#stayathome

Anfang Februar 2020

Ich sitze zusammen mit Emily im Gemeinschaftsflur der WG. Es ist bereits abends, von der oberen Etage steigt, wie jeden Tag, ein verführerischer Bacon-Geruch nach unten. Lars kocht wohl seine Portion Nudeln mit angebratenem Gemüse und Schinken, wovon andere Leute hier drei Tage lang dran zehren würden. Er jedoch braucht die Kalorien, arbeitet und trainiert er jeden Tag im Fitnessstudio und isst seine, sich in einer großen Schüssel befindende, Mahlzeit jeden Abend komplett auf. Der Geruch erinnert mich an unser Ritual spätestens um 21:00 Uhr zusammen in mein Zimmer zu gehen und eine Serie zu schauen. Heute haben sich sieben Leute dazu bereit erklärt mitzumachen.

„Schon eine Idee, was wir schauen wollen?“, frage ich in Richtung Emily, die am Tisch sitzend leise die Tagesschau auf ihrem Handy schaut.

„Bloß nichts Gruseliges. Dann steige ich aus“, grummelt sie.

Ich muss lachen. Ihre Schreckhaftigkeit bei Filmen ist mittlerweile legendär, die Pose beider Hände, sie die ruckartig vor die Augen bewegt, um nichts mehr von der gruseligen Szene sehen zu müssen, ihr Markenzeichen.

„Nein, nichts Gruseliges. Versprochen“, kichere ich.

Durch das milchige Fenster in der Eingangstür sehen wir, wie das Licht im Treppenhaus angeht. Die untere Tür, die gerade jemand aufgeschlossen hat, um ins Haus zu kommen, fällt mit einem dumpfen Scheppern zu. Jemand steigt die Treppen hinauf. Es knarrt.

„Und, wer ist es?“, frage ich Emily. „Lass uns raten!“ Mittlerweile lässt sich anhand der unterschiedlichen Laufstile ganz gut erkennen, wer gerade die WG betritt.

„Ich tippe auf Jessi.“

„Nee, die läuft die Treppe nicht so schnell hoch“, kommentiert Emily.

„Lilli?

„Die ist weniger laut beim Hochlaufen.“

Die Eingangstür öffnet sich und vor uns steht weder Jessi noch Lilli.

„Holaaa!“, ruft Anneke und strahlt uns an. Sie wirft ihre gelbe Mütze auf das Sofa.

„Hola!“, erwidern wir. „Wir gehts dir.“

Just in diesem Moment tönt es aus Emilys Handy:

„Bundesgesundheitsminister Spahn sieht Deutschland im Kampf gegen das neuartige Corona-Virus gut gerüstet. Außerhalb Chinas sind nun in einigen Ländern bis zu 400 Fälle aufgetreten. So Spahn in einer Aktuellen Stunde im Bundestag.“

„Boah, komm mir nicht mit Corona! Ich hab da gerade so Angst vor. Das hat mich den ganzen Tag schon fertiggemacht. Was für Symptome bekommt man da eigentlich? Ich habe heute schon ein paar Mal genießt. Krieg ich das jetzt?“

Anneke lässt sich vollkommen geschafft neben mich auf das Sofa fallen. Ich schaue amüsiert zu ihr herüber. Unsere Blicke treffen sich und wir beide müssen grinsen.

„Waas? Warum lachst du? Bin ich gerade etwas zu Hypochonder?“

„Aber Hallo! Du musst dir gerade einfach nur die Statistiken anschauen. Wie viele sind in China gerade erkrankt? 1000? Das ist fast nichts im Vergleich zu den Milliarden, die dort leben. Und nur ganz wenige sind gestorben.“

„Vor allem braucht das sicherlich eine ganze Weile, ehe es bei uns ankommt.“, versucht Emily Anneke zu beruhigen.

