Aus dem Sommer in den Herbst

„Sag mal, bist du verrückt! Das kannst du doch nicht machen!“, ruft Anat ungläubig.

„Und wie ich das machen kann“, schmunzele ich und fühle mich in diesem Moment unfassbar gut. Ich blicke über den gedeckten Tisch hinweg und schaue in geschockte Gesichter. Die Einzige, die entspannt wirkt, ist Jax, die ruhig ihre Nudeln auf ihre Gabel lädt. Sie weiß bereits,  was ich vor habe, sind wir gemeinsam hierher gekommen. Doch Anat sind die Gesichtszüge entglitten, Anna ist ihr Löffel beinahe aus der Hand gerutscht und Rufus´ Mund steht sperrangelweit offen.

Wir befinden uns in der zweiten Etage der Prerana Waldorf School in Hyderabad. Einst hatte hier Lion gelebt, einer meiner besten Freunde während meines entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes. Zusammen waren wir in Nepal gewesen, hatten des Öfteren das nächtliche Hyderabad unsicher gemacht, waren in Bars oder Clubs gegangen, hatten daheim Karten gespielt oder Fußball geschaut. 

Heute ist Lion verschwunden, nur eine an der Wand angeklebte Fußball-Bundesliga-Tabelle von 2018/19 erinnert an ihn und seine damalige Obsession auch aus der Ferne seinen Lieblingsverein,  den VfB Stuttgart, zu unterstützen. Jetzt wohnt Rufus, ein FC Bayern Fan, in seinem Zimmer. Er ist das Überbleibsel der letzten Freiwilligengeneration und ist hier schon seit vierzehn Monaten, gefiel ihm Indien so sehr, dass er seinen Freiwilligendienst auf ein weiteres Jahr verlängerte. Genauso wie ich beherrscht er bereits einwandfrei das indische Kopfwackeln, kennt Hyderabad, wie seine Westentasche und wirft mit vereinzelten Hindi-Wörtern um sich. 

Anna und Anat sind, ebenso wie Jax, seit gerade einmal zwei Monaten auf dem indischen Subkontinent gestrandet und teilen sich ein großes Zimmer, das sie im IKEA-Style eingerichtet haben, eröffnete vor nicht all zu langer Zeit eine erste Filiale jenes schwedischen Möbelherstellers in ihrer Nähe. 

Beide sind geschminkt und hübsch herausgeputzt, wollen wir heute auf eine Techno-Party gehen, die laut einigen indischen Freunden „legendär“ werden soll.

„Aber du weißt schon, dass du morgen unfassbar geschafft sein wirst?“, fragt mich Anna besorgt.

„Seit drei Tagen steht der Plan, mit euch feiern zu gehen und das lasse ich mir nicht entgehen“ ich genehmige mir einen Schluck Wasser und feixe in die Runde, die mir bereits so vertraut wirkt,  obwohl ich sie in dieser Konstellation, erst drei Tage zuvor kennengelernt hatte. 



 

Im Calangoat, einem hippen Restaurant in den Höhen des Reichenbezirks Jubelee Hills waren wir das erste Mal aufeinandergestoßen. 

Ein Jahr zuvor hatte ich hier, zusammen mit Lion, Skrollan Toni das Fußball-WM-Finale zwischen Frankreich und Kroatien im Rahmen einer Public-Viewing-Aktion geschaut. Dabei waren Lion und ich wohl die einzigsten Kroatien-Fans, war das ganze Restaurant in Blau-weiß-rot getaucht. Am Ende eines gebrauchten Abends für alle Kroaten, feierten und jauchzten alle Anhänger der Franzosen und riefen euphorisch und siegestrunken „Allez le bleu“ in den indischen Nachthimmel. 

Wochen später hatte ich hier Lion, bei einem letzten gemeinsamen Mahl verabschiedet, musste ich wenige Tage darauf in den Flieger nach Deutschland steigen. Wie hilflos ich mich nach jener Verabschiedung fühlte, weiß ich bis heute. Erneut wurde mir ein Freund aus dem Herzen gerissen. Erst ging Merlin, mein Mitfreiwilliger, der mir die ersten Monate in Indien enorm erleichtert hatte  und zum Schluss Lion, der mir das Feiern in Indien erst wirklich schmackhaft gemacht hatte. Er fuhr damals zuerst vom Calangoat ab und je weiter sich sein Uber entfernte, desto weniger gelang es mir, frei zu atmen. Es gab seltene Momente, wo mir das indische Verkehrschaos zusetzen konnte, doch in jenen Augenblicken ließ es mich die Fäuste wütend zusammenballen.



Umso schöner war es nun an jenem Ort einen kleinen Neuanfang mit Leuten zu feiern, die ebenso begeistert vom indischen Nachtleben waren, wie ich. Nach einem guten Essen und lustigen  Gesprächen kehrten wir dem Calangoat den Rücken und es verschlug uns ins Concu, einer luxuriösen Patisserie, voller süßer Küchlein und Schokoladen-Variationen. Ebenfalls ein alter bekannter Platz, nun jedoch mit neuen Gesichtern, die sich gierig über die Süßigkeiten hermachten und vor Genuss stöhnten, so gut schmeckte es hier. Währenddessen, im Hintergrund dudelte einer meiner Lieblingssongs auf Hindi, fühlte ich mich zurückversetzt zu jenen gemeinsamen Abenden mit liebgewonnen Freiwilligenfreunden und dem Gefühl zum Glück noch viel Zeit mit ihnen verbringen zu können. 

