht minzig zu riechen. Jenes Aroma haut mich fast von Sitz der vor sich hinknatternden Rikscha. Ich will so schnell wie möglich diese verlassen und einfach nur loslaufen, scheint es mir, als könnte ich jetzt schneller sein, als unser rostiges Vehikel. 

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Wir erreichen die Spitze des Hügels und nun kann ich es sehen. Obwohl dichte Nebelschwaden vor meinen Augen tanzen, stechen die Farben der Khond-Gemeinde ganz klar heraus. Süß und verschlafen mit seinen rotbraunen Ziegeln liegt es dort, eingekeilt von uralten, gewaltigen Felsriesen und saftgrünen Palmen und Reisfeldern. 

“Ladies and Gentlemen, Sie haben nun die einmalige Chance, einen ersten Blick auf unseren nächsten Halt zu werfen” proklamiere ich. Eine Libelle fliegt vorbei. Dann noch eine. Und noch eine. Die Sonne bricht leicht durch die dichte, graue Wolkenwand und ihre Strahlen fallen genau auf die hellbraunen Lehmhütten des Ureinwohnerortes. Dallapalli zeigt sich im Rampenlicht und allen Anwesenden entweicht ein begeistertes “Ohhh”.

Wir rollen den Berg hinab, an lethargischen Wasserbüffeln und Ziegen vorbei und halten schließlich direkt am Dorfeingang. 

“Ziel erreicht”, rufe ich und springe aus der Rikscha, meinen Körper wieder spürend und voller Energie. Es ist kälter als im Nachbardorf Poolabanda. Herbstlich geradezu. Doch auch gerade dadurch fühlen sich meine Lungen wieder befreit. Die dicke, tropische Hitze ausatmend und die kalte, klare Luft einatmend, fühle ich mich von jeglichem Druck befreit und springe fröhlich zwischen Jax, Amit und Laya hin und her und würde ihnen am liebsten um den Hals fallen, so gut gelaunt bin ich gerade. Das merken auch meine Begleiter und starren mich entgeistert und müde an. Die Development-Stundenten, mit denen ich seit sieben Tagen in Poolabanda lebe, sind das erste Mal im Dorf und müssen sowohl Fahrt als auch ihren Ausblick erst einmal verdauen und auf den Steinen vor dem Dorf Platz nehmen. 

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Bis auf Madhavi, eine 21-jährige Studentin, die im Rhythmus von Bollywoodliedern aufgeht und wunderschön tanzen kann, die sich schickt mich durchs Dorf zu begleiten.

Es ist fast so, wie ich es verlassen habe, damals im Juni letzten Jahres. Ich sehe ein paar Kinder, die verwirrt stehen bleiben, als sie mich erblicken.

“Leo?” 

Ich winke ihnen zu. Tatsächlich. Ich bin’s wirklich.  

“Leeeo” rufen sie und gackern fröhlich, als sie meine Kamera erblicken und stellen sich sofort in Pose. 

“Dich kennen scheinbar immer noch alle”, meint Madhavi. 

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“Verrückt, nicht? Von Bahnu hab ich gehört, dass immer, wenn jetzt jemand mit einer Kamera durchs Dorf schlendert, er sofort als Leo klassifiziert wird.”

Das Mädchen lacht und ich führe sie weiter durch die kleinen Häuserschluchten des Ortes. Wir weichen einigen Hühnern und neugierig schauenden Ziegen aus und erklimmen eine der höchsten Stellen des Dorfes. Von hier aus blicken wir auf gewaltige Berge und Täler hinunter und nicht das erste Mal versuche ich Wörter für diese unglaublichen Bilder zu finden. Meine Gedanken wissen sie bereits, doch kann ich sie nicht aussprechen, sind sie viel zu … intensiv. Verbunden mit einem archaischen Instinkt, uralt, der weiß, was und wen diese Felsriesen möglicherweise schon erlebt und überlebt haben. 

Riesig, weit, unendlich, warm, gewaltig, für immer da, unverrückbar, beständig, pompös, Erinnerungen, Leben … Jene, doch viel zu einfachen Wörter schwirren mir durch den Kopf, als ich versuche ernsthaft über das, was ich sehe nachzudenken. 

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“Es ist wunderschön”, meint Madhavi. Das trifft es auch.  

“Deshalb hab ich hier wohl mein Herz verloren”, denke ich nach. 

“Schön gesagt, Leo.” Madhavi schaut in die Ferne.

Nach einer Weile stoßen die anderen dazu, setzen sich neben uns und wir warten darauf bis es Elektrizität in dem Haus gibt, wo wir für zwei Tage Obdach suchen werden. Im Gegensatz zu den anderen, bin ich sehr optimistisch, dass Strom kommen wird und irgendwie muss ich wohl, in den letzten vergangenen Stunden die Rolle des Anführers überreicht bekommen haben, fragt man mich nun aus, wann es denn Essen gäbe, ob uns Wasser zum Kochen und zum Waschen zur Verfügung gestellt wird und ob wir bald Licht hätten. Ich war hier schon sechs Mal. Deswegen glauben sie, ich wüsste, wie hier alles läuft, doch nichts kann ich ihnen sagen, außer, dass alles gut wird. Jedes Mal war es bei mir anders. Mal musste ich selbst kochen, mal wurde ich von der Person, mal von einer anderen bekocht. Selbes Prozedere mit dem Wasser..

Das nehmen die anderen schwer hin und quengeln, doch nach und nach trifft meine Vorhersage ein und ihr Murren wird weniger. Erst funktioniert das Licht in der Halle, es werden Spielkarten verteilt und ein munterer Spielkreis entsteht. Kurz darauf wird verkündet, dass in einer Stunde Essen für uns bereitsteht. Jemand aus dem Dorf hat sich bereit erklärt, für uns zu kochen. Dafür bin ich einerseits unendlich dankbar, doch gleichzeitig fällt es mir immer noch schwer diese unendliche Gastfreundlichkeit in all ihren Formen wertzuschätzen. Für jenen Dörfler ist es eine große Ehre seine Pflicht als Gastgeber wahrzunehmen, dafür bewundere ich ihn, aber ich kann nichts zurückgeben. Es scheint mir so, als nähme ich die ganze Zeit nur von den Menschen und würde nichts zurückgeben außer große Dankbarkeit. Wie sehr es mich doch interessieren würde, ob diese absolute Hingabe für einen Fremden eventuell einfach nur gesellschaftlich auferlegte Pflicht ist und inwieweit die eigenen Wünsche und Empfindungen gegenüber dem Nehmenden, zurückgestellt werden müssen. Für dieses Wissen müsste ich wohl länger hierbleiben …

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Es wird dunkel, die Nacht bricht über uns hinein, ebenso wie ein stummes Gewitter, hunderte Kilometer von uns entfernt. Wir sehen die hellen Lichtblitze, die unsere Gesichter in ein geisterhaftes Weiß tauchen, aber der Donner bleibt aus. Während die meisten drinnen Schutz suchen, sitze ich, zusammen mit Vanshika, einer weiteren 20-jährigen Studentin aus Bangalore, ursprünglich aus Bihar, auf der Türschwelle und schaue in die Schwärze. Blitze flackern vor unseren Augen auf, jeder großer und strahlender, als der davor und für kurze Zeit kann ich die bewaldeten Berge sehen. 

Wir unterhalten uns lange über unsere Hobbys und unsere Familien und ich höre, wie sehr sich die junge Generation von ihren traditionellen Eltern lösen möchte. 

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Vanshika

“So schnell gehe ich nicht zurück zu meinen Eltern. Jedes Mal, wenn ich dort bin, nehmen sie mich in Schutz vor allem, was auf der Straße unterwegs ist. Verdammt, ich muss sogar mit ihnen in einem Bett schlafen. Rechts meine Mutter, links mein Vater. Sie haben Angst um mich, weil ich kein Vertrauen in ihre Riten habe, die mich schützen könnten. Aber ich bin keine sieben Jahre mehr, hell yeah, ich bin 20, gottverdammt! Ich bin zwanzig, studiere im Master, habe Freunde und ein eigenes Leben. Wenn ich will, kann ich mit jedem schlafen, mit dem ich will und muss nicht darauf warten, bis meine Eltern, den Richtigen für eine Heirat gefunden haben. Aber das verstehen sie nicht.” 

“Welch Ironie, dass wir aus genau diesen Gründen in Dallapalli sind”, lache ich. 