„Meint ihr wirklich?“

„Ja“,kommt es von beiden Seiten. Ich war noch nie derjenige, der sich wegen irgendeiner Krankheit verrückt gemacht hat. Krank war ich selten. Zudem, so bin ich mir sicher, würde ein Virus nie so weit kommen, dass er Ausmaße einer Cholera,- oder Pest-Pandemie annehmen würde, dazu ist das heutige Gesundheitssystem viel zu gut. Ich glaube an das, was ich vor nicht all zu langer Zeit aus einem Buch von Yuval Noah Harari entnommen habe: Die Menschheit hat sich den Problemen entledigt, die sie 2000 Jahre lang hatte. Krieg, Krankheit, Hunger und Tod werden nie wieder in einer derartigen Intensität auftreten, wie zuvor. Technologie, Digitalisierung und Medizin hätten dazu beigetragen, dass jene Geiseln der Gesellschaft zwar immer noch vereinzelt aufträten, aber äußerst gering. Und vor allem nicht mehr in Ländern, wie Deutschland. So schildere ich es auch Anneke, die immer ruhiger wird, je mehr ich von den modernen Errungenschaften der Wissenschaft erzähle.

„Puh, das hat mich jetzt wirklich beruhigt! Danke Leute“, freut sich unser Nesthäkchen, das vor wenigen Wochen bei uns eingezogen ist, nachdem auch Emily weitere Maßnahmen zur Beruhigung eingeleitet hat.

Von oben kommt Lars mit seiner großen Schüssel voller Essen nach unten getappt und gesellt sich zu unserer kleinen Mitbewohner-Gemeinschaft. Die Mädchen starren gierig auf sein Essen, waren sie beide in der letzten Woche noch nicht einkaufen.

Und mit Lars kommen andere Gesprächsthemen, das Thema Corona wird unter der Diskussion über die heutige Filmauswahl unter den Teppich gekehrt und taucht in den nächsten Tagen kaum noch auf, widmen auch die Tagesnachrichten nur wenige Sekunden dem Virus ihre Aufmerksamkeit …


Sieben Wochen später

„Scheiße. Jetzt kanns nicht mehr schlimmer werden“, murmele ich. Soeben hat Jax, die momentane Freiwillige in meiner ehemaligen Einsatzstelle in Indien über WhatsApp bekannt gegeben, dass alle Deutschen, die dieses Jahr einen Freiwilligendienst im Ausland absolvieren, nach Hause beordert werden. Somit auch jene Personen aus Hyderabad, die ich im September noch kennen und schätzen lernte. Jetzt müssen sie zurück, obwohl eigentlich noch mehrere Monate Dienst vor ihnen liegen. Ich stelle mir vor, was ich alles verpasst hätte, wäre ich in meinem Jahr bereits früher abgereist. Eine ganze Menge, so stelle ich fest. Meine Reisen, in die großen indischen Metropolen, meine letzten Trips in die Ureinwohnerdörfer, Filmprojekte und vieles mehr. Es stimmt mich traurig, zu hören, dass Jax und ihr Mitfreiwilliger schon in den nächsten Tagen aufbrechen müssen, ohne sich richtig von der Stadt und dem Dorf verabschieden zu können, sind auch in Indien alle Bürgersteige hochgeklappt. Doch in einer indischen Quarantäne zu sein ist sicherlich weniger erstrebenswert. Hier ein Video, das mir aus Hyderabad zugesendet wurde. Man versteht kein Wort, aber es zählt hier eher die Tatsache, wie Informationen verbreitet werden.

Und alles wegen einer ausgearteten Epidemie, die sich in einer rasanten Geschwindigkeit über den Globus ausbreitete, zur Pandemie wurde und Millionen von Leben, meins eingeschlossen, auf den Kopf stellte …

Vor wenigen Wochen war ich aus Weimar zu meiner Familie nach Berlin aufgebrochen, es waren Semesterferien und der Plan sah vor, nicht ganz so lange zu bleiben. Mit meiner Reise in ein anderes Umfeld, änderten sich auch die Themen. Nun sprach man öfter über dieses Virus, das so langsam aber sicher seinen Weg nach Europa fand. Nach wie vor hielt ich es für anstrengend, dass meine Eltern und Großeltern so viel darüber redeten. Klar waren sie schon eher in der Zielgruppe, aber dennoch befand ich ihr Verhalten für etwas überzogen.