Doch nun war mein Monat Indien beinahe abgelaufen, in vier Tagen würde ich nach Mumbai fliegen und 12 Stunden später nach Berlin. Das hielt ich jedoch für mich und genoss den restlichen Abend mit vor Erfüllung seufzenden deutschen Freiwilligen, die im Futterwahn entschlossen am Samstag feiern zu gehen …



„Du hast uns nicht gesagt, dass das deine letzte Nacht ist, Junge!  Schlaf dich lieber aus, bevor du morgen deinen Flieger verpasst. Wann fliegst du?“, fragt Anna entrüstet.

„Acht Uhr morgens. Heißt, ich muss um fünf aufstehen, damit ich rechtzeitig zum Flughafen komme. Im Grunde können wir also bis drei feiern, ich schlafe zwei Stunden, stehe wieder auf und fahre. Wie gesagt, das ist meine letzte Nacht und die möchte ich mit euch verbringen“.

Etliche Male habe ich bereits überlegt, ob es wirklich die beste Idee ist, die letzte Nacht im Club zu verbringen, doch irgendwas reizt mich daran und Jax, die mir innerhalb des letzten Monats ans Herz gewachsen und somit die einzige Bezugsperson ist, die mich davon hätte abbringen können, findet die Aktion cool. In diesem Sinne können Anat und Anna sagen was sie wollen, ich bin dabei. Ich kenne den DJ, der uns eingeladen hat gut und außerdem brauche ich heute Musik, um mich von schlechten Gedanken abzubringen. 

Wir steigen in ein Taxi, die beiden Prerana-Mädels versuchen das heimlich und unbemerkt zu tun, sind sie verhältnismäßig dünn bekleidet und schämen sich ein wenig dafür, so die die weiblich indische Kleidungskultur zu vernachlässigen.

Doch angekommen beim „TOT“-Nightclub fallen sie kaum mehr auf, sind die Kleidungssweisen der Reichen und Schönen westlich angepasst.

Wir stehen auf der Gästeliste, werden dementsprechend durchgewinkt und hören bereits die Bässe in der Vorhalle des Clubs. Wir werden eine Treppe hochgeleitet und befinden uns nun drei Meter über der Tanzfläche. Hier ist unser Bereich, wo kein anderer hinkommt. Wir sind die heutigen VIPs des Abends, so scheint uns und das wird noch deutlicher, als einer der Bediensteten meint, dass wir heute aufs Haus trinken. Nichts aus der tatsächlich sehr teuren Getränkekarte müssen wir bezahlen. Wir jubeln der Musik entgegen, bestellen Tequila für alle und bedanken uns überschwänglich beim vorbeischauenden Novlik, dem bekannten DJ, der schon unter mir und meiner Generation an Freiwilligen sehr beliebt war. 

„Are you ready for the Party afterwards?!“, fragt er uns über den Lärm hin schreiend. 

Da indische Clubs meist nur bis Mitternacht offen sind und dann von der Polizei geschlossen werden, gibt es oft selbstorganisierte Parties danach, die bis früh in den Morgen gehen und meistens sogar besser sind, als die des Clubs.

„We are out“, ruft Jax.

„Why?!“ 

„Leo has to go to Mumbai this morning!“

„Bro, are you insane! That’s madness!“ Novlik wirkt geschockt. 

„That´s the lifestyle, mate!“, rufe ich ihm entgegen und sehe, wie sich sein Gesicht erhellt. Wir boxen unsere Fäuste gegeneinander und er mischt sich, genauso wie wir, unter die feiernden Inder, die mir seit zwei Jahren, wie das beste Partyvolk der Welt vorkommen. Energetisch schreien sie ihre Euphorie in die Welt hinaus, sind entfesselt und beseelt.

Bald geht der Beat der Musik unter die Haut und der hämmernde Rhythmus aus den Boxen schließt sich gleich mit dem unserer Herzen. Wir trinken ohne zu bezahlen, alles blinkt und blitzt im Strobolicht, die Masse tobt und in dieser Menschenmenge erblicke ein indisches Mädchen, das mir bekannt vorkommt. Auch sie erkennt mich, wir lachen, umarmen uns lang und beginnen zusammen zu tanzen. Mona. Letztes Jahr auf einem Festival kennengelernt, haben wir über die Zeit, wo ich in Deutschland war, Kontakt gehalten und nun scheint es so, als wäre keine Zeit zwischen uns vergangen. Sie steht für einige Momente still, währenddessen wir gemeinsam, über beide Wangen strahlend, über die Tanzfläche schweben, verfließt uns aber augenblicklich, als die Musik abrupt aufhört. Die Leute murren. Es ist schon nach Mitternacht.  

„Hey, kommst du noch mit? Wir wollen noch etwas essen.“ Mona ist komplett außer Atem.

„Sorry, in sechs Stunden geht mein Flieger nach Mumbai. Ich muss schon wieder gehen.“

„Nicht dein Ernst! Fuck, dabei haben wir uns gerade erst wiedergesehen.“

„Ich weiß. Werde dich vermissen.“

„Ich dich auch!“ Sie sieht traurig aus. Wir umarmen uns eine Zeitlang, während die meisten Gäste um uns herum aus dem Club strömen. Sie löst sich als erstes aus der Umarmung.

