Von windschiefen Häusern, Umzügen und neuen Freunden

Schnaufend laufe ich durch die kalte Nacht. Tausende von Sternen funkeln über mir und begleiten mich auf meiner Reise, die nun bald ein Ende finden wird. Da steht es, das große, schiefe Haus. Direkt nebenan beginnt die Kirche 21:00 Uhr zu läuten. Beinahe gespenstisch hebt sich jener Klang über die Nebengeräusche der kleinen Stadt ab.

Beim neunten Glockenschlag erreiche ich das Haus, krame den Schlüssel aus meiner Jackentasche, schließe die Tür auf und laufe auf leisen Sohlen die quietschende Holztreppe hinauf. Aus verschiedenen Zimmern höre ich einige Stimmen wispern, steuere aber direkt auf einen ganz bestimmten Raum zu. Ich öffne die Tür, trete ein, schließe sie wieder und lasse meinen schweren Backpacker-Rucksack, der mich auf meinen Indienreisen begleitet hat, auf den roten Teppich fallen. Ich stehe in einem weißen Raum, eine Matratze liegt hinter einer Ecke auf den Boden, auf ihr ein grüner Korb voller Essensnotrationen. Ein Schrank, eine Kommode und ein kleiner Schreibtisch. Das ist bisher alles, was in diesem Zimmer, was für die nächsten drei Jahre mein Zuhause sein wird, steht.

fullsizeoutput_117a

Ich atme tief aus und will schon beginnen meinen Rucksack auszuräumen, als die Stimmen im Gang lauter werden. Ich höre drei Personen. Überwiegend männliche Stimmen. Sie unterhalten sich anscheinend über die bestandenen Aufnahmeprüfungen für die Uni und was sie dafür tun mussten. Ich lasse meine Tasche sinken. Ich höre gerade die Stimmen meiner neuen Mitbewohner. Ich habe bisher noch keinen kennengelernt und eigentlich muss ich raus gehen, um sie zu begrüßen. Doch irgendetwas hindert mich. Ich habe Angst. Die Vorstellung plötzlich da raus zu gehen, mich vorzustellen und mich nicht mit ihnen zu verstehen plagt mich.

„Komm schon“, schalte ich mich. „Du hast schon Schlimmeres durchgemacht. Was ist denn so schwierig sich neuen Leuten vorzustellen. Das hast du in Indien dauernd gemacht!“

Ich pilgere unentschlossen durchs Zimmer und kann nicht umhin daran zu denken einfach schlafen zu gehen und morgen die neuen Leute kennenzulernen. Doch ich weiß, dass ich das im Grunde gar nicht will. Ich muss da raus gehen. Eins. Zwei. Drei!

Ich stehe direkt vor der Tür, meine Hand zittert, als sie den Türgriff langsam hinunterdrückt und ich hinaustrete, den neuen Leuten entgegen…..


 

Was bisher geschah….

Tatsächlich hatte ich das Angebot in Weimar zu studieren, das ich bereits in meinen letzten Monaten in Indien erhalten hatte, angenommen, die Immatrikulationsbescheinigung war unterzeichnet und nun stand somit die Suche nach einer Bleibe vor Ort an. Im Vorhinein riet man mir mich möglichst früh bei möglichst vielen Leuten zu melden, da es anscheinend ungeheuer schwer war, eine gute WG für sich zu finden. Gesagt getan. Ich meldete mich auf der Internetseite „WG-gesucht“ an und kontaktierte rund ein Dutzend Leute mich doch aufzunehmen. Was mir persönlich dabei auffiel, war, dass ich kategorisch die kleinen Wohngemeinschaften ausschloss. Blieb ich bei einer 4er WG hängen, dann nicht lange. Ich grübelte des Öfteren darüber nach, warum ich dies machte und konnte, wie allzu oft in diesen Wochen, mir nur eine Erklärung dafür geben. Indien. Ein Jahr lang hatte ich mit mindestens 9 Personen im Haushalt gelebt und ich vermisste diese Vielfalt bereits in diesem Moment, als ich wieder deutschen Boden unter den Füßen hatte. Ich vermisste die drei lieben Menschen im Zimmer und so wollte ich unbedingt diesen Indienersatz.

Ich blieb bei Wohnprojekten und WGs hängen, die minimal acht Leute im Haus hatten und irgendwie klang genau das richtig gut!

Und wider Erwarten kamen die Rückmeldungen schnell und vielversprechend. So eben auch ein Anruf des Vermieters einer 16er-WG. Die optimale Chance schon früh (wir hatten gerade Ende August und ich war Anfang August erst aus Indien zurück) mir meinen Platz in Weimar zu sichern.

So fuhr ich an einem regnerischen Dienstag im Spätsommer von Berlin aus los nach Weimar, das ich zuvor nur einmal mit der Schule besucht hatte. Jener Besuch lag bereits gut drei Jahre zurück und doch hatte ich ihn immer noch in guter Erinnerung, war die Stadt der Dichter und Denker damals schon wie auf mich zugeschnitten. Die Mentalität und der unverrückbare Zeitgeist dieses kleinen, beschaulichen Ortes hatten mich damals bereits unheimlich inspiriert.

Drum war ich in der Tat etwas enttäuscht, als ich nun, drei Jahre später und mit etlichen Erfahrungen mehr im Gepäck, am Bahnhof des Ausrufplatzes der ersten deutschen Demokratie ausstieg und eine schlafende Kleinstadt sich vor mir ausbreitete. Im grauen Nebel eingehüllt lag sie da und irgendwie fesselte mich jener Anblick nicht so wie damals. Ich stieg in einen Bus und senkte das Insassendurchschnittsalter um mindestens 60 Jahre, saß hier, verschlafen und eingerostet, der Ur-Thüringer. Verdattert stand ich da und lauschte den seicht dahinfließenden Konversationen dieser Menschen und musste mich schon etwas anstrengen, den Thüringer Dialekt zu verstehen. Fast schon automatisch, ja gar monoton klapperten die rüstigen Weimarer Rentner, die sich alle sogar zu kennen schienen, alle wichtigen Small-Talk-Rentner-Themen ab, die es so gab:

 

„Und was gibt es bei dir heute Abend zu essen?“

„Rotkohl mit Klößen….“

„Ahh… Bei mir gibt es Semmel und Sauerkraut. Sach ma, kannst du mir nicht mal deinen Arzt vorstellen? Ich hab´s mit der Hüfte.“

„Wo hast du´s? Ich hör so schlecht?“

„Die Hüfte! Dein Arzt hat das bei dir doch so gut hinbekommen..“

Etwas perplex stieg ich an meiner Haltestelle aus. Wo waren die jungen Leute? Wo war das hippe Studentenleben? War das hier immer so?

Bisher konnte ich mir keine Antwort darauf geben und lief, bei Weitem nicht mehr so entspannt, zu meiner ersten Wohnungsbesichtigung jemals. Das Wissen, welche Fragen ich hierbei zu stellen hatte, besaß ich nicht, obwohl ich am Morgen noch von meiner Mutter ein kurzes Schnellseminar dafür absolviert hatte, doch hatte in meiner Aufregung so gut wie alles vergessen. Das Haus der 16er-WG war groß und schief, lag direkt neben dem großen Park der Stadt und war mir sofort, als ich zusammen mit dem Vermieter eintrat, heimelig. Ich mochte diese enge Behaglichkeit, die vielen verzweigten Gänge zwischen den Räumen und auch diese Meisterleistung jener Architekten, die alle Wände irgendwie nicht gerade bekommen hatten. Die WG teilte sich auf in zwei Etagen, die durch eine quietschende Wendeltreppe miteinander verbunden waren, besaß unten und oben jeweils eine große Küche und mehrere Bäder. Ich begutachtete mehrere Zimmer und im Grunde war mir jetzt schon alles egal. Mitbewohner, Putzplan, umliegende Sehenswürdigkeiten, alles schien zur Nebensache zu werden und ich wusste im Grunde auch nicht, wie welche Fragen zu stellen waren. Ich hatte meine Entscheidung bereits bei der ersten Besichtigung gefällt. Zusammen mit dem Vermieter besuchte ich noch eine weitere, kleinere WG, mit nur vier Mitbewohnern. Alles war irgendwie größer und ordentlicher. Das zu vermietende Zimmer schien luftiger und geschmackvoller, aber… irgendwas passte hier einfach nicht. Es war, trotz mehr Geräumigkeit, einfach zu klein. Meine Entscheidung war gefallen und das teilte ich auch stolz dem irritierten Vermieter mit, der mir schlichtweg nicht glauben wollte, dass meine allererste Wahl, ohne überhaupt irgendetwas anderes gesehen zu haben, diese 16er-WG sein sollte. Gewiss über meine Zukunft, sagte ich ihm ein baldiges Wiedersehen zu und fuhr mit dem Bus wieder zum Bahnhof und dieses Mal schien alles anders zu sein. Die jungen Leute waren aufgewacht! Am Morgen schienen sie noch geschlafen zu haben, doch jetzt schien die Stadt, mit ihren eindrucksvollen Bauten, den hippen Studenten und ihren glücklichen Kleinfamilien zu leben. Zudem, wie ich auch noch eingestehen musste, waren gerade Semesterferien für alle hier Studierenden und dementsprechend waren wohl viele nicht in der Stadt. Und auch der Ur-Thüringer störte mich nicht mehr so, wie noch vor wenigen Stunden. Ich würde HIER wohnen, HIER studieren, Teil sein eines neuen Lifestyles und irgendwie tat ich das bereits jetzt mit Überzeugung und so begann ich die Bewohner dieser Stadt ins Herz zu schließen.

Eine Woche später bekam ich den Mietvertrag für ein 14 Quadratmeter-Zimmer in der Weimarer Vorstadt und so konnte mein Umzug von Berlin nach Weimar beginnen. Euphorisch räumte ich mein ehemaliges Kinderzimmer auf, ging mit meinen Eltern bei IKEA Möbel shoppen, verkaufte alte Bücher und räumte jene, die ich unbedingt mitnehmen wollte mit in meine Umzugstaschen und nahm alte Poster von den Wänden.

Doch spätestens, als ich meinen Schreibtisch auseinandernahm, ihn aus dem Zimmer räumte und zu den Sachen stellte, die ich mitnehmen würde, bekam ich das erste Mal Angst. Ich kam in jenen Raum zurück, wo ich zusammen mit Freunden gelacht, für die Schule gelernt, erste Freundinnen gehabt und einfach über Jahre hin gelebt hatte und nun … war er leer. Die Regale, die sonst voll mit alten Büchern und CDs überliefen, gähnten vor Leere, die Wände waren weiß, der Boden ohne irgendein achtlos in die Ecke geworfenes Kleidungsstück oder Mathebuch, strahlte mir sauber entgegen. Dieser Raum war von nun an nicht mehr wirklich MEIN Raum. Er würde es schon irgendwie bleiben, aber nie so, wie er es über meine Schulzeit hinweg gewesen war. Ich war nicht mehr wirklich Bewohner dieses Hauses. Vielmehr ein willkommener Gast. Ich atmete, beim Gewinn dieser Erkenntnis, keuchend aus und begann ein wenig zu zittern. Was, wenn ich mich nicht mit meinen neuen Mitbewohnern verstand? Was wenn ich mit Weimar doch nicht so gut zurechtkam? Wie würde ich mein Leben fortan leben können? Ich kicherte. Waren es nicht schon eben jene Fragen gewesen, die mich vor Indien zweifeln ließen und mir Angst vor dem Unbekannten machten? Und habe ich das nicht auch irgendwie „überstanden“?

So verging ein weiterer Monat mit intensiven Vorbereitungen auf ein neues Leben und doch konnte und wollte ich meine alten Leben nicht loslassen. Indien steckte mir noch in den Knochen, jedem, dem ich nach meinem einjährigen Verschwinden wieder begegnete, erzählte ich wie sehr ich doch noch hätte bleiben wollen und beneidete jene Freiwilligen, die gerade ihre Reise ans andere Ende der Welt begannen. Es kam mir vor, als würde ich mit dem Einzug in meine kleine, beschauliche Stadt an Relevanz verlieren. Ich war nicht mehr der, der in einer sechs Millionen Metropole, direkt am Fluss der Zeit wohnte, nein ich war bald der, der die Sommer in den Bibliotheken einer Kleinstadt verbringen und Indien, als auch Berlin so langsam mit dem Waschmittel aus der Jeans waschen würde.

 

Ende September schließlich, verließ ich mit gemischten Gefühlen und schwer bepackt mein nun ehemaliges Zuhause und stieg in den Zug nach Weimar. Neben mir: mein treuster Freund und Reisebegleiter. Mein Backpack-Rucksack, der in den geräumigen deutschen ICEs deutlich mehr Platz fand, als in den engen, indischen Zügen. Es kam mir vor als stürzte ich mich ins nächste Abenteuer, nur dass ich weder 30 Stunden dafür fahren musste, noch, dass mich am Ende abgeschiedene Berge und Ureinwohner erwarteten. Ich fuhr zweieinhalb Stunden und am Ende erwarteten mich ein großes, windschiefes Haus und neue Mitbewohner, die ich nun kennenlernen sollte.



 

Hinein in die Gegenwart:

 

Ich öffne meine Tür, luge vorsichtig heraus und erspähe drei Jungs, die sich lebhaft unterhalten. Zwei sind ungefähr alt wie ich, der Dritte, groß gewachsen und kräftig, scheint etwas älter zu sein.

 

„Hallo! Ich bin Leo. Gerade angekommen“, sage ich so selbstbewusst wie möglich und schüttle die Hände, der Jungs, die sich als Phillip, Felix und Jan herausstellen.

 

„Hey Leo. Bin auch gerade erst gekommen“, meint Phillip. 

„Servus!“, meint Felix. „Können wir mal dein Zimmer sehen. Das kenne ich noch nicht.“

 

So lade ich die Drei in mein Zimmer ein, wir setzen uns auf meinen Teppich und schnell entsteht ein lebhaftes Gespräch, wo sich herausstellt, dass auch sie jetzt anfangen werden zu studieren. Nach einer Weile streckt ein weiterer Junge den Kopf zum Raum herein, stellt sich als Marvin vor und verteilt Pizza, die er soeben gekauft hat. Schnell haben wir alle irgendwas zu trinken in der Hand und unterhalten uns lebhaft, über unsere Pläne, das Haus und Weimar, wie es leibt und lebt. Ich muss schmunzeln. Das ging ja schnell. Wenn ich mich nicht getraut hätte, die Klinke der Tür herunterzudrücken, wäre es dazu wahrscheinlich nicht gekommen.

Kurz darauf starten wir eine WG-Besichtigung und jeder lädt uns in sein Zimmer ein, um seine bisherige Einrichtung zu präsentieren. Dabei fällt auf, dass ich wohl das Größte erwischt habe und wir beschließen fortan meinen Raum als Place-to-be auszurufen. Am Ende des Tages falle ich überglücklich auf meine Matratze und bin nun doch sehr zuversichtlich, dass das hier, definitiv gut werden wird. Und das wird es!

Am nächsten Tag veranstalten wir fünf einen Küchenaufräumtag. Die Vorbesitzer haben beide Küchen sehr verdreckt zurückgelassen und so liegt es an uns, von oben bis unten zu putzen. Jemand bringt Musik und schnell stellen wir fest, dass wir den gleichen Musikgeschmack haben und grölen gemeinsam die Texte unserer Lieblingsbands, währenddessen wir unermüdlich über den Schmutz in Mikrowelle und Herd schimpfen. Und währenddessen fühle ich tatsächlich eine Art erstes Band, das sich beginnt um uns zu schließen. Gemeinsam entrümpeln wir beide Küchen und am Abend kann ich nicht umhin zu denken, dass ich hier bereits angekommen bin, so viel Kraft haben wir in das Wohlergehen unserer Küchen investiert.

fullsizeoutput_117b

Die Tage darauf sollten wir einen weiteren Teil unserer Mitbewohner kennenlernen. Darunter Judith, meine wirklich liebe, direkte Zimmernachbarin und Jessi, angehende Produktdesignerin, die wohl mehr Werkzeug in ihrem Zimmer hat, als wir Jungs zusammen. Gemeinsam radeln wir am ersten Tag unseres Studiums zur Universitätsmensa, und währenddessen 500 Ersties verstreut und ohne wirklich jemanden zu kennen, den einführenden Worten des Präsidenten der Bauhaus-Universität Weimar lauschen, kenne ich bereits sieben Leute, die gemeinsam mit mir an einen Tisch sitzen und lächeln.

Jeden Tag der Einführungswoche sollte nun eine große Fahrradkolonne die Uni anfahren und in mir ein Gefühl von Gemeinschaft auslösen, das sich über das gesamte erste Semester weiter verfestigen sollte. Wir feierten ausgelassen auf Erstsemesterpartys, frühstückten in den warmen Sonnenstrahlen des Spätsommers, im Park, der nur fünf Minuten von uns entfernt lag, machten Musik und stahlen gemeinschaftlich nicht mehr brauchbare Straßenschilder, die wir, stolz wie Bolle, an unsere Wände nagelten. Darunter auch ein frisches Weimar-Ortsschild, dass ich nun stets, wenn ich frühstücke, betrachte.

fullsizeoutput_1175

Immer, wenn ich in schlechter Stimmung von einem mittelmäßigen Studientag nach Hause komme, so weiß ich, dass es mir nach Eintreten in die WG wieder besser gehen wird, gibt es immer jemanden der da ist und meine Probleme versteht, weil er gerade genau das gleiche durchmacht. Dann schimpfen und fluchen wir so lange, bis es wieder gut geht. Oder wir packen alle Decken und Kissen der unteren Etage zusammen,  bauen daraus eine Bettenburg und hören Kinderlieder. Original so letztens passiert!

 

fullsizeoutput_1176

Jedem, dem ich erzähle, dass ich in einer 16er-WG wohne, klappt erst einmal die Kinnlade hinunter und es wird gefragt, wie ich das nur aushalte. Und klar, manchmal ist die Küche sehr unaufgeräumt und mal würde ich schon gerne schlafen, währenddessen sieben andere gerne feiern würden, aber all dies rückt wegen der tollen Menschen in den Hintergrund. Im Endeffekt sind wir auch keine 16er-WG mehr, weil immer wer irgendwen mitbringt und so lerne ich stets neue Leute kennen, die nicht in meiner Fakultät sind.

Und dieses ständige Kommen und Gehen habe ich schon in Indien auf irgendeine Art und Weise genossen und bin nun, nach knapp einem halben Jahr des Wohnens in der 16er-WG komplett davon entschlossen, die richtige Entscheidung getroffen zu haben, als ich damals komplett planlos auf dieses schiefe Haus zulief und auf den Vermieter wohl relativ unwissend gewirkt haben musste. Mein Zimmer verwandelt sich immer mehr in MEIN Zimmer und klar wasche ich mein anderes Zuhause immer mehr aus den Jeans, aber ich weiß, dass ich bei meinen Eltern, als auch in Hyderabad, Indien trotzdem willkommen sein werde, komme ich zurück.

fullsizeoutput_1179

Und irgendwie bin ich auch hier Teil der Schnittstelle zur Welt,  wenn ich mit meinen Freunden, seien es Mitbewohner, oder Kommilitonen, durch die niedlichen Gassen der bunten und lauten Stadt streife, fremdsprachige Touristen schnatternd an uns vorbei laufen und wir immer neue spannende Läden finden, die wir gerne mal besuchen würden wollen. Und genau diese Erkenntnis, in der richtigen Stadt mit den richtigen Leuten zu sein, macht mich glücklich …

 

Über den Aufbau eines neuen Lebens

„Irgendwann Anfang Juni in Goa“

Name: Leo Sernau

Geboren: 23.08.1998

Geburtsort: Berlin

Schulabschluss: Abitur

Durchschnitt: dfuglne badbdx yvafjhsDG

„Hä?“ Ich blicke gedankenverloren vom Bildschirm meines Laptops auf. Fast wie automatisch fülle ich seit einer Stunde Online-Bewerbungen für ein mögliches Studium nach meinem Jahr in Indien aus. Gerade bin ich auf der Seite der „Freien Universität“ Berlin, um mich für den Studiengang Publizistik- und Kommunikationswissenschaft  zu bewerben, doch etwas stört meinen Ablauf, den ich fast schon stoisch und monoton nachgehe, so eingeübt bin ich mittlerweile beim Bewerbungsablauf.