Anfang März ging ich noch mit einem guten Freund feiern, machte die ganze Nacht durch und kam erst früh am Morgen zurück. Ich verausgabte mich im Fitnessstudio, fuhr viel Bahn, doch tat ich das nicht mehr ganz so entspannt, wie vorher, merkte ich, wie meine damals dahingesagten Worte und Überzeugungen bröckelten.

Dann legte mich eine Weißheitszahn-OP lahm. Ich saß mit kalten Smoothies, Hamsterbacken und veganen Eis im Haus und unternahm vorerst keine Unternehmungen nach draußen. Und in dieser bettlägerigen Zeit, wo ich mit Kühlpads um den Kopf im Haus umherirrte, geriet die Welt aus den Fugen.

Die Schulen schlossen und so blieb auch meine kleine Schwester daheim und hielt meine Mutter mit konstant-anhaltenden „MAAMAA-Rufen“, während diese sich im Homeoffice probte, auf Trab.

Die Bundeskanzlerin hielt außerhalb ihrer Regel eine bewegende Ansprache. Drei Mal schaute ich sie mir an, verstand ihre Worte und konnte sie trotzdem nicht ganz greifen. Alles war plötzlich nicht mehr so, wie es war. Ich konnte nicht in meine WG zurück, gedanklich wünschte ich meiner Mutter viel Glück auf dem Weg in den Supermarkt, wo Leute wie verrück Klopapier kauften. Das Land war in den Energiesparmodus gefahren und ein Großteil der Bevölkerung verachtete plötzlich jene Leute, die raus gingen und sich mit Freunden trafen.


Nun herrscht Kontaktverbot, der Ruf nach mehr Beschränkungen des öffentlichen Lebens ist laut und auf einmal ist jeder Fan von Virologen, die komplett sachlich erklären, was Tacheles ist. Ein Jahr oder länger könnte Corona wüten. In Italien holen Armee-Trucks die vielen Toten ab, die schwarze Null ist Geschichte, Krankenhäuser rüsten sich für einen gewaltigen Sturm und Supermarkt-Verkäufer sind plötzlich die Helden einer Krise. Verrückte Zeiten. Hätte mir das mal jemand vor zwei Monaten erzählt …

Ich höre mit meiner Mutter Musik. Green Day spielt „Wake me up when September ends“.

„Welch passendes Lied“, sagt sie. „Wie schön es wäre, sich jetzt schlafen zu legen und einfach wieder im September aufzuwachen… wenn vielleicht alles wieder besser ist.“

Noch nie habe ich meine Mutter so reden hören. Sie kämpft sich immer überall durch. Nun hat sie ihr 45-Tage-Süßigkeiten-und Alkohol-Fasten, das bis Ostern gehen sollte, gebrochen. Zu viel Frust. Kann ich verstehen. Obwohl es sehr schön ist, wieder Wein mit ihr zu trinken.

Die nächste Zeit wird hart, „ es ist ernst“ und ich erwache jeden Morgen mit dem Gefühl des Unglaubens und der Verwirrung nicht genau zu realisieren, was gerade abgeht. Rausgehen bedeutet jetzt sein Leben und vor allem das der anderen, ein Stück mehr zu gefährden, Freunde treffen ist verboten, sozialer Kontakt eingeschränkt, mehrere Länder sind wie ausgestorben …; all das hat nicht gleichzeitig in meinem Bewusstsein Platz, ist jede einzelne Regelung so konfus und doch so logisch. Nie war irgendetwas so klar!

Die Regeln sind eindeutig und zu auf jeden Fall zu befolgen, egal wie schwierig es ist, sie einzuhalten.