„Komm bald wieder“, ruft sie, winkt und verschwindet im Menschenstrom aus dem Gebäude. 

„Ich versuch´s“, flüstere ich.  



 

7 Stunden später

Mein Kopf brummt. Er übertönt beinahe die Maschinen des Flugzeugs. Ich hab zu viel getrunken,  zu wenig geschlafen und zu viel Abschiede hinter mir. Sich zum Schluss von Jax zu verabschieden, die sich nochmal aus dem Bett gekämpft hatte, um mich zum Taxi zu bringen, war hart.

Ich bin schlecht in Verabschiedungen, gerade wenn ich nicht weiß, wenn ich wiederkomme. Dieser letzte Monat mit ihr schießt in kurzen, pochenden Erinnerungsfetzen durch mein schmerzendes Haupt und entlockt mir ein dünnes Lächeln. Wir waren zusammen in kleinen Ureinwohnerdörfern, hörten haarsträubende Geschichten der dort lebenden Bauern, schwammen am Fuße von Wasserfällen, fuhren Porsche,  befreundeten uns mit reichen Indern, betrieben Yoga und Kraftsport, fanden einen großen Babyratten-Hort im Office und fuhren unangeschnallt mit fünfzehn Leuten in einer Rikscha. Was für eine tolle Zeit!

Eine Cola und ein durchgebratenes Spiegelei liegen vor mir. Ich sitze in der fast ersten Reihe in der Business-Class, wurde ich überraschend aufgestuft, worüber ich sehr glücklich bin, da ich hier alleine sitze. Ich brauche Ruhe. Menschen sind laut! Meine Augen sind lichtempfindlich. Alles flackert, als wäre die Party und das Strobolicht mit zum Flughafen gekommen. Aua. Dieser exzessive Lebensstil von der Party aus in die Luft zu steigen, mag nett klingen, ist in der Praxis aber nicht ratenwert.

Hyderabad wird immer kleiner, Autos werden zu Ameisen und Hochhäuser zu winzigen Hütten. Gewaltige Wolkenberge schieben sich vor die Stadt und selbst mit heftigem Kater ist jener Ausblick wunderschön. 

Jede Faser meines Körpers schreit nach Schlaf, doch ich kann nicht, möchte ich weiter aus dem Fenster schauen.

Eine Stunde später schälen sich pompöse Wolkenkratzer aus dem Meer. Mumbai liegt in all seiner Schönheit vor uns.

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Doch wenig später landen wir und ich erhasche einen Blick auf die vielen geduckten Slum-Hütten direkt neben der Rollbahn. In welch unterschiedlichen Realitäten jene Menschen leben müssen. Vor ihrer Haustür heben jeden Tag hunderte Flugkörper ab und bringen Menschen an komplett andere Orte und sie selbst sind dort gefangen, im Moloch einer stinkenden, lauten 12 Millionen Metropole voller gescheiterter Existenzen.

Der Tag verfliegt, ich schaffe es ins Hostel nach Colaba, dem reichen Touristenviertel.  Bombays, streife durch eine bunte Ladenstraße voller schreiender Händler und unzähligen Gerüchen. Ich lasse mir ein Shirt andrehen  und ein Händler ist so geschickt, dass er es schafft mir ein Hemd zu schneidern, obwohl ich das gar nicht wollte.

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Doch mein Kater und die unglaubliche Hitze des Staates Maharashtra tun ihr Bestes, um mich gefügiger gegenüber allem zu machen. Ich schwitze, alles dreht sich und alle Menschen sind viel zu laut. Gegen Abend falle ich müde ins Bett, weiß darum, dass ich bereits 03:00 Uhr morgens wieder aufstehen muss, um in die Heimat zu fliegen und döse murrend ein. 



 

16 Stunden später  

Brrr, ist das kalt! Soeben bin ich aus dem Flughafengebäude in Berlin-Tegel getreten und wurde auf der Stelle mit der windigen Wahrheit konfrontiert. Der Sommer in Deutschland ist vorbei. Einen Monat zuvor war eben jener noch im vollen Gange, doch nun hat der Herbst Einzug gehalten. Der Kontrast zwischen 35 und 10 Grad lässt mich ordentlich frösteln. Darauf war ich nicht vorbereitet. Jeder Deutsche trägt eine dicke, dunkle Jacke. Außer ich, der nur einen dünnen Pullover anhat, der gestern noch viel zu warm war. Welch seltsamer Realitätenwandel. Und sofort werde ich am S-Bahnhof Beusselstraße der deutschen Kultur ausgesetzt. Die Bahn kommt nicht pünktlich. Verrückt. Da komme ich aus einem Land mit Milliarden von unpünktlichen Menschen, wo aber jeder Zug fast zu früh einfährt und in der Hauptstadt des Landes der Pünktlichkeit, will die Bahn nicht erscheinen. 

Doch eigentlich mag ich das. Genauso wie den Herbst. Klar, lässt er mich die ersten Momente, zurück in der Heimat, zittern, aber schnell begreife ich dessen Schönheit. Ich habe bunte Sarees gegen bunte Blätter getauscht und spätestens daheim, als mich ein großes Bett mit dicker Matratze erwartet und ich den Rausch der letzten zwei Tage ausschlafen kann, bin ich auch gar nicht so böse, wieder hier zu sein. In den vergangenen 48 Stunden habe ich insgesamt nur sechs Stunden geschlafen und bin sehr happy, statt einer dünnen Matratze, auf der ich in Indien Schlaf fand, nun eine richtige Schlafstätte vorzufinden.

