Good Goodbye

Dein Leben im Rucksack

Wer kennt es nicht: Man fährt in den Urlaub, packt das ganze Auto voll mit Zeugs und muss feststellen, dass es meist so aussieht, als wolle man ein ganzes Jahr wegfahren. Dabei ist man doch nur eine Woche unterwegs.

Bei mir ist das umgekehrt. Ich BIN für ein Jahr unterwegs, habe jedoch nur einen Backpack-Rucksack und ein normalen Kleineren..

Gar nicht so einfach für ein ganzes Jahr zu packen. Was nimmt man mit? Was lässt man daheim? Letztendlich befindet sich dein ganzes Leben in diesen Taschen, alles was dich ausmacht, von Klamotten mal abgesehen. Davon kann vor Ort noch einiges ersteigern. Und in der Tat hängt von manchen Dingen  sicherlich ein Stück meines Lebens ab. An der Reiseapotheke beispielsweise, die mir in schlechten Zeiten gewiss mein Leben wieder verbessern kann.

Der letzte Tag

Da ist er also gekommen, der letzte Tag, bevor ich für ein Jahr aus Deutschland schwinde. Fühlt sich komisch an. Ich erwache und habe ein undefinierbares Gefühl,  ich will alles halten was um mich herum ist. Frische Luft, eine seichte Brise, klares Leitungswasser, Privatsphäre, Essen ohne darauf zu achten, dass die Nahrung schädlich sein könnte, der Geruch des Waldes….

Das heißt nicht, dass ich nicht nach Indien will, nein, es heißt, dass es mir im Endeffekt sehr gut hier in Deutschland geht. Vielleicht sollte jeder einmal Deutschland eine längere Zeit verlassen, um die Dinge wertzuschätzen…

Zu viele Gedanken durchfluten mein Hirn und so sachte kriege ich in der Tat leichte Gewissensbisse. Die lösen sich jedoch schlagartig auf, als ich mir die Kopfhörer aufsetze und mit meinem Hund beginne Fahrrad zu fahren. In meinen Ohren klingt Linkin Parks´“Good Goodbye“ und ich werde schneller. Ich lasse die Sorgen hinter mir…

„So say goodbye and hit the road
Pack it up and disappear
You better have some place to go
‚Cause you can’t come back around here
Good goodbye
Good goodbye
Good goodbye
Good goodbye
Good goodbye“

Man glaubt nicht, was ein Lied alles so erreichen kann. Mein Enthusiasmus ist zurück und als ich kurz darauf den Soundtrack von Herr der Ringe und Dem Hobbit höre, wird mir klar, warum Frodo und Sam es geschafft haben den Ring der Macht zu zerstören. Bei der Musik, hat man Lust auf ein großes Abenteuer. So wie ich jetzt. Den Abend verbringe ich draußen im Garten, sehe wie die Sonne gleißend untergeht und spiele auf meiner Ukulele. Echt idyllisch. Ein gelungener Schluss, auf dem ein Neubeginn folgt…

Was bleibt mir jetzt für die Verbleibenden in Deutschland noch zu sagen? Danke! Danke für die Unterstützung besonders von meinen Eltern und Großeltern, die mich immer motiviert haben, mein Ding durchzuziehen…Danke! Ich hab euch lieb! 🙂

In dem Sinne; Good Goodbye, my fellow friends !

 

 

 

Bereit

Wie beschreibt man Tage, die unterschiedlicher nicht sein konnten? Wie beschreibt man ein ganz bestimmtes Seminar voller schöner Momente die nicht nur Glück ausgelöst haben, sondern auch Wut und Traurigkeit? Kann überhaupt eine Bedeutung für jemanden entstehen, der nicht dabei war? Bestimmt nicht, es sei denn man ist Stephen King, gar Shakesspeare und kann geschriebene Wörter in pure, klare Bilder und Empfindungen verwandeln. Ich bin weder der eine, noch der andere, aber versuchen, um der Einstellung wegen, die ich jetzt, im Gegenzug zum vergangenen Eintrag habe, kann ich´s ja mal… 🙂

 

50 Leute, vereint in der Sache zusammen nach Indien loszuziehen und bereit ein Jahr in einer fremden Kultur zu leben. Was ergibt das? Eine Gruppe von Menschen, wo jeder Einzelne den anderen bis in die Fußspitzen motiviert und inspiriert. Ein Haufen von unterschiedlichen Charakteren; Laut, leise, lustig, leidenschaftlich, charmant, tiefsinnig, verrückt, warm, herzlich, nachdenklich, ängstlich, offen, feurig, oder verplant, egal wie du warst, du schienst willkommen unter Gleichgesinnten, die alle einen Teil von Geborgenheit in die Gruppe und in die Jugendherberge brachten, in der wir ganze 10 Tage unser Unwesen trieben.