Es regnet und doch ist es angenehm warm hier in Goa, dem alternativen Partystaat Indiens. Ich sitze auf einen Holzhocker unter der Strohüberdachung der Bar des Pappi Chulo, dem kleinen, familiären Hostel, dem ich mich nach meinem Trip durch Mumbai und Delhi, erneut verschrieben habe. Mein eigentlicher Plan sah es eigentlich nicht vor, nochmals hierher zurückzukommen. Meine Reise würde lediglich hier in Goa starten. Danach würde ich nach Mumbai, Dehli und zum Schluss in den kalten Norden nach Manali reisen. Doch hatte ich nicht mit der Freundlichkeit der Besitzer des Pappi Chulos gerechnet und so versprach ich Adity, der kleinen Barkeeperin, die ich sehr lieb gewonnen hatte, das Unmögliche. Zurückzukommen. Meine ganze Reiseplanung fiel dadurch ins Wasser und doch war es das mir wert! Wozu nochmals alleine an einen fremden Ort reisen, wenn man bereits sein Ziel gefunden hatte. ( Die Idee des Reisens)

Ich blicke hinunter auf meine Tastatur, die gerade eben wohl ausgerastet zu sein scheint und entdecke ein weißes Fellmonster, dass sich auf meinen Buchstaben niedergelassen hat.

„Messi“, stelle ich fest. Die kleine Straßenkatze aus Goa hat sich den wohl schlechtesten Schlafplatz im ganzen Hostel ausgesucht, bin ich doch gerade bei wichtigen Zukunftsplänen, doch das scheint den felligen, schnurrenden Katzenkörper auf meiner Tastatur nur geringfügig zu tangieren.

fullsizeoutput_fd0

„Ich glaube, sie hat dich lieb“, schließt Rishabh, ein junger Inder aus Delhi, der sich neben mir mit einer Cola mit Eiswürfeln niedergelassen hat. Er will hier einen ganzen Monat bleiben, bis er wieder aufbricht. Das junge Barkeeper-Paar Kamal und Adity haben ihn bereits fest in ihr Herz geschlossen und behandeln ihn so, als sei er längst Part des Pappi Chulos.

fullsizeoutput_521

„Das glaube ich auch“, lache ich. Vor nicht allzu langer Zeit hatte ich die kleine Katze, die dem Hostel vor einer Woche zugelaufen war und nun fester Bestandteil von Kamals und Adity´s Leben ist, durch die ganze Bar gescheucht, weil sie unbedingt den fiesen, schnellen Strohhalm zu fassen bekommen wollte, den ich ihr immer wieder im letzten Moment vor der Nase wegzog. Ganz zum Vergnügen der alternativen, jungen Inder-Szene, die sich um die Bar versammelt hatte.

Trotzdem, bei aller Liebe, würde ich jetzt gerne meinen Bewerbungsbogen vervollständigen und versuche die kleine Kreatur wegzuschieben, ohne großen Erfolg. Messi macht sich nur noch breiter.

„Du,.. Messi“, versuche ich es nun etwas ausdrucksvoller. „Könntest du bitte aufstehen?“

Der Fellball schnurrt ausdrucksstark, was ich wohl als „Nein“ deuten muss.

„Bro, was machst du da eigentlich?“ erkundigt sich Rishabh bei mir.

„Ich muss mich für ein Studium bewerben. Wenn ich in zwei Monaten daheim bin, muss ich irgendwas haben, womit ich weitermachen kann. Deswegen bewerbe ich mich jetzt bei ganz verschiedenen Unis und hoffe, dass sie mich nehmen.“

„Wow“ meint der junge Inder. „Ziemlich zielstrebig, Mann. Aber warum bleibst du nicht einfach hier? Ich meine, du könntest in Delhi studieren. Ich könnte dir die Stadt zeigen und dich zu den besten Orten bringen, wenn du verstehst, was ich meine, Bro“
„Oder du bleibst im Pappi Chulo!“ Mischt sich Kamal der Barkeeper ein. „Du bist hier immer willkommen! Das weißt du, Bro!“ Er drückt mir ein Bier in die Hand, was ich dankbar annehme.

„Ja, das wäre schön, doch so einfach ist es nicht“, gestehe ich, aber muss tatsächlich darüber nachdenken, warum es denn nicht so sein könnte. Die Möglichkeit bestände auf alle Fälle. In Indien zu leben und zu studieren wäre für mich keineswegs ausgeschlossen und doch fühlt es sich nicht komplett richtig an. Auch wenn ich zu diesem Zeitpunkt ungern daran denken will zurück in die Heimat zu kommen. Indien wird in diesen Momenten zu meiner zweiten Heimat, die Aufgeschlossenheit und Aufopferungsbereitschaft der Menschen um mich herum inspiriert und motiviert mich. Es kommt mir vor, als wäre ich bei jedem bereits fest verankert in ihren Herzen, obwohl wir uns erst seit Kurzem kennen.

„Aber in Deutschland ist meine Familie. Die kann ich nicht einfach so aufgeben“, meine ich und weiß, dass die Jungs um mich herum dagegen kein Argument finden werden. Familie ist für beinahe alle Inder, egal wie alternativ und rebellisch sie auch sind, ein heiliges Wort und jeder würde ohne Zweifel, wenn es zum ultimativen Scheideweg kommen würde, sich für seine Eltern und seine Großeltern entscheiden.

Insgeheim verschweige ich ihnen jedoch, dass nach dem Jahr auch alle meinen deutschen Freiwilligen nach Hause gehen. Toni, Skrollan, Lion, Moritz, all die Leute, die es mir erheblich einfacher gemacht haben mich in Indien zurechtzufinden. Zusammen sind wir in einer komplett neuen Welt gestrandet, haben diese zusammen durchlebt und gemeinsam uns etwas aufgebaut, was uns keiner nehmen kann. Wenn all diese Leute nun gingen würden, ja dann würde bei mir erst recht das Heimweh kommen.

 

„Da hast du recht, Alter! Ich hoffe du wirst schnell irgendwo angenommen. Du willst Medien studieren? Das ist genau das Richtige für dich, ich liebe deine Fotos, Bro“, meint Kamal und gibt mir ein High Five.

„Messi! Geh da runter“, schimpft er, als er die schlafende Katze auf meiner Tastatur entdeckt und setzt das verdatterte Tier, dass schlaftrunken alle Glieder von sich streckt neben eine halbleere Tequila-Flasche.

„Tut mir leid, Mann! Messi schläft neuerdings überall“, meint der große, muskelbepackte Typ und krault die kleine Katze liebevoll unterm Kinn.

fullsizeoutput_365

 



 

„Irgendwann im Juli in Hyderabad“

„Hey Leo! Kommst du mit auf den Berg? Wir wollten etwas entspannen und danach vielleicht los zu Stella und Lion!“ ruft Toni das dritte Mal mir entgegen, nur jetzt verstehe ich es, weil ich nun meine Nebengeräusche-schluckenden Kopfhörer abgesetzt habe, im Angesicht einer wild fuchtelnden Freiburgerin vor mir. Ich sitze an meinem Arbeitsplatz, die kleinen ausgetrunkenen Chai-Becher stapeln sich majestätisch im Epizentrum des Einflussbereichs meiner rechten Hand, währenddessen auf der linken Seite leere Schokoriegelverpackungen den Aufstand proben. Hinter mir sitzt Vaishnavi, gebürtig aus Delhi, tief versunken in Übersetzungsarbeiten, währenddessen ich, in eigenen Sphären schwebend an meinem Mac sitze und eben jene Übersetzungsarbeiten als Untertitel in ein Filmprojekt einfüge.

Wir befinden uns in jener Zeit, wo wir beide ununterbrochen an unserem kleinen Film über die Wasser-Missstände mehrerer, kleiner, rajastanischer Dörfer, genannt Kanpur und Nevatalai, arbeiten und schlichtweg nicht vorankommen, scheitert es am Sprachverständnis für den Dialekt der Frauen aus den Dörfern. Jene Sprache sprechen lediglich zwei Personen im Office, jedoch mehr schlecht als recht, weshalb diese lange über dem Gesprochenen grübeln und tüfteln. (Indische Sprachen – Übersetzen auf einem anderen Level)

Ohne Titel

„Ähh…Ich kann nicht! Der Film lässt uns echt nicht in Ruhe und Bhanu will das Ding am Montag fertig haben“, meine ich, tue aber das Gegensätzliche und stehe auf, statt sitzen zu bleiben. Ich bin hin und hergerissen. Zu unseren anderen Freiwilligen zu gehen ist echt verlockend. Ebenso der Gedanke endlich eine Auszeit zu nehmen. Doch als ich zu Vaishnavi hinunter schaue und ihren bösen, beinahe drohenden Blick bemerke, der mir ganz klar signalisiert sitzen zu bleiben, lasse ich mich wieder sinken.

„Außerdem muss ich mich noch für einen letzten Studiengang in Weimar bewerben“, gebe ich zum Besten und stöhne innerlich auf. Auch das noch! Bei allen anderen Bewerbungen ging es lediglich um einen Online-Fragebogen zum Ausfüllen und hier muss ich, ebenfalls bis Montag, einen Lebenslauf, sowie ein vierseitiges Motivationsschreiben hinschicken, ehe die Bewerbungsfrist ausläuft.

 

„Wie du willst“, meint Skrollan. „Vielleicht kannst du ja morgen nachkommen. Mach einfach dein Zeug fertig. Morgen ist ja Wochenende, da musst du nicht arbeiten.“

 

Im Prinzip hat sie ja Recht, aber alle hier im Office, die zufälligerweise nicht deutsche Volunteers sind, müssen auch am Samstag arbeiten. So auch Vaishnavi, die komplett entnervt an ihrem Laptop sitzt.

„Ich kann dich nicht zwingen, morgen zu arbeiten, ich muss es aber. Entweder du bist dabei, oder nicht. Ich würde das gerne dieses Wochenende fertig kriegen“, appelliert sie an mein Arbeits- und Schuldbewusstsein und trifft damit komplett ins Schwarze. Ich muss bleiben!

Bis spät in die Nacht wird übersetzt, geschnitten und diskutiert. Gegen Mitternacht ergreifen wir die Flucht, ob der dem Laptop-Licht angezogenen Moskitos, die nach unserem Blut lechzen. Blutleer und ausgesaugt fallen wir auf unsere Matratzen, reiben uns mit Anti-Mücken-Creme ein ( allseits beliebt ist meine Creme-Variante, die ganz penetrant nach chemischen Kaugummi stinkt und die kleinen Blutsauger gut auf Distanz hält) und stehen am nächsten Morgen schlaftrunken und komplett übernächtigt auf, schlurfen träge, beinahe wie ausgehungerte Zombies, erst zum Frühstück und folgend an unserem Arbeitsplatz. Gegen Abend, die Sonne steht schon wieder  tief am Horizont und verbreitet ihre letzten warmen Strahlen, sieht es tatsächlich so aus als seien wir fertig. Alles ist korrekt übersetzt und eingefügt, die Bilder sind in richtiger Reihenfolge angeordnet und der Sound passt so weit. Wir sind fertig, begreifen wir und atmen tief aus! Mehr als eine Woche lang hatten wir uns kaum Erholung gegönnt, nun fällt die tagelange Konzentration von unseren Schultern ab und wir geben uns ein gut gelauntes High Five! Das Ding haben wir gemeinsam gerockt!

Ich will schon meinen Laptop zuklappen, doch dann fällt mir ein wichtiges entgangenes Detail ein. Die Bewerbung. Murrend stehe ich nun erneut zwischen den Stühlen und schwanke hin und her. Muss ich das jetzt wirklich noch machen? Ich habe doch eigentlich schon genügend andere Bewerbungen  aus Goa abgeschickt, wo mehrere Absagen immer noch eingeplant sind. Bestimmt werde ich schon für irgendwas angenommen werden.

Aber irgendwie reizt mich der Studiengang „Medienkultur“ aus Weimar und so setze ich mich wieder hin, verfasse innerhalb weniger Stunden Motivationsschreiben und Lebenslauf, schicke beides ab und falle erneut todmüde auf meine Matratze.

Weimar

 


Zwei Tage später:

Währenddessen Toni an ihrem, wohlbemerkt aufgeräumten Schreibtisch sitzt und aus meinen Bildern aus den Bergdörfern Comics erschafft ( in letzter Zeit hat sie dafür ein wahres Talent entwickelt), um diese im Nachhinein in einen Report über die Missstände in den Dörfern einzufügen, treibt mich regelrechte Langeweile. Ich habe keine Aufgaben mehr, der Film ist abgeschlossen und von unserer Chefin würdig abgenickt worden. Klar, könnte ich nach einer neuen Aufgabe fragen, doch…naja…manchmal ist eine Runde Netflix auch entspannend. Gerade dann, wenn man die letzte Woche gar nicht dazu gekommen ist.

So beende ich gerade eine Folge der Serie „Haus des Geldes“ und sitze nun da, im völligen Zwiespalt über mein weiteres Vorgehen. Schaue ich weiter, gerate ich in folgenden Konflikt, dass die Serie bald vorbei ist. Würde ich nicht weiterschauen, käme schnell das Gefühl der Unproduktivität. Doch eben jenem Missmut weiß ich geschickt entgegenzutreten. Ich tu einfach so, als wäre ich produktiv. Wie macht man das? Man checkt einfach seine Mails und schwupps, wirkst du so, als seist du tief versunken in Arbeit.

Ich öffne mein Mailprogramm, ein paar Spam-Mails stehen zum Löschen bereit. Der Newsletter des Auswärtigen Amtes, den ich für mein Indien-Jahr  abonnieren musste, um stets über die möglichen Gefahren des Subkontinents informiert zu werden, hat mir mal wieder fälschlicherweise 10 Nachrichten über die Gefahren des Kongos, Madagaskars und Kanadas geschickt. Das tut der Newsletter dauernd, obwohl ich ihn extra nur für Indien bestellt habe. Da ich momentan weder im Kongo, noch in Kanada bin, lösche ich die Nachrichten, aus geübter Ignoranz heraus, sofort, ohne sie zu öffnen. Auf der Stelle fühle ich mich produktiv und voller Tatendrang wage ich mich an den Unbekannt-Ordner wo gerade eine neue Nachricht aufpoppt.

 

„Sehr geehrte Frau / Sehr geehrter Herr Leo Sernau,

wir freuen uns Ihnen mitteilen zu können, dass wir Sie zum Wintersemester 2018 für den Studiengang Bachelor Medienkultur in Weimar zugelassen haben. Einen entsprechenden Bescheid erhalten Sie in den nächsten Tagen postalisch zugesendet.“

 

Wie jetzt?  So schnell? Das kann doch gar nicht sein. Bewerbungsschluss ist doch erst Ende Juli. Warum erhalte ich denn jetzt schon eine Zusage? Das kann doch nicht stimmen! Wirklich Glauben schenke ich dieser Mail nicht. Ich kann unmöglich angenommen worden sein, schließlich steht auf dem Bildschirm lediglich das Wort „zugelassen“ und nicht „angenommen“. Oder ist das, genauer betrachtet, das Gleiche?

Vollkommen baff zeige ich die Mail Toni, die mir begeistert auf die Schulter klopft.

„Hey, herzlichen Glückwunsch! Wie schön, dass du jetzt schon angenommen wurdest. Weimar ist eine wirklich sehr schöne Stadt!“ Sie lächelt mich an.

„Aber….aber…das geht doch nicht. Da steht lediglich „zugelassen“ Heißt das nicht, dass ich im Grunde erst in die nähere Auswahl an möglichen Auswahlkandidaten gekommen bin?“ Ich bin nach wie vor skeptisch.

„Glaub mir, Leo, das ist eine ganz klare Bestätigung“, meint Toni, die sich momentan auch mit Studienbewerbungen beschäftigt und sich damit auseinandersetzt Medizin in Lübeck zu studieren.

Trotz der positiven Worte kann ich mich immer noch nicht ganz freuen. Was, wenn doch nicht?

Doch da ich Toni ungern nochmal in ihrem kreativen Schaffen behindern will, schicke ich den Text nach Deutschland zu meiner Mutter, die ihn ausgiebig analysiert und mir schlussendlich ebenfalls sehr herzlich fürs kommende Studentenleben gratuliert. Weimar passe schließlich als Dichter-und-Denker-Stadt recht gut zu mir. Ebenfalls der Studiengang, der den Begriff der Medien auf ein sehr großes Spektrum ausweitet und somit auf mich, der sich noch immer noch nicht ganz entschieden hat, was er jetzt genau machen will, perfekt geschnitten ist.

 

Welch Ironie, wird mir bald bewusst. Jene Bewerbung, die ich beinahe nicht gemacht hätte, diese eine mit dem meisten Aufwand, wurde belohnt. Gutes Karma, mag es wohl sein. Es sollten im Laufe der Tage noch weitere Bestätigungen kommen, doch bereits zu jenem frühen Stadium war ich mir sicher über meine Zukunft, die mir nun kaum mehr Angst machte. Nach Indien würde das Leben weitergehen. Erst später, bereits zurück in Deutschland wurde mir klar, dass es nie mehr so einfach wie in Indien sein würde. Versicherungen, WG-Suche, Eigenständigkeit, all dies kam auf mich zu und irgendwie kam es mir so vor als sei ich besser auf ein Leben in Indien vorbereitet, als auf jenes in Deutschland….

fullsizeoutput_fd2

To be continued…

Vom Ende eines ewigen Sommers und unterschiedlichen Welten

„Dürfen wir uns setzen?“

„Ja klar, kommt her“ meint das eine Mädchen aus der Dreiergruppe am Biertisch und winkt uns zu sich.

„So wie ich das sehe, seid ihr ziemlich fertig. Wollt ihr auch ins „Soda“?“ fragt sie und deutet auf einen unserer kleinen Gemeinschaft, der eindeutig zu viel geraucht hat. Die Nacht ist über Berlin hineingezogen, es bereits früher Samstag-Morgen, doch trotz dessen lebt und pulsiert die Großstadt, wie eh und je. Vereinzelte Sterne lassen sich am Himmelszelt blicken, während unten, auf den Straßen, die Nacht zum Tag gemacht wird. Es ist spannend zu beobachten, wie in der Woche schon um zehn Uhr abends die Bürgersteige hochgeklappt werden und niemand mehr zu sehen ist, am Wochenende jedoch um zwei Uhr nachts genauso viele Leute unterwegs sind, wie am Vormittag.


 

„Seltsam“, schießt es mir durch den Kopf. In Indien würde bis spät in die Nacht, egal welcher Tag und egal zu welcher Zeit, der Bär steppen. Das Chaos würde die Straßen noch bis spät im Griff behalten. Obst-und Gemüsehändler würden immer noch Bananen und Granatäpfel verkaufen, die Rush-Hour wäre noch in ihrer Prime-Time, Tuk-Tuk-Fahrer würden immer noch  Passagiere zu ihrem gewünschten Ziel bringen, die Straßenhunde würden sich wappnen auf die bevorstehenden Revierkämpfe zwischen ihren Rudeln und Kautabak-kauende Unterschichtsinder, würden mit roten Zähnen weiter rote Spucke auf den unebenen Boden spucken, währenddessen in Deutschland wochentags die Städte und Dörfer wie ausgestorben wirken.

fullsizeoutput_ae0

fullsizeoutput_ae1

fullsizeoutput_aba.jpeg



Doch jetzt ist Wochenende! Zeit für die junge deutsche Bevölkerung Party zu machen. So hat es auch uns vier Jungs weit durch die Stadt getrieben, um letztendlich, drei Uhr nachts, im Stadtteil Prenzlauer Berg in der Kulturbrauerei vor einem Nachtclub namens „Soda“ zu enden und nicht reinzukommen. Zu viel Geld müssten wir zahlen, das wir nicht mehr haben, geschuldet der nächtlichen Reise, die wir bereits hinter uns haben.

 

„Ja, wir würden gerne dort rein, doch es ist zu teuer“ meine ich, dem Mädchen antwortend, das genüsslich eine Zigarette raucht und mich anlächelt.

„Aber das ist es echt wert. Ihr könnt da bis sieben feiern! Auf sieben Floors! Was hört ihr so gerne?“

„Seeed.“

„Wirklich?! Wie cool! Ich auch! High Five!“ wir klatschen uns ab und irgendwie glaube ich einen guten Draht zu der Gruppe aufzubauen.

 

„Aber zehn Euro! Das sind 800 Rupien! Dafür könnte ich mir mindestens…“, ich rechne kurz, „240 Bananen kaufen, oder….160 Corn-Samosas!“

fullsizeoutput_4c8

Die Mädchengruppe schaut mich irritiert, von der anderen Tischseite an und es entsteht kurz eine peinlich berührte Stille, wo keiner etwas sagt.