Ich weiß, dass ich Freunde in Hyderabad zurückgelassen, jetzt aber meine Familie und alte Freunde wieder habe. Zudem wird mich ebenfalls ein Neuanfang in Weimar erwarten. Ich bin in ein anderes Zimmer meiner 16er WG gezogen, neun Menschen sind neu dazugekommen und hoffentlich werde ich mit ihnen das nächtliche Weimar, statt dem weit entfernten Hyderabad unsicher machen.  Und ich weiß auch, und das mehr als letztes Jahr, dass eine Rückkehr in die 8 Millionen Metropole gar nicht so unwahrscheinlich ist …

Das Leben der Khonds

“Namskaram, bro, sagt Faiz, faltet beide Hände und beugt leicht den Kopf in meine Richtung, als er sieht, dass ich aufgewacht bin. 

“Namaskaram, bhaiyya”, erwidere ich und gähne. Guten Morgen, Bruder. Ich schaue auf die Uhr. Es ist halb sieben Uhr morgens und es regnet. Schon wieder. Draußen verschwimmt das Ureinwohnerdorf Poolabanda im vernebelten Monsun und erneut muss ich feststellen, dass es unfassbar dämlich war, meine gewaschenen Klamotten draußen aufgehängt zu haben. Sie sind jetzt wieder genauso nass, wie gestern. 

Hinter mir mauzt es. Draußen versucht Ammu, eine kleine Katze, die Gefallen daran gefunden hat allen mit ihrem Geschrei auf die Nerven zu gehen, um ins Office zum Streicheln reingelassen zu werden, die Fliegengitterfenster hochzuklettern.

“Miiiaaaaau”, wettert sie und alle menschlichen Anwesenden, die noch schlafen, stöhnen und drehen sich auf die andere Seite. 

Seit 9 Tagen nervt uns diese dünne Dorfstraßenkatze mit ihrem lauten Meckern. Doch sie weiß, dass sie immer wieder Erfolg damit haben wird, hält keiner ihr anhaltend, stoisches Miauen lang aus. Ich richte mich auf, befreie mich aus meinem Schlafsack, strecke mich schlaftrunken und öffne die Officetür einen Spalt breit. Der Geruch von gekochten Reis zieht ins Zimmer, Ammu flitzt hinein, ich inhaliere die Dorfluft tief in meine Lungen und schließe die Tür wieder. Ächzend und stöhnend setze mich, da ich einmal wieder stocksteif und verkrampft bin, schlafen wir alle lediglich auf einer sehr dünnen Strohmatte, die der Härte des Bodens gehörig Konkurrenz bietet. Die junge, weiße Katze macht sich in meinem Schoß schnurrend gemütlich und beginnt wenige Augenblicke später zu träumen. Ich bekomme mein Notizbuch zu fassen und beginne meine gestrigen Erlebnisse und Gedanken, die ich in den Dörfern hatte aufzuschreiben. Das mache ich hier jeden Morgen so, bin ich am Abend zu müde und geschafft vom Tag.

“Was schreibst du, Bro? Fragt mich Faiz von oben bis unten musternd. Ursprünglich aus Delhi kommend und jetzt in Bangalore studierend, ist er der Spaßvogel der Studentengruppe, die mit uns zusammen die Dörfer bereist und observiert. Anfangs verstand ich seinen beinahe zynischen Humor nicht, war von ihm verunsichert und ging ihm aus den Weg, soweit es eben möglich war, in einem Raum voll mit 13 Leuten jemanden aus dem Weg zu gehen. Doch die Tage verstrichen, wir erlebten Abenteuer, schwammen im Quellen und Wasserfällen und mit der Zeit begann ich ihn zu mögen.

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“Meine Erlebnisse von gestern. Ich möchte, wenn ich aus den Fields komme, Blog schreiben und dazu notiere ich alles, was passiert ist.” 

“Komme ich auch darin vor?”, fragt er neugierig. Er beugt sich über mein Buch, doch kann nichts entziffern, da ich auf Deutsch schreibe. 

“Wer weiß”, ich tue so, als würde ich ernsthaft darüber nachgrübeln, ob ich ihn irgendwo erwähnt habe. 

“Du musst mich erwähnen, Bro! I´m your favourite harami!” 

Ich schmunzele. Harami ist eigentlich ein Schimpfwort auf Hindi, doch zwischen uns beiden ist es wie ein Kosename für den anderen geworden. 

“Arschloch”, sage ich im Gegenzug und sehe wie Faiz beginnt zu grinsen und dankbar eine kleine Verbeugung andeutet. 

Während ich schreibe und schreibe, erwachen auch die anderen. Jax schlägt die Augen auf, befreit sich von Layas Klammergriff und gähnt. Sie und die Inderin aus Telangana, die für die anderen als Übersetzerin zwischen Telugu und Englisch fungiert, schlafen seit einigen Tagen dicht beieinander, haben sie sich zu guten Freundinnen entwickelt.

Insha, ein ca. 1,50m großes Mädchen mit riesigem Herzen und einem Talent dafür sich Songtexte einzuprägen, blinzelt und schaut verängstigt zu mir und Ammu herüber, hat sie große Angst vor jeglichem Vierbeiner, der sich ihr auf 5 Meter nähert. 