Mit dabei, unsere Teamer, Rückkehrer, die vor nicht allzu langer Zeit aus Indien wiederkamen. Sie planten die Tage, erzählten uns ihre Geschichten aus der Ferne, beschrieben ihre Projekte, die nur bald zu unseren werden würden, unterrichteten uns in Dingen wie Anthroposophie, der Lehre des Menschen, die, da wir uns hier in einer Waldorforganisation befinden, nicht weniger Aufmerksamkeit auf sich lenkte, als der Rest. „Unterrichten“ war hier allerdings das falsche Wort. Zu keiner Zeit gab es dieses allseits bekannte Schüler-Lehrer-Verhältnis, sondern vielmehr ein Verhältnis auf gleicher Ebene, wo Denkanstöße hin und her gereicht wurden und auch mal ein Waldspaziergang mit in die Frage, was der Freiwilligendienst uns eigentlich bringen würde, integriert wurde. So lief meine Kleingruppe ( oft, wurde die große Gruppe in Bezugsgruppen a 10 Leute unterteilt) gut 14 Kilometer durch den Wald, auf unterschiedlichen Fragen herumkauend. Während der ganzen 10 Tage wurden Lieder gesungen, die bald zu Ohrwürmern wurden und nicht selten hörte man zwischenzeitlich ( gerne auch im Wald) wie sich drei bis vier Personen zu einem Chor zusammenschlossen und fröhlich „Motherland“, eines der Lieblingslieder der gesamten Gruppe, trällerten. Selbst nicht so gute Sänger, mich eingeschlossen, wurden dort zu leidenschaftlichen Bassisten, oder Tenören.

Abends, zusammen in der Gruppe, wurde aus so manchen Lied ein Kanon, der manche Gemüter mit Wärme erfüllte und jemanden wie mich in fremde Welten brachte, die ich davor noch nie gesehen hatte. Ich konnte träumen.

Als am letzten Tag all die Lieder, die uns 10 Tage lang begleitet hatten, ein letztes Mal angestimmt wurden, erging es bestimmt nicht nur mir so, dass eine Gänsehaut, über meinen Körper lief und ich wie verrückt, wie die Grinsekatze aus „Alice im Wunderland“ grinsen musste.

Ein weiteres Thema, was die Kleingruppen lange diskutierten, waren wir selbst. Unsere Gedanken. Wir selbst sind unsere größten Kritiker, wenn wir uns, unsere Gedanken, einigermaßen in den Griff bekommen, lässt es sich erheblich leichter leben. Tatsächlich war dies bei anderen, auch bei mir, der Fall, dass man sich selbst manchmal zu verrückt macht. Es war erstaunlich wie viele sich innerhalb der Gruppe über ihre Gedanken äußerten, offen zu einander waren, obwohl man sich kaum kannte und doch einander vertraut vorkam. Diese Vertrautheit zeigte sich auch in den letzten zwei Tagen, wo jeder seine Notizbücher auslegte und die anderen dort begannen liebe Worte in Form eines kleinen Textes hineinzuschreiben. Dinge, die man am anderen bewunderte, Insider, Wünsche….

Auch hatte jeder einen sogenannten „secret friend“, einen geheimen Freund, der im Untergrund schöne Dinge für einen tat. Manchen wurde ihr Bett gemacht, manche bekamen kleine nette Texte und manche bekamen edle Schokolade. Ich beispielsweise erhielt von meinem „secret friend“ eine hübschen, selbst gefalteten Origami-Kranich und eine kleine Schokolade mit einem Zettel, wo einige liebe Worte drauf standen. Danke dafür im Hinein, mein lieber Freund. Allein das, die Taten, wo sich mancher „secret friend“ immer mehr Mühe gab, um sein „Opfer“ glücklich zu machen, hat einen selbst total frohsinnig gestimmt.

Ebenfalls dadurch, dass alle vier der zukünftigen „Dhaatri-Generation“(Gestatten: Merlin, Antonia, Skrollan und Ich) nun alle beisammen waren und Pläne, sowie Spinnereien für das kommende Jahr schmiedeten, wurden die Tage umso interessanter. 😉

 

Oft wurde es in den Kleingruppen emotional, Personen, auch ich, erzählten von ihren aufkeimenden miesen Gedanken, alles sei irgendwie nicht richtig. Dann wiederum gab es die Personen, die drauf und dran waren, die anderen von diesen Gedanken wegzubringen, zu motivieren, aufzupäppeln. Besonders ein Abend war dermaßen emotional aufgeladen, anfangs negativ, aber zum Ende hin mehr als positiv, dass unser Teamer eine Gruppenumarmung vorschlug und alle, ohne mit der Wimper zu zucken, sofort zustimmten. Schaue ich in die Aufzeichnungen meines Notizbuches des beschriebenen Abends dann beschreiben eigentlich folgende Passagen und Wortfetzen, die Gefühle zu dieser Zeit ganz gut: Berührt, erfüllt, sprachlos, jeder fühlt mit, Chaos an positiven Gefühlen, man kann nicht mehr traurig sein und will einfach grinsen und lachen, nachdenklich….Stille. Oft, zwischen den Themen, erfüllte eine wundersame Stille den Raum. Eine Stille, die weder unangenehm noch fehl am Platze war. Stille der Einkehr, Stille, des Glücklichseins, Stille der Traurigkeit. Nie war sie in irgendeiner Weise peinlich berührt, nein. Sie gehörte ebenso zum Seminar dazu, wie das Singen.

 

So schön es auch in der Gemeinschaft war, eines Tages kamen bei mir die Gedanken auf nicht gemocht zu werden, gar langweilig für alle zu sein und praktisch in der Masse in ein einsames Loch zu stürzen ( natürlich eigentlich alles Unsinn, aber komische Gedanken kommen eben manchmal, trotz Zeiten von „secret friend“, gemeinsamen Singsang, Gemeinschaftsspielen und inspirierenden Menschen).