Dabei bin ich, als Student in den Semesterferien noch relativ privilegiert in jener Krise, hat meine Familie einen eigenen Garten und Hunde, die es hin und wieder, nach draußen zu treiben gilt. Ich bin seit mehr als einem Monat nicht mehr in meiner WG gewesen, vermisse meine Mitbewohner und mein beinahe selbstbestimmtes Leben, was nicht heißt, dass mir die Zeit mit der Familie nicht gefällt, nein, es. beruhigt mich zu wissen, dass es allen gut geht. Die Uni hat noch nicht wieder angefangen, ich lese Bücher, höre Podcasts, meditiere, habe mir Geografie-, und Allgemeinwissens-Quizz-Apps heruntergeladen, um im Kopf noch fit zu bleiben, und erledige Gartenarbeiten, die ein guter Fitnessstudio-Ersatz sind.

Wir leben in einer Zeit, über die man in 30 Jahren in Geschichtsbüchern lesen wird und wir haben es nun in der Hand, wie jene Zeit in Erinnerung bleibt. Übt euch im Daheimbleiben, kauft nicht so viel Klopapier (Die Franzosen sind mit den Hamsterkäufen von Kondomenund Wein übrigens deutlich stilvoller) und haltet durch. Wenn ich eines aus den letzten Jahren gelernt habe, dann ist es, dass Veränderung die einzige Konstante in dieser Welt des Wandels ist. Alles wird vorbei gehen, wenn sich jeder anstrengt. Nichts ist mehr unmöglich, alles kann passieren und jene Zeit lehrt uns, stärker denn je, nicht auf festgefahrenen Meinungen zu beharren. Die meisten von uns haben den Virus auf die leichte Schulter genommen, ich auch und dafür muss ich mich insbesondere bei Anneke entschuldigen, der ich vor zwei Monaten noch erzählt habe, alles sei nur halb so schlimm.

Es wird schwer werden sich ständig neu zu orientieren und zu erfinden, doch kann uns die Quarantäne einen Weg, wie wir in Zukunft handeln und denken werden, vorgeben.

Populisten wie Trump und Boris Johnson versinken in ihrer Unsachlichkeit, die ihnen nun um den Kopf fliegt. Vielleicht endet gerade jetzt die Zeit der großen Demagogen und es wird Platz geschafft für mehr Wissenschaftlichkeit und Toleranz. Aus jedem Schlechten kann Gutes erwachen …

Und zum Schluss noch ein sehr schönes Zitat von Jan Böhmermann aus seinem Podcast „Fest und Flauschig (übrigens sehr hörenswert)“:

Jede nicht geschüttelte Hand, ist eine Oma, die überlebt.“

#stayathome

Do-It-Yourself-Tonstudios und alte Geschichten

„Okay, wir machen es wie geplant!“, sage ich. „Du liegst im Bett, hörst plötzlich was, schreckst auf, wirfst die Decke zurück und gehst aus dem Raum, okay?“

Ich richte die Tonangel Richtung Bett aus und setze die Kopfhörer auf. 

„1…2…3!“ Der rote Punkt auf dem Aufnahmegerät leuchtet. Anneke hört mein Signal und tut wie geheißen, stößt aber beim Aufschrecken mit irgendeinem Körperteil gegen das Bett, in dem sie liegt. 

„Aua, scheiße! Noch mal!“, ruft sie und beginnt zu lachen. „Lol, ich hab mich gerade vor mir selber erschrocken! Egal, nächster Take!  3…2…1..“

Dieses Mal muss ich kichern. Annekes Lachen ist ansteckend. Professionalität at it´s best! 

Ich stelle mich richtig hin und senke mein Mikrofon auf die Höhe von Anneke. Ich will schon wieder loslegen, doch so einfach ist dies nicht, denn von unserem Lärm angelockt, steht nun Jessi im Türrahmen, auf die ihr hier dargebotene Situation hinunterschauend. 

„Ihr seht echt lustig aus“, kommentiert sie unser Treiben. „Das passiert so echt nur in einer 16er-WG“.