Runal, der von seinen Eltern so genannt wurde, weil beide große Fans von Cristiano Ronaldo (Ronaldo = Ronal = Runal) waren, blickt verschlafen zu Vanshika hinüber, die in Gedanken versunken nach draußen starrt. 

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Neben mir sitzt Amit, der auch schon seit gut anderthalb Stunden, in sein kleines Büchlein schreibt. Er ist der in sich ruhende Philosoph der Gruppe, der das Dorf und das wilde Leben darum herum liebt und seine Freundin, die in der USA studiert, sehr vermisst. Wegen ihr hat er ein Tattoo am Handgelenk. Ein Unendlichkeitszeichen, was auf der einen Seite in den Fußabdruck einer Wildkatze mündet und auf der anderen Seite in eine Kamera. Er selbst symbolisiert den Fußabdruck, welcher für “wild life” und seine dahinterstehende Liebe für die Natur steht. Die Kamera steht für seine Nikita, die laut ihm begeisterte Filmliebhaberin ist. 

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Kalpesh, eine 23-jährige Frau, geboren in der Nähe von Mumbai, reicht allen Anwesenden Chai und grinst mich kopfwackelnd an, als ich meinen Tee entgegennehme. 

“Tum kaise ho? Wie geht es dir? 

“Main theek hoo.“ Mir geht es gut. 

Kalpesh hat eine sehr interessante Lebensgeschichte, will sie/er eigentlich gar keine Frau sein, sondern ein Mann. In Indien ist das teilweise noch sehr verpönt, so auch bei seiner Familie. Er hatte sich nie getraut, es dieser zu gestehen, wurde mit 20 Jahren an einen älteren Mann zwangsverheiratet und stellte währenddessen fest, dass er überhaupt gar keine Anziehung zu Männern hatte und sich nicht wohl innerhalb seines eigenen Körpers fühlte.

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“I just have a soul, without a body”, gestand er mir eines Abends, als wir zu zweit durch die Reisfelder marschierten.

Er hielt es nicht in dieser Ehe aus, konnte aber seinen Eltern, aus Angst verstoßen zu werden, jene Gefühle nicht mitteilen, brach das brüchige Bündnis aus etwaigen Gründen ab und fand, wie durch Zufall die kleine Ureinwohnerrechtsorganisation Dhaatri, die ihn und seine Wünsche verstand und direkt einstellte. Hier darf er nun frei seine Gedanken äußern und wird von allen dazu ermutigt die Operationen, die es braucht, um eine Geschlechtsumwandlung zu vollziehen, zu machen.

Es gibt Frühstück, ich lege mein Buch beiseite und schaufle mir Reis auf meinen Teller. 

“Was machen wir heute?”, erkundigt sich Jax und schaut in die Runde. 

“Wir besprechen unsere Ergebnisse, die wir in den letzten Tagen aus den Dörfern gesammelt haben”, meint Amit.

“Was anderes können wir heute sowieso nicht tun”, meint Insha und schaut lethargisch aus dem Fenster. Draußen versinkt die Welt in dunkle Grautöne. Ein nasser, räudiger Straßenhund flitzt vorbei, auf der Suche nach einem trockenen Plätzchen, gefolgt von einer aufgebracht gackernden Glucke, die ihren Kücken, die in einer langen Reihe verträumt hinter ihr her tippeln und durch Pfützen platschen, versucht schnellstmöglich den Weg zum Hühnerschlag zu erörtern. 

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“Wir tragen erst das zusammen, was wir aus den Dörfern Malkapulam und Kumarithum  observieren konnten und reden dann über Dallapalli”, meint Amit, der die miauende Ammu davon abhält seinen Reis zu fressen. 

„Dhaaaaallapalliii“, ruft Insha. Sie betont das Wort in einem derart italienisch passionierten Stil, dass alle kichern müssen. Da keiner irgendein Wort für die Schönheit und Einzigartigkeit jenes Dorfes finden konnte, wird nun allein der leidenschaftlich vorgetragene Dorfname verwendet, um jene Gefühle, die alle mit dem Ort verbinden, auszudrücken. 

“Dhhaallaapalliii”, stimmt Amit zu. 

“Malkapulam war doch dieses Dorf voller reicher Leute, oder?, frage ich in reger Erinnerung. 

45 Familien lebten dort und 43 davon besaßen richtige bestrichene Häuser aus Beton. Ein Haus besaß sogar Fenster! Glasfenster! Darüber staunte ich nicht schlecht, denn in vielen anderen Orten hatten die kleinen Ein-Raum-Lehmütten lediglich eine Lichtquelle und zwar den Ausgang. 

“Genau. Die meisten Leute waren aus höheren Kasten und gläubige Hindus. Lediglich zwei Familien kamen aus tieferen und wurden nie zum Gram Sabha eingeladen”, berichtet Vanshika. 

“Was war nochmal ein Gram Sabha?”