In den Dörfern ist eine große Lücke zu erkennen. Kinder bis maximal 11 Jahre sind hier beheimatet, gehen in den Kindergarten oder in die Grundschule. Danach aber, werden die meisten  gesetzlich aus dem Dorf geholt und in Internate aus den nächstgrößten Städten gesteckt. Die Jugend entfernt sich also zunehmend aus den Dörfern, bietet die Stadt doch scheinbar bessere Job-Alternativen, als das Dorf und wird sogar von der Regierung dabei unterstützt. Die Altersstruktur in den Ureinwohnergebieten ist dementsprechend ungleich verteilt, gibt es viel zu viele alte, aber viel zu wenig arbeitswütige junge Menschen. Und die, die wegziehen, gehen ohne ihre Riten und Bräuche und entscheiden sich für eine westlich angepasste Lebensweise, mit Hindu-Religion. 

Dagegen kämpft die NGO, für die ich arbeite. Zwischen den Dörfern beispielsweise soll ein Community-Radio entstehen, welches Geschichten und Lieder aus der Kultur der Khonds spielt.

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Wie ich im Übrigen mitbekommen habe, scheint jede einzelne Religion eine Flutgeschichte zu haben. Das Christentum hat Noah, der mit seiner Arche aufbricht, die antiken Griechen haben Deucalion und Pyrrha, die in einer Holztruhe versteckt, die von Zeus geschickte Flut überleben und der Stamm der Khonds der Adivasi-Ureinwohner in Indien hat im Endeffekt denselben Mythos. Hier kommt Gottes Sohn auf die Erde und fühlt sich von den Menschen ungerecht behandelt, wird wütend und lässt die Welt überschwemmen. Doch ein Geschwisterpaar überlebt, weil es auf einen hohen Baum geklettert ist. Sie sind, als die Flut nachlässt, die einzigen menschlichen Überlebenden. “Die Mutter”, die wohl oberste Göttin, findet sie (wie durch Zufall ist es eine Krähe, die sie aussendet, um nach Überlebenden Ausschau zu halten), befielt ihnen sich zu vermählen, sie lehnen das jedoch ab, weil sie Bruder und Schwester sind. Sie gehen getrennte Wege, doch die Mutter hetzt ihnen Krankheiten auf den Hals, sodass sie bald kaum mehr aussehen wie sie selbst. Wie durch Schicksal treffen sich Schwester und Bruder wieder, erkennen sich nicht mehr und verlieben sich ineinander. Es wird geheiratet und aus dieser Heirat entstehen viele Kinder. Die “Mutter” befielt der Familie sich in den Bergen, nahe des Waldes anzusiedeln. Dort hätten sie die Möglichkeit Reis anzubauen und ihr Vieh gut zu ernähren. Und im Endeffekt ist das die Entstehungsgeschichte der Khonds. 

Kui creationstory

Während ich mit Vanshika draußen sitze und es langsam beginnt zu regnen, wird mir bewusst, dass es wohl tatsächlich, vor tausenden von Jahren eine gewaltige Flut gegeben haben muss, die alle Menschen auf dieser Welt so in Panik versetzt hat, dass sie in vielen religiösen Schöpfungsgeschichten eine Rolle spielt. Alles scheint irgendwie verbunden zu sein. Ein Blitz flammt auf und ich erhasche einen kurzen Blick auf die Felsriesen in weiter Ferne. Erneut ist da dieses Gefühl von archaischer Unendlichkeit, Beständigkeit und großer Bedeutung, was ich nicht in Worte fassen kann. Die Berge in Dallapalli und Umgebung haben das Wissen von Generation von Generation in sich vereint, doch nun bröckelt das Gefüge. Menschen verlassen die Dörfer, die Regierung bastelt unaufhörlich an einen Plan Hotels und Spas in den Ureinwohnergebieten zu errichten. Farmer kämpfen für ihr Recht Land beackern zu dürfen, bekommen aber keinen rechtlichen Vertrag dafür, da das Forest-Department von Andhra Pradesh die Wälder gerne privatisieren würde. Dhaatri setzt sich dafür ein, dass jeder das Recht auf Land hat, in dem wir jene Ländereien ausmessen und die Daten der Ureinwohner sammeln und speichern. Diese können das nicht selbst tun, haben sie nicht die nötige Technik und auch nicht die Zeit, um mehrere Tage durch die Berge zu streifen, nur um Grenzen auszumessen. Das würde Ausfälle in der Ernte bedeuten. 

 

Und nach wie vor kommen unaufgefordert Touristen hierher, spotten über die Kultur der Bergbewohner, betrinken sich achtlos und lassen ihren Müll als Gastgeschenk da. Vieh verendet an den unverdaulichen Plastikresten und erschwert es den Bauern ihr Land zu bestellen. Gleichzeitig können die Scherben von Whiskeyflaschen, den Dörflern selbst erheblichen Schaden zufügen, laufen diese meist barfuß durch ihr Land, kennen sie jede einzelne Erhebung und Wurzel. Doch treten sie in eine Scherbe, könnten sie für mehrere Tage außer Gefecht gesetzt sein, was sie sich in ihrem Beruf, der mehr als nur ein 9 to 5 Job ist, nicht leisten können. 

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“Es ist eine Lebensaufgabe für jeden Einzelnen, der für Dhaatri arbeitet, die Probleme in den Dörfern anzupacken, jaaa. Veränderung passiert. Das ist unumstritten. Ich mochte einst meine Familie wirklich sehr, ja verammt, aber dann haben wir uns alle in unterschiedliche Richtungen entwickelt. Was schlecht und was gut ist, kann keiner sagen. Das ist das Leben. Aber hier … ist es was anderes. Ich sehe es an dir, Leo. Du liebst dieses Dorf und seine Menschen. Und ich glaube, wenn ich länger hierbleiben würde, täte ich es auch. Wir müssen für die Leute hier einstehen, bhaai!” Vanshika schaut mir tief in die Augen, hebt einen Stahlbecher mit dampfenden Schwarztee an die Lippen und nippt daran. 

“Und wir werden für die Leute einstehen. Irgendwie. Promise, behen!” Entschlossen hebe ich die Hand zum High Five und das Mädchen schlägt schmunzelnd ein. 

Wir sitzen für einige Minuten einfach nur schweigend da, während der Monsun sich über die Berge ergießt. 

Das Dorf hat mir so sehr gefehlt. Und das begreife ich erst jetzt, wo ich zurückgekommen bin. Indien wird für mich immer mit diesem Ort in Verbindung stehen und gerade hier, hab ich einmal mehr mein Herz verloren. 

Es ist eine Frage der Zeit, wie lange alles hier so bleibt, wie es ist … 

Chai, Wasserfälle und indische Gastfreundlichkeit

Ich schließe die Augen und für kurze Zeit bin da nur ich und dieser ganz spezielle Geruch. Ich hab ihn vermisst und sehne mich nach mehr. Ich sauge ihn bis in mein Innerstes auf und meine Mundwinkel bilden ein Lächeln. Es riecht gleichzeitig nach Rauch, Reis, Bauernhof, Wald, Anti-Moskito-Creme und … Chai. Dieser ganz bestimmte Tee, den es nur so in seiner Einzigartigkeit in den Dörfern von Andhra Pradesh gibt. In kleinen Edelstahl-Bechern, heiß, ohne Milch und ganz viel Zucker. Jener Duft drängt sich über alle anderen Gerüche, als ich meine Augen aufschlage und Lambana, einen 60-jährigen, drahtigen Adivasi-Ureinwohner mit einem Tablett voller Chai-Becher auf uns zu gehen sehe. Mit tiefster Ehrfurcht reicht er jedem von uns einen Becher und wiegt sachte den Kopf. 

„Sag ihm, dass es uns sehr viel bedeutet, dass er extra für uns Chai gemacht hat“, sagt Amit, an Krishnarao, einen Dhaatri-Mitarbeiter, dass gewandt. Dieser übersetzt nun das Gesagte auf Telugu, Lambana beginnt breit zu grinsen, er tut das mit dem ganzen Gesicht und redet begeistert auf uns ein. 

„Er sagt, dass ihr immer willkommen seid. Kommt für einen Monat, für ein Jahr, ihr werdet immer ein Dach über den Kopf haben, Essen und jede Menge Chai“, dolmetscht Krishnarao. 