Wo sie recht hat, hat sie recht. Meine WG wird jedes Mal ungläubig bestaunt, erzähle ich neuen Bekanntschaften von meinem Wohnort. Aufgrund der geringen Zimmergröße sind im Sommer neun Leute ausgezogen, um kleinere WGs zu finden. Neun neue Leute kamen, darunter Anneke und es lässt sich absehen, dass im nächsten Sommer wieder Leute ausziehen werden, obwohl sich jene Gemeinschaft aus diesen Mitbewohnern wie eine größere, zweite Familie anfühlt. Abends kann man davon ausgehen, dass sich nach und nach bis zu neun Leute am Essenstisch versammeln, das gekochte Abendessen der anderen bestaunen, davon kosten und sich den lockeren Gesprächsthemen der anderen anschließen. Sprachbesonderheiten verschiedenster Mitbewohner werden zu den eignen, da man dicht an dicht wohnt, sich aber jederzeit zurückziehen darf. Alles kann, nichts muss. So das System hier. Und auch wenn reger Betrieb herrscht und niemand sich so sicher ist, wie lange er bleibt, wird die WG immer schöner und gemütlicher. Zu meinem Einzug noch komplett weiß und leer, reiht sich nun Postkarte an Postkarte an teilweise bestrichenen Wänden, an denen kleine, mit Pflanzen verzierte Regale hängen. Anderthalb Jahre gemeinsame Geschichte ist hier bereits verewigt und es schmerzt bereits jetzt zu wissen, dass in noch mal so langer Zeit mein Bachelor-Studium, wenn alles gut wird, ein Ende findet und damit auch mein Verbleib in jener ersten WG meines Studentenlebens in Weimar. 

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Weimar als Stadt ist mir hierbei gar nicht so wichtig. Mein Studium mitsamt der WG wäre wohl in einer x-beliebiger Großstadt gleich oder besser aufgehoben und ich würde wenig vom vermeintlichen Charme der Goethe-Stadt vermissen, nimmt diese ihren Ruf für mich etwas zu Ernst. So lebe ich weniger für Weimar, als für mein Studium und zweitrangig für meine WG, deren Priorität ich ab und zu tatsächlich etwas zu hoch ansetze. So hatten mich meine Mitbewohner jüngst als Seele der 16er-WG bezeichnet. Nichtsdestotrotz genieße ich ebenso mein Studium, mit seinen ganz unterschiedlichen Facetten. Am Ende meiner drei Jahre werde ich wahrscheinlich keine genaue Spezialisierung darüber haben, was ich danach machen will, weil hier alles von allem unterrichtet wird. Ich erfahre etwas über die Konzeption von Start-ups, lerne alte Filmklassiker kennen, steigere mein Wissen über die heutige Anordnung der Wirtschaft, philosophiere aber ebenso viel über Aura von alten und neuen Medien und Archiven. Nichts bleibt konstant, die Themen wechseln mit jedem neuen Semester und es wird nicht auf ein vorangegangenes Thema aufgebaut. So war es wunderschön im ersten Semester sich in die genaue Analyse von Filmen zu stürzen, wie die Kamera wann wo platziert werden könnte oder wie Farben die Emotion der Handlung untermalen, doch eben jenes Wissen würde bis zum jetzigen Zeitpunkt nie wieder angewendet werden. Stattdessen: Tabula Rasa. Neuanfang. Nach dem Studium weiß ich alles und nichts und muss mich wohl danach, diesmal wirklich, auf eine Sache spezialisieren, die mich in der Zukunft näher begleiten wird. 