“Der Gram Sabha ist eine lokale, vierteljährliche Versammlung in jedem Dorf der Adivasi. Dort treffen sich die meisten Bewohner und reden über Themen, die sie unbedingt ansprechen müssen. Das Ganze wird vom Sarpanch geleitet. Dem für gewöhnlich Ältesten oder schlaustem Kopf im Dorf, der jene Treffen organisieren muss. In Malkapulam ist es so, das haben wir herausgefunden, dass immer eine Person aus einer höheren Kaste den Sarpanch stellt. Deswegen werden auch nie Leute aus tieferen Kasten ins Dorf ziehen können, weil das Oberhaupt des Dorfes dies verbieten würde. Neben dem Gram Sabha gibt es noch den Panchayat. Ein Zusammentreffen von Sarpanchs und anderen Vertretern verschiedenster Dörfer in unmittelbarer Umgebung. Dort wird dann über größere Probleme diskutiert und im Endeffekt bestimmt die Politik des Panchayats und nicht die der eigentlichen Regierung des Staates, das Leben der Dörfler ringsum. Kurzum: Die Dörfer organisieren sich selbst. Der Staat schafft es nicht sich mit den Problemen aller kleinen Dörfer in den Bergen auseinanderzusetzen”, berichtet Laya, die mehr verstanden hat, als die meisten anderen, da ihr keine Sprachbarriere im Weg steht.

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“Aber trotzdem hat der Staat doch irgendwie Einfluss in diesen Gebieten, no?, erkundigt sich Runal. 

“Ja, sogar mehr, als gedacht”, bringt sich Madhavi ins Gespräch ein. “Die Regierung stellt Rationskarten an die Bewohner aus. Da nicht alle Lebensmittel in den Agrargebieten angebaut werden können, wird jeweils fünf Kilogram Reis pro Person, Zucker und Dhal gratis jeden Monat zur Verfügung gestellt. Alles Weitere, wie Öl, Salz und Chai-Pulver, was auch ziemlich elementar für das Überleben der Menschen in den Bergen ist, muss bezahlt werden. Im Gegenzug müssen die Bauern Teile ihrer selbst angebauten Produkte wie Bohnen, Kaffeebohnen, Ragi, und Chilis an die Staatsbeamten abgeben. Zusätzlich bestimmt das Forest Department über die Landverträge der Farmer, kann diese vergeben oder auch entziehen, was es sehr gerne macht. Zusätzlich bekommen die Menschen auch nur durch die Regierung ihren Lohn.”

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“Und der ist sehr gering!”, unterbreche ich Madhavi. Ich habe selbst einen Blick in die wenigen Unterlagen der Dörfler werfen können und war ganz schockiert, als ich sah, was die meisten durchschnittlich pro Jahr verdienten. Es belief sich auf ca. 9000 Rupien. Monatlich entsprach das also 750 Rupien. Knapp 10 Euro!! Selbst für indische Verhältnisse ist das verdammt wenig. Pro Woche nur mit 2,50 Euro auszukommen ist kaum vorstellbar, wenn halbwegs akzeptable Klamotten in der nächst größeren Stadt schon jeweils 7 Euro und ein Wocheneinkauf, bestehend aus Gewürzen, Reis, Gemüse und Öl 2 Euro kosten. Ein neugekauftes T-Shirt bedeutet für die meisten Dörfler also knapp einen ganzen Monatslohn auszugeben. Klar, dass die meisten dann ihre Klamotten Jahre lang tragen und es in Kauf nehmen, dass diese immer mehr Löcher aufweisen. Essen ist dann doch wichtiger, als Aussehen.

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“Genau, richtig Leo!”, pflichtet mir Laya bei und wuschelt mir über den Kopf. Sie konnte sich vor dem Trip nach Poolabanda kaum vorstellen, jemals mit zwei weißen Europäern zusammenzuarbeiten, die sie auch noch dementsprechend mögen. Seit ungefähr Tag 3 ist sie oft an meiner Seite, hält meine Hand und ist mir sehr dankbar, dass ich ihr, damit sie mich nicht so schnell vergisst, ein Souvenir aus Berlin geschenkt habe. Ein Mini-Brandenburger-Tor. 

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“Der geringe Lohn führt vor allem zu Problemen bei Familien mit geistig oder körperlich eingeschränkten Kindern. Diese können später nicht auf dem Feld arbeiten und sind dementsprechend ein zusätzliches finanzielles Risiko für die Dörfler. Und hier hat die Regierung auch ihre Finger in Spiel. Bei ganz vielen Haushalten ist es nämlich so, dass überhaupt keine Zertifikate für die Behinderung der Kinder ausgestellt werden. Manche Bewerber werden sogar einfach ignoriert, obwohl die Familie sich mehrfach dafür meldet, um zusätzliches Geld zu erhalten.

“So eine Scheiße!”, schimpft Jax, die immer noch sauer und aufgebracht über den gestrigen Besuch in einem Dorf namens Kumarithum ist. Dort gibt es drei Personen, zwei davon Kinder, mit entweder geistigen oder physischen Behinderungen. Ein Kind hat von Geburt an verdrehte Hände und Füße, kann weder greifen noch laufen und ist auf die Hilfe seiner Eltern und Geschwister angewiesen. Der Staat schaut weg und sieht keine Einschränkung. Dementsprechend wird die Familie nicht zusätzlich gefördert. Mutter und Vater des Kindes kommen aus der selben Familie, sind Cousins und darin sehen die Ärzte aus dem nächstgelegenen Krankenhaus das Problem. Sie helfen erst gar nicht mit Lösungsversuchen, weil sie “Inzest” abscheulich finden. 

