Alles für die Community

Alles für die Community

Lange haben wir drauf gewartet, uns gegenseitig verrückt gemacht, uns das Hirn zermartert und jetzt ist es endlich soweit! Wir dürfen arbeiten! Dass ich mich darauf mal freuen würde, hätte ich nie für möglich gehalten, doch wie sagt man so schön: Nichts ist unmöglich!

So kam es, dass wir an einem diesigen Montagmorgen, um kurz nach zehn, von Bhanu, unserer Chefin, in ihr kleines Arbeitszimmer zu einem Meeting beordert wurden. Da wussten wir schon: „Jetzt kommt was Besonderes!“ So war die Spannung kaum noch auszuhalten, der Schweiß lief uns über die Stirn und unsere Nerven waren bis zum Zerreißen gespannt, in Vorfreude auf das, was da nun kommen würde. Dann eröffnete uns unsere Anführerin ihren geheimen Masterplan! Und….er gefiel mir irgendwie nicht so ganz..

Ich sollte bald die Aufgabe bekommen in eines der Bergdörfer zu fahren, um die Natur auszumessen. „Mapping“, so der korrekte Ausdruck im Fachjargon des Ureinwohner-Frauenrechtler-Freiwilligen.

Meine vorübergehende Tätigkeit sieht also wie folgt aus: Man nehme sich einen Berg und stecke ein Gebiet von ungefähr 20×20 Metern ab. Dies markierte Land nenne man von nun an einen Plot. In diesem Plot ist es nun die Aufgabe des Freiwilligen jegliche Arten von Flora und Fauna zu kategorisieren. So habe man beispielsweise eine Vielzahl an Mangobäumen vor sich, die man nach vorgegebener Art und Weiße zu zählen und zu benennen hat. Des Weiteren prüfe man deren Qualität und bestimme die Jahreszeit in der unsere Mangobaum-Spezies am liebsten zum Vorschein kommt und fertig ist das Mapping!

 

Und ich dachte schon meine glorreichen Biologie-Leistungskurszeiten wären vollends vorbei. Damals, die guten alten Zeiten, wo wir noch wochenlang an einer Ökosystemuntersuchung arbeiteten; hach, jetzt weiß ich endlich wofür! 😀

Der Sinn dieser Tätigkeit hilft jedoch der gesamten Bergdorfcommunity. Beweist man, dass der Berg lebt, mit all seinen Pflanzen und Tieren, so kann die Regierung den Berg nicht privatisieren, mit der Begründung dieser Hügel habe sowieso nichts Besonderes vorzuweisen. Das Stück Land darf den Bergbewohnern also erhalten bleiben und dafür würde es sich lohnen, diese Arbeit zu tun.

Trotz alledem bin ich nach dem Gespräch mit Banu etwas angefressen. Das ist nicht das, was ich mir, als selbst „aberkannter“ Naturwissenschaftler“, vorgestellt habe, aber momentan habe ich sowieso nichts zu tun, also bleibt mir wohl nichts Anderes übrig.

Das Mapping darf ich übrigens mit zwei Adivasi-Boys aus dem kleinen niedlichen Örtchen Dallapalli machen. Zusammen mit echten Überlebenskünstlern, so glaubt man, doch als wir vor unserem Grundstück ein 9×9 Meter großes Gebiet Wasteland zur Übung abmessen wollen, scheitert es schon bei den beiden. Wir Deutschen messen zwei Seiten ab und können sofort die Markierungen für die anderen beiden Ecken setzen, haben wir doch klar einen symmetrischen Würfel vor unserem inneren Auge. Die Jungs jedoch, in der ganz klar höheren Position, da sie das anderthalb Meter lange Maßband haben, vertrauen nicht auf uns und messen gelassen Meter für Meter ab und sind nach fünf Minuten total erstaunt, als wir an der richtigen Stelle für neun Meter stehen. Wir haben wir das nur hinbekommen? Magie!

Auch, als wir das den Plot in vier kleinere, gleich große Boxen einteilen wollen, da die Anzahl und Qualität der Pflanzen von Ort zu Ort variiert, geben unsere beiden Mitstreiter zwar ihr Bestes und bemühen sich wirklich sehr, aber vier gleich große Plots können eher nicht so entstehen, wenn man auf einem 9×9 großen Feld einen 1×1 großen Würfel zeichnet.

Aber lustig sind die beiden auf alle Fälle, auch wenn sie selbst davon nicht viel mitbekommen. Verständigungsprobleme können so beispielsweise schnell in peinlicher Situationskomik enden, was unsere beiden Dallapalli-Freunde betrifft. Bei anderen, wie Bhanu, oder unseren Zweitchef Ravi, versteht man manchmal auch kaum ein Wort, da sie Wörter in sich hinein zu nuscheln scheinen, doch hier versucht man es am besten zu vertuschen, dass man sie nicht verstanden hat und bejaht mit voller Inbrunst die nicht verstandene Frage. Ein Nein würde sicherlich sowieso nicht gut ankommen.

Doch bei diesen beiden Jungs, die des Öfteren unverständliches Kauderwelsch plappern, liegt es insbesondere bei mir irritiert zu schauen, die Brauen hochzuziehen, den Kopf zur Seite zu neigen und „What?“ zu fragen. Meistens kommt dann ein Kauderwelsch-Singsang zweiten Grades, den man noch weniger versteht. Erst beim dritten, oder vierten Mal versteht man, was sie meinen und ist danach glücklich beseelt ihren Sprachcode entschlüsselt zu haben.

Ich scheine grundsätzlich der Einzige von uns dreien zu sein, der das indische Englisch nur ansatzweise gut versteht. Entweder gibt es die Menschen, mit denen ich auf Anhieb ein gutes Gespräch führen kann, oder es gibt die, die so undeutlich und leise sprechen und ich gezwungen bin ins Blaue hineinzuraten, was ich nun als Antwort preisgebe. Aber das beruht auch auf Gegenseitigkeit, wie ein Gespräch zwischen einen der beiden Spezialisten beweist.

Wir wollen zur Botschaft gehen, um uns registrieren zu lassen (dazu übrigens folgt noch ein Eintrag) und einer der Jungs verabschiedet uns am Tor.

„Where are you going?“

„ To the FRRO. For Registration.“

“ Ahh! Where is that?

“ We don´t know. We´re driving with Uber.”

“ Ah! Where are you going?”

“ We DON`T know! Anywhere in Hyderabad!”

“ But where?”

“ No idea! Hyderabad…To the FRRO.

“ Where is the FFRO?”

“ In Hyderabad..”

“ Where?”

“We don´t know. Our navigation device will tell us that!

“Your navigation device?”
“Jap.”

“Where are you going?”

“Okay, we´re going know! Bye!”

“Bye? But where are you going?”

Ja, das werden ganz gewiss lustige Zeiten mit den Beiden werden, dem sind wir uns sicher. Desweilen können wir Freiwilligen es nicht lassen, die Jungs nachzuahmen. So haben sie beispielsweise die lustige Eigenschaft Wörter mehrfach zu wiederholen. Eines Tages sitzen die beiden vor dem uralten Steinzeit-PC im Erdgeschoss und sehen aus, als würden sie Hilfe gebrauchen. Ich geselle mich zu ihnen und frage, was denn los sei. Das Internet würde nicht funktionieren, so vermitteln sie mir. Ich, versuche das Problem zu lösen und währenddessen höre ich von beiden Seiten es leise „connect, connect, connect, conect“ flüstern. Das Internet bekomme ich leider auch nicht zum Laufen, aber immerhin haben wir Freiwilligen nun einen ganz geheimen Code, wollen wir über die Jungs sprechen: „Connect, connect, connect, conect!

Es haut uns vollends aus den Socken, als wir erfahren, dass beide bereits verheiratet sind und einer schon ein vier Monate altes Kind namens Avantica hat. Für uns sind sie irgendwie auch noch Kinder.

Das alles soll übrigens nicht heißen, dass wir es verurteilen, was die Dallapalli-Boys alles veranstalten, nein, ganz im Gegenteil. Durch ihre Eigenarten haben wir sie echt ins Herz geschlossen und freuen uns, trotz komischer Aufgabe, mit ihnen zusammenarbeiten zu dürfen.

Creators Comment from the future:

Durch fehlende sexuelle Aufklärung gerade auf den Dörfern, als auch bei den Unterschichts-Indern in der Stadt, sollten wir noch viele ältere (gerade männliche) Personen treffen, die so gut wie nichts über ihre eigene, als auch die die andere Sexualität, wussten. Kinder bekamen eben jene schon relativ früh, obwohl sie selbst noch wie Kinder erschienen. Was mich jedoch immer wieder faszinierte und begeisterte ( im Bezug auf die generelle Bildung, derjenigen, die sich hochrangige Schulen nicht leisten konnten) war die gar kindliche Neugier, mit der selbst 30 Jährige, Dinge erkundeten und hinterfragten.

 

Doch bevor es in die Bergdörfer geht, haben wir noch viel Zeit, die wir anderweitig nutzen sollen. So bekommt Merlin die Aufgabe die Dhaatri Website neu zu programmieren, stöhnt jedoch nach einiger Zeit über die Inhaltslosigkeit der Beiträge, die er online stellen soll. Von Bhanu bekommt er jeweils Texte und Bilder zugeschickt, doch genau wie bei den Texten, scheinen die Bilder ihn auch nicht zufriedenzustimmen. So sehen mache, die nicht total unscharf sind, aus, als hätte eine Kartoffel die Bilder gemacht, da die Qualität der Bilder echt zu wünschen übriglässt. Manche Inder scheinen diesbezüglich wohl eine variierende Vorstellung von Seriosität zu besitzen.

Derweil dürfen Skrollan und ich jeweils einen Report über den Bergbau in der Mongolei, oder Myanmar schreiben und verstehen nicht so wirklich weshalb wir das machen müssen. Dadurch, dass ich eine Aufgabe bekommen habe, die für mich so gar keinen Sinn macht, sinkt bei mir die Arbeitsmoral gegen Null. Unter anderem glaube ich daran, dass wir diese Aufgabe nur bekommen haben, um einfach irgendetwas zu tun und das missfällt mir von Stunde zu Stunde ein Stückchen mehr. Zwei Tage lang bleibt meine Einstellung so, bis ich mich damit abfinde etwas zu machen, was ich nicht verstehe. Das habe ich in der Schule bereits perfektioniert. Möglicherweise musste ich mich auch erst wieder damit abfinden zu arbeiten. Allenfalls habe ich das seit einigen Monaten nicht mehr getan, seitdem die Schule vorbei war. Jetzt muss mein rostiges Arbeitsgetriebe endlich mal wieder in Gang kommen und bald, ja bald rollt es wieder, wie in den alten, guten Zeiten.

Den Report über „Mining in Myanmar“ habe ich heute fertigbekommen und so langsam begreife ich das große Ganze der Aktion. Dhaatri setzt sich auch für Ureinwohner ein, die durch den Bergbau zu leiden haben, sei es durch schlechte Arbeitsbedingungen, oder Krankheiten. Da liegt es auf der Hand sich grundsätzlich über Missstände im asiatischen Bergbau zu informieren, um zu schauen, wie man am besten helfen kann, ganz zum Nutzen der Community.

Bei meinem Report habe keine Ahnung, ob der jetzt den Vorstellungen von Bhanu entspricht, da ich keinerlei Kriterien, oder Anforderungen gestellt bekommen habe. Skrollan hingegen, wurden gleich mehrere Links geschickt, mit bestimmt mehr als 50 Seiten Inhalt. Darf ich das jetzt als Ehre verstehen, dass man mir zutraut alles alleine zu schaffen, oder wurde mir gerade insgeheim gesagt, dass ich nicht das Zeug dazu habe, wichtige Infos aus einem Text herauszuschreiben? Momentan tendiere ich ja zum Szenario Nummero 2.

Nun ja, wenn das so ist: Dann werde ich nächster Zeit einfach mal zeigen, was möglicherweise alles in mir steckt, um beim nächsten Report nicht noch einmal unterschätzt zu werden. Darauf freue ich mich schon und bin gespannt auf unsere nächsten Arbeiten. Alles ganz zum Wohle der Community

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Ganesha-Festival-Wahnsinn

So unglaublich es auch klingen mag; bereits jetzt, nach zwei Wochen, nagt der indische Wahnsinn an Merlin und mir. So sind wir beispielsweise im strömenden Regen rauf auf unser Dach und haben Sport gemacht, obwohl die Welt um uns im Wasser unterging. Danach haben uns unsere Gäste aus den Ureinwohnerdörfern angeschaut, als seien wir total verrückt geworden. Vielleicht sind wir das tatsächlich, schließlich kommen normale Leute kurz nach dem Aufstehen nicht auf die Idee heute mal schnell den größten See Hyderabads zu Fuß zu umrunden. Das haben wir nämlich heute getan und haben so einiges erlebt.

Es ist Sonntagmorgen, halb zehn und so langsam werden wir wach. Heute steht bei uns nichts an, Skrollan übernachtet bei Freunden, die wir gestern noch besucht haben und wir haben das Zimmer für uns alleine. Plötzlich, einer inneren Eingebung folgend, kommt uns die Idee heute zum See zu fahren und nein, nicht zum Schwimmen, sondern zum Umrunden. Schaut man sich auf Google Maps Hyderabad an, so sticht ein riesiger blauer Fleck in der Mitte der Metropole sofort ins Auge. Der Hussain Sagar.