Ich fühle, wie eine Gänsehaut durch meinen Körper fährt. Wir sind gerade einmal drei Stunden in Malpadu, so heißt dieses abgelegene, ruhige Ureinwohnerdorf und schon scheint uns die halbe Ortschaft aufgenommen zu haben. Ich wiege gutmütig den Kopf in Lambanas Richtung und sage „Dhan’yavād“. Danke. 

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Er verschwindet und lässt uns alleine in der indischen Abendsonne. Ich drehe mich meinem dampfenden Chai zu, atme tief ein und nippe daran. Mit geschlossenen Augen spüre ich erneut eine Woge Dorfluft in meine Nase eindringen und achte nun auf die Geräusche. Da sind Grillen ganz in der Nähe. Sie übertönen ganz deutlich alle anderen Töne mit ihrem penetranten Zirpen. Ein Feuer knistert ganz in der Nähe, unzählige Fliegen summen und brummen durch die Gegend, eine wiederkäuende Kuh schlägt mit dem Schwanz nach ihnen. Kinder lachen und Eltern ermahnen sie doch ruhiger zu sein. Aus den kleinen Lehmhütten ist das Dudeln von Telugu-Liedern und das Brodeln der Gerichte für das Abendbrot zu vernehmen. 

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Ich tätige einen Schluck Tee und atme genussvoll aus. „Ahh …“ 

Ein Lachen von der Seite. Ich fahre herum. Amit und Runal schauen mich belustigt an.

„Du scheinst deinen Tee zu genießen, no?!“ fragt Amit. 

„Oh ja, bhai! Ich genieße ihn. Dorftee ist immer etwas Besonderes! Er ist das Highlight des Tages, gerade für uns, die nicht im Dorf arbeiten! In einer Woche werdet ihr für jede Möglichkeit Tee zu bekommen dankbar sein,“ lächle ich die beiden indischen Studenten aus Bangalore an. 



Dieses siebte Mal in den Dörfern der Ureinwohnergruppe der Adivasis ist anders, als jene Besuche davor. Ein Jahr ist vergangen zwischen dem letzten Abenteuer und dem Jetzigen, ich hab angefangen, zu studieren und bin jetzt insgesamt nur einen Monat in Indien. Mein Plan war nur eine Woche in Hyderabad zu bleiben und dann Richtung Rajasthan weiterzureisen, doch wie all zu oft klappte dieser Reiseplan bei mir schon am ersten Tag in Hyderabad zusammen. Ich wusste einfach, dass ich gekommen war, um zu bleiben. Ich würde die NGO Dhaatri, die sich für die Rechte der Adivasis, insbesondere die des Stammes der Khonds, stark machte, vier Wochen unterstützen. So stimmte ich zu, als es hieß, für zwei Wochen in die Dörfer zurückzukehren. Sechs Mal hatte ich diese besucht. Meist war ich in Dallapalli gewesen. Einem 300 Seelen Dorf hoch in den Bergen, welches in der Jahreszeit des Monsuns von den Wolken verschluckt wird und im Sommer unfassbar grüne Ackerländer mit sich trägt. Hier hatte ich Freunde gefunden, ohne wirklich mit ihnen geredet zu haben. Hier unterhielt man sich nicht auf Englisch. Hindi, die zweite Landessprache Indiens konnte hier auch niemand. Es wurde die Staatssprache der Staaten Telangana und Andhra Pradesh – Telugu – gesprochen, sowie Kui, die eigene Sprache der Khonds. 

Ich hatte mich mit Hand, Fuß und Kamera verständigt und bald, nach einiger Eingewöhnung, konnten beinahe alle Kinder des Dorfes meinen Namen und ich begann dieses mit seinen Bewohnern zu lieben. Ich liebte die Einfachheit des Seins und die schier unendliche Gastfreundlichkeit Dallapallis, welches abgeschieden vom urbanen Treiben lag. Manchmal war mir jene Abgeschiedenheit zu viel und ich ächzte nach dem Chaos der indischen Städte, fühlte mich einsam, doch jedes Mal holte mich das Dorf mit seinen Tieren, seiner unglaublichen Landschaft und auch seinen Menschen wieder zurück. 

Ab und zu ging es nach Poolabanda, einem etwas weiter entwickelten Dorf, welches in einer Felsschüssel lag, nur eine Stunde von Dallapalli entfernt war, jedoch ein komplett anderes Klima aufwies. Hoch oben war es kalt und nebelig. Unten gar tropisch und heiß. Hier zog es mich weniger hin. Hier fand ich nicht das Abenteuer, was ich suchte und meine Aufgaben konzentrierten sich auch eher auf den anderen Ort. 

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Doch nun sollte es mich für knapp einen halben Monat dorthin ziehen. Jax, die neue Freiwillige Dhaatris, war an meiner Seite. Dazu gesellten sich noch acht indische Development-Studenten aus Bangalore, die zu Gunsten unserer Organisation, anliegende Dörfer observieren sollten. 

Alles begann mit einem Zug, der viel zu kalt war. Von Hyderabad brauchte es ca. 20 Stunden in die Dörfer. 13 davon gingen für die Nachtfahrt von unserer Heimatstadt nach Visakhapatnam, im Slang auch Vizag genannt, drauf. Normalerweise sind die Züge mit Ventilatoren ausgestattet, welche das Innere auf eine halbwegs akzeptable Schlaftemperatur bringen, doch jener Zug hatte die Absicht, uns in eine Eiszeit zu führen. Jax zitterte und bereute es, keine warmen Klamotten mitgenommen zu haben und auch ich hätte warme Socken gut vertragen können. Doch die Zug-Eiszeit war Strategie. So konnte das Zugpersonal warme Decken und Kissen für 30 Rupien an die verfrorenen Insassen verkaufen, die bald Schlange standen, um eine Wolldecke zu ergattern. 

Zwölf Stunden später sollte unser Kopf beim Abstieg beinahe explodieren, war der Temperaturunterschied von ca. 25 Grad sehr intensiv. 

Bahnu, die Dhaatri-Chefin höchstpersönlich wartete am Bahnsteig auf uns und sollte mir wohl die angenehmste Fahrt hoch in die Berge bescheren. War ich sonst immer mit einem lärmenden Bus voller Menschen in die Ureinwohnergebiete aufgebrochen, taten wir es nun mit einem anständig klimatisierten Taxi. Unsere Backpacks und wir hatten sehr viel Platz, worüber ich unglaublich dankbar war, war mein Rucksack mal wieder auf die Größe und Schwere eines dicken Kindes angewachsen. Im Bus hätte er anderthalb Plätze in Anspruch genommen. Hier lag er sicher und ungefährdet im Kofferraum. 

Wir erreichten Poolabanda, eine wunderbare Stille lag in der Luft. Die Palmen und die Reisfelder in unmittelbarer Umgebung waren grüner als grün und der Ort mit seinen brauen Lehmhütten und roten Ziegeln war verraucht und roch nach Sommerregen. Wir traten ins Office und wurden von acht Studenten aus Bangalore lachend begrüßt. Bahnu hielt einen langen Begrüßungsmonolog, es wurden die Tage und die Aktionen geplant und es schien mir gar „unindisch“ so viel im Voraus zu besprechen. Doch sollten die kommenden Tage wunderschön werden. 

Ich hatte Startschwierigkeiten. Diese jungen Stadtmenschen, die das erste Mal in einem Ureinwohnerdorf arbeiteten, konnte ich nicht wirklich akzeptieren. Sie waren laut, schrill und passten nicht ins Dorfleben. Fünf Tage brauchte ich, bis ich realisierte wie traurig es war, dass ich bis zu dem Punkt mir kaum Namen gemerkt hatte. Dann jedoch kam der Wendepunkt. Wir brachen auf zu einer geheimen Quelle, sprangen gemeinsam ins Wasser, spritzten uns nass und veranstalteten Wettkämpfe, wer am längsten die Luft anhalten konnte. Mit nassen Klamotten traten wir den Rückweg an und jauchzten und jubelten. Zurück im Office holte ich meine Spielkarten hervor und Stunden vergingen, währenddessen wir lachten und scherzten. Jenes Ereignis band mich an sie. Fest. Besonders an die Jungs. Amit, Faiz und Runal.