Selbes Problem mit einem Mädchen, das nach einer überstandenen Malaria-Erkrankung,  aufhörte zu sprechen, seitdem immer wieder Schwächeanfälle hat und einfach in sich zusammenbricht. Überall hat sie Schürfwunden und aufgerissene Verletzungen von den Stürzen, die sie in den Bergen erleidet. Niemals kann sie alleine gelassen werden, doch läuft sie oft einfach weg. Die Eltern haben es aufgegeben nach Ärzten und Mitteln zu suchen, die ihr Kind heilen könnten und beugten sich bereits vor Jahren ihrem Schicksal.

In einem anderem Dorf gibt es einen Jungen ohne Beine, der von den Ärzten Pillen verschrieben bekommen hat, die seine Beine wieder wachsen lassen sollen. Absurd. 

“Aber hier können wir nicht einfach nur observieren! Das ist nahezu pervers!”, werfe ich ein, der nach gestern ebenso wütend, wie Jax ist. Wir waren zu sechst in jenes Dorf gegangen und standen im Halbkreis um die beeinträchtigten Kinder. Die Eltern erzählten von ihren Problemen, Laya übersetzte und wir nickten stumm. Am Ende dankten wir den Leuten für ihre Offenheit und gingen.

“What the fuck!”, dachte ich immer wieder. Ich kam mir vor, wie im Zoo. Wir privilegierten Städter kamen in ein Ureinwohnerdorf, schauten uns behinderte Kinder an und gingen wieder, ohne irgendwas getan zu haben. Wir waren verdammt noch mal verpflichtet, zu helfen.

“Aber wie sollen wir helfen, Leo?! Das ist das Problem! Die Familien müssten in die größten Städte Indiens, wie Delhi oder Mumbai reisen, um in Krankenhäuser zu kommen, die tatsächlich professionell genug sind, um ihnen zu helfen. Klar könnten wir Crowdfunding Projekte starten, Geld sammeln, aber wie viel bräuchten wir überhaupt? Es ist nicht nur mit einem Delhi-Besuch getan, die Kinder bräuchten eine monatelange oder jahrelange Behandlung. Denkst du, die Familien hätten die Zeit, um 30 Stunden mit dem Zug nach Delhi zu fahren. Jeweils? Hin und zurück? Die müssen ihre Ernte bestellen, sich um ihre Felder kümmern, sonst droht ihnen das Aus. Wir können nichts tun. Nur Druck auf die Regierung machen, die uns wahrscheinlich ignorieren wird”, proklamiert Insha, die Jax und mich gestern bereits unsere Wut zügeln musste. 

Wir beide sitzen da und schmollen. Ich bin nach wie vor der Meinung das Schicksal der Menschen in der Presse zu veröffentlichen. Vielleicht finden sich Leute, die mehr spenden, doch auch die Idee wurde bereits damit abgeschmettert, dass sich in der Stadt niemand für die Dörfer interessiere. Vor allem wegen Religionsgründen. Ursprünglich hatten die Khonds ihre eigene Stammesreligion und glaubten überwiegend an weibliche Naturgötter. Dann kamen die Brahmanen und zwangskonvertierten die Menschen zum Hinduismus und dessen männliche Götter, wie Vishnu, Shiva und Ganesha. Später kamen die Christen dazu und ließen ihre Kirchen in den Bergen zurück. Man erkämpft sich bis heute den Status, unabhängig zu sein. Manche glauben immer noch an ihre alten Götter, einige an Shiva und Co und wieder andere gehen jeden Sonntag zum Gottesdienst. Das ist der Regierung jedoch ein Dorn im Auge, will Präsident Narendra Modi aus Indien ein durchgängig hinduistisches Land machen. Hindustan sozusagen. 

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“Lasst uns zu positiven Dingen kommen”, meint Faiz, der die Stimmung aufhellen möchte und feixt in die Runde. 

“Dallapalli?”, fragt Insha neugierig. 

“Dhhaaallapalli”, ruft Faiz glückselig aus und alle stimmen euphorisch mit ein. “Komm Amit, bro, erzähl wie die Menschen dort verheiratet werden, jaaa! Und danach lass uns zum Wasserfall schwimmen gehen und Pause machen”

Alle schauen gespannt zu Amit, der nach wie vor Ammu auf den Schoß hat, sich streckt, an seinem Chai nippt und lächelt. Die Story erzählt er gern. 

“Also erst einmal vorweg; so war es einmal Tradition. Mittlerweile passiert jenes Prozedere nicht mehr ganz so häufig. Auf jeden Fall hat mir die nette Dame auf diesem Fels in den Agrargebieten – ihr erinnert euch ? – folgende Story erzählt …” 

Zurück in Dallapalli hatten wir eine Farmerin auf ihr Land begleitet, ließen uns auf einem gewaltigen Steinplateau nieder und stellten der Frau Fragen. Jax und ich saßen unbeteiligt daneben, da nur auf Hindi und Telugu geredet wurde, drum ist jene Erzählung von Amit mir auch neu. 

“Wenn sich zwei Personen aus unterschiedlichen Dörfern treffen und da ist dieses Funkeln, diese Leidenschaft zwischen beiden, so wird der Mann, mithilfe seiner Freunde, die Frau in sein Dorf entführen, sie in sein Haus bringen und sie verwöhnen. Sie soll sich wie daheim fühlen. Es wird den Sarpanchs der beiden Orte mitgeteilt, dass diese Liebenden heiraten wollen und alle möglichen Vorkehrungen werden getroffen. So beispielsweise werden die Hände des Mannes darauf überprüft, ob sie rau und schwielig genug sind, um die harte Arbeit auf dem Feld auch zu schaffen. Wir würden in dieser Prüfung übrigens alle durchfallen. Zu zarte Städterhände.”