Was mich am Ende schließlich doch über ein Dreiviertel des letzten Jahres begleitet hat, ist eine ganz bestimmte Geschichte. Selbst erfahren, in diesem Blog bereits niedergeschrieben und im Juni letzten Jahres wiederbelebt worden. Mittels eines Hörspielkurses im zweiten Semester, kam jenes Abenteuer wieder mehr in den Fokus meiner Aufmerksamkeit und bliebt dort eine Zeit lang. Der Sinn jenes Projekts lag in der Konzeption eines Skripts, das zu einem Hörspiel verarbeitet werden sollte. Wir erfuhren die Basics zur Tonstudio-Arbeit, sowie die Verwendung von Stereo,- und Mono-Mikrofonen, die ganz unterschiedlich zum Einsatz kommen konnten. Viele aus meinem Kurs hatten bereits Erfahrung mit der Arbeit im Tonstudio und so fühlte ich mich in jenen Stunden des Lernens wie ein absoluter Anfänger, traute mir wenig zu und überlies den anderen das Üben mit der Technik und versuchte mir stattdessen so alles Mögliche übers Schauen einzuprägen, was selbstverständlich nicht wirklich funktionierte. Das Einzige, was ich wusste, war, dass ich eine Geschichte hatte.

Mein Skript war bereits früh fertig, doch ich kam einfach nicht zum Aufnehmen. Monate lang machte ich mir des Nachts Gedanken darüber, wie ich mit einem Mikrofon bewaffnet, losziehen würde, um mein Projekt abzuarbeiten.

Roadtrip zu einem Toten V4

Doch es blieb bei meinen Gedanken und so verstrich das zweite Semester, ohne, dass ich einen einzigen Sound aufgenommen hatte. Eine gute Ausrede hatte ich als studierter Meister der Prokrastination selbstverständlich parat. Die Vorgaben waren so bestimmt, dass, wenn man schon ein vollkommen funktionierendes Tonstudio auf dem Campus, sowie sehr gute Mikrofone und Aufnahmegeräte gestellt bekam, so sollte man bitte auch richtige Schauspieler für sein Stück suchen,  um die Qualität auf einer Ebene zu halten. Tat ich das? Nein. Viel zu anstrengend. Währenddessen andere aus dem Kurs an Schauspielschulen anfragten, blieb ich also, schüchtern, wie ich war in meiner WG und ließ hier meinen Frust darüber aus, dass ich niemanden für mein Hörspiel fand. Die Semesterferien zogen ins Land, ich fuhr für einen Monat nach Indien und hatte zu Beginn des dritten Semesters nach wie vor nichts in der Hand. Doch ich wusste, dass ich spätestens jetzt liefern musste. Meine Dozentin gab mir augenrollend Aufschub, da sie meine Ausrede für halbwegs gut befand. Erst jetzt kümmerte ich mich um mein Zeugs und ließ die Idee, richtige Schauspieler zu suchen, verkümmern. Ich würde Freunde und Mitbewohner finden, die mich und mein Stück mehr verstehen würden, als unbekannte Darsteller. Und so wurde das dritte Semester, mein persönliches Hörspiel-Quartal, obwohl es eigentlich ganz andere Aufgaben gab, die es nebenbei auch noch zu bewältigen galt. Ich lieh mir Equipment aus, weil ich das Tonstudio, wofür wir vor Monaten zwar eine Einführung bekamen, ich diese aber längst vergessen hatte, nicht verstand. Es war mir zu groß und viel zu viel Geräte , die ich eventuell gefährden hätte können, machten mich scheu. 

Ich fuhr mit teurer Ausrüstung nach Berlin zu meiner Familie, wo mein Großvater mich besonders dazu aufforderte endlich meinen Scheiß geregelt zu bekommen. So versuchte ich, eben diesen zu regeln, und gab zuerst meinem Großvater, meiner Mutter und meinem Vater Sprechrollen, die sie dankbar annahmen. Zurück in der WG fragte ich auch hier nach, wer mitspielen könnte und Jessi, eine studierende Produktdesignerin, die ebenfalls zur gleichen Zeit wie ich eingezogen war und mit mir schon einen Großteil der unteren WG umgestaltet hatte, erbarmte sich die Erzählerin zu übernehmen. Und damit kam die Atmosphäre in mein Stück. Ich versuchte, so gut es ging, aus meinem Zimmer ein kleines Tonstudio zu basteln, holte ein Dutzend große Kissen aus den Gemeinschaftsgängen der WG und türmte sie um das ausgeliehene Mikro auf, um einen möglichst schalldichten Raum zu kreieren. Über die Kissentürme warf ich eine dünne Decke und erschuf somit eine kleine Höhle. Meine ganz eigene Do-it-yourself-Ton-Höhle. Vollkommen schalldicht war diese nicht, immerhin besaß mein Zimmer drei Fenster, die allesamt raus zur befahrenen Straße zeigten. Zudem lag neben mir, der Waschmaschinenraum, die Eingangstür und der Flur, wo sich abends meist die halbe WG versammelte, um zu reden. Leise war anders. Oft verdrehte ich die Augen, bei einem vermeintlich sehr guten Take, der jedoch vom Grollen eines Lastwagens wortwörtlich überrollt wurde.