Es war für mich ungeheuer schwierig mit 50 Leuten zu leben, wo alle so cool drauf waren, dass man sich gerne mit allen unterhalten hätte. Dies führte bei mir zur größten Unschlüssigkeit überhaupt. Mit wem sollte ich mich denn jetzt über weltverändernde Themen unterhalten? Meine Gedanken arteten aus und das ging so weit, dass ich am Morgen jenes Tages nicht aufstehen wollte, und kurz vorm ersten Programmpunkt immer noch im Bett lag, ohne Frühstück gegessen zu haben. Dann kam aber ein Mädchen aus meinem Zimmer, stellte sich vor mein Bett und sagte: „ So, wenn du jetzt nicht aufstehst, dann bringe ich dir was zu Essen. Was willst du?“

„ Vielleicht ein Glas Wasser und eine Banane…?“ fragte ich jämmerlich und eigentlich überhaupt nicht hungrig.

Das Mädchen machte kehrt und kam wenig später mit einem Glas Wasser und einen hübsch dekorierten Teller aus allerlei Obst-, und Gemüsestücken, die sie im Speiseraum aufgetrieben hatte, wieder und stellte diesen sanft vor mein Bett. Ungläubig schaute ich auf. Sie hatte sich ehrlich für mich diese Mühe gemacht. Für mich, der doch, laut eigener Gedanken allein war. Mein Lächeln ging in der Tat von Ohr zu Ohr, ich lachte kurz auf und wenig später befand ich mich außerhalb des Bettes, pfeifend und fröhlich. Ab dem Moment wurde der Tag wunderbar, ich erlebte ihn anders, beschwingter, führte inspirierende Gespräche und lebte genüsslich in die Nacht hinein. Einfach, durch eine kleine menschliche Geste.

 

 

So wurden die Tage so verschieden, wie sie nur sein konnten. Einige vergingen ( ungefähr am Anfang des Seminars) wie Wochen. Man glaubte Abends einfach nicht, dass man die morgendliche Aktion am selbigen Tag erlebt hatte, war sie doch schon zu lange her, überschattet von zu viel unterschiedlichen Aktionen und Gefühlen.

Und eben diese Tage, mal in schlechter Stimmung, mal in guter Stimmung machten dieses Seminar umso schöner, scheinen sie mir jetzt eine Miniaturversion eines ganzes Jahres mit unterschiedlichen Höhe-und Tiefpunkten darzustellen. 

 

Letztendlich hat es das Seminar geschafft mir meine Ängste zu nehmen, mich verrückt auf Indien zu machen, mir einige wichtige Lektionen beizubringen und mich mit vielen tollen, coolen Leuten anzufreunden. Zudem habe ich Vertrauen in meine Organisation bekommen, das Wissen, das Richtige getan zu haben, als ich mich damals als „Licht“ und „Schlahungo“ ausgab. Ich habe keine Angst mehr vor dem was kommt. Ich werde es auf mich zukommen lassen und beneide jetzt bereits die Personen der 50, die schon in Indien angekommen sind und Bilder auf Instagram, oder Facebook hochladen. Am liebsten würde ich sofort mit ihnen tauschen, koste es was es wolle. Dafür riskiere ich gerne die ganzen Verabschiedungen von Freunden und der Familie. So macht es jetzt sogar ein wenig Spaß, sich mit den Worten „Frohe Weihnachten, frohes neues Jahr, Happy Birthday, April April und frohe Ostern“ zu verabschieden, wo man doch ein ganzes Jahr lang fehlt.

Krass, wie doch zehn Tage die anfängliche Angst in enthusiastische Aufbruchstimmung verwandeln können.

Fest steht: Ich bin bereit! Auf nach Indien!

Wo wir gerade über Indien reden: Bewusst habe ich es in diesem Eintrag vermieden über Indien und deren Menschen zu sprechen. Wir haben viel über sie gelernt, haben absolute No-Gos erfahren und wie man Fettnäpfchen, die garantiert auf uns zukommen werden, ausweicht. Aber am Ende ist das jedoch nur Theorie. Wir haben zwar diese Infos aus erster Hand bekommen, würde ich diese jetzt aber, sehr geehrte Internet-Community, weiter erzählen, kämen sie schon aus zweiter Hand, möglicherweise nicht ganz richtig erzählt und allein das reicht schon, um Gerüchte zu verbreiten. Drum wartet, liebe Lesenden, bis ich dort bin. Dann gibt es reichlich zu erzählen….

PS: Eine der wichtigen Lektionen, die mir das Seminar gelehrt hat, war diese hier im Bezug auf die Obstteller-Tat: „Egal wie sehr du dich vor Menschen fürchtest und vor ihnen weglaufen willst; es sind Menschen, die dich auffangen und glücklich machen…

Gedanken

Wenn du ein Teil eines Fahrrades wärst; welches Teil, wärst du und warum? Wenn du ein Tier wärst, welches wärst du und warum? Folge dabei deinem Impuls, ein Lexikon ist dazu nicht nötig, es gibt kein Richtig oder Falsch.