Bereits mehrmals sind wir an ihm vorbeigefahren und jedes Mal konnten wir am anderen Ende des Sees in weiter Ferne Hochhäuser sehen, die sich majestätisch in die Höhe streckten, was besonders gegen Abend ein sehr schönes Bild war.

In der Mitte des Sees steht eine riesige Figur. Sie soll Buddha darstellen und ist wohl eine der weltgrößten Monolithen des Gautama Buddhas. Für uns hat sie Ähnlichkeiten mit der Freiheitsstatue. Genau diesen See, wollen wir heute zu Fuß umrunden. Also steigen wir gegen Mittag in ein Uber-Fahrzeug und müssen feststellen, dass dem Verkehr heute etwas an Geschwindigkeit fehlt. Pandu, so nennt sich unser Fahrer, tut zwar alles, um möglichst schnell zum gewünschten Punkt zu kommen, aber diesen Weg, wollen heute die meisten einschlagen. Die Festlichkeiten rund um Ganesha sind immer noch voll im Gange und der Hussein Sagar ist ein sehr beliebtes Ziel seine kleinen Gottesfiguren hineinzuschmeißen.

So tuckern wir langsam durch den Verkehr, weichen gelassenen Kühen aus, die auf Indiens Straßen als einziges Lebewesen niemanden aus dem Weg gehen müssen, alle anderen haben ihnen auszuweichen und sehen Rikshas mit Anhängern, die bis zum Bersten vollgeladen sind mit Wasser,- und Gasflaschen. Sie kommen kaum vorwärts schleifen mit dem Heck etwas auf dem Boden, aber das macht überhaupt nichts. Wir haben das Privileg das erste Mal berittene Pferde im Innenstadt-Verkehr begrüßen zu dürfen. Besonders wohl scheinen sie sich nicht zu fühlen, aber da müssen sie eben durch. Das Leben ist hart. Dann endlich sehen wir den riesigen See und mir wird etwas mulmig zu mute. Können wir das wirklich schaffen, den zu umrunden? Ich bin skeptisch.

Wir werden dort hinausgelassen, wo der meiste Verkehr ist und uns offenbart sich ein hupendes Inferno. Autos mit offenen Kofferräumen, um noch mehr Menschen zu transportieren, sausen an uns vorüber, Tuck-Tucks befördern ganze Großfamilien durch die Gegend, dabei oft mit im Gepäck; eine riesige Ganesha-Figur. Viele halten direkt am Straßenrand, Massen an Leuten steigen aus und manchen sich bereit für den Ritus, den wir zwei Tage zuvor abgehalten haben.

Mehre Ganeshas werden den Fluten übergeben, manche steigen selbst sogar ins kühle Nass und lassen die Figuren vorsichtig aus ihren Armen untergehen. Ein weiterer Blick nach unten reicht jedoch aus, um festzustellen, dass mit den Ganeshas ganz viel Müll am Rand des Sees schwimmt. Grundsätzlich ist das Ufer voll mit Abfall, zwei Jungs schwimmen praktisch durch den Mist. Wir beiden Europäer sind fassungslos, über die Unmengen an weggeschmissenen Zeugs und uns wird klar, dass die Inder ein gewaltiges Problem haben, was ihren Müll angeht. Jetzt versuchen ihnen einen anderen Lebensstil aufzuzeigen, würde nichts bringen, glauben wir, da sie bereits zu tief ins Schlammassel geraten sind. Es steht fest, irgendwann, werden die Inder nicht nur jetzt in ihrem Müll schwimmen können…

 

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Mit dem Austritt aus dem Taxi, verwandeln wir uns. Aus zwei unscheinbaren Jungs, werden plötzlich die großen Stars der Straße. Der Selfie-Marathon beginnt, es werden Hände geschüttelt und Smalltalk abgehalten. Alle zwanzig Meter werden wir von begeisterten Indern in Feierlaune angehalten und es wird gesagt wie toll wir sind. Ich darf sogar von den Indern Fotos machen, aber anschauen wollen sie die nicht. Wahrscheinlich so eine Art Geschenk, das sie mir machen.

„So müssen sich also wirkliche Stars fühlen“, denke ich und finde es bisher noch ganz lustig mich mit mehreren Indern auf´s Foto zu kuscheln.

Wir verlassen die Hauptstraße und das Umfeld ändert sich abrupt. Jetzt kommen Straßenhunde uns entgegen und Kühe liegen schmatzend am Straßenrand. Gerade, als wir glauben eine angenehmere Passage unseres Weges zu absolvieren, kommen sie. In Scharen.

Begeisterte Jungsgruppen! Waren einzelne Inder nicht genug? Nein, jetzt klammern sich alle zwanzig Meter mindestens neun pubertierende Jungs um uns, haben ziemlich abgedrehte Frisuren und alle wollen uns die Hand schütteln. Da kommt man schnell ins Schwitzen. Nebenbei laufen wir an einem wunderschönen Park vorbei und beschließen unbedingt mal ein Tagesausflug nur dorthin zu machen, da dieser hübsch, dekorierte Ort nach einer „selfiefreien Zone“ aussieht. Bald können wir fast am Wasser langlaufen, grüne Alleen voller alter Bäume zieren unseren Weg, kleine Spielwiesen laden zum Erholen ein, doch wir ziehen lieber weiter, sehen wir doch schon die nächste Jungsgruppe, die es auf uns abgesehen hat.

Mittlerweile haben sie Kameras in den Händen, posen wie wild und haben noch verrücktere Frisuren, als die davor. Nach zwei Stunden des Anstarrens, wird es doch etwas unangenehm. Schließlich haben wir nichts Besonderes getan. Wir laufen einfach nur durch die Gegend und unser einziges Makel ist, dass wir weiß sind. Wir sind nicht besser als sie und trotzdem, obwohl wir Fremde sind, werden wir gefeiert. „Das ist nicht fair“, denken wir.

In Deutschland haben viele für Leute mit anderer Hautfarbe nicht einmal ein Lächeln übrig.

 

Wir entscheiden uns für eine Pause, schließlich haben wir die Hälfte des Sees bereits umrundet und bekommen so langsam einen kleinen Nachmittagshunger. Drum wählen wir ein sehr leckeres, indisches Gericht….

Pizza…😀

Ja, das mag nicht besonders stilvoll gewesen sein, das gebe ich zu, aber lecker war es auf alle Fälle.

Wir ziehen weiter und kommen wohl an die härteste Station des heutigen Tages. Der Verkehr beginnt wieder! Doch an dieser Ecke, haben Bettler und andere Verkäufer eine ganz besonders florierende Ware, passend zum Ganesha-Festival, gefunden. Tröten!  Und alle nehmen sie an!

Überall trötet es, manche dieser fiesen Dinger klingen, als ob gerade ein riesiges Tier am Sterben wäre, oder ein bockiges Kind einen ganz gewaltigen Wutanfall hätte.Überall von allen Seiten, auf Motorrädern, aus Autos und Rikshas tröten die Menschen.

Es hupt, es schreit, es trötet, es trommelt, es ist heiß, Fotos werden lautstark verlangt und der Verkehr zieht sich endlos lang hin und vermischt sich mit der Fußgängerzone. Müll liegt auf dem Weg, Männer pissen auf den Weg, kleine Kinder ausgeöffneten Kofferräumen schreien enthusiastisch die Menschen an und wieder andere tröten mit voller Absicht in unser Ohr hinein. Ganeshas werden ins Wasser geschmissen, Leute drehen sich drei Mal im Uhrzeigersinn im Kreis und manchen mit den Armen verkreuzt drei Kniebeugen. Wo sind wir hier gelandet!?!? Wir sind in einem überbrodelnden Hexenkessel!

 

Ich weiß nicht mehr, was ich denken soll, von überall her stürzen Dinge auf mich ein, ich schwitze wie sau und will eigentlich nur noch eins:  Weg hier!

Doch einige hundert Meter haben wir noch vor uns, bevor wir die Seeumrundung geschafft haben und tatsächlich wird es jetzt tatsächlich lästig Hände zu schütteln. Wir wollen jetzt eher das Gegenteil. Sie abschütteln!

Dann haben wir es geschafft. Nach insgesamt fünf Stunden und 12 Kilometern haben wir den See umrundet, bestellen uns ein Uber-Fahrzeug und sind mehr als glücklich, als uns Hanumanth, ein Fahrer mit schicken Schnauzer, rettet. Wir atmen erleichtert auf! Gerade so sind wir dem trötenden Terror des Ganesha-Festival-Hexenkessels entronnen, wir sind schweißnass und hören nur noch ganz schlecht.

Am Ende war der Einstieg ins Auto ein perfektes Timing, da es wenige Minuten später, wir sitzen sicher im Auto, anfängt wie aus Kübeln zu schütten. Beinahe monsun-ähnliche Zustände werden uns da präsentiert.

Creators Comment from the future:

Tatsächlich waren dies wahre Monsun-Zustände. Dies sollte der Beginn einer sehr verregneten Zeit in Hyderabad werden, wo es unter Umständen möglich war, dass es drei Tage durchregnete.

Die Straßen werden überflutet, klatschnasse Burka-Trägerinnen rennen panisch, nach einem Dach über den Kopf suchend, durch die Gegend und Motorradfahrern wird klar, dass der Familienausflug mit sechs Personen auf einem Motorrad heute definitiv ins Wasser fällt. So schwimmen wir nach Hause und fallen völlig erschöpft auf unsere dünnen Matratzen. Anstrengend wars, ja, aber trotzdem ziemlich aufregend!

Creators Comment from the future:

Tatsächlich bestanden unsere Betten nur aus einfachen, dünnen Matratzen auf dem kalten Fliesenboden. Anfangs legte ich noch meine Iso-Matte darüber, doch schnell passte sich mein Rücken an eben jene spärlichen Gelegenheiten an und bald darauf begann ich meine Matratze genauso zu lieben, wie ein richtiges Bett. Aufgrund der immer beständigen Hitze benutzen wir keine richtigen Bettdecken, sondern lediglich dünne, breite Stofftücher, in die wir uns einhüllen konnten. Die Inder setzten hierbei auf eine ganz besondere Technik des Einhüllens und ließen den Stoff nicht einfach über sich fallen, sondern mumifizierten sich praktisch, sodass sowohl Kopf als auch Fuß komplett von der Luft abgeschnitten war. Einer einbalsamierten Mumie gleich schliefen sie in einem gar starren Zustand, vermutlich, um so von möglichst keinem Moskito gestochen zu werden. Meine Versuche es genauso zu machen scheiterten schon an dem Punkt, wo ich den Stoff über meinem Kopf  zog und ich verzweifelt nach Luft rang.

Doch als Skrollan nach Hause kommt, wir ihr von unseren Tag erzählen und sie mutig beschließt übermorgen auch zum See zu gehen, können wir uns nicht dazu durchringen ihr zuzustimmen mitzukommen. Das wäre nun wirklich etwas viel verlangt. Ganeshas Geburtstag geht noch bis zum 05. September und da soll eine riesige Figur im Wasser versenkt werden. Mal schauen, ob wir bis dahin wieder fit sind. So verrückt und wahnsinnig wie wir sind, kann es beim nächsten Mal wahrscheinlich einfach nur schräg werden…

Hier mal ein kurzes Video zu eines ganz kleinen eher leiseren Hexenkesselmoments:

 

 

Ganesha hat Geburtstag

Die Inder haben Zeit. Gaaaanz viel Zeit. Das durften wir auch in den letzten Tagen am eigenen Leib erfahren. Alles fing damit an, als ungefähr sieben Adivasi aus dem Ureinwohnerdorf Dallapalli in unserem Office eine Bleibe fanden und sich häuslich niederließen, um über die neusten Kenntnisse der NGO informiert zu werden. Das hieß konkret, dass Meetings in deren Sprache, Telugu, abgehalten wurden. Da konnten wir natürlich wenig zu beitragen, sodass wir meist oben in unserem Zimmer saßen und dem Ventilator an der Decke beim Luftzuwedeln beobachteten. Wahnsinnig spannend war das nicht gerade. Auch der theoretische Plan unserem Balkon ein Dach zu bauen, wurde auf den nächsten Tag verschoben. Und am nächsten Tag auf den Übernächsten …

Die Adivasis hingegen sind wahnsinnig nett, finden meine mitgebrachte Ukulele total toll und haben sehr abgedrehte Namen. Mehrfach sagen sie sie uns auf, aber diese sind so lang und so kompliziert, dass wir uns keinen nur ansatzweise merken können. Das beruht aber auf Gegenseitigkeit, zumindest bei Skrollan. Leo ist nach wie vor einer der einfachsten Namen überhaupt und auch im weit entfernten Indien können es viele nicht lassen mich als Leo den Löwen zu betiteln,  kennen viele das Sternzeichen.

Unsere kleine, lustige Haushälterin, Raji, die uns jeden Tag von morgens bis abends bekocht, hat alle Hände voll zu tun, um mehr als zehn Mäuler zu stopfen, aber durch ihren schier endlosen Optimismus scheint unsere Grinsebacke, die wahrscheinlich kaum älter ist als wir, alles hinzubekommen. Jedes Mal riecht es nach einem leckeren Festmahl, wenn man die kleine Küche betritt und jedes Mal ist es am Ende doch nur das Lieblingsgericht der Inder. Reis. Reis, Reis, Reis, nur etwas anders zubereitet. Der gute Geruch entstand meist am Anfang des Kochprozesses. Dort wurden Kreuzkümmel, Senfkörner, Garam Masala und Zwiebeln geröstet. Danach kam meist Wasser und allerlei Gemüse, wie Okraschoten, Tomaten und Kochgurken in den Topf und minderten den Gewürzduft.