Doch bald wussten die meisten im windschiefen Haus von meinem Vorhaben, ich holte einige andere Mitbewohner ebenfalls mit ins Boot und ließ Anneke, die erst vor wenigen Wochen eingezogen war, aber schnell mit mir warm wurde, sodass ich sie ins Herz schloss, Treppen hoch und runter laufen, Türen zuwerfen, jubeln und knistern.

Bei der Geburtstagsparty von Joachim, einem Architekten im ersten Semester, den ich nach wie vor dafür sehr mag, dass er sich motiviert Ziele aufschreibt und beispielsweise versucht einen Monat lang jeden Tag, zu meditieren oder Sport zu machen, nahm ich die Atmosphäre der Party auf. Hier war ich wohl ein komisch aussehender Zeitgenosse. Alle tranken und lachten ausgelassen, während ich mit einer Tonangel, einem Aufnahmegerät um den Hals, großen Kopfhörern auf den Ohren und etlichen Kabeln im Gepäck, reglos dastand und das Mikrofon über die Menschen hielt, die so tun mussten, als sei alles ganz normal. Dass mich meine Mitbewohner mittlerweile noch nicht für vollends verrückt hielten, freute mich sehr! In der Mitte des Semesters stellte ich dann schmunzelnd fest, wie sehr meine Idee zu einem Mitbewohner-Familien-Projekt geworden war und schimpfte über meine Unfähigkeit das Potential meiner WG, so lange nicht erkannt zu haben. Ich ging raus, hielt das Mikrofon an der Tonangel vor meine Füße und nahm so Schritte auf, ließ meinen Großvater mehrere Male ins Auto steigen und losfahren, währenddessen ich von verwirrten Nachbarn, die sich fragten, was da vor ihrem Grundstück passierte, beobachtet wurde. Und es machte mir Spaß etwas zu haben, wofür ich brannte und was konstant einfach da war. Anfang Februar, am Ende des Monats sollte ich abgeben, hatte ich alle Sounds zusammen, nahm mich noch selbst und einen guten Studienfreund als Hauptrolle auf und kam schlussendlich zur Schneidearbeit, was mich etliche Nerven kostete, war es eins einen Film zu schneiden, was ich in Indien und zuvor in der Schule bereits oft gemacht hatte, aber was völlig anderes ein Hörspiel zu erschaffen. Eine ganze Welt musste aus den Sounds entstehen, die ich aufgenommen hatte. Und hier merkte ich meine ersten Anfängerfehler. Stimmen, die in einem Auto oder auf der Straße sein sollen, hören sich nicht wie Stimmen im Auto oder auf der Straße an, wenn sie im kleinen Raum einer Studenten-WG aufgenommen wurden und eben nicht vor Ort oder im Tonstudio.

Zudem merkte ich, dass es in mehreren Gruppenszenen, wo einige Leute Hintergrundgemurmel für die Atmosphäre machen sollten, auf meine Fähigkeiten als Regisseur ankam. In einer Szene,  die eigentlich im Auto spielte und mehrere Personen dicht gedrängt und euphorisch zusammensaßen, stellte ich mein Mikro einfach in die Küche, wo gerade fünf Mitbewohner anwesend waren und forderte sie auf zu improvisieren.