Insgeheim musste ich doch etwas schmunzeln als ich diese beiden Fragen im Bewerbungsportal der „Freude der Erziehungskunst Rudolf Steiners“ sah, war ich doch darauf vorbereitet Fragen zu beantworten, die mehr in die Richtung „Was bringst du für Qualifikationen für einen Freiwilligendienst mit“ gingen. Diese Fragen waren mehr…menschlich, statt rational kapitalistisch.

„Nun“, überlegte ich. Was war ich denn für ein Tier und welches Teil würde ich rein metaphorisch am Fahrrad sein?
Nach langem Hin und Her entschied ich mich für eine Lampe und ein von mir selbst kreiertes Fantasiewesen. Dem „Schlahungo.“ Ich war das Licht, dass den Menschen den Weg durchs Dunkle leitete und kreative Ideen mit in einen Schaffungsprozess mit einbaute, sodass die Gemeinschaft davon profitierte. Ich war ein Schlahungo, ein Mix aus den guten Seiten der Schlage, des Hundes und des Mungos. Einerseits listig, ruhig und im Geheimen Pläne schmiedend, dann treu und bereit alles zu tun was man verlangte und zu guter Letzt fähig Kräfte aufzubringen, um außergewöhnliches zu leisten. Wie der kleine wieselähnliche Mungo, der in der Lage war eine ausgewachsene Schlange zu töten.
Auch durch diese beiden Aussagen wurde ich letztlich Teil der Freiwilligendienst-Gemeinschaft, wofür ich monatelang gekämpft hatte.
Damals war nichts wichtiger, nichts existenzieller, nichts… außergewöhnlicher als diese Zusage für einen Freiwilligendienst, um endlich hinaus in die Welt zu ziehen.

 

Doch nun gelten meine Gedanken etwas anderem. Das ganze Prozedere ist jetzt für mich de facto Wirklichkeit geworden. Der Flug ist gebucht, das Visum für Indien ist fast eingereicht und ich habe nur noch einen Monat hier in Deutschland. Meinem Zuhause.
Damals, vor drei Monaten hab ich noch fröhlich allen Leuten erzählt, dass ich „irgendwann im August“ „irgendwie“ nach Indien fliegen und dort den Eingeborenen helfen werde. Der August lag damals noch in weiter Ferne und es war…. nun, wie soll ich es formulieren….noch nicht wirklich real. Es war lediglich die Idee eines Jungen, der sein Nest verlassen wollte und noch nicht ganz wusste wie. Nun weiß er es und es macht ihm mehr Angst zu fliegen, als er dachte.

Ich kann sicher sagen, dass ich am 15. August um 10:45 Uhr ab Berlin Tegel über Frankfurt und Mumbai fliege und am nächsten Tag um 4:20 Uhr in Hyderabad lande. Einen Tag später werde ich dann meinen Dienst antreten.
Und diese Sicherheit, dass mein Dasein in Berlin ein punktgenaues Ablaufdatum hat, erschreckt mich und lässt in mir leichte Panik aufsteigen. Panik nicht alles geschafft zu haben, bevor ich dann meiner Heimat ein Jahr den Rücken kehre…

Vor nicht allzu langer Zeit habe ich mich bei einer anderen Organisation für einen Freiwilligendienst beworben. Dort beschrieb ich mein Interesse andere Kulturen zu sehen wie folgt:

„ Es sind die Menschen die unser Leben erst zu etwas Lebendigem machen.“

Und weiter schrieb ich, dass genau diese Menschen ein wichtiger Grund sind hinaus in die Welt zu ziehen. Und das stimmt immer noch. Bereits jetzt erfüllt es mich mit Vorfreude mit meiner Dhaatri-Crew zusammen arbeiten zu dürfen, so sind wir vier, die ein Jahr aufeinander hocken werden, doch wahnsinnig motiviert. Wir haben bereits Pläne geschmiedet, die abstrus aussehen mögen, wie den Mount Everest zu besteigen, oder stundenlang Mensch-ärgere-dich-nicht zu spielen, aber dennoch uns irgendwie tief miteinander verbinden.

Voller Freude blicke ich dem zehntägigen Vorbereitungsseminar in Freudenstadt entgegen, weil ich auch hier wieder mehr als 50 Menschen treffen werde, die wirklich Lust darauf haben, etwas auf die Beine zu stellen, die Welt zu verändern. Sie alle werden bald gen Indien reisen und zusammen mit mir ein unbeschreiblich, inspirierendes Jahr haben!