„Hää.“ 

„Sorry, ich bin immer noch nicht ganz angekommen.  Ich war ein Jahr in Indien und da war vieles echt billig.“

Das Gespräch will folgend nicht wirklich in Schwung kommen und irgendwann stehen die drei Mädels auf und gehen.

„Wir müssen dann“, meint eine der drei. „ Viel Spaß euch noch und…schön, dass du in Indien warst.“

Während die Mädels von dannen ziehen und ich darüber nachsinne, ob es in meinem Small-Talk-Gesprächsrepertoire eigentlich noch andere Themen gibt als „Mein Jahr in Indien“, und ich vielleicht über andere Themen reden sollte, wenn ich gerade ein Mädchen kennenlerne, beginne ich zu frösteln. Ein Gefühl, das ich lange nicht mehr so gespürt habe. Es ist frisch, beinahe kalt und ich habe nur ein kurzärmliges Shirt, sowie eine lange Jeans an. Genauso könnte ich jetzt auch im 35 Grad heißen Hyderabad, wo nun, seitens Zeitverschiebung, schon die ersten müden Seelen ihre Glieder recken und aus ihren Betten fallen, herumlaufen. Auf die Idee in so einer Hitze vielleicht doch zur kurzen Hose zu wechseln; darauf kommt der indische Hyderabadi-Mann selten. Stets, egal bei welchem Wetter, wird unter der allgemeinen Mehrheit Shirt oder Hemd und lange Jeans getragen. Gut, dabei muss man wohl erwähnen, dass es, zumindest in Zentralindien ( wenn wir Richtung Norden, nach Manali, oder Darjeeling schauen, gäbe es wahrscheinlich auch frostige Temperaturen) selten kälter wird, als 25 Grad.

Im deutschen Hochsommer jedoch, würden wenige, trotz mickrigen, geradezu kühlen 32 Grad, auf die Idee kommen lange Hosen zu tragen. Umso merkwürdiger ist es unterdessen, dass man seine qualemden Füße in Strumpf und Schuh zwängt, statt einfach Flip Flops anzulegen. Jene Beobachtung machte ich in der hitzigen Berliner S-Bahn mitten im August. Ich, ganz im indischen Stile mit langer Hose und Flip Flops, schaute mich um und egal wo ich hinschaute; im Beinewald der Ur-Berliner, Hipster, Schwaben, Touristen und Studenten steckten die Füße in Schuhen und Socken.

„Wie halten die das nur aus?“ fragte ich mich, musste aber rasch einsehen, dass man mich auch das Gleiche hätte fragen können.

Aber vielleicht mag die Mehrheit der Deutschen einfach keine Füße und die Inder keine nackten Beine. Alles eine Frage der Gewohnheit.

Und das ist momentan wohl eines meiner Probleme: Dass ich mehr ans indische Leben angepasst bin, als ans deutsche. Keine Frage, es ist wunderschön klare, gute Luft einzuatmen und durch grüne, saftige Wälder und Felder zu spazieren, ohne nur einen einzigen brennenden Haufen Abfall sehen, oder ein hupendes Motorrad, das unbedingt DIESEN schmalen Weg fahren möchte, hören zu müssen. Doch geht es mir damit wirklich besser, weil alles irgendwie viel schöner und idyllischer ist?

Ständig werde ich gefragt, ob ich denn jetzt alles besser schätzen könne, wo ich in „Indien, einem Schwellenland“, doch wohl deutlich schlechter gelebt haben muss.

„Die Leute da haben es ja nicht so gut wie wir. Schon beachtlich, wie die mit der Armut zurechtkommen“, höre ich meist aus den Aussagen der Leute heraus, wenn wir über mein Jahr sprechen.

fullsizeoutput_f93

fullsizeoutput_c1e

„Und du musstest ein GANZES JAHR dort aushalten?! Ich hätte das da nicht gemacht. Die sind ja alle arm“, gestand mir neulich eine rüstige Rentnerin im Supermarkt und fand es total mutig, dass ich es GEWAGT habe in so ein unzivilisiertes Land zu gehen.

  1. Ich habe es nicht ausgehalten, ich habe es gerne getan.
  2. Jedes Mal, wenn Leute von Indien reden, als wäre es ein absolutes Entwicklungsland, trifft mich das ins Herz.

 

Ja, ich finde es beneidenswert wie gut und organisiert der Straßenverkehr in der Stadt und auf den Autobahnen ist. Es ist unglaublich wie es ein Land geschafft hat ein super strukturiertes und durchdachtes Müllsystem zu installieren. Die Städte und Dörfer sind wunderbar grün, Tiere, sowie Menschen können hier wirklich gut leben und es ist wirklich bewundernswert wie strukturiert und durchdacht vieles ist.

Ich war komplett überwältigt den riesigen Berliner Hauptbahnhof zu sehen, so sauber, modern und edel sah er aus im Verhältnis zu den maroden indischen Bahnhöfen.

fullsizeoutput_f94

 

Und doch brauch es das auch nicht. Mag sein, dass es in Indien viele Probleme gibt und es eine komplett andere Sicht auf die Menschen dort gibt. Dennoch ist das Leben dort auf eine schöne Art und Weise unperfekt und trotzdem viel lebendiger, als in Deutschland.

Dort spielt nur das Leben an sich eine Rolle und alles andere; darüber wird nicht geredet. Den Tod als Beispiel. In Indien ist es ganz normal, wenn der Verkehr, aufgrund eines pompösen, glücklichen Festtagszuges, angehalten wird. Der Grund für das Fest: Es wird Party gemacht, weil jemand gestorben ist. Man ehrt die tote Person, in dem man sie feiert. Ein aller letztes Mal, bevor man ihre Asche, beispielsweise im Fluss Ganges in Varanasi, der heiligsten Pilgerstadt der Hindus, untergehen lässt. Dort werden die Toten öffentlich an den Ghats verbrannt.

fullsizeoutput_745

Die Stadt Varanasi ist ob ihrer Toten-Verbrennungen ein sehr spiritueller und glücklicher Ort, währenddessen Friedhöfe in Europa wortwörtlich ausgestorben sind und eine gute Location für Horrorgeschichten bieten. Klar, die Vorstellungen vom Tod sind in Deutschland und Indien total verschieden. Die einen glauben, dass er endgültig ist, die anderen sehen ihn als Mittel zum Zweck für Reinkarnation und Eintritt ins Nirvana und doch stehen an beiden Enden Menschen, die die tote Person sehr geliebt haben.

Jedoch weint die eine Seite um sie und versenkt sie in einem sehr schmalen Kasten in der Erde auf einem gruseligen Platz. Die andere Seite weint zwar auch erst, das habe ich nur zu gut erfahren dürfen, als eine unserer Hausfrauen aus dem Office ihren Vater verlor ( Roadtrip zu einem Toten), aber ist dann fröhlich darüber, dass diese verstorbene Person nun einen neuen Weg einschlägt und lässt sie im Winde verwehen, oder im Wasser dahintreiben, sodass der Körper frei sein kann.

Währenddessen die einen sich beengt fühlen, aber trotzdem so tun als wäre die Welt perfekt (hierbei spreche ich lediglich nur von dem, was man in der Öffentlichkeit sehen kann), wissen die anderen um die Unperfektheit der Welt, akzeptieren das aber und können glücklicher auf die Welt schauen. So ist Indien für mich ein Land, dass zwar an vielen Problemen, wie Frauenunterdrückung, Armut, zu viel Müll, Korruption und Bestechung  leidet, aber es auch ein Land in dem man glücklicher und freier leben kann ( gemäß man hat genügend Geld um nicht auf der Straße betteln zu müssen), als in Deutschland.

Ich war dort, trotz unzähliger Entbehrungen und Missstände (kein richtiges Bett, Ratten in der Küche, kein Recyclingproblem, verseuchtes Wasser, Armut…etc..) sehr glücklich und behaupte nicht, dass es uns Deutschen besser geht.

fullsizeoutput_681
Mein täglicher Eimer Wasser zum Duschen in den Bergdörfern. 🙂 

Wie man jetzt Glück und Freiheit definiert; das ist jedermans eigene Philosophie.


 

„Alter, du zitterst ja. Muss echt kalt für dich sein, nach diesem Jahr voller Sommer“, meint einer meiner Freunde und rückt sich seinen Kapuzenpulli zurecht. So einen habe ich natürlich, aus der Überzeugung heraus, dass es bestimmt nicht so kühl wird, daheim gelassen  und versuche jetzt so gut es geht die kalten Gedanken im Kopf durch warme zu ersetzen. Diese ganze Warm-kalt-Wetter-Thematik geht mir seit geraumer Zeit mächtig gegen den Strich. Schon allein den Wetterbericht zu hören, lässt mich die Augen rollen. In Indien habe ich mich damit nie beschäftigt. Für mich und viele andere war es einfach klar, dass es heute beispielsweise 34 Grad werden würde und morgen 38 Grad. Unsere Planungen waren recht spontan, wir verabredeten uns mit unseren Freunden am fast selben Tag, wo wir sie triefen und machten nur ungefähre Zeitabsprachen.

In Deutschland war ich plötzlich komplett überfordert, als jemand mich fragte, wann ich denn nächste Woche Zeit hätte. Wäre es möglich am Donnerstag 17:00 Uhr sich zum Reden zu treffen? Vielleicht in diesem einen Cafe? Überforderung hoch zehn! Woher sollte ich das denn wissen?

„Deal! Also Donnerstag ist okay. Wir können ja dann Mittwoch Abend klären, wann und wo wir etwas machen.“

„Warum klären wir das nicht jetzt?“

„Wer weiß, was diese Woche noch so kommt. Wir entscheiden einfach spontan.“

 

Indien hat mir Gelassenheit und Spontanität geschenkt und jetzt muss ich diese wohl oder übel wieder gegen Hektik und Planung eintauschen.

 

Trotz alledem ist man gegen eine Sache überhaupt nicht vorbereitet. Temperaturen. Ist es zu kalt läuft nichts und ist es zu warm läuft auch nichts. S-Bahnen kriegen Probleme, Leute beschweren sich über drastische Temperaturänderung und stellen sich Pools ins Wohnzimmer.

 

Niemand in Zentralindien hätte sich wegen 45 Grad im Schatten  großartig beschwert, nein man hätte es so hingenommen, ( auch wenn ein paar vereinzelte Leute natürlich gemeckert hätten) weil, man in diesem Fall doch darauf vorbereitet war. Man wäre in seinem Haus mit Deckenventilatoren und Klimaanlagen geblieben und erst gegen Abend so langsam nach draußen, in die frische, schlecht riechende Smog-Luft getreten.

fullsizeoutput_f95

Deutschland weiß um seine Jahreszeiten, ist aber weder auf Hochsommer, noch auf bitterkalten Winter richtig vorbereitet.

Man  beklagt sich über die unsägliche Hitze, vergisst aber seine Leiden in den kalten Jahreszeiten und schlittert dann wieder unüberlegt in die heiße Zeit hinein. Bahn und Bus haben zwar eine Klimaanlage, aber die kann sich nur erhitzen. So schmilzt man 30 Grad dahin und wünscht sich Schnee.

 

Und dieser wird wohl auch in wenigen Monaten kommen. Das lässt mich in dem Moment, wo ich mit meinen müden Freunden ohne Pullover auf der Bierbank in der Nähe des Nachtclubs „Soda“, in den die drei Mädels, mit denen wir gerade noch gequatscht haben,  gerade eintauchen, noch mehr frösteln. Ein ganzes Jahr Sommer liegt hinter mir. Mehr als 14 Monate dauert dieser nun schon an und ich will nicht das er endet. Ich will weiterhin bunte Sommerkleider und gut gelaunte Leute auf den Straßen sehen und nicht dicke, schwarze Wintermäntel und müde Gesichter. Ich bin zum Sommermenschen geworden, der sich vor dem Winter fürchtet. Denn wenn dieser kommt, so meine Erwartungen, wird dieses tolle Indienjahr unter riesigen Schneeflocken begraben werden. Es kommt mir jetzt bereits vor wie ein schwindender, wunderschöner Traum und wenn jetzt noch die Sonne verschwindet, ein absolutes Markenzeichen dieser Zeit, wie kann ich mich dann noch erinnern?

Klar, diese Gedanken sind böse Hirngespinste. Wie könnte ich je, dieses unglaubliche Land, mit seinen unglaublichen Bewohnern vergessen? Doch der ewige Sommer ist vorbei, Kastanien liegen bereits auf den Straßen und morgens kann ich keineswegs mehr an der Türschwelle des Hauses sitzen, wie ich es einst fast immer in Hyderabad tat, um meinen Körper zu wärmen. Dazu ist es zu kalt und irgendwie macht mich das traurig.

 

Doch gerade, als unsere kleine Gruppe aufsteht und sich zur nächsten Straßenbahn aufmacht, die uns nach Hause fährt, fliegt müde ein kleines, summendes und brummendes Geschöpf an uns vorbei und erinnert mich daran, dass es auch sein Gutes hat, wenn der deutsche Sommer endet.

„Doofe Wespen!“ murrt einer aus unserer Gemeinschaft.

„In der Tat“, murmle ich.  „Ein Glück gab´s die in Indien nicht. Reis hätte denen wahrscheinlich auch nicht geschmeckt.“

In meinem ganzen Jahr habe ich kein einziges gefährliches Tier, außer den Moskitos, gesehen, keine Schlange, keine Spinne und kein Tiger und jetzt komme ich zurück und laufe zur jederzeit Gefahr von Wespen gestochen zu werden. Na super!  Doch der Herbst naht und mit ihm verschwinden Wespen sowie Moskitos und dafür allein, lohnt es sich schon zurückgekommen zu sein.

 

Ebenso nicht mehr länger nur von Uber-Fahrern abhängig zu sein, sondern sich jederzeit auf sein Fahrrad zu schwingen, um seine Freunde wiederzusehen, macht mich glücklich. Und so bin ich sicher, als ich mich von eben jenen, nach einer langen Nacht, verabschiede, dass wir noch viele schöne Abende zusammen verbringen werden. Bekanntschaften und Abenteuer kann man immer erleben, egal bei welchem Wetter, oder in welchem Land. Es besteht eben nur die Frage, was du daraus machst….

Der Anfang aus dem Ende

Es endete dort, wo es einst begann. Vor genau einem Jahr noch hatte ich hier das erste Mal in meinem Leben indischen Boden betreten und jetzt würde ich von hier aus diesen wieder verlassen. Draußen regnete es heftig, die Jahreszeit des Monsuns hatte in Mumbai Einzug gehalten, währenddessen ein geschäftiges Treiben innerhalb des Flughafengeländes von statten ging. Alles schien sich neuerdings zu wiederholen. Ich kam im Regen und würde im Regen gehen. Es wirkte so irreal. Heute morgen noch saß ich draußen auf der Türschwelle unseres Hauses, aß mein Frühstück, lauschte der lauten, indisch-klassischen Musik des Nachbarn, die von ihm, wie jeden Morgen, herüber gedudelt kam und alles sprach dafür, dass es ein ganz normaler Arbeitstag werden würde, wären da nicht die gepackten Taschen. Mein Backpack-Rucksack, der mich über das Jahr hin treu auf allen meinen Reisen begleitet hatte, war auf einmal doppelt so groß wie sonst, steckte in ihm plötzlich ein ganzes Jahr. Mein Schrank war leer, genauso wie mein Arbeitsplatz, der wohl das erste Mal seit Monaten befreit war vom Krempel, den ich dort Tag für Tag ablud. Ich stand vollkommen baff davor und merkte wie einsam dieser Tisch plötzlich da stand, so ganz ohne mich und mein Zeug.

Draußen herrschte das alltägliche Chaos der indischen Großstadt Hyderabad, es war heiß und stinkig und alles war irgendwie so normal währenddessen alle meine Gedanken gar nicht mehr diesem großen Ganzen galten, sondern schon tausende Kilometer entfernt waren und an das scheinbar Abnormale dachten.

Ich ging an den Obst-und Gemüseständen vorbei. Sie hatten wieder Granatäpfel auf Lager, währenddessen die letzten Mangos der bereits aufgelaufenen Saison von Hand zu Hand gereicht wurden. Auf unbegründbare Weise berührte mich der Anblick der Granatäpfel.

Alles begann von vorn. Vor fast genau einem Jahr kam ich mit der Granatapfelzeit. Jetzt ging ich. Eine Woche zuvor hätte mich dieser Gedanke noch zum Verzweifeln, zum Abblocken gebracht, wollte ich es schlichtweg nicht einsehen zurück in die alte Heimat zurückzukehren, doch nun, war ich bereit zu gehen. Es gab kein Zurück mehr. Ich würde das Office und all die Leute die hier lebten auf unbestimmte Zeit nicht mehr wiedersehen. Dieser Gedanke, mit diesen Menschen, die ein Jahr buchstäblich mit mir gewohnt hatten, wohlmöglich Jahre lang nicht mehr persönlich zu reden, schmerzte am meisten.

 

Doch nun, ich habe mich von allen verabschiedet und bin mit viel zu viel Übergepäck von Hyderabad nach Mumbai geflogen, scheint das ganze Jahr plötzlich wie eine schwindende Erinnerung zu verblassen.

fullsizeoutput_b3b

Es gibt nur den Flughafen, die wartenden Passagiere und mich. Und dieses weiße Mädchen, dass seit der ersten Sicherheitskontrolle in Mumbai, bis hin zum Gate nach München irgendwie immer dicht bei mir war. Jetzt, wo wir beide unmittelbar nebeneinander sitzen und darüber stöhnen, dass das Boarding um eine halbe Stunde nach hinten verlegt wurde, finden wir den Mut, miteinander zu reden.

„Woher kommst du?“ fragt sie.

 

„Deutschland. Berlin. Ich war jetzt für ein Jahr weg. Wirklich gehen, will ich eigentlich gar nicht. Und du?“

„Italien, Venedig. Ich war für sieben Monate hier. Ich habe in Mumbai in Dharavi gearbeitet und mir geht’s wie dir. Indien fesselt einen.“

„Krass, in Dharavi war ich auch“, erinnere ich mich zurück an den größten Slum Asiens.

fullsizeoutput_431

Es entsteht eine kleine Konversation zwischen uns über Indien über deren Menschen, bis schließlich zum Boarding gerufen wird. Wir gehen zusammen den Gang zum Flugzeug entlang und als wir kurz vor dem brummenden Flieger stehen und unsere Pässe noch einmal kontrolliert werden, atme ich tief ein.

„Jetzt gibt es kein Zurück mehr.“

„Tatsächlich. Soll ich dich kurz umarmen? Das kann ich gut. Dann geht´s dir besser.“

„Schon okay. Aber in München könnte ich wahrscheinlich eine Umarmung gebrauchen.“

„Gut“, sagt die junge Italienerin. „Wir sehen uns in Deutschland wieder.“ Sie lächelt und verschwindet im Bauch des achtsitzigen Airbusses.

Leider würde ich sie nie wieder sehen, denn als wir in München landen, komme ich entweder zu früh, oder zu spät aus dem Flugzeug heraus, warte zwar noch ein bisschen auf das Mädchen, aber irgendwie haben wir es geschafft uns zu verpassen. Es gibt keine Umarmung, was mich doch etwas traurig stimmt, bräuchte ich jetzt in der Tat eine.

Es riecht nach Brezeln und Orangensaft, überall wo ich hinschaue sehe ich weiße Menschen, die ich auf einmal alle verstehen kann. Das schockiert mich wahrlich am meisten, war ich sonst doch immer in der Minderheit und habe selten irgendetwas verstanden. Jetzt kann ich jedem Gespräch folgen, ob ich will, oder nicht. Ich verschwinde auf einmal in der Masse, bin augenscheinlich nichts Besonderes mehr, was in Indien noch eines meiner Markenzeichen war.

Wenige Stunden später lande ich in Berlin und ab dem Zeitpunkt, wo ich mein Gepäck vom Band hieve und aus dem Flughafengelände trete, beginnt die Reise ins bekannt Unbekannte. Man kann es nicht anders beschreiben, doch als ich im Auto nach Hause sitze, wo ich mich erstens anschnallen und mich zweitens wieder daran gewöhnen muss, dass das Steuer auf der linken Seite ist, scheint die Straße wie ein Fluss dahinzufließen, ist sie irgendwie mehr aus einem Stück als in Indien. Es ruckelt nichts, es hupt nichts, es überholt nichts komplett drastisch und die Autos, die auf den Straßen unterwegs sind, halten gehörigen Sicherheitsabstand zueinander, statt fast aufeinander aufzufahren. Ja, es wirkt gar langweilig wie wir uns fortbewegen, nichts am Straßenrand versucht irgendwie Aufmerksamkeit zu erregen, nein, es wirkt gar so, als versuche man sich möglichst von der Straße fernzuhalten.

Es gibt Ampeln, wo man bei Rot nicht über die Straße gehen darf, auch wenn kein einziges Auto kommt. Das sollte mir in der kommenden Woche noch zu schaffen machen, hatte ich sonst einfach überall den Weg verlassen, um auf die andere Seite zu kommen. Auch das System des Zebrastreifens war mir plötzlich unbekannt, traf ich irgendwann auf solchen und war sehr irritiert, ob der Tatsache wegen, dass alle Autos von rechts und links auf der Stelle anhielten, um mich passieren zu lassen. Sehr geschockt, stand ich da, geschmeichelt über die Freundlichkeit der Leute, bis ich begriff, dass sie sich doch nur an die Straßenverkehrsregeln hielten.

 

Keine Straßenhunde, Kühe oder Büffel sind in Deutschland auf Streifzug, es ist über alle Maßen grün, Bäume stehen an jeder Ecke und Fahrradfahrer, die man in Indien noch als verrückt bezeichnen würde dem Verkehr zu trotzen, fahren auf extra Fahrradwegen an uns vorbei.

Bei all diesen Sicherheitsregeln, Vorschriften und gut durchdachten Systemen auf der Straße kommt schließlich die Frage in mir auf, wie es denn sein kann, dass man hier ständig von Unfällen hört, wo es doch scheinbar unmöglich ist in diesem perfekt eingespielten Wechselspiel aus Autos, Ampeln und Schildern vom Weg abzukommen.

Dann wird mir bewusst, dass kaum jemand an Ausnahmesituationen gewöhnt ist. In Indien passieren ohne Frage auch Unfälle, aber durch das indische Verkehrschaos ist man bei weitem mehr Beinahe-Zusammenstöße und brenzlige Situationen gewöhnt, sodass Fahrer immer darauf vorbereitet sind in der nächsten Sekunde auszuweichen, um nicht mit jemandem zusammenzustoßen.


Daheim angekommen, herrscht eine penetrante Stille. Nichts ist vom Nachbar zu hören, die Verkehrsgeräusche sind nicht der Rede wert und kein indischer Festtagsumzug zieht trötend und trommelnd an unserem Haus vorbei. Seltsam!

Einen Tag darauf ziehe ich das erste Mal um den Block und durch mein Viertel, sehe Wohnhäuser mit aufgeräumten Gärten und kann mir nur schwer vorstellen, wie nur maximal fünf bis sechs Personen in einem so großen Haus mit Anbau leben können. Da wäre grundsätzlich doch viel mehr Platz für mehr Leute. Alles ist sauber, nirgends liegt Müll, teure Autos stehen in den Einfahrten, die, wenn sie benutzt werden, kaum gefüllt sind. Meist sitzen in den für sieben Personen zugelassenen Vehikeln nur eine bis zwei Personen. Das nenne ich nicht gerade effizient. Da müsste man sich dringend mal in Dallapalli, dem kleinen beschaulichen, indischen Bergdorf, inspirieren lassen. Einfach eine Riskha, die ausgerichtet für acht Personen ist, nehmen und mit 20 Mann Besatzung über Berg und Tal fahren.

Gut genährte, starke Hunde laufen an Halsbändern mit ihren Besitzern Gassi und alles wirkt irgendwie, wie in einer zu perfekten Welt, ohne Kanten. Recht langweilig.

Irgendwann sehe ich die riesigen Zäune, die zwischen den Grundstücken zur Abschottung vom Nachbarn errichtet wurden. Nun drückt die Stille. Es wirkt auf mich sehr traurig, sich so von seinen Menschen abzukoppeln und irgendwie sich zurückzuziehen, kein Teil von dem anderen sein zu wollen. Für mich ist es ungewohnt, dass mich plötzlich keiner mehr von oben bis unten mustert, bin ich das beinahe gewohnt. So achte ich schon mutwillig auf die Personen, die an mir vorbei gehen, versuche höflich hinzugucken und zu lächeln, muss dabei aufpassen, dass ich nicht zu sehr mit dem Kopf wackle (lustige, indische Angewohnheit), werde aber von den meisten ignoriert, oder nur mit einem freundlichen „Hallo“ begrüßt.

Das ist neu für mich. Keiner will ein Selfie mit mir machen.

Dabei müssten die Leute, doch gerade, wo sie so schön leben und vermeintlich glücklich sind, auch lieber zu ihren Menschen reden. Doch das täuscht.

fullsizeoutput_bdc

Der erste richtige Besuch in der Hauptstadt, meiner Stadt, wirkt auch sehr komisch auf mich. Erneut ist da diese Stille, die alles umfasst. In der S-Bahn, in der Straßenbahn, auf der Straße überall ist es still. Die Stimmung wirkt peinlich berührt, alle hängen ihren eigenen Gedanken nach, achten nicht auf den anderen. In Indien war das Gefühl der Achtung, allein auf der Straße, omnipräsent, eröffnete sich dieses schon durch das Hupen, das Akzeptieren, dass es auch andere Menschen auf der Straße gab. Hupt jemand in Deutschland, so ist dieses sofort verbunden mit dem Gefühl des Genervtseins, oder der Wut über die anderen Verkehrsteilnehmer, wohingegen die Inder auch gerne einfach zeigen wollen, dass sie da und freundlich gesinnt sind. Hier hupt keiner und auf mich wirkt es so, als wolle man einen Film drehen, wo alle Verkehrsteilnehmer und in der Bahn Sitzende Statisten sind, die nur zufällig da stehen, um die Szene komplett zu machen, jedoch selbst nicht ins Geschehen mit eingreifen. Das würde in der Endfassung die Qualität des Films deutlich verschlechtern, wäre irgendeine Szene zu laut, aufgrund eines Statisten. Je weiter ich laufe, desto mehr wirkt diese Stadt noch nicht komplett, als ob sie erst eine Beta-Version einer Stadt wäre, die erst getestet werden muss, um für gut befunden zu werden. Erst dann, würden mehr Leute, mehr Tiere, mehr Autos, mehr Schmutz kommen.

Hier ist alles sauber, es herrscht Mülltrennung und eine Müllabfuhr ist jeden Tag da, die den Abfall abtransportiert und nicht in den nächsten Fluss wirft, oder gar nicht erst abholt.

fullsizeoutput_bdb

Jeder hat verstanden, dass Plastikabfall nichts auf der Straße zu suchen hat und doch sind auch wir es, die den meisten Unrat produzieren, begreife ich, als ich das erste Mal wieder in einen Supermarkt gehe und feststelle, dass sowohl Obst, als auch Gemüse, sowie alles andere in Plastik verpackt ist.

Die Gemüse und Obsttheke ist zudem genauso groß wie ein einzelner indischer Gemüsestand, der gefühlt alle dreißig Meter in Indien steht. Kriegt man 12 Bananen in Hyderabad für 20 Cent, muss man hier 1,30 Euro für fünf Bananen zahlen. Drei abgepackte Paprikas kosten 1,50 Euro. Dafür könnte man in Indien definitiv mehr als 15 derselben Sorte holen. Gerade Obst und Gemüse ist in Indien so billig, dass jeder die Chance hat sich zu seinem Reis eine gutes, gesundes Gemüse-Samba zu kochen.

In Deutschland hingegen scheinen Süßigkeiten und Fastfood unsagbar billig. Es ist sichtlich einfacher sich ungesund zu ernähren, als gesund.

 

Deutschland kommt mir in jenen Tagen sehr fremd vor, obwohl ich doch einst mehr als 18 Jahre meines Lebens hier gelebt habe. Anderthalb Wochen ist es nun her, seitdem ich von Hyderabad und Indien Abschied genommen habe. Ich werde die Freundlichkeit der Menschen, die vielen, chaotischen Kleinigkeiten, sowie meine Mitfreiwilligen, Skrollan und Toni sehr vermissen. Letztere ist noch vor Ort ( worauf ich auch noch etwas neidisch bin) und begrüßt gerade die neue Generation an Freiwilligen, die viele meiner Abenteuer nun auch am eigenen Körper erleben werden. Das wahrscheinlich beste Jahr in ihrem Leben, in Indien und bei der kleinen NGO, namens Dhaatri, beginnt genau jetzt. Dafür wünsche ich ihnen viel Glück.

Während sie nun eine komplett neue Welt kennenlernen, werde ich meine alte Welt versuchen wieder zu verstehen und lieben zu lernen.

fullsizeoutput_bdd

Und diese Erlebnisse werde ich weiter versuchen hier teilen. Wie das Ganze aussehen wird, weiß ich noch nicht.

Klar, ist jedoch, dass meine Reise Richtung Indien vorbei ist. Das heißt bei weitem nicht, das wir am Ende aller Dinge sind. Dieses Ende ist erst der Anfang von einer neuen Reise. Wer weiß, wohin es mich als nächstes verschlägt….

Freunde :)

„Wie wär´s denn mit einem Freiwilligendienst“, fragt mich meine Mutter.

„Was ist das?“ frage ich beiläufig, währenddessen ich tief versunken über einem Studienführerheft grüble. Irgendwas muss sich ja finden lassen, was ich nächstes Jahr nach dem Abi studieren kann. Irgendwas mit Medien, oder so. Es kann ja nicht angehen, dass ich nach der Schule nichts mache.

„Für ein oder ein halbes Jahr gehst du ein fremdes Land und arbeitest dort. So kannst du wirklich noch etwas Praxiserfahrung lernen, bevor du wieder stundenlang lernen musst.“

„Hmmm..Ich schaue es mir mal an“, grummle ich und habe dieses Freiwilligen-Dings in der nächsten Sekunde schon vergessen.

„Da gibt es eine sehr gute Seite, die dir alle Projekte auf der ganzen Welt anzeigt. „Weltwärts“, da kannst du dich bewerben. Versuchs doch einfach mal.“

 

Doch wirklich interessiert bin ich an dieser Sache nach wie vor nicht und es bedarf ganze zwei Wochen, in denen mich meine Mutter heimlich dazu triezt, doch auf dieser „weltwärts-Seite“ vorbei zu schauen. Sie gibt mir immer wieder verstohlenene Tipps, was es doch alles zu erkunden gäbe.

„Schau mal hier! Du könntest eine Schule in Israel aufbauen. Oder noch besser: In Finnland behinderte Menschen betreuen.“

Doch bisher klingt das für mich eher schwach und so rechne ich fest damit mich noch dieses Jahr für ein Medienwissenschafts-Studium zu bewerben. Bis meine Mutter, nach einiger Recherche auf Asien stößt.

„Wie wär´s mit Indien? Oder Vietnam.“

Ich schiele gespannt, von meinem Vietnamkriegs-Vortrag tüftelnd, den ich nächste Woche für Geschichte halten muss, zu ihr hinauf: „Das gibt´s wirklich?“

weltwarts-logo-mit-claim

Ab diesem Zeitpunkt, erfasste mich das Fieber doch in die weite Welt hinauszuziehen, waren gerade Indien und alle naheanliegenden asiatischen Länder so mystisch und unentdeckt für mich. Ich bewarb auf gut Glück bei einer kleineren privaten Organisation, schrieb einen Motivationsbrief und erarbeitete einen kleinen süßen Lebenslauf. Wenige Tage später erhielt ich ein Schreiben von eben jener Organisation, dass ich in die nähere Auswahl von Bewerbern gekommen und ich nun für ein Auswahlwahlseminar übers Wochenende eingeladen wäre. Die Freude war riesig bei mir, hatte es tatsächlich bei der ersten Bewerbung geklappt in die nächste Runde zu kommen.

Für dieses Wochenende musste man eine kleine Selbstpräsentation vorbereiten, die möglichst kreativ erklären sollte, wer man war und warum man denn einen Freiwilligendienst absolvieren würde wollen.

Das ließ ich mir nicht zweimal sagen, kreativ konnte ich! Die nächsten Wochen, erarbeitete ich ein Drehbuch für einen kleinen Film, wo viele einzelne Seiten und Charakterzüge von mir auf die Schippe genommen und im Endeffekt zu dem Leo zusammengefügt wurden, der ich damals war. Die Message des Films: Ich bin kreativ und leidenschaftlich genug, um in die Welt hinauszuziehen. Drei Wochen lang arbeitete ich sehr intensiv an meinem kleinen Projekt und schaffte es am Abend vor dem Seminar mein Werk zu vervollständigen.

Ich fuhr mit einem USB-Stick und der vagen Hoffnung auf die große weite Welt nach Darmstadt, traf auf 23 andere sehr coole, junge Menschen, die auch nach Indien wollten. Es fiel mir nicht schwer mich mit ihnen anzufreunden, noch heute habe ich zu einigen aus dieser Gruppe Kontakt. Die Organisatoren machten uns hungrig auf ein Jahr, dass das Beste unseres bisherigen Lebens werden sollte, spielten Spiele mit uns, die unsere Teamfähigkeit, Hilfsbereitschaft und Kreativität testen sollten. Meiner Meinung nach war meine kreative Selbstpräsentation, eine der Besten des Wochenendes, schien es mir als hätte ich am meisten Arbeit und Herzblut in mein Projekt gesteckt.

Trotz der Euphorie und der vielen antreibenden Leute um mich herum, war dort immer wieder das Gefühl des Unwohlseins und des Konkurrenzkampfes zwischen diesen Leuten, gab es nur eine begrenzte Anzahl an Plätzen für einen Freiwilligendienst. Alle wollten natürlich diese heißbegehrten Tickets ins Abenteuer. So herrschte am Tag der Abfahrt eine seltsame Stimmung. Jeder wusste, dass es bald vorbeisein könnte, mit dem großen Traum und so war es auch bei mir, als ich zwei Wochen später eine Absage bekam. Ich wusste nicht weshalb es nicht gereicht hatte, war wütend und sauer und traurig. Immerhin hatte ich drei Wochen hart gearbeitet, um irgendwie Anerkennung zu erhalten.

Während des ganzen Tages über hinweg, wurde mir von all meinen neukennengelernten Freunden mitgeteilt angenommen worden zu sein. Nur ich schien der Verlierer zu sein. Doch das stachelte mich nur noch mehr an. Ich WOLLTE es JETZT unbedingt. Ich MUSSTE nach Indien. Ich bewarb mich bei etlichen anderen Organisationen, mein Heißhunger war riesig und so entwickelte sich die noch einstig eingeflüsterte Idee meiner Mutter, zu meiner eigenen. Sie wurde zum Selbstläufer. Erneut wurde ich zu einem Auswahlseminar in Kiel eingeladen, dieses Mal musste alles gut werden. Wieder sollte man eine kreative Selbstpräsentation halten. Kreativ konnte ich. So stellte ich meinen dicken, fetten Backback-Rucksack, der mir Monate später in Indien oftmals zu kleinen Pannen verhelfen würde, vor die versammelte Mannschaft aus Organisatoren und jungen Leuten und holte Alltagsgegenstände aus ihm heraus, die mich repräsentieren sollten. Meine Kamera, ausgedruckte Bilder vom Theater…etc.

Zum Schluss holte ich eine kleine, leere Schatulle hervor.

„Nun ja, diese Schachtel steht für einen Schatz, der noch nicht da ist. Sie steht für meine Lust Abenteuer zu erleben, für Dinge, dich bisher noch nicht gelernt habe, aber unbedingt lernen will. Sie soll am Ende meines Freiwilligenjahres voll sein, mit Dingen, die mich inspiriert haben. Sie symbolisiert meine Neugier und den Willen etwas zu erreichen.“

So gut ich auch versuchte, mich selbst zu repräsentieren, die Organisatoren fanden, trotz meiner vielseitigen Interessen ein großes Manko:

„Du warst aber ganz schön unsicher, während deiner Präsentation. Hast du gesagt, dass du in deiner Schule Theater gespielt hast? Wo war denn dann deine Selbstsicherheit? Du meist, dass du gerne in unterschiedliche Rollen schlüpfst. Das merkt man. Du wirkst nicht so recht im Klaren, wer du überhaupt bist. Kann es sein, dass du dich aufgespalten hast, in mehrere Persönlichkeiten? Kannst du überhaupt auf den Tisch hauen, wenn dir etwas nicht gefällt. Wir glauben nicht, dass du das schaffst.“

Mit diesen Fragen zerlegten sie meine Selbstsicherheit, verwandelten sie in Trümmer. Ich zitterte am ganzen Körper, während ich den Einzelgesprächsraum der Leute verließ und fühlte mich regelrecht durchleuchtet. Ich fuhr mit einem flauem Gefühl im Magen heim, das sich zwei Tage später in Enttäuschung verwandelte, als ich erneut eine Absage, ohne jedwede Erklärung erhielt. Die wäre zwar nett gewesen, aber im Grunde wusste ich schon, warum.

Es fiel schwer, so weiter zu kämpfen. Ich überlegte bereits, ob Indien wirklich das richtige Ziel war. Vielleicht war dieses Land einfach nicht das Richtige für mich, als angeblich zu unsichere Person. Vielleicht sollte ich lieber kleiner denken, Europa war schließlich auch schön. Was gab es denn daran auszusetzen?

Dann jedoch kam ganz überraschend eine neue Zusage, die anders war, als die davor.

Ich erhielt eine Bestätigung der „Freunde der Erziehungskunst Rudolf Steiners“. Hier war es nicht so, dass man auf ein Auswahlseminar musste, nein, man war schon fest bei den „Freunden“, die nun deine „Trägerorganisation“ waren, drin. Du konntest dich nun spezifisch für fünf deiner Lieblingsprojekte auf der ganzen Welt bewerben und falls eins dich ablehnte, konntest du dich erneut für ein Fünftes entscheiden.

2923img

Die anderen Privatfirmen entschieden einfach selbst, aufgrund ihrer wohl „langjährigen“ psychologischen Erfahrung, welche Einsatzstelle, für einen am besten passen würde. Das wussten die halt direkt, nachdem man den willigen Vielleicht-Freiwilligen für zwei Tage halbwegs gründlich analysiert hatte.

csm_Waldorf100_weltweit_10a6f456ea

Bei den „Freunden“ war unmöglich nicht irgendwo angenommen  zu werden. Ich würde hier etwas finden, so wurde mir klar. Ich bewarb mich sofort für ein indisches Projekt, dass mir richtig gut gefiel und wir wissen alle, wie die Sache endete.

Ich bekam die Zusage für eben jene Einsatzstelle.

Damals, im Februar 2017, saß ich lächelnd am Strand der Ostsee, die Sonne war bereits untergegangen und ich konnte mein Glück kaum fassen. Ich strahlte den Sternen entgegen und fühlte mich erlöst, befreit vom Druck, den mir die anderen Organisationen aufgehalst hatten. Ich würde tatsächlich nach Indien gehen. Seit fünf Monaten hatte ich dafür gekämpft endlich da zu stehen, wo ich gerade stand und das war es allemal wert gewesen!

 

Und das lag wohl auch an der Gestaltungsweise der „Freunde der Erziehungskunst.“ Diese Organisation, das wurde mir damals bereits klar, glaubt an den Menschen und dessen Entwicklung, was wohl auch mit dem Grundsatz der Anthroposophie, die man oft als Richtschnur für Waldorfpädagogik benutzt, zu tun hat.

Die Lehre Anthroposophie versteht sich als Anregung zur Entwicklung eines Individuums und zur Neugestaltung von Lebens- und Kulturverhältnissen und nicht als System, oder Lehre. Du solltest kein feingliedriges Teil eines wirtschaftlich geprägten Getriebes sein, sondern dich frei entfalten können, egal wer und wie du bist.

Die anderen zwei Privatfirmen, schienen nur an die zu glauben, die von Anfang an „konform“ waren. An positive Entwicklung verschwendeten sie keinen Gedanken.

Ich war nicht die Norm, schien nicht hineinzupassen und wurde deswegen aussortiert, im Glauben, dass ich es in der großen, weiten Welt nicht schaffen würde.

 

Die „Freunde“ vertrauen den Menschen an sich. Es ist weniger der Sinn Leute zu finden, die definitiv dafür geeignet sind, sondern eher jene, die es wirklich wollen, sich ausprobieren und wohlmöglich auch fallen könnten. Im Grunde ist der Fall auch nichts Verwerfliches.

Fünfzig Leute gingen mit mir nach Indien. Vier bis fünf davon brachen in den ersten Monaten, aus etwaigen Gründen ab. So wie mein Mitfreiwilliger Merlin, der durch gesundheitliche Probleme nach Hause gehen musste. Doch trotz dessen waren seine fünf Monate Indien ohne Frage positiv für seine Entwicklung. Allein die Entscheidung zu akzeptieren, dass es einfach nicht mehr geht, stärkt dich ungemein und die Erfahrung eine neue Kultur kennengelernt zu haben, verändert dich auf eine positive Weise.

 

Ich hatte stets das Gefühl gehabt, von meiner Organisation beschützt und versorgt zu werden. Die Seminare zum Anfang, zur Mitte und zum Ende des Jahres, trugen dazu ihren Teil bei, dass man sich willkommen und gut vorbereitet gefühlt hat und nun stärker zurückkommen wird als vor einem Jahr.

Meine Kiste, meine kleine Schatulle, die ich damals auf dem Auswahlseminar der zweiten Organisation in Kiel präsentiert habe, ist nun tatsächlich voll, ja sie quillt beinahe über voller schöner Erinnerungen und Abenteuer, die ich in diesem Jahr erlebt habe. Dabei wäre sie beinahe leer geblieben…

Bäm, ich hab´s euch gezeigt! Ich hab mich weder aufgespalten in mehrere Persönlichkeiten, oder bin zusammengebrochen, nein, ich bin ich und habe für das gekämpft, was ich unbedingt wollte! Und ich hab´s bekommen. Es hat sich gelohnt.

Ich habe nicht die Welt verändert, aber die Welt hat mich verändert. Das muss man, wenn man einen entwicklungspolitischen Freiwilligendienst absolviert auch lernen. Man kann innerhalb eines Jahres nicht ein ganzes Land umkrempeln, im Endeffekt ist das auch nicht der Sinn. Man ist wirksam, aber auch eine andere bestimme Weise, die allen irgendwie etwas Freude verschafft. Grundsätzlich ist es wie gesagt: Man wird nicht viel verändern können, vielmehr hilft der Freiwilligendienst dich zu einem weltgewandteren Menschen zu machen und Vorurteile abzubauen. Wenn du dabei es geschafft hast Menschen zu bewegen, dann weißt du, dass dein Jahr gut war. In dem Sinne, würde ich jedem Menschen, der nach der Schule nicht weiß, was er machen will, empfehlen hinauszugehen, in die weite Welt…

fullsizeoutput_44f

Vor 12 Monaten fragte mich jemand nach meinen Ängsten, ein Jahr lang im Ausland zu verbringen – ich glaube, meine Antwort war, dass ich Angst habe, nach dieser Zeit zurückzukehren.

In Indien zu leben, war eine der besten Erfahrungen, die ich bisher hatte, ich habe erstaunliche Menschen getroffen, unglaubliche Orte gesehen und gelernt, Dinge zu schätzen, die ich für selbstverständlich hielt. Offensichtlich gab es auch Dinge, die mich sehr durcheinander brachten, Momente der Wut und Unzufriedenheit. In einem Land des globalen Südens zu leben, während ich aus einem der reichsten Länder der Welt stammte, ließ mich erkennen, wie glücklich ich sein kann über all diese Möglichkeiten und Chancen und vor allem die Freiheit, grundsätzlich dorthin zu gehen, wo ich will und mich auszudrücken, wie auch immer ich es möchte.

fullsizeoutput_a32

fullsizeoutput_a3d

fullsizeoutput_ad0

Und all diese Momente verdanke ich eben auch auch meiner Entsendeorganisation. Den „Freunden der Erziehungskunst Rudolf Steiners“, die mir genügend vertraut hat, um mich auf Indien loszulassen. 😀

Drum möchte ich mich  bedanken, für die Chance das alles, dieses Jahr voller Aufs und Abs, diese vielen Geschichten, Bilder und Emotionen, erlebt haben zu dürfen.

Danke für alles! ❤

Wie ist es nun, dieses Indien?

„Wie? Das geht?“ frage ich mich im Juli 2017, als ich auf ein gerade gepostetes Instagram-Bild eines Freiwilligen stoße, der seit gut zwei Wochen in Indien ist. Ich hingegen bin noch daheim und wünsche mir nichts sehnlicher als endlich das Abenteuer Indien anzutreten.

Doch was mich auf jenem Instagram-Post sehe, verwirrt mich, passt es gar nicht in mein typisch indisches Bild.

Besagter Freiwilliger chillt mit einem Bier vor einer Folge der HBO-Serie „Game of Thrones“. An sich nichts Besonderes, aber damals klappte mir fast die Kinnlade hinunter, ungläubig über der Tatsache sitzend, dass so etwas im Land Indien möglich war. Einerseits war da der Alkohol und dann der Fakt des wahrscheinlichen Internetstreamings der Serie. Das Bier und das schnelle Internet passte für mich nicht zu Indien, hielt ich es damals noch mehr mit traditionell, altmodischen Seite.

Screenshot_20180725-172319#1

Nun, ist eben jenes Abenteuer fast vorbei und ich habe begriffen, dass Indien weit mehr als Tradition ist. Fortschritt und Innovation treibt das einstige Entwicklungsland mittlerweile voran, wohingegen es immer weiter versucht sich den indischen Vorurteilen zu entledigen, doch so wäre es viel zu einfach gesagt. Was wäre, wenn man mich daheim fragen würde, wie es denn war, dieses Indien? Eines vorweg: Es wäre nicht mit einem „schön“, oder „ganz gut“ getan.

Indien ist wundervoll und hässlich, modern und traditionell, arm und reich, süß und scharf, bunt und grau, chaotisch und geordnet, leise und laut, heiß und kalt. Indien ist alles auf einmal.

„Wenn du lange genug hier gewesen bist, dann wird dich nichts mehr so schnell schocken können“, so sagten wir oft während des Jahres.

Gewürzmärkte, tausende Gerüche und Farben, Kühe auf den verstopften Straßen, Currys, Mangos und Elefanten, so sieht man das Land der tausend Diversitäten gerne und doch entspricht dieses Bild einer längst vergangenen Zeit.

fullsizeoutput_538

Neben jedem kleinen, behaglichen Chai-Shop wird man auch ein eiskaltes „Kingfisher“, oder ein Glas Pina Colada in einem coolen Pub trinken können.

fullsizeoutput_709

Indische Streetfoodläden, die Samosis, Dosas, Pani Puri und Idli verkaufen, sind meist genauso beliebt, wie die vielbesuchten westlichen Fastfood-Ketten Subway und McDonalds.

fullsizeoutput_4cd

So viel Feinschmecker-Restaurants es auch gibt, die Biryani und Palak Paneer ihren Gästen servieren, desto öfter werden auch italienische, chinesische oder israelische Speisen gereicht. Ganz vom Dorfessen, das meist nur aus Reis und einem scharfem Gemüsesamba besteht und sehr leicht zuzubereiten ist und deswegen wohl auch oft daheim innerhalb indischer Familienmauern gekocht wird, einmal abgesehen.

fullsizeoutput_928

Auf jede Riksha, die für dich auf der Straße anhält, wirst du genauso viele Uber-Taxis finden, die du über dein Handy rufen kannst. So laut auch manche Bollywoodmusik durch die Straßen dröhnt, desto ohrenbetäubender hämmern die Bässe des modernen Technos durch die Clubs der indischen Großstädte.

Neben jener traditionell indischen Frau mit kunterbuntem Sari und traditionell roten Punkt auf der Stirn, die mit ihrem zurechtgewiesenen Ehemann mit stattlichem Schnauzer in einen Hindu-Tempel geht, sieht man Mädchen, die mit kurzem Kleid aus einem Taxi steigen, um im nächsten Pub, mit ihrem Date, oder ihren Collage-Freunden ein Bierchen zu zischen. Für diese Mädchen ist es etwas ganz besonderes einen Sari anzuziehen, wohingegen manch andere Frau jeden Tag in einem solchen herumläuft und gut 50 davon in ihrem Kleiderschrank hängen hat, so gestand uns einst eine dieser Frauen.

Auf jeden ärmlichen Bettler, der einzig und allein seine Kleider am Leib als sein Eigen nennen darf und jede Nacht auf dem kalten Steinboden schläft, wird man ebenso viele Anzugträger mit Apple-Produkten untern Arm und Starbucks-Coffee in der Hand an eben diesen armen Schluckern mit zerplatzten Träumen vorbeilaufen sehen, ohne diesen überhaupt eines Blickes zu würdigen. Und doch besitzt jeder Mensch eine derartig übersprudelnde Lebensfreude, sodass es meist nur eines Liedes bedarf , um jemanden zum Tanzen zu bringen. Stets wird er dann seine Lieblings-Tanzmoves aus seinen Lieblings-Bollywoodfilm präsentieren und dich direkt dazu verleiten, ihn nachzuahmen. Hochzeiten und große Feste sind dazu bestens geeignet, wie ich neulich, einmal wieder, erfuhr, als ich mit einigen indischen Freunden feiern ging und sie sich kurz nach Mitternacht dazu entschieden, einen kurzen Abstecher zu einer großen muslimischen Hochzeit eines Freundes zu unternehmen.

Dort angekommen schob mich der Bruder des Bräutigams stolz von Gast zu Gast, um mich möglichst allen zu präsentieren. Währenddessen wurden Trommeln herbeigeholt und die Musikanlage auf Anschlag aufgedreht. Wilde Bollywood-Musik hallte über das ganze Gelände, währenddessen sich um mich ein stürmisch tanzender Hochzeitshaufen bildete und mich dazu animierte mitzumachen. Allerdings, so ist es häufiger bei der Übernahme meist sexuell geprägter Filmtanzeinlagen ( sprich Hüfte vor, Hüfte zurück und dergleichen), verlieren sich die Männer so sehr in ihren eigenen Bewegungen, dass es meist so wirkt, als beherrsche sie gerade ein sexueller Musikdämon. In diesem Falle will man doch sehr ungerne mit in den Wirbel tanzender Leiber hineingezogen werden, weshalb ich mich in dieser Situation, um Luft ringend, aus dem Hochzeitskreis hinaustanzte, was bei Weitem nicht so einfach war, wie gedacht. Ich war immer noch der weiße Gast, den alle anstarrten und immer wieder in den Kreis drängten.

Vergliche man die Inder mit einem beliebigen europäischem Volk, so wären sie wohl die stereotypisierten Italiener Asiens. Ebenso könnte man sagen, dass die Italiener, die Inder Europas wären. Leidenschaftlich, charmant, immer bedacht darauf gut auszusehen und sehr familienfreundlich. Die Familie spielt eine deutlich größere Rolle für die Menschen und es fällt schwer, aus dem Heimatdorf fortzuziehen.

Die Liebe bestimmt das Leben der meisten Menschen hier. Du wirst immer jemanden finden, der dich wie einen alten Freund behandeln wird, obwohl ihr euch erst kurz kennt und bisher recht wenig miteinander geredet habt.

Indien ist dreckig, geprägt durch weggeschmissenen Abfall. Räudige Straßenhunde, riesige Straßenschweine, katzengroße Ratten und müde, dahinschwankende Kühe und Wasserbüffel, sind dessen Konsumenten.

fullsizeoutput_30f

fullsizeoutput_3fa

Plastikmüll wird ohne jedes Bedenken aus den Fenstern der Autos geschleudert und landet meist in den stinkenden Flüssen und Quellen der großen Metropolen. Riesige Benzintrucks, die sich als die „Road-Kings“ bezeichnen, verpesten die Luft mit ihren Abgasen. Es wird extra Benzin verbrannt, damit man ihn als stinkenden Rauch in die Umgebung blasen kann, um den nervigen Moskitos, ein für alle Mal den Garaus zu machen. An jeder wenig besuchten Straßenecke verrichten unterkastige Männer ihr kleines, oder auch großes Geschäft, weil sie schlichtweg keine richtige Toilette haben.

fullsizeoutput_74e

Und doch ist Indien ebenso schön und wundervoll. Das Land hat riesige Wüsten, Wasserfälle, erhabene Bergriesen, wunderschön weiße Strände und atemberaubende Monumente längst vergangener Generationen. Lebt man hier, muss man nicht erst in ein fremdes Land fahren, um besondere Naturphänomene zu sehen, nein all das liegt fast direkt vor deiner Nase. Du musst nur zugreifen und schon bist du umringt von der Schönheit und Einzigartigkeit der Natur, fernab urbaner Zivilisationen und starrst fasziniert in die Unendlichkeit der Sterne am nächtlichen, indischen Himmelszelt, oder den mystischen Nebel über den schneebehangenen Berggipfeln des Himalayas.

IMG-20180607-WA0017

IMG-20180607-WA0010

IMG-20180607-WA0011

IMG-20180607-WA0009

fullsizeoutput_5fe

In manchen Dingen ist uns Indien sogar voraus, vor allem wenn es ums Internet geht. Für gerade einmal vier Euro, kann man bereits einen Handyvertrag bekommen, der dir für drei Monate jeden Tag 1 Gigabyte Datenvolumen zur Verfügung stellt. Zahlt man etwas mehr, kriegt man für sein Geld sogar 2 Gigabyte. Wo in Deutschland das Datenvolumen, aufgrund schlechter Vernetzung, bereits aufgebraucht ist, wenn man versehentlich ein YouTube-Video unterwegs geschaut hat, so kann man in Indien beinahe unbegrenzt in bester Qualität seine Lieblingsserien schauen, sitzt man gerade gelangweilt in der Gegend herum und weiß sich nicht zu beschäftigen.

So viel Datenvolumen brauch der Inder mit Smartphone aber auch, kann er nicht einen Tag ohne Selfie, dass er auf Instagram, oder Snapchat gepostet hat, leben. 😀

Der indische Subkontinent ist geprägt durch die Andersartigkeit, der Menschen, der Natur, des Essens und der Sprachen.

Es gibt nicht das „typisch Indische“, genauso wenig, wie es das „typisch Deutsche“ gibt. Mag man jenes nicht, wird man das andere wieder mögen. Indien ist alles und hat schlichtweg für jeden Typ etwas parat, was jenen erstaunen lassen wird.

fullsizeoutput_541

fullsizeoutput_545

Es regiert eine Art Chaos, eine merkwürdige Notwendigkeit des Handels der Leute. Alles funktioniert einfach irgendwie und man macht sich auch nicht die nötigen Gedanken, dass etwas nichts klappen könnte.

Man kann dieses Land nicht in Worte fassen, du kannst es nur sehen, spüren, riechen, hören, schmecken. Deine Gedanken werden niemals vollständig in der Lage sein, das Land so zu beschreiben, dass jeder es buchstäblich vor Augen hat. Man muss einfach da gewesen sein.

Es ist knapp ein Jahr her, seit ich die Koffer gepackt und Indien, dieses Land der unbegrenzten Unterschiede, betreten habe und doch habe ich gerade erst begonnen, die Vielfalt des Landes zu erkunden. Es gibt immer noch so viele Dinge, die ich nicht kenne, nicht verstehe. Es ist, als ob dieses Land wie ein Universum ist, das dich nicht leicht gehen lässt, weil man viel zu fasziniert, viel zu erstaunt ist, von dem was dir all deine Sinne zeigen, oder eben nicht zeigen…

Home sweet Home

„Was du gehst jetzt schon? Was fällt dir ein uns jetzt zu verlassen? Das geht nicht.“ Ruft Bhanu schockiert über die schmausende Mittagsgemeinschaft hinweg. Sie wirkt nun wahrlich etwas geknickt.

„Ja, am dritten August geht’s zurück nach Deutschland“, meine ich und füge hinzu: „ Ich will auch nicht. Ich würde gerne noch länger bleiben.“

Zustimmendes Gemurmel aller Mitarbeiter.

Doch länger bleiben steht leider nicht zur Debatte und je weiter die Zeit schwindet, desto schöner empfinde ich das Alltagsleben im Office und der Gegend darum herum.

Das fängt bereits bei meiner Arbeit an, habe ich die letzten Monate überwiegend mit der Bearbeitung der Dhaati-Website verbracht, was mir mehr Spaß machte, als vorher angenommen. Denn die Seite sollte einen kompletten Umbruch erfahren, so unsere Chefin.

„Mach die ganze Seite kreativer und schöner“, verlangte sie und wusste nicht vor welche Fragen sie mich damit stellte. Kreativ und schön konnte wahrlich alles sein und war alles andere als eine penible Sachbeschreibung.

So saßen Skrollan, Toni, Marius und ich einen ganzen Tag über der Website und berieten uns, wie diese denn im Zuge des Neuanfangs aussehen sollte.

„Also diese Spate sieht nicht schön aus“, hieß es dann meistens.

„Stimmt“, kam dann als Antwort.

„Irgendwelche Lösungsansätze?“

„Hmmm….“

So zog sich das Projekt „Website-Neuanfang“, bis wir einen ungefähren Plan hatten, wie und was sich unbedingt verändern musste: Neue Schriftarten, grundsätzlich neues Design, mehr Bilder, weniger Text und doch mehr Information und so weiter.

Ohne Titbkjl

So begann also mein Tag, nachdem ich bis halb zehn geschlafen hatte, (die Mädels hatten in der Zeit schon eine Stunde Yoga hinter sich) vorerst mit einem kleinen Frühstück vor der Türschwelle des Offices und ersten Gedanken, was ich denn heute so an der Website verändern konnte. Die verlockenden Gerüche des Frühstücks, das meist entweder aus Dosa, Idli, Lemon-Rice, oder Upma bestand, zogen stets von unten nach oben und frohlockten, ja befahlen einem gar, doch endlich nach unten zu kommen und zu essen.

Ohne Titelfvfh

Ohne Titelhjk

Grundsätzlich war es nie ein Problem frühmorgens draußen zu sitzen und der Stadt beim Erwachen zuzuhören, war das Wetter des ewigen, indischen Sommers sowieso immer halbwegs schön. Über das ganze Jahr hinweg, wurde es nie kälter als 26 Grad, die Sonne schien irgendwie immer. Das hieß jedoch nicht, dass das gute Wetter zur Monotonie wurde, nein, auch hier gab es gewisse Unterschiede. Es konnte ein bereits heißer Morgen sein, mit der Kunde, dass der Tag unerträglich werden würde. Oder ein schwüler und drückender, der mit dem dicht liegenden Smog über der Stadt zu tun hatte und keine besonders schöne Luft versprach. Und dann gab es jene, an denen die Vögel, wie im deutschen Frühling, leidenschaftlich zu zwitschern begannen und die Sonne einem, anders als an den restlichen Tagen, so im Gesicht kitzelte, dass man sofort wusste, dass es heute wunderschön werden würde. Diese Tage erinnerten mich an typisch deutsche „Freibadtage“, wo es alle Menschen in die Seen und Freibäder der Republik zu ziehen schien.


Saß ich dann, bereit zur Arbeit am meinen Platz, so kam wenig später Roja mit einem Tablett voller heißer Chai-Tassen vorbei und reichte mir eine hinunter.

„Tea“, fragte sie.

„Yes Roja. I want tea“, meinte ich, lächelte zu ihr hinauf und nahm ihr den heißen, gut riechenden Stahlbecher ab.

Meist war es so, das Toni, Skrollan, oder Marius dankend ablehnten, war dieser, von Roja, oder Savitri gemachte, Chai, eine viel zu große Zuckerbombe, woraufhin Roja flehend wieder vor meinem Arbeitsplatz stand und mir noch einen zweiten Tee andrehen wollte.

„Leo, pleaaase!“ oft klimperte sie dann kokett mit ihren Augen.

„No“, versuchte ich es meist sehr halbherzig, tief in die Arbeit versunken.

„Leooo? Tea?“ Roja konnte man eines lassen: Sie war hartnäckig und wusste, dass ich früher oder später immer nachgeben würde.

„Okay, okay“ sagte ich, atmete tief ein und lies es zu, dass die junge Frau einen weiteren Cup vor mir abstellte, mich mit dankbar leuchtenden Augen anlächelte, sich, die Zunge rausstreckend, umdrehte und beschwingt hüpfend in die Küche zurückkehrte.

Im Endeffekt mochte ich ihren Chai ja auch sehr gerne.


So ging der Vormittag meist mit der Arbeit an der Website dahin, doch teilweise gab es eben auch jene Phasen wo die Kreativität nicht recht wollte und aussetzte. Dann war es im Grunde leider so, dass ich nicht auf eine Nebenaufgabe ausweichen konnte, da es schlichtweg keine gab. So schauten wir gelangweilt unsere Netflix-Serien (ich schrieb zudem noch Blog) und warteten auf neue Arbeiten.

Das Problem hatten und haben meine Mitfreiwilligen und ich schon das ganze Jahr. Anfangs wurden wir noch mit Arbeit überschwemmt und je mehr man uns kennenlernte, so sehr zog man bald die meisten Arbeiten aus unseren Einflussbereich.

„Ihr schreibt jetzt keine Reports mehr, da euer Englisch noch viel zu sehr an Schulenglisch erinnert. Ich brauch mehr. Drum mache ich das jetzt alleine“, war einer jener Sprüche zur Mitte des Jahres, der von unserer Chefin an uns gerichtet wurde. Damals war ich noch fest der Meinung Bhanu keine einzige Träne am Ende hinterher zu weinen, da wir gerade dort die meisten Probleme mit ihr und ihrer Einstellung gegen uns hatten.

Es tut mir leid das zu sagen, aber wir sind mit eurer Verpflichtung zu unserer Art von Arbeit sehr unzufrieden. Es scheint nicht so, als ob ihr auf den Freiwilligendienst vorbereitet und geeignet wärt“, so eines jener Statements die mich damals sehr wütend und beleidigt zurückließen, war ich natürlich komplett anderer Meinung. Jetzt weiß ich, dass anfänglich noch meine genaue Spezialisierung auf eine bestimmte Arbeit fehlte. Erst Ende Februar, Anfang März bildete sich ein genaueres Verständnis dafür, was ich konnte, und was ich eben nicht konnte. Ich war schließlich weder nicht, wie die Mädels, dazu geeignet, mit den Dörflern zu basteln, oder daheim zu backen, noch besaß ich die perfekten Englischkenntnisse, um ausgefeilte Berichte zu schreiben, nein ich war derjenige der mehr in den technischen Bereich gehen musste. Und mit den zunehmenden Filmen die ich schnitt und mit den verbesserten Veränderungen, die ich an der Website vornahm, desto zufriedener wurden ich und Bhanu, da wir beide erkannten welchen Stellenwert ich im Dhaatri-Office erfüllte. In dem Sinne hat es tatsächlich ungefähr ein halbes Jahr gedauert, ehe ich wusste, wie ich mich richtig produktiv einfügen konnte.

Und nun, ja nun, erzählt Bhanu stolz, wenn sie mich jemanden vorstellt, von ihrem Freiwilligen und dessen spannenden Blogeinträgen und Filmen und will mich nicht mehr gehen lassen. Oft redet sie von mir, als ihren hauseigenen Spion, hat sie diesen einen Blogeintrag gelesen, wo ich, bei meinem ersten Trip in die Dörfer, mich unter feiernde Touristen mischte, gute Miene zu bösen Spiel machte, nur um bessere Fotos von den Störenfrieden zu schießen. Diese Geschichte erzählt sie immer wieder gern.

Wasteland – Die Dallapalli Chroniken

Und ich werde wohl doch die eine oder andere Träne verdrücken müssen, wenn es in zweieinhalb Wochen zum Abschied zwischen uns beiden kommt, die wir erst einander finden mussten, um gut zusammenzuarbeiten.


Nach einem entweder sehr produktiven, oder eher faulen Vormittag, wird zum Mittagessen gerufen und dieses ist im Grunde die einzige Möglichkeit alle Arbeiter auf einem Haufen zu erleben und bietet so die Möglichkeit sich darüber auszutauschen, woran man denn gerade arbeite, falls das nicht schon per Mail geklärt wurde.

In letzter Zeit wurde auch oft darüber geredet sich ein Office-Haustier zu holen, ein Hund wäre doch nicht schlecht. Schließlich hätte man ja jemanden, der gut mit Hunden könnte. Der Blick schweift dann zwangsläufig immer wieder in meine Richtung, bin ich mittlerweile in der ganzen Straße dafür bekannt gut mit den Straßenhunden anzubändeln. Klar, zwar ist mittlerweile das meinige Interesse an den Geschöpfen der Straße zurückgegangen, sehe ich es keinesfalls mehr als abnorm an, dass die Hunde draußen, ohne wirklich menschliche Zuneigung, ihr Leben fristen. Ich habe verstanden, dass es ihnen, trotz vielerlei Abneigung, so weit gut unter ihrer eigenen Rasse geht, dass sie mein Mitleid nicht brauchen, um zu überleben. Damals noch habe ich alles probiert, um das Leben einer großen Hundefamilie zu schützen, die nach und nach auseinanderbrach. Aber so war eben der Lauf der Dinge. So spielte die Natur.

fullsizeoutput_2f3

Nun ist von der „La Familia“, wie ich sie damals nannte, nicht mehr viel übrig. Es existieren nur noch zwei Familienmittglieder, die sich jeweils ihr eigenes kleines Rudel gesucht, oder eine neue Familie gegründet haben. Das Rudel, besteht aus dem letzten überlebenden Sohn, der Vorgeneration, der sich neue Freunde gesucht hat. Er lebt am Anfang der Straße. Die Mutter des Sohns, die mittlerweile wieder neue Kinder hat, lebt am Ende. Stets bellen sich beide Seiten feindselig an, kommen sie sich einander zu nahe. Das ist meist dann der Fall, wenn ich, vom Anfang der Straße zur Mitte laufe, um von einem Ausflug zum Office zurückzukommen.

fullsizeoutput_2fc

Das Straßenanfangsrudel begleitet mich schwanzwedelnd und trunken vor Glück mir begegnet zu sein, des Weges, ehe sie abrupt stehen bleiben, auf der Hut vor der neuen Familie, die mich auch gesichtet hat und ihre Chance Streicheleinheiten steigen sieht. So bin meist ich der Auslöser für eine minutenlange Hundegeräuschpegelsteigerung, was selbstverständlich alle aus dem Office mitbekommen.

fullsizeoutput_311

Die Idee sich ein Haustier anzuschaffen, wird aber spätestens dann verworfen, wenn es darum geht, wo es denn leben solle und wer sich wirklich darum kümmere. Ich, der überall als absoluter Tierliebhaber gilt ( diesen Ruf werde ich wahrscheinlich nie mehr los) bin ja schließlich bald weg.


Der Nachmittag verging nun entweder mit einer Produktivitätssteigerung, oder einem konstanten, sehr angeregten Grübeln, über das, was man jetzt denn nur machen könne.

Um fünf war Schluss mit der Arbeit und so zog es uns meist, wohlbemerkt unter der Woche, nach oben in unser Zimmer, das Monat für Monat, mehr zu unserem wohligen Rückzugsort wurde.

An der einen Wand breitete sich zunehmend eine riesige Bildercollage von Selfies und gemeinsam erlebten Abenteuern aus und verdrängte immer mehr das Justin Bieber Poster, das Merlin und Ich einst, aus einer unbestimmten Laune heraus, über Amazon gekauft und an die Wand geklebt hatten. Keiner von uns war ein Fan von ihm, aber irgendwie passte der Dude in unser Zimmer, dessen andere Wände bald auch von mannigfaltigen C-Promi-Postern, die keiner kannte, bedeckt waren. Das war sozusagen, die insgeheime Racheaktion der Mädels für das Justin-Bieber-Plakat.

fullsizeoutput_8bb

Hier hing ein Bild eines heiligen Babas, den Skrollan und Toni am Strand von Visakhapatnam gefunden und Merlin zum Geburtstag geschenkt hatten, dort klebte eine riesige Indienkarte, vor der ich oftmals lange hin und her grübelte, war ich mir nie sicher in welche Gefilde es mich noch verschlagen würde.

fullsizeoutput_8c5

fullsizeoutput_8c3

Wir schliefen auf dünnen Matratzen und hatten jeweils nur einen Schrank, wo wir alles verstauten, was unser Hab und Gut ausmachte. Es war wenig, was wir hatten und doch war ich gewissermaßen stolz auf unser eigenes Zimmer, hatte es viele Geschichten zu erzählen, die es wert waren erzählt zu werden. Es war im Grunde es ein großes, unordentliches Puzzle voller Erinnerungsfetzen, in dem alle willkommen waren. Eine Art Wohngemeinschaftszimmer, wo mal drei, mal vier, oder gerne auch sechs Leute übernachten konnten, kamen andere Freiwillige uns besuchen. War das der Fall, kochten wir zusammen, sahen uns Filme an, gingen gemeinsam aus, oder ließen uns, im Fall von Lion, von Roja ärgern, die, falls Jungs ins Office kamen Feuer und Flamme vor Begeisterung war. Sie fand es zudem auch ziemlich lustig, dass ich und Lion so gleiche Namen hatten.

„You Leo. You Lion. Hihi, similar! Funny“, sagte sie beispielsweise, während sie einem von uns den Stuhl unter dem Hintern wegzog und vor Freunde jauchzte.

Ja, selbst das sonntägliche Waschen, über dem Waschstein, wir besaßen keine Waschmaschine und mussten unsere Klamotten mit der Hand waschen, wurde nach und nach für mich zu einer schönen Tradition. So saß ich am Sonntagmorgen da, wusch meine Sachen und hörte nebenbei Hörbücher. Durch den eigenen Kraftaufwand gereinigt, war es jedes Mal wie eine Art tolle Errungenschaft, faltete man die sauberen gut riechenden Sachen zusammen und legte sie in den Schrank. Durch die Hitze Indiens brauchten die Klamotten weniger als sieben Stunden zum Trocknen und konnten so am selben Tag schon von der Leine genommen werden

Sei es eben unser Zimmer, die lustigen Unterhaltungen am Mittagstisch, die vielen, süßen Kleinigkeiten, wie die Verirrung eines kleinen Vogels, der irgendwie ins Haus flatterte und nicht mehr hinaus wollte, oder meine Arbeit, die mich immer mehr ansprach, je länger ich versuchte meinen Platz im Office zu finden, all dies werde ich in meinem Herzen behalten.

fullsizeoutput_8c6

fullsizeoutput_8c7

Und auch weiß ich, dass ich hier immer willkommen sein werde und ich immer ein Dach über den Kopf finden würde, verschlägt es mich auf unergründliche Weise erneut auf den indischen Subkontinent. Ich habe hier, in Hyderabad, tatsächlich mein zweites Zuhause gefunden werde in den Menschen im Office und jenen Bekanntschaften aus den Clubs und Bars dieser Stadt, die wir fast jedes Wochenende sehen, immer gute Freunde finden.

Home, sweet Home. 🙂

Indische Sprachen – Übersetzen auf einem anderen Level

So vielfältig Indien auch sein mag und so unterschiedlich dessen Einwohner auch sind, so sehr trennt gerade diese Mannigfaltigkeit an Kulturen, Sprachen und Menschen das Land.

Fährt man von Hyderabad aus 500 Kilometer in den Westen, nach Hampi, so wird Kannada gesprochen. Hunderte Kilometer südlich, in Chennai, sprechen die Leute Tamil. In Mumbai wird Marathi,  gesprochen. In Gujarat unterhält man sich in Gujarati.

Im heißen Rajasthan, dem Staat der großen weiten Wüste Thar, gibt es unzählige verschiedene Rajasthani-Dialekte, die teilweise ans Hindi angelehnt sind, aber trotz dessen große Unterschiede aufweisen.

Insgesamt gibt mehr als 100 Sprachen auf diesem riesigen Subkontinent, Punjabi, Telugu, Kashmiri und Malayalam als weitere Beispiele. Dazu gibt es in den kleinen abgeschiedenen Dörfern, jenseits der großen Städte noch weitere Lokalsprachen. In Dallapalli, dem Bergdorf in dem ich über das Jahr gearbeitet habe, wurde neben Telugu auch Kui gesprochen, welche die Sprache des Ureinwohnerstammes der Khonds, eine Unterordnung der Adivasi-Natives, ist.

Hindi und Englisch gelten in diesem ganzen Gewusel aus Akzenten und Dialekten als überregionale Landessprachen.

Durch diese Sprachbarriere ist es für den Typ Inder, der nur seine eigene Lokalsprache spricht, schwierig in einen anderen Staat zu reisen, da er dort im Endeffekt genauso fremd ist, wie wir Europäer. Genau deswegen, bezeichne ich Indien auch so gerne als Subkontinent, da sich sowohl Sprache, Essen, Mentalität und Natur von Staat zu Staat sehr unterscheiden.

Viele Menschen sprechen, aufgrund ihrer weitverzweigten Familiengeschichte, mehr als fünf Sprachen. Ab der indischen Mittelschicht, ist es Pflicht Englisch und Hindi zu können, drum sprechen bereits 12 jährige Schulkinder ein besseres Englisch als es wir Freiwilligen tun, die Englisch zwar in der Schule hatten, aber meist nie damit aufgewachsen sind. Dann wird meist die Sprache des Staates gelernt, in dem man geboren wurde. Zieht man nun in einen anderen Staat, so ist es notwendig auch dessen Lokalsprache zu lernen. Oft können die Menschen ohne Probleme von einen in den anderen Slang übergehen, doch hier entsteht meist ein Problem, von dem mir Vaishnavi, eine Tamilin, die in Delhi aufgewachsen ist, in Mumbai studiert hat und nun in Hyderabad für Dhaatri arbeitet, erzählt: „Man kann sich zwar damit rühmen mehrere Sprachen zu sprechen, kann sich aber nicht festlegen. Ich spreche besser Englisch als Hindi. Meine Muttersprache ist zwar Tamil, aber die wurde oftmals nur dann benutzt, wenn meine Mutter mit mir schimpfte, da diese Sprache sehr hart klingt. Man spricht alles einfach irgendwie und klar, fühle mich auch gut dabei ein sehr gutes Englisch zu sprechen, aber irgendwie auch nicht. Es gibt mir nicht das Gefühl zu ganz Indien dazuzugehören.“

„Drum ist es gut, wie in Deutschland, nur eine Sprache zu haben. Das schafft im Grunde ein Gefühl der Sicherheit und Verbundenheit,“ meinen Toni und ich daraufhin und Vaishnavi nickt bedächtig.

Languages-of-India


 

Eben jenes Kommunikationsproblem sollte einmal wieder das Dhaatri-Office, in Form eines Films heimsuchen. Eben angesprochene Vaishnavi hatte den Auftrag nach Rajasthan, in jene Dörfer zu fahren, die durch extreme Wasserknappheit bedroht waren. Kanpur und Nevatalai waren zwei Orte, in der Nähe einiger Minen, dessen chemischen Abfälle direkt ins Grundwasser sickerten.

fullsizeoutput_7f7

DSCN0014

Vor nicht allzu langer Zeit hatte unsere Chefin bereits diese Gegend besucht und die gefährdeten Menschen vor Ort zu ihrem Leiden befragt. Daraus entstand dann, aus meiner Hand, ein kleiner Film, der mich im Januar und Februar bis auf´s Äußerste strapazierte, musste ich englische Untertitel einfügen, da die Frauen Kanpurs wild auf Hindi in die Kamera gestikulierten. Die Übersetzerarbeiten vom Hindi ins Englische hatten mich und eine weitere NGO-Angestellte damals vor große Probleme gestellt.

(Der Fluch von Udaipur)

 

Nun, sollten wieder Untertitel in den neuen Film eingefügt werden. Das Problem jedoch war, dass die interviewte Frau aus den leidtragenden Dörfern keineswegs das vergleichsweise einfach zu übersetzende Hindi sprach, sondern „Waghadi“, was ein Sprachmix aus Marwari, einer lokalen Sprache aus Rajasthan und Gujarati war.

Vaishnavi konnte zwar erahnen, was die gute Frau sagte, da man aus allen Sprachen auch ein wenig Hindi heraushören konnte und einige Gesten schon für sich sprachen,

aber war sie nicht in der Lage alles eins zu eins wiederzugeben, was im Grunde ja von den Untertiteln verlangt wurde.

DSCN7214

Nun wurden alle Leute aus dem Office befragt, ob sie denn fähig wären, diese Sprache aus den Filmausschnitten zu verstehen und tatsächlich gab es zwei neu dazugekommene Frauen, Geeta und Arpita, die das Kauderwelsch verstanden. Die beiden stammten aus einer Community, namens „Lambani“, welche vor Jahren aus Rajasthan nach Karnataka immigriert war. Drum sprachen die beiden einen Mix aus Marwari und Kannada und waren fähig das Waghadi aus Nevatalai teilweise zu verstehen.

Nun entstand eine äußerst lustige Übersetzerkette: Geeta und Arpita hörten sich das Gesprochene im Film an, diskutierten über dessen Konsens und übersetzten ihn dann ins Kannada. Sie sprachen zwar auch Hindi, aber dieses lange nicht so gut, als hätten sie alles Wort für Wort wiedergeben können.

Als Zwischenperson wurde nun ein weiteres Mädchen, Neeraja, das sich bei Dhaatri für ein Praktikum beworben hatte, herbeigeholt. Sie sprach Kannada, Hindi und Englisch, hörte sich nun, das an, was die beiden Lambani-Frauen auf Kannada an sie weitersagten und übersetzte dann entweder ins Hindi, oder Englisch, sodass Vaishnavi es verstand und die Sätze aufschrieb.

Ohne Titelgb

Ich saß amüsiert neben den vier Frauen, die bald gar nicht mehr so ganz wussten, welche Sprache sie zu wem eigentlich sprechen mussten, wechselte Vaishnavi wahllos zwischen Englisch und Hindi hin und her, Neeraja zwischen Englisch, Hindi und Kannada und die beiden anderen zwischen ihrem Mix, Kannada, Hindi und teilweise brüchigem Englisch.

 

Dabei entstanden einige lustige Konversationen, denn Vaishnavi hatte, im Gegensatz zu den anderen, das nötige Hintergrundwissen über die gefährdeten Dörfer und konnte sich so schon einiges zusammenreimen.

 

„Also sie sagt, dass die Dörfler von der benachbarten Organisation „Cricketwasser“ gestellt bekommen, damit sie nicht das schlechte Wasser trinken müssen.“

 

„Cricketwasser? Das macht gar kein Sinn. Höre nochmal genau hin, Arpita!“

 

„Sie sagt Cricketwasser.“

 

„Nein, das muss eigentlich Tankerwasser heißen!“

 

„Ich glaube sie sagt Regenwasser.“

„Nein, das geht auch nicht! In Rajasthan regnet es fast nie! Es muss Tankerwasser heißen!“

„Oh, ja jetzt höre ich das auch.“

 

So zog sich das Übersetzen auf einem ganz neuem Level dahin und stellte die vier Frauen, die in einem Halbkreis um meinen Computer saßen, vor einige Probleme, konnten Arpita und Geeta vieles nur umschreiben und nicht genau wiedergeben, was Vaishnavi ziemlich blöd fand, aber sich eben damit abfinden musste. So dauerte diese Übersetzungs-Inception mehrere Tage, die Nerven und das Sprachverständnis der Vier lagen blank, währenddessen ich sehr gut schmunzeln und grinsen konnte. Das war eine ausgezeichnete Tagesunterhaltung und in diesen verrückten Momenten begann ich diese Frauen zu mögen, wurden sie irgendwie zum Teil der Dhaatri-Family.

Als sie schließlich ihr Werk vollendet hatten, verstand ich endlich auch, welche vor welche Probleme die Bewohner aus Kanpur und Nevatalai gestellt wurden:

 

Der Müll aus den Minen wird durch Pipelines zu einem Damm gefördert, wo er in einem schlammartigen Brei gelagert wird. Dessen Chemikalien haben den lokalen Strom und das Grundwasser in Kanpur verseucht und zwingen seine Bewohner, sich auf Wassertankwagen zu verlassen, die von der Organisation Vedanta geschickt wurden.

DSCN6943

In Nevatalai wurde ein eigenes Kraftwerk gebaut, um die naheanliegenden Minen mit Strom zu versorgen. Die Bewohner sind dadurch mit ebenfalls großen Problemen konfrontiert, da Schwarzstaub aus dem Kraftwerk kommt und auch weil das Grundwasser in diesem Gebiet versiegt ist.

DSCN6975

Der Zustand des Wassers ist in diesen Teilen ziemlich schlecht und hat auch zu gesundheitlichen Problemen bei Frauen und Kindern geführt. Viele klagen über Ausschläge auf ihrer Haut, Durchfall und andere Krankheiten. Einige Kinder in diesen Dörfern wurden mit Missbildungen geboren, währenddessen das einzige Krankenhaus in der Gegend ungenutzt und verlassen da liegt.

DSCN7365

Mit zunehmender Größe und Kapazität der Minen ist etwas so Grundlegendes wie Wasser ein Problem, das eigentlich sofort angegangen werden muss, da es eine fundamentale Verletzung der Menschenrechte darstellt.

Man verspricht den Menschen zwar Hilfslieferungen und Besserungen, aber diese Versprechen bleiben unerfüllt, während die Wasserkrise in den Dörfern zunimmt. Das Wasser ist entweder nicht genug oder nicht für den Verzehr, sowie die Landwirtschaft, geeignet.

„Wenn wir sterben müssen, dann müssen wir das wohl, nicht wahr? Lasst uns nur alle ertrinken“, so eines der vielen tiefbewegenden Statements von der waghadisprechenden Dame namens Devli Bai aus Kanpur.

Ohne Titel

 


 

„Andere machen in Rajasthan Urlaub, durchstreifen die Wüste, erkunden Jaipur und Pushkar  und du…ja du weißt jetzt einfach bestens Bescheid über die Wasserknappheit in zwei kleinen Rajasthani-Dörfern“, lacht Bhanu, meine Chefin, als Vaishnavi und ich ihr den fertigen Film präsentieren, tief ausatmend, als wir ein großes Lob zugesprochen bekommen. Zurecht, nach mehreren Tagen harter Arbeit.

Dropbox Link zum Video

 

„Langsam aber sicher wird Dhaatri richtig multikulturell. Wie viele Sprachen werden hier jetzt gesprochen? Englisch, Telugu, Hindi, Deutsch, Kannada, Marwari-Kannada….was noch?

 

„Ich kann noch Malayalam und Tamil verstehen“, meint Vaishnavi.

„Toni spricht noch etwas Französisch“, ergänze ich.

„Und ich kann noch Sanskrit“, meint Neeraja, den Kopf ins Zimmer gestreckt. „Meine Großmutter war Sprachhistoriker und hat mich gedrängt diese alte Sprache zu lernen.“

„Verrückt“, gesteht Bhanu und lächelt.

 

Je mehr Sprachen ins Dhaatri-Office ziehen, desto mehr Menschen kommen auch dazu. Dhaatri hat urplötzlich viel mehr Kapazität für neue Aufgaben und Mitarbeiter, dass man momentan gar nicht mehr weiß wohin mit ihnen.

Neben Savitri und Roja, die die Küche schmeißen, sind jetzt noch zwei weitere Frauen dazugekommen, die ihnen helfen.

Mit Vaishnavi und Nerraja sind zwei gut ausgebildete Fachkräfte im Team, während die beiden Lambani-Mädels dafür trainiert werden auch bald mehr Produktivität ins Haus zu bringen.

Zusammen mit uns drei Freiwilligen und den vier alten Hasen, Bhanu, Gayathri, Ashwini und Ravi, die bereits von Anfang an die NGO am Leben halten, arbeiten nun fünfzehn Personen im Office. Davon haben jeweils nur drei Personen eine eigene Wohnung, was bedeutet, das der Rest hier schläft. Drum sorgt man sich bereits um eine eigene Bleibe für all diese Leute, damit das Offfice, bald nur noch Office sein darf und kein Wohnzimmer.

DSC_0851
Hier nur ein kleiner Teil der neuen Dhaatri-Crew.. 😀

Unter diesen fünfzehn Menschen sind derweil nur zwei Männer vertreten. Ich und Ravi. Überraschenderweise fühle ich mich momentan jedoch sehr wohl, habe ich eine Aufgabe und werde von allen gemocht und geschätzt. Drum ist es echt schön vor eben jene lustige Momente gestellt zu werden, die einen fordern und trotzdem zum Lachen bringen. So wusste ich vorher nie wie viel Spaß Sprachen machen können. Jene Übersetzungs-Inception hat mich nun vom Gegenteil überzeugt…

Varanasi – Stadt des Lebens und des Todes

Ich saß im Zug, während die Welt draußen nach und nach, im Rosarot des Sonnenuntergangs, zu Schlieren verschwamm. Das große Ungetüm rauschte tutend und krächzend und schmauchend an hinduistischen Göttertempeln und Reisfeldern vorbei und bahnte sich zielstrebig seinen Weg durch den indischen Subkontinent.

Eingekeilt zwischen Koffern und Menschen hockte ich da, im Zwielicht des langsam einschlafenden Abteils.

Auf jeder engen Pritsche drängten sich mindestens zwei Menschen zusammen, verschmolzen im Schlaf ineinander und schnarchten. Die Züge des indischen Nordens seien stets etwas überfüllt, so wurde mir mitgeteilt, als auch ich in den Konflikt kam keine eigene Liege für mich alleine gestellt zu bekommen. Ich hatte einzig einen Sitzplatz, den man in Kombination mit dem gegenüberliegenden Platz zu einer Liege konstruieren konnte.

Mir schien, dass jedes Abteil dieses Zuges gen Norden gänzlich überbucht war. Auf jede Einzelliege kamen zwei bis drei Menschen und in Gängen tummelten sich zudem noch jene, die ohne Buchung versuchten sich durchs Land zu schmuggeln.

„Willst du was essen? Hier, ich habe viel zu viel für mich mitgenommen. Das reicht für zwei Leute.“ Ein Mann namens Ganesh, mit dem ich mir wohl oder übel meinen Schlafplatz teilen wurde, reichte mir ein frisch zubereitetes Roti und stellte eine kleine Tupperdose mit Curry in unsere Mitte. Schon am Vormittag hatte ich von einer anderen Familie Essen geschenkt bekommen, die sich richtig darüber freuten, als ich es für gut befand.

Jene Leute, die ganze Tagesrationen voller Essen mit in den Zug bringen, scheinen grundsätzlich darauf zu warten, dass irgendjemand kommt, den sie versorgen können. Vielleicht ist es eine unbewusste Gastfreundschaft, die einem dazu verleitet prinzipiell mehr Essen mitzunehmen, als das man selbst essen kann.

„Gerne“, sagte ich und kaute bedächtig auf meinem Essen herum, bestrebt nur nicht zu gierig zu wirken. Es war schließlich nicht meins, doch Ganesh forderte mich regelrecht auf mehr zu essen.

„Es ist nicht gut, das Essen meiner Frau?“

„Nein, es ist fantastisch“, stellte ich fröhlich fest und nahm mir ein zweites Roti.


Varanasi, die heiligste Stadt Indiens, sollte dieses Mal mein Ziel sein und um ein allerletztes Mal, bevor all meine Reisen zu Ende sein würden, das Abenteuer zu spüren, zu erleben, entschied ich mich dazu von Hyderabad aus mit dem Zug ins ehemalige Benares, so nannten die ehemalig britischen Besatzer dieser Stadt, zu fahren. 29 Stunden sollte die Reise dauern. Ich stieg am Sonntag um zehn Uhr morgens in den Wagon und würde am Montagnachmittag mein Ziel erreichen. Erstaunlicherweise verging der Sonntag relativ gut, kaum Langeweile trat auf, hatte ich mir genug Netflix-Serien heruntergeladen. Zudem lernte ich in dieser Zeit meine Begleiter kennen, zwei kleine Familien, wovon jedoch nur ein 14 jähriges Mädchen Englisch sprach und so alles, was zwischen mir und ihr besprochen wurde, lautstark auf Hindi dem Rest mitteilte, der begeistert mit dem Kopf wackelte.

Zu dieser Zeit gestattete man mir noch ganz alleine eine obere Liege in Beschlag zu nehmen, währenddessen sich vier Leute auf einem Platz drängten, aber mir mit Hand und Fuß versicherten, dass das schon okay sei. Ich sollte mich ruhig ausruhen.

Doch gegen Abend, als Ganesh, der besser Englisch sprechen konnte, als das Mädchen, zustieg und feststellte, dass ich eben nicht im Besitz dieser Liege war, wendete sich das Blatt. Von nun an saß ich auf meinen rechtmäßigen, sehr kleinen Platz, währenddessen die anderen sich auf den beiden oberen Liegen ausbreiteten.

Erstaunlicherweise erwies sich Ganesh als angenehmer Schlafpartner, verstanden wir uns direkt, besonders nachdem ich mit ihm sein Essen geteilt hatte und so war es plötzlich kein Problem mehr zu zweit auf einem Schlafplatz zu liegen, der nur 40 Zentimeter breit und 1,70m lang war. Irgendwie schlief ich, die Füße des Inders nur wenige Zentimeter von meinem Gesicht entfernt, ein und erwachte gut ausgeruht beim ersten „Koffee-Chai“-Ruf der Teeverkäufer, am nächsten Morgen. Die restlichen 10 Stunden im Varanasi-Express vertrug ich bei Weitem nicht mehr so gelassen, wie vorher. Je weiter wir auf die heilige Pilgerstadt Kurs nahmen, desto heißer wurde es, immer mehr Leute stiegen zu, doch wenige verließen das Abteil. Bald besaß ich kaum mehr als 30 Zentimeter Platz und spätestens ab diesen Punkt machte das Schauen meiner Lieblingsserien auch keinen Spaß mehr. Nun war der Zeitpunkt gekommen, wo um mich herum zu viele Menschen waren und ich mich immer unwohler fühlte, gemustert von allen.

Glücklich stolperte ich schließlich auf das Bahnhofsgelände Varanasis und war froh darüber auf dem Rückweg nach Hyderabad zu fliegen. Das würde mich insgesamt nur drei Stunden kosten…



Der Wind dreht sich und plötzlich stehst du inmitten einer Wolke aus Rauch und Asche. Du trägst die Toten in den Haaren, auf der Haut, in der Nase, im Mund, in der Lunge, auf den Kleidern. Und doch stehst du da und akzeptierst es als Tatsache eine anderen Kultur. Vielleicht ist es ja auch besser, als den Körper von Würmern zerfressen zu lassen? Ich weiß es nicht. Letzten Endes spielt es keine Rolle mehr, denn am Ende die Toten genau das: Tot

fullsizeoutput_745

Ich stehe vor den brennenden Scheiterhaufen, des größten Verbrennungs-Ghat der Stadt, mein Blick ist seltsam geschärft, trotz des Rauches, der in meine Richtung zieht und meine Augen voll Tränen füllt. Es riecht nach verbranntem Fleisch und ja, es mag makaber klingen, aber hätte ich nicht das Bild flackernder Leichen, gehüllt in weiße Tücher, vor mir, könnte man glauben, beim Barbecue ein würziges Steak etwas zu lange gegrillt zu haben.

fullsizeoutput_734

Währenddessen vor mir, die Toten ihre letzte Ruhe finden, ziehen neben mir die Wasser des Ganges ihre Wege, dem größten und heiligstem Fluss Indiens. Dort liegt er nun, eines der Wahrzeichen des Subkontinents und erstreckt sich bis weit in die Ferne und verschwindet am Horizont. Die Asche der Toten weht über dessen Oberfläche, währenddessen an anderen Stellen indische Pilger in dessen Fluten steigen und wie neugeboren wieder herauskommen. Geheiligt als Göttin, als Mother Ganga, verehren die Inder ihre Fluss, wie keinen Zweiten. Laut Mythos ist Ganga die Tochter der Personifizierung des Himalaya-Gebirges und wird in etlichen Geschichten und Mythen gepriesen. Trotz der Klassifizierung zum Gott, wird der Ganges nicht gerade wohltuend behandelt, gilt er als einer der schmutzigsten Flüsse der Welt. Die Belastung durch Kolibakterien ist 2000-mal höher als in Indien erlaubt, werden Fäkalien, Leichen, Müll und Chemikalien dort entsorgt.

fullsizeoutput_750

fullsizeoutput_727

Boote in allen Größen und Farben paddeln entlang der steilen heiligen Treppenstufen der Pilgerstadt, wo heilige Männer, Babas und Sadhus vorbeilaufende Touristen heiligen und preisen. Sie zeichnen ihnen das dritte Auge, mittels roter Pulverfarbe auf die Stirn und stimmen Gebete an, die dem Gott aller Götter, Shiva, bestimmt sein sollen. Shiva, der Glücksverheißende und bezeichnet als höchste Manifestation des Einen, taucht in Varanasi überall auf, gilt er als Schutzpatron der Stadt. Nicht umsonst wird sie auch als „City of Shiva“ bezeichnet.

fullsizeoutput_7ee

fullsizeoutput_7e9

Varanasi – Stadt des Todes und des Lebens. An einer Stelle finden die Toten ihre letzte Ruhe und kaum fünfzig Meter entfernt, wird laut Musik gespielt, getanzt und sich von allen Sünden seines bisherigen Lebens befreit. Auf eine merkwürdig spirituelle Weise, die zum Nachdenken anregt, besitzt die Stadt ihren ganz eigenen Charme, der absolut einmalig ist.

Trotzdem ist sie auch hässlich und eklig. Nirgends wird man einen Ort finden, der so voller Kühe und Wasserbüffel ist. Diese tragen einiges zum Gestank in den Straßen bei, stinken ihre Ausscheidungen so sehr, dass man sich fragen mag, was für schreckliche Dinge die Tiere wohl gefressen haben müssen. Nicht umsonst sehen wir im Ganges aufgedunsene Tier,- und Menschenleichen schwimmen.

fullsizeoutput_742

fullsizeoutput_70d

Die eigentliche Stadt ist mehr oder minder kaum erwähnenswert, hat sie im Grunde alle schlechten Ähnlichkeiten zu allen anderen Metropolen und Orten Indiens in sich vereint. Hier ist es dreckig, laut und es stinkt.

Die eigentliche Schönheit Varanasis liegt jenseits der Innenstadt, am Wasser. Kilometerweit erstrecken sich dort die heiligen Ghats, so nennt man die zum Ganges hinführenden Böschungen oder Stufungen, die meist von hinduistischen Tempeln und anderen Bauten geprägt sind. Bootsführer, Wahrsager, Jongleure, Masseure, Chaiverkäufer, Juweliere und heilige Männer wuseln dort inmitten von Trauergemeinschaften, brennenden Leichen, Kühen und Touristen hin und her und versuchen ihre Waren zu verkaufen. Grundsätzlich scheint es so, als sei jeder Einheimischer von Geburt an vertraut mit dem Ruder des Bootes seines Vaters und dessen Vaters, der schon vor Jahrzehnten über die Heiligen Wasser der Mother Ganga gerudert ist, kommt man keine 50 Meter weit, ohne dass man gefragt wird, ob man denn nicht für eine Stunde gerne „Boat“ fahren, oder den nächsten Stoffladen aufsuchen möchte.

fullsizeoutput_736

Ja, teilweise erinnern uns, Marius, Skrollan und Toni sind auch von der Partie, die Schiffer an die schnatternden Möwen aus „Findet Nemo“ die „Meins, meins, meins“, in die Welt krähen.

In Varanasi wird anstelle dessen „Boat, Boat, Boat“, gerufen.

Je länger ich an den Ghats entlang schlendere, desto mehr wird mir bewusst, wie hart der Konkurrenzkampf zwischen den Händlern ist und wie sehr man sich bemüht an das große Geld zu kommen.

Ein Mann erklärt mir, als ich zu einem der größten „Burning Ghats“ komme, dass er Freiwilliger sei, zuständig wäre für die Alten und Kranken, die extra nach Varanasi gekommen sind, um zu sterben. Er würde die Touristen lehren, wie die Kremation von statten geht, denn schließlich gilt: No burning, without learning.“

Er erzählt mir, dass tagtäglich mehr als 200 Menschen verbrannt werden. Für jeden Toten wird mehr als 120 Kilo Holz aufgestapelt, wobei die Leiche zwischen zwei Schichten von Ästen begraben wird. Die Verbrennung dauert gut drei Stunden und danach wird die Asche zusammengefegt und in den Ganges gestreut.

fullsizeoutput_7ef

Menschen aus allen Teilen Indiens würden nach Varanasi kommen, um die Asche ihrer verstorbenen Angehörigen im Ganges zu versenken.

Die Besorgung des Holzes sei dabei besonders kostspielig, sei ein Kilo bereits 15 Euro teuer. Der Freiwillige drängt mich dazu doch Geld zu spenden, zwanzig, bis dreißig Kilo wären doch sicherlich kein Problem für mich reichen Westler, doch ich zaudere. Dieses Zögern veranlasst meinen Führer darüber zu reden, wie sehr mein Karma doch steigen würde, täte ich ihm diesen Gefallen. Karma und Vergebung sind in Varanasi die Hauptdruckwörter der Händler. Man tut alles nur fürs Karma, für die heilige Familie, für ein besseres Leben und dafür Geld auszugeben sei doch geradewegs erstrebenswert. Dadurch fühlt man sich für einen kurzen Augenblick tatsächlich wie ein schlechterer Mensch, wenn man ablehnt etwas zu kaufen, so auch dieses Mal. Ich gebe dem Freiwilligen nur 200 Rupien, ca. 3 Euro, woraufhin er mich abfällig anschaut und mich fragt, ob ich meine Familie denn wirklich lieben würde, schließlich würden sich gute Taten auch auf das Verhältnis zu meinem Vater und meiner Mutter widerspiegeln.

„Ich muss mich gegenüber meiner Familie nicht beweisen. Sie lieben mich so wie bin“, sage ich nur und trotte durch den Rauch der Verbrannten davon. Dies sollte sich als richtig herausstellen, würde mir im Nachhinein gesagt werden, dass es gar keine Freiwilligen bei den Ghats gäbe. Man täte alles, lügen und betrügen, um an Geld zu gelangen. Varanasi und Agra, die Stadt des Taj Mahals, wären in der Hinsicht die größten Zentren des Betrugs.

Einen Tag später sollte ich meinen Fake-Freiwilligen wiedertreffen, ihn zwar nicht mit seinem versuchten Irreführung konfrontieren, aber mit ihm über den Sinn des Reisens und des Betens reden, war er der Meinung ich hätte zu wenige Sehenswürdigkeiten in Varanasi gesehen, die er mir jetzt, natürlich für Geld, zeigen wollte.

„Du hast so viele Tempel in dieser Stadt nicht gesehen, wie kannst du dich denn jetzt mit dieser identifizieren, oder sie gar verstehen?

„Muss ich denn alles abklappern, damit ich weiß, wie die Stadt funktioniert? Reicht es nicht, mit den Leuten zu reden, sie dabei zu beobachten was sie tun und treiben?“

„Nein. Varanasi ist eine heilige, rituelle Stadt. Besuchst du keine Tempel, wirst du auch keine Spiritualität erfahren und Shiva wird nicht bei dir sein. Du wirst weiterhin gottlos durch die Gegend laufen.“

„Für mich ist Gott, oder das Göttliche überall. Wenn es alles auf dieser Welt geschaffen hat, dann schwebt es gerade auch um uns herum. Warum kann ich nicht in einen Wald gehen und dort beten? Der ist viel schöner als ein Tempel.“

„Nein, das geht nicht. Wenn du hier beten würdest, wäre Gott beleidigt. Du trägst Schuhe. Das beschmutzt ihn. Im Tempel ziehst du diese aus und dadurch erst empfängst du Gott.“

Ab dem Zeitpunkt konnte ich ihm nichts mehr entgegensetzen, verstand ich, dass es hoffnungslos war, ihm zu erklären, dass Schuhe keineswegs gottlos sein müssen. Er redete jedoch weiter und versuchte mich vehement davon zu überzeugen, doch eine Tour mit ihm zu machen.

So schön Varanasi auch war, so sehr ging dessen wahre Spiritualität mit den Leuten verloren, die versuchten eine gefälschte Version des einzigartigen Spirits dieser Stadt zu verwirklichen, in dem sie logen, betrogen und Weltbilder verfälschten.

fullsizeoutput_744

Drum war ich im Endeffekt dankbar einer ehrlichen Haut zu begegnen, die ihr Geld mit Wahrsagen verdiente. Uday aus Varanasi war ein heiliger Baba, der sich darauf spezialisiert hatte aus den Händen die Zukunft zu lesen. Irgendwie schaffte er mich dazu zu überzeugen, mir meine Zukunft zu erzählen, war dabei keineswegs aufdringlich, wie der Rest und schien tatsächlich an mir interessiert zu sein.

„Es gibt so viel Betrug in dieser Stadt, ich will mich nicht zu diesen dazu gesellen. Ich bin eine ehrliche Haut“, gestand er mir, während er mir liebevoll den Kopf tätschelte. Er hatte einen dichten Rauschebart und man merkte ihm sein Alter bereits an, doch sein Geist war jung wie eh und je. Er wirkte wie eine Art liebenswürdiger Großvater, der bereits alles erlebt hatte, was diesseits und jenseits der Mother Ganga stattgefunden hatte.

fullsizeoutput_751

„Du wirst einmal 93 Jahre alt werden, lieber Leo und mit 56 Jahren, ja, da wirst du wie Mutter Theresa, oder Ghandi. Ein heiliger Mensch. Und ich sage dir, mit 24 Jahren da beginnt dein Leben erst richtig, lieber Leo.“

Wirklich viel von diesem Kokolores hielt ich nicht, doch präsentierte Uday mir so eindringlich und phantasievoll meine Zukunft, die tatsächlich gesprenkelt war, mit einem Fünkchen meiner tatsächlichen Träume und Wünsche, das ich begann ihn zu mögen.

„Kannst du eigentlich auch deine eigene Zukunft lesen?“ frage ich ihn einmal.

„Ja klar kann ich das, aber ich kann dir sagen, dass manches nicht so wirklich stimmt. Schau mal, ich habe hier beispielsweise drei Striche an der rechten Hand. Die symbolisieren drei Ehen. Das geht aber gar nicht. Ich habe ja nur eine Frau.“ Er deutete auf seine Hand.

Wir schwiegen, tranken Chai und blickten den Ganges entlang. Zusammen sollten Toni, Skrollan, Marius und ich tatsächlich es wagen in dessen heilige Fluten zu steigen und drei Mal den Kopf unter zu tauchen. Somit waren nun all unserer Sünden entledigt. Wirklich anders fühlten wir uns danach zwar nicht, aber auf jeden Fall hatten eine Sache getan, die Hindus auf der ganzen Welt wohl am liebsten erstrebten.

fullsizeoutput_72e

„Weißt du was?! Die Zukunft ist ein Motherfucker. Viel zu viel Menschen denken an sie und vergessen im Jetzt zu leben und das ist unendlich schade. Ich verdiene zwar mein Geld mit ihr, aber lieben tue ich sie nicht. Ich weiß genau, dass du viel darüber nachdenkst, lieber Leo, aber höre auf damit. Das ist mein Rat an dich. Höre auf, über zu viel nachzudenken.“

Diese Worte hallten in mir nach, währenddessen ich zu den immer flackernden Lichter der Totenfeuer hinüberstarrte und Menschen in Booten sah, die die Asche ihrer Liebsten im Wind verfliegen ließen. Die Toten hatten ihr Lebensziel erreicht, schwebten nun ins Nirvana, für ihre ewige Ruhe. Wir Überlebenden hatten noch mehrere Leben vor uns, ehe unser Karma uns in die Unendlichkeit führen würde. Doch bis dahin, hatten wir alle unser Leben zu leben, da hatte Uday recht.

„Wir sehen uns im nächsten Leben, mein Freund“, rief Uday mir zu, als ich mich am letzten Tag meines Aufenthalts von ihm verabschiedete und davon ging.

„Das werden wir!“ rief ich zurück.

Von ungewisser Routine, unerwarteten Erkenntnissen und großer Dankbarkeit

„Okay, take rest. Coming back at 3”, meint Krishnarao, macht eine Kehrtwende, geht aus dem Haus, schwingt sich auf sein Motorad und fährt davon.

„Aber“, stottere ich. „Ich brauch doch gar keine Pause.“

Da stehe ich nun. In mitten eines fremden Hauses, begreifend, dass es bis drei Uhr nachmittags noch drei Stunden sind.

„Was soll ich denn hier machen?“ flüstere ich, doch niemand antwortet mir.

Wäre ich doch viel lieber im Dorf und dessen Idylle geblieben. Stattdessen befinde ich mich nun in Paderu, des einzig, verhältnismäßig großen Ortes dieser Gegend,  jenseits der drei Stunden entfernten Metropole Visakhapatnam. Paderu ist kein schöner Ort und doch nutzen ihn die Bewohner Dallapallis um Erledigungen zu tätigen, sowie solches Essen zu kaufen, das nicht auf ihren Bergen wächst. Schon oft sind wir, während unserer Dorfaufenthalte, hierhin gefahren, um neue Vorräte zu kaufen, doch wirklich lange hat es mich hier nie gehalten. Diese Kleinstadt ist dreckig, ärmlich und von den Menschen her äußerst gewöhnungsbedürfig, wirken jene so, als seien sie die Ausgestoßenen und Vertriebenen, der Städte, die sich des einfachen Pöbels entledigt haben. Hier wirkt die Mehrheit distanziert, hat trübe Augen, schlechte Zähne und wirkt nicht gerade glücklich über das Los in Paderu geboren zu sein.

Jetzt, beim sechsten Mal, fällt mir sogar auf, dass auf den Straßen nur Rikshas, Motoräder und Touristenjeeps unterwegs sind. Normale Autos scheint sich hier kaum jemand leisten zu können.

 

Der eigentliche  Grund, weshalb ich erst nach Dallapalli gekommen bin, war nicht jener, Aufgaben vor Ort zu erledigen, sondern von dort aus in zwei andere Dörfer im Araku Valley zu fahren.

Das Araku Valley umfasst im Endeffekt alle Dörfer und Sehenswürdigkeiten im Umkreis von 100 Kilometern, gelenkt vom Visakhapatnam District und des Andhra Pradesh Tourist Departments. Die Borra Caves, Katiki und dessen Wasserfälle, Paderu als Vermittlerstadt und all die Orte, die ich im Laufe des Jahres bereits abgeklappert habe, liegen in diesem Umkreis und sind mehr oder minder bedroht durch Privatisierung und Zwangsenteignung seitens der Regierung, die viel lieber Hotels und Parkplätze, anstatt der kleinen beschaulichen Dörfer, gebaut haben will. Ich soll mit Bonjibabu und Krishnarao, einen lustigen Mann, der in meinen vorherigen Erzählungen immer zu kurz gekommen ist, Interviews mit den Menschen zweier Orte abhalten. Meine telugusprechenden Freunde werden das Gespräch führen und ich soll es filmen.

Der Ort Kothapalli soll unsere erste Anlaufstation sein, doch um dorthin zu gelangen, brauchen wir anscheinend einen Bus, der nur alle paar Stunden durch Paderu zu fahren scheint. Früh von Dallapalli aus aufgebrochen, erkennt Bonji bald den Fehler zu hastig losgefahren zu sein, da der Bus noch lange auf sich warten lassen wird und beschließt, zusammen mit dem in Paderu lebenden Krishnarao, mich in dessen Haus zu bringen, damit ich a.) wahrscheinlich nicht im Wege stehe und b.) ganz entspannt Pause machen kann.

Doch wovon soll ich bittschön Pause machen? Wir sind gerade eine Stunde dösend mit der Riksha hergefahren und haben nichts Anstrengendes geleistet. Trotzdem scheine ich, obwohl ich mich selbst topfit fühle, den Eindruck zu erwecken todmüde zu sein. Vielleicht kreieren sich auch die Beiden meine Müdigkeit, da sie selbst dringend eine Pause vom Nichtstun einlegen können.

Im Wohnhaus des Krishnaraos wird mir bald befohlen mich doch ins Bett zu legen, Pause zu machen, zu entspannen. Nach einigen Ansätzen mich gegen jene verordnete Ruhe aufzulehnen, sehe ich bald ein, dass es nichts bringt. Jeder macht gerade Fiesta, trotz einem eher unproduktiven Vormittag. Zum Ausruhen verdonnert, verstreichen die Stunden langsam, der Schlaf will nicht kommen und je später es wird, so sehr wird mit klar, dass es bereits dunkel sein könnte, wenn wir das Dorf erreichen. Licht für die Kamera wird es nicht mehr geben, die Bildqualität wird schlecht sein, doch jenen wahrscheinlichen Fauxpas werde ich mir selbst nicht zuschreiben. Dafür kann ich bei Weitem nichts.

 

Es ist drei Uhr, ich fahre vom Bett hoch, in der Hoffnung endlich was zu tun am heutigen Tag, doch niemand kommt. Ich langweile mich furchtbar. Die deutsche Annahme, dass Termine auf die Sekunde genau eingehalten werden, verpufft, währenddessen die Sekunden immer weiter ticken und Minuten entstehen lassen. Eine halbe Stunde vergeht. Eine Stunde verstreicht ungenutzt. Ich warte nun den ganzen Nachmittag. Dann plötzlich streckt Krishnarao seinen Kopf zur Tür herein und verkündet strahlend, dass es jetzt losgeht.

Ich konfrontiere ihn nicht, mit meiner angestauten Entrüstung, würde es eh nichts bringen, einen Inder wie ihn zu fragen, warum er denn zu spät komme. Zeit ist relativ.

Drei Stunden später, die Dämmerung hat bereits eingesetzt, lässt uns der Bus auf einer breiten Straße hinaus. Rechts und links sind jeweils einige kleine Häuser verteilt, auf einer breiten Fläche spielen einige Männer Volleyball. Das kommt mir bekannt vor.

fullsizeoutput_580

fullsizeoutput_583

fullsizeoutput_586

Mir wird aufgetragen alles zu filmen und zu fotografieren was ich sehe, jedes Gespräch mit den Dörflern und meinen Leuten, soll aufgezeichnet werden. Bald sitzen wir um einen Mann herum, der seine und die Geschichte des Dorfes erzählt. Spannend und ergreifend mag wohl sein, doch mit zunehmender Dunkelheit wird das Bild immer schlechter. Die Elektrizität Kothapallis ist gerade auch nicht da.

fullsizeoutput_57c

Man unterhält sich um die zwei Stunden mit den Männern und Frauen aus den Dörfern, ich halte müde drauf, der sinkenden Qualität bewusst. Irgendwann gibt mir Krishnarao das Signal mit dem Filmen aufzuhören. Die Unterhaltung geht weiter, jedoch deutlich gelöster und entspannter. Es wird sich nicht mehr um ernste Themen bemüht, sondern schweift langsam aber sicher ins lockere Gespräch hinein. Ich sitze da und lausche den Klängen der Wälder um uns herum und verscheuche nebenbei allerlei Fliegen, die sich um jede Lichtquelle des Dorfes tümmeln.

Ich bekomme Hunger und werde indes auch langsam müde. Sowohl Essen als auch Schlafplatz ist noch nicht garantiert, doch in Erinnerung an den Oktober und dessen Erlebnisse mit Merlin in Katiki, dem absolut abgeschiedenen Bergdorf mit seinen lieben Bewohnern, vermute ich, dass wir in diesem Ort schon unseren Schlafplatz finden werden. Zurückfahren werden wir unanfechtbar nicht mehr. Genauso wird es sein, die Dorfkirche wird für uns geräumt und nachdem alles vorbereitet ist, wird uns eine sehr vorzügliche Reisspeise gebracht.


(Übrigens: Wirklich sicher zu welcher Religion die Leute aus den Dörfern angehören bin ich mir nicht mehr. Überall stehen Kirchen, in denen tatsächlich auch Gottesdienste abgehalten werden. Immer Sonntags findet in Dallapalli eine stundenlange Lobpreisung, voller Gesang und lauten „Hallelujas“ statt. Dieses Mal setze ich mich sogar in die Kirche zu den anderen dazu und lausche den enthusiastisch christlichen Gesängen auf Telugu. Viele werden mich dabei begeistert beobachten und falls ich davor nicht bereits die Herzen aller hatte, hatte sie jetzt.)


Am Schluss ist der Ablauf in Kothapalli genauso wie damals, nur dass Merlin und ich bei Weitem nicht wussten was auf uns zukommen würde.

DSC_0994

Das einstige Abenteuer des Ungewissen, grenzt nun an Routine. Das Ungewisse ist mir nicht mehr fremd. Klar, ist das schon ein Widerspruch in sich, das Ungewisse wird einem nie bekannt sein, doch statt nach dem Warum und dem Wie zu fragen, ertrage ich das Meiste plötzlich mit einer gar stoischen Ruhe, ja finde es gar auf irgendeine Art romantisch nicht zu wissen, was passiert. Ich habe gelernt, dass alles irgendwie schon funktionieren und am Ende sowieso alles gut wird.

Nach dem Essen werden sowohl Dörfler, als auch meine Leute müde weshalb nun alle ihres Weges gehen und ich mich, zusammen mit Krishnarao, auf eine schmale Pritsche lege. Der breit gebaute Mann mit dem lustigen Schnauzer nimmt gut dreiviertel des Bettes in Beschlag und beginnt nach wenigen Sekunden tief und laut zu schnarchen.

Am nächsten Morgen, pünktlich nach dem ersten Hahnenschrei, brechen wir auf, um den Wasserfall des Dorfes zu betrachten. Dieser schließlich löste im Grunde den Konflikt zwischen Dorf und Regierung, die das Land für sich haben will, aus, ist dieser einer der beliebtesten Touristenziele, des Araku Valleys. Eindrucksvoll ist es allemal die reißenden Fluten zu sehen, wie sie rauschend in die Tiefe stürzen, doch bei aller Liebe: So spektakulär ist er nun auch wieder nicht. Grundsätzlich scheinen die Tourist Departments dieses Landes alles als Sehenswürdigkeit zu klassifizieren, was alleine mit Wasser zu tun hat, egal ob es eindrucksvoll ist, oder eben nicht. Die Touristen kommen trotzdem und hinterlassen ihren Müll, den ich kurzerhand wieder fotografieren darf. Viel ist es bei diesem Wasserfall nicht, oder vielleicht hat sich mittlerweile einfach meine Toleranzgrenze gegenüber dem Mengenverhältnis dessen verändert. Kein Wunder nach Mumbai und dem Yuhu Beach.

fullsizeoutput_5a6

fullsizeoutput_5a9


Die restlichen vier Tage in Dallapalli verstreichen ebenfalls beinahe ungenutzt. Der Plan in ein zweites gefährdetes Dorf zu fahren, wird zwar in die Tat umgesetzt, jedoch ohne mich, da man es für besser hält mich aus gefährlichen Orten, wie Lambasingi, so der Name des Dorfes, herauszuhalten, könnte ich gar angegriffen werden. Zwar werde ich im Dorf bleiben, meine Kamera wird jedoch Bonjibabu und Co. ins Krisengebiet begleiten, weshalb ich für zwei Tage nicht einmal Fotos vom Dorf machen kann.

Doch irgendwie schaffe ich es diesen Tagen alles aus dem Dorf herauszuholen, was es herauszuholen geht. Ich befreunde mich noch mehr mit den Dorfjungs, spiele mit ihnen und unternehme sogar eine Expedition bergabwärts mit ihnen. Das Ziel: Mangos!

fullsizeoutput_618

Die kleinen Racker, alle um die sechs bis zehn Jahre alt, hüpfen über Stock und Stein, zeigen mir geheime Schleichwege und Quellen, bis sie schließlich ihr Heiligtum erreichen. Einen großen Mangobaum. Sie klettern, wie kleine Affen hinauf und schütteln und rütteln so lange an den knorrigen Ästen des alten Riesens, bis es auf dem Boden kaum einen Platz mehr gibt, der frei von der süßen Frucht ist. In Dallapalli wächst eine unterschiedliche Art der Mango, diese hier ist nur so groß wie ein Hühnerei, ist aber süßer und geschmackvoller.

Wir setzen uns auf die Wurzeln des Baumes und beginnen mit dem Mund die dünne Schale der Frucht abzubeißen, spucken sie weg und saugen das süße Innere der Frucht heraus. Bald kleben meine Hände wie verrückt vom gelben Mangosaft, doch das ist mir egal, so gut schmeckt es mir. In diesen Momenten sollte ich mehr als 20 kleine Mangos verdrücken.

20180618_115554878502387.jpg

Als alle Kinder ebenfalls satt sind, sammeln sie die umliegenden, übriggebliebenen Früchte ein und schleppen sie den Berg wieder hinauf, ihren Eltern glücklich ihre Beute zeigend.

Die Zeit im Dorf neigt sich schlagartig dem Ende und mittlerweile scheint ausnahmslos jedes Kind meinen Namen zu kennen.

fullsizeoutput_613

fullsizeoutput_608

„Du bist ja berühmt“, stellt Kavya fest, welche am letzten Tag noch zu mir stößt. Vor ihr haben die Kinder sichtlich noch Respekt, zerstreuen sie sich augenblicklich, erscheint diese Fremde plötzlich in ihrem Sichtfeld.

„Ich mag sie auch unheimlich gerne“, stelle ich fest, als mir Siranji, einer der Ältesten Jungs, eine Mango zuwirft und schnell wieder, aus Angst die böse fremde Kavya könne ihn sehen, hinter einer Mauer verschwindet.

„Schade, dass ich sie nicht mehr sehen werde.“

fullsizeoutput_691

fullsizeoutput_683



 

Während unserer Reisen durch das atemberaubend schöne und grüne Tal Araku, sowohl bei der darauffolgenden Präsentation des Interviews vor Bhanu, unserer Chefin, zurück in Hyderabad, wird mir auf einmal bewusst wie die eigentliche Rollenverteilung bei Dhaatri ist. Die wichtigste Person außerhalb des Offices ist nicht Bonjibabu, oder Gayathri, die beide zwischen uns Freiwilligen und den Dörflern vermitteln können, nein, es ist Krishnarao. Die Arbeit für die NGO ist seine Vollbeschäftigung. Von Paderu aus ist er der erste Kontakt, der von Bhanu zur Lage der Dörfer befragt wird.

fullsizeoutput_558

fullsizeoutput_551

IMG_2381

Er ist es, der von Dorf zu Dorf fährt, die Leute nach ihrem Wohlergehen fragt, Meetings ansetzt und leitet und schlussendlich alles nach Hyderabad weiterleitet, wo von dort aus weitere Schlüsse gezogen werden können.

Für mir über das Jahr hinweg als Nebendarsteller abgestempelt, der ab und zu mal durchs Dorf fährt und mit den Leuten quasselt, erscheint eben jener Mann mir plötzlich in einem ganz anderen Licht und es kommt mir so vor als verstünde ich jetzt erst die eigentlichen Felder, Tätigkeiten und Rangordnungen der Dhaatri-Hauptleute.

Die Interviews mit den Dörflern, ihrerseits im schlechten Licht gezeigt, hatten derweil eine derartige Tiefe, dass uns Bhanu dafür gratulierte.

„Die Leute kriegen nicht einmal eine Entschädigung von der Regierung“, übersetzt sie für mich.  „Es ist so, als würde die Regierung zu dir kommen und sagen, dass sie dir jetzt dein Besitz abnehmen und dich später dafür bezahlen werden. Das werden sie jedoch nie tun. So passiert es gerade Kothapalli und es ist durchaus möglich, dass es auch Dallapalli treffen kann. Auch deswegen, habe ich Bonjibabu mitgeschickt, damit er seinen Leuten davon erzählen kann, was schlimmstenfalls passieren wird, wenn sie sich nicht gegen den Tourismus und die Regierung wehren. Das habt ihr gut gemacht.“


 

Nach sechs Aufenthalten in Dallapalli habe ich endlich begriffen wie alles funktioniert, bin angekommen, weiß was zu tun ist, wenn nichts zu tun ist und habe jetzt den Draht zu allen Leuten des Dorfes hergestellt. Ich habe die lieb gemeinten Kleinigkeiten, die mir die Menschen schenken, lieben gelernt. Immer morgens beispielsweise beginnt mein Gang zur Pumpe, damit ich Wasser für meine Dusche holen kann. Dabei fülle ich meinen Eimer nur halb voll, da das meiste Wasser immer herausschwappt, trage ich zu viel. Vor der kleinen Duschkabine, die angemerkt auch das Klo darstellt, setze ich den Eimer ab und tunke einen sogenannten „Heater“, ein Gerät ins Wasser, dass fähig ist solches aufzuwärmen. Jene Prozedur dauert meist 20 Minuten, weshalb ich nochmal zurück zur Hütte gehe.

fullsizeoutput_681

Komme ich wieder, ist der Eimer immer voll, irgendjemand hat ihn für mich aufgefüllt, damit ich mehr Wasser zum Duschen habe. Nötig ist das nicht, aber trotzdem macht es irgendwer für mich, ohne dafür Dankbarkeit zu erwarten…

Ich weiß nicht, ob ich jemals im Stande wäre, hier wirklich zu leben, dazu bin ich momentan nicht geschaffen, doch habe ich bereits beschlossen, immer hierher zurückzufinden…

fullsizeoutput_694