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Ab jenem Zeitpunkt sollten wir häufiger zu Quellen und Wasserfällen gelangen. Oftmals war der Weg dorthin beschwerlich und rutschig, doch zahlte es sich jedes Mal aus, das Wagnis eingegangen zu sein. Wir stürzten uns in Wasser, rutschten kleine, glitzernde Kaskaden hinunter und wichen den gefährlichen Strömungen gerade so, die uns in unfreundlichere Gewässer geworfen hätten, aus.

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Es war wunderschön, alle meine Freunde ausgelassen lachen zu sehen. Auch Jax, schien immer mehr in den Dörfern anzukommen, strahlte sie übers ganze Gesicht. Wir kämpften uns durch Strömungen, rutschten über nasse Steine, standen unter den hinabstürzenden Wassermassen und jeden dieser Augenblicke hielt ich fest, meißelte sie in mein Gedächtnis, so schön waren jene Bilder, der planschenden Menschen in der Abendsonne. 

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Wir lebten, arbeiteten und schliefen alle im selben Raum und nicht selten musste ich kichern über den Gedanken, welch Abenteuer es doch war mit mehr als 10 Leuten in einem Haus eines Ureinwohnerdorfes mitten in Indien zu leben. Und im Endeffekt waren sie alle doch genauso fehl am Platz wie ich selbst. War ich nicht eindeutig derjenige, der aufgrund seiner ganz klaren Andersartigkeit noch weniger hierhin passte? 

Wir waren alle Outsider, kamen aus großen Städten, sprachen nicht die Sprachen der Dorfbewohner und kannten kaum ihre Riten und Bräuche. Ein Großteil der Studenten sprach Hindi, was ihnen hier aber nichts nützte. 

Hindi ist eher den nordindischen Sprachen zuzuordnen, Telugu aber den Südindischen. 

Unterhält man sich in Hindi, könnte man Gujarati beispielsweise verstehen, da der Staat Gujarat im Norden liegt. Hier ist es ungefähr so, wie mit Spanisch und Italienisch. Es gibt Parallelen, da sie denselben Ursprung haben. Jene gibt es auch zwischen südindischen Mundarten. Aber Telugu unterscheidet sich von Hindi, wie Tag und Nacht. 

Der Großteil von uns verstand also nichts, war auf Dolmetscher angewiesen. Lediglich zwei hatten südindische Wurzeln und begannen uns unterrichten. Ich war mit Leidenschaft dabei, fragte Laya, die aus Telangana kam, schon am frühen Morgen nach Wörtern und Sätzen aus und versuchte mich auch an Hindi. 

Teilweise gelang mir das zwar, war am Ende jedoch vorrangig mit Schimpfwörtern ausgestattet. Ich war also nun mit den richtigen Worten gerüstet, falls mich demnächst mal wieder jemand auf der Straße finanziell ausnehmen wollte. 

Jax und ich erwiderten jenen Gefallen und bald lief jeder mit einem gutgesinnten „ARSCHLOCH!“ auf den Lippen durch die saftigen Reisfelder der Ureinwohner.

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Wir hatten viel Zeit für Schimpfwörter. Das Dorf war dem Monsun hoffnungslos unterlegen und verwandelte sich stets in einen „Apocalypse-Now-Abenteuerpark“, brach er sich über den Dächern Bahn. Es prasselte und prasselte. Mal dicke Tropfen, mal dünne Tropfen. Ich schrieb Tagebuch und fast immer war der erste Satz des Tages mein subjektiv anschaulicher Wetterbericht. 


Tag 3: Regnerisch, das Dorf versinkt im Nebel und alle scharen sich um ihren Chai 

Tag 4: Es regnet und regnet und regnet

Tag 5: Der Regen wird stärker, ist so laut, dass ich in der Nacht vom Rauschen geweckt werde

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Tag 6: Der Regen hat aufgehört

Tag 7: Es ist überraschend sonnig

Tag 8: Es ist verdammt KALT

Tag 10: Die Welt geht unter. Es schüttet wie aus Eimern

Tag 11: Es regnet und regnet und regnet. Meine gewaschenen Sachen werden nicht trocken

Tag 12: Der Monsun kennt keine Gnade und prasselt unaufhörlich hernieder. Meine Klamotten sind immer noch nicht trocken 


In jener Zeit spielten wir Karten, hielten Meetings, wo wir die Observationsergebnisse über die benachbarten Dörfer besprachen, dösten, oder beleidigten uns liebevoll. 

Die Zeit verging langsam, jeder Tag zog sich in die Länge und alles brauchte seine Zeit. Ich war daran gewöhnt. Die anderen nicht. So verschwand eines Mittags Krishnarao, den wir für eine wichtige Übersetzungsarbeit brauchten, mit den Worten, dass er in einer Stunde wieder da sei. Ich kannte den alten Halunken und konnte mich gut daran erinnern, dass er mal Ähnliches vor einem Jahr gesagt hatte und dann erst nach drei Stunden aufkreuzte. So legte ich mich auf eine Pritsche und begann zwei Stunden in Frieden ein Nickerchen abzuhalten. Als ich aufwachte, fehlte von Krishnarao jede Spur und meine Begleiter Amit und Runal schienen gar akribisch und angespannt jede Sekunde seines Fehlens mit der Uhr aufgezeichnet zu haben.

„Keine Sorge, so spielt das Dorfleben eben“, gähnte ich. Unser Begleiter kam schließlich nach einer halben Stunde. 

Und in jener Zeit des Wartens wurde das Chai-Trinken tatsächlich zum Highlight jener zähen Tage.

Doch an jenem dritten Tag im Ureinwohnerdorf Malpadu ahnen das meine beiden Begleiter Amit und Runal noch nicht und blicken mich noch immer stirnrunzelnd an, als ich die letzten Tropfen des Tees, den ich vom gutmütigen Lambana bekommen habe, genüsslich ausschlürfe. Ein langer Tag liegt hinter uns. Wir sind durch die Ackerländer der Bauern gestreift und haben die genauen Ausmaße aller Besitztümer der 11 Familien des Dorfes, mittels GPS-Tracker ausgemessen. Wir sind hoch auf die Berge gestiegen, haben Heil- und Nutzpflanzen fotografiert und kategorisiert und über Stock und Stein gewandert. Die Aussicht hoch oben war phänomenal. 

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Wir haben uns unseren Chai verdient. Und Lambana, der alte, weise Khond beweist später am Abend noch einmal, wie gastfreundlich er ist. Er lässt extra für uns ein Huhn schlachten. Es gibt Fleisch zum Abendessen. Fleisch. Das ist ein äußerst seltenes Privileg in den Dörfern, ist jedes Nutztier essenziell wichtig für den Fortbestand des Dorfes. Erneut essen wir zuerst, er sitzt fröhlich summend daneben und als wir fertig sind, beginnt er die letzten Reste aus den Töpfen auszukratzen. Fleisch bekommt er kaum noch zu fassen, doch stört ihn das nicht, war es für ihn doch eine Ehre, dass wir es verspeist hatten. 

Und natürlich räumt er und seine Familie sein kleines Häuschen, damit wir dort schlafen können. Er wird im Stall Unterkunft finden. Gut gesättigt und fröhlich schlafe ich auf der Pritsche des alten Ureinwohners ein, noch nicht ahnend welche Abenteuer in den nächsten 9 Tagen auf mich zukommen würden …

Von glücklichen Friseuren, Babyratten und nächtlichen Porschefahrten

Ich atme tief ein und wieder aus. Ein und aus. Ein uns aus. Immer wieder, mit geschlossenen Augen und versinke tief in unzusammenhängenden Gedanken. Im Grunde weiß ich gar nicht was ich denke, aber das fühlt sich richtig an. Ich spüre meine Füße, die von Moskitos zerstochen sind, leicht auf der Yoga-Matte ruhen. Meine Hände zittern ein wenig beim Kontakt mit dem Boden unter mir. 

Da liege ich, inmitten der Yoga-Gruppe, bestehend aus mittelalterlichen Frauen aus dem Army-Viertel neben unserem Office und Yax, die neben mir versucht zu entspannen. Die letzte vergangene Stunde bestand aus harten, schweißtreibenden Dehnübungen, die alle stoisch über sich ergehen ließen. Wir beiden Nicht-Inder kamen müde und verschlafen zum Yoga-Treff, wohingegen die Frauen, die jeden einzelnen Morgen hier stehen, schon scherzten und lachten und sehr erfreut darüber waren mich wiederzusehen, hatte ich ihren kleinen Kreis letztes Jahr, wenn auch sehr unregelmäßig, besucht. Zweieinhalb Monate hatte ich es durchgezogen jeden Morgen zum Frühsport zu erscheinen, bis ich bemerkte, dass „ausschlafen“ doch die bessere Alternative war. 