 

 

Und genau hier liegt das Problem. Inspirierende Leute…Vor ein paar Wochen war ich das erste Mal bei einer Ferienlagerfahrt als Teamer dabei. Die Organisation – „Wildfang“ – war schon immer irgendwie ein Teil von mir. Meine Mutter und mein Vater, als erste Generation an Ferienlager-Betreuern dieser Organisation haben sich dort kennengelernt und daraus bin im Endeffekt Ich entstanden. Jetzt bin ich sozusagen in ihre Fußstapfen getreten und wer weiß, vielleicht werde ich dort auch die Liebe meines Lebens finden. 😀
Doch es waren nicht nur die Kinder im Camp, sondern meine kongenialen Partner, mit denen ich fast jeden Abend bis nach Mitternacht zusammen saß, lachte und feierte. Irgendwann verschmolzen wir zu einer richtigen, wenn doch auch sehr müden Gemeinschaft. Wenn man bis um vier in der Nacht Spiele spielt, aber ab 8:00 Uhr Morgens wieder die ausgeschlafenen, wilden Kinder im Zaum halten muss, kommt das schon mal vor. 🙂
Jene Freude und jene Euphorie konnte ich dann auf einem Seminar der selbigen Organisation, kurz nach meinem Camp erleben, wo gut dreißig bis vierzig Leute gemeinsam Spaß hatten. Unter anderem saßen wie des Abends am Lagerfeuer nahe eines Sees und sangen, in Begleitung einer Gitarre.  Auch da gab es Momente, wo ich die Zeit einfach hätte anhalten können, um sie nicht verfliegen zu lassen.

So saß ich einen Abend lang bis um drei am Lagerfeuer und redete mit einem interessanten Mädchen, bis mir der Rauch des Lagerfeuers etwas zu Kopf stieg und ich doch lieber schlafen ging. Den Moment, das Gespräch, hätte ich aber liebend gern weitergeführt, von mir aus bis zum nächsten Morgen…

Was ich hiermit sagen will, dass ich hier ebenfalls tolle, motivierende Leute gefunden habe und nur zu gern würde ich auf ein weiteres Ferienlagercamp fahren, um diesen Zusammenhalt des Teams wieder zu erleben. Keine Frage wird das in Indien mit meiner kleinen Crew auch so sein und es wird definitiv Momente geben, die man schlicht und einfach einfrieren würde, um sie nicht gehen zu lassen….
Doch…dadurch, dass man weiß, dass man „die Menschen, die dein Leben zu etwas Lebendigem machen“ auch bei sich in der Gegend findet, fällt es schwer nicht Angst zu haben, sie innerhalb des nächsten Jahres aus den Augen zu verlieren. (Das sollte bei späterer Betrachtung auch der Fall sein)
Weiterhin klammert sich ein weiterer Gedanke um die ganze Sache mit den Menschen, oder konkreter formuliert um die Menschen, die ich verlassen werde:

Wie verabschiede ich mich für ein ganzes Jahr ?

Sich verabschieden ist nichts Neues. Man sagt dem anderen ein baldiges Wiedersehen zu und schwindet dann für kurze Zeit aus dessen Welt. Dann sieht man sich wenig später wieder und alles wirkt vertraut, einem bestimmten Ablauf folgend, an dem man sich bereits gewöhnt hat.
In meinem Fall jedoch funktioniert das so nicht. Ich will mich am liebsten gar nicht verabschieden, ich will mich einfach umdrehen, gehen und nach dem Jahr fröhlich in die Arme meiner Familie und meiner Freunde fallen. Ich will nicht meine Leute mit traurigen Gesichtern sehen, wenn ich gehe. Ich weiß, ich muss und werde es vermutlich auch tun. Aber ich habe Angst davor.

Wie verabschiede ich mich? Wie? Bisher habe ich noch keine Idee und eben diese Ideenlosigkeit verleitet mich dazu den Abschied aufzuschieben, nicht einzugestehen, dass es eventuell das letzte Mal sein könnte, diese eine bestimmte Person zu sehen. Es kommt mir nicht richtig vor, aber was ist denn in diesem Fall richtig?

Um zurück zu dem Licht am Fahrrad und meinem Fantasiewesen, dem Schlahungo, vom Anfang meiner Gedanken zu kommen; was ist, wenn ich es trotz meiner Versicherung genauso zu sein, es nicht schaffe in Indien zu leuchten und nicht diese bestimmten Charaktereigenschaften der Tiere in mir zu vereinen? Was ist, wenn ich es nicht schaffe, die Ziele der Chefin der NGO, die bei den momentanen Freiwilligen in Hyderabad als Visionärin gilt, umzusetzen? Was ist, wenn ich es nicht schaffe stark zu sein?

Vielleicht ist es auch irrelevant sich solche Gedanken zu machen. Immer dann, wenn man gerade zu viel Zeit hat ( ich habe seit April eigentlich nichts mehr wirklich zu tun, seitdem die Schule vorbei ist) kommen diese Gedanken, die immer klarer werden und  insbesondere dann muss ich aufpassen, dass sie nicht meine Vorfreude und Träume kaputt machen. Dieses Jahr wird mir ein Haufen Erfahrungen einbringen und bald werde ich nicht mehr auf meine Bedenken achten, besonders weil kaum Zeit dafür sein wird. Vielleicht werden sie sich an schweren Tagen an die Oberfläche kämpfen, doch am Ende wird bestimmt alles gut, oder um es in einem Zitat von „König der Löwen“ auszudrücken:

Hakuna Matata! Keine Sorgen…

Alles für die Gesundheit

Fieber, Schüttelfrost, Kopfschmerzen, Leber- und Gehirnentzündung, Bauchschmerzen, Darmverstopfung, innere und äußere Blutungen, Verwirrtheit, Durchfall; ja, all dies sind typische Reisekrankheiten, reist man ohne jeglichen Schutz nach Indien und achtet nicht auf dortige Sicherheitsstandards.  Um mir all diese fiesen Krankheiten zu ersparen – denn wirklich Lust darauf mir Typhus einzufangen, habe ich wahrlich nicht – war ich mehrere Male beim Tropeninstitut in Berlin und auch beim gemeinen Hausarzt, der untersuchen sollte, ob ich wirklich leistungsfähig genug bin ein Jahr meines Lebens am anderen Ende der Welt zu verbringen, ohne ernstlich zusammenzuklappen.