Alle kichern und befühlen die Hand des Nachbarn. Jax und Ich sind für den Beruf des Bauern total ungeeignet und würden wohl nie eine gute Partie im Dorf finden. 

“Der Typ muss, wenn er tatsächlich Arbeiterhände vorweisen kann, ein Lied über seine Fähigkeiten singen. Darüber, ob er gut klettern, rennen, Büffel hüten oder sonst was gut kann. Danach wird die Frau gefragt, ob sie diesen Mann tatsächlich immer noch heiraten möchte. Sagt sie ja, ist alles super, sagt sie nein, darf sie wieder in ihr Dorf zurückkehren und dann gibts tatsächlich noch eine dritte Möglichkeit. Wenn sie sich nicht sicher ist, darf sie einem Testverheiratetsein zustimmen. Heißt, die beiden leben für drei Monate zusammen in einer Testehe und beide schauen, wie gut der andere im Alltag klarkommt.”

“Echt, wie lustig!” Ich muss lachen.

“Funktioniert die Testehe, wird nach diesen drei Monaten diese fortgeführt und wenn nicht, dann kehrt die Frau zurück. Im Fall einer Heirat gibt es ein großes Fest und die jungen Getrauten werden drei Tage in die Wildnis geschickt, um wilde Süßkartoffeln zu finden. Schaffen sie das, so sagt der Brauch, werden sie glückliche Jahre zusammen haben. Es gibt bei den Khonds nur Liebesheiraten und die Frauen werden doppelt und dreifach gefragt, ob sie wirklich damit einverstanden sind, den Mann zu ehelichen. It´s all about love, ladies and gentlemen!”

 “It´s all about love!”, tostet Faiz allen Anwesenden mittels seines erhobenen Stahlbechers zu. 

“By the way; I’m totally in love  with these waterfall, we wanted to go! Let’s go! Chaaloo, bhaayia! Auf geht´s, Bruder!” 

Er steht auf und streckt mir die Hand entgegen. Ich kriege zu fassen und er zieht mich schwungvoll auf die Füße. Alle anderen erheben sich ebenfalls.

“Chaaloo, Chaaloo!”, rufe ich auf Hindi. Lasst uns gehen!

Die Verabredung mit dem Wasserfall und uns, sollte für mich zum Wiedertreffen eines alten Bekannten werden. Erst scheint es so, als sei dieser neu für mich, als ob ich diesen Platz das allererste Mal sehen würde. Doch, als wir auf die Spitze klettern, bleibe ich eine ganze Weile wie angewurzelt stehen. Wir kennen uns. Da ist sie, die Quelle, die ich vor genau zwei Jahren, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, gefunden hatte. Dort hatte ich das erste Mal für mich realisiert,  dass ich ein zweites zu Hause gefunden hatte. Ich war da willkommen, wo meine Freunde waren. Welch ein schöner Zufall diesen Ort genau in diesen Momenten wiederzusehen, wo ich mir nichts sehnlicheres wünsche, als hier zu bleiben. Morgen heißt es Abschied nehmen von den Dörfern und auch von den lieben Menschen, die ich hier kennenlernen durfte. Faiz hatte mir bereits angeboten, als wir auf dem Weg zum Wasserfall waren, doch ihn in seiner Heimat zu besuchen und in diesen Momenten spürte ich, wie sehr er es ernst meinte. Er wollte mich wiedersehen, ihm war es wichtig. Wir waren Freunde geworden. Freunde, mit einer tiefen indischen Verbundenheit. 

„Wenn du in Delhi aus dem Flugzeug steigst, dann bist du von dort an unter meiner Obhut, Bro! Du wirst mit mir eine wunderschöne Zeit haben, Leo, Bro! My favourite harami!“ 

Wir sollten Spaß an diesem Vormittag haben und jene Freude trug uns den restlichen Tag über unser fortgesetztes Meeting, über die Probleme und Sorgen der Dörfler. Dieses siebte Abenteuer ging am nächsten Tag zu Ende und es war anders, als die Male davor. Plötzlich hatte ich mehr über die Menschen, die hier lebten, in Erfahrung bringen können. Ich war nicht abgeschottet gewesen, hatte Begleiter gehabt, die große Neugier und Energie an mich weitergeben konnten. War ich jedes Mal froh darüber, nach anderthalb Wochen Dallapalli zu verlassen, weil nichts mehr ging und alle Pläne den Bach hinunter strömten, so glaubte ich jetzt daran weiter hierbleiben zu können. Ich verstand immer mehr, was die Leute sagten und nicht selten schämte ich mich für mich selbst, letztes Jahr nicht die Sprache gelernt gehabt zu haben. Viel war mir dadurch entgangen, was ich jetzt dankbar in mich aufsaugte. Die Dörfer strukturierten sich während der zwei Wochen komplett neu, ich stand Menschen gegenüber, die nicht einfach nur Ureinwohner und gutes Fotomaterial waren, sondern Menschen, wie du und ich, mit täglichen Querelen. 

Ein Grund mehr irgendwann, in weiter Zukunft natürlich, diese Menschen verstehen zu lernen …