Nun bin ich zurück. Und tatsächlich, so stelle ich fest, fühle ich die Spiritualität im Sport Yoga nun viel mehr, als vorher, bin ich scheinbar gereift. Früher war es schwer, über nichts nachzudenken. Das hat mich noch viel nervöser gemacht. Jetzt macht es mich entspannter. So strahle und lächle ich vergnügt nach unserer Sport-Session, grüße die Menschen auf der Straße mit einem freundlichen Kopfwackeln und bekomme ebenfalls eines zurück. 

Wie verrückt es ist, jetzt schon so im Dhaatri-Alltag zu sein. Der Morgen beginnt mit einem Gähnen, dem Aufstehen von der einfachen Matratze, dem Duschen in einem Bad, wo bereits Stalaktiten aus der Decke wachsen, Yoga und danach Frühstück auf der Türschwelle des Dhaatri-Offices, währenddessen auch Tuli, die kleine, schwarze Hündin ihr Essen in Form von Hundefutter bekommt. 

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Danach arbeiten bis zum Mittag und nie so ganz wissen, was man gerade überhaupt macht und ob es den Ansprüchen unserer Chefin Bahnu, genügt. 

Nach dem Mittag ist die Kreativität aber wieder da, spätestens nach dem Kauf eines Fuse-Schokoriegels, der die nötige Energie bringt, um weiterzuarbeiten. 

Am Ende verschlägt uns es uns beide ins Fitnessstudio, nur wenige Minuten entfernt. Der Leiter des Gyms kennt mich noch und begrüßt mich freudigem Handschlag.

Ebenso glücklich über mein Wiedererscheinen wirkt mein Friseur, als ich ihm einen Besuch abstatte. Damals hatte ich zwei Männer, die regelmäßig meine Haare und meinen Bart stutzten und insbesondere einer der beiden, hatte mich von Anfang an lieb gewonnen, auch ohne Worte, sprach ich kein Telugu und er kein Englisch. 

Als ich in die kleine Frisierhütte trete, ist vorerst nur einer der beiden da, der alsbald sich die Schere schnappt und loslegt. Dann jedoch kommt mein Lieblingsfriseur herein, er sieht mich und strahlt aus beiden Augen. Er entwendet Schere und Kamm dem Ersten, wiegt liebenswürdig das Haupt und lächelt mich an, sein beinahe väterlicher Blick geht tief und es scheint so, als hätte er endlich etwas Wichtiges wiedergefunden. Der kleine Fernseher, der schief an der Wand hängt, zeigt die typisch bunten und aufwendig produzierten Musikvideos der letzten Monate, ab und zu schaut der Friseur auf, hält mit der Schere inne und bestaunt die Tanzchoreografien, die bestimmt schon von Tausenden auf der Straße nachgetanzt werden. Dann macht er weiter, liebevoll und sorgfältig. Es ist so, als schnitte er ein Kunstwerk zurecht, jede kleine Ecke, wird nachgeschnitten und kontrolliert und nicht das erste Mal schießt mir der Gedanke durch den Kopf, dass indische Friseure wahre Künstler mit der Schere sind. Ihr Beruf ist ihr Leben. Oder ihr Leben ist ihr Beruf. 

Es ist wie ein Wiedersehen alter Freude, als ich, auf dem Weg zu meinem Eierverkäufer auf eine Straßenhündin treffe. Sie schaut mich durchdringend an, ich tue es ebenfalls und plötzlich fällt bei uns beiden der Groschen. Wir kennen uns. Mama Straßenhund, die mir letztes Jahr auf Schritt und Tritt gefolgt ist und das Wegsterben ihrer fünf Kinder überlebt hat, jault vergnügt und leckt mir über die Hand. Vor zwei Jahren war sie noch scheu, doch gewöhnte sich mit der Zeit an mich und ließ sich zum Ende des Jahres streicheln. Jetzt liegt sie mir zu Füßen und scheint gar zu Lächeln über jenes unerwartete Treffen. 

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Um mit tierischen Geschichten fortzuführen; eines Mittags beginnt Babu, unser Hausmeister, eine kleine Ecke im Office zu entrümpeln und legt dabei einen Rattenhort frei. Mutter Ratte flieht und lässt dabei ihre zehn Baby-Ratten zurück. In Deutschland hätte man längst den Kammerjäger bestellt, hier heißt es lediglich, um noch mehr Ratten zu vermeiden: „Schließt die Türen!“ 

Nun haben wir das Schlamassel. Zehn kleine Geschöpfe, einen indischen Haushalt und zwei Deutsche. Die Ratten wundern sich, der indische Teil ekelt sich und der deutsche Teil kann sich kaum zusammenreißen über die unfassbare Niedlichkeit dieser süßen Tiere und beschließt ihnen einen Karton zu bauen, in der Hoffnung sie aufziehen zu können.

„They will be this huge! We have to eliminate them“, meint Ravi, der Zweitchef und zeigt uns mit beiden Händen, wie groß und ekelig indische Straßenratten werden können. 

„Vielleicht können wir ihnen Tricks beibringen“, meine ich. 

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Nach einem Jahr im Ratten verseuchten Dhaatri-Office schockt mich nichts mehr und die Tatsache, plötzlich diesen Haufen an frisch geborenen Jungtieren zu entdecken, überrascht mich keineswegs, klopfe ich Abends immer gegen die Küchentür, um jeglichen Geschöpfen erst einmal Zeit zu lassen sich zu verstecken, ehe ich mir was zu Trinken hole. 

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Die Babyratten sollten trotz unserer Versuche ihnen zu helfen, in den nächsten Tagen sterben, hatten sie ihre Mutter nicht mehr, die sie hätte versorgen müssen.  

Abends dann zieht es uns in die Stadt und spätestens da geraten wir in eine Parallelwelt, die sich nicht unterschiedlicher von der unsrigen abheben könnte. 

So werden wir im „Concu“, einer delikaten Patisserie, die unfassbar leckere Süßigkeiten und herzhafte Speisen, abseits des indischen Essens, anbietet, von einem britisch-indischen Musikproduzenten angesprochen. Und auch in Indien ist die Welt unfassbar klein, denn als wir ihm erzählen, was wir machen, horcht er auf.

„Do you know Mira?! I met her three years ago. She brought me to the best places in Hyderabad, mate!“

„Oh my god, yeah! How funny“, gestehe ich, denn eben diese Mira kenne ich tatsächlich. Sie war es, mit ihren drei anderen Freiwilligen, die mich für Dhaatri ausgewählt hatte. Sie zeigte mir, in meinen ersten zwei Wochen die Stadt und das Partyleben der Reichen, ehe sie nach Deutschland zurückflog. 

Ich muss schmunzeln, als ich mir Cherrys Instagram-Profil anschaue. Tatsächlich haben wir drei gemeinsame Freunde. Alle aus Indien. Alle aus Hyderabad. Alle durch irgendwelche Partys kennengelernt. 

Seit knapp dreieinhalb Freiwilligen-Generationen ziehen sich fast die selben Freundschaften, meistens zwischen uns und entweder indischen DJ´s oder musikbegeisterten Leuten, die mit eben diesen DJ´s befreundet sind, durch die Jahre. 

Cherry, der zwischen London und Hyderabad pendelt, gesellt sich prompt für die nächsten zwei Stunden zu uns und erzählt spannende Geschichten aus seinem Leben. Er kann nicht glauben, dass ich nach einem Jahr Hyderabad noch mal zurückgekommen bin. 

„I don´t fuck with Hyderabad! You´re more an Indian than me, bro“, lacht er und gesteht uns seine Hassliebe zu dieser Stadt und dass es überall schöner sei als hier. Am Ende des Abends bezahlt er alles, was wir essen und bringt uns zudem auch noch nach Hause unter der Prämisse, dass wir in der kommenden Zeit, zusammen mit ihm, die Stadt unsicher machen sollen. Deal, Bro! 

„I will show you a different Hyderabad! Promise, mates“, schwört er uns am Abend darauf und fährt uns zu einer Bar der Reichen und Schönen. Kurz davor stoppt er uns. 

„You need shoes for this!“ Er blickt zu meinen Flip-Flops herunter. 