Hier ein paar kleine Geschichten von der – gut anderthalb Monate andauernden – „Gesundheitsreise“, die teilweise meine Abiturprüfungen gehörig durcheinander hätte bringen können:

Die Geschichte beginnt mit Geld. Genauer gesagt, mit 20 Euro, die ich dem Tropeninstitut überweise, damit dieses mir Informationen gibt, wogegen ich mich am besten impfen lassen sollte.

Die Antwort kommt schnell, neben dem den Standartimpfungen gegen Tetanus, Diphtherie, Polio, Keuchhusten und Masern, sollte ich mich umgehend gegen Hepatitis B, Typhus, japanische Enzephalitis, Meningokokken und Tollwut impfen lassen. Ebenso seien Notfallmedikamente für Malaria und dem Denguefieber mitzunehmen.

„Puh“, denke ich mir. „Das wird ja ein fröhliches Impfen werden.“

Und das wird es tatsächlich. Wenige Tage später bin ich auf dem Weg ins „BRCT“, dem Berliner Centrum für Reise- und Tropenmedizin in der Friedrichstraße. Ich bin total fasziniert vom schönen Ambiente, den netten Mitarbeitern und von den vielen Bildern an den Wänden. Total baff bin ich schließlich, als ich zwei Minuten nach meinem Kommen bereits aufgerufen und ins Arztzimmer geleitet werde, musste ich doch vor wenigen Tagen beim Hausarzt um die vierzig Minuten warten, nur um ein kurzes zwei-Minuten-Gespräch über kommende Termine mit dem Doktor zu führen. Das muss ich im BRCT auch, bin aber nicht dazu gezwungen vierzig Minuten gegen weiße Wände zu starren. Im Endeffekt darf ich drei Mal hierher kommen.

Wenig später bekomme ich die ersten Impfungen gegen Hepatitis B, Typhus und das erste Mal Tollwut. Ja, eine wirklich funktionierende Impfung gegen Tollwut brauch drei Anläufe und nach einem Jahr noch einen vierten. Dafür ist man dann ein Leben lang dagegen geimpft.

Als ich die Ärztin nach eventuellen Nebenwirkungen frage, erzählt diese mir, dass in den nächsten Tagen Grippesymptome auftreten können. Kurz zögere ich, denn in zwei Tagen schreibe ich mein Englisch-Abitur, schlucke meine Bedenken aber hinunter und lasse die Spritzen zu. Ein bisschen Grippe, wird mein Abi schon nicht gefährden, da bin ich hart im Nehmen. Beim Hinausgehen bekomme ich dann noch Reisetipps von der Sekretärin, die Indien anscheinend gar nicht so spannend findet, wie ich. Vielmehr müsste ich mal nach Japan, da seien auch weniger Menschen.

„Hmm“, denke ich mir. „ Beim nächsten Mal vielleicht.“

Die Grippesymptome bleiben die nächsten Tage aus ( welch Überraschung) und ich darf frisch und munter meine Klausur schreiben.

Bei jedem weiteren Besuch beim BRCT fühle ich mich ein Stück mehr willkommen. Einmal bin ich 10 Minuten zu früh da und komme tatsächlich fünf Minuten vor meinem eigentlichen Termin an die Reihe. Unglaublich aber wahr; ich schaffe es nie gelangweilt auf mein Handy zu schauen, geschweige denn mir Notizen für meine Blogeinträge zu machen, so schnell komme ich unter die Spritze. Jedoch wird mir dieser Komfort leider nicht nur aus Nächstenliebe geboten, denn schließlich werde ich im Gegenzug für die Impfungen rund 400 Euro da lassen müssen.

Statt Geld wird der Hausarzt von mir eine Blutprobe und konfuse Verwirrung bekommen.

Wie das geht? Passt auf.

Anfangs ist noch alles normal. Ich lasse mir Blut abnehmen (Die Arzthelferin sprüht das Desinfektionsspray leider auf eine raue, durch einen Mückenstick aufgeriebene Stelle in der Armbeuge was höllisch weh tut, aber wenigstens von der Nadel in meinem Arm ablenkt.), lasse eine Ultraschalluntersuchung von meinem Bauch machen – es ist etwas viel Luft drinnen, geschuldet durch möglichen Stress und den darf ich einen Tag vor der schweren Bio-Klausur auch haben – und darf mehrfach in ein Gerät pusten, um die Funktionalität meiner Lungen zu testen. Alles ist super.

Dann jedoch muss ich zum Leistungs-EKG. Ich werde auf eines dieser Fake-Fahrräder gesetzt, die man im Fitnessstudio zuhauf findet und werde mit einigen Schläuchen mit Saugnapf am Ende verbunden. Kurz komme ich mir vor, als würde mich ein Kraken umarmen. Nicht, dass mich schon irgendwann mal ein Kraken umarmt hätte, aber würde er es tun, dann würde es sich ganz genau so anfühlen.