„Leute, stellt euch vor,  ihr sitzt alle in einen kleinen Auto, seit leicht angetrunken und stößt euch ständig an der Decke des Wagens. Okay? Und los!“

Dass ich hierbei viel zu wenig Infos rausgegeben hatte und mich darauf verließ,  dass meine Mitbewohner vielleicht nicht unbedingt außergewöhnliches Improvisationstalent hatten, kam mir erst später in den Sinn. Die Aufnahmen waren zwar lustig, aber im Schnitt bemerkte ich schnell, dass eine Küche,  wo Leute weit auseinander standen, kein Auto war und ich den Darstellern einen Vorgabetext hätte geben müssen.

Doch das zwang mich nicht in die Knie, es gäbe sicherlich nächste Male, wo ich meine Fehler ausbessern würde. Stunden verstrichen an wenigen Sekunden, Tage vergingen, an denen ich lediglich zwei Minuten Skript verwirklichte, aber je weiter ich kam, desto mehr hörte ich, wie meine Erinnerungen am Laptop auferstanden. Und am Ende des Monats war sie fertig, jene Geschichte aus meinem Freiwilligendienst in Indien, der nun zwar schon über anderthalb Jahre her ist, in meinem momentanen Leben noch längst nicht in Vergessenheit geraten ist.

Damals war ich von einer Party heimgekommen, wollte mich schon schlafen legen, als plötzlich der Anruf meiner Chefin kam, die mir mitteilte, dass der Vater einer Haushälterin,  die für uns kochte und den Haushalt schmiss, gestorben sei. Savitri müsse in das Dorf ihres Vaters, welches zehn Autostunden von unserer Stadt entfernt war. Einer von uns Freiwilligen müsse zur Unterstützung mitfahren, wobei die Wahl auf mich fiel. Mitten in der Nacht brach ich auf zu einer Reise zu einem Toten, mit einem trauernden Mädchen, das ich nicht trösten konnte, weil es eine andere Sprache sprach und ich nicht wusste, wie und ob ich sie aufheitern sollte. Stunden später, im Dorf angekommen, sah ich den ersten Toten meines Lebens. Gleichzeitig bereitete mir die Tatsache Sorgen, dass Merlin, mein Mitfreiwilliger, der in jenen letzten Monaten sich zu meinem besten Freund entwickelt hatte, am nächsten Tag, aufgrund einer Krankheit zurück nach Deutschland aufbrechen sollte. Neben meinem Mitleid, um Savitri und meinen Erfahrungen rund um den Tod, plagte mich der Gedanken meinen Freund in der nächsten Zeit nicht mehr sehen zu können …

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Merlin und Ich

Dieses Abenteuer prägte das nächste halbe Jahr meines Frewilligendienstes. Ich wurde erwachsener und lernte in Indien auch ohne Merlin auf eigenen Füßen zu stehen. Und auch danach war mein Roadtrip zu einem Toten eine Geschichte, die ich oft als Erstes erzählte, sprach ich über Indien, symbolisierte sie für mich mein Jahr und meine Erfahrungen über Indien. Die Spontanität von Entscheidungen, der Umgang mit dem Tod, das Verhältnis zwischen Indern und weißen Menschen; als Einstieg eignete sie sich hervorragend. 

Somit war es mir ein innerliches Anliegen, die Story in irgendeiner Form noch weiterzuverarbeiten und dank meiner WG, Freunden und meiner Familie hab ich das nun geschafft, auch wenn es sich etwas länger hingezogen hat. Doch nun hat die Arbeit ein Ende. 🙂

Hier das vollständige Ergebnis. 🙂 

Nehmt euch auf jeden Fall eine halbe Stunde Zeit, falls ihr das Stück ganz hören wollt. In Zeiten von Corona aber, müssten sich bestimmt ein paar ruhige Minuten finden. Ich freue mich gerne über Kritik und Kommentare. 🙂