„But don’t worry! You never know what’s gonna happen. Thats why I always have three pairs of shoes in my car! Er wirft mir ein Paar neue Sneakers zu, gibt seinem Freund ebenfalls teuer aussehende Lackschuhe und geht lässig auf den Eingang der Bar zu.

„Habibi, you only have one life, niggah! Enjoy it!“

Während des ganzen Abends kauft er uns alkoholische Getränke, einzeln schon knapp zehn Euro teuer. Immer mehr Freunde von ihm gesellen sich zu ihm und jedem spendiert er einen Shot. Gut und gerne gibt er an diesem Abend 100 Euro aus, doch zuckt nicht einmal mit der Wimper, als der die Rechnung entgegennimmt. 

„Irgendwie hat er zu viel Geld“, flüstere ich Jax zu. 

Doch trotz seiner gehobenen Gesellschaftsstellung ist er sich nicht zu schade unter das gemeine Volk zu gehen. Als wir gegen Mitternacht wieder auf die Straße treten, hat sich eine Trommelgruppe am Vorplatz der Bar versammelt. Hinter dieser steht ein Wagen mit einer großen, bunten Ganesha-Figur. In den nächsten Tagen werden die Trommelzüge immer häufiger werden, bis zum großen Finale am großen See der Stadt, wo ein riesiger Umzug mit Tausenden und Abertausenden Menschen stattfinden wird. 

Jetzt sind nur ungefähr fünfzig gekommen, doch trommeln sie laut und wild und viele tanzen ungehemmt und ungebremst. Es sind nur Männer hier, alle aus den unteren Kasten. Einheimische Frauen scheinen unerwünscht, steigt die Gleichberechtigung erst mit dem Gesellschaftsstand. 

Die Männer sind alle nicht größer als 1.70, doch scheinen ein riesiges Herz für die Musik zu haben. Es ist ihnen egal, wie seltsam ihre Bewegungen aussehen, wie oft sie gegen die anderen stoßen, wirbeln sie wie Furien über den Platz. Ich kann mich nicht mehr halten, geselle mich dazu, werde auf der Stelle ins Chaos aufgesogen. Jax kommt dazu, erregt sämtliche Aufmerksamkeit der indischen Männerwelt, etliche Hände werden ihr entgegengestreckt und so versinkt sie ebenfalls im Tanzwahn. Trotz nigelnagelneuer, weißer Schuhe, die definitiv das Monatseinkommen vieler Anwesender sprengen, hüpft Cherry ebenfalls auf und ab. 

Alle strahlen und jubeln und auch wenn die Trommeln keinen wirklichen Rhythmus haben und einfach nur drauf losgeschlagen wird, haben alle unfassbar viel Spaß!

Dann plötzlich kommen bunte Pulverfarben, die normalerweise beim Holi-Festival benutzt werden, unters Volk und spätestens da, ziehen wir drei uns etwas zurück, habe ich keine Wechselklamotten dabei und will Cherry´s Schuhe, die ich noch immer trage, nicht gefährden. Doch ich kann nich verhindern, dass Leute aus Versehen drauf treten und die Sneaker rosa färben.

„Just one life, mate! Doesn’t matter!“ strahlt Cherry, als ich ihm den Fauxpas mit den Schuhen zeige. 

„You have fun, I’m happy!“ 

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Am nächsten Abend geht es mit anderen Hyderabad-Freunden und erneut mit Cherry, in die extravaganten Clubs der Stadt. Es ist seltsam zu sehen, wie vor dem Eingang eines solchen Edelgebäudes, aus dem die Reichen und Schönen in teueren Kleidern, zu sehen sind, Tagelöhner sitzen und um jede einzelne Rupie kämpfen, währenddessen drinnen teure Spirituosen einfach so konsumiert werden. Ich kämpfe gegen mein schlechtes Gewissen. Ich bewege mich in komplett anderen Sphären hin und her. Hin und her. Pendel zwischen reich und arm. 

Ich kann diesen einen älteren Mann, mit dem Wanderstock und dem verhärmten Gesicht, der neben einem riesigen Jeep sitzt und traurig ausschaut nicht einfach ignorieren. 10 Rupien gebe ich ihm. Vielleicht kann er sich dafür einen Chai kaufen. Seine Augen leuchten und legt beide Handflächen aneinander und hebt sie zum Kopf. Ich erwidere die Geste. 

Stände jene Lounge in Deutschland, würde ich mir nichts auf der Karte jemals leisten können und auch hier in Indien ist der Preis für Getränke schon unnormal teuer, doch haben wir Freunde mit dem nötigen Kleingeld. 

Nach der Party, wollen uns Rahamatt (ihn habe ich letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt) und Cherry nach Hause fahren. Und das passiert nicht mit einem normalen Auto, nein, es passiert mit einem Porsche. Da steht er einfach so, zwischen klapprigen Rikschas und eingedellten Heckklappen von rostigen Suzukis. 

„500 PS, Mate“, strahlt Cherry. 

Rahamatt beschleunigt und rast die indische Straße entlang. Ich werde nach hinten gedrückt, halte den Atem an, kann aber nicht umhin, zu staunen, mit welcher unfassbaren Leistung und Energie dieser Wagen fährt. 

„Das ist so abstrus! Das ist verrückt. Boah, Junge, Junge! Alter Schwede!“ Stottere ich vor mich hin. Ich bin noch nie mit einem Porsche gefahren und jetzt, hier in Indien, erlebe ich mein erstes Mal. Ich kann es, ebenso wie Jax, kaum fassen, mit welcher Geschmeidigkeit und Eleganz sich dieses Edelauto durch die Gegend bewegt und bin gleichzeitig angeekelt von jener gewaltig auseinanderklaffenden Schere zwischen arm und reich. Gleichzeitig weiß ich, dass das Geld hart verdient wurde, erzählt Rahamatt, während wir fahren, seine Lebensgeschichte. Er wurde unter ärmlichen Verhältnissen in einem einfachen Dorf geboren und hatte sich hochgearbeitet, seinen Eltern ein besseres Leben ermöglicht. Typische Vom-Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte, aber dadurch wirkt es für mich fassbarer jenen Luxus leben zu können, wenn man doch Jahre lang in Armut gelebt hat.

Und ich kann das Gefühl, ein teures Auto zu fahren spätestens dann nachvollziehen, als uns unsere Freunde zwanzig Minuten von unserem Haus entfernt absetzen und wir mittels Rikscha weiterfahren. Das Fahrgefühl ist ein ganz ganz anderes. 

Heute werde ich in die Bergdörfer fahren. Ich bin gespannt, was mich erwarten wird. Ich kann sicher sagen, dass mich die Gastfreundlichkeit der Menschen in ihrer Einfachheit, rühren wird. Es wird ein größerer Kulturschock sein von da aus wieder zu unseren Hyderabad-Freunden zu kommen, als von Deutschland nach Indien zu reisen. 

Doch gerade das ist es mir wert. Ich bin nicht hier, um an der Oberfläche zu kratzen. Ich will indisches Leben leben. Und wie könnte das besser funktionieren, als alles aufzusaugen. Die einfache, als auch die extravagante Seite …

Welcome back, mother India

Es ist so, als wäre ich nie weggewesen. Ich beginne genau mit der einen Sache, die ich im ganzen indischen Freiwilligendienst exzellent verfeinert habe. Dem Ausgeben von unnötig viel Geld. Ich lande in Mumbai, es ist sehr früh am Morgen und ich erfahre, dass ich, um zu meinem eigentlichen Ziel, Hyderabad, zu kommen den Flughafen wechseln muss. Momentan befinde ich mich auf dem „international Airport“ und muss zum „domestic Airport“. Der einzige Weg dorthin: die unvermeidliche Fahrt mit einer Rikscha. Ich freue mich tatsächlich drauf, endlich wieder in diesen klapprigen Vehikeln durch die Gegend zu rasen und dem Verkehrslärm an mir vorbei ziehen zu lassen.

„Hyderabad?!“ Frage ich gespannt in die Runde der Rikschafahrer außerhalb des Flughafengeländes. 

„Hyderabad!“ Ruft einer und winkt mich wild kopfwackelnd zu sich. 

„Domestic Airport?!“ 

„Domestic Airport!“ Meint er und bedeutet mir, mich in sein dreirädriges Gefährt zu setzen. 

Die ganze Situation kommt mir so vertraut vor, dass ich auf der Stelle in ein nostalgisches Träumen gerate und leider die viel wichtigere Frage, nämlich die des Geldes, nicht stelle. 

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Am Anfang jeder Fahrt gilt es den Preis dieser zu verhandeln, um festzulegen, ob sich für beide Parteien das Geschäft lohnt. Ich habe das Handeln vergessen und begebe mich somit auf die festgesetzte Preisidee meines Fahrers, der nach einigen Minuten des Rollens, mir genau jene mitteilt.

„3500 Rupees?! No! To much!“ Rufe ich, der sich für zu viele Augenblicke in der Vergangenheit aufgehalten hatte, versetzte mich der Geruch der Straße, eine Mischung aus Fäkalien und Räucherstäbchen, zurück in andere Zeiten. 

Ein fairer Preis für fünfzehn Minuten Rikschafahren wären vielleicht 80 Rupien.

„Airport Price! Okay? I need money. No money, no Auto! You, no money, go back to Airport!“ Gibt mir der kleingewachsene Inder mit breiten Schnurrbart klar zu verstehen und will mir kurz darauf ein günstiges Hotel anbieten. 

„No hotel!“ Protestiere ich! Diese Schlepper sind anstrengender als gedacht, doch muss ich einsehen, dass ich wohl nicht darüber hinweg komme, die geforderte Summe zu bezahlen, duldet mein Gegenüber keine Widerworte. 

„Thanks brother! Have a nice stay in Hyderabad, brother!“ Jetzt lächelt er breit, verabschiedet sich von mir, der gar nicht mehr gut drauf ist, mit freundschaftlichen Handschlag und braust davon. 

Murrend mache ich mich auf zum Flughafengelände der Inlandsflüge und muss eingestehen einen ganz miesen Deal gemacht zu haben. Statt den möglichen zwei Euro, habe ich gerade knapp 40 bezahlt. Dafür wollte ich eigentlich nicht mein Geld ausgeben. Doch es ist immer noch sechs Uhr morgens, ich habe im Flugzeug kaum geschlafen und das ist jetzt der Dank dafür. 

Doch so miesepetrig ich in Mumbai auch bin, spätestens als ich drei Stunden später in Hyderabad lande, geht alles wie am Schnürchen. Das Warten hat ein Ende. Ich besorge mir ein Taxi und als mein schweigsamer Fahrer und ich uns vom Flughafengelände entfernen, muss ich das erste Mal lächeln. Da sind sie, die kleinen indischen Macken! Weibliche Rasenmäher! Zehn Frauen in bunten Gewändern zupfen neben der Straße den kleinen Grünstreifen zurecht. Knapp ein Dutzend Arbeiterinnen kosten weniger, als ein einziger Rasenmäher und so rupfen sie fleißig das Gras aus. Bereits am Flughafen standen viel zu viele Arbeiter herum, die im Endeffekt selbst nicht so genau wussten, warum sie dort positioniert waren, aber immerhin hatten sie einen Job, im Gegensatz zu den viel zu vielen Menschen, die hungern müssen.

Nach einigen Minuten wird der große Moloch Hyderabad für uns sichtbar. Riesige Tollywood-Plakate, von denen perfekt frisierte Filmstars auf die graue Welt unter ihnen blicken, stehen am Rand der viel befahrenen, dreckigen Straßen. Es ist bewölkt, gar kühl und dieses moderate Wetter treibt noch mehr Menschen nach draußen, als sonst. Blumen-, Chai, und Obstverkäufer, Straßenhunde, Fahrradfahrer, riesige bemalte LKWs, tutende Rikschas, unbehelmte Motorradfahrer und rostige Autos bahnen sich ihren Weg entlang der grau-weißen Häuser. Die meisten Hütten sind dreckig und ewig nicht mehr gestrichen worden. Wieder andere sind modern, besitzen breite Glasfronten und locken mit teuren Luxusartikeln. 

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Gewaltige Busse hupen sich Orientexpress-artig durch den Verkehr, währenddessen mein Fahrer sich in waghalsige Überholmanöver wagt. Ich halte den Atem an, sehe ich die ganze Situation schon eskalieren, doch nichts passiert. Der Beinahe-Unfall ist überwunden. Mir schlottern trotzdem noch die Knie, aber genau das hab ich gebraucht! Der Nervenkitzel ist wieder da! Welcome back, Mother India!

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Vor uns breitet sich, ein gewaltiger Flickenteppich aus Gebäuden bis zum Horizont aus, dazwischen immer wieder monumentale Bauruinen, in denen kleine Arbeiter hin und her flitzen. Jene Häuser, aus denen Stahlsprossen sprießen, sehen aus, wie Relikte einer verheerenden Apokalypse. 

Dann: eine Bodenwelle. Und noch eine. Und noch eine. Holterdiepolter pfeift unsere Rostkarre über eine unebene Straße und ich weiß, dass wir gleich da sind. Dort ist der dreckige Fluss! Er stinkt bis ins Auto hinein und ich befehle dem Fahrer hinter diesem stehen zu bleiben. Ein kleines Stück will ich noch laufen. 

Ich biege in eine kleine Seitenstraße, der Lärm der Hauptstraße wird gedämpft und ich atme tief ein. Dort steht es, das Haus mit dem kleinen überdachten Balkon, dessen Wände grün und gelb bemalt sind. Das Office, der kleinen NGO „Dhaatri“ hat sich kaum verändert, seit ich vor einem Jahr dort aufgebrochen bin. 

Nur das weiße, deutsche Mädchen, das dort auf der Türschwelle sitzt und ließt, ist ein anderes. 

Jax, aus der Nähe von Köln, ist die neue Freiwillige dieses Jahr, ist seit zwei Wochen hier und langweilt sich, da die meisten Arbeiter auf unterschiedliche Missionen in ganz Indien geschickt wurden. 

Doch keine Bange, ich bin ja jetzt hier! Und eine ältere Straßenhundedame namens Tuli, die die Vorjahresfreiwilligen von der Straße auf den Vorhof unseres Hauses geholt haben. Sie ist zahm, im Gegensatz zu ihren Artgenossen draußen und freut sich ungemein, als ich beginne sie zu streicheln. 

Auch von innen hat sich das Office kaum verändert, nur hängt eine Collage der letzten Deutschen und deren Erlebnissen an der Wand. Es war unweigerlich jemand hier letztes Jahr, doch die Spuren jener Vier sind fast genauso verschwunden, wie die unsrigen. Ich gehe hoch in mein ehemaliges Zimmer. Zu viert hatten wir dort geschlafen, jeder nur mit einer Matratze und einem Schrank. Jetzt schläft niemand mehr hier. Das Zimmer wurde umfunktioniert zum Arbeitszimmer, da sich mehr Leute Dhaatri angeschlossen haben und die restlichen Kapazitäten nicht ausreichen, um alle mit genügend Platz arbeiten zu lassen. 

In meinem Schrank stapeln sich nun Aktenordner und Bücher. Irgendwie schräg. Ein merkwürdiges Gefühl läuft mir den Rücken hinab. Von mir ist in diesem Schrank nichts geblieben und auch unten, dort wo ich meist gearbeitet habe, fehlt mein Tisch, auf dem sich einst technische Geräte mit gestapelten Chai-Bechern stapelten. Zwei Tage später würde ich Ashwini wieder treffen, eine Dhaatri Mitarbeiterin, die sich meistens mit Zugbuchungen auseinandersetzt, und auch sie beteuerte, dass es seltsam war niemanden an diesen bestimmten Tisch zu sehen. 

„Es war irgendwie immer dein Tisch, wo nur du warst und Zeug gemacht hast“, gestand sie mir. 

Ein Schwall an Erinnerungen durchtränkt meine Gedanken, ich berichte Jax von meinen Erlebnissen und wir beide freuen uns schon drauf, die Stadt zu erkunden. 

Ich zeige ihr einen nicht weit entfernten Hügel, auf dem eine uralte Befestigungsanlage ihre Mauern im Stein vergraben hat. Der Blick von hoch oben über die nie schlafende Stadt ist phänomenal.

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Das nie enden wollende Häusermeer erstreckt sich über Kilometer, bis es in den dunklen Wolken eines herannahenden Monsungewitters versinkt. Wir setzen uns auf die Felsen, unter uns der Abhang und reden. Reden, über unsere Erlebnisse, das was kommen mag und wie uns Indien bisher prägt oder geprägt hat, bis das Unwetter uns beinahe erreicht hat und wir den Rückzug antreten. 

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Wir schaffen es nicht mehr rechtzeitig, dem Regen zu entwischen und so rennen wir, bald klatschnass, an ruhig grasenden Wasserbüffeln und Straßenschweinen vorbei, bis uns ein Rikschafahrer entdeckt und uns ins Trockene bringt. 

Zurück im Office treffen wir auf Ravi, der sich ebenfalls sehr über meine Anwesenheit freut und mir die kommenden Arbeitspläne verrät. Ich wäre schon für einige Arbeiten eingeplant, die sich ums Dokumentieren der Ureinwohnerdörfer in den Bergen von Andhra Pradesh, drehen. Das war letztes Jahr mein Aufgabengebiet und wird es wohl auch dieses Mal sein. 

Mich durchzuckt ein Gedanke. Gerade einmal wenige Stunden bin ich hier, doch schon fühle ich mich wieder heimisch. Zurück in einer indischen Komfort-Zone. Ich kenne die Gegend, weiß, was mich erwarten wird, wenn ich in Zukunft durch mein Viertel streifen werde, doch genau das ist es vielleicht, was ich will. Es war mein Plan nur anderthalb Wochen hierzubleiben und dann, für die letzten drei Wochen meines Aufenthaltes neue Orte zu entdecken. So ganz überzeugt bin ich davon jetzt nicht mehr. 

Es fühlt sich so an, als sei ich nie weggewesen. Im Endeffekt fange ich da an, wo ich aufgehört habe. Hyderabad und Ich haben bereits eine Vorgeschichte, die sich hier und jetzt fortsetzt.

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Und so hässlich und grau diese raue Arbeiterstadt auch sein mag und niemand sich gerne hierhin verschlägt, habe ich sie gern. Vielleicht genau deswegen. Weil es sonst niemand tut. 

 

 

Reiselust

Hin und her. Hierhin und dorthin. Von Ort zu Ort. Immer weiter und weiter. 

So hat sich das letzte Jahr angefühlt. Frisch aus Indien zurück und erneut von Zuhause aufbrechen. Ein neues Zuhause finden. Nach Weimar ziehen, sich innerhalb der Universität zurechtfinden und erst einmal gar nichts verstehen. Den Worten der Professoren lauschen, die versprechen, mich zu fördern, ich davon aber erst komplett überfordert sein würde. Doch ich sollte mich einfach neu erfinden lassen und das tat ich. Ich schleuderte mich neu in die Welt, startete ein Leben in einer 16er WG, begann bewusster einzukaufen, immer das dreckige Indien im Hinterkopf, ging auf Ersti-Partys, die mir zeigten, wie das Studentenleben in einer Kleinstadt laufen könnte. Und ich lief mit. Ich begann dieses Weimar als Wohnort zu akzeptieren, reiste aber immer wieder zurück in die Heimat, nach Berlin und jedes Mal wurde mir doch bewusst, dass die Großstadt mich doch mehr in ihren Bann zog. 

Ich fuhr nach Karlsruhe und nach Münster, blieb den „Freunden der Erziehungskunst“, die mich nach Indien entsandten, treu, ließ mich als Teamer schulen, sodass bald selbst zukünftige Freiwillige auf IHR Jahr vorbereiten konnte.

Ich absolvierte meinen ersten Studentenjob als Rettungsschwimmer in Jena, einer benachbarten Studentenstadt neben Weimar, übernahm Verantwortung und versorgte Wespenstiche mit Kühlpads. Schlimmeres blieb mir zum Glück erspart. Eigentlich war ich auch nicht ganz rechtmäßig hier, war mein Rettungschwimmerabzeichen vor drei Jahren bereits abgelaufen. Doch nahm man mich trotzdem auf und so saß ich im Juni am Beckenrand und verhinderte, dass Badegäste von eben jenem sprangen. Von Weimar brauchte ich eine Stunde dorthin und natürlich stets wieder zurück. Hin und her. Hin und her. Hin und her. 

Der Sommer war voll mit Reisen. Ich hatte einen Uni-Seminarkurs für Dokumentarfotografie belegt. Meine Aufgabe war es in ein kleines Provinzdorf in Thüringen zu fahren und eben jenes so zu fotografieren, dass, nach ein paar Mal, die Seele des Dorfes, anhand der Bilder, offengelegt werden sollte. Für mich ein Leichtes, dachte ich. In Indien hatte ich das doch gut geschafft. Doch Indien war nicht Thüringen, Deutsche waren keine Inder, Leichtigkeit wurde zu Schwerfälligkeit.

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Ein Jahr zuvor waren die Menschen zu mir gekommen, um fotografiert zu werden. Nun musste ich zu ihnen hingehen und daran scheiterte ich mit meiner Schüchternheit souverän. Es zeigte sich kaum jemand auf den Straßen und trotz insgesamt fünf Versuchen und jeweils einen Anfahrtsweg von vier Stunden, blieben die Menschen, dort wo sie waren. Unerreichbar. Thüringen war nicht Indien. Dokumentarfotografie war keine Reisefotografie. 

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Ich fuhr zur „Freunde-Kochschulung“ zum Bodensee, um mich zum nachhaltigen Kochteamer ausbilden zu lassen, um auf Freunde-Seminaren für alle anderen zu kochen. Ich lernte, Gruppen nachhaltig und ausgewogen zu ernähren. Am Bodensee war es idyllisch, wunderschön und ich glaubte, das ungeheure Heimweh verstanden zu haben, welches Merlin, mein Mitfreiwilliger und bester Freund, mit dem ich zusammen ein halbes Jahr in Indien gelebt hatte, die ganze Zeit verspürt haben musste, kam er doch von dort. 

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Dann kurz nach Berlin, um meinen Eltern zu helfen. Daraufhin ab ins tiefste Brandenburg aufs New Helling Festival. Am besten war dies als Hippie-Tantra-Yoga-Liebes-Festival zu beschreiben, von dem ich strahlend wiederkam, mit neuen Impulsen und viel Liebe im Herzen. Und wieder ging es für nur vier Tage zurück nach Weimar, um vom zweitgrößten Zimmer der WG ins Größte zu ziehen. Neun Leute würden zum neuen Semester ausziehen. Menschen, die mir im letzten Jahr unglaublich ans Herz gewachsen waren, doch neue Plätze gefunden hatten, die ihnen mehr zusagten. Ich begann Vermieteraufgaben zu übernehmen und Anzeigen auf die WG zu schalten, um neue neun Leute reinzuholen, was ich in diesen vier Tagen vervollständigte. Der Vermieter würde mir dafür später einen teuren Wein schenken, hatte ich ihm Arbeit abgenommen.

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Und während all dieser Zeit dachte ich an Indien und es war unmöglich, mit jemand Fremden nicht über dieses Jahr und meine Erlebnisse zu reden. Und während das Jahr verging, las ich mir immer wieder meine Blogeinträge durch und bald wurde mir schmerzhaft bewusst, wie lang es bereits her war, dass ich, zusammen mit Merlin und Skrollan ins Flugzeug gestiegen war, um ans andere Ende der Welt zu fliegen. 

Im Juli las ich einen Blogeintrag meiner Nachfreiwilligen bei meiner ehemaligen Einsatzstelle, die beschrieb, dass sie nur noch 10 Tage in Indien hätte. Es war plötzlich ein Jahr vergangen, seit meiner Rückkehr. 

Und nun, wir schreiben den 1. September 2019, wiederholt sich die Geschichte. Ich fliege über Mumbai nach Hyderabad, dem Ganesha Festival, was mich vor zwei Jahren total begeistert hatte, entgegen. Nur für einen Monat. Aber das reicht mir, um wieder neue Kraft zu sammeln, die Sehnsucht und das Fernweh zu dämpfen. 

Ich bin kurz vor dem Check-In und erneut erwacht ein kleiner Funken Angst, den ich bereits vor zwei Jahren hatte. Die Komfort-Zone Deutschland zu verlassen ist gar nicht so einfach, trotz reichlicher Erfahrung im Rücken. Doch sie treibt mich vorwärts, durch den Flugzeug-Tunnel ins fliegende weiße Ungetüm. Immer weiter und weiter. Ich starte eine neue Reise. Und es beginnt, dort wo es schon einmal begonnen und geendet hat. Im Monsun-Regen zur Granatapfelzeit.