Ich strampele, unter der Aufsicht des Doktors, los, soll meine Geschwindigkeit konstant in einem kleinen Intervall halten und mache das auch ganz vernünftig, bis ich dazu aufgefordert werde aufzuhören.

 

Ich werde nach draußen geschickt, kann im Augenwinkel gerade noch so die Worte „ABBRUCH WEGEN…bla bla bla“ auf dem Computerbildschirm lesen und setze mich erneut ins Wartezimmer. Beinahe bin ich mir sicher, dass ich wegen Bluthochdrucks dem Kraken entrissen wurde. Manchmal, wenn ich mir ein Blutdruckmessgerät ausborge, scheint mein Blutdruck verrückt zu spielen und ist entweder sehr hoch, oder konstant. Möglicherweise ist das in dieser Situation auch so, doch nichts da! Als ich zum Doktor gerufen werde, erzählt der mir nichts von Bluthochdruck, nein! Er erzählt mir von BlutTIEFdruck. Während des Laufens! Mir wird ein Graph, der wohl meinen Blutdruck darstellen soll, gezeigt. Anfangs klettert er beharrlich in die Höhe, schließlich bin ich zur der Zeit relativ schnell Fahrrad gefahren, dann jedoch stürzt er einfach so ins Bodenlose, sinkt tiefer als mein Normalwert und steigt erst nach dem Aufhören der Aktivität wieder an.

„Sehr merkwürdig!“ meint der Doktor. Ich stimme ihm zu. Jedoch belustigt mich dieser Vorfall mehr, als dass er mich beunruhigt. Anscheinend hat mein Körper ein wahres Talent Messgeräte zu verwirren, oder ist dazu fähig ewig zu laufen, ohne, dass er Herzrasen bekommt.

Ganz so euphorisch ist mein Arzt nicht und rät mir mit weiser Voraussicht einen Kardiologen aufzusuchen. Er sieht besorgt aus, wodurch ich schon ein wenig Bammel bekomme.

Einen halben Monat später sitze ich erneut in einem Wartezimmer des Virchow-Klinikums in Berlin. Wieder werde ich an einen Kraken, wohl an dem Bruder des Hausarzt-Krakens, befestigt und darf nochmal in die Pedalen treten. Hier sieht wieder alles normal aus.

Danach warte ich darauf, dass mich der stellvertretende Klinikdirektor höchstpersönlich untersucht. Zwischenzeitlich kommt mir der Gedanke, dass diese Sache doch etwas groß aufgezogen ist, ein einfacher Arzt hätte doch gereicht, aber…nun ja. So geht man wenigstens auf Nummer sicher.

Der Professor Doktor Facharzt erklärt mich für völlig gesund und meint scherzend, dass es trotz alledem gut gewesen sei, das ich hergekommen bin, so konnte man wenigstens sicherstellen, dass ich quicklebendig sei und hey, besser so, als wenn ich irgendwann, aufgrund eines nicht untersuchten Krankheitsfalles tot umfallen würde. Das wolle man ja nicht. 😀 Ich bin gesund, geimpft und einer Reise nach Indien steht in der Hinsicht nichts mehr im Wege. Bis dahin, lasst uns das Thema „Beschwerden“ beiseitelegen und uns schöneren Themen widmen.

Dazu aber eines späteren Tages mehr! Macht´s gut! 🙂

Von isländischen Trampern und inspirierenden Abendessen – Am Anfang aller Dinge –

Man könnte es als Sturzgeburt bezeichnen, als überhastete Entscheidung, oder auch als kompletten Sinneswandel, dass ich mich vor nicht allzu langer Zeit dafür entschied einen Freiwilligendienst zu machen. Ja, vor einigen Monaten war mir dieses Wort mitsamt seines Hintergrundes nicht einmal bekannt. 

Für mich stand damals fest sofort zu studieren, bis mich eine Reise nach Island vom vermeintlich rechten Pfad abbrachte. Daran hatten einige Tramper Schuld, die mit ihren riesigen Rucksäcken in unseren kleinen Mietwagen kaum Platz fanden und so detailliert von ihren Reisen berichteten, dass mich das Fernweh weckte. Alle kamen aus ganz unterschiedlichen Ecken der Welt, hatten diverse Ziele im Leben, sahen anders aus, hatten aber im Endeffekt die gleichen Vorstelllungen zum Thema reisen: „ Mach es jetzt, wo du noch jung bist. Komm raus aus deiner eigenen Blase!“ Und damit hatten sie meines Erachtens nach auch Recht. Wenn nicht jetzt, wann dann? Später geht die Zeit dafür verloren, da man bereits zu fest im Leben steht,  arbeitet, oder eine eigne Familie gründet und fest im unabdingbaren Alltag steht. Die Zeit, um auf Reisen zu gehen, war gekommen! 

Seitdem träumte ich davon in den nächsten Jahren mit einigen Freunden durch die Wildnis zu trampen. Ich wollte Dinge sehen, die mir den Atem rauben würden, Abenteuer erleben, die ich später jedem erzählen könnte.  Seien Wasserfälle, wunderschöne Landschaften oder Sonnenuntergänge, ich war verzaubert von dem mystischen erhabenen Neuen, was davor nichts als Illusion gewesen war.