Bisher sehne ich mich jedoch nicht nach Abwechslung, da die indische Küche, mit ihrer unendlichen Vielfalt, wunderbar mundet. Klar ist der Wunsch groß auch mal was Festes zu essen, da hier alles, selbst das Gemüse, zerkocht zu sein scheint.

Die traditionell indische Küche wird spätestens dann noch würziger und leckerer stehen große Veranstaltungen an. Und das nächste, große Fest lässt auch nicht lange auf sich warten. Ganesha, der dicke, fette Elefantengott der Hindus hat in wenigen Tagen sein Wiegenfest. Drum wird bereits im Vorhinein viel dafür vorbereitet, uns Dreien wird angeboten ein Götzenbild aus frischer roter Erde zu bauen, doch da mein Kunstverständnis den Kunstgrundkurs 10. Klasse nicht übersteigt und die beiden anderen auch nicht gerade begeistert aussehen, dürfen die Profis aus den Bergdörfern an die Arbeit. Und siehe da: Innerhalb von Stunden verwandeln sich mehrere Klumpen Erde in ein originalgetreues Abbild Ganeshas, auf das er sicherlich stolz gewesen wäre. Selbst klitzekleine Verzierungen sind in das Kunstwerk integriert und sein Rüssel ist liebevoll zurechtgelegt. Wir fünf Freiwilligen staunen nicht schlecht über dies Meisterwerk, müssen aber geschockt ausatmen, als wir erfahren, dass diese Statur im Laufe der Feierlichkeiten im größten See Hyderabads, dem Hussain Sagar, versenkt werden wird. Zusammen mit Tausenden, wenn nicht sogar Millionen anderen kleinen Ganeshas. Die ganze Arbeit also für umsonst. Wir erfahren außerdem, dass der Geburtstag des Dickhäuter-Gottes elf Tage lang dauert und in diesen 11 Tagen Ausnahmezustand in der Stadt herrscht. Dieser Gott hat das Feiern wohl echt für sich erklärt.


Kurz darauf heißt es Abschiednehmen von Mira und Ann-Kristin und so langsam begreifen wir, dass es ab jetzt ernst für uns wird und wir ein gewaltiges Erbe überreicht bekommen, so viel haben sie und die anderen zwei, die bereits vor einigen Wochen zurückgeflogen sind, erreicht und geleistet. Uns wird klar, dass wir ihnen alles zu verdanken haben, so waren sie es, die uns für Dhaatri ausgewählt haben. Ohne sie wäre ich also nicht hier und würden nicht all diese Abenteuer erleben. Die ganze Dhaatri-Administration verabschiedet sich rührend von den beiden, die aussehen, wie drei Tage Regenwetter. Sie steigen in ein Taxi und fahren davon, Richtung Flughafen. Zeit sich ein letztes Mal bei ihnen bedanken, da sie uns wahnsinnig gut auf unser Projekt, Hyderabad und auch dessen Genüsslichkeiten vorbereitet haben. Vielen lieben Dank Euch beiden, falls Ihr das hier lest.

Am nächsten Tag ist es dann so weit! Ganesha hat Geburtstag! Wir alle werden in die Wohnung unserer Chefin Bhanu eingeladen, wo bereits ein festlich geschmückter Schrein für unsere korpulente Ganesha-Figur errichtet wurde. Wir, die Bewohner aus Dallapalli, sowie die hier ansässigen Dhaatri-Mitarbeiter, scharen sich im Schneidersitz darum, jeder bekommt Reis in die Hand gedrückt und einer der Ureinwohner namens Sattibabu, trägt rituelle Verse aus einem Buch vor. Nebenbei bekommen wir einen roten Punkt auf die Stirn gedrückt. Nach einer gefühlten Ewigkeit ist er immer noch nicht am Ende, fertigt Seite für Seite in einem spirituellen Singsang ab und wirkt total inspiriert. Desweilen schlafen mir meine Füße ein und so langsam bekomme ich Hunger, habe ich leider noch kein Frühstück gegessen. Mein Magen rumort leise im Rhythmus des Singsangs und der Reis krümelt mir langsam aber sicher aus der Hand. Ein leichter Schweißfilm bildet sich auf meiner Stirn, ich rutsche unruhig hin und her, warte auf ein Zeichen und; Obacht! Der Adivasi deutet ein Zeichen zum Werfen an und alle schmeißen ihren Reis Richtung Ganesha! Ungeduldig achte ich nicht auf einen gezielten Wurf und schmeiße einfach den Reis fort und treffe leider nur den Hinterkopf von Bhanu, meiner Chefin. Doch zum Glück bin ich nicht der Einzige, der sich ein wenig verschätzt hat, sodass Bhanu sich im Nachhinein ein ganzes Reisgericht aus den Haaren fummeln muss.

Nun werden uns weiße Blumen in die Hand gedrückt, die wir hinter unsere Ohren stecken müssen. Einige Frauen kichern voller Schadenfreude über uns, da wir den Ritus irgendwie falsch zu machen scheinen. Die Blumen müssen wir schließlich auch dem Ganesha zuwerfen und danach, werden Geschichten über die Schlachten und Kämpfe des Gottes vorgetragen.

Eine Geschichte handelt davon, dass er ganz viele Süßigkeiten isst und sein Bauch somit dicker ist als sonst. Daraufhin lacht ihn der Mond höchstpersönlich aus und spottet über seinen fetten Bauch. Das findet Ganesha natürlich nicht lustig und verflucht den Mond, sodass jeder, der fortan diesen zu Gesicht bekommt, auf ewig ein schlechtes Leben hat. Einige andere Götter meinen es jedoch gut mit dem Mond und mindern seine Strafe. So dürfen die Menschen ihn nur an Ganeshas Geburtstag nicht ansehen, es sei denn, sie wollen einen Fluch riskieren.

Dieser kann jedoch ebenfalls gebrochen werden, wenn man ein ganz spezielles Ritual vollführt. Man fächelt sich drei Mal den Rauch einer Flamme entgegen, dreht sich drei Mal im Uhrzeigersinn, macht dann, mit den Armen verkreuzt, drei Kniebeugen und legt sich zum Schluss ausgestreckt auf den Boden und betet Ganeshas Götzenbild an. Wir vollführen diesen Ritus so ehrenvoll wie wir und am Ende wird uns gesagt, dass wir jetzt ein sehr erfolgreiches Freiwilligenjahr haben werden. Danke Dir, oh hoher Ganesha! Echt nett von Dir!

Wir haben nun also unser erstes Ritual abgeschlossen und dazu gratulieren uns nun alle. Wir kommen uns ein wenig seltsam vor, aber vielleicht gehört das zum Ritus dazu.

Wenige Tage später werden uns die Ausmaße des Festivals bewusst, als wir uns entschließen eine große Wandertour um den Hussain Sagar zu machen, doch dazu mehr in einem späteren Eintrag mehr.

Bis dahin: Passt gut auf, dass ihr nicht zu viel Süßes esst. Sonst lacht euch der Mond aus und das will ja keiner.

 

 

 

Streetdogs

Hunde haben alle guten Eigenschaften des Menschen, ohne gleichzeitig seine Fehler zu besitzen. – Friedrich der Große

 

Oft habe ich im Nebensatz über sie geredet, aber nie zum wirklichen Thema gemacht, obwohl mir dieses Thema sehr am Herzen liegt.  Nun scheint es mir an der Zeit, über sie zu schreiben, gerade weil dieses Thema auch durch die deutschen Medien gegangen ist. Dieser Eintrag soll den Straßenhunden Indien gewidmet sein, den wahren Überlebenskünstlern auf den indischen Straßen.

Den ganzen Tag über rekeln sie sich auf den Wegen, liegen unter geparkten Autos, oder wahlweise auch am Straßenrand, mittendrin im menschlichen Wahnsinn. Sie scheinen die Ruhe in Person zu sein, so ist es vielen egal, wenn man über sie hinwegsteigt, oder dreißig Zentimeter neben ihnen ein Motorrad vorbeirast. Sie sind die unsichtbaren Kreaturen auf den Straßen, so kommt es mir vor, die von den Indern schlichtweg nicht beachtet werden. Bekommen sie jedoch Aufmerksamkeit, dann meist durch einen bösen Fluch, gefolgt von wegscheuchenden Gesten, oder Tritten. So ist es für die Hunde besser während des Tages unsichtbar zu bleiben. Die Nacht ist ihre Zeit! Dann ist kein Mensch mehr auf den Straßen und die Stadt gehört ihnen. Wenn wir bereits im Bett liegen, hören wir, wie draußen ein erbitterter Kampf tobt. Ein Kampf um Nahrung und Revier, wo alle Hunde aus unserem Viertel mitzukämpfen scheinen, so laut und vielseitig das Gebell und das Jaulen der Vierbeiner zu uns herüberschallt.

In unserer Straße, wohnt eine ganze Familie, die tatsächlich zusammenlebt. Der Vater ist, ein alter, braun-grauer Mischlingshund, der sich wahnsinnig gern von uns streicheln lässt. Er ist ruhig, wirkt erfahren und scheint als einziges Familienmitglied den Menschen zu trauen. Alle anderen ziehen sich ängstlich zurück, sobald wir in ihre Nähe kommen. Beispielsweise seine Gemahlin, eine hellbraune Mischlingshündin, die sich meistens als erstes aus den Staub macht und am liebsten all ihre fünf Kinder verteidigen möchte. Ihren „Mann“, wenn man davon sprechen kann, liebt sie abgöttisch und ist stets dabei ihm liebevoll durch das Gesicht zu lecken. Ihre Kinder, drei davon, ähneln von der Fellfarbe her, dem Vater, haben aber die Schreckhaftigkeit ihrer Mutter. Eines der beiden Jüngsten, sieht genauso aus, wie seine Erzeugerin, ist aber sehr neugierig und will am liebsten den ganzen Tag spielen. Das andere Kind hat keinerlei Ähnlichkeiten mit ihren Eltern und ist eher wachsam und vorsichtig.

Zu siebt schlafen sie meist in unserer Straße unter einem riesigen Truck. Dieser Truck und diese Straße sind ihr Revier, das sie des Nachts vor Eindringlingen verteidigen, wie beispielsweise einen schwarzen panter-ähnlichen Labrador, oder einen brauen tiefgelegten Rottweiler, die sie tagsüber lediglich wachsam beobachten, dringen diese für kurze Zeit in ihr Gebiet ein. Doch nachts ist der Frieden vorbei und die Fremdlinge werden, so gut es geht, verjagt. Wir drei haben diese Hundefamilie mit der Zeit liebgewonnen und so seltsam es auch klingen mag, auch wir beäugen andere Hunde, die in unsere Straße kommen, mit finsteren Blicken. Sie gefährden den Familienfrieden und sollen lieber Reißaus nehmen, ehe unsere Hunde sie fertigmachen.

Seit Neustem traut sich die kleine Rasselbande deutlich näher an mich heran. Der Vater ist ja sowieso immer zur Stelle und wenn er da ist, ist die Mutti auch nicht weit. So wedelt sie frohgemut mit dem Schwanz, wenn ich komme, aber wahrscheinlich nur, um mal wieder um den sonst immer dösenden Papa herumzuspringen, der sich stets aufrafft, wenn ich komme.

Das Jüngste traut sich ziemlich nah an mich heran, es hat wahrscheinlich noch keine schlimmen Erfahrungen mit Menschen gemacht, lässt sich aber auch noch nicht von mir berühren.  Aber spielen, das habe ich mittlerweile begriffen, tut es für sein Leben gern und da es ja genug Spielutensilien auf der Straße gibt, dem achtlos weggeworfenen Müll sei Dank, zerren wir gegenseitig an Seilen, oder beispielsweise an einer weggeworfenen Sonnenbrille. Das macht dem Kleinen Spaß!

Leider können wir unsere Familie nicht davon abbringen zu fressen, müssen sie das ja eben mal. Das ist bekannt. Für uns, oder vielleicht auch nur für mich, ist es jedoch echt nicht schön mitanzusehen, wie die Hunde aus unserer stinkenden Kloake, namens „Fluss“ trinken, oder gar ins Wasser geschütteten Müll fressen. An schlechten Tagen, zieht der Gestank bis zu uns ins Zimmer und wohlgemerkt, ist das nicht nur bei unserem Fluss so, sondern bei allen anderen Gewässern in Hyderabad. Wasser kann man das schon nicht mehr nennen, vielmehr ist es eine merkwürdige braun-graue Brühe, wo man gar nicht wissen will, was sich dort, tief unten entwickelt. Eine Meldung, die auch in Deutschland die Runde machte, spricht genau dieses Thema an. In Mumbai hat man blaue Hunde entdeckt. Diese wohnen am Fluss Kassadi, wo täglich Färbemittel aus einem Industriegebiet hineingeleitet werden. Auf Dauer ziehen die schädlichen Chemikalien in die Hundekörper ein, die im Wasser nach Futter suchen und färben ihr Fell blau und schädigen die Gesundheit der Tiere immens. Und das ist eigentlich das Ende eines jeden Hundes, der auf der Straße lebt.

http://mobil.stern.de/panorama/weltgeschehen/warum-in-indien-neuerdings-blaue-hunde-leben-7582692.html

Vor einigen Tagen haben wir vormittags einen stark hinkenden Vierbeiner gesehen, vielleicht hat er sich sein Vorderbein verstaucht, oder gebrochen und wir dachten uns schon, dass der es nicht mehr lange machen würde. Am Nachmittag schlenderte ich durch unsere Hauptstraße und sah eine Hundeleiche, aus ihrem Mund tropfte Blut und allerlei Fliegen schwirrten um den noch nicht lange Verstorbenen herum. Er sah genauso aus, wie der, den wir am Vormittag noch hinken haben sehen. Vielleicht hat er es mit drei Beinen nicht rechtzeitig über die Straße geschafft, oder einige Widersacher haben nun die Chance gesehen, sich ihres Konkurrenten zu entledigen. Auf jeden Fall lag er nun regungslos da und wer hätte es anders erwartet…die Menschen liefen einfach daran vorbei und würdigten dem toten Körper keines Blickes, zu alltäglich schien es zu sein, dass minderwertige Kreaturen wie Straßenhunde krepierten. Ich ging weiter und als ich nach zehn Minuten wieder zu dieser Stelle kam, war der Leichnam verschwunden. Ich konnte mir denken, wo er jetzt war: In eine der Kanalisationsrinnen geworfen, die direkt in den Fluss mündete. Dort wo indische Männer zu jeder Zeit hineinpinkeln und alle ihren „Abfall“ entsorgen.

Es wäre gelogen, wenn ich behaupten würde, ich wäre nicht wütend darüber. Ich bin wütend auf diese Ignoranz einiger Menschen. Und hinzu kommt das Paradoxon, dass manche Personen tatsächlich Hunde als Haustiere haben, aber Straßenhunde total widerlich finden.  Erst gestern habe ich mich mit jemanden unterhalten, der mit Stolz verkündete einen deutschen Schäferhund im Haus zu haben, der ihm sehr ans Herz gewachsen sei, aber im selben Atemzug verteufelte er die Straßenhunde, die ich davor mit einigen Kauknochen-Sticks gefüttert hatte. Das fand ich ziemlich absurd und irgendwie falsch. Heute hat jemand einen Stein auf einen unserer Hunde geworfen. Zum Glück hat er nicht getroffen, aber kein Wunder, dass unser Clan Angst vor Menschen hat, wenn manche Leute auf die Würde von Lebewesen überhaupt keinen Wert legen. Zurecht waren Merlin und ich danach sehr aufgebracht, wie man nur so etwas Tieren antun kann, aber letztendlich sind wir die Fremden in diesem Kulturkreis und dürfen niemanden unseren Glauben und unsere Lebensweise aufzwingen. Das würde ich auch gar nicht wollen, schließlich bin ich auch hergekommen, um mich auf eine neue Kultur einzulassen und sie wertschätzen zu lernen.

Es ist einfach nur seltsam Hunde zu sehen, die Tag für Tag um ihr Leben kämpfen müssen und es meine Artgenossen ihnen den Kampf noch erschweren…Und unter anderem weiß ich nicht, wie wir uns jetzt verhalten sollen. Ich bin drauf und dran, unserer Familie kleine Snacks zu geben, um ihr Vertrauen in mich aufzubauen. Sie trauen sich immer näher an mich heran und doch scheint mir das eher kontraproduktiv zu sein, wo ich einer der Wenigen bin, die es gut mit ihnen meinen…

Straßenhunde, die wahren Überlebenskünstler Hyderabads. Unsichtbar und ignoriert…

 

Wenn man einen hungrigen Straßenhund aufpäppelt, wird er einem nicht beißen, Darin liegt der größte Unterschied zwischen Mensch und Hund. – Mark Twain

 

 

 

 

Von indischen Wackeldackeln und dicken Wonneproppen

Verrückt, absurd, Hyderabad. Nun sind wir seit genau einer Woche in Indien und ich habe mich bereits verliebt! Hyderabad, ich rede wirklich nur von dieser Stadt, da es woanders wieder komplett verschieden sein kann, ist so eigenartig und lustig mit seinen Menschen, dass jeder Besuch in der Stadt ein neues aufregendes Abenteuer ist. Und von einigen dieser Eigenarten, die diese Metropole zu einem riesigen „Abenteuerschauplatz“ machen, soll dieser Eintrag hier handeln..

Doch bevor wir mit eben jenen kleinen Geschichten starten; hier mal ein kleiner Abriss über unsere Stadt. Hyderabad.

Mit knappt 7 Millionen Bewohnern ist Hyderabad die viertgrößte Stadt Indiens. In der Vergangenheit war die Stadt in überwiegend muslimischer Hand, währenddessen der Rest Indiens bis zu 88% hinduistisch. Noch heute finden sich etliche muslimische Viertel, die direkt neben den hinduistischen liegen. Sogar die Hauptsehenswürdigkeit des Ortes ist muslimisch angehaucht. Das Charminar ist ein riesiger Torbogen mit vier Türmen und ist eines der bedeutendsten Wahrzeichen des ganzen Landes.

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Wir wohnen in Secunderabad, einer ehemals eigenständigen Stadt, die sich aber mit Hyderabad verband und nun als Außenbezirk fungiert. Hier wohnt die niedrige Bevölkerung ohne besonders viel Geld. Straßenhunde, Müll und Luftverschmutzung sind hier deutlich stärker vertreten, als in anderen Bezirken.

Banjara Hills und Jubilee Hills sind die beiden Viertel, wo die reichen Inder leben. Hier gibt es die meisten Clubs, Bars und Shopping Malls.

So viel zur ganz groben Beschreibung unserer Stadt.


 

Wir warten auf den Bus, der mal wieder auf sich warten lässt. Unterdessen bemerken uns viele Leute, besonders Rikschafahrer, die bei uns das große Geld wittern und sich langsam, wie auf der Pirsch, an uns heranschleichen. Das klappt meist nicht ganz so gut mit dem knatternden Rikscha-Gefährt, weshalb sie ihr Versteckspiel aufgeben und uns ungehemmt fragen, ob wir denn ein Taxi benötigen.

Anfangs noch habe ich den Kopf geschüttelt, doch das schien bei den Leuten eine ganz andere Reaktion auszulösen, als ich wollte. So rückten sie mit ihrem Vehikel noch näher an mich heran, statt von mir abzulassen. Erst als ich „No!“ sagte, schienen sie zu verstehen, machten Kehrt und trollten sich davon.

Die Inder haben nämlich die Gesten des Kopfschüttelns und des Nickens ineinander transformiert, ein merkwürdiges Kopfwackeln daraus gemacht und diesem nur eine vage Bedeutung zugemessen. So kann diese Wackeldackel-Geste als „ja“, „vielleicht“, „in Ordnung“, „möglich“, oder „weiß ich nicht“ bedeuten, aber keinesfalls „nein“, denn die Leute vermeiden gerne klare Positionen.

So wackeln sie eigentlich ständig mit dem Kopf. Will man wirklich mal nein sagen, zeigt man das mit der Hand vor dem Körper, oder vom Körper weg und schüttelt sie weniger begeistert. Das verstehen die meisten Leute, im Gegensatz zu einem Kopfschütteln, welches sie als ein Ja deuten. Die Inder haben sich dieses Wackeln so sehr angewöhnt, dass sie es eigentlich ständig machen, ohne sich überhaupt zu unterhalten.

Deswegen könnte so manch einem Europäer die Idee kommen, dass den Indern wohl öfters schwindelig ist, oder sie gern etwas Stärkeres rauchen, weshalb diese Eigenart, obwohl sie so alltäglich ist, für mich definitiv zu den verrücktesten indischen Bräuchen zählt.

Sie sollte uns auch bald so in Fleisch und Blut übergehen, dass es zum regelrechten Tick wurde. Selbst, als ich wieder in Deutschland war, wackelte ich, war ich mir über eine Sache unklar mit dem Kopf. Und da jeder eigentlich immer ja zu sagen scheint, sind die meisten dadurch sehr zuvorkommend, lieb und hilfsbereit.

Auch die düsteren Blicke, die ich in einem der letzten Einträge erwähnt habe, sind mit der Zeit verschwunden, da man selbst viel offener damit umgeht angestarrt zu werden. Schaut man fröhlich, bekommt man gut und gerne auch ein liebes Lächeln zurück. Mit einer Ausnahme. Obdachlose Bettler sind meist nicht so happy, wenn sie mit einem Lächeln abspeist. Besonders die Alten, die mittlerweile auf den Hypetrain aus Europa aufgestiegen sind und den Leuten von den oberen Kasten Fidget Spinner, im wahrsten Sinne des Wortes, andrehen wollen. So wirkt es schon ein wenig verrückt, gar abstrus, wenn ein altes Großmütterchen mit einem kreiselnden Spinner durch die Straßen rennt.

Mit den Bettlern scheinen wir in letzter Zeit sowieso etwas auf dem Kriegsfuß zu sein. Besonders eine scheint uns wirklich zu hassen. Wie das passiert ist? Nun ja: Wir wollen den Bus nach Hause nehmen und gehen geradewegs auf die nächste Bushaltestelle zu. Auf dem Weg dorthin, nimmt eine ärmliche Frau mit einem Kind auf dem Arm unsere Fährte auf, riechen wir doch nach Geld und europäisch reichen Lebensstil. Mit offener Hand bettelt sie uns penetrant an. Wir ignorieren diese unfreundliche Dame, die daraufhin mit ihrem Kind versucht unsere Herzen zu erweichen. Sie befreit es aus ihrem Brustbeutel, es mag wohl gerade so zwei Jahre alt zu sein und lässt es auf den Boden gleiten. Es fällt hin, da es nicht laufen kann. Die Frau stellt es wieder hin, es fällt um, wird wieder, wie eine Puppe, auf die Beine gestellt und klappt erneut zusammen. Was die gute Dame uns damit sagen will, ist uns komplett schleierhaft. Vielleicht soll das in uns Mitleid erwecken, oder dazu beitragen, dass wir echte Selbstzweifel hegen, dem armem Kind doch etwas zu geben. Vielleicht hätte das funktioniert, wäre das Kind unterernährt, oder würde gar vom Hungertod bedroht, aber nein, vor uns sitzt ein gut genährter Wonneproppen mit einem freundlichen Lächeln auf seinen Pausbäckchen. Das zieht bei uns nicht, so böse es auch klingt. Das merkt dann auch die unfreundliche Bettlerin, hebt ihren gackernden Dreikäsehoch auf und trollt sich auf die andere Straßenseite. Als sie sich vergewissert, dass wir ihr hinterher schauen, schnippt sie mit bösen Blick ihren Daumennagel gegen ihre Zähne und zieht bettelnd weiter. Diese Geste bedeutet, laut meines Fettnäpfchen-Reiseführers, so etwas wie „Fick dich ins Knie!“ Wie lieb!

Doch, wie gesagt, sonst sind alle sehr nett und wenn sie englisch können auch sehr hilfsbereit, wenn wir mal in der Klemme stecken. Wären da nicht, diese ständigen Blicke.

 

Creators Comment from the future:

Merlin und auch einige andere konnten nie so entspannt mit ihnen umgehen. Es sollte das ganze Jahr über die Diskussion darüber geben, was man denn am besten täte, um diesen Blicken, die uns von oben bis unten, teilweise sehr penetrant musterten, auszuweichen. Teilweise blieben die Leute einfach stehen und ( tut mir leid für dieses Wort, aber besser kann man es einfach nicht beschreiben) glotzten uns an, als wären wir von einem anderen Stern. Ich versank oft, währenddessen wir durch die Straßen gingen in meiner eigenen Welt und bemerkte jenes indische Observieren kaum, doch jene, wie Merlin, oder später Lion, der erst im Oktober in unser indisches Leben treten würde, waren viel zu fixiert auf das große Ganze und bemerkten nun mal jeden, der seine Augen nicht bei sich halten konnte. Irgendwer verglich unsere Situation mal mit der eines hübschen Mädchens, das an einer Baustelle vorbeiläuft und von unzähligen Bauarbeitern (Achtung, das Beispiel ist extrem klischeebedienend) angepfiffen und mit koketten Blicken gemustert wird.

Was mir übrigens besonders bei älteren Männern in Hyderabad aufgefallen ist, ist die Tatsache, dass sie grau werdende Haare rot, oder wahlweise orange färben. So laufen viele mit gefärbten Strähnen durch die Gegend, was stilistisch gesehen jetzt nicht so der Renner ist. Teilweise erinnern mich diese Verirrungen an die ganz speziellen Frisuren, die die Menschen im Kapitol bei „Tribute von Panem“ tragen. Um die ganze Sache rund zu machen; auch Frauen neigen zum gelblichen Verfärben ihrer Füße was teilweise etwas an Entenfüße erinnert. Sowohl das Eine, als auch das Andere sind religiöse Eigenheiten. Man benutz Kurkuma als gelbe Paste und verschmiert sie auf jeweiligen Körperstellen, wenn gerade ein religiöses Fest stattfindet. Und da in Indien immer irgendetwas gefeiert wird, laufen meist relativ viele Leute mit Entenfüßen, oder gelben Händen durch die Gegend.

Ebenfalls total verrückt, manche mögen es auch als lebensmüde bezeichnen, sind die Aktionen, die Motoradfahrer auf ihrer Fahrt veranstalten. Nicht nur, dass sie gut und gerne auch zu viert auf einem Gerät durch die Gegend sausen, nein, sie sind auch noch so gelassen und lesen Zeitung, spielen am Handy, oder haben möglicherweise einen Fernseher auf dem Schoß. Ob ich in deren Situation so entspannt wäre? Bestimmt nicht.

Unfälle sind bisher eine Rarität, mit Ausnahme eines ziemlich kaputten Autos, das wohl einen mächtigen Zusammenstoß mit jemand anderen erlitten hat und nun von einem Abschleppwagen abtransportiert wird, währenddessen wir in einem Taxi sitzen und die ganze Prozedur beobachten. Das Heck schleift über den Boden, der Lack zerkratzt und eine Felge mit einem zerfetzten Autoreifen reibt auf rauen Steinboden. Der Abschleppwagen scheint bei jeder Bodenwelle extra schnell zu fahren, damit dieses tragisch geendete Auto noch mehr Schaden nimmt. Wer weiß, vielleicht bekommt der Fahrer für jeden Kratzer mehr 10 Rupien, oder es ist ein besonderer Sport, verunfallte Autos schon vor der Müllhalde in ein nicht mehr erkennbares Stück Müll zu verwandeln.

Kopfwackeln, betteln, verfärbte Haare und Füße und lebensgefährliche Entspanntheit, all dies sind einige der Dinge, die mich an den Menschen hier faszinieren und berühren Das Leben am anderen Ende der Welt ist einfach so unbeschreiblich aufregend.

Voller Vorfreude und einer guten Portion Neugier freue ich mich auf die zweite Woche und die vielen die darauf noch folgen mögen. Auf uns! Auf Indien! Auf ein aufregendes Jahr!

 

PS: Hier einmal ein schnelles Tutorial, wie man am am besten mit den Kopf wackelt…

Kino in Indien – Ein Spektakel für die ganze Familie

Heute wollen Skrollan und Ich mit zwei anderen Freiwilligen ins Kino gehen. Wir ordern ein Taxi und währenddessen wir auf unseren Fahrer warten, entdecken uns ein paar junge Inder und sind auf Anhieb begeistert von uns.  Sie wollen Selfies, mit diesen am Wegesrand stehenden Europäern machen und diese bekommen sie auch von uns. Von den Klicken der Handykameras angezogen kommt auch ein hagerer, zerschlissener, alter Mann dazu. Sein englischer Wortschatz begrenzt sich auf eine sehr begrenzte Anzahl an Wörtern, ungefähr noch zehn braune Zähne befinden sich in seinem, sonst rotem Mund, der gerade die nächste Packung Kautabak zerkaut. Er scheint nicht mehr ganz so klar denken zu können. Trotz gewaltiger Verständigungsprobleme glauben wir, dass er uns sehr mag, so oft und gerne er unsere Hände schüttelt und Skrollan über den Kopf streichelt. Wir verstehen, dass es für ihn eine große Ehre ist, dass wir hier in Indien sind und er uns immer beschützen will. Wir sollen ihn nur anrufen und er würde kommen. Dabei fuchtelt er wild mit einem altem Nokia-Telefon herum, macht aber keine Anstalten uns seine Nummer zu verraten. Da hat jemand das System des Anrufens nicht verstanden.

„Call me! Call me, okee. Namaste, namaste.“ Er faltet die Hände und hebt sie über seinen Kopf. Das Zeichen für die größte Ehrerbietung, die ein gläubiger Hindu im Stande ist zu tun. Als ob nicht schon genug Trubel um uns herum wäre, kommen wieder zwei neue Menschen dazu, diese sprechen jedoch hervorragend Englisch und wollen ebenfalls Selfies mit uns machen.

„Where are you from? US?”

„No. Germany!”

„Ahhh!” Es entsteht eine kleine Denkpause. Die beiden kratzen sich nachdenklich am Kopf. „Hitler´s Land! Very nice! Very nice.” sie wackeln inbrünstig mit dem Kopf.

Grundsätzlich scheint es uns vorzukommen, als hätten die Menschen hier ein etwas verzerrtes Bild von Deutschland. Am Vormittag, als wir in einem kleinen Geschäft, wo der alte Kassierer noch alle Preise auf Papier aufschreibt, um sie zusammenzurechnen, einkaufen waren, kam ebenfalls die Frage nach unserer Herkunft. Als wir Deutschland zur Antwort gaben, grübelten die Leute kurz vor sich hin, dann jedoch kam schnell die Frage auf, ob Kim Yong Un unser Präsident wäre. Leider knapp daneben.

Unsere beiden Freunde jedoch wissen nicht nur über Hitler ganz viel, nein, sie kennen auch Anne Frank und Friedrich Nietzsche sehr gut und nebenbei können wir ihnen versichern, dass Deutschland jetzt eine Demokratie ist und alle glücklich zusammenleben.

Doch während unserer Erzählungen funkt immer wieder der Mann mit den wenigen Zähnen dazwischen und tätschelt vergnügt unser Haupt. Wir fragen die beiden Herren, ob sie für uns übersetzen können, was unser Freund vor sich hin brabbelt. Das tun sie auch.

In der Tat ist dieser Mann sehr stolz, dass wir hier sind, er vergleicht uns mit Heiligen und erzählt, dass wenn er nach Hause kommt, ihn seine Frau gewiss schlagen werde, weil er schon wieder getrunken habe. Er bietet uns Geld an, damit wir gut über die Runden kommen. Das brauchen wir nicht, nachdem wir beim Bankautomaten insgesamt bereits 30.000 Rupien abgehoben haben und dieser jetzt für einige Zeit alle zu sein scheint.

Creators comment from the future:

(…) Und wenn ein Geldautomat in Hyderabad alle ist, dann bleibt er das auch für mindestens drei Tage. Es würde, über das ganze Jahr hin, Perioden geben, wo ich verzweifelt von Automat zu Automat rannte, um endlich Geld zu bekommen. Alle waren jedoch hoffnungslos leer. Die Regierung plant schon lange eine Offensive gegen Bargeld, damit man auf bargeldlose Methoden umsteigen kann. Problem dabei ist, dass gerade mal die Hälfte der Inder überhaupt über ein Bankkonto verfügt. So kommt es bei der indischen Zentralbank oftmals zu Gelddruck-Engpässen, die auch mich in diesem Jahr sehr sauer machen würden.

Wir verabschieden uns den beiden Herren und unserem Groupie, steigen ins vorgefahrene Uber-Taxi und holpern über die Straße, glücklich unserer Fangemeinde entronnen zu sein. Doch am Kino geht das Fotografieren weiter, wir scheinen die absoluten Stars in the Hood zu sein und lassen uns mit den beiden anderen Freiwilligen und indischen Kindern ablichten.

Dann strömen wir mit dreihundert anderen Leuten in den Kinosaal, „Jaya Yanaki Nayaka“ heißt unser Film und ist nur auf Telugu zu verstehen. Doch kein Problem, merken wir nach einiger Zeit, die Handlung ist leicht zu durchschauen, aber ungeheuer witzig! Dieser Bollywood-Blockbuster…

Creators Comment from the future:

(…) falsch, bei diesem Film handelte es sich um einen „T“ollywood“-Blockbuster“. Bollywood-Filme sind meist auf Hindi, der übergreifenden Landessprache. Jeder indischer Staat hat seine eigene Staatssprache, sodass manche Menschen meist nicht in der Lage sind Hindi zu verstehen, gerade die südlichen Bundesstaaten, weshalb jeder Staat meist seine eigene untergeordnete Filmindustrie unter Bollywood besitzt und folgendermaßen in der Staatssprache ihre Filme produziert. Hyderabad liegt im Staat Telangana, wo überwiegend Telugu gesprochen wird. Demensprechend wird das „B“ aus Bollywood mit einem „T“ für Telugu ausgetauscht. Tatsächlich gibt es auch „Kollywood“ für die Bewohner Tamil Nadus und „Molliwood“-Filme, für jene die Malayalam, eine der Sprachen, die in Kerala gesprochen werden, sprechen.

…ist so schlecht, dass er schon wieder gut ist. In ein bestimmtes Genre kann man ihn nicht stecken, da er uns manchmal an eine Komödie, dann an High-School-Musical, Rambo, Karate Kid, Twiilight, jede x-beliebe Liebesschnulze, der Pate und vieles mehr erinnert. Die Gefühle der Darsteller sind überdramatisch, die Effekte unglaublich fehl am Platz, aber dennoch fiebern wir den ganzen Film über mit. Genauso wie alle anderen im Saal. Die Inder scheinen Kinofilme zu lieben, kreischen bei jeder spannenden Szene wie verhaltensgestörte Teenager auf einem Justin Bieber Konzert, oder klatschen phrenetisch, wenn der Bösewicht von den Guten getreten wird. Es sei jedoch zu erwähnen, dass wir uns in einem Kino befinden, dass recht billig und schäbig ist und somit eher für die „untere Bevölkerung“ Hyderabads angedacht ist. In den großen Malls der Staat werden sie die gehobenen Zuschauer mehr zurückhalten.

Und nicht nur das, nein, die gesamte indische Familie ist dabei, vom quengelnden Kleinkind, bis zur gebeugten Großmutter. Dabei würde dieser Film zuhause von der FSK sicherlich erst ab 16 freigegeben werden, da doch einiges an Kunstblut fließt. Aber kein Problem für indische Kleinkinder! Die jubeln ebenfalls lautstark mit als der Oberbösewicht ordentlich vermöbelt wird.  Und natürlich dürfen in einem typischen Tollywood-Film nicht die Tänze vergessen werden, wo der ganze Saal euphorisch mitschwankt. Gutaussehende Männer mit Muskeln und schöne Frauen, die spärlich bekleidet sind, hüpfen über die Leinwand, fahren teure Autos und bewohnen Luxusvillen. Alles sieht perfekt und gestriegelt aus, nirgends ist Armut zu sehen. Da wird mir klar, warum viele Inder Kinofilme so lieben. Hier können sie abtauchen in ihre Traumwelt, wo es keine Probleme und Reichtum in Hülle und Fülle gibt. Da bringt man schon gerne all seine Kinder mit, auch wenn es schon elf Uhr am Abend ist. Ist doch egal, wenn im Film ein paar Leute verletzt werden, Hauptsache die Vorstellung eines schöneren Lebens, bringt die Leute fern in andere Welten- Dann treten sie wieder in die stinkende, faulige Welt hinein, wo sie jeder Zeit mit Existenzverlust bedroht sind und ihr Leben geht weiter.

Fest steht: Kino hat einen ganz anderen Wert als bei uns, wo Netflix und andere Streamingdienste langsam die Überhand gewinnen. Hier ist es ein Spektakel für die ganze Familie und für vier Freiwillige die total baff aus dem Gebäude treten.

„Nochmal“, denken wir uns. „ So etwas, wollen wir öfters erleben.“

 

 

Gegensätze…

„Wir sind alle gleich. Wir lachen, wir weinen, fühlen und lieben. Und Musik scheint das gemeinsame Bekenntnis zu sein, das uns alle zusammenbringt.“

– Willie Nelson-

 

Krasse Gegensätze und pure Ausgelassenheit und Freude prägen den Nachmittag und Abend des dritten Tages in Hyderabad, Indien. 

Alles beginnt damit, dass wir uns gegen Nachmittag ein Taxi über Uber bestellen. Wir wollen zu ein paar Mitfreiwilligen am anderen Ende der Stadt, um mit denen was zu unternehmen. Uber ist eine App, wo du deinen Standpunkt eingeben kannst und dir angezeigt wird, welche Taxifahrer, die diese App auch haben,  gerade in deiner Nähe sind. Diese kannst du dann zu dir schicken lassen und die fahren dich dann dahin, wo immer du auch hinwillst. Ursprünglich aus den USA kommend erfreut sich das indische „Uber“ einer zunehmenden Kundschaft, überwiegend aus der immer breiter werdenden Mittelschicht Indiens. Insgesamt ist der Preis für eine Fahrt wohl teurer als Bus- und Rikshafahren und doch überzeugt vor allem der Konfort und die Sicherheit, die man hat, wenn man in einem sicheren Auto sitzt, das einen definitiv zu dem Ort bringt, wo man auch hin will. Dem Riksha-Wallah muss man oft selbst, geschweige denn er spricht überhaupt Englisch, erklären, wie der Weg zum Ziel geht, was für uns, gerade in einer riesigen 6 Millionen Stadt, nahezu unmöglich ist.

Wir lassen uns also von einem Auto der Marke Tata abholen. Ich steige hinten ein, will mich anschnallen, aber da gibt es ein Problem. Der Gurt ist zwar vorhanden, der Anschnaller aber nicht. Wie wir noch oft verstellen werden, ist das nicht nur in diesem Auto so, sondern bei eigentlich allen Autos, die einen Fahrdienst anbieten. Warum auch auf Nummer sichergehen, wenn´s auch anders geht?!  Später, werden wir auch Fahrzeuge vorfinden, wo sämtliche Anschnallgeräte vorhanden sind, doch grundsätzlich schert sich niemand drum, ob du angeschnallt bist, oder nicht. Die meisten Fahrer tun es noch, aber lediglich um seriös zu wirken, gerade bei westlicher Kundschaft.

An uns zieht ein festlich geschmückter Menschenzug vorbei. Vorne sind Trommler, die ihre Schlägel rhythmisch auf die Trommel niedersausen lassen. Alles sieht fröhlich und vergnügt aus! Ist irgendein besonderes Fest der Hindus im Gange? Kann ich mitmachen? 

Dann jedoch sehe ich den feierlich geschmückten Leichnam, der von vier Männern auf einer Bahre getragen wird und muss schlucken. Ich sehe einen Begräbnis-Zug…

Das muss ich erst einmal sacken lassen, bevor ich daran denke, wie traurig es in Deutschland zu geht, wenn jemand von uns stirbt. Könnte ich zwischen dem Trauerzug daheim, oder dieser fröhlichen Gesellschaft entscheiden; nun…ich würde wollen, dass meine Leute mich frohen Mutes und mit einem Lächeln im Gesicht scheiden lassen…

Je weiter wir fahren, desto mehr fällt uns auf, wie sehr sich die Gegend um uns herum verändert. Es fahren weniger Rikschas, im einfachen indischen Sprachgebrauch auch  TukTuks genannt, auf den Straßen, die Gebäude werden größer, die kleinen Essensstände, sowie die rostigen Fakemarkenklamotten-Überdachungen weichen großen, blinkenden Einkaufspassagen, voll mit Läden wie „Calvin Klein“, „Levis“, oder „Zara“. Anstelle rostiger Tatas und Maruti Suzukis  treten teure BMW´s und Audis . Wir sind in der Reichengegend Hyderabads. Als wir aussteigen, nehmen wir keinen Gestank wahr, wie es bei uns der Fall ist. Kein Wunder; wir haben schließlich einen kleinen Müllberg in unseren Hintergarten und nicht weit von uns entfernt fließt eine stinkende Kloake, die den Namen „Fluss“ eigentlich nicht verdient hat. Immer, wenn wir nach Hause kommen, können wir es schon Meter davor riechen.

All das finden wir hier nicht wieder. Selbst die vielen Straßenhunde, die in unserem Viertel in jeder Straße meistens zu Hauf auftreten, sind hier nicht vorhanden.

Wir treffen auf zwei altbekannte Jungs vom Vorbereitungsseminar und stehen plötzlich vor einem großen, modernen Gebäude. Auf einem Schild, das auf dem Dach, des Hauses blinkt, steht „High-Life Brewing Company“.  Wir befinden uns vor einem, der vielen Reichenclubs, dieser Stadt, wohlbemerkt einer der Lieblinge der Mädchen, die bald aus Indien scheiden werden.

Hübsch herausgeputzte Inder stolzieren ein und aus und uns wird etwas komisch, sowie wir hier in Flip Flops und kurzer Hose stehen. Dieser Club ist definitiv in der Hand der Reichen und Schönen und stände er, so wie er ist, in Deutschland, dann würden wir wahrscheinlich draußen bleiben müssen. Nicht nur, wegen unserer Aufmachung, nein, sondern auch wegen des Preises, den wir daheim sicherlich nicht bezahlen könnten. 

Doch hier, werden wir von Security-Typen in schwarzer eleganter Kleidung einfach durchgewunken. Wir sind die Weißen. Wir müssen keinen Eintritt bezahlen. Wir können kommen, wie wir wollen, im Gegensatz zu den Einheimischen. Drinnen erwartet uns ein sehr europäisches Ambiente, ein DJ lässt Chartmusik von vor gut fünf Jahren durch die riesigen Boxen dröhnen, eine breite Theke preist viele alkoholische Getränke an, eine große Tanzfläche in der Mitte des großen Saals, weist darauf hin, was heute Nacht noch alles passieren kann. Nebenan stehen einige breite, massive Holztische mit bequemen Stühlen und Bänken und hinter verglasten Wänden befindet sich sogar eine hauseigene Bierbrauerei. Wir lassen uns an einem Tisch nieder und bestellen die Empfehlung des Hauses.

Es fällt uns sofort der europäische Preis vom Bier und den bereitgestellten Knabbereien auf, der so gar nicht typisch indisch ist, ist sonst doch vieles erheblich billiger.

Mein Blick schweift durch den Raum, ich sehe hauptsächlich junge Inder und Inderinnen und im Gegensatz zu heute Vormittag, sind diese hier nicht sittsam in Gewänder gehüllt, nein, die Mädchen haben Schminke im Gesicht, tragen Mini-Röcke und wahlweise schulterfreie Top´s, umarmen ihre Kumpels und trinken selbstgebrautes Weizenbier. Das bringt mich total aus der Fassung. Dieses Bild von Indien kenne ich noch nicht, so völlig losgelöst von Traditionen und Sitten. 

Als wir gerade dabei sind unser Bier auszuschlürfen, kommen Ann-Kristin und Mira, im Schlepptau mit einer Horde indischer Jungs, ungefähr so alt wie wir, an unseren Tisch und fragen, ob wir tanzen wollen. Das lassen wir uns nicht zwei Mal sagen und steigen mit den Indern zusammen auf die Tanzfläche. Wie losgelöst, fangen die Jungs an zu tanzen und animieren uns mit einzusteigen. Das tun wir und wenig später legen wir fetzige Moves, im Takt der Technomusik auf´s Parkett und freuen uns des Lebens. So langsam füllt sich der Club und von allen Seiten werden wir von Leuten angequatscht. Alle sprechen Englisch, doch das nützt nichts, denn die Musik übertönt alles, sodass wir uns tatsächlich über den Tanz und unser gegenseitiges Lächeln verständigen. Mit der Zeit lösen wir uns von den Freunden Mira´s und Ann-Kristin´s. Doch egal. Im Nu haben wir neue Freunde gefunden (wie sich am Ende des Abends noch herausstellen wird, sind die meisten unserer Kumpels bei den „special forces“) und lassen uns gemeinsam mit ihnen fotografieren. Wir sehen einen Typen mit Afro, schicken Hemd, Piercing und Sonnebrille ohne Gläsern und ich komme nicht umhin zu denken, das er in hippen Berlin unter Hipstern sicherlich gut aufgehoben wäre. 

Wir tanzen, trinken und schwitzen zusammen mit den Indern, einige davon steigern sich in richtige Ekstase, was wunderschön anzusehen ist, wo sie draußen doch so gebunden zu sein scheinen. Obwohl…diese hier kommen vermutlich aus den oberen Kasten und sind dementsprechend nicht mehr so an die Sitten und Zwänge ihrer Eltern gebunden.

 

Als ich mal für kurze Zeit auf Toilette verschwinde, sehe ich einige Bedienstete, die deutlich weniger Freude haben, geduckter laufen, als wollten sie verschwinden. Als ich mir meine Hände wasche und mir Papier zum Trocknen nehmen will, reißt einer dieser Typen extra für mich zwei Stücke ab und gibt sie mir. Das wäre wirklich nicht nötig gewesen, aber wahrscheinlich ist genau das sein Job. Den Feiernden Papier zu reichen. Wirklich viel Zeit zum Nachdenken habe ich nicht, denn schon höre ich wieder die Bässe dröhnen ( am nächsten Tag werde ich kaum noch hören können) und stürze mich ins Getümmel. Bei der ganzen Tanzerzei scheine ich dabei wohl mein Handy verloren zu haben, denn wenig später tippt mich einer der Bediensteten an und überreicht es mir mit schüchternem Blick. Ich bedanke mich, doch ein „Danke“ hat hier eigentlich keine Bedeutung. Man nimmt es einfach für selbstverständlich hin, wenn jemand für einen etwas Gutes tut. Karma. Irgendwann wird einem auch Gutes widerfahren.  Für mich ist es keineswegs selbstverständlich, dass der Typ mir mein Handy einfach so wiedergibt, aber etwas dran ändern kann ich nicht, seine Tat wertzuschätzen

Irgendwann gesellen sich auch indische Mädchen zu uns und eins muss man diesen lassen. Sie sind wirklich echt hübsch. 

Das weiß auch der Anführer von den „special forces“ und versucht zwischen mir und einem Mädchen eine Verbindung aufzubauen. Echt nett von ihm, finde ich, auch wenn er wahrscheinlich deutlich mehr Interesse an ihr hat, als ich. Doch kurz darauf spricht, nein…brüllt sie mir ins Ohr, doch das bringt auch nichts. Die Musik ist ohrenbetäubend laut. Doch allein die Tatsache, dass sie zu mir gekommen ist und nicht ich zu ihr, erstaunt mich total, habe ich unter anderem auch das Bild einer schüchternen indischen Frau im Kopf, die auf die Befehle ihres Mannes hört. Vielleicht mag das an manchen Stellen so sein, doch hier nicht. Alles ist unterschiedlich. Menschen sind anders. Indien, – Land der Gegensätze. 

Zusammen mit dem Mädchen und unseren Freunden tanzen wir also bis Mitternacht. In Deutschland wäre gerade das die Zeit, wo es sich frühestens überhaupt lohnt in einen Club zu gehen, um dort bis in den frühen Morgen zu bleiben. In Hyderabad endet, pünktlich um zwölf, jede Party. Dann kommt meistens die Polizei und treibt alle nach draußen.

 

Plötzlich geht einfach die Musik und das Partylicht aus und wir werden gebeten nach draußen zu gehen. Das wars für heute. Das Mädchen und der selbsternannte Anführer der „special-forces-Gang“ laden uns zu einer Aftershowparty ein, ich würde, so naiv und begeistert ich auch bin,  total gern mit, aber die anderen sind von der Idee nicht überzeugt. Zurecht. Am dritten Tag  in Indien gleich mit Leuten mitzugehen und das ohne Internet und Geld ist doch etwas hart. Also quatschen wir noch ein wenig mit den Leuten und ein Mädchen kann sogar etwas Deutsch sprechen, da sie zwei Jahre lang einen Kurs belegt hat. Wir sind wirklich unter den Reichen. Mit guter Stimmung und der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen treten wir den Rückzug an, buchen einen Uber-Fahrer und brausen durch die Nacht davon. 

Mit Musik, kann man viele Leute vereinen, egal wie viele Kontinente zwischen ihnen liegen. Es ist spannend zu sehen, dass eben diese Leute, die am komplett anderen Ende der Welt leben, trotzdem die gleiche Musik hören, wie man selbst. Das haben wir heute gelernt. Doch…ein mieser Beigeschmack bleibt. Als weißer Mittelstands-Europäer hast du in Hyderabad und vielleicht auch im gesamten Indien, mehr Möglichkeiten, mehr Türen, die dir offenstehen, als so manchen Eingeborenen. Und das….muss man schätzen lernen….

Chaos

Die Sonne brennt, die Ventilatoren brummen, die Autos hupen; guten Morgen Hyderabad und raus aus den Federn!“ weckt uns Skrollan, bereits frisch geduscht und strahlend, währenddessen Merlin und ich noch schlaftrunken auf unseren dünnen Matratzen dösen. Es ist halb zehn indischer Zeit, drei Stunden später als in Deutschland. Die Nacht hat uns Jungs übel mitgenommen. Wir haben uns gegen elf schlafen gelegt, unser Biorhythmus hatte aber anderes im Sinn, da unser deutsches Gehirn nach wie vor nach mitteleuropäischer Zeit tickt. So wälzten wir uns gut drei Stunden hin und her, bis wir endlich einschliefen. Skrollan hingehen, kam zwischendurch einfach ins Zimmer, legte sich hin und weg war sie, die Gute. Ein wahres Überlebenstalent!
Der dritte Tag in Indien bricht an, am zweiten war nicht viel los, da wir lediglich Passbilder machen lassen haben. Dort habe ich mich das erste Mal wirklich anders gefühlt. Als mir der Fotograf mein Foto zeigte, lächelte mich ein weißer, fast bleicher Junge mit einem leichten Schweißfilm im Gesicht, an und irgendwie war das komisch. Klar, ich sah schon immer so aus, aber hier bemerkte ich das erste Mal meine Andersartigkeit.

 

Creators Comment from the future

Hier fiel ich durch meine Hautfarbe auf. Persönlich waren mir Hautfarben immer egal gewesen, doch hier, wo ich selbst der Minderheit angehörte, rückte eben jener Alltagsrassismus der etwas dunkleren Menschen, die plötzlich auf helle Hauttypen stießen und sich darüber wunderten, wie jene weißen Menschen hierher kamen, in den Vordergrund. 

Die Einheimischen schauten uns, wenn sie auf ihren Motorrädern an uns vorbei brausten,  sehr schockiert an und ich konnte es nicht anders beschreiben, aber teilweise waren ihre Blicke düster.  Einen kleinen Lichtblick gaben uns jedoch an jenem zweiten Tag in Indien vier Schulmädchen in einer Riksha, die uns auf dem Rückweg vom Fotografen kichernd begrüßten. Als ich zurück grüßte bekamen sie sich gar nicht mehr ein vor Lachen und Erstaunen, so nach dem Motto: „Oh mein Gott, es kann reden!“ 

 

Der Plan des dritten Tages sieht vor, dass wir zu einem Markt in der Stadt fahren, um dort Stoffe zu kaufen. Am Abend wollen wir auf alte Bekannte aus dem Vorbereitungsseminar treffen und mit ihnen feiern gehen. Unter „feiern gehen“ kann ich mir bisher noch kein klares Bild schaffen, da mir das gerade hier absolut absurd vorkommt. 

Um auf den Markt zu gehen, brauchen wir Geld. Wir haben kein Geld, also machen wir uns auf zum nächstbesten Automaten und heben 15.000 Rupien ab. Mit dreißig 50er Scheinen verlassen wir die Bank und fühlen uns ordentlich reich! Dabei haben wir eigentlich nur 200 Euro abgehoben.

Die indische Rupie steht zum Euro im Verhältnis 75: 1. 

Kurz ein Update, wie es um meine verlorene Kreditkarte bestellt ist. Sie muss wohl immer noch in Mumbai ihr Dasein fristen. Meine Eltern haben dem Flughafen eine Mail geschickt, in der sie fragen, ob das Personal eine kleine Tasche gefunden hat. Mumbai antwortet strikt mit „nein“, was ich jedoch nicht glaube. 

Bisher sind wir also so verblieben, dass ich das Geld, was auf mein Konto geht, an Merlin überweise und er es für mich abhebt. Im Oktober kommt die Vierte im Bunde, Antonia, zu uns und ich werde sie bald fragen, ob sie mir meine neu beantragte Kreditkarte von zu Hause aus mitbringt. Bis dahin, bin ich wohl oder übel abhängig von den anderen, was mir ehrlich gesagt nicht gut gefällt, aber da muss ich durch.

 

 

Der „General Market“ ist eine Stunde von uns entfernt und wir entschließen uns das erste Mal Bus zu fahren. Für uns scheint diese Fahrt das eigentliche Highlight des Ausflugs zu sein, so erwarten wir doch wilde Überholmanöver und wahre Hupkonzerte. 

Doch erst einmal heißt es an der Bushaltestelle warten. Es gibt keinen Busfahrplan, die Leute warten einfach auf das nächste rostige Vehikel, das sie zu ihrem Zielort bringt. In der Mittagszeit auf Busse zu warten ist übrigens ganz schlecht. Da machen die Busfahrer nämlich gerade Mittagspause, aber ein Glück sind wir vormittags da und stehen nur fünf Minuten bis unser Bus kommt. Die Männer sitzen hinten, die Frauen vorne. Merlin und ich quetschen uns also auf die hintere Rückbank, wo wir zeitnah von einem buseigenen Kontrolleur nach einem Ticket gefragt werden. Wir verweisen auf die Mädels vorne, die unser ganzes Geld haben.

Eigentlich gar keine so schlechte Idee für jeden Bus einen Kontrolleur zu haben. Das senkt die Schwarzfahrer-Quote definitiv auf drastische Weise gegen Null. 

In Deutschland undenkbar, aber in Indien Realität. Immerhin hat man mit knapp 1,4 Milliarden Menschen auch genügend Leute, um ihnen entsprechende Jobs zuzuteilen.

Wir fahren los, hüpfen über Schlaglöcher hinweg und schweben tatsächlich für einige Zeit in der Luft, bevor wir wieder unsanft in unseren Sitz gedrückt werden. Der Bus hupt laut und lange, als sei er ein riesiger Orientexpress, der gerade in einen Bahnhof voller Menschen einfährt. Nur doof, dass er eben keiner ist und bestimmt nur seinen Kollegen im Bus nebenan grüßen will.

Wir sehen eine Horde Hängebauchschweine, die sich gegen einen Haufen Straßenhunde formiert, um die Vorherrschaft ihres kleinen beschaulichen Müllberges zu sichern.

Nach knapp einer Stunde steigen wir aus und nun sind wir wirklich mitten in der Stadt, es hupt, es schreit, es stinkt, es riecht, es tröpfelt.

Wir sehen die unterschiedlichsten Menschen, Frauen in bunten Saris, oder russisch ähnelnden Kopfbedeckungen und auch Frauen, von denen wir nur ihre Augen sehen können, da die Burka, die sie tragen, alles verdeckt. Teilweise sehen diese Frauen, die teilweise auch auf Motorrädern fahren, aus, wie Ninjas auf dem Weg zur Arbeit. Sie sind jedoch offensichtlich nur einfache Frauen, hinduistischem, oder muslimischen Glaubens. Der Hinduismus ist offen für alles und erlaubt somit meist, dass andere Religionen friedlich miteinander zusammenleben können.

Und jetzt mal ganz kurz ein politisches Statement, dass an die Politiker daheim rausgeht, die ein Burkaverbot in Deutschland fordern: Bisher habe ich in drei Tagen in Indien mehr Frauen in Burkas gesehen als in meinen ganzen achtzehn Jahren in Deutschland. Also liebe AFD, die in Berlin mit Wahlplakaten mit dem Slogan „Burkas? Nein! Wir stehen auf Bikinis“ versucht Wahlstimmen zu haschen: Das ist von meiner Warte her mehr als peinlich, so einen großen Wirbel zu veranstalten! 

Unterwegs entdeckt uns ein Rikschafahrer und ist total hin und weg von uns! Er stellt sich mit seinem Gefährt vor uns, sodass er den gesamten Verkehr auf der Spur lahm legt, (wir laufen nämlich auch auf der Straße) nur um uns zu grüßen. Aber alles kein Problem! Shanti, Shanti!

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Shanti kommt aus dem Sanskrit und bedeutet so viel wie „innerer Frieden“, oder „innerliche Stille“ und kommt oft im Yoga als Singsang vor. Hier wird sowohl am Anfang, als auch am Ende der Yogastunde dreimal Shanti gesungen: Frieden für Körper, Geist und Seele. Frieden für den Mitmenschen, Frieden für die ganze Welt.  Wir Freiwilligen benutzten „Shanti“ oftmals als Wort für Entspannung, oder dann, wenn man sich nicht so aufregen sollte.

Es gibt schließlich noch eine andere Spur, wo sich Motorräder, Rikschas und normale, ramponierte Wagen drängeln können. Wir grüßen zurück und er freut sich wie ein kleiner Junge am Weihnachtsabend und brettert davon.

Woher die begeisterte Freude über weiße Menschen stammt, das kann ich mir bis heute nicht wirklich beantworten. Mag sein, dass durch die Kolonialisierung der Briten immer noch das Bild in Indien vorherrscht, dass Weiße mächtig, schlau und absolute Übermenschen sind und deshalb alle Inder darauf abfahren mit ihnen Fotos zu machen. Hyderabad ist zudem kaum touristisch geprägt. Es ist eine Arbeiterstadt wo sich selten Touristen aus den Westen verirren. So mag gerade dieser Punkt entscheidend für die Frage sein, warum uns so eine große Verwunderung und Begeisterung entgegenschlägt: Weil wir für viele etwas wirklich Exotisches und Neues sind.

Der Markt befindet sich versteckt in vielen kleinen Gassen, doch das heißt noch lange nicht, dass das Hupen aufhört. So schmal die Gassen auch sind (wenn man etwas Fantasie hat, sehen diese etwas aus wie eine kleinere Versionen der Winkelgasse aus Harry Potter), es gibt immer noch Motorräder, die hupend die Leute dazu zwingen in den Eingang der Geschäfte zurückzuweichen.

Hier stoßen wir das erste Mal auf Bettler. Wir werden von alten gebrechlichen Großmütterchen angebettelt, Mira und Ann-Kristin, die beiden Vorfreiwilligen, ignorieren sie. Also versuchen wir Frischlinge dies auch. Etwas mies, kommt ich mir dabei schon vor, diese alten Frauen nicht mal eines Blickes zu würdigen. Doch die Inder in den Geschäften tun dies auch und scheuchen die Bettler von uns weg.

Ein Mann kommt begeistert auf uns zu. 

„Hey strangers! Where are you from?“ 

„Germany! 

„Oh, good, good! I was in Germany, too! Berlin, Hamburg, Frankfurt! Very, very nice country!”

Nach einem kurzen Gespräch wünscht er uns einen schönen Tag und zieht von dannen, nur um einen anderen komischen Kauz zu weichen, der uns alle fünf mit Handschlag begrüßt, die Mädels, die gerade am Flip Flops kaufen sind halb aus dem Laden zieht, aber die englische Sprache eher weniger beherrscht und uns breit lächelnd, sodass wir seine, vom Betelnuss-Kautabak rot gefärbten Zähne sehen können, beispielsweise eine gute Nacht wünscht . 

„Take care! Take care! Okee?“ sagt er zum Abschluss und verschwindet im Gewimmel. Wir beobachten zwei Männer, die einen Karren voller schwerer Behälter in einem Laden räumen. Mit dabei, der junge Sohn, vielleicht gerade mal dreizehn, der schon voll mit anpackt. Uns wird bewusst, dass dieser Junge wahrscheinlich nie etwas Anderes machen wird, als diesen Karren zu ziehen und die Behälter in den Laden zu räumen, sobald er nicht durch intrigante Spielchen in eine höhere Kaste aufsteigt. Etwas bedrückt, machen wir uns weiter zum Stoffladen, wo uns eine Vielzahl an Stoffen erwartet. Wir verbringen eine ganze Stunde in diesem Geschäft, was tatsächlich auch nötig ist, da es so viele bunte Stoffe gibt, dass man sich nicht entscheiden kann, was man nehmen will. Merlin und Skrollan haben schon eine genaue Peilung, welcher Stoff für welches Kleidungsstück verwendet werden soll. Ich habe absolut keinen blassen Schimmer, packe einfach vier verschiedene Stoffe aus einem Haufen, lasse dem Verkäufer 1500 Rupien (umgerechnet 20 Euro) da und trete leicht überfordert ins Freie.

Hier zeigt sich schon mein aufkeimendes Talent dafür, alles anzunehmen, was mir angeboten wird. In den kommenden Monaten sollte ich jene Überforderung noch oft bei mir erleben und jedes Mal würde ich mich dafür schämen, nicht nein gesagt zu haben.

 

Wir machen uns auf den Rückweg, zurück durch das Getümmel an Fahrzeugen und Menschen. „Chaos“ ist wohl das Wort, was alles in Hyderabad am besten beschreibt. Doch trotz dessen funktioniert dieses Chaos, alles rollt, alles geht seiner Wege, keiner wird verletzt und das finde ich zutiefst beeindruckend. Momentan kann ich mir gar nicht vorstellen nach Deutschland zurückzukehren, wo alles so geordnet, so perfekt, so….normal ist. Hyderabad ist verrückt und ich will es auch werden….

Indien, wie es leibt und lebt

Man erwartet genau das, von dem immer schon Geschichten erzählt wurden. Man hat seine eigenen Vorstellungen von dieser neuen Realität, die auf dich einwirken wird. Doch am Ende ist man von fast genau derselben Vorstellung, total überwältigt und kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus. Mit offenen Mündern und total baff, stelle ich mir jetzt die drei Personen vor, die nach der Landung in Hyderabad ins Freie treten, das erste Mal indische Luft schnuppernd.

Doch, anfangs scheint alles halbwegs seinen gewohnten Gang zu gehen, wir laufen, zusammen mit den beiden Mädels, die wir nun bald ablösen sollen, durch die Pforten des Flughafens und…..die erwartete drückend heiße, tropische Luft, die sich wie eine Decke um uns herum ausbreitet….bleibt aus. Es ist angenehm warm, gar kühl, was uns drei doch etwas erstaunt. Zusammen warten wir auf ein Taxi, das uns nach Hause bringen soll. Doch anscheinend hat um fünf Uhr nachts kein Taxifahrer Lust fünf gestrandete Deutsche abzuholen. So warten wir gut eine Stunde, währenddessen, der Himmel nach und nach aufklart und den Morgen einläutet. Was uns jedoch schon bekannt vorkommt, sind die überaus stagnierenden Hupkonzerte, die aus der Stadt zu uns herübertönen. Ein Inder scheint einzig und allein das Hupen drauf haben zu müssen, um gut Autofahren zu können. Schließlich scheint es auch egal zu sein mit wie vielen Kratzern und Beulen du fährst und das Auto so aussieht, als würde es gleich auseinanderfallen.

Nach besagter Stunde kommt schließlich unser Taxifahrer, wir laden unser Gepäck ein und ich habe das Privileg vorne zu sitzen. Links, versteht sich, da in Indien Linksverkehr herrscht.

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„Noch Monate später nach meinem Dienstabschluss und dem Ausreisen aus Indien, sollte ich mich stets wundern, warum denn das Steuer auf der Seite war, wo ich, als Beifahrer, einstiegen wollte. Das ist immer noch sehr frustrierend.“

 

Die ersten zehn Minuten der Fahrt kommt es mir so vor, als führen bloß eine südeuropäische Straße entlang, wo ab und zu ein paar Palmen wachsen. In der Tat, wirkt dies etwas schwach auf mich, habe ich doch anderes erwartet. Dieses Andere kommt jedoch schneller als gedacht, als uns ein hupendes Motorrad mit drei Männern drauf, jeweils ohne Helm und Schutzkleidung, überholt.

Dann kann sich unser Freund der Taxifahrer auch nicht mehr zurückhalten und brettert mit 100 Sachen durch die sechziger Zone. Auch die südeuropäische Straße mit einigen Palmen verwandelt sich aus dem Nichts heraus in das Indien wie es leibt und lebt. Wir sehen Kühe, die komplett gelassen und entspannt auf den vermüllten Straßenrändern entlang schlendern. Wir sehen eine ganze Familie auf einem Motorrad an uns vorbeiziehen, einen Karren voller Ziegen und überall Menschen, die liegend auf dem Absatz ihrer Geschäfte zu schlafen scheinen. Unser Taxifahrer wagt tapfere Überholmanöver, streift beinahe eine Rikscha und wird dann selbst wieder gekonnt von wem anders überholt.

 

Rikshas sind gelbe dreirädrige Dieselmotorgefährte, die überwiegend als Taxi fungieren und nebenbei sogar recht billig sind. Mit den Fahrern kann man tatsächlich noch über den Preis verhandeln, da die meisten Taxometer im Endeffekt nichts anderes sind als Deko. Die Fahrer haben meist ihre eigenen Vorstellungen, wie viel sie vom Kunden wollen. Der Preis über eine bestimmte Kilometeranzahl deckt sich aber bei den meisten, sodass wir in der nächsten Zeit eine gute Vorstellung darüber bekommen würden, was man für eine halbstündige Fahrt bezahlen sollte und was nicht. Die Riksha-Wallahs sind unterschiedlich hart in ihrer Art Preise zu verhandeln. Manche lassen sich kaum um 10 Rupien erweichen, mache gehen jedoch, um einfach endlich einen Kunden zu bekommen, auf die eigene Forderung ein und verzichten tatsächlich auf gut die Hälfte ihres Vorschlags.

 

Einige Male bleibt mir, als sonst entspannter Beifahrer, bei diesem Verkehr in der Tat der Atmen weg.

Und hey, warum sich auch zwischen zwei Fahrspuren entscheiden, wenn man durchgehend in der Mitte fahren kann?! Bisher ist es ziemlich kühl, doch als wir bei unserem zukünftigen Zuhause halten, fällt auf, dass die Klimaanlage, die ganze Zeit an gewesen sein musste, denn draußen herrscht nun wirklich sehr dicke Luft. Wir sind in eine kleine sandige Nebenstraße eingebogen, auf dem sich sehr viele Straßenhunde tummeln. Wir drei haben bereits auf dem Vorbereitungsseminar beschlossen einen Projekthund zu beschaffen und was wir jetzt so alles angeboten bekommen gefällt uns. Doch, wahrscheinlich leben diese Hunde sowieso gerne mitten im Getümmel, als fein in einem Haus auf seinen Besitzer zu warten.

Unser Haus ist niedlich und beschaulich, es gibt einen kleinen Balkon mit einen schönen Vorgarten mit einem großen knorrigen Baum davor. Dessen Blätter, so wird später erwähnt, dienen dem Office für homöopathische Malaria-Tabletten, die wir zusätzlich in die Bergdörfer, unsere Einsatzgebiete mitnehmen können. Zu dritt werden wir uns vorerst ein Zimmer teilen, ein Toilettenraum ist vorhanden, Klopapier eher weniger. Dafür gibt es eine „Arschdusche“, wie wir sie später nennen werden würden. Auch eine Dusche können wir im Nebenraum ausmachen. Wir lernen einige Frauen von Dhaatri kennen und was mir sofort auffällt: Sie wirken auf mich stark und selbstständig. Sie sind waschechte Inderinnen, von ihrer Sicherheit jedoch, wirken sie wie Europäerinnen. Kein Wunder, dass sie als solche Personen in einer Frauenrechtsorganisation arbeiten. Das Klischee der untergeordneten Frau kann ich hier nicht wiederfinden. Es gibt ein kurzes Frühstück, Chapati ( dünnes Fladenbrot) mit leckeren Aufstrichen und dazu einen sehr sehr leckeren Chai, selbst gekocht, versteht sich. Eine aufgeweckte junge Frau, namens Raji bringt ihn uns. Sie wird in Zukunft für uns kochen und wie wir schnell, in Laufe der Tage herausfinden werden, mag sie es gar nicht, wenn wir ihr Hilfe anbieten. Das Essen ist ihre Sache.

Die Mahlzeiten, die wir bisher zu uns genommen haben, sind übrigens ausgesprochen lecker. Momentan verzichtet Raji darauf zu scharf zu kochen. Gute Entscheidung!

Den Tag verbringen wir wahlweise mit dösen und Mitarbeiter kennenlernen. Unsere Chefin, namens Bhanu gibt uns eine kleine Einführung in die Aufgabengebiete ihrer Organisation. Leider sind wir während der Vorstellung im kompletten Delirium, die lange Reise zerrt an uns, das dahin-genuschelte indische Englisch ist schwer verständlich und generell, will ich einfach nur auf meine Matratze fallen und schlafen.

Etwas später stehlen wir uns außer Haus und wagen uns ins Schlachtfeld der Vehikel. Wir wollen auf die andere Straßenseite, doch das scheint nahezu unmöglich. Es kommt eigentlich immer irgendetwas, was im Stande ist zu Hupen. Nach fünf Minuten kommen wir gesund und munter drüben an und sind schon ein wenig stolz auf uns.

 

 

Am Abend werden wir von den Mädels, die schon ein ganzes Jahr hier sind, in einem nahen anliegenden Reichen-Viertel geführt. Wie uns erklärt wird, lebt hier unsere Chefin und zudem sei es hier möglich frühmorgens einen Yoga-Kurs zu besuchen. Hier hupt nichts und es wirkt beinahe so als entstammen diese rosa bestrichenen Häuser einer südeuropäischen Siedlung. Wir besteigen ein Haus bis zum Dach, wo uns ein großartiger Ausblick auf die umliegende Stadt geboten wird. Hier lässt es sich in der Tat gut zurückziehen, falls das mal nötig werden sollte. Die Sonne geht über den Dächern Hyderabads unter und so grau, vermüllt und laut, diese Stadt bisher zu sein vermag…auf irgendeine Art und Weise wirkt sie schön, trotz des Schmutzes und dem Geruch von verbranntem Müll, der schwer in der Luft liegt.

Hier lässt es sich leben, auch wenn ich nicht für immer hier sein würde wollen. Im Laufe des Jahres würde sich diese Einstellung jedoch ändern…..

Fliegen…

Gute Laune und sehr viel Vorfreude. Das sind die Gefühle mit denen ich aufwache. Der Tag, der mich ans andere Ende des Erdballs bringen wird, um mir eine neue Welt zu zeigen, bricht strahlend über mich herein. Ich verabschiede mich würdevoll von meinen Hunden, die den Ernst der Lage bisher noch nicht so verstanden haben, steige ins Auto und will einfach nur noch zum Flughafen, durch die Sicherheitsüberprüfung hinein in den Flieger. Viele meiner Liebsten sind mit zum Flughafen gekommen und umarmen mich ein letztes Mal, bevor ich die Meisten erst in einem Jahr wiedersehen werde. Meine Mutter hat Tränen in den Augen. Meine Großmutter auch. Sicher würden sie sich gerne länger von mir verabschieden, aber ich kann sie nicht weinen sehen.  Ich mache mich auf, passiere die Sicherheitskontrolle und stehe nun am Gate. Ich habe noch viel Zeit, also gehe ich zum Duty Free Shop und probiere ganz viele verschiedene Perfums aus. Meine Flugnachbarn werden sich freuen. Vielleicht brauche ich auch einfach eine ganz stupide Ablenkung von der Verabschiedung gerade eben.

Bereits im gestarteten Flugzeug, sehe ich Berlin unter mir verschwinden. Ich winke dem immer kleiner werdenden Fernsehturm ein letztes Mal zu, bevor auch er, wie der Rest der Stadt hinter den Wolken verschwindet.

In Frankfurt gelandet treffe ich auf Merlin, meinen zukünftigen Mitfreiwilligen und zusammen machen wir uns auf, durch Sicherheitskontrollen und Check-In´s. Was dabei auffällt: Merlin ist um einiges schneller als ich beim Ablegen seiner Wertsachen und kommt mit seinem Boardingpass in Nullkommanichts durch die prüfenden Augen der Beamten, wohingegen ich zwei PC´s, sowie meine Ukulele, als auch den Gürtel mit der Bauchtasche, mit wichtigen Unterlagen, wie Reisepass und Visa-Karte, einzeln auf das Band schicken muss, um das dann alles wieder zu verstauen.

Das soll mir später noch zum Verhängnis werden!
Doch vorerst läuft alles wie geschmiert, wir steigen ins Flugzeug Richtung Mumbai, dass in einer Reihe ganze acht Plätze hat. Ich habe die Ehre am Fenster zu sitzen.

Stunden vergehen und mit dem Erreichen der anderen Erdhalbkugel wird es schlagartig immer dunkler, bis es schließlich Nacht ist. Nach einem Film, des Lufthansa-Flugangebots und einigen Schlafversuchen, erscheinen Lichter tief unten und vereinigen sich zu mehreren. Mumbai liegt unter uns.

Es fängt damit an, als wir aussteigen und merken, dass alles etwas anders ist. Überall sind Inder, der Boden ist mit bunten Teppich ausgelegt und die Luft ist auch etwas anders.

Wir gehen an Leuten vorbei, die Schilder in die Höhe halten. Bei einem steht sogar „Hyderabad“ drauf, Merlin will dem Mann mit dem Schild schon folgen, ich halte ihn aber zurück. Ich habe in letzter Zeit sehr viel über Schlepper in Indien gelesen, die noch mehr Geld aus den Touristen ziehen wollen und dieser scheint mir so einer zu sein. Wir lassen ihn hinter uns und müssen feststellen, dass wir wahrscheinlich unseren Anschlussflug nach Hyderabad nicht bekommen werden, so erstreckt sich vor den Check-In-Schaltern einer große Warteschlange. WLAN bekommen wir auch nicht, können im Notfall also nicht mal irgendwem Bescheid sagen! Große Klasse! Als wir endlich durch sind, sind wir leicht gestresst, erwartet uns nun noch die lange Warterei bei den Gepäckabnahmeschaltern. Nach fünfzehn Minuten ist immer noch nichts da und wir werden verdammt nervös. Wir entschließen uns jemanden zu fragen und suchen nach Leuten. Finden tun wir nichts. Stattdessen werden wir gefunden. Von dem Mann, der vorhin das „Hyderabad-Schild“ hochgehalten hat. Er hat unsere beiden Koffer bereits auf einen Wagen geschmissen und rät uns jetzt möglichst schnell zum Flugzeug zu kommen. So kann man sich in Menschen täuschen.

NIE WIEDER DRUCKE ICH MIR EIN BOARDING-PASSS IM INTERNET AUS! In Deutschland mögen die ja noch ganz okay gewesen sein, aber Indien, oder zumindest die Beamten aus Mumbai scheinen damit ein großes Problem zu haben. Normale Boarding-Pässe nehmen die liebend gern ab, aber wehe man hat etwas, was von der Norm abweicht! Dann grübelt der Inder erst einmal eine Weile. So ist es uns hautnah widerfahren!

Wir rennen also den Flughafen entlang, rufen dabei „Hyderabad? Hyderabad!? Hyderabad !?!?“ und lassen uns so vom Personal, das wohl überall stehen zu scheint, in die richtige Richtung leiten! Immer wieder gibt es Zwischenstopps zur Boardingpass-Kontrolle. Merlin kommt mir seinen gemeinen Boardingpass super durch. Ich jedoch….

„ Thats no Boardingpass!“

„ No, that is a Boardingpass. It´s just different.”

“That’s no Boardingpass, do you have a Boardingpass?

“ This it is!”

“Your Boardingpass?”

“Yeah!”

“Okay, wait two Minutes.”

Beim ersten Mal war´s noch okay, dann wurde es aber zur Tortur, jedes Mal die Leute darüber aufzuklären, dass man einen Boardingpass hat, nur eben einen anderen. Als dann nochmals eine Sicherheitskontrolle durchgeführt wurde, ich erneut mein ganzes Zeugs aus dem Rucksack kramen musste und dann noch ein Kontrolleur in Seelenruhe meinen Rucksack aus dem Verkehr zog, weil er bei einer Sache nicht wusste, was dahintersteckte, wurde die Zeit echt knapp. Als ich ihm mein in einer Socke verpacktes Kameraobjektiv gezeigt und er mir gaaaanz langsam meinen Rucksack wiedergegeben hatte, rannten wir mit allen möglichen Dingen auf dem Arm dem Boarding entgegen und schafften es sogar noch in den Flieger zu kommen. Entkräftet und schweißgebadet klatschen wir uns ab.

Als wir über Hyderabad schweben, erwartet uns ein wahres Lichtermeer bis zum Horizont. Die Stadt lebt, stellen wir fest. Und das auch mitten in der Nacht.

Der Abschluss dieser Reise hätte so schön sein können, doch stattdessen wird mir auf einmal beim Aussteigen aus dem Flugzeug bewusst, dass meine Gürteltasche, mit der Visa und –Girokarte und dem Personalausweis nicht mehr da ist. Ich suche wie wild in meinem Handgepäck, doch da ist nichts! Die einzig logische Erklärung ist, dass ich den Gürtel beim wilden Galopp in Mumbai Richtung Boarding verloren habe! Das macht die Sache auch nicht besser….

Was wäre passiert, hätten wir in Mumbai gleich auf den Mann mit dem „Hyderabad-Schild“ gehört? Bestimmt, hätte man sich etliche Strapazen erspart. Ein gesundes Misstrauen ist nicht verkehrt, aber man sollte sich wohl nicht zu verrückt machen…

Draußen treffen wir auf Skrollan und die beiden Mädels, unsere Vorgänger bei Dhaatri, die im Begriff sind uns in unser neues Heim zu bringen, doch die Fahrt, unsere Erlebnisse, die ersten Eindrücke, in einem anderen Eintrag erwähnt…