 

Dem nicht genug kam es zu einem sehr besonderen Abendessen. Da saßen Deutsche, Syrer, Kolumbianer, junge und alte Menschen an einem Tisch und lachten und scherzten. Gemeinsam. So etwas hatte ich bisher nicht oft erlebt und doch war diese Gruppe vieler Nationen mit ihren unterschiedlichen Kulturen und Sprachen etwas, was ich ab diesem Zeitpunkt nicht mehr missen wollte. So saßen auf der einen Seite des Tisches zwei junge Brüder, sie waren vor einem Jahr aus Syrien geflohen, sprachen nun ein respektables Deutsch und unterhielten sich wild gestikulierend mit zwei gleichaltrigen Jungs aus Deutschland über deren nächtlichen Besuch in einem Berliner Nachtclub. Auf der anderen Seite saß ein mittelaltes Paar. Die Frau kam aus Kolumbien, der Mann aus Deutschland. Sie hatten ihre drei Kinder mitgenommen, das Jüngste, vielleicht ein halbes Jahr alt, saß bei einem Syrer auf dem Schoß und gluckste fröhlich in die Gegend. Daneben aß ein älterer Mann, er stammte auch aus Syrien, aber war schon vor 40 Jahren dort weggezogen. Er sprach einwandfrei deutsch, arabisch und spanisch und konnte sich so mit allen Anwesenden auf gleichem Sprachniveau unterhalten. Und mittendrin im Gewühl: Ich. Total zufrieden mit der Gesamtsituation.

Der ältere Mann erzählte mir vom alten Syrien, von großen Basaren voller orientalischer Kostbarkeiten und von einem riesigen Stoffmarkt, wo sich ein Stoffverkäufer an den anderen reihte. Für mich stellte sich hierbei die Frage, wie sich ein einzelner Stoffhändler in mitten eines so großen Aufgebots an Konkurrenz überhaupt über Wasser halten konnte, ohne seine Existenz zu verlieren. Die Antwort kam schnell:

Wenn ein Händler in einer Stunde drei Kunden betreut, einer davon aber einen Stoff verlangt, den er gar nicht auf Lager hat, so kann er ihn an einen anderen Verkäufer weiter empfehlen. So herrscht ein Gleichgewicht zwischen den Kaufmännern. Und dem nicht genug, leiten sie auch dann ihre Käufer weiter, wenn sie bereits das Maximum an Gewinn für einen Tag erzielt haben, ihr Gegenüber aber nicht. Sie helfen und unterstützen einander, sodass keiner wirklich leer ausgeht. Das System funktioniert so lange, bis einige Stände entfernt werden, sei es durch Brandschatzung oder Vernichtung dessen durch den Krieg. Dann kollabiert dieses Gebilde der Hilfe und keiner kann sich und seiner Familie ein gutes Leben mehr sichern.

Diese Geschichte war eine riesengroße Inspiration für mich, weil ich sie aus dem Stoffmarkt-Universum loslösen und auf mehrere Bereiche aus dem Leben übertragen konnte. Jeder sollte einander unterstützen und helfen. 

Seit diesem Abend war also mein Interesse für einen größeren Austausch von Wissen und Kultur geweckt. Hinein in die weite Welt! Hinein in ferne Länder! Hinein in eine Zukunft weiterer Zusammenkünfte mit spannenden Menschen aus allen Nationen dieser Welt. Zwar brauchte es noch einige Zeit und mehrere Motivationsversuche seitens meiner Eltern mich auf die Freiwilligendienst-Schiene zu schieben, doch letztendlich fesselte mich schließlich die Ideen gleichzeitig zu reisen und Menschen zu helfen, sodass der Gedanke zum Selbstläufer wurde.

Ich weiß, dass ich die große weite Welt keinesfalls verändern kann, aber ich werde versuchen einen Teil, ein kleines Fleckchen, ein paar Leute dazu zu bringen glücklicher auf die Welt zu schauen, als vorher. 

Und nun stehe ich hier – am Anfang aller Dinge – und werde in ein paar Monaten meine behütete Blase verlassen. Ich will Vorurteile abbauen und eventuell dazu beitragen, dass wir alle ( ja auch du, der gerade diesen Blog ließt ) ein Stückchen weltoffener werden.

Auch der Nachhaltigkeit wegen, will ich in ein Land reisen, wo man von den Leuten lernen kann, dass es nicht jeden Tag auf Fleisch, jeden Monat auf eine neue Designer-Hose, oder jedes Jahr auf ein moderneres Handy ankommt, sondern auf viel weniger und man trotzdem glücklich sein kann.

Und warum gerade Indien? Wegen der Kultur, der Musik, des Essens, der Mentalität und der Freundlichkeit der Leute und den ganz verschiedenen Mysterien, die das Land im Moment noch vor mir verbirgt. Wegen des Fernwehs, wenn ich die Blogs der momentanen Freiwilligen in Indien lese und danach einfach nicht aufhören kann von deren Erlebnissen südseits des Himalaya-Gebirges zu träumen…. 

Bis zur Abreise ist es noch Zeit, doch trotzdem gibt es schon vorher einiges zu tun, bis ich endlich den langen Weg nach Indien antreten kann. Doch dazu eines späteren Tages mehr! Macht´s gut